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BLKÖ:Vinařický, Karl Alois

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 51 (1885), ab Seite: 8. (Quelle)
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Vinařický, Karl Alois (čechischer Schriftsteller, geb. zu Schlan in Böhmen am 24. Jänner 1803, gest. am 3. Februar 1869). Sein Vater Joseph, der einige Zeit als Mitglied einer beliebten Musikcapelle in Wien gelebt hatte, war seines Zeichens ein Schuster, die Mutter Antonie geborene Payer von deutscher Abkunft. Nachdem Karl von einem tüchtigen Lehrer, der übrigens die Strumpfwirkerei betrieb, einen guten häuslichen Unterricht genossen, kam er 1809 in die Normalschule der Piaristen in seinem Geburtsorte. Da von der zweiten Classe an in der deutschen Sprache gelehrt wurde, gab es für den Knaben, der im Elternhause nur čechisch gelernt hatte, schwere Tage, und dieser Umstand war es vor Allem, der ihn in späteren Jahren veranlaßte, vornehmlich darauf zu dringen, daß in den Schulen in der Muttersprache vorgetragen werde. 1813 bezog er das Gymnasium, auf welchem er aber wieder eben durch die Kenntniß des deutschen Idioms den Vorrang über die anderen Schüler behauptete. In den höheren Classen des Gymnasiums betrieb er selbst das Studium der deutschen Sprache und Literatur und versuchte sich sogar 1815 bis 1817 in kleineren deutschen Dichtungen, welche er später freilich, als das nationale Gefühl überwog, wieder vernichtete. Als dann 1816 eine Verordnung der Studien-Hofcommission den Gebrauch der čechischen Sprache an den Gymnasien gestattete, und Uebersetzungsübungen aus den lateinischen Classikern ins Čechische eingeführt wurden, da versuchte er sich zunächst an einigen Bruchstücken aus dem Terentius. Dabei erwachten in ihm immer wieder und mit nur größerem Nachdruck das Vaterlandsgefühl und das Verlangen nach der genaueren [9] Kenntniß der vaterländischen Geschichte, zu welcher der nachmalige Archäolog Franz Miltner [Bd. XVIII, S. 331], ein gebürtiger Schlaner und zu jener Zeit Studiosus der Rechte, seinen jüngeren Landsmann ermunterte. So nahm denn dieser zunächst die berühmte nationale Chronik des Hagecius (Hajek) vor und schöpfte aus ihr die Gesetze der čechischen Rechtschreibung und des Styls, während er aus Pelzl’s Geschichte das chronologische Detail der Geschichte seines Vaterlandes kennen lernte. In den Ferienmonaten wieder durchstreifte er die Umgebungen seines Geburtsortes, machte sich mit den alterthümlichen Ueberresten derselben bekannt und betheiligte sich an den dilettantischen Theaterübungen seiner Schlaner Collegen, wobei er dann öfter die Rolle des Souffleurs übernahm. Trefflich vorbereitet, bezog er 1818 die Prager Hochschule, um an derselben die philologischen Studien zu beginnen. In der Großstadt ging ihm ein neues Leben auf, und in den Vorträgen Bolzano’s [Bd. II, S. 35], die ihn vor allen anderen fesselten, fand sein empfänglicher Geist um so reichere Nahrung, als er schon durch genauere geschichtliche Studien einen guten Grund gelegt hatte. Mit dem ganzen Feuereifer des Jünglings stürzte er sich in die Lectüre von Büchern und Zeitschriften, namentlich seiner heimischen Literatur. In einem um diese Zeit, 1819 und 1820, meist in deutscher Sprache geführten Tagebuche merkt er das Erscheinen jedes neuen čechischen Werkes als ein förmliches Ereigniß an. Während der Ferien des Schuljahres 1819 besuchte er seinen Oheim, den Prior des Klosters Kukus bei Königinhof, wo Hanka zwei Jahre früher den für Zeugenschaft einer uralten čechischen Literatur ausgebeuteten, freilich, wie es sich später nach sorgfältiger Kritik herausstellte, künstlich in die Scene gesetzten Fund der vielerörterten Königinhofer Handschrift[WS 1] gemacht hatte. Daß der mächtig nationalangehauchte Jüngling vor dieser Stätte wie vor einem Heiligthume stand und von den Schauern einer großen čechischen poetischen Vergangenheit erfüllt, Alles, was an dieser Fundstätte gelegen, mit begehrlichen