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Ein aus Deutschland verjagtes Königsgeschlecht

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Titel: Ein aus Deutschland verjagtes Königsgeschlecht
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 716–717
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: der Elch in Deutschland und sein lokales Aussterben
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Ein aus Deutschland verjagtes Königsgeschlecht.

Einst, in grauer Vorzeit, war das Elch der König unter den Thieren des deutschen Waldes. Gewaltig war seine Erscheinung, wenn es rudelweise seine weiten Reviere, die Urwälder Germaniens, durchstreifte. Die stärksten Rosse an Höhe überragend und seine buschige Mähne emporsträubend, bahnte es sich gewaltsam den Pfad durch die Wildniß; mit seinem eigenthümlich geformten, oft gegen fünfzig Pfund schweren Geweih zerbrach es die dicht herabhängenden Aeste des jungfräulichen Waldes; es schwamm über die breitesten Ströme und glitt geschickt über die gefährlichsten Moorbrüche; selbst den Raubthieren des Nordens wußte es wohl zu trotzen und tödtete den Angreifer mit einem einzigen Stoß seines schaufelartigen, gezackten Geweihs oder einem Schlage seiner mächtigen Hufe. Es war ein königliches Thier, dem gern die Fürsten nachstellten, wie es in dem Sagengedicht von Siegfried heißt:

„Darnach schlug er wieder ein Wisent und ein Elk,
Starker Auer viere und einen grimmen Schelk.“

Elenthiere in dem ostpreußischen Forste zu Ibenhorst.
Originalzeichnung von T. F. Zimmermann.

Die ersten römischen Krieger, die in die germanischen Wälder eingedrungen waren, erzählten nach ihrer Rückkehr in die Stadt mit den sieben Hügeln fabelhafte Dinge von dem „deutschen Hirsch“, und selbst Julius Cäsar berichtet noch, daß der „Alces“ des hercynischen Waldes Füße ohne Gelenke habe, um zu ruhen, sich an Bäume lehne und, wenn er einmal gefallen sei, nicht wieder aufstehen könne. Später zeigten die Legionisten das Elch als Curiosum auf den Straßen Roms und in dem Circus.

Im Mittelalter begann ein förmlicher Vernichtungskrieg gegen dieses stolze Edelwild. Die damaligen königlichen und fürstlichen Jagden dienten nämlich keineswegs zur ausschließlichen Belustigung des höfischen Adels; das Waidmannswerk war nicht nur eine Vorschule des damaligen Kriegswesens, sondern auch ein wichtiges Moment in der Vorbereitung der kriegerischen Ausrüstung.

Bevor man in das feindliche Land zog, ging man in der Regel zunächst auf die Jagd, deren Ausbeute den Proviant des ritterlichen Gefolges bildete. In solchen Fällen war das Elch, auch Elenthier genannt, ein willkommenes Jagdwild; denn es lieferte außer seinem [717] schmackhaften Fleische, noch ein vorzügliches Leder, welches, dank seiner Festigkeit, den Krieger vor feindlichen Geschossen in hohem Maße beschützte. Selbst als die Feuerwaffe allgemein eingeführt wurde, trug der Soldat mit Vorliebe Kleidungsstücke aus Elenleder, und die Helden des dreißigjährigen Krieges sehen wir in Elenkollern streiten und fallen. Sagt doch in „Wallenstein’s Lager“ der Wachtmeister von seinem Feldherrn:

„Ja, daß er fest ist, das ist kein Zweifel;
Denn in der blut’gen Affair bei Lützen
Ritt er euch unter des Feuers Blitzen
Auf und nieder mit kühlem Blut.

Durchlöchert von Kugeln war sein Hut,
Durch den Stiefel und Koller fuhren
Die Ballen, man sah die deutlichen Spuren;
Konnt ihm keine die Haut nur ritzen,
Weil ihn die höllische Salbe thät schützen.“

Worauf der mehr nüchterne „erste Jäger“ erwidert:

„Was wollt ihr da für Wunder bringen!
Er trägt einen Koller von Elendshaut,
Das keine Kugel kann durchdringen.“

Daß der Glaube an die schützende Eigenschaft des Elenkollers wohl auf Uebertreibung beruhte, beweist uns übrigens dieselbe Lützener Schlacht, in welcher auch Gustav Adolf ein Elenkoller trug und doch das Leben lassen mußte.

Mit der zunehmenden Ausrottung der Wälder lichtete sich bedeutend der Bestand des Elchwildes in Deutschland, bis in Sachsen das letzte Elen im Jahre 1746 und in Schlesien im Jahre 1776 erlegt wurde. Gegenwärtig findet man dasselbe in geringer Anzahl von höchstens 100 Stück nur an der äußersten nord-östlichen Kante des deutschen Waldgebietes in dem Forste von Ibenhorst bei Memel. Auf diesem Waldcomplex, welcher aus etwa 2000 Morgen mit Kiefern, Fichten und Birken bewachsenen Höhenboden, aus 6000 Morgen Torfmooren und etwa 40,000 Morgen Erlenbruch besteht, fristet der ehemalige König unseres Waldes ein kümmerliches Dasein, vor dem todbringenden Blei des Feuerrohres durch strenges Jagdgesetz geschützt.

Die Erscheinung des gewaltigen Thieres gemahnt uns durch das eigenthümlich geformte Geweih und das sonderbare fast viereckige Maul an die Ungeheuer der vorsündfluthlichen Zeiten. Die Leibeslänge eines erwachsenen Hirsches beträgt 2,6 bis 2,9 Meter, die Höhe am Widerrist 1,9 Meter. Das Weibchen, welches in der Jägersprache das „Thier“ genannt wird, steht in der Größe dem Elchhirsche kaum nach, ist jedoch ein wenig schmäler gebaut und trägt kein Geweih.

Außerhalb Deutschlands lebt noch das Elen in Skandinavien und in den Ostseeprovinzen, von denen eine, Kurland, diesen „Roßhirsch“ der alten Deutschen in seinem Wappen führt. In ziemlich bedeutender Zahl findet sich ferner das Elch auf dem asiatischen Festlande und in Nordamerika, wiewohl auch dort sein Bestand bereits stark gelichtet wurde.

Die Elche in dem Ibenhorster Forste zeigen in letzter Zeit eine sehr geringe Fruchtbarkeit, sodaß die Befürchtung nahe liegt, daß auch diese letzten Repräsentanten dieses Hochwildes auf deutschem Boden bald aussterben werden. Um so mehr hat man also das Recht, sie schon heute als eine aus Deutschland verjagte Art zu bezeichnen, und um so größeres Interesse dürfte unsere heutige naturgetreue Abbildung des Thieres bei unseren Lesern erwecken.