Zum Inhalt springen

BLKÖ:Schön, Johann

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 31 (1876), ab Seite: 112. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Johann Schön (Staatswissenschaftler) in der Wikipedia
Johann Schön in Wikidata
GND-Eintrag: 116857811, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Schön, Johann|31|112|}}

Schön, Johann (Schriftsteller, geb. zu Langendorf in Mähren 26. November 1802, gest. zu Breslau 13. März 1839). Sein Vater, der früher bei der Militär-Oekonomie angestellt gewesen, lebte nunmehr zu Langendorf als Erbrichter. Der Unterricht des Vaters, der die lebhafte Phantasie des Knaben in nützlicher Weise rege zu erhalten und zu beschäftigen verstand, und die Lectüre der mitunter guten Bücher der kleinen väterlichen Bibliothek forderten den Knaben in seinen Kenntnissen. Nach dem Tode der Mutter kam S. auf die Normalschule in Olmütz, und eben war er in’s Gymnasium getreten, als er die Nachricht von dem Tode seines noch rüstigen Vaters erhielt. Im Alter von 14 Jahren stand er verwaist, durch eine kleine Erbschaft unabhängig und für seinen ferneren Lebensgang somit mehr der Laune des Augenblicks, als reifer Ueberlegung überlassen. Nach der Bestimmung seiner Vormünder setzte er das Studium am Gymnasium fort, im Jahre 1819 bezog er das Lyceum und machte in den Studien die besten Fortschritte, aber mehr noch, als die anregenden Vorträge einiger ganz tüchtiger Lehrer, wie Ficker, Knoll, Powondra, wirkte eine unausgesetzte, aber leider ungeordnete Lecture. Daraus entsprang eine gewisse Freigeisterei und Ueberhebungssucht, die alles Heimische tadelte, wodurch er sich eben nicht Freunde erwarb und als unberufener Tadler mit scheelen Blicken angesehen wurde. Als gar die poetischen und gymnastischen Wettkämpfe, welche der geistvolle Knoll [Bd. XII, S. 159] mit seinen Zöglingen vornahm und an denen S. auf das Lebhafteste sich betheiligt hatte, verdächtigt und heimlich beaufsichtigt wurden, erfüllte dieß S.’s Gemüth mit Erbitterung und noch größerem Widerwillen gegen die Heimat. Im Jahre 1822 begab er sich nach Wien, wo er das Studium der Rechte begann, welche damals von tüchtigen Männern, wie Dolliner [Bd. III, S. 350], Egger [Bd. IV, S. 1], Kudler [Bd. XIII, S. 298], Scheidlein [Bd. XXIX, S. 168], Wagner u. A., vorgetragen wurden. Schon damals beschäftigte sich S. viel mit schriftstellerischen Arbeiten und war es besonders das geschichtliche Gebiet, das er mit Vorliebe pflegte, aber die Censur, die es sich bereits zur Aufgabe gestellt hatte, den österreichischen Bürger vor dem Mißbrauch zu energischer Geschichtsforschung oder zu freisinniger Gedanken zu behüten und ihn mit der Milch frommer Denkungsart behutsam zu nähren, strich ihm an seinen für den Druck bestimmten historischen Arbeiten alles Eigenthümliche und für den Charakter der Darstellung ihm einzig richtig Dünkende. Als er nun gar in Erfahrung gebracht, daß sich ihm im Hinblicke auf seine Zukunft nur Aussichten im Justizfache und in diesem auch nur in Galizien darböten und er sich weder dem ersteren widmen, noch in letzterem eine neue Heimat suchen wollte, war sein Gedanke, sich in der Fremde ein neues Heim zu gründen, schnell gefaßt, und da er eben großjährig geworden, schritt er sofort [113] zur Ausführung eines Entschlusses, an dessen Verwirklichung er seit seinen Jugendjahren geplant. Sein väterliches Erbtheil, das fühlte er wohl, würde an der Ausführung seines Planes daraufgehen, aber bis dahin hatte er ja doch eine feste Stellung gewonnen. Unter dem Vorwande, Geldangelegenheiten einer Verwandten in Rußland zu besorgen, in Wirklichkeit, um in St. Petersburg um den Preis für die beste Darstellung des Einflusses der tatarischen Unterjochung sich mit zu bewerben, nahm er im Jahre 1827 einen Paß über Dresden, Leipzig, Berlin nach Rußland. In Berlin führte ihn an der Table d’hôte der Zufall mit dem damaligen Präsidenten, nachmaligen Justizminister Mühler zusammen, und die Mittheilungen Mühler’s über Preußen und Verhältnisse daselbst erweckten in S. den Gedanken, daß er, was er suche, in Preußen finden werde, und so unterzog er zunächst dieses Land und seine Zustände dem sorgfältigsten Studium. Dem Reisepasse gemäß setzte er seiner Tour nach St. Petersburg