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Zeit bringt Rosen

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Textdaten
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Autor: Stefanie Keyser
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Titel: Zeit bringt Rosen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44–48, S. 751–755, 768–771, 782–787, 800–803, 816–819
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Zeit bringt Rosen.
Novelle von Stefanie Keyser.

Sommerfrische! Badereise! Die Worte, die alljährlich mit der beginnenden schönen Jahreszeit auftauchen, gingen einmal wieder durch das Land. Wie die anderen Kur- und Badeorte war auch die Stadt Frankenhausen um die Pfingstzeit ihrer Gäste gewärtig, die von den sprudelnden Salzquellen Gesundheit, von der reinen Luft Stärkung erhofften oder auf Schusters und anderen Rappen, auf Zweirad und Dreirad dem im benachbarten Waldgebirge thronenden Kyffhäuser zuzogen.

In einem der freundlichen Landhäuser, die aus den engen Straßen hinausgeschwärmt zu sein schienen in die Gärten, waren zwei Damen angelangt.

Auf dem Sofatisch des gemeinschaftlichen Salons, den die Schlafzimmer zu beiden Seiten begrenzten, lag das Fremdenbuch aufgeschlagen. „Fräulein Gabriele Raunthal,“ trug die Aeltere, eine hohe schlanke Gestalt, sich ein. Als sie den Kopf über die Schrift neigte, schimmerten ein paar Silberfäden aus dem dunklen Haargewinde; aber die zarte elfenbeinweiße Hautfarbe ließ das edelgeschnittene Gesicht jung erscheinen, die klaren braunen Augen strahlten in einem Glanz, von dem Jahre nichts zu verwischen vermögen.

Die andere, die mit rosigen Wangen, Purpurlippen und dicken goldblonden Locken über der Stirn in Jugendblüte förmlich zu glühen schien, streute achtlos die langen Handschuhe, den Hut mit der dicken Guirlande, das elegante Reisetäschchen über Sofa und Sessel und schwang sich dann ausgelassen auf die Fensterbank. Die langweiligen Tanten, die unter den Kastanien des Vorgartens Kaffee tranken, fanden das wohl unpassend? Nun erst recht! Sie begann mit dem Fächer aus Stahlfiligran der nebst Flacon und winziger Uhr an der Chatelaine ihres Gürtels hing, herausfordernd zu wehen, während ihre blauen Augen über den Damenkreis hinwegglitten. Von den Zweigen der blühenden Kastanien wie von weißen und roten Riesensträußen eingerahmt, erblickte sie die Veranda des Nachbarhauses. Zwei Herren saßen dort. Der tief brünette etwas ältere sah von der Zeitung, die er in der Hand hielt, auf und wandte das energisch geschnittene Gesicht mit dem kurz gehaltenen schwarzen Vollbart herüber. Ein Blick aus dunklen Augen traf sie, maß sie kurz auf ihrem ungewöhnlichen Platz; spöttisches Erstaunen meinte sie darin zu lesen. Was unterstand sich dieser Herr? Aber unter dem Blick stieg doch ein heißes Rot ihr bis in die Stirn, und plötzlich glitt sie von der Fensterbrüstung herab und zog sich zurück.

Sie nahm die Feder, machte einen Klex in das Fremdenbuch und schrieb: „Ilse Großheim.“

„Wer mögen die beiden da drüben sein?“ fragte sie dann ihre Gefährtin, die das kleine Cylinderbureau mit Schreibgerät, aus schönen Versteinerungen gearbeitet, ausstattete, das schwarz gebundene Tagebuch in einem der Fächer verschloß und auf dem Tischchen am Fenster Nähkästchen und Stricketui ordnete.

Gabriele sah flüchtig hinüber. Der Schwarzbärtige hatte sich wieder hinter seiner Zeitung verschanzt.

Jetzt wandte der andere mit dem so seltenen aschblonden Haar, über dem es wie lichter Staub zu liegen schien, den Kopf herauf. Sie schaute in tiefe Augensterne, die sich mit einem seltsam suchenden und doch träumerischen Ausdruck auf sie hefteten.

Auch sie trat zurück. Dann sagte sie: „Der Brünette kann seiner strammen Haltung nach Offizier sein. Der andere wohl auch,“ setzte sie zögernd hinzu. „Nur in den Augen ist ein Ausdruck, der eher auf einen Künstler schließen läßt. – Aber Sie haben ja noch gar nicht ausgepackt! Ich wollte Ihnen eigentlich einen kleinen Spaziergang vorschlagen. Der Abend ist schön und Frankenhausen eine alte Stadt; die erscheint immer am stimmungsvollsten von der untergehenden Sonne beleuchtet.“

Ilse griff sofort nach ihrem Strohhut. „Natürlich begleite ich Sie. Zum Auspacken habe ich jetzt keine Lust. Später! Wo ist meine Hutnadel? Die mit der goldenen Hand? Na, lassen wir sie! Morgen wird sie schon wieder zum Vorschein kommen.“ Sie huschte hinaus. Ein verstohlener Blick flog zu der benachbarten Veranda hinüber; sie war leer.

Die beiden Damen bogen in die Stadt ein. Gabriele entdeckte hinter Kugelakazien graues Bauwerk; überall zwischen Schattentüchern und Kübelbäumchen lugte die alte Stadt mit spitzen Dächern und vielen kleinen Fenstern heraus.

„Suchen Sie einen Stoff für Ihre Feder?“ forschte Ilse.

