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Die erste elektrische Weltausstellung

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Textdaten
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Autor: Ernst Hinkefuß
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Titel: Die erste elektrische Weltausstellung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 712–716
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die erste elektrische Weltausstellung.

Paris, das Herz der französischen Nation, in dem noch vor einem Jahrzehnte der rasende Fanatismus bethörter Massen verwüstend und zerstörend hauste, bietet uns heutigen Tages ein lächelndes Bild des Friedens und der Ruhe dar. Verrauscht sind scheinbar die Stürme des Haders und der Zwietracht, und nur noch ein Wahrzeichen jener traurigen Tage schaut wehmüthig auf uns hernieder – die geschwärzten, zerfallenen und geborstenen Trümmer weltlicher Herrlichkeit des einst allmächtigen Herrscherhauses der „Napoleoniden“, die Tuilerien. Unweit aber von dieser historisch denkwürdigen Stätte, bei deren Anblick man sich des Gefühls des Mitleides nicht erwehren kann, dort in den luftigen, von seinen weiten Eisenrippen überzogenen, aus schimmerndem Krystallglas erbauten Hallen des Palais de l’Industrie der Champs-Elysées entfaltet sich heute ein anderes Bild des friedlichen Wettkampfes der Völker. Dort strahlt in funkelndem Lichte die „Internationale elektrische Ausstellung“, auf deren Resultate man seit fast Jahresfrist in allen technischen, industriellen und Verwaltungs-Kreisen auf’s Höchste gespannt war. Nach dem Vorbilde der deutschen Initiative zur Arrangirung von „Fach-Weltausstellungen“ schlug der französische Minister Cochery zu Anfang dieses Jahres dem französischen Senate die Idee einer „Elektrischen Weltausstellung“ zu Paris vor. Dieser Gedanke fand nicht nur bei der französischen Nation, sondern auch bei allen hervorragenden Culturvölkern sofort volle Anerkennung und ungetheilten Beifall. Die vorbereitenden Schritte wurden schleunigst gethan, und schon am 19. August konnten die Pforten des Ausstellungspalastes während der Tagesstunden und vom 26. August an auch des Abends dem Publicum geöffnet werden.

Wie unaufhaltsam schreitet heute die Menschheit vorwärts! Kaum ein Jahrhundert ist es her, daß die „Kraftmaschine“ der Neuzeit geboren wurde, erst ein halbes Jahrhundert ist verrauscht, seit die erste „Locomotive“ ihren unvergleichlichen Siegeszug begann, und schon zeigt sich heute am Horizonte der entfesselten Naturgewalten ein junges, vielverheißendes Gestirn, das seine Strahlen bereits in hundert Richtungen befruchtend entsendet: die Elektricität.

Alle jene verdienstvollen Männer: Thales von Milet, Otto von Guericke, Franklin, Volta, Arago, Ampère, Galvani, Weber, Faraday, Oersted, Ohm, Jacobi und Steinheil, denen hier im Palast der Elektricitäts-Ausstellung von Lorbeeren umwobene Gedenktafeln und Büsten errichtet sind, sie legen klares Zeugniß davon ab, daß sämmtliche Nationen ihre besten Kräfte eingesetzt haben für die Entwickelung und Förderung der elektrischen Technik.

Die Kraft, welche in dem Gewande des atmosphärischen Blitzes Tod und Verderben unter die Menschheit schleudert und früher als Ausdruck göttlichen Zornes gefürchtet war, ist heute, in tausendfachen Apparaten gefangen, eine neue Helferin des Menschen, sein willig folgender, dienstbarer Geist geworden, und schon droht dieser junge funkelnde Rival ein gefährlicher Concurrent der brausenden irdischen Dampfkraft zu werden. Das seltene fesselnde Bild, welches sich uns im Ausstellungspalaste darbietet, alle die Tausende der hier vorgeführten sinnreichen Apparate, Mechanismen und Erfindungen besiegeln den Beginn des modernen „elektrischen Zeitalters“.

