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BLKÖ:Stürmer, Bartholomäus Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 40 (1880), ab Seite: 175. (Quelle)
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Stürmer, Barthol. Graf (Staatsmann, geb. zu Constantinopel am 26. December 1787, gest. in Wien als der Letzte seines Hauses am 8., n. A. am 14. Juli 1863). Ein Sohn des Ignaz Lorenz, ersten Freiherrn von Stürmer, mit Elisabeth Barbara Freiin von Testa. Noch ein Kind, verließ er mit seinen Eltern Constantinopel und kam nach Wien, wo er in der orientalischen Akademie eine auf seinen künftigen Beruf abzielende Ausbildung erhielt. Eilf Jahre brachte er in diesem Institute zu, und zwar mit so ausgezeichnetem Erfolge, daß, als 1804 die Feier des fünfzigjährigen Bestandes desselben begangen wurde, auf ihn die Wahl zum Festredner fiel. Nach seinem Austritte aus der Akademie arbeitete er längere Zeit im Bureau des kaiserlichen Hofcommissärs Grafen von Wrbna, welcher ihm einen Theil der französischen Correspondenz übertrug; darauf kam er als Sprachknabe zur Internuntiatur in Constantinopel und 1811 zur österreichischen Gesandtschaft in St. Petersburg. In den Jahren 1812 und 1813 begleitete [176] er als wirklicher Legationssecretär den Fürsten Schwarzenberg nach Galizien, besorgte in dieser Stellung die Correspondenz mit den französischen Armeebehörden und ähnliche diplomatische Geschäfte und überbrachte in letzterem Jahre auch die erste Nachricht von dem Rückzuge der Franzosen aus Rußland in das österreichische Hauptquartier. Alsdann wohnte er mit geheimen Aufträgen dem Congresse zu Chatillon (1814) bei, auf welchem die Verhandlungen zwischen Napoleon und den Alliirten gepflogen wurden, ging mehrere Male mit Sendungen nach der Schweiz und blieb, bis zur Ankunft des Fürsten Metternich, von dem Fürsten Schwarzenberg bei der provisorischen Regierung von Frankreich accreditirt. Hierauf wurde er zum Legationssecretär in Florenz ernannt, aber bald wieder abberufen, um nach der Entfernung Napoleons von der Insel Elba den Fürsten Schwarzenberg aufs neue ins Feld zu begleiten. Im April 1816 wurde er als österreichischer Commissär auf die Insel Helena beordert, wo er zwei Jahre verblieb. Nun erfolgte seine Ernennung zum Generalconsul in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Er sollte daselbst die Verhältnisse zwischen dieser Republik und Oesterreich feststellen. Als ihm dies nach zweijährigen Bemühungen nicht gelang, fand seine Abberufung von diesem Posten und 1820 seine Erhebung zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister zu Rio Janeiro in Brasilien statt. Aber schon nach fünf Monaten, bei dem Ausbruch der dortigen Revolution, mußte er mit dem Könige Johann VI. das Land verlassen, worauf er sich nach Portugal begab. Auch aus diesem Lande schied er schon nach kurzer Zeit, da ihm die wegen Beleidigung seines Amtsvorgängers Ritters von Beck geforderte Genugthuung verweigert wurde. Von da ab befand er sich zeitweise in Wien, Paris und London, mit wichtigen diplomatischen Missionen betraut. Als im Jahre 1832 Freiherr Franz Ottenfels-Gschwind, kaiserlicher Internuntius bei der Pforte, während Ibrahim Paschas Vormarsch gegen die vor Constantinopel erschienenen Russen nach Wien zurückkehrte, wo er bald darauf eine Stelle als Staats- und Conferenzrath bekleiden sollte, wurde Stürmer zum Nachfolger desselben ernannt, und zwar 1832 als außerordentlicher Gesandter, 1834 als geheimer Rath, Internuntius und bevollmächtigter Minister. Auf diesem Posten verblieb der Freiherr bis 23. Mai 1850, mit welchem Tage er seine diplomatische Thätigkeit abschloß. Von Constantinopel begab er sich über Athen nach Florenz, wo sein jüngerer Bruder Karl, k. k. Major, als außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister sich befand. Was des Grafen diplomatische Thätigkeit während des nahezu zwanzigjährigen Aufenthaltes im Orient betrifft, so hat er, wie es in einem ihm gewidmeten Nachrufe heißt, als Vermittler und theilweise als Begründer der österreichischen Dampfschifffahrt nach dem Orient seinen Namen mit unvertilgbaren Lettern in die Geschichte des Vaterlandes, der europäischen Civilisation und des Fortschrittes eingegraben. Als nach des Sultans Mahmud Tode (1839) der Orient die Aufmerksamkeit der europäischen Mächte fesselte, entwickelte er zur Aufrechthaltung des Friedens eine durch Einsicht, Klugheit und Gewandtheit sich auszeichnende rastlose Thätigkeit und führte die ihm übertragenen Unterhandlungen mit ungewöhnlicher Raschheit und Energie. Die [178] hervorragende Wirksamkeit seines Ministers belohnte der Monarch mit der Erhebung desselben in den Grafenstand, und wiederholt mit Orden, außerdem durch Verleihung des silbernen Civil-Ehrenkreuzes, welches nur für besondere in den Jahren 1813 und 1814 erworbene Verdienste verliehen wurde. Aber auch Rußland, Preußen, Bayern, Toscana und andere Staaten decorirten den Grafen mit ihren Orden. Am 19. August 1815 hatte sich Freiherr Bartholomäus mit Ermance Katharina, geborenen Freiin von Boutet vermält, aber seine Ehe blieb kinderlos, und die gräfliche Linie der Stürmer ist bereits völlig erloschen.

Weiß von Starkenfels (Victor), Die kais. kön. orientalische Akademie in Wien, ihre Gründung, Fortbildung u. s. w. (Wien 1829, Gerold, 8°.) S. 68. – Bohemia (Prager polit. und belletr. Blatt, 4°.) 1863, Nr. 164: „Sterbefall“. – Presse (Wiener politisches Blatt) 1863, Nr. 193. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1837, 8°.) Bd. V, S. 232. – Illustrirter Kalender (Leipzig, J. J. Weber, Lex.-8°.) 1865, S. 59. – Vehse (Eduard Dr.), Geschichte des österreichischen Hofs und Adels und der österreichischen Diplomatie (Hamburg, Hoffmann und Campe, 8°.) Bd. X, S. 248.