Blicken betrachtete, braucht kaum näher erklärt zu werden, und so erschien ihm denn auch ein Pfeil, den ihm ein Caplan als eines von den Dingen gab, unter welchen der kostbare (?) Fund Jahrhunderte geruht, als eine werthvolle Reliquie, die lange einen Schmuck seines Heims bildete, bis er die etwas zweifelhafte Kostbarkeit später dem čechischen Museum zum Geschenke verehrte. Im dritten Jahre seiner philosophischen Studien folgte er dem Rufe eines in Wien lebenden Onkels, zu welchem er sich um so lieber begab, als der gemaßregelte Bolzano vom Lehramte entfernt worden war. Während er nun in Wien seinen philosophischen Studien oblag, trieb er nebenbei mit großem Fleiße Philologie und Geschichte, von letzterer vornehmlich ihre Hilfswissenschaften Archäologie, Numismatik und Diplomatik, ohne jedoch die Pflege der čechischen Literatur aufzugeben, für welche ihm die kaiserliche Hofbibliothek ihre Schätze erschloß. Dabei trat er mit anderen, später zum großen Theile zu einiger Bedeutenheit gelangten Landsleuten in Verbindung, wodurch er nicht nur sein nationales Gefühl überhaupt stärkte, sondern sich auch in seiner Muttersprache übte. Nachdem er die philosophischen Studien beendet hatte, begab er sich in den Ferien 1821 nach Prag, um seinen festgesetzten [10] Entschluß, Theologie zu studiren, zu verwirklichen. Er trat nun in das erzbischöfliche Seminar. Mit gleichgesinnten Freunden wurden da nationale Gefühle ausgetauscht und durch patriotische Reden und Gesänge wohl in etwas stärkerem Grade gepflegt, als es mit dem priesterlichen Berufe und der vorgeschriebenen Hausordnung seines geistlichen Heims sich schicken wollte. Ein solches nicht ganz correctes Verhalten erregte die Aufmerksamkeit seiner Seminarvorsteher, und einer derselben verwies ihm dieses unpassende Verhalten als mit dem Berufe, dem er sich widme, unverträglich. Der Erfolg dieser Vorstellung blieb nicht aus, Vinařický widmete sich nun mit wahrem Feuereifer seinen Studien, und jener Vorsteher, der das frühere Verhalten des Alumnen gerügt, sah sich jetzt veranlaßt, denselben der Grafenfamilie Schlik, welche einen Religionslehrer für ihre Kinder suchte, als solchen warm zu empfehlen. In dieser Stellung aber erwarb sich Vinařický in kurzer Zeit so sehr das Vertrauen der gräflichen Familie, daß ihm diese die ganze Erziehung ihrer Kinder anvertraute. Er trat nun aus dem Seminar und trieb als Externist das Studium der Theologie, und zwar den größten Theil des Jahres auf den Schlik’schen Gütern, vornehmlich in Kopidlno. Für die Pflege des čechischen Idioms fand er inmitten einer ländlichen Bevölkerung reichlich Gelegenheit, und er unterließ es nicht, die Liebe für dasselbe auch im Kreise der gräflichen Familie zu wecken, deren Mitglieder sich denn gern bei den čechischen Theatervorstellungen einfanden, welche in Kopidlno gegeben wurden. Die Stellung im Hause des Grafen als Erzieher hatte aber noch einen anderen Einfluß auf den jungen Priester. Sie bildete eben seine Schule auf dem Gebiete der Pädagogik, auf welchem er in der Folge so nachhaltig zu wirken berufen war. 22 Jahre alt, beendete Vinařický 1825 seine theologischen Studien. Obwohl er das zum Empfange der Priesterweihe nöthige Alter noch nicht erreicht hatte, unterzog er sich nichtsdestoweniger der Prüfung für ein Pfarramt. Der damalige Erzbischof Chlumczanský, welchem bereits die Tüchtigkeit und Anstelligkeit des jungen Theologen durch die Seminardirectoren bekannt geworden, berief nun denselben zu sich und verlieh ihm alsbald die Stelle seines Ceremoniarius. Mit schwerem Herzen verließ Vinařický die ihm lieb gewordene Erzieherstelle im gräflichen Hause und begab sich nach Břežan, dem Sommersitze des Erzbischofs, der ihm dort persönlich die Priesterweihe verlieh. Bald darauf wurde er von diesem Kirchenfürsten nach Měcholup, einer Herrschaft des damaligen Oberstburggrafen Franz Anton Grafen Kolowrat-Liebsteinský, gesandt, um den daselbst erkrankten Pfarrer zu vertreten; aber