„Meine Stoffe suche ich nicht,“ antwortete Gabriele. „Ich finde sie zufällig wie vierblätterigen Klee.“

„Was soll’s werden? Kulturgeschichtliche Novelle oder Märchen?“

„Ich weiß es noch nicht,“ sagte Gabriele, „bin ja eigentlich zufällig zu dieser Beschäftigung gekommen. Meine kleinen Schülerinnen verfolgten einmal eine Kröte, und ich verschaffte dem schuldlosen Tier Respekt durch Erzählen der aus deutscher Vorzeit stammenden Sage, daß es Geld ins Haus bringe. Es ist ein liebenswürdiger Zug in dem Aberglauben des Heidentums, daß er häßliche Kreaturen durch angedichtete geheimnisvolle Gaben schützt. Nun, der Herausgeber einer Jugendschrift las das Märchen und nahm es mir weg. Das war der Anfang.“

„Unfaßbar!“ murmelte Ilse. „Sich für solche ungezogene Rangen zu plagen!“

„Meine armen kleinen Mädchen in den geflickten verblichenen Röckchen, die so fleißig stricken!“ verteidigte Gabriele ihre Pfleglinge. Sie meinte, zu sehen, wie all die Kinderaugen leuchteten, als sie versprach, aus der Sommerfrische ein neues Märchen mitzubringen.

Ilse schüttelte den Kopf. „Ich möchte wissen, was Ihr seliger Vater zu Ihrem Leben sagen würde. Ein berühmter Professor, und die Tochter Armenlehrerin aus Liebhaberei!“

„O, in dessen Geist handle ich gerade,“ entgegnete Gabriele: „Dienen soll der Mensch, lautete sein Wahlspruch, dem Nächsten, dem großen Ganzen, erhabenen Ideen. Und kleinlich nannte er es, zu wägen, welche Arbeit die höhere sei, wenn ihre Früchte nur der Menschheit nützten. In der Amalienschule bedurfte man noch einer Lehrerin, und da keine geldspendende Kröte das Stiftungskapital vergrößerte, trat ich als Hilfe ein.“

„Sehr edel.“ Ilse seufzte dazu, als möchte sie aus ihrer jungen glatten Haut herausfahren.

Sie waren in winklige Gäßchen geraten, die den Berg hinaufklommen, an den die Stadt sich lehnte. Auf einem Vorsprung ragte ein verwitterter Bau empor mit bröckelnden Mauern, zerfallenden Fenstern; zwischen wenigen Ziegeln starrten morsche Dachsparren heraus.

„Das alte Frankenhaus! Wie traurig und verlassen es da oben steht!“ sprach Gabriele und begann die nach der Ruine führenden Steinstufen zu ersteigen.

Ilse lachte. „Es muß etwas nur recht krumm und schief sein, dann gefällt’s Ihnen. Da hinauf klettert gewiß außer uns kein Mensch.“

Ueber die von der Zeit weggeschliffene Ringmauer schritten sie hinüber im den kleinen ehemaligen Vorhof des Burggebäudes. Glatter Bergrasen bedeckte ihn. Ein großer wilder Rosenstrauch von der edlen Art, an der auch jedes grüne Blättchen duftet und die den Namen Christdorn trägt, nickte mit unzähligen Knospen leise im Abendwind. Gabriele ließ sich in seinem Schatten nieder. Sie fügte sich der melancholischen Stätte harmonisch ein mit ihrem grauen Sommeranzug, dem trotz der lichten Farbe etwas wie von lange getragener Trauer anhaftete, mit dem breiten Saume des Gazeschleiers und den schwarz genähten Handschuhen. Einzig glänzte ein stählernes Steinhämmerchen, wie es wohl Geologen führen; es diente als Griff des Schirmes.

„Kein Röschen ist aufgeblüht,“ schmollte Ilse, neben Gabriele Platz nehmend. „Nicht einmal ein Sträußchen kann man sich anstecken.“

„Geduld! Zeit bringt Rosen!“ erwiderte Gabriele. „Das Wort hat mir zuerst mein Großmütterchen in der Ergebung der guten alten Zeit gesagt, und ich habe seinen tiefen Sinn schätzen gelernt als Trost bei jedem höheren Ringen und Streben, trotz allem, was mir vom Schicksal zugeteilt wurde,“ schloß sie mit sinkendem Ton. Dann bog sie doch, auf den Wunsch des jungen Mädchens eingehend, die Zweige auseinander, um nach einer aufbrechenden Knospe zu suchen. Ein fast versunkenes Steinkreuz kam zum Vorschein.

„Ein Blutkreuz!“ rief sie, Halme und Moos davon ablesend. „Da ist die eingegrabene Heugabel, da die Axt! Als Warnungszeichen stellte man diese Kreuze an den Stätten auf, wo im Bauernkrieg die Aufrührer gerichtet wurden.“ Sie zog, von plötzlichem Schauder geschüttelt, das schwarze Spitzentuch fester um die Schultern. Dann strich ihre feine Hand wie liebkosend über die Knospen. [754] „Es sieht dem Christdorn ähnlich, daß er hier sich erbarmungsvoll ansiedelte.“ Und mit einem Aufleuchten gingen ihre Augen in die Weite. „Dort arbeitet der Bauer auf seinem freien Felde; kein Büttel beruft ihn mehr zum Frondienst. Auf seinem eigenen Grund und Boden ist er der Herr. Gleiches Recht gilt für alle. Die Nachkommen erreichten, was die Vorfahren forderten. Auch hier hat die Zeit Rosen gebracht.“

„Erst nach vierthalb hundert Jahren!“ mäkelte Ilse. „Darüber können Sie übrigens keine Novelle schreiben. Nur Bauern und nicht ein bißchen Liebe!“

„Die ist immer und überall dabei gewesen,“ entgegnete Gabriele, in Träumerei versinkend.

