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BLKÖ:Reinhold, Karl Leonhard

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 25 (1873), ab Seite: 222. (Quelle)
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Reinhold, Karl Leonhard (philosophischer Schriftsteller, geb. zu Wien am 26. October 1758, gest. zu Kiel am 10. April 1823). Ein Sohn des Arsenal-Inspectors Reinhold, der als Subaltern-Officier im Heere der Kaiserin Maria Theresia gedient, im österreichischen Erbfolgekriege invalid geworden und in der vorgenannten Stellung mit sieben Kindern ein bescheidenes Dasein fristete. Der alte Reinhold, ein biederer, lebenslustiger Mann, war eifrig bestrebt, seinen Kindern eine gute Erziehung und geistige Ausbildung zu geben, und ließ den ältesten seiner Söhne, Karl, in Wien das Gymnasium besuchen, an welchem Jesuiten als Lehrer thätig waren. Diese erkannten bald die ausgezeichneten Fähigkeiten des Knaben, der, lernbegierig und von trefflicher Fassungskraft, sich ihres hohen Beifalls zu erfreuen hatte. Dankbaren Herzens hing Karl Reinhold an seinen Lehrern, und diesen gelang es leicht, ihm Neigung für den geistlichen Stand einzuflößen und denselben für ihren Orden zu gewinnen. Im vierzehnten Jahre wurde der musterhafte Knabe, mit den rühmlichsten Zeugnissen ausgestattet, aus der obersten Classe des Gymnasiums entlassen und bald darauf als Novize in das Probehaus des Jesuiten-Collegiums zu St. [223] Anna aufgenommen. Binnen wenigen Monaten hatte der kaum fünfzehnjährige Jüngling die Denk- und Lebensweise eines lebensmüden Mönches angenommen, der die reinste Befriedigung in der strengsten, abschreckendsten Ascese suchte. Noch kein volles Jahr war verstrichen, seitdem er die Schwelle des Klosters überschritten hatte, als die Aufhebung des Ordens erfolgte, welche den Zöglingen des Collegiums bei St. Anna am 12. September 1773 angekündigt wurde. Ueber den merkwürdigen, dabei beobachteten Vorgang gibt uns ein Brief Reinhold’s Aufschluß, den er am folgenden Tage aus dem Probehause bei St. Anna an seinen Vater gerichtet hatte. Dieses in seiner Art einzige und in vieler Hinsicht höchst interessante Document ist bereits öfter, und zwar in den Zwanzigerjahren in dem von Ferdinand Philippi redigirten „Mercur“, dann in J. J. C. Pappe’s „Lesefrüchten“ (Hamburg, 8°.) 1826, Band IV, Stück 2, zuletzt aber fragmentarisch in dem Feuilleton-Artikel: „Ein Jesuiten-Zögling“, von dem Professor an der Wiener Handels-Akademie, Dr. Richter , abgedruckt, welchen die „Neue freie Presse“ 1866, in Nr. 803 gebracht, die deßhalb – zum Ueberflusse – confiscirt wurde, nachdem bereits Tausende von Exemplaren im Publicum verbreitet waren. Dieser Brief des 15jährigen Reinhold ist aber ein Beweis der außerordentlichen Gewalt, welche die Jesuiten über die Geister übten und welchen Gebrauch sie selbst bei der ihrem Unterrichte anvertrauten zarten Jugend davon machten. So zum Beispiele klagte sich der 15jährige, man kann wohl sagen Knabe Reinhold, selbst an, daß sein ungeistliches Betragen allein sträflich genug war, um dieses schwere Unglück, als welches ihm die Auflösung des Ordens erscheint, herbeizuführen, und doch gehörte er selbst zu den fleißigsten, sittsamsten und unterwürfigsten Novizen. Welch’ eine Verirrung der knabenhaften Einfalt, sich mit zur Ursache einer