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Die erste elektrische Welt-Ausstellung (2)

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Autor: Ernst Hinkefuß
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Titel: Die erste elektrische Welt-Ausstellung. II. Der Congreß der Elektriker und die elektrischen Conferenzen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 862–864
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Erfindungen auf der Internationalen Elektrizitätsausstellung 1881
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[862]

Die erste elektrische Welt-Ausstellung.

II.[1]
Der Congreß der Elektriker und die elektrischen Conferenzen.

Vor einigen Wochen haben wir ein möglichst anschauliches Bild der interessanten elektrischen Welt-Ausstellung zu Paris vor den Augen unserer Leser zu entrollen versucht. Wir haben gesehen, daß der elektrische Strom heutigen Tages bereits, wie er dies bisher in den Verkehrsrichtungen that, auch in sämmtlichen industriellen Gebieten als neue wohlthätige Kraft von erstaunlicher Vielseitigkeit und Tragweite auftritt. Aber nicht allein jene nach Tausenden zählenden sinnreichen Maschinen und Mechanismen, welche durch die seltene Exactheit ihrer Functionen das Herz jedes Ingenieurs erfreuten, waren der Magnet für die Besucher des Palais de l’Industrie, nein, zwei andere Factoren wetteiferten mit ihnen in fast gleichem Maße, um die Gunst des Publicums für die Ausstellung rege zu halten. Das waren der Congreß der Elektriker und die elektrischen Conferenzen.

Oben in den Salons der ersten Etage des Ausstellungspalastes unter mehreren langen Glaskästen ruhen kostbare werthvolle Reliquien. Neben Nobili’s erster Säule steht hier die weltberühmt gewordene erste Originalsäule Volta’s, daneben befinden sich Autogramme Galvani’s und viele andere theuere und werthe Erinnerungen an die Jugendjahre der elektrischen Forschung. Es ist ein unsagbares Gefühl, welches aus diesen, meist in primitivster Form gebauten, aber doch so unendlich großartige Gedanken offenbarenden Mechanismen zu uns spricht. Eine wehmüthige Erinnerung an die Todten erfüllt uns diesen Denkmälern geistigen Forschens und Ringens gegenüber. Aber neben den Tod trat das Leben, als am 15. September im Palais de l’Industrie eine Versammlung von Männern der Wissenschaft und Technik sich entfaltete, wie sie gewiß selten in gleicher Würde und gleichem Range bisher zu finden war, eine Gesellschaft von Größen des Geistes, welche darthat, daß die Neuzeit Vertreter der wissenschaftlichen Forschung aufweist, die den glanzvollsten Namen der Vergangenheit völlig ebenbürtig zu erachten sind.

Wohl an zweihundert Gelehrte, Ingenieure und Techniker aus allen civilisirten Staaten waren dem Rufe Cochery’s gefolgt und begannen hier ihre gemeinsamen Besprechungen und Arbeiten zur Förderung und Befestigung der elektrotechnischen Wissenschaft und ihrer Anwendung für Industrie und Gewerbe. Wenn auch die Anzahl der aus allen Welttheilen herbeigeeilten Mitglieder eine verhältnißmäßig große war, so waren doch, wie leicht begreiflich, eine Reihe berühmter Namen in Paris nicht vertreten. Da fehlte vor Allen der greise Professor Weber aus Göttingen, der am 24. September d. J. sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum als Professor feierte. Ihn ehrte der Pariser Congreß damit, daß er an jenem Tage an den verdienstvollen deutschen Gelehrten ein in hoher Weise anerkennendes Telegramm sandte.

Unter dem Präsidium des Ministers Cochery und der Leitung der drei Vicepräsidenten Govi (Italien), Thomson (England) und Helmholtz (Deutsches Reich) hielt der elektrische Congreß seine Berathungen in der Zeit vom 15. September bis 15. October. Er beschäftigte sich in eingehender Weise mit der Erörterung wichtiger Fragen des elektrischen Gebietes, und zwar in Plenarsitzungen an jedem Dienstag, sowie in Berathungen für Fachabtheilungen an den übrigen Tagen. Der Sitzungssaal dieser auserlesenen Versammlung war allabendlich von 500 elektrischen Glühlichtern in angenehmster Weise erleuchtet. Vollkommen mathematisch ruhige kleine Flammen, in duftige Vacuumgläser gehüllt, waren an den Wänden angebracht, und die Wände selbst machten in ihrer pompejanisch-rothen und blaßgrünen Gobelinumkleidung einen ernsten und würdigen Eindruck.