Um die grauen Mauern, schienen Fäden zu weben, die ihre Seele umspannen; sie hatte wie immer an solchen Stätten das Gefühl, ein unsichtbares Etwas suche Verständigung mit ihr. „Sehen Sie das Fensterchen droben im spitzen Giebel?“ fuhr sie leise fort. „Dort hat vielleicht des Turmwächters Töchterlein hinausgeschaut, mit glänzenden Augen an dem Tage, da der Volksheld Thomas Münzer unter seiner wallenden Fahne, die den Regenbogen führte, heranzog, um sich den anderen Bauern anzuschließen; unter heißem Herzklopfen, als der düstere Schwärmer mit der traurigen Miene, die er allein für das Elend, der Welt geziemend fand, hier vorüber den Schlachtberg hinaufstieg, als seine stattliche Gestalt im hellen Koller von Elenhaut aus der dunklen, Sensen und Dreschflegel tragenden Schar hervorleuchtete. Und sorgenvoll stützte sich wohl ihr blasses Köpfchen in dem altdeutschen Häubchen an den kleinen Fensterpfeiler, da die bewaffneten Kriegsvölker enger und enger sich um den Haufen der Bauern schlossen. Beten und Schluchzen mag die jetzt öde Stube erfüllt haben, während auf dem Schlachtberg droben die Feldschlangen die Wagenburg der Aufständischen zerschmetterten. Dann sah sie, wie Blutbäche herunterrieselten, vernahm, daß der Held ihrer Träume gefangen war, und endlich stürmten die Söldner dort die zerfallene Wendelstiege empor. Da rettete sie sich durch einen Sprung aus dem Fensterchen in den Tod.“

„Ach nein,“ rief Ilse, „lieber in die Arme eines hübschen Söldners, der sie schützte und heiratete!“

Ein unterdrücktes Lachen brach hinter dem Rosenbusch hervor. Zugleich schnellte der blonde Herr von der Veranda empor.

Auch der schwarzbärtige tauchte auf. Die zwei Reihen weißer Zähne zwischen dem Vollbart verrieten den Lacher. Aber rasch gefaßt, den Hut in der Hand, redete er die sich ebenfalls erhebenden Damen an: „Verzeihung, wenn wir stören; und gestatten die Damen, daß wir uns vorstellen!“ Ein Neigen des dunklen Kopfes mit dem kurzgeschorenen dichten Haar. „Hauptmann Holl.“

„Premierlieutenant von Schersen,“ nannte sich der Jüngere mit einer Verbeugung, die, obgleich streng salonmäßig, doch eine besonders ehrerbietige Huldigung für Gabriele, ausdrückte.

Sie nahm mit höflichem Gruß die Vorstellung entgegen. Ilses Hut nickte kurz. Sie wandte dem Hauptmann Holl, diesem Herrn, der sich heute schon zum zweitenmal so etwas wie eine Kritik gegen sie erlaubte, die Schulter zu, die sich, wie er beobachtete, reizend unter der rotseidenen Bluse abzeichnete, und einen kindlich neugierigen Blick auf das Skizzenbuch in Schersens Hand werfend, fragte sie: „Haben Sie den Schauplatz der Novelle gezeichnet, die Sie mit anhörten?“

Er zögerte, aber sie streckte die Hand aus; es wäre unritterlich gewesen, ihr das Buch zu verweigern, er überließ es ihr.

„Das Frankenhaus!“ rief sie. „Und – da schaut die Türmerin aus dem Fenster. Ah!“ – es klang wie ein kleiner Schrei – „das sind Sie, Gabriele! Wie sehnsüchtig Sie aussehen!“

„Noch einmal: Verzeihung!“ bat Schersen schnell. „Es war so stimmungsvoll, wie Sie den alten Turm belebten. Ich sah Ihr Profil durch die von Herrn Hauptmann Holl zurückgebogenen Rosenzweige – ich konnte nicht widerstehen.“

Gabriele schaute auf die kleine anmutige Zeichnung und schwieg überrascht. Holl behauptetete indessen mit gelassenem Lächeln den Platz im Hintergrund, auf den ihn Ilse verwiesen hatte. Er sah und hörte alles. Die schöne Linie von dem blond umkräuselten Nacken nach der trotzig ihm zugekehrten Schulter entging ihm so wenig wie die Erregung in Schersens Stimme, das Staunen der Dame in Grau über ihr Bild. Und er bemerkte auch zuerst, daß ein einzelnes Blatt aus dem Skizzenbuch flatterte. Er bückte sich danach, reichte es aber sofort Schersen hin, während er scheinbar gleichgültig darüber hinwegsah.

Ilse gab das Skizzenbuch zurück und reckte nun wieder ihr Hälschen, um das einzelne Blatt zu betrachten, auf dem eine Frau, auf morgenländische Weise in Schleier gehüllt, dargestellt war; neben ihr die Umrisse eines Kamels mit reichem Sattelzeug, im Hintergründe Pyramiden.

„Wer ist das? Nicht schön, aber riesig interessant! Eine Odaliske?“

Gabriele meinte einen Ausdruck von Befangenheit über Schersens Gesicht gleiten zu sehen. „Der Haltung nach ist es eine Dame der Gesellschaft, und zwar der besten,“ sagte sie.