Es ist erstaunlich, sogar oft überwältigend, hier das Functioniren des kleinen knisternden, unscheinbaren elektrischen Funkens in allen seinen mannigfachen praktischen Anwendungen studiren und kennen zu lernen. Da ist, außer der Telegraphie und Telephonie, die Photophonie oder Verwandelung des Lichtstrahls vermittelst Elektricität in Tonschwingungen. Dort am Eingange des Palastes in der Richtung nach dem Obelisk von Luxor des Place de la Concorde fährt eben der „elektrische Waggon“ von Siemens mit fünfzig Personen ruhig und geräuschlos mit großer Schnelligkeit ab, während zur selben Zeit hoch oben in den Lüften der fischähnliche, 4 Meter lange „elektrische Ballon“ von Tissandier lustig herumkreist, und unten im klaren, von aromatischem Blüthendufte und anmuthigen Cascaden umgebenen Bassin, im Centrum der Ausstellung, die „elektrische Gondel“ des Herrn Trouvé allabendlich mit großer

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Deutsche Abtheilung der ersten elektrischen Weltausstellung in Paris.
Nach einer Skizze von Ernst Hinkefuß auf Holz übertragen von Martin Lämmel.

[714] Präcision und anerkennenswerther Schnelligkeit unter allgemeinem Beifall um den aus dem Bassin sich hoch erhebenden Leuchtthurm und durch glitzernde Felsengrotten ihre kleinen Rundfahrten vollzieht. Nur allein dieses Triumvirat: „Waggon, Ballon und Gondel“ genügt schon, um den elektrischen Strom in all seiner Herrlichkeit und Macht wirken zu sehen.

Herr Trouvé, der außer seiner vielbewunderten Gondel auf elektrischem Gebiete in unserem Jahrzehnt eine der ersten Autoritäten der französischen Nation ist – wir erinnern nur an seine zahl- und sinnreichen Erfindungen auf dem Felde der Anwendung des elektrischen Stromes in der Heilkunde – hat in allerjüngster Zeit wiederum die Welt mit einer ganz eigenartigen Schöpfung seines Genies beglückt. Es sind dies lebende, elektrische Schmucksachen: Schmetterlinge, welche ihre Flügel lustig hin und her bewegen, Häschen, welche emsig mit ihren kleinen Pfoten einer silbernen Glocke feine, helle Trillertöne entlocken etc.

Der Verfasser bemerkte diese Schmucksachen an der Coiffüre der Baronin von Rothschild, der Fürstin von Metternich und anderer distinguirter Personen. Nur reiche Leute können sich diesen Luxus erlauben; denn diese reizenden Schmucksachen, welche von den Damen in der Frisur, dagegen von den Herren meist als Busennadel in der Cravatte getragen werden, sind ziemlich theuer und kosten 100 bis 5000 Franken das Stück. Sehr beliebt sind diese elektrischen Kleinodien unter den reichen Radjahs von Ostindien und Birma, welche dieselben vorn an ihrem mächtigen Turban tragen und, so geschmückt, wohl einen sehr fashionablen Eindruck bei Gesellschaften und Gelagen der asiatischen Granden bewirken.