noch im November des nämlichen Jahres folgte er der Berufung als Exhortator für die Hörer der Technik in Prag. Während er nun in dieser Stadt seinem geistlichen Amte oblag, bot sich ihm die günstige Gelegenheit, mit den Koryphäen der nationalen Literatur in engeren Verkehr zu treten. Da waren es denn die beiden Jungmann[WS 2], mit denen er viel zusammenkam, auch befreundete er sich mit Čelakovský und Chmelenský und fand sich auch zu den abendlichen Versammlungen im Hause des erzbischöflichen Buchdruckers Špinka ein, bei welchen die Förderung nationaler Werke und überhaupt der Aufschwung nationalen Lebens den [11] Hauptgegenstand der Unterhaltung oder Verhandlungen bildeten. Aber auch mit auswärtigen Patrioten knüpfte er Verbindungen an und unterhielt mit Kamaryt, Prochazka, Čermák, Zahradník und Anderen fleißigen Briefwechsel. So stand er bald in der vordersten Reihe jener čechischen Männer, welche im ersten Viertel des laufenden Jahrhunderts den nationalen Geist in der Stille förderten, ihm immer neue Kräfte zuführten und ihn allmälig und unbemerkt so kräftigten, daß derselbe, als der Augenblick erschienen war, sich geltend zu machen, in seiner ganzen drohenden Gestalt sich erhob und mit Gewalt die Stellung einnahm, die er sich entzogen glaubte. Indessen blieb Vinařický auch literarisch nicht unthätig, übersetzte lateinische und griechische Classiker, schrieb Gedichte und nahm Hauptantheil an der im Jahre 1828 erfolgten Gründung des „Časopis pro katolické duchovenstvo“, d. i. Zeitschrift für die katholische Geistlichkeit. Am 1. Jänner 1829 wurde er zum Geheimsecretär des Erzbischofs Chlumczanský ernannt, und er behielt diesen Posten auch bei dessen Nachfolger, dem Erzbischof Alois Joseph Kolowrat-Krakowský, bis derselbe am 28. März 1833 das Zeitliche segnete. In jenen Tagen arbeitete Vinařický gemeinschaftlich mit Jungmann die Denkschrift aus, in welcher er auf das durch Unterdrückung der Landessprache in Schulen und Aemtern der Nation zugefügte Unrecht hinwies, welche Denkschrift dem Kaiser Franz I. vorgelegt wurde. Ein solcher Schritt in jener Zeit war unbedingt ein nicht geringes Wagniß, und in den nächstbetheiligten Kreisen ward Vinařický nicht eben mit freundlichen Augen angesehen. Am 24. April 1833 erhielt er auf seine Bewerbung die erledigte Pfarre Kovan nächst Jungbunzlau. Dort lebte er nun ganz seinem geistlichen Berufe und seinen literarischen Studien, in denen er durch seine gleichgesinnten Freunde Čelakovský, Staněk, Šafařík, Machaček und Andere, wenn er auf seinen Besuchen in Prag, oder an den Orten, wo sie eben lebten, mit ihnen zusammentraf, immer wieder ermuntert und gefördert wurde. Vornehmlich betrieb er damals abwechselnd sprachliche, geschichtliche und geographische Studien. Auch bewarb er sich um diese Zeit zugleich mit Čelakovský um die Professur der čechischen Sprache an der Prager Hochschule, ein Umstand, welcher, da die Chancen sich sehr zu Gunsten Vinařický’s stellten, eine allerdings nur vorübergehende Trübung des freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Beiden zur Folge hatte. Unter den schriftstellerischen Arbeiten, welche er während seines Aufenthaltes in Kovan vollendete, nennen wir seine čechische Uebertragung der „Aeneide“ [die bibliographischen Titel seiner Schriften folgen auf S. 14], ferner die bereits in Prag begonnene Schrift über Bohuslav Hasenstein von Lobkovic, Uebersetzungen des Strabo, Ptolomäus und der „Germania“ des Tacitus, welche er in der „Museal-Zeitschrift“ 1839 und 1840 veröffentlichte; in das Jahr 1842 fällt die Uebertragung der „Heiligen Perlen“ von Ladislaus Pyrker, in das folgende jene des ersten Gesanges der „Ilias“ und des ersten Gesanges der „Odyssee“, von denen jedoch nur erstere in der „Museal-Zeitschrift“ 1843 erschien, letztere aber Handschrift blieb. 