That zu machen, die in höchsten Regionen der Staatweisen die Lenker der Völker geplant und, einer Forderung der Zeit gehorchend, zur Ausführung brachten! In welcher Weise den Zöglingen diese Nachricht beigebracht worden, erfahren wir gleichfalls aus diesem Briefe. Die Novizen, schreibt Reinhold, lagen betend vor dem Eintreffen der Bulle drei Tage und drei Nächte lang auf den Knien und klagten dem wunderthätigen Gnadenbilde der seligsten Jungfrau, welches der Provinzial auf der Treppe des zweiten Stockwerkes im Annakloster prächtig geschmückt aufstellen ließ, ein ihnen unbekanntes Leid, und die ganze Zeit dieser Andacht nahmen die Novizen ihre Speisen auf dem Fußboden sitzend, die Patres kniend ein. Zur Buße setzten sich alle Glieder des Ordens Strohkränze auf das Haupt, Dorsal- und spanische Geißelung kam alle Tage vor, all diese Bußen konnten die Aufhebung nicht abwenden. Am Tage vor dem oberwähnten 12. September, Donnerstag – das Schicksal hatte schon entschieden, die Patres wußten bereits das Kommende, die Schatzkammer war schon mit dem kaiserlichen Siegel belegt – da waren die Novizen noch recht fröhlich im Herrn. Reinhold, wie er schreibt, „gewann auf dem Billard zwölf Ave Maria’s, welche Strottmann, und auf dem Bosselplatze wiederum fünf andere, die Poller für ihn beten mußte“. Am Abende des nächsten Tages war der Orden aufgehoben und die Knaben wurden ihren Eltern zurückgegeben. „Mir fiel“, schreibt der kleine [224] Reinhold weiter an seinen Vater, „sogleich ein, daß ich wieder zu meinen lieben Eltern nach Hause müßte. Allein das Gesetz der Liebe hielt mich an meine heilige Regel, und ich wagte es nicht, an Sie zu denken mit Wissen und Willen, eine Sache, die ohne Verletzung der Regel nie anders geschehen darf, als in der Absicht, für Eltern und Angehörige zu beten. Ein so eifriger Christ, wie Sie, mein bester Papa, weiß beinahe so gut als ein Geistlicher, daß es heiligere Bande gibt, als jene der sündhaften Natur, und daß ein Mensch, der dem Fleische abgestorben ist und nur noch dem Geiste lebt, eigentlich keinen anderen Vater haben könne als den himmlischen, keine andere Mutter als seinen heiligen Orden, keine anderen Verwandten als seine Brüder in Christo und kein anderes Vaterland als den Himmel!!! Die Anhänglichkeit an Fleisch und Blut ist, wie alle Geistlehrer einstimmig behaupten, eine der stärksten Ketten, mit denen uns Satan fest an die Erde schmieden will.“ Solcher Anfechtungen des Satans hatte nun der kleine Reinhold sehr viele zu bestehen; denn „alle Augenblick zauberte ihm der Satan[WS 1] Papa und Mama, Brüder und Schwestern, Onkel und Tanten, selbst das Stubenmädchen im Elternhause nicht ausgenommen, vor die Augen des Geistes“. Nun aber darf der kleine Ascet ja nach Hause schreiben und die Eltern auf seine Rückkunft vorbereiten. Aber das „Gesetz der Liebe“ bereitet ihm noch Gewissensqualen – und da geht denn der arme Junge hin zu dem Manuductor und bittet den geistlichen Aufseher, „nicht nur beim Schreiben, sondern auch sonst den Tag über an die Blutsfreunde denken zu dürfen. Die Erlaubniß wird ertheilt, die Zeiten der Meditation, der geistlichen Lesung und des Angelus Domini ausgenommen. Aber es scheint, daß das einmal aufgethaute Gefühl der Kindesliebe zu mächtig war, und die Angst, die heilige Pflicht der Obedienz