Doch kehren wir zurück von den braunen Fürsten des Ganges in den schimmernden Palast der Elektricität an der Seine, und wenden wir unsere Aufmerksamkeit auf ernstere Gegenstände. Hier stürzen mächtige Wassermassen in Etagenhöhe herab – sie sind vor wenigen Secunden gehoben worden durch die kleine, unscheinbare, dicht danebenstehende elektrische Maschine; dort sitzen zehn junge Mädchen vor zierlichen Nähmaschinen und fertigen allerhand nützliche Wäschestücke und Garderobe, aber sie mühen sich nicht mehr durch das anstrengende Treten der Kurbel ab; das besorgt heute die kleine elektrische Maschine. Gehen wir einige Schritte weiter, der deutschen Abtheilung zu! Hier steht ein großer Pavillon in geschmackvoller Ausstattung, eine Maschinenwerkstatt bildend. Es ist die Ausstellung der rühmlichst bekannten Maschinenfabrik von Heilmann, Ducommun und Steinlen zu Mühlhausen im Elsaß. Große, starke Dreh-, Hobel- und Bohrmaschinen für Eisenbearbeitung sind hier aufgestellt, und zahlreiche dunkle Lederriemen schwirren emsig durch die Luft. Fragen wir: „wer treibt alle diese 20 nimmer rastenden Werkzeugmaschinen?“ Nun, hier unsere kleine elektrische Maschine! Aber sie bewirkt noch mehr. Nicht allein bewegt sie alle diese Arbeitsmaschinen, sondern sie versorgt auch jede dieser Arbeitsstätten durch praktische konische Milchglasglocken mit dem angenehmsten und hellsten „Glühlicht“ nach dem System Edison, jener Beleuchtungsmethode, die bis noch vor wenigen Wochen die ärgsten Anfeindungen erfahren mußte und heute auf der Pariser Ausstellung durch ihre vorzüglichen Eigenschaften bereits alle Gegner besiegt hat.

In die schaurigen Tiefen der meilenlangen Tunnels dringt sie ein, die elektrische Maschine, und treibt hier völlig präcis und sicher die langen Bohrer, welche die Oeffnungen für die Dynamitpatronen zu schneiden haben. In die Oper, in’s Concert zu gehen, haben wir heute nicht mehr nöthig, das besorgt uns die Elektricität einfacher und bequemer. Dort an der Seite des purpurfarbenen Fauteuils hängt ein kleiner silberner Bügel an einer dünnen, seidenen Schnur. Wir lassen uns auf den weichen Sessel nieder und legen den Metallbügel an unser Ohr, um uns sofort inmitten eines wundervoll einherbrausenden Orchesters zu befinden. Wie alt erscheint uns heute dieses kaum vor wenigen Jahren zum ersten Mal vorgezauberte Wunder des Telephons! Und wenn auch alle diese Apparate noch keineswegs den Stempel der Vollkommenheit tragen, wenn auch manche von ihnen für das praktische Leben noch zu unpraktisch und zu theuer sind, so beweisen sie dennoch, daß es möglich ist, diese vielfältigen Arbeiten durch die elektrische Kraft zu vollbringen, und sie alle eröffnen eine bisher ungeahnte Aussicht auf neue Reformen in unserem Culturleben.

Da der elektrische Strom heute fast ausschließlich durch schnelle Rotation erzeugt wird und diese Rotation, außer mittelst Dämpfen und Gasen, durch jede beliebige elementare Kraft, wie Wind und Wasser, billig erhalten wird, so leuchten die weiteren nationalökonomischen Vortheile der allgemeinen Einführung der Elektricität in sämmtlichen Zweigen der Industrie und der Gewerbe sofort ein.

Die in einem einzigen Wasserfall der Erde, dem Niagarafall, enthaltene lebendige Kraft ist gleich derjenigen Dampfkraft, welche jährlich aus 270 Millionen Tons Steinkohlen erhalten wird, und das ist genau die Fördermenge der Kohlen aller Länder während eines Jahres. Es ist unbegreiflich, daß die amerikanische Nation, die sonst stets bei allen großartigen Unternehmungen schlagfertig dasteht, hier am Niagara in jedem Jahre die nützliche Kraft von 16 Millionen Pferden unbenutzt läßt.

Aber nicht allein der Niagara, sondern alle minder großen Wasserfälle der Erde, alle Stromläufe, sowie das continuirliche Phänomen der Ebbe und Fluth, können gezwungen werden, eine billige und außerordentlich gewaltige Elektricitätsmenge zu erzeugen. Sehen wir uns jedoch nach dieser allgemeinen Betrachtung die einzelnen in der Ausstellung vertretene Fächer der elektrischen Technik genauer an.

Diejenige Anwendung der Elektricität, die zur Zeit wohl das größte allgemeine Interesse in Anspruch nimmt, und welche demzufolge auch auf der Pariser Ausstellung außerordentlich cultivirt erscheint, ist unstreitig die Erzeugung des „elektrischen Lichtes“. Diese Errungenschaft der Neuzeit datirt im Großen erst seit der letzten Pariser Weltausstellung des Jahres 1878, obwohl bereits im Jahre 1813 Davy den ersten Volta’schen elektrischen Lichtbogen erzeugte. Was sich hier des Abends von 8 bis 11 Uhr dem Publicum im Ausstellungspalast darbietet, versetzt uns aus dem Reiche des Irdischen hinaus in das Reich des „Idealen“, in das Reich der wunderbaren Feenmärchen, die wir in unserer Jugend so oft geträumt.

Schon lange, ehe man den Palast der Ausstellung betritt, wird man getroffen von den lang gezogenen Strahlen zweier mächtiger elektrischer Reflectoren, die, gleich großen glänzenden Gestirnen, vom dunklen hohen First des Palastes ihre blitzenden Strahlen in die weitesten Entfernungen senden. Wunderbar geisterhaft erscheint der hierdurch grell erhellte berühmte Obelisk von Luxor des Place de la Concorde. Kommt man dem Palast näher, so erblickt man die Statuen zweier edel geformter Nymphen, welche mit ihren Händen eine starke elektrische Lichtquelle emporhalten, gedämpft durch eine in echt griechischem Stil gehaltene, die lang gezogene Form eines Prismas darstellende Laterne.

Bei jedem Schritt, den wir jetzt weiter zurücklegen, empfangen uns größere und zahlreichere elektrische Candelaber. Aber im Innern des Palastes, den wir nun betreten, strahlt und blitzt es aus circa 3000 elektrischen Flammen, von der stärksten möglichen hier benützten Lichtintensivität zu 4000 Normalkerzen bis zur kleinen elektrischen Glühlichtzimmerflamme von 8 Normalkerzen. Circa 50 verschiedene Systeme der Erzeugung elektrischen Lichts sind hier auf der Ausstellung vertreten und wetteifern allabendlich mit einander. Es würde uns jedoch zu weit führen, die Vorzüge und Nachtheile aller der einzelnen elektrischen Lampen zu besprechen. Wir theilen im Folgenden nur über diejenigen, die ein besonderes Interesse erwecken, Näheres mit.

Während die einen Aussteller das elektrische Licht frei von den glühenden Kohlenstäben herabstrahlen lassen, hüllen es andere in Milchglasglocken ein, um so die grelle Wirkung desselben zu mildern, und Andere wiederum fangen das in Souterrainräumen erzeugte Licht in großen Spiegeln auf und lassen alsdann den milderen, aber auch matteren Schein in die zu erleuchtenden Hallen sich ergießen. So hat ein Erfinder seinen elektrischen Beleuchtungsapparat, der speciell für Straßen- und Platzbeleuchtung bestimmt ist, tief in die Erde verlegt und läßt die elektrischen Lichtstrahlen von unten durch eine kleine Bodenöffnung im Trottoir vertical zu imposanter Höhe emporschießen, wo sie hoch oben in der Luft von einem gigantischen, von hoher Säule getragenen Reflector aufgefangen und, von diesem zurückgestrahlt, ihrem eigentlichen Wirkungskreise, dem Trottoir und Fahrdamm wieder nach unten zugeführt werden. Jedenfalls eine originelle Idee, deren Verwendung möglicher Weise bei unserer modernen „Theaterbeleuchtung“ zu erwägen wäre. Auf diesem letzteren Gebiete kommt es ja vor Allem darauf an, eine Beleuchtung zu schaffen, welche den Innenraum des Theaters nicht erhitzt und jede Feuersgefahr ausschließt. Beide dieser Bedingungen sind aber bei letzterem Systeme vollkommen gelöst.