„Sie haben richtig geraten,“ erwiderte Schersen, das Blatt wieder einfügend, während das leise Rot auf seinen Wangen langsam sich verflüchtigte. „Es ist die Gemahlin meines früheren Kommandeurs, die mit ihrem leidenden Gatten nach Kairo übersiedelte. Ein Phantasiestück,“ erklärte er, zu Holl gewandt, „ich habe die Gräfin nicht wiedergesehen.“

„Ich ebenfalls nicht,“ antwortete Holl leichthin. „Ich glaube überhaupt nicht seit dem Whistabend –“

Schersens Fingern entglitt der goldene Stift, der eine neunzackige Grafenkrone trug – Holl schwieg.

Die Sonne war hinter den Bergen versunken. Gabriele wandte sich zur Heimkehr. Holl faßte nach dem Hut, um sich zu verabschieden. Aber Schersen vereitelte seine Absicht.

„Gestatten Sie,“ sagte er, „daß wir Sie begleiten, gnädig –“ sein Blick flog rasch und doch prüfend über Gabrieles Gesicht, und bevor sie den ihr zukommenden Titel nennen konnte, vollendete er bestimmt: „gnädiges Fräulein.“

Sie fand dem respektvollen Ton gegenüber keine Ablehnung seiner Bitte, und er ging mit ihr voraus, geschmeidig sich ihrem ruhigen Wandeln anfügend.

In einer halblauten verbindlichen Weise, die beide isolierte und doch jede ungeziemende Vertraulichkeit ausschloß, sprach er: „Ich vermute, gnädiges Fräulein sind ebenso wie ich durch einen Zufall hierher verschlagen worden. Ich gedachte einen Pfingstausflug nach dem Harz zu unternehmen. Aber auf dem Bahnhof in Sangerhausen entdeckte mich Hauptmann Holl, mit dem ich früher in demselben Regiment stand und der mich nun überredete, ihn hierher zu begleiten; die Gegend sei eine noch unausgebeutete Fundgrube für Maler, erklärte er. Ich gestehe, Stadt und Umgebung erschienen mir zuerst alltäglich“ – er lächelte und setzte leiser hinzu: „Aber eine einzige Begegnung genügt manchmal, auch die einfachste Landschaft mit dem Schimmer echter Poesie zu verklären. Werden die Damen länger hier bleiben?“

„Es ist noch, unbestimmt,“ antwortete Gabriele. „Meine junge Schutzbefohlene wird baden. Mich zog die reiche Vergangenheit her, deren Spuren diesem Stückchen Erde aufgeprägt sind, und die weltabgeschiedene Stille, die meine jenseit der Jugend liegenden Ansprüche befriedigt.“

Ein Lächeln um seine Lippen erhob Einspruch gegen dieses „jenseit der Jugend“. Sie verstand und verneinte durch eine leise Bewegung des Kopfes.

„O, man glaubt manchmal die Jugend hinter sich zu haben,“ plauderte er weiter, mit einem Anflug von Keckheit, der doch nicht dreist berührte, „und dann kommt irgend ein Ereignis, das uns fühlen läßt: wir stehen noch mitten darin.“

Ihre Augen schweiften zurück nach dem Christdorn mit seinem versunkenen Kreuz. „Oder vielmehr wir gewahren, daß die Schmerzen, welche die Jugend uns brachte, beim leisesten Anlaß wieder erwachen,“ sagte sie langsam.

„Müssen es gerade die Schmerzen der Jugend sein, die wiederkehren?“ fragte er. „Warum nicht auch ihr Glück? Aus Ihrem schönen Wort: ,Zeit bringt Rosen’ wehte ein frischer Duft wie die Ahnung einer Freude mich an. Und ich lege Wert auf solche Vorgefühle.“

Gabriele widersprach nicht mehr. Die Anschauungen ihres Begleiters dünkten sie zwar sehr jugendlich; aber seine Stimme war so gedämpft, sein Blick so sanft verschleiert, als seien sie der Elegie des Abendbildes und ihren eigenen in stilles Sinnen versinkenden Empfindungen angepaßt.

Von solchem Sinnen wußte das folgende Paar nichts. Eine kleine Strecke blieben beide stumm. Holls wohlgeformter Fuß schritt so gleichmäßig über das unter jedem Tritt gleitende Geröll wie über den festgestampften Boden des Exerzierplatzes. Ilse sprang, die dichten blonden Brauen zusammengezogen, bald hastend, bald zaudernd die ausgetretenen Stufen hinab.

Seinen langen Schnauzbart zwirbelnd, sah er belustigt in das [755] trotzige Gesichtchen. „Vorsicht!“ mahnte er, als unter den zierlichen Knopfstiefeln ein Stein in die Tiefe kollerte.

„Ach!“ warf sie geringschätzig hin, „wer solche Gletschertouren gemacht hat wie ich, ist nicht ängstlich!“ Und gereizt von einer Empfindung, die sie sich selbst nicht zu erklären vermochte, setzte sie hinzu: „Was könnte mir denn auf diesem höchst harmlosen Weg gefährlich werden?“

Er lachte über die Herausforderung in Ton und Miene. „Wir sind ja auch nicht hier, um Gefahren zu bestehen, sondern um von etwas geheilt zu werden.“

„Brauchen Sie auch die Kur?“ fragte Ilse, verwundert, daß dieses Bild der Gesundheit einer solchen bedurfte. „Ist die Quelle vielleicht auch gut gegen unbefugtes Lauschen und Lachen?“

„Gegen Mucken aller Art,“ gab er ihr ebenso anzüglich zurück. Dann fuhr er gleichmütig fort: „Und die will ich meinem Arm abgewöhnen, der seit einem Sturz mit dem Pferd im Manöver anfängt, sich als Wetterglas aufzuspielen. Was meinen Sie, was er heute prophezeit hat? Veränderlich? Sturm?“

Ihr blonder Kopf richtete sich kampfbereit höher auf.