1847 gab er dann unter dem Pseudonym K. V. Slanský – nach seinem Geburtsorte Schlan – das dramatische Werk „Johann der Blinde“ heraus, welches auch [12] in Prag zur erfolgreichen Aufführung gelangte. Eine andere dramatische Arbeit, „Der h. Wenzel“, befand sich ungedruckt in seinem Nachlasse. In Kovan entstanden ferner mehrere Gelegenheitsgedichte, so an Hollý, an den Karlsbader Arzt Ritter de Carro, an Cardinal Mezzofanti, letzteres gedichtet im Namen der Geistlichkeit der Leitmeritzer Diöcese und in Gold gedruckt in čechischer, deutscher und lateinischer Sprache; endlich seine Schrift über Gutenberg unter dem Titel: „Johann Gutenberg, zu Kutenberg in Böhmen 1412 geboren, Bakkalaureus der freien Künste an der Universität zu Prag, promovirt am 18. November 1445, Erfinder der Buchdruckerkunst zu Mainz 1450“, welche Dr. Carro ins Französische übersetzte und 1847 in Brüssel herausgab, ohne daß es dem Autor und Uebersetzer gelungen wäre, der gelehrten Menschheit endgiltig zu beweisen, daß der Erfinder der Buchdruckerkunst ein Böhme gewesen. Neben diesen Arbeiten nahm einen beträchtlichen Theil der Thätigkeit Vinařický’s die Schule in Anspruch, mit welcher er sich mit so großer Vorliebe beschäftigte, daß er es nicht zu geringe fand, für seine Kleinen ein ABC-Buch, ein Gebetbuch und entsprechende Lesebücher herauszugeben. In Anerkennung seiner Verdienste als Priester und Schulmann wurde er von dem bischöflichen Consistorium zu Leitmeritz am 10. December 1845 durch Ernennung zum Ehrendechanten ausgezeichnet. So nahm er denn schon vor den Märztagen in der čechischen Literatur eine hervorragende Stellung ein, kein Wunder also, daß sich in den Stürmen des Bewegungsjahres Aller Augen auf ihn richteten, als es einen Vermittler galt zwischen den Aufständischen und der Regierungsgewalt. So stand er nach der verhängnißvollen Pfingstwoche an der Spitze der von Jungbunzlau entsendeten Deputation, um im Namen dieser Stadt und der Stadt Bydzow von dem obersten Befehlshaber Schonung für Prag zu erbitten; und auch später wirkte er mit mannhaftem Muthe dem Fürsten Windischgrätz und dem damaligen Statthalter Leo Grafen Thun gegenüber für die Verlängerung des Waffenstillstandes, dadurch schweres Wehe von der Hauptstadt Böhmens abwendend, und sprach in gleich versöhnlicher und beschwichtigender Weise vor der eigens abgeschickten Hofcommission, um Prag vor den unabsehbaren Folgen des Bürgerkrieges zu bewahren. Als dann die Wahlen für den österreichischen Reichsrath stattfanden, wurde er von dem Wahlbezirke Jungbunzlau in denselben entsendet und nahm seinen Platz erst in Wien, später in Kremsier ein, wo er zu den entschiedensten Vertretern der slavischen Partei gehörte. Als er aber im Jänner 1849 die Dechantei zu Teyn an der Moldau erhielt, legte er sein Reichsrathsmandat nieder und begab sich an seinen neuen Bestimmungsort. Da er hier mehrere Hilfspriester hatte, blieb ihm auch mehr Zeit übrig für seine literarischen Arbeiten, und besonders nahm ihn die Uebersetzung der „Aeneide“ in Anspruch, welche er für den Druck vorbereitete. Auch unterzog er sich damals, vom Unterrichtsministerium dazu aufgefordert, der Bearbeitung entsprechender Unterrichtsbücher für die čechischen Volksschulen, und zwar mit so günstigem Erfolge, daß seine Schulbücher lange im Gebrauche blieben und auch als Muster dienten für die Schulbücher anderer Provinzen der Monarchie. 1863 folgte er einem Rufe des Ministeriums in den [13] damals neu errichteten Unterrichtsrath, in welchem er das Referat für die böhmischen Schulen übernahm. Als später der bekannte Austritt der čechischen Abgeordneten aus dem Reichsrathe erfolgte, legte Vinařický mit noch mehreren anderen seiner böhmischen Collegen seine Stelle nieder. Aber auch in seinem engeren Wirkungskreise erwarb er sich manches Verdienst um die Schule, erst durch ansehnliche Erweiterung der Ortspfarrschule und später, als sich die Räumlichkeiten derselben noch immer zu enge und ganz und gar nicht der Gesundheit der Kinder zuträglich erwiesen, durch Erbauung einer neuen. Die Gemeinde würdigte dieses humanistische Wirken ihres Seelenhirten