zu verletzen, treibt den gewissenhaften Knaben zum P. Rector selbst, damit er das Schreiben „in Kraft des heiligen Gehorsams befehle“. Karl schreibt und bittet um Aufnahme in das väterliche Haus, doch zugleich möchte er daselbst die gewohnte Lebensart fortsetzen, eine Einzelkammer beziehen. Weder Hausmagd noch Stubenmädchen, noch eine seiner Schwestern solle bei ihm eintreten, und die liebe Mama läßt er erinnern, daß der heilige Aloisius seiner Mutter nie in’s Angesicht sah. Er werde in der Welt und nicht der Welt leben und hofft rein aus der Berührung mit der sündhaften profanen Welt hervorzugehen, wie die drei babylonischen Knaben mitten im Feuerofen unverletzt blieben. Zum Schlusse des merkwürdigen Schreibens bemerkt der Knabe in einer Nachschrift, der Rector habe ihn von einer Gewissensangst befreit, indem er ihm auf seine Frage, wie der Papst unfehlbar sein und doch das Unrecht der Ordensauflösung begehen konnte, die Antwort gab: der Papst ist unfehlbar, wenn er ex cathedra entscheidet, die Gesellschaft aber sei ex curia aufgelöst worden, und die Curie lasse sich nicht vom heiligen Geiste, sondern oft von irdischer Staatsklugheit leiten. „Vielleicht leiden sie an eben dem Scrupel und dann kommt ihnen diese Auflösung heilsam“, schließt der Brief des Knaben an den Vater. – Und was ist aus diesem Knaben geworden, der in seinem vierzehnten Jahre von solchen Scrupeln und Gewissensfragen, wie sie in diesem Briefe ausgesprochen stehen, gequält wurde? Die Geschichte der Wissenschaft nennt in der Folge [225] seinen Namen mit hohen Ehren, denn Reinhold führte, nachdem er sich von dem Banne, in welchem sein Geist lag, befreit, in seinen Schriften wie in der Lehre den Kampf um die höchsten Güter der Menschheit mit großem Erfolge. Nachdem er ein volles Jahr im väterlichen Hause zugebracht, trat er im Jahre 1774 in das Barnabiten-Collegium zu St. Michael und blieb durch acht Jahre in dem um die Pflege der Wissenschaft hochverdienten Orden, vollendete in demselben die philosophischen und theologischen Studien, wurde dann Aufseher der Novizen und endlich Lehrer der philosophischen und mathematischen Wissenschaften im Orden. Ein anderer Geistlicher und ehemaliger Jesuit, Denis [Bd. III, S. 238], der mit allen hervorragenden Geistern im protestantischen Deutschland in innigem Verkehre stand, versammelte zu jener Zeit ausgezeichnete Schriftsteller in seinem Hause in Wien, dort fand Reinhold: Born [Bd. II, S. 71], Hell [Bd. VIII, S. 262], Mastalier [Bd. XVII, S. 90] und Sonnenfels. Zur selben Zeit, schreibt ein Biograph Reinhold’s, begann es sich in Deutschlands Dichterwald zu regen und diese mächtigen Culturbestrebungen fanden in Wien großen Anklang. Reinhold’s Altersgenossen und Schulkameraden [[BLKÖ:Alxinger, Johann Baptist|Alxinger] [Bd. I, S. 23], Blumauer [Bd. I, S. 436], Haschka [Bd. VIII, S. 21], Leon [Bd. XV, S. 1], Ratschky [S. 22 dies. Bds.] traten mit dem Feuereifer der Jugend mit Poesien, aber auch mit läuternder Kritik auf. Ein Frühlingshauch belebte die Kaiserstadt, als um diese Zeit Joseph II. die Alleinherrschaft erhielt und zur Ausführung seiner großen Ideen schritt. Preßfreiheit ward verkündet, der Bann schien gelöst, in welchem die Kräfte Deutsch-Oesterreichs seit lange lagen. Eine Loge unter dem Namen „Zur wahren Eintracht“ ward gebildet unter des hochgestellten Born Vorsitz, der Gewissens- und Denkfreiheit auf seine Fahne geschrieben. Die Bekämpfung des Mönchswesens war die Parole. Mit den Waffen der Gelehrsamkeit und der Satyre ward gegen die Mucker gestritten. Born’s „Monachologia“ („Naturgeschichte der Mönche“) zündete und wurde die Erscheinung des Tages. Auch auf schöngeistigem Gebiete regte es sich gewaltig; unter Blumauer’s Redaction erschien die „Wiener Real-Zeitung“, wo in Anzeigen und Kritiken lebhafte Theilnahme an den Fortschritten der Wissenschaft und Kunst sich geltend machte. Reinhold, der Ex-Novize der Jesuiten, der Barnabitermönch, stand mitten inne zwischen den Vorkämpfern der Aufklärung seiner Heimat. Die meisten Recensionen, welche in den Jahrgängen 1781 bis 1783 der obgenannten Zeitschrift erschienen sind, stammen nach dem Zeugnisse seines Sohnes Ernst, des Professors der Philosophie zu Jena in den Zwanziger-Jahren unseres Säculums, aus der Feder Karl Leonhard Reinhold’s. Aber während seine Freunde sich ganz dem Jubel über diesen Aufschwung hingeben und ungehindert selbstthätig mitwirken konnten, drückte ihn schwer das Mißverhältniß seines Berufes und seiner Denkweise. Noch lasteten auf ihm die Ordensgelübde und endlich erwachte in ihm der Gedanke, die im unreifen Alter dahingegebene Freiheit wieder zu erlangen. So lange die Eltern lebten, wagte der pietätvolle Sohn keinen Schritt in dieser Richtung. Aber als diese gestorben waren, hielt ihn keine Fessel mehr. Seine Freunde förderten ihn darin in jeder Weise. Der Leipziger Professor Friedrich [226] Petzold, der sich in Erbschaftsangelegenheiten in Wien befand, lernte ihn daselbst kennen und schätzen und machte ihm den Antrag, ihn nach Leipzig, zu begleiten. Und im Herbste 1783 reiste Reinhold nach Leipzig und blieb vorderhand daselbst. Dort erlangte Reinhold das akademische Bürgerrecht, von dort schrieb er eifrig für das Wiener Freimaurer-Journal, die „Real-Zeitung“, und des Freiherrn von Gemmingen „Magazin für Wissenschaft und Kunst“ wohlhonorirte Beiträge. Dabei unterstützte ihn die Loge „Zur wahren Eintracht“ auch nach Kräften; nachdem aber die Jesuiten seinen Aufenthalt erforscht hatten, glaubte Reinhold sich in Leipzig nun nicht mehr sicher. Auf Born’s Rath begab er sich im Mai 1784 nach Weimar zu Wieland, der mit den Wiener Aufklärern in innigster Verbindung stand und an den er Empfehlungsschreiben von Blumauer und Gemmingen mitbrachte. In Weimar ist der Wiener und ehemalige Jesuitenzögling Reinhold Haus- und Tischgenosse Wieland’s. Dort athmete er die Luft gemeinsam mit all den großen und trefflichen Männern, die auf thüringischem Boden das goldene Zeitalter der Literatur schufen. In Wieland’s Tochter fand Reinhold eine treffliche Lebensgefährtin, im „Mercur“, dessen Mitredacteur er 1785 wurde, das Feld literarischer Thätigkeit; Herder ward sein Freund und der Großherzog ernannte ihn zum Sachsen-Weimar’schen Rathe. In Jena entwickelte R. eine reiche literarische Thätigkeit auf philosophischem Gebiete. [Die Titel seiner Schriften folgen auf S. 228.] Zunächst schrieb er meist kleinere philosophische Abhandlungen im deutschen „Mercur“. In einer größeren, im Jahre 1785 ohne Namen herausgegebenen Schrift, betitelt: „Herzenserleichterung zweier Menschenfreunde in vertraulichen Briefen über Lavater’s Glaubensbekenntniß“, sprach er zuerst die freisinnigen religiösen Ansichten aus, welche ihn in das protestantische Deutschland geführt hatten. Als dann der österreichische Geschichtschreiber I. M. Schmidt in dem 1785 herausgegebenen ersten Bande seiner neuen Geschichte der Deutschen sich gegen Luther’s Reformation ausgesprochen hatte, veröffentlichte Reinhold bald seine „Ehrenrettung der Reformation“, worin er seine Ueberzeugungen von den Grundsätzen und dem Geiste des echten Protestantismus darlegte. Zu tiefen Studien regte ihn die 1781 erschienene „Kritik der reinen Vernunft“ von Kant an. Es ist interessant, was Reinhold’s Sohn in der Biographie seines Vaters darüber berichtet, wie derselbe bei der ersten aufmerksamen Durchlesung des Kant’schen Werkes nichts als einzelne schwache Lichtfunken aus einem Dunkel hervorschimmern sah, das sich kaum bei der fünften ganz verloren hatte. In seinen nach mehrjährigen Studien herausgegebenen Briefen suchte R. vorzüglich durch diejenigen Resultate auf das Werk aufmerksam zu machen, welche sich daraus auf die Grundwahrheiten der Religion und Moral ergeben. Im Herbste 1787 wurde R. als außerordentlicher Professor der Philosophie in Jena angestellt, welche Stelle der einstige Jesuiten-Zögling dem Weisen von Königsberg, Kant, verdankte, der von Reinhold zuerst gründlich verstanden und dessen Apostel er wurde. Sieben Jahre wirkte er auf diesem Posten, und es war eine bedeutungsvolle Zeit, als die Universität Jena, an ihr Reinhold und mit ihm die im Jahre 1783 gegründete Jenaische „Allgemeine [227] Literatur-Zeitung“ die Hauptstütze und Hauptpflanzschule der Kantischen Philosophie wurde. Für seine Bestrebungen fand er unter seinen eigenen Collegen warmen Sinn und volles Verständniß, Paulus, Hufeland der Arzt, Hufeland der Jurist, Schmid u. A., selbst die an Jahren vorgerückteren, wie Griesbach und Schütz, gehörten zu seinen näheren Freunden. Mit entfernteren Meinungsgenossen und Denkern wie mit Platner, Feder trat er in brieflichen Verkehr, und um diese Zeit entspann sich auch zwischen ihm und F. H. Jacobi, der damals noch in Pempelfort bei Düsseldorf wohnte, ein Briefwechsel, aus welchem sich bald das innigste Freundschaftsbündniß ausbildete. Als Reinhold im Sommer 1793 einen Ruf zu der ordentlichen Professur der theoretischen Philosophie nach Kiel erhielt, zeigte sich allgemein die Theilnahme für den geliebten Collegen und Lehrer. Man wollte ihn um jeden Preis in Jena behalten, man sicherte ihm eine bedeutende Erhöhung des Gehaltes zu, aber R. hatte die neue Stelle bereits angenommen, eine Ablehnung war nicht leicht mehr thunlich, und nun gab man ihm alle Beweise, wie schwer man den Freund und Gelehrten ziehen lasse und schickte ihm noch nach Kiel die große goldene Denkmünze nach, welche auf einer Seite sein wohlgetroffenes Bildniß, auf der anderen Seite die lateinische Inschrift zeigt: K. L. Reinholdo, Kiloniam petenti, pietatis et desiderii causa. Aber für Alles, was R. in Jena und Weimar verloren, fand sich in Kiel erfreulicher Ersatz. Mit dem Dichter Baggesen schloß er den innigsten Freundschaftsbund. In Eutin, nur vier Meilen von Kiel, ließ sich der durch die Kriegswirren aus Düsseldorf vertriebene Freund Jacobi nieder und blieb daselbst bis 1805, in welchem er das Präsidium der neugestifteten