„Hellen Sonnenschein,“ vollendete er verbindlich. „Und er hat recht behalten. Denn ich habe eine reizende Bekanntschaft gemacht, an der ich nur eins vermisse –“

Wieder fuhr sie herum, eines Angriffs gewärtig. Er weidete sich einen Augenblick an dem bewegten blühenden Gesichtchen, dann schloß er: „daß ich sie nicht mit Namen nennen kann.“

Sie knixte schelmisch gravitätisch: „Ilse Großheim.“

Er erwiderte mit tiefer Verbeugung. Dann suchte er in seinem Gedächtnis. „Der Name klingt mir bekannt.“

Ilse half nach. „Großheims Spargel, Schnittbohnen, Pfirsiche, Nüsse und was weiß ich? Ich kümmere mich natürlich nicht um unsere Konserven.“

„Schmücken sich aber mit jungen Gemüsen,“ scherzte er, einen Blick auf ihre dicke Hutguirlande werfend. „Ich sehe sogar Schoten. Die gehören doch in den Topf, nicht auf den Kopf. Wie kochen Sie Schoten?“

„Küchenangelegenheiten! Damit kann man mich jagen!“ lachte sie auf.

„Mich nicht,“ entgegnete er. „Ich jage nur ungeschickte Köchinnen fort.“

„Sie sind verheiratet?“ Es klang ganz enttäuscht.

Ein Lächeln verlor sich in seinem Bart. „Unberufen, nein. Aber Vorstand des Kasinos und als solcher verpflichtet, über die Küche zu wachen.“

„Und natürlich ein Feinschmecker wie alle Hagestolze,“ neckte sie.

„Auch das,“ gab er zu, „Wenn ich die Mahlzeiten meiner Kompagnie koste.“

„Kosten, meinetwegen,“ sagte Ilse. „Aber kochen? Das wäre unter meiner Würde!“

„Eine gute Reissuppe und alle Hülsenfrüchte kann ich zubereiten,“ antwortete er.

Ihre Lippen kräuselten sich. Das Wort „Topfgucker“ schwebte auf ihrer Zunge. Aber es wurde nicht ausgesprochen angesichts dieser hochgewachsenen Gestalt, die trotz des bequemen Civilanzuges wie aus Eisen gegossen schien.

„Man muß das verstehen,“ erklärte er, „wenn man das Abkochen der Leute im Manöver überwachen will.“ Und nachdrücklich setzte er hinzu: „Was zu unserem Beruf gehört, ist nie unter unserer Würde.“

Ilse empörte sich gegen die Belehrung, aber sie fand keine Antwort. Während sie innerlich danach rang, wieder auf das hohe Pferd zu kommen, auf dem sie zu sitzen pflegte, band er, ein flottes Marschtempo anschlagend, ohne daß sie es merkte, ihren unstäten Gang an seinen gleichmäßigen Schritt.

Am Eingang in die Stadt holten sie das andere Paar ein. Gabriele war stehen geblieben. „Ich habe noch ein paar Einkäufe zu besorgen.“ Schersen zog sofort den Hut. Ein letzter rosiger Abendstrahl traf das jetzt unbeschattete fein geschnittene Gesicht, schimmerte auf dem hellen Haar und schien sich in den schönen braunen Augen zu spiegeln. Ihr selbst unbewußt vermochte ihr Blick ein paar Sekunden lang sich nicht von ihm loszureißen. Dann verneigte sie sich zum Abschied.

„Auf Wiedersehen!“ sagten einstimmig ihre Begleiter.

Schweigsam gingen die Freundinnen durch Damengruppen, die in Toiletten à la Watteau, den Pompadour am Arm, den Kaffeegärten entströmten; durch Kinderscharen, die mit Ketten von Löwenzahn und Körbchen voll Eichelnäpfchen aus den Waldverstecken, von den sonnigen Triften heimkehrten; vorüber an Trupps von Herren, die, friedlich vor sich hindämmernd, nach Hause schlenderten, sichtlich in der beschaulichen Stille des kleinen Badeortes von der nervösen Hast der Großstadt erlöst.

Keine merkte die Einsilbigkeit der andern. Mit ihren Gedanken beschäftigt, begab sich jede nach eingenommenem Thee auf ihr Zimmer. Bei Ilse hob sofort ein Klingeln nach dem Stubenmädchen, ein Klappern mit Schlüsseln und Kofferdeckeln und lautes Geplauder an.

„Den Anzug, ‚à la Tragkleid‘ in die tiefste Ecke des Schrankes, man wird sonst zuletzt für ein Baby gehalten! Wie ein Kind, das auf die Nase fällt, bin ich behandelt worden. Fort mit den englischen Schuhen! In denen schiebt man wie eine Ente herum. Die Pariser Stiefelchen mit den hohen Hacken zieh’ ich morgen an. Da hat man seine richtige Größe, auch einem großen – nein, langen Herrn gegenüber. Haben Sie die Bonbonniere auf das Marmortischchen gelegt? Etwas zu knabbern muß ich haben. Daß Sie mich morgen nicht wecken! Ich schlafe, so lange es mir gefällt. Gute Nacht!“