im Jahre 1866 durch Verleihung des Ehrenbürgerrechts. Als 1850 in seiner Pfarre die Cholera ausbrach, welcher in Kürze der eine seiner Capläne erlag, übte er, da auch seine beiden anderen Capläne aufs Krankenlager geworfen wurden, allein die Seelsorge im ganzen Umkreise seiner Dechantei, tröstete und ermuthigte die Leute und alle von der Seuche Befallenen mit echt priesterlicher Hingebung. Im Jahre 1855 ernannte ihn sein Bischof Johann Valentin Jirsík [Bd. X, S. 186] zum Vicar von Sobieslaw und übertrug ihm gleichzeitig die Oberaufsicht über das Schulwesen der ganzen Diöcese. Längere Zeit versah Vinařický dieses anstrengende Amt, mit welchem er noch das eines Conservators für den Budweiser Kreis und eines Mitgliedes der Budweiser Landwirthschaftsgesellschaft verband. Allmälig begannen die Kräfte des nahezu sechzigjährigen Priesters zu erlahmen, und sein Wunsch nach einem ruhigen Posten ging auch bald in Erfüllung, indem er 1859 zum Canonicus auf dem Vysehrad ernannt wurde. Auch während der vorerwähnten anstrengenden Dienste war Vinařický literarisch nicht unthätig geblieben. Er vollendete die Uebersetzung der „Eklogen“ und „Georgica“ von Virgil, jene von zwölf Oden des Horaz, welche in der „Museal-Zeitschrift“ (1852) abgedruckt erschienen, dann mehrere die Sprache und ihren Unterricht betreffende Artikel, so: „Ueber den Unterricht der čechischen Sprache in Volksschulen“, „Die čechische Sprache im Hause, in der Kirche, in der Schule und in der Literatur“, „Ueber Lehrerinen an den Pfarrschulen“ u. d. m., sämmtlich in der „Museal-Zeitschrift“ (1857 und 1858) abgedruckt. Wenn sich nun Vinařický, wie oben erwähnt, nach Ruhe sehnte, so fand er sie doch nicht in seiner Stellung als Domherr auf dem Vysehrad.. Als 1860 die Versammlung der katholischen Vereine in Prag stattfand, gab er den Anlaß zur Gründung der Bruderschaft des h. Prokop, einer Gesellschaft, welche es sich zur Aufgabe machte, gute und billige theologische Bücher in čechischer Sprache herauszugeben, und deren Vorstand er wurde; jetzt begann er von Neuem auch die Herausgabe der schon oben erwähnten Zeitschrift für katholische Geistlichkeit (Časopis pro katolické duchovenstvo), an deren Begründung er 1828 vornehmlich thätig gewesen, die aber 1852 eingegangen war. Von 1860 bis 1867 redigirte er sie allein, später in Gemeinschaft mit Dr. Borový; 1861 wurde er zum Capitelpfarrer ernannt, in welcher Eigenschaft ihm nicht geringe Beschäftigung erwuchs; 1863 nahm ihn auch das Predigtamt in Anspruch; dabei aber nahm er regen Antheil an dem sich in Prag immer mächtiger entwickelnden geistigen Leben der čechischen Nation, wohnte den Versammlungen der verschiedenen [14] wissenschaftlichen Vereine bei, so jenen des čechischen Museums, der čechischen Matica, des Svatobor, des čechischen historischen Vereines u. s. w., arbeitete in der Commission zur Herstellung entsprechender Unterrichtsbücher in den Volksschulen, entwickelte für die Förderung der landwirthschaftlichen Vereine, die bereits immer mehr und mehr einen politischen Charakter, der freilich meist heimlich genährt wurde, annahmen, eine rege Thätigkeit, arbeitete nebenbei als Gemeinderath und beschäftigte sich mit der Gründung einer neuen Schule und der Beischaffung einer Fundation für eine zu errichtende Mädchenlehranstalt. Für alle diese Verdienste fand er im Jahre 1868 eine neue Würdigung, als ihn der Cardinal-Erzbischof Fürst Schwarzenberg zum Ehrenrathe seines Consistoriums ernannte. Bei allen diesen Beschäftigungen aber blieb er immer noch schriftstellerisch thätig, veranstaltete in dieser Zeit eine neue und vermehrte Auflage seines „Landtages der Thiere“, eine Sammlung seiner Gedichte, betitelt „Das Vaterland“, schrieb zwei polemische Broschüren in deutscher Sprache: „Der Sprachenklangmesser“ und „Zur Gleichberechtigungsfrage an der Universität“ und bereitete so in seiner Weise den Ausbruch des nationalen Haders vor, der zur Zeit im Lande Böhmen in voller Blüthe steht. Endlich begann er auch die Redaction einer Auswahl seiner Werke für die von Kober in Prag begonnene „Narodní biblioteka“, d. i. Nationalbibliothek. Ueber dieser Beschäftigung aber wurde er plötzlich vom Tode überrascht, so daß er nicht mehr als die Auswahl seiner kleineren Gedichte zu Stande brachte, welche den achten Band des vorgenannten Sammelwerkes bilden. Im Alter von 66 Jahren schloß er sein inhaltreiches, den nationalen Zwecken seiner Nation gewidmetes Leben. Seine Leichenfeier war eine stattliche, und alle Orte seines Wirkens begingen dieselbe mehr oder minder festlich. In seiner Vaterstadt Schlan aber wurde am 24. Juli 1870 an seinem Geburtshause seine Gedächtnißtafel angebracht. Seine Bedeutung als Schriftsteller wird in Böhmen von allen Parteien anerkannt. Als Dichter rühmt man an ihm die tadellose Form, in welche er die reichen Gedanken einer schwungvollen Phantasie einzukleiden verstand; als Uebersetzer der alten Classiker ist er bis jetzt nicht übertroffen; als pädagogischer Schriftsteller und praktischer Pädagog förderte er vor Allem das nationale Princip. Was seine wissenschaftliche Bedeutung betrifft, so läßt sich darüber um so weniger ein endgiltiges Urtheil fällen, als gerade die bedeutendsten seiner historischen, sprachlichen und ethnographischen Arbeiten ungedruckt in seinem Nachlasse sich befinden sollen. Unten folgt eine Uebersicht seiner selbständig herausgegebenen Schriften in chronologischer Folge; der wichtigeren in Sammelwerken, namentlich in der čechischen „Museal-Zeitschrift“ aufgenommenen kleineren Abhandlungen geschah bereits im Lebensabriß Erwähnung. Bei der Entschiedenheit, die einen Charakterzug Vinařický’s bildete, war derselbe nicht frei von Gegnern und hatte er hie und da einen Strauß auszufechten, der jedoch seinen Werth in den Augen seiner Nation um so weniger verkümmerte, als diese gerade in ihm einen der beharrlichsten und energischesten Verfechter ihrer Rechte anerkannte.

Uebersicht der selbständig erschienenen Schriften des Karl Alois Vinařický. „P. Virgilia Maróna zpěvy pastýřské v česke verše uvedl a vysvetlil“, d. i. Des Publius Virgilius Maro Hirtengesänge ins Čechische übersetzt [15] und erläutert (Prag 1828, erzbischöfliche Druckerei, 8°.). – „Ueber den gegenwärtigen Zustand der böhmischen Literatur“ (Prag 1833, 8°.). – „Zpev pastýřský ke dni 3. března 1833 atd.“, d. i. Hirtengesang auf den Tag des 3. März 1833 (Prag 1833, 4°.). – „Battus. Idylla veškerým oudům kapitoly na hrade Pražském“, d. i. Battus. Idylle an sämmtliche Mitglieder des Kapitels auf dem Prager Schlosse (Jungbunzlau 1834, 4°.). – „Pána Bohuslava Hasištejného z Lobkovic vek a spisy vybrané“, d. i. Zeitalter und gesammelte Schriften des Herrn Bohuslaus Hasenstein von Lobkovic (Prag 1836, Wenzel Heß, 12°.). – Česká abeceda, aneb malého čtenáře knížka první“, d. i. Čechisches ABC, oder das erste Buch des kleinen Lesers (Prag 1838, Špinka, gr. 12°.; die zweite Auflage, welche in Prag 1850 bei Jaroslav Pospíšil mit colorirten Abbildungen erschien, führte den einfachen Titel: „Čítanka malých“, d. i. Lesebuch für die Kleinen). – „Dvě básně bez dvou konsonantů“, d. i. Zwei Gedichte ohne zwei Consonanten (Olmütz 1840, 8°.). – „Perly posvátné J. L. Pyrkera. Přeložil“, d. i. Ladislaus Pyrker’s „Heilige Perlen“. Ins Čechische übersetzt (Prag 1846, Pospíšil, gr. 8°.). – „Sněmy zvířat. Bájka i pravda. Od K. V. Slánského, d. i. Landtag der Thiere. Dichtung und Wahrheit. Von S\. V. Slanský (Prag 1841, Heß, 8°.) [unter dem Pseudonym Slanský verbirgt sich Vinařický, der eben aus Schlan gebürtig war]. – „Kytka básniček. Dárek malým čtenářům“, d. i. Ein Sträußchen Lieder. Geschenk für kleine Leser (Prag 1842. Spurný, 12°.). – „Druhá kytka“, d. i. Zweites Sträußchen (ebd. 1845, erzbischöfliche Druckerei, 8°.); eine neue und vermehrte Ausgabe beider Sträußchen erschien in Prag 1852 bei Pospíšil. – „Varyto a Lyra, básně a písně“, d. i. Varito und Leier. Lieder und Gesänge (Prag 