fort, wo er während eines mehrmonatlichen Aufenthaltes in v. Köhler’s und Adelung’s Hause eine sehr freundliche Aufnahme fand. Nun kehrte er über Esthland, Kurland, Liefland nach Preußen zurück, erlangte 1828 in Königsberg den juridischen Doctorgrad, reiste über Danzig und Posen nach Breslau, welche Stadt ihm so heimisch angenehm erschien, daß er daselbst sein neues Heim aufzuschlagen beschloß, welches Vorhaben er auch ausführte, nachdem er vorher noch die Stadt Krakau besucht hatte. Nun trat er in Breslau bei der kön. Regierung als Referendarius ein und auf den Rath eines Freundes schlug er die gelehrte Laufbahn ein. Am 2. März 1829 erlangte er die philosophische Doctorwürde und am 17. Juni g. J. wurde er Privatdocent an der Breslauer Hochschule, worauf erst die österreichische Regierung ihm die Auswanderungsbewilligung ertheilte. Mit allem Eifer lag er seinem Berufe als Lehrer der Staatswissenschaften ob, und mit so glücklichem Erfolge, daß er schon im August 1831 zum außerordentlichen, am 14. December 1836 zum ordentlichen Professor ernannt wurde. Zugleich führte er seit dem April letztgenannten Jahres die Redaction der „Schlesischen Zeitung“ und nun, theils um aus eigener Wahrnehmung die Verhältnisse der Länder kennen zu lernen, theils um zur Hebung dieses Blattes die nöthigen Verbindungen anzuknüpfen, machte er noch im nämlichen Jahre eine Reise durch Süddeutschland, Holland, Belgien bis Paris. Aber schon damals fühlte er seine Gesundheit angegriffen, der Gebrauch der Bäder in Warmbrunn in den Jahren 1837 und 1838 blieb ohne Erfolg, im Winter 1838/39 warf es ihn ganz darnieder, und nach langem, schwerem, höchst schmerzlichen Leiden erlöste ihn der Tod. Er war erst 37 Jahre alt geworden. Man muß den Sectionsbericht gelesen haben, um sich aus der Darstellung dieses in merkwürdiger Weise zerrütteten inneren Organismus den Verlauf seiner schweren Krankheit zu erklären, welche mit einer tödtlichen Seelenstörung – er erklärte plötzlich. Gott Vater zu sein und verfiel in Tobsucht – endete. Uebrigens war die Anlage eine organische, denn es fand sich, daß Seelenstörungen in seiner Familie schon öfter vorgekommen waren. Schön’s Thätigkeit spaltet sich in eine lehrende und schriftstellernde. Seine stets freien Vorträge betrafen die Politik, National-Oekonomie, Finanzwissenschaft, allgemeine und preußische Statistik, Geschichte und [114] Statistik der neueren Civilisation und Geschichte des Wiener Congresses. Sie wurden auch von Nichtstudirenden besucht. In gewandter blühender Sprache, in welcher jedoch der österreichische Dialekt vorherrschte, behandelte er in geistreicher Auffassung sein Thema, das er in klarer, wohldurchdachter, bündiger Weise ausführte. S. zählte zu den Zierden der Breslauer Hochschule. Als Schriftsteller theilte er selbst seine Wirksamkeit in zwei wohl unterschiedene Perioden, in die österreichische, welche seine poetischen und historischen Arbeiten umfaßt, die er selbst in reiferen Jahren mit geringer Ausnahme nicht geradezu verwarf, doch kaum gelten lassen wollte, und in die preußische, welche seine staatswissenschaftlichen und verwandten Arbeiten enthält. Seine poetischen Arbeiten, meistens historische Balladen, zu denen er von Hormayr ermuntert wurde, befinden sich zum größten Theile in dessen „Archiv für Geschichte u. s. w.“, in dessen „Historischem Taschenbuche“, in den von Castelli, Told, Kuffner u. A. herausgegebenen Almanachen und Zeitschriften, 1824–1828. Selbstständig gab er heraus eine mythische Tragödie: „Der Sieg des Glaubens“ (Leipzig 1828), die er später umgearbeitet; für den Autor dieser Tragödie wurde, nach dem „Hesperus“ 1827, Grillparzer gehalten: – „Novae quaedam in rem numariam antiquae Rossiae observationes“ (Wratislawiae 1829, 8°.). Was S. als Dichter betrifft, so bezeichnet ihn Duller (Hormayr’s „Archiv“ 1830, S. 280) als den „ersten Balladendichter Oesterreichs“. Seine historischen Versuche fallen in die Jahre 1822–1824 und sind sämmtlich in Hormayr’s „Archiv“ abgedruckt, ihre Titel sind: „Abfall Siciliens vom Hause Anjou“ (1822, Nr. 66, 69, 75); – „Mailand und Barbarossa“ (1824, Nr. 80–94); – „Otto’s II. Sieg über Bratislaw II., unbekannt der Geschichte“ (1825, Nr. 82, 84); – „Ueber die weiße Frau“ (ebd., Nr. 94); – „Empedokles Leben und Philosophie“ (1826, Nr. 17 u. 18); – „Ueber die Ballade“ (1826); – und in Wolny’s „Taschenbuch für mährische Geschichte“: „Merkwürdigkeiten des Schlosses Teltsch“ (1827, S. 160 u. f.). Auch hatte er von Königsberg, aus, wo er die Doctorwürde erlangte auf die im Königsberger geheimen Archive aufbewahrten Schätze zur Geschichte Böhmens und Mährens, insbesondere auf einen großen Pergament-Codex aus Ottocar’s II. Zeit, aufmerksam gemacht. Dieser letztere enthielt sehr wichtige Urkunden und Briefe auswärtiger Fürsten, die sich auf Böhmens und Mährens Staatsverwaltung beziehen, Stifts- und Hirtenbriefe böhmischer und mährischer Prälaten, Privatverträge und Privatdocumente. Die Titel seiner staatswissenschaftlichen Schriften und Abhandlungen sind: „Oeconomia politica juri publico et privato concors“ (Vratisl. 1829, 8°.); – „Staatswirthschaftliche Berechnungen über die Viehzölle und Quarantainen im preussischen Staate“ (Breslau 1830, 8°.), stand auch in den „Schlesischen Provinzialblättern“ 1829 abgedruckt; – „Die Staatswissenschaft, geschichtlich-philosophisch begründet“ (ebd. 1831; 2. Aufl. 1839, 8°.); – „Die Grundsätze der Finanz. Eine kritische Entwickelung“ (ebd. 1832, gr. 8°.); – „Allgemeine Geschichte und Statistik der europäischen Civilisation“ (Leipzig 1833, 8°.), dieser Schrift ertheilte die Pariser Gesellschaft für allgemeine Statistik die goldene Medaille und ließ sie in’s Französische unter dem Titel: „Statistique générale et raisonnée de la civilisation Européenne, publiée en 1833 par M. [115] Jean Schön ... traduit de l’allemand par J. G. H. Du Mont“ (Paris 1834, 8°.) übersetzen; bezüglich dieser Uebertragung jedoch ist zu bemerken, daß nur die Hälfte des Werkes übersetzt wurde und auch in diesem Theile noch viele Auslassungen sich befinden, so daß es den Anschein hat, das Buch sollte eine Schutzschrift für die damals im französischen Parlamente stark vertretene Partei der Doctrinäre und die rechte Mitte gelten; dieser französische Auszug soll auch in Philadelphia von einer amerikanischen Schriftstellerin in’s Englische übertragen worden sein; – „De rerum cameralium et politicarum studio ...“ (Vratislaviae 1833, 8°.); – „Neue Untersuchungen der National-Oekonomie und der natürlichen Volkswirthschafts-Ordnung“ (Stuttgart und Tübingen 1835) und „De literatura medii aevi politica“ (1838). Kleinere Aufsätze und Recensionen brachten die „Schlesischen Provinzialblätter“, „Das Literaturblatt von und für Schlesien“, Pölitz’ „Jahrbücher“, Rau ’s „Archiv für politische Oekonomie“, die „Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik“, Mundt’s „Schriften in bunter Reihe und die „Schlesische Zeitung“. Schön als geborner Oesterreicher war einer jener seltenen, selbstkräftigen Geister, deren Entwickelung ungünstige äußere Verhältnisse wohl eine Weile niederhalten, nimmer aber ganz unterdrücken können. Die literarische und intellectuelle Beschränkung, welche Graf Sedlnitzky in Oesterreich auf die Tagesordnung gesetzt, wo durch es geschah, daß Liebe für sein Vaterland, die sich in der Liebe für Recht und Aufklärung desselben identificirt, als verpönt galt, eine Maxime, die in gewissen Kreisen heute noch herrschend, waren dem strebsamen, geistvollen Jüngling bald nur zu sehr zuwider, er strebte daher sehnsüchtig nach der Ferne, was damals mit Freiheit gleichbedeutend war. So nahm er denn keinen Anstand, sein Vaterland zu verlassen, und dieses aber muß heute den Todten, auf den es stolz ist, reclamiren und ihm einen Platz in dem Werke einräumen, das denkwürdigen Oesterreichern gewidmet ist.

Nowak (K. G.), Johann Schön. Eine biographische Mittheilung (Breslau 1839, 8°.). – Figaro (Berliner Blatt, schm, 4°.) 1840, Nr. 202, im Artikel: „Zeitungen in Schlesien“. – Neuer Nekrolog der Deutschen (Weimar, B. Fr. Voigt, kl. 8°.) XVII. Jahrgang (1839), I. Theil, S. 297, Nr. 106. – Kehrein (Joseph), Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhunderte (Zürch, Stuttgart, Würzburg 1871, L. Wörl, gr. 8°.) Bd. II, S. 119. – Moravia (Brünn, 4°.) 1839, Nr. 151, 174, 178. – d’Elvert (Christian), Historische Literaturgeschichte von Mähren und Oesterreichisch-Schlesien (Brünn 1850, Rohrer’s Witwe, gr. 8°.) S. 355 u. f.