Eine der Hauptaufgaben der Congreßmitglieder bestand darin, die ausgestellten elektrischen Apparate genauer Prüfung und Beurtheilung zu unterziehen und die würdigsten durch eine äußere Auszeichnung zu belohnen. Diese internationale Jury, welche ihre Arbeiten in der Zeit vom 26. September bis 26. October vollendete, setzte sich aus 150 Mitgliedern zusammen, und als Präsident derselben fungirte Herr Teisserenc de Bort, dem die Vicepräsidenten Barker (Vereinigte Staaten), Rosetti (Italien), Belpaire (Belgien), de la Rue Warren (England) und Professor Dr. Wiedemann (Deutsches Reich) zur Seite standen.

Die Auszeichnungen bestanden in 50 goldenen, 200 silbernen und 500 bronzenen Medaillen, sowie in Ueberreichung von Ehrendiplomen. Es war keine leichte Aufgabe, in dem zahllosen Gewirre complicirter Apparate das wahrhaft Gute vom Unbrauchbaren zu scheiden, die Jury aber, in einzelne Gruppen getheilt, vollzog diese Function zu allgemeinster Befriedigung.

Begleiten wir heute eine solche Jurygruppe nach mehreren Abtheilungen der Ausstellung!

Interessantes bietet die elektrische Ausstellung auf dem Gebiete des Eisenbahn-Signalwesens. Es ist daher sehr begreiflich, daß die Augen der Jurymitglieder beim Passiren der deutschen Abtheilung sich besonders auf die interessanten Signalapparate des Professors Wittwer und Mechanikers Wetzer richteten. Das Princip dieser neuen Signalvorrichtungen beruht darauf, daß die gegenwärtigen sogenannten „Omnibuslinien“ der Eisenbahnen in der Art eingerichtet sind, daß ein Leitungsdraht eine kleinere oder größere Anzahl von Stationen unter sich und mit einer einem größeren Netze angehörigen Hauptstation verbindet. Die nothwendige Folge davon ist, daß alle diese Stationen die nämlichen Zeichen erhalten. Correspondiren zwei Stationen mit einander, so bewegen sich nicht nur die Apparate dieser beiden, sondern auch sämmtlicher übrigen, und es ergiebt sich hieraus, daß, wenn der Apparat einer Station in Bewegung ist, damit noch nicht darauf hingedeutet wird, daß mit dieser Station gesprochen werden soll. Würde man an irgend einer Station an dem Telegraphen eine Glocke anbringen, so würde diese stets läuten, wenn auf der Linie überhaupt gesprochen wird, und das wäre nicht nur unnütz, sondern in kürzester Zeit unerträglich. Es bleibt also bei der gegenwärtigen Einrichtung nichts anderes übrig, als fortwährend in dem Telegraphenbureau zu warten, bis man angerufen wird.

Das Läutewerk von Wittwer und Wetzer hat nun die Bestimmung, von den verschiedenen Stationen einer Linie jede beliebige andere mit Umgehung der übrigen durch eine Glocke [863] anzurufen. Es läutet nur an der angerufenen Station, läutet aber dort so lange, bis der Beamte kommt und den Wecker stellt. Der Telegraphist braucht hier also nicht den ganzen Tag in seinem Bureau zu bleiben; denn wenn man ihn braucht, wird ihm geläutet. Es kann sogar der Telegraph in der Nacht zur Verfügung gestellt werden, was oft von außerordentlicher Bedeutung ist.

Die Behandlung des Läutewerkes ist eine sehr einfache; an der Vorderseite gewahrt man ein Zifferblatt nebst Zeiger, der im Ruhezustande auf Null weist. Jede Station hat ihre bestimmte Ziffer. Drückt man nun an irgend einer Station den Taster nieder, so bewegen sich die Zeiger aller Stationen und ebenso der eigenen, und dauert der Druck ununterbrochen fort, bis der Zeiger eine bestimmte Zahl erreicht hat (worauf man den Taster auslöst), so läutet es an der der Ziffer entsprechenden Station. Dieses Signalsystem ist in Baiern bereits auf mehreren Bahnlinien in Anwendung gebracht worden und hat sich als vollkommen sicher bewährt. Die allgemeine Einführung für Baiern steht bevor.

Das Bereich des Eisenbahnwesens hat sich in dem kurzen Zeitraume eines halben Jahrhunderts zu so ungeahnter Höhe gehoben – wir erinnern nur daran, daß zur Zeit in dem Eisenbahnnetze unserer Staaten über 100,000 Locomotiven und eineinhalb Millionen Waggons cursiren – und ist mit der Entwickelung unseres modernen Culturlebens so eng verknüpft, daß es sich wohl lohnt, an dieser Stelle noch eines zweiten wichtigen Punktes zu gedenken, der eine nicht minder einflußreiche Rolle in der Wahl der Mittel für die Sicherung des reisenden Publicums spielt. Es sind dies die verschiedenen Systeme der Bremsvorrichtungen. Wir beabsichtigen nicht, eine eingehende Beschreibung oder Auseinandersetzung dieser oft sehr sinnreichen Constructionen zu geben, sondern wollen nur den Vorgang des Bremsactes uns einmal näher betrachten. Die Hauptaufgabe der Eisenbahn-Ingenieure bei Erfindung neuer, rationell wirkender Bremsvorrichtungen gipfelt stets darin, den Zug so schnell wie möglich, aber auch so sanft wie möglich zum Stehen zu bringen.

Wohl zur Genüge bekannt ist die immense Geschwindigkeit unserer Bahnzüge, die im Verein mit dem Gesammtgewicht aller fahrenden Waggons die sogenannte „lebendige Kraft“ des ankommenden Bahnzuges repräsentirt. Diese Kraft, oder wenn wir wollen, die Gewalt, welche jeder zu bremsende Zug in sich trägt und welche durch die Bremsoperation erst vernichtet werden muß, damit der Zug zum Stillstand kommt, ist, wie leicht ersichtlich, sehr bedeutend. Summirt man diese lebendige Kraft aller fahrenden Bahnzüge unseres irdischen Eisenbahnnetzes, so braucht man keineswegs Fachkenner zu sein, um zu dem Resultat zu gelangen, daß sich in einem Zeitraume von fünfzig Jahren, bei progressiver Steigerung des Verkehrs, eine ganz erstaunliche Gesammtkraftleistung ergeben muß, die wir durch unsere Eisenbahnbremsen bisher leider stets vernichtet haben. In der That, stellt man in dieser Richtung eine genauere Rechnung an, so stoßen wir auf einen Verlust von „Milliarden“, die in national-ökonomischer Hinsicht besser hätten verwerthet werden können.

Es ist das Verdienst der Elektricitäts-Ausstellung, auch auf diesem, wie wir sehen, interessanten Gebiete wiederum einen bedeutsamen Schritt vorwärts gethan zu haben. Das Gebiet der „Accumulatoren“ hat in dem System Planté-Faure (vergl. Nr. 29) einen sehr wesentlichen Fortschritt erfahren. Während Planté den Besuchern der Ausstellung in seiner Abtheilung auf das Instructivste die Art und Weise vor Augen führt, wie und in welchem Zeitraume er die Erfindung seiner „Secundär-Batterie“ – bestehend aus Blei-Elementen von großer Oberfläche mit verdünnter Säure, welche die empfangene Elektricität in sich aufstapeln und nach beliebiger Zeit und an beliebigem Orte wiederum abgeben – gemacht, zeigt uns Faure in seiner Abtheilung das Wesen dieser elektrischen Kraftsammler in höchst anschaulicher Weise. Hier stehen solche Blei-Elemente in sehr beträchtlicher Anzahl und werden den ganzen Tag über durch die Rotations-Elektricität der aufgestellten dynamo-elektrischen Maschinen gespeist. Beim Beginn des Abends bemerkt man das Auslösen einiger Elemente; dieselben werden auf einen Schubkarren geladen und fort an einen entfernten Ort der Ausstellung gefahren, um dort, eingeschaltet in die Drahtleitung eines Glühlichtcomplexes, die zur elektrischen Erleuchtung nöthige Kraft abzugeben. Ein Element Faure wiegt 25 Kilogramm und kostet 100 Franken. Was die Kraft und die Dauer dieser Elektricitätssammler anlangt, so haben sorgfältig angestellte Ermittelungen, welche Thomson in Paris, Glasgow und London sammelte, ergeben, daß beispielsweise