1843, Gottl. Haase’s Söhne, 16°.)]Varito ist der Name eines alten böhmischen Musik-Instrumentes]. – „Modlitby maličkých od 7. až do 10. roku“, d. i. Gebete für die Kleinen vom 7. bis zum 10. Jahre (Prag 1845, Gottl. Haase’s Söhne, 16°.). – „Lístky pilnosti za odměnu pro školní mládež dílem větší dílem menší s českými průpovědmi pro chlapce a děvčata“, d. i. Blättchen des Fleißes zur Belohnung für die Schuljugend u. s. w. (Prag, erzbischöfliche Druckerei, 1845). – „Ján Slepý. Historický truchloděj v pěti jednáních“, d. i. Johann der Blinde. Historisches Trauerspiel in fünf Aufzügen (Prag 1847, J. Pospíšil, 12°.). – „Spisy básnické Virg. Maróna. Z latiny přeložil. Obsah: „Aeneida. Zpévy pastýřské. Zpěvy rolnické“, d. i. Die Dichtungen des P. Virgilius Maro. Aus dem Lateinischen übersetzt. Inhalt: Aeneide. Eklogen (zehn bukolische Gedichte). Georgica (didaktisches Gedicht über den Landbau) (Prag 1851, Verlag des böhmischen Museums, gr. 8°.). – „Slabikář a první čítanka pro katolické školy v cís. Rakouském“, d i. Namenbüchlein und erstes Lesebuch für katholische Schulen im österreichischen Kaiserstaate (Prag 1855, Schulbücherverlag, kl. 8°.); erschien ohne Angabe seines Namens. – „Plavba z Týna do Prahy v květnu 1854“, d. i. Wasserfahrt von Teyn nach Prag im Mai 1854 (Prag 1854, Gottl. Haase’s Söhne, 8°.). – „Čítanka druhá a mluvnice pro katolické školy v císařství rakouském“, d i. Zweites Lese- und Sprachbuch für katholische Schulen im österreichischen Kaiserstaate (Prag 1857, Schulbücherverlag, 8°.); im Vereine mit noch Anderen von Vinařický zusammengestellt. – „Snemy zvířat. Druhé vydání rozmnožené a opravené“, d. i. Der Landtag der Thiere. Zweite vermehrte und verbesserte Auflage (Prag 1863, Kober, 12°.). – „Zpráva o Dědictví sv. Prokopa, spolku k vydávání kneh theologických v jazyku českoslovanském“, d. i. Bericht über die Bruderschaft des h. Prokop. Verein zur Herausgabe theologischer Bücher in čechoslavischer Sprache (Prag 1862, Rohliček, 8°.); Vinařický gab diesen Bericht als Obmann des Vereines heraus. – „Vlast. Skládání“, d. i. Das Vaterland: Gedichte (Prag 1863, 16°.). – „List pana Zdeňka Lva z Rožmitála zaslaný 31. červenca 1527 dekanu Karlovo Týnskému Václavovi Hájkovi z Libočan. Vysvetlen s církevního stanoviska“, d. i. Brief des Herrn Zdenko Leo von Rožmital, entsendet am 31. Juli 1527 an den Dechanten von Karlstein Wenzel Hajek von Libočan. Erläutert vom kirchlichen[WS 3] Standpunkte (Prag 1864, Rohliček, 8°.); stand vorher im „Časopis katol. duchovenstva“, 1864. – „Jaro, léto jeseň a zima; pak Kochan a Milina, romanci“, d. i. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Kochan und Milina, Romanzen (o. J. u. O., 8°.). – In mehreren aus feierlichen Anlässen, so zur Ankunft des Kaisers Franz I. in Prag 1833; zur [16] 40jährigen Regierung des Kaisers Franz I. im Jahre 1832; zur Anwesenheit des Kaisers Ferdinand I. und der Kaiserin Maria Anna in Prag 1835; zur Krönung beider Majestäten im Jahre 1836, unter den Titeln: „Hlasy wlastenců“, d. i. Stimmen der Patrioten, „Hlasy duchowenstwa“, d. i. Stimmen der Geistlichkeit, „Hlasy wěrných Čechů“, d. i. Stimmen aufrichtiger Čechen u. s. w. erschienenen Festschriften war auch Vinařický immer durch Beiträge vertreten. Und vom Jahre 1860 redigirte er den „Časopis katolického duchovenstva“, d. i. Die Zeitschrift für die katholische Geistlichkeit, anfangs allein, vom Jahre 1867 in Gemeinschaft mit Dr. Karl Borový. Schließlich sei hier noch seiner deutschen in Dr. Adolph Schmidl’s „Oesterreichischen Blättern für Literatur und Kunst“ (1844, 2. Quartal, S. 27 u. f.] abgedruckten Abhandlung „Zur Geschichte der böhmischen Sprache“ gedacht, worin er bereits als streitbarer Kämpe für seine Muttersprache eintritt und zu beweisen sucht, daß die čechische Sprache in den böhmischen Erbländern eine positive Grundlage habe, daß ihre Nothwendigkeit höchsten Ortes anerkannt und ihre erneuerte Pflege zuerst von der Regierung ausgegangen sei.