Münchener Akademie übernahm. Die vornehmsten adeligen Geschlechter Schleswigs und Holsteins, die Reventlow, Bernstorff, Stolberg, Ranzov, Schimmelmann, Baudissin u. A., welche mit dem Adel der Geburt jenen des Geistes und der edelsten Bildung vereinigten, suchten den Verkehr mit dem edlen Denker und feinfühlenden Gelehrten. Selbst die fürstlichen Familien des Landgrafen Karl zu Hessen, damaligen Statthalters der Herzogthümer und des Herzogs Friedrich Christian von Augustenburg, wendeten ihm ihre Huld zu und nannten ihn ihren Freund. In die Zeit seines Kieler Aufenthaltes fällt der größte Theil der wissenschaftlichen Thätigkeit Reinhold’s, deren Auseinandersetzung außerhalb der diesem Lexikon gesteckten Grenzen fällt. Vornehmlich war es das Erscheinen der im Jahre 1799 herausgegebenen Logik von Bardili, ein Werk, das seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm und ihn nach den scharfsinnigsten Untersuchungen über „Gott, Natur, Menschheit“ zu dem Ergebniß führte: „Daß das Denken seinem Wesen nach die Manifestation Gottes in der Natur“ sei. Es entspann sich zwischen Reinhold und Bardili ein schriftlicher Verkehr, der unter dem Titel: „Bardili’s und Reinhold’s Briefwechsel über das Wesen der Philosophie und das Unwesen der Speculation“ (München 1804, Lentner, 8°.) herauskam. In den glücklichsten häuslichen Verhältnissen verlebte R. seine Tage, auch fehlte es nicht an mannigfachen Ehren und Auszeichnungen, so ernannte ihn im Jahre 1808 die Münchener Akademie zum ordentlichen auswärtigen Mitgliede, im Jahre 1815 [228] wurde er Ritter des Danebrog-Ordens und zu Anbeginn des folgenden Jahres kön. dänischer Etatsrath. Ein Schlagfluß raffte ihn plötzlich im Alter von 65 Jahren dahin. Von seinen Kindern war die einzige Tochter Karoline an den Arzt und Schriftsteller Dr. Neuber in Apenrade verheirathet. Von seinen Söhnen war ihm der älteste, Karl, bereits Doctor der Rechte und Syndicus der Universität Kiel, im Tode vorangegangen, sein zweiter Sohn, Ernst, widmete sich dem Fache des Vaters, der Pflege der philosophischen Wissenschaft als Lehrer und Schriftsteller, und der dritte, Friedrich, stand als Artillerie-Officier in dänischen Diensten. Das Verzeichniß seiner Schriften möge diese Lebensskizze schließen; die Titel der selbstständig erschienenen sind in chronologischer Folge: „Ueber die gegenwärtige katholische Reformation in Oesterreich“ (Jena 1784), auch als Anhang zu der weiter unten folgenden „Ehrenrettung“; – „Herzenserleichterung zweier Menschenfreunde im vertraulichen Briefen über J. K. Lavater’s Glaubensbekenntniss“ (Frankfurt und Leipzig 1785, 8°.), ohne Namen des Verfassers und Verlegers; – „Ehrenrettung der Luther’schen Reformation gegen zwei Capitel in I. M. Schmidt’s Geschichte der Deutschen“ (Jena 1789, Cuno’s Erben, 8°.), zuerst im deutschen „Mercur“ 1786; – „Die hebräischen Mysterien oder die älteste religiöse Freimaurerei, in zwei Vorlesungen gehalten in er □ ***„ (Leipzig 1788, Göschen, 8°.); – „Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens“ (Prag und Jena 1789, Widtmann und Mauke, 8°.); – „Briefe über die Kant’sche Philosophie“, 1. u. 2. Band (Leipzig 1790 u. 1792, Göschen, 8°.); – „Beiträge zur Berichtigung bisheriger Missverständnisse der Philosophen, 1. Band, das Fundament der Elementarphilosophie