4 Elemente treiben können 1 Nähmaschine während 1 Woche,
6 1 Velociped oder
1 Boot mit 2 Personen
6 Stunden,
8 1 Wagen mit 2 Rädern 6
16 1 Wagen mit 4 Rädern 6
40 1 Omnibus v. 24 Plätzen 3
60 1 Omnibus v. 40 Plätzen 3

Die Elemente Faure kann man jetzt bereits bis zu einer Intensität mit Elektricität füllen, daß man mit einem einzigen Elemente ein kleines Glühlicht zum Leuchten zu bringen vermag, und was die Verwendung dieser elektrischen Accumulatoren im Bereiche des Bahnbremsens anlangt, so wird dieselbe dahin zielen, durch geeignete Vorrichtungen die schnelle Rotation der Räder während der bisherigen Bremsdauer zur Erzeugung von Elektricität zu benutzen, dieselbe sodann in den Elementen aufzuspeichern und nach Belieben vermittelst Drahtleitung nach den Glühlicht-Vacuumglocken der einzelnen Coupés zu führen, um dieselben zu beleuchten.

Eine weitere vielverheißende Richtung der Verwendung der elektrischen Kraft, welche sowohl für die gesammte Industrie wie auch für eine große Reihe anderer Zweige von gleichem Werthe sein dürfte, eröffnete sich aus jenem merkwürdigen Experiment, welches in der letzten Zeit der Ausstellung vor einer zahlreichen Versammlung der Congreßmitglieder in der Siemens’schen Abtheilung ausgeführt wurde. Ein unscheinbares Gefäß von Graphit, durch einen Deckel lose verschlossen, in den ein Bündel starker Kohlenstäbe führte, wurde mit einer Menge einzelner Stahlstücke in der Größe einer Wallnuß angefüllt. Die Kohlenstäbe, sowie der Boden des Graphitgefäßes waren in elektrischer Verbindung mit einer dynamo-elektrischen Maschine. Sobald der Strom geschlossen wurde, stieg sofort aus dem Graphitgefäß ein dicker, weißer Rauch auf. Durch ein gefärbtes Glas konnte man, sowie der Deckel abgehoben wurde, erkennen, daß die einzelnen Stahlstücke zusammensanken und bald eine flüssige Masse bildeten. Der elektrische Strom hatte also hier auf höchst einfachem Wege durch seine Intensität den festen „Stahl“ in schneller Zeit geschmolzen. Daß dieses so vollendete interessante Experiment als der Ausgangspunkt einer völlig neuen Aera unserer zukünftigen Schmelz-, Heiz- und Kochmethoden anzusehen ist, darüber kann nur derjenige im Zweifel sein, welcher diesen in jeder Weise gelungenen Untersuchungen nicht beigewohnt hat.[2]

Wie wir uns heute in unseren Häusern und Wohnungen der Annehmlichkeiten der Wasser- und Gasleitungen, sowie der elektrischen Signal-Vorrichtungen erfreuen und sich schon das elektrische Telephonnetz in großen Zügen zu entfalten beginnt, so wird die nächste, zum Theil auch schon die jetzige Generation die unleugbaren Vortheile der elektrischen Kraftleitung, der elektrischen Lichtleitung und der elektrischen Heiz- und Kochleitung genießen. Die Speisen, welche unsere Nachkommen verzehren werden, werden in Wahrheit durch „Elektricität“ zubereitet sein, die Theater und Concerte, die wir dann hören, per Elektricität in unser Ohr gelangen; denn schon besitzt, um ein Beispiel anzuführen, der Präsident der französischen Republik, Mr. Grevy, seit einiger Zeit drei Telephon-Theater in seinem Hause.

Das Gebiet der sogenannten „directrotirenden Maschinen“, welches bisher schon manchem Erfinder erwartungsvolle Stunden, aber auch oft getäuschte Hoffnungen gebracht, wird in nächster Zeit auf elektrischem Felde eine bedeutende Rolle spielen. In der russischen Abtheilung, System Zveritinow, sowie auch in der deutschen von Siemens, nach dem System Dolgoruki, waren kleine rotirende Maschinen ausgestellt, welche direct ohne jede Vermittelung von Riementransmission die Achse der dynamo-elektrischen Maschine in Rotation versetzten. Ein ähnliches Princip, die Vermeidung der Riementransmission, liegt auch der großen elektrischen Kraftmaschine von Edison zu Grunde, welche allabendlich unter großer Präcision bei der rapiden Kurbelumdrehung von 350 Mal in der Minute circa 1000 bis 1200 Glühlichter der gesammten elektrischen Ausstellung mit Elektricität versorgte. Edison läßt aber den Dampf nicht auf einen rotirenden Kolben, sondern auf einen in gerader Linie hin- und hergehenden wirken. Jedenfalls ist aber die hier eingeschlagene Richtung, sich möglich von jeglicher Riementransmission zu emancipiren[WS 1], als eine sehr gerechtfertigte zu bezeichnen, und wird dieselbe den elektrischen Anlagen nur zum Vortheil gereichen. – –

[864] Wir wollen nun zum Schluß unserer Elektricitäts-Betrachtungen noch einige Worte über die „elektrischen Conferenzen“ anführen. Die große Reichhaltigkeit der Ausstellung, die meist außergewöhnliche Complicirtheit der functionirenden Apparate, ferner die Erkenntniß der hohen Wichtigkeit aller elektrischen Vorgänge für sämmtliche Gesellschaftsclassen, sowie das rege Interesse, welches das Publicum besonders während der Abende für die Ausstellung zeigte, bestimmten eine Anzahl Männer der Elektrotechnik, in kurzen Tagesintervallen, gewöhnlich dreimal in der Woche, erklärende öffentliche Vorträge im Palais de l’Industrie über eine Reihe elektrischer Zweige zu halten. Der Besuch dieser Vorträge, da dieselben stets von zahlreichen und meist noch nie gesehenen Experimenten begleitet waren, war daher, zumal die Redner dem Kreise der höchsten technischen Elite angehörten, ein sehr reger und auch lohnender.

In gleichem Maße, wie hier in dem Congreßsaale dem zahlreich versammelten Auditorium das Wesen und die Organisation der neueren Telephonie vorgeführt wurden, enthüllten sich vor unseren Blicken jene merkwürdigen Räthsel, welche vereint die volle Tragweite der elektrischen Kraft darthaten: Photographien in natürlich erhaltenen Farben, die sogenannten „Photo-Relief-Bilder“, welche durch einen Proceß erzeugt werden, bei welchem das elektrische Licht vermittelst einer natürlichen Photographie auf eine eigenartige Gelatinmasse wirkt und in letzterer eine negative plastische Form erzeugt, durch welche man äußerst wirkungsvolle und getreue Relief-Bilder des Originals erhält; ferner die sinnreichen automatischen Apparate Meyer’s, welche beliebige Zeichnungen und Schriftstücke mit schärfster Genauigkeit und ohne chemische Mitwirkung, lediglich durch elektrische Ströme vollkommen getreu auf beliebige Entfernungen übermitteln; sodann das wunderbare Pyrophon Friedrich Kastner’s, das uns durch elektrische Kraft, von unsichtbarer Hand geleitet, die Zauberklänge der Aeolsharfe in voller Harmonie aus einem Flammenmeer ertönen läßt, das sind nur Beispiele aus der Reihe zahlreicher glänzender Errungenschaften der Elektricitätswissenschaft.

So steht der elektrische Strom heutigen Tages als eine Macht da, welche wir im höchsten Maße achten, werth halten und fördern müssen. Wie Telegraphen und Telephone in immer dichteren Maschen unseren Erdball umspannen, so ist die Elektricität dazu berufen, in gleichem Grade veredelnd auf Geist und Körper der Menschheit einzuwirken; sie wird nicht verfehlen, die Gesittung, die Bildung und den Sanitätsstand der Völker einer wesentlichen Besserung entgegenzuführen.

Paris, im November 1881. E. Hinkefuß.     



  1. Vergleiche Nr. 43.
  2. Ob unser Herr Berichterstatter sich hier nicht allzu sanguinischen Hoffnungen hingiebt? D. Red.     

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: emanicipiren