Quellen zur Biographie. Frankl (Ludw. Aug.). Sonntagsblätter (Wien, gr. 8°.) 1845, S. 1018, in der Rubrik „Literarische Streiflichter“: „Gutenberg dennoch ein Böhme“ [eine jener literarisch-historischen Phantasien, welche die Slaven zu Griechen, Shakespeare aus Kecskemét gebürtig und Gutenberg zu einem Čechen machen wollen]. – Neue Freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1867, Nr. 922, im Artikel: „Böhmische Nationalwahlen“. [Daselbst heißt es wörtlich: „Außer den genannten beiden Grafen Thun wurden noch als Candidaten der conservativen Partei der Großgrundbesitzer P. Winařický, Domherr am Vysehrad, und Victorin Fürst Windischgrätz in die Liste aufgenommen. Unter anderen Verhältnissen... hatte man nicht jenen nationalgesinnten Priester gewählt, der offenkundig mit der Nation in Zwiespalt lebt, weil er als Schriftsteller für die Jesuiten eingetreten und weil ihm nicht viel hochherziger Sinn nachgerühmt wird, indem es bekannt ist, daß er sich bei der Einsegnung des Leichensteines eines nationalen Schriftstellers von der armen Witwe die Auslagen für einen Wagen, um auf den Kirchhof zu fahren, bezahlen ließ“.] – Oesterreich im Jahre 1840. Von einem österreichischen Staatsmanne (Leipzig 1840, Otto Wigand, gr. 8°.) Bd. II, S. 327. [Daselbst wird Vinařický irrig Winavický genannt, aber folgendermaßen charakterisirt: „Er hat sich besonders auf Uebertragungen lateinischer Dichtungen verlegt und seine Aufgabe bis jetzt so meisterhaft gelöst, daß wohl nicht leicht ein anderes Volk so treffliche Uebersetzungen aufzuweisen hat (?). Er ist auch ein bedeutendes poetisches Talent“.] – Schmidl (Adolph Dr.). Oesterreichische Blätter für Literatur und Kunst (Wien, gr. 4°.) 1845, S. 502 [über Vinařický’s Werk: „Leben und Schriften des Herrn Bohuslav Hasenstein von Lobkovic“]. – Wenzig (Joseph). Blicke über das böhmische Volk, seine Geschichte und Literatur mit einer reichen Auswahl von Literaturproben (Leipzig 1855, Friedr. Brandstetter, 8°.) S. 142 [charakterisirt ihn folgendermaßen: „Verfasser ausgezeichneter Lesebücher für die Volksschuljugend, werthvoller Dichter besonders für die Jugend und vortrefflicher Uebersetzer aus dem Lateinischen und Deutschen“]. – Hlas. Časopis pro katol. duchovenstvo, d. i. Die Stimme. Zeitschrift für die katholische Geistlichkeit, XXI. Jahrg., S. 4. – Jungmann (Jos.). Historie literatury české. Druhé wydání, d. i Geschichte der čechischen Literatur (Prag 1849, Řiwnáč, 4°.). Zweite, von W. W. Tomek besorgte Ausgabe. S. 651. – Přecechtél (Rupert M.). Rozhled dějin českoslovanské literatury a životopisy českoslovanských výtečníkův, d. i. Ueberblick auf die Geschichte der čechoslavischen Literatur und Lebensbeschreibungen čechischer Koryphäen (Kremsier 1872, Jos. Sperlin, 12°.) S. 210–216. – Šembera (Alois Vojtěch). Dějiny řeči a literatury československé. Věk novější, d. i. Geschichte der čechoslavischen Sprache und Literatur. Neuere Zeit (Wien 1868, gr. 8°.) S. 304. – Slovník naučný. Redaktoři Dr. Frant. Lad. Rieger a J. Malý, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Franz Lad. Rieger und J. Malý (Prag 1872, I. L. Kober, Lex.-8°.) Bd. IX, S. 1102–1106. – Světozor. Čechische illustrirte Zeitschrift (Prag, kl. Fol.) 1868, S. 469, 473 und 481: „Karl Alois Vinařický“.
Porträt. Holzschnitt im „Světozor“, 1868, S. 463. Zeichnung von J. B. nach einer Photographie.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vergleiche dazu Königinhofer Handschrift (Wikipedia).
  2. Johann und Joseph Jacob Jungmann.
  3. Vorlage: kichlichen.