[715] Ungleich günstiger als alle großen Kohlenregulatoren des Volta'schen Lichtbogens erweist sich, was die Erzeugung eines ruhigen und geräuschlosen Lichtes anbelangt, das kleine „Glühlichtsystem“ Edison's. (Vergl. „Gartenlaube“ Jahrg. 1880, Nr. 5.<) Der Ruhm dieses amerikanischen Erfinders ließ seine Neider nicht ruhen, und so finden wir denn hier auf der Ausstellung außer Edison'schem Glühlichtsystem diejenigen von Swan, Maxim und Lane Fox. Bekanntlich entsteht hier das Licht in einer luftleeren kleinen Glaskugel, in welcher der elektrische Strom einen schwachen Kohlenfaden durchlaufen muß. Das Glühen dieses Kohlenfadens giebt das Licht. Alle vier Glühlichtsysteme sehen sich einander ähnlich wie ein Ei dem anderen und unterscheiden sich nur durch die Form des angewandten Kohlenfadens. Während Edison seine einfache ursprüngliche Form „U“ oder „“ beibehalten, bringt Swan den Kohlenfaden in Form einer doppelten Schlinge, Lane Fox ist noch sorgloser und wendet nur einen um einen Millimeter größeren Krümmungsradius des Edison'schen Bogens an, während Maxim geistreich und selbstgefällig den Kohlenfaden in Gestalt seines Anfangsbuchstabens, des „M“, anwendet. Die Erfinder behaupten zwar außerdem eine ganz besondere Präparation der Kohle entdeckt zu haben; der wesentliche Unterschied derselben dürfte jedoch schwerlich von Belang sein.

Man war bei der Eröffnung der Pariser Ausstellung nicht wenig gespannt, was Edison, der viel bewunderte und viel geschmähte Amerikaner, hier der Kritik vorführen werde. Der Erfinder des „Phonographen“ scheint sich aber der Bedeutung der Pariser Elekricitäts-Ausstellung wohl bewußt gewesen zu sein; denn der Eindruck seiner Glühlichtsalons, die allabendlich von circa 500 an 2 kostbaren Krystalllüstres und einer großen Anzahl kleinerer Wandleuchter brennenden Glaskugeln erhellt werden, ist nach allgemeinem Urtheile ein überwältigender.

Hier ist kein Flackern; nicht das mindeste Geräusch vernimmt man; keine Hitze verspürt man mehr in den Salons, nur eine außerordentlich behagliche reine Luft; dazu kommt noch das angenehm belebende Colorit des kleinen Glühlichtbogens: wahrlich, wir haben hier fast das „Ideal der Beleuchtung“ vor uns. Zur Zeit ist der Ingenieur der Edison'schen Abtheilung, Mr. Batchelor, im Palais de l'Industrie damit beschäftigt, einen neuen Dampfkrafterzeuger zur Speisung von weiteren 500 Glühlichtern aufzustellen Der Preis des Glühlichts wird vorläufig gleich demjenigen des Steinkohlengases normirt werden. Für Paris ist die Organisation des Glühlichtsystems Edison's bereits für Wohnhäuser und Industrielle Etablissements in Angriff genommen.

Die allabendlich im Ausstellungspalast entwickelte elektrische Lichtmenge von rund 1/2 Million Gasflammen wird erzeugt durch Rotation von 50 Dampfmaschinen und Locomobilen, sowie einer größeren Reihe Gaskraftmaschinen. Die Gesammtstärke aller dieser Kraftmotoren kann man auf rund 1500 Pferdekräfte normiren, und sind außerdem zur Erzeugung der elektrischen Ströme für die Telegraphenapparate etc. circa 2000 Elemente thätig.

Elektrisches Licht in luftverdünntem Raume finden wir noch in einer vorzüglich ausgestatteten Collection der beiden Firmen Dr. Geißler’s Nachfolger (Müller) in Bonn und Müller in Hamburg. Hier entsteht das prachtvollste Licht, sobald man einen Inductionsfunken durchschlagen läßt. Die in allen möglichen Formen, Windungen und Figuren gebogenen Glasröhren und Kugeln sind zum Theil mit phosphorescirenden und fluorescirenden Stoffen, als Cosin, Aesculin, Chlorophyll etc., präparirt und geben die verschiedenartigsten, wunderbarsten Lichteffecte. Voraussichtlich wird dieses Glühlichtsystem sehr bald praktische Verwendung finden in Personen- und Eilzügen der Eisenbahnen, sowie Schiffskajüten. Alle Grundbedingungen zur Erzeugung und Verwendung des elektrischen Lichts sind hier vorhanden: schnelle Rotation, genügende disponible Dampfkraft und kleine, mäßig zu erhellende Räume. Da Amerika auf diesem Gebiete vorangegangen, wird die übrige Verkehrswelt wohl bald folgen.