betreffend; 2. Band, die Fundamente des philosophischen Wissens, der Metaphysik, Moral, moralischen Religion und Geschmackslehre betreffend“ (Jena 1790 u. 1792, Mauke, 8°.); – „Ueber das Fundament des philosophischen Wissens, nebst einigen Erläuterungen über die Theorie des Vorstellungsvermögens“ (ebd. 1791, Mauke, 8°.); – „Auswahl vermischter Schriften“, 2 Theile (ebd. 1796, Mauke, 8°.); – „Verhandlungen über die Grundbegriffe und Grundsätze der Moralität, aus dem Gesichtspuncte des gemeinen gesunden Verstandes zum Behufe der Beurtheilung der sittlichen, rechtlichen, politischen und religiösen Angelegenheiten“, 1. (und einziger) Band (Lübeck 1798, Bohn, 8°.); – „Ueber die Paradoxen der neuesten Philosophie“ (Hamburg 1799, Perthes, 8°.); – „Sendschreiben an Lavater und Fichte über den Glauben an Gott“ (ebd. 1799, 8°.); – „Beiträge zur leichteren Uebersicht des Zustandes der Philosophie, bei dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts“, sechs Hefte (ebd. 1801–1803, 8°.); – „Anleitung zur Kenntniss und Beurtheilung der Philosophie in ihren sämmtlichen Lehrgebäuden, ein Lehrbuch für Vorlesungen u. s. w.“ (Wien 1805, Degen, 8°.); – „Versuch einer Auflösung der von der Berliner Akademie der Wissenschaften für 1805 aufgestellten Aufgabe: „Die Natur der Analysis und der analytischen Methode in der Philosophie genau anzugeben“ (München 1805, Landauer, 8°.); – „Versuch einer Kritik der Logik aus dem Gesichtspuncte der Sprache“ (Kiel 1806, akademische Buchhandlung, 8°.); – „De Anfangsgründe der Erkenntniss der Wahrheit in einer Fibel für noch unbefriedigte Forscher nach dieser Erkenntniss“ (ebd. 1808, 8°.); – „Rüge einer merkwürdigen Sprachverwirrung unter den Weltweisen“ (Weimar 1809, Landes-Industr. Comptoir, 8°.); – „Grundlegung einer Synonymik für den allgemeinen Sprachgebrauch in den philosophischen [229] Wissenschaften“ (Kiel 1812, Schmidt, 8°.); – „Das menschliche Erkenntnissvermögen, aus dem Gesichtspuncte des durch die Wortsprache vermittelten Zusammenhanges zwischen der Sinnlichkeit und dem Denkvermögen, untersucht und beschrieben“ (Kiel 1816, Akademische Buchhandlung, 8°.); – „Ueber den Begriff und die Erkenntniss der Wahrheit, Lehrern der Logik und Metaphysik mit der Bitte um belehrende Prüfung u. s. w. mitgetheilt“ (Kiel 1817, 8°.), ist nicht im Buchhandel erschienen; – „Die alte Frage: Was ist die Wahrheit? bei den erneuten Streitigkeiten über die göttliche Offenbarung und die menschliche Vernunft in nähere Erwägung gezogen“ (Altona 1829, 8°.). Von den in Zeitschriften abgedruckten und anderen als Anhänge oder Vorreden beigegebenen Abhandlungen sind anzuführen im deutschen Mercur: „Gedanken über die Aufklärung“ (1784, St. 7–9); – „Die Wissenschaften vor und nach ihrer Säcularisation“ (ebd., Stück 7); – „Skizze einer Theogonie des blinden Glaubens“ (1786, St. 8); – „Ueber den Einfluß des Geschmacks auf die Cultur der Wissenschaften und Sitten“ (1788, St. 2); – „Ueber die nähere Betrachtung der Schönheiten eines epischen Gedichtes“ (ebd., St. 5); – „Ueber die Natur des Vergnügens“ (ebd., St. 10 u. 11, und 1789, St. 1); im neuen deutschen Museum: „Wie ist Reformation der Philosophie möglich?