Indessen saß Gabriele, die Feder in der Hand, vor dem Cylinderbureau. Aber auf der neuen Seite des Tagebuchs waren nur die Worte eingetragen: „Zeit bringt Rosen“. Sonst pflegte sie Pläne zu Arbeiten, kurz skizziert, darin niederzulegen. Jedoch die kleine Erzählung, die bei dem Frankenhaus ihr durch den Sinn gegangen war, als hätte eine Stimme aus dem zerklüfteten Gebäude sie ihr ins Ohr geflüstert, ließ sich in keine feste Form fassen. Des Türmers Töchterlein, das sie in das verfallene Fenster geträumt hatte, zerfloß wie ein Nebel vor der Erinnerung an ihr eigenes Bild, das ein Fremder mit einer Art Hellsehen dahin zeichnete und bannte. Der düstere Held aus dem Bauernkrieg, den sie so deutlich zu erschauen meinte, wie er den Schlachtberg hinaufzog, tauchte in die versunkene Zeit zurück vor der Gestalt des Zeichners, der hinter den geschlossenen nickenden Rosenknospen sich erhob. Ein Stück Maler steckte in ihm. Die erkennen aus dem Antlitz der Menschen feine Regungen der Seele, welche gewöhnlichen Sterblichen verborgen bleiben. So las er von ihren Zügen die Sehnsucht ab.

Kein Wunder, daß diese wie ein Teil von ihr geworden war! Sie hatte es jahrelang geübt, das Ausschauen in die Ferne, in die Sterne, bis sie wußte, daß es Barmherzigkeit war, wenn die Himmelslichter ihr nicht wiederspiegelten, was sie erblickten.

Und an dem Faden flogen die Gedanken einen weiten Weg zurück.

[768]

„Blau blüht ein Blümelein,
Das heißt Vergißnichtmein!“

Von weich tönenden Klarinetten geblasen, von anschmiegenden Geigen begleitet, zog die Melodie mit der warmen Sommerluft in die Stube, wo Hauptmann Holl in Broschüren und militärische Zeitschriften vergraben saß.

Also acht Uhr! Da begann das Frühkonzert der Badekapelle. Er selbst war um halb fünf Uhr aufgewacht, um sechs zum Baden angetreten, als außerdem nur die Gänseherde, ihre Gleichberechtigung mit den Sommerfrischlern auf der Promenade behauptend, ins Wasser schnatterte.

Ob jetzt Schubke, der Pferdebursche, wie ihm befohlen war, den Braunen ausritt? Ob der Premierlieutenant auch das Ausrücken zur Felddienstübung früh genug angesetzt hatte, damit die Mannschaften noch vor den heißesten Stunden ins Quartier kamen? Verdammt, daß gerade in dieser für einem Kompagniechef so wichtigen Zeit, wo man nur mit ärztlichem Attest Urlaub bekam, sein Arm den Dienst versagte! Aber was half’s? Das Uebel verschleppen, bis es sich festgesetzt hatte, lag einmal nicht in seiner Art. Gleich im Anfang mußte man es mit Stumpf und Stiel ausrotten.

Er tauchte die Feder ein. „Das Rekognoszieren des Feindes durch Streifpatrouillen –“

„Guten Morgen, Lulu!“ schallte es draußen.

„Croquetpartie gut bekommen, liebe Lolo?“

„Bemühen Sie sich nicht, Fräulein Gretchen, ich trage meinen Shawl selbst.“

Unwillkürlich horchte er, als müsse noch ein Name kommen. Er hob den Kopf nach dem Fenster. Frau Kern, der weibliche Vergnügungskommissar, ging eben mit dem Chor der Mütter als Nachhut hinter den Töchtern drein.

Hol's der Fuchs – schon wieder zerstreut! In seiner Garnison wohnte er gegenüber dem Halteplatz einer Pferdebahn und hörte das Pfeifen nicht mehr, und hier störte ihn jeder Laut. Das beste war, er suchte einen einsamen Weg zum vorschriftsmäßigen Morgenspaziergang und legte sich dabei den Plan der Arbeit zurecht. Er schob die Papiere zusammen und stand auf. Ah, da saß ja Schersen auf der Veranda! Den Posten hatte er sicher nur bezogen, um unter der Vorspiegelung eifrigen Zeichnens drüben den Ausgang der Kastanienvilla bewachen zu können.

Während Holl seine Toilette beendete, warf er einen raschen Blick hinüber. Jetzt öffnete sich die Thür des Nachbarhauses – Fräulein Gabriele Raunthal trat heraus – den Namen hatte sein Reisegefährte gleich gestern abend erkundet. Das war so recht der gute Schersen, wie er da überrascht aus seiner künstlerischen Versunkenheit aufwachte, beflissen emporsprang, ehrerbietig sich verneigte. Ohne ein bißchen Salonkomödie that er es nicht. Und richtig, nun machte er auch mobil und schwenkte ab.

Holls Augen bestrichen wieder mit raschem Blick die Wohnung der Damen. Noch immer geschlossene Vorhänge an einem der Zimmer? Sie war ein Schlafratz, die hübsche Ilse Großheim – er nickte bestätigend vor sich hin – mit allen Unarten eines verwöhnten einzigen Töchterchens behaftet. Nicht eines einzigen „Kindes“. Sie hatte ihm selbst von den beiden Brüdern Otto und Paul erzählt, die später, wenn der Vater sich zur Ruhe setzte, die Konservenfabrik übernehmen sollten. Aber die Firma konnte ein Divisionsexempel vertragen. Gestern im Zelt auf dem Anger, wo er noch ein Seidel trank, spitzten alle die Ohren als der Name Großheim genannt wurde. Uebrigens, was ging’s ihn an? Er hatte noch nie nach einem Goldfisch geangelt, Annäherungen von solchen an sich abgleiten lassen, Heiratsvermittlern die Thür gewiesen. Allerdings, zur Begründung einer Familie gehörte ein Kapital, aber es mußte ja nicht jeder eine Familie gründen.