Sehr hohes allgemeines Interesse erregen ferner auf der Pariser Ausstellung die „galvanoplastischen“ Niederschläge und Präparate. Nachdem im Jahre 1888 Jacobi das erste gelungene galvanoplastische Experiment gemacht, finden wir heute hier galvanoplastische Niederschläge von Kupfer, Gold, Silber etc. in Platten von 1 Quadratmeter Größe und 11/2 Centimeter Dicke von chemisch reinster Beschaffenheit, Kupferbarren und Stäbe von 1 Quadratdecimeter Querschnitt und bedeutender Länge, mächtige Gold- und Silberbarren, alles durch Elektricität niedergeschlagen, ferner an die zahlreichen architektonischen und künstlerischen Anwendungen der Galvanoplastik in den Kunstgewerben: die gediegensten Formen und Schöpfungen der Ciselirarbeit, auf galvanischem Wege verschönert und bis zu höchster Stufe vollendet, galvanoplastische Nachbildungen des berühmten Hildesheimer Silberfunds, Verkupferungen von natürlichen Fröschen und allerhand Amphibien und anderer eigenartiger Gegenstände.

Für das technische Publicum besonders sehr anziehend sind die reichhaltig vorgeführten „historischen Originalapparate“ aller großen Physiker und Gelehrten der elektrischen Wissenschaft. Da sehen wir die erste Reibungs - Elektrisirmaschine von Otto von Guericke in Gestalt einer massiven großen Schwefelkugel, welche, mit einer Handkurbel gedreht, die Elektricität erzeugt. Da steht ferner in der deutschen Abtheilung das erste elektrische Ei, der Urahn des Edison'schen Glühlichts, in wunderlicher mittelalterlicher Holzeinfassung, ebenfalls von Otto von Guericke erfunden. Hier, in einem simplen Glaskasten, hängt das Bild von Ph. Reis, daneben sein erstes Telephon.

Auch die erste elektrische Eisenbahnlocomotive, welche Siemens auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung zum ersten Mal öffentlich gezeigt hat, ist da; ebenso erblicken wir die ersten Telegraphenapparate von Steinheil, Weber, Gauß, die erste dynamo-elektrische Maschine (1888) von Siemens – Beweise genug, daß die deutsche Nation auf elektrischem Gebiete ebenso tüchtig und erfahren wie im Kriegswesen ist. In den Collectionen anderer Staaten finden wir ferner die „erste Säule Volta's“, den „ersten Nadeltelegraphen“, Originalbriefe elektrischen Inhalts von Newton, Ampere und Volta, sowie eine große Anzahl alter Werke der hervorragendsten Autoren wie Franklin, Priestley und Anderer.

Was das weite Gebiet der „Zeiger-, Schreib- und Drucktelegraphen“ betrifft, so hat besonders Frankreich eine vorzügliche anschauliche Sammlung seines Ministeriums der Post und Telegraphen vorgeführt. Von anderen Staaten sind besonders das deutsche Reich, Oesterreich und Amerika im Telegraphen- und Signalwesen hervorragend vertreten. Hier finden wir den elektrochemischen Apparat von Sömmering vom Jahre 1809, der auf der Zersetzung des Wassers basirte, ferner alle die zahlreichen Erfindungen von Siemens, Schmidt (Sachsen), den ersten Farbschreiber von John (Böhmen) und den erst vor wenigen Monaten erfundenen Harmonic Telegraph von Gray (Amerika), der es ermöglicht, mit Hülfe nur eines Drahtes gleichzeitig zwischen sechs Apparaten hin und zurück zu correspondiren. Das Princip des Gray’schen Systems beruht auf der continuierlichen Erzeugung von kleinsten Schwingungen durch einen fortwährend vibrirenden Theil, Stimmgabel genannt. Hebt man diese feinen Vibrationen durch das Lösen eines Hebels in dem einen Apparat auf, so ist die Communication nach den anderen Apparaten augenblicklich unterbrochen. Die Ausführung der Apparate, welche in Chicago gebaut sind, zeugt vom feinsten und gediegensten Geschmack, sowohl was Exactheit der Function, wie auch künstlerische Ausstattung betrifft.

