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BLKÖ:Wanzura, Ernst von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Wantzl, Wenzel von
Band: 53 (1886), ab Seite: 76. (Quelle)
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Wanzura, Ernst von (Tonkünstler, geb. zu Wamberg in Böhmen um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, gest. in St. Petersburg 1802). Er diente anfänglich als Lieutenant bei Gemmingen-Infanterie Nr. 42 und that sich besonders in der Musik hervor. Es wird ihm zugeschrieben, den deutschen Tänzen eine andere Wendung gegeben zu haben, und seit 1773 wurden seine Tanzweisen an allen Orten in Böhmen gespielt, und namentlich erfreuten sich die von ihm componirten deutschen Tänze großer Beliebtheit. Da sich ihm auf dem Felde der Musik bessere Aussichten als im Regimente boten, trat er aus demselben, ging nach Wien und von da nach St. Petersburg, wo sich ihm die Pforten des Glückes öffneten, freilich mußte er dabei auch Manches in Kauf nehmen, was ihm eben nur in Rußland geboten werden konnte. Er wurde daselbst an der kaiserlichen Capelle als Musikdirector angestellt und von der Kaiserin Katharina II. zum Intendanten der Hofmusik, später zum Unterdirector der deutschen Schauspiele ernannt. Wanzura war im Spiel mehrerer Instrumente bewandert, vornehmlich [77] aber handhabte er das Fortepiano meisterhaft und verstand es, in seinen Vortrag allerlei Gaukeleien einzumischen, mit denen er seine Zuhörer viel mehr als mit allem Aufwande eines kunstgerechten Pianospiels zu ergötzen wußte. Joachim Graf Sternberg schreibt in seinen „Bemerkungen über Rußland auf einer Reise 1792–1793“ (Dresden 1794, 8°.): daß Wanzura in dem vertrauten Cirkel, welcher sich bisweilen bei der Kaiserin Katharina in der Eremitage versammelte, zu großer Belustigung aller Anwesenden – aber auch zu großer Erniedrigung der Kunst – unter Anderem „Die Kolik mit ihren Folgen“ im Pianospiel vortrug. Spätere Forschungen lassen unseren Tonkünstler nicht aus Böhmen, sondern aus Ungarn abstammen, beförderten ihn vom einfachen Adeligen und Lieutenant zum Baron und Major in österreichischen Diensten, der nicht auf musicalischem Felde eine günstigere Zukunft suchte, sondern wegen Streitigkeiten, in die er infolge eines boshaften Witzes verwickelt wurde, sich gezwungen sah, die kaiserliche Armee zu verlassen, worauf er sich nach Petersburg wandte und daselbst, wie berichtet, sein Glück machte. Wegen seines heiteren ungemein ergötzlichen Wesens ward er dort bald der Liebling aller guten Gesellschaften, schon die Nennung seines Namens reichte hin, um den Mißmuth aus einer Versammlung zu bannen. Zu seinen Possen gehörte auch sein sogenanntes „Regiment“, welches er aus lauter komischen Talenten oder auffallenden Fertigkeiten im Nachahmen eines Thieres, musicalischen Instrumentes u. dgl. m. zusammengeworben hatte, und mit welchem er dann in der versammelten Gesellschaft die ergötzlichsten Concerte und Zwischenspiele ausführte. Er war auch Compositeur und hat nicht nur eine Pantomime „Andromeda und Perseus“ in Musik gesetzt, sondern auch ernstere Stücke geschrieben, wie wir deren in Joh. Traeg’s „Verzeichniß alter und neuer sowohl geschriebener als gestochener Musicalien“ (Wien 1799) „III Quartetti per il Cembalo, Viol., Flauto e Basso“ angeführt finden. Aber er hat auch sonst noch Symphonien, Trios und Anderes für Piano und Violine, welch letztere er trefflich spielte, componirt. Wir finden seinen Namen in den curiosesten Schreibungen, als: Wanzura, Wančura, Wanczura, Wanschura, Wanskura bis zu van Wanschour entstellt; indeß wie immer er sich schreiben möchte, wir würden ihn doch für ein Mitglied der heute bereits im Mannesstamme erloschenen österreichisch-böhmischen freiherrlichen Familie Wanczura v. Rzehnitz-Brachfeld halten, über welche die Quellen Näheres berichten.

Dlabacz (Gottfried Johann). Allgemeines historisches Künstler-Lexikon für Böhmen und zum Theile auch für Mähren und Schlesien (Prag 1815, Gottlieb Haase, 4°.) Bd. III, Sp. 333.