Mit diesem Gedanken marschierte er ab und wählte einen der Wege, die sich hinaus in die Berge verloren. Sämtliche Alleen waren voll Spaziergänger, also höher hinauf! Endlich ein stiller Pfad. Das war die rechte Promenade für ihn. Ringsum weiße Kalkfelsen, die in eine Schlucht hinabstürzten; ein Kegel schob sich abschließend vor den anderen; nur dürftiges Gestrüpp klammerte sich an den ausgedörrten Boden. Hierher würde sich kein Naturschwärmer verlieren. Er klomm den steinigen Weg weiter und ließ sich auf der Höhe im Schatten einer Kalkwand nieder. Die Aussicht in das weite Thal, aus dessen silberwogenden Saatfeldern Dörfer auftauchten mit blitzenden Kreuze auf den Kirchtürmen, wo, von üppigen Obstbäumen umgeben, Frankenhausen mit seinen freundlichen Häusern und altersgeschwärzten Salzwerken lag, rang ihm ein beifälliges Nicken ab – für das hier geplante Manöver. Nur weit drüben, wo der Nebelstreif der Morgensonne zerrann, würden die Pioniere zu thun bekommen. Dort ringelte sich die Unstrut hin über ihren tückischen Grund. Einen Blick noch schenkte er dem Frankenhaus zu seinen Füßen und der Sachsenburg, die wie ein Wächter drüben über den Bergeskamm lugte, einst zum Trutz gegeneinander erbaut, sonnten sie sich jetzt friedlich auf ihren Bergen wie zwei alte Wolfshunde, denen die Zähne ausgebrochen sind. Er maß die Luftlinie zwischen beiden ab. Dann vertiefte er sich in die Vorkehrungen, die man durch Patrouillendienst gegen feindliche Ueberfälle zu treffen hat.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er, das Taschenbuch voll wichtiger Notizen, den Heimweg durch die einsame graue Schlucht antrat. Doch nein, jetzt war sie beides nicht mehr. Mitten in der dürren Einöde stand der kleine Schlafratz. Aus duftigem blauen Gekräusel tauchte der Kopf leuchtend wie eine Blüte auf, die bunte Schärpe, die im Rücken zwei große Flügelschleifen hatte, umschloß eine zierliche Taille.

Sapperlot! murmelte er leise in sich hinein, ohne die Augen abzuwenden. Dann rief er laut hinab: „Guten Morgen, Fräulein Großheim!“ Schreckhaft war sie nicht. Ihr rosiges Gesicht wandte sich unter dem großen Schirm, der an den des Kaisers von China erinnerte, fröhlich zu ihm empor. „Mit dieser Toilette im wüsten Kalkthal? Welche Opferfreudigkeit!“ fuhr er fort, von der Höhe der Hügelkette zu ihr herniedersteigend.

„Wüstes Kalkthal? Das ist der rechte Name,“ erwiderte Ilse. „Schauderhaft!“

„Man findet überall etwas Hübsches,“ entgegnete Holl, dessen Auge mit sichtlichem Wohlgefallen auf ihr ruhten. „Aber wo bleibt Fräulein Raunthal? Sie sind doch nicht allein den einsamen Weg gegangen?“

„Warum nicht? Ich thu’ immer, was ich mag,“ antwortete sie selbstherrlich.

„Wie jung sind Sie noch, daß Sie das so kühn sagen!“ erwiderte er, immer einen Finger im Notizbuch, als sollten die Aufzeichnungen sogleich fortgesetzt werden.

Ueberhebend züngelten die schillernden Fühlhörnchen des Schmetterlingshutes gegen ihn. „Hätte ich nicht so gedacht, so würde mich Frankenhausen gar nicht zu sehen bekommen haben.“ Und sie wandte sich zum Weitergehen.

„Das wäre allerdings schade gewesen.“ Zögernd, als wollte er bald wieder umkehren, schloß er sich an. „Sind Sie vielleicht ein kleiner Durchgänger?“

„Nein, diesmal nicht. Das war ich nur in der Brüsseler Pension,“ erzählte sie. „Mundhalten, bis man beinahe erstickte, in sinnlose Formen eingeschnürt von früh bis spät, falsch freundliche Knixe, wo man lieber den Rücken gedreht hätte –“

„Ja, ja, diese Meinungsäußerung lassen Sie sich nicht verkürzen, wie ich gestern erfahre habe,“ fiel er ein und hob lächelnd den Finger. Sie fällte den Schirm gegen ihn, wie um sich zu schützen, und sagte unter den Spitzen hervor: „So etwas wie diese Pension, das paßt mir nicht; da steig’ ich aus und rutsche ab.“

„Ei, ei!“ Er schüttelte den Kopf.

„O, ich steig’ auch ein,“ trumpfte sie nun erst recht auf. „Gabriele habe ich mir dabei erobert. Ich schwärmte für sie schon als kleiner Backfisch, da mich die guten Großeltern zu sich genommen hatten, die in derselben Universitätsstadt wohnen wie Gabriele.“

Holl nickte. Natürlich, auch noch von Großeltern verzogen! Und doch versenkte er sein Notizbuch mit den wichtigen Bemerkungen in die Tasche seines Jacketts und hörte ihr mit so heiterer Teilnahme zu, als zwitschere neben ihm ein Vogel sein munteres Liedchen.