“ (1789, Stück 1 bis 3, 6 u. 7); – „Ueber die bisherigen Schicksale der kantischen Philosophie“ (ebd.); – „Ueber den Geist unseres Zeitalters in Deutschland“ (1790, St. 3); – „Ueber die Grundwahrheit der Moralität und ihre Verhältnisse zur Grundwahrheit der Religion“ (1791, St, 3); – „Ehrenrettung des Naturrechts“ (1791, St. 4); – „Wie und worüber läßt sich in der Philosophie Einverständniß der Selbstdenker hoffen?“ (1791, St. 6); – „Ehrenrettung des positiven Rechts“ (1791, St. 11); – „Vorbereitung zu den künftigen Preisschriften über das Cölibat“ (1791, St. 10); – „Die drei Stände“ (1792, St. 3); – „Der Weltbürger“ (1792, St. 4); – „Ueber die deutschen Beurtheilungen der französischen Revolution“ (1793, St. 4); – „Systematische Darstellung aller bisher möglichen Systeme der Metaphysik“ (1794, St. 1, 3); in der Berliner Monatschrift: „Von welchem Skepticismus läßt sich eine Reformation der Philosophie hoffen?“ (1789, St. 7); – der von M. W. G. Tennemann übersetzten Untersuchung über den menschlichen Verstand von Hume (Jena 1793, 8°.) ist vorgedruckt: eine Abhandlung über den philosophischen Skepticismus; – in Schmidt’s und Snell’s „philosophischem Journal“: „Ueber den Unterschied zwischen dem unwillkürlichen, aber durch Denkkraft modificirten Begehren und dem eigentlichen Wollen, oder zwischen dem sogenannten nichtsittlichen und sittlichen Wollen“ (1793, Bd. I, Heft 3); – als Vorrede zu J. Susemihl’s Sammlung einiger Predigten ...“ (Kiel 1795, 8°.); „Ueber den Geist der wahren Religion“, und die kön. preußische Akademie der Wissenschaften hat in Berlin (bei Maurer, 1796) nebst Schwab’s und Abicht’s Beantwortung auch Reinhold’s gekrönte Preisschrift: „Versuch einer Beantwortung der von der Akademie der Wissenschaften zu Berlin aufgestellten Frage: „Welche Fortschritte hat die Metaphysik seit Leibnitz’s und Wolf’s Zeiten in Deutschland gemacht?“ drucken lassen. Einer seiner Biographen rühmt Reinhold nach, „da in ihm durch die Vorzüge des Menschen jene des Gelehrten überwogen worden [230] sind“, und doch waren diese letzteren nichts weniger als gering. Unvergeßlich bleibt das Andenken dieses wahrhaft Weisen und Guten in den Herzen Aller, die ihn persönlich gekannt. Unsterblich bleibt er in der Geschichte der Wissenschaften und der Menschheit. Oesterreich aber, dem freilich der Ruhm nicht streitig zu machen ist, Reinhold den seinigen zu nennen, hat jedoch anläßlich seiner, wie mancher anderen Männer, das Mißgeschick zu beklagen, eine Kraft wie diese statt im Vaterlande für einheimische Interessen, in der Fremde für fremde Zwecke wirken und zu großem und verdientem Ruhme gelangen zu sehen.

Karl Leonhard Reinhold’s Leben und literarisches Wirken nebst einer Auswahl von Briefen Kant’s, Fichte’s, Jacobi’s und anderen philosophischen Zeitgenossen an ihn, herausgegeben von (seinem Sohne) Ernst Reinhold (Jena 1825, Fromman, 8°.). – Zeitgenossen (Leipzig, Brockhaus, gr. 8°.) Neue Reihe, XIX, S. 41–76: „Karl Leonhard Reinhold“. – Gartenlaube (Leipzig, Ernst Keil, 4°.) 1869, Nr. 36, S. 868: „Zwei Mönche einer protestantischen Hochschule“, von Friedrich Hofmann. – Neue freie Presse 1869, Nr. 1903: „Literarisches“. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. IV, S. 370. – Porträte. 1) H. Lips del., Gottschick sc. (8°.); – 2) (J. C. Krüger sc.); – 3) Coopman p. 1820, C. Ermer sc. 1828 (8°.); – 4) H. Lips del. et sc. (Fol.).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Saten.