Zur Isolirung der elektrischen Apparate verwendet man in neuester Zeit außer den früher üblichen Stoffen: Holz, Elfenbein, Guttapercha mit großem Erfolge den „Glimmer“, der in sehr umfangreichem Maßstabe von Max Raphael, Glimmerfabrik zu Breslau zu diesem Zwecke verarbeitet wird. Raphael, ein geborner Holländer, bezieht seit dem Jahre 1835 das Rohmaterial aus seinen reichen Glimmerminen Ostindiens und liefert für den gesammten europäischen Continent, sowie auch nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika (Edison bezieht seine Telephon-Membrane sämmtlich von Breslau) seine Fabrikate als: Compaßrosen, Platten und Scheiben in jeder Form, Telephon-Membrane und matte Scheiben für elektrisches Licht, Glimmerspiegel zu Reflectoren und Signalgebungen bei Leuchttürmen Platten zu Condensatoren und Blockapparaten etc. Der jährliche Export Raphael's nach Ostindien beläuft sich auf 400,000 Dutzend, nach New-York auf eine halbe Million Glimmerpräparate.

Auf unserer beigegebenen Illustration haben wir die Abtheilung des deutschen Reichs dargestellt. Im Centrum erblickt man die Büste der Germania auf hoher, von Telegraphenkabeln gezierter Säule, modellirt von Eberlein. Rechts von ihr erhebt sich der große elektrische Candelaber von Siemens nach den Entwürfen der Architekten Kyllmann und Heyden. Wir sehen ferner [716] weiter rechts die Ausstellung der historischen elektrischen Apparate des deutschen Reichspostamts mit den Büsten von O. von Guericke, Steinheil und Anderen, links die Collection der Kabel von Felten und Guilleaume, im Hintergrunde den Pavillon von Siemens und Halske, links im Vordergrunde den mächtigen elektrischen Leuchtthurm, der sich aus einem klaren sprudelnden, von Fächerpalmen und anderen exotischen Pflanzen gezierten Bassin stolz emporhebt, während unten im Wasser Herr Trouvé in seiner elektrischen Gondel durch die kleine Felsengrotte steuert und hoch oben in der Luft der elektrische Ballon von Tissandier seine Fahrten vollzieht. Das Arrangement der deutschen Abtheilung hat in anerkennenswerther Weise der Geheime Oberregierungsrath Elsasser unter Assistenz der Herren Zappe, Keerl und Schulze geleitet. Doch wir brechen heute ab, um Weiteres in unserem zweiten Berichte nachzuholen.

Die Elektricitäts-Ausstellung zu Paris wird am Horizonte der Wissenschaft, der Industrie und des Verkehrs auf lange Zeit ein leuchtendes Gestirn bleiben und dem Menschengeist eine Mahnung sein, nimmer zu rasten auf dem Pfade der Erkenntniß des Weltalls und der Naturkräfte. Immer weiter und weiter dringen wir vor in das Geheimniß der Natur; immer näher gelangen wir dem Ziel unserer Wünsche, unserer Arbeit; doch, wenn wir wähnen, es erreicht zu haben, siehe da, wie ein neckisches Irrlicht wandert es vor uns einher bis in die unendlichsten Fernen und Zeiten.

     Paris, im September 1881. E. Hinkefuß.



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