„Gabriele erschien mir damals immer wie ein höheres Wesen,“ plauderte Ilse zutraulich weiter. „Ich machte Gedichte an sie und schickte sie ihr anonym zu. Einmal als ich an dem Weingeländer hinter ihrem Haus in die Höhe geklettert war, um einen Strauß [770] von Tuberosen und Lorbeer in ihre Stube zu befördern, erwischte sie mich und zog mich zu sich hinein. Mir war zu Mute wie in der Kirche in den ernsten Räumen, wo jedes Stück eine Beziehung zu Gabriele hat. Die Bücher – hauptsächlich über Entdeckungsreisen – die blasse Photographie unter den Palmenzweigen, die Gold- und Silberstufen, die bei ihr die Nippsachen ersetzen! Aber nun sind wir so befreundet, daß Gabriele mir sogar erlaubt hat, sie hierher zu begleiten,“ fügte sie ganz stolz hinzu. „Da dankte ich natürlich für die Reise nach dem Nordkap, auf die mich unsere Bekannten aus der Wollspinnerei mitnehmen wollten.“

Welch ein warmes unschuldiges Herz! dachte Holl – und welch ein kleiner Unband!

Die Schlucht öffnete sich nach einem Wiesenwege, und vor den beiden, die jetzt schweigend dahinschritten, zeigte sich ein kleines lebendes Bild: Schersen, der das Knie leicht vor Gabriele beugte und ihr ein Sträußchen Blumen bot, deren Farbe dem Tagesgestirn entlehnt schien, wie es für ihren Namen „Sonnengünsel“ geziemend ist. Holl konnte eine leichte Ironie im Ton nicht unterdrücken, als er sagte: „Da hat Schersen auch etwas Hübsches gefunden.“

„Das einzige Blümchen, das dem spröden Boden des Kalkthales entsprießt,“ setzte dieser hinzu, die Neuankommenden begrüßend.

„Und das so, von Künstlerhand geordnet, von dem bräunlichen Federgras überfüttert, zu einer zarten Schönheit wird,“ erwiderte Gabriele, wirklich erfreut, nach dem dargebotenen Strauß greifend.

„Nehmen Sie sich in acht,“ warnte Ilse lachend: „Bei uns gilt der Glaube, daß man mit Blumen, die in der Hand warm geworden sind, andere bezaubern könne.“

Gabriele schob zu Ilses großem Vergnügen das Sträußchen etwas eilig aus der Hand in ihren Gürtel. Unmerklich lächelnd befestigte Schersen eine Blüte, die er zurückbehalten hatte, an seinem Rock.

„Sind Sie es wirklich, Baron?“ tönte da eine fremde Stimme dazwischen. Vom Waldschlößchen, das am Waldessaum aus jungen Bäumen und blühenden Bosketten aufragte, kam ein Herr herab, dessen Anzug in der Breite an Heinrich VIII. von England, durch das Schuhwerk an Till Eulenspiegel, durch den Bart an Theodor Körner erinnerte, das heißt, der ganz modern war.

„Traute meinen Augen nicht, als ich den Namen ‚von Schersen‘ in der Badeliste fand. Vermutete Sie in Baden-Baden oder Ostende und finde Sie hier!“

Das herkömmliche „Ah!“ der Ueberraschung, mit dem Schersen antwortete, klang sehr gleichgültig. Dann vollzog er die übliche Vorstellung. „Erlauben die Damen: Herr Rittergutsbesitzer von Stöckei.“

Dieser spendete Grüße in allen Schattierungen vom vertraulichen Händedruck mit Schersen bis zum leichten Neigen des Kopfes zu Ilse hin, das kundthat, er betrachte sie als Nebensache. Dann schloß er sich der Gesellschaft an, die sich auf den Heimweg begab.

Während seine Augen von dem Sträußchen in Gabrieles Gürtel zu der Blume in Schersens Knopfloch glitten, hielt er diesen mit den leisen Worten zurück: „Wer ist die Dame? Raunthal? Von Raunthal? Die Schildpattgarnitur an Handschuh- und Chemisettenknöpfen, Haarnadeln und langstieliger Lorgnette – sehr distinguiert. Nur Raunthal? Na, in der Sommerfrische mimmt man’s nicht so genau!“

Schersen hob den Kopf und warf ihm einen Blick eiskalter Befremdung zu. Stöckeis Redestrom ging aber unbekümmert weiter. „Was gieb’s hier überhaupt für Gesellschaft? Damen mit zahllosen Hänschen und Fränzchen, junge Mädchen, die Eisserviettchen für ihre Ausstattung sticken und es höchstens zu einem Bonbonmann bringen! Ein Ingenieur, Vorläufer einer Kleinbahn, der den ganzen Tag mit den Staren um die Wette ausmißt, und sein Antipode, ein Operpostsekretär, der gewiß nur zur Kur hierher gegangen ist, weil hier noch die gelbe Postkutsche floriert. Dann der Bürgermeister von irgend einem Mottenburg, nervös wegen Kanalisation, für die er die Mittel nicht aufbringen kann, da macht er eine Badereise. Verblüffender Ausweg, he? Ein Referendar, direkter Abkömmling der alten Deutschen, die immer noch eins tranken. Endlich ein Musikdirektor, der Stimmung sucht zu seiner Oper ‚Barbarossas Erwachen‘, die natürlich einaktig sein muß und in deren Vorspiel natürlich ein Solo hinter dem Vorhang gesungen wird. Das Vorspiel soll das Sängerfest eröffnen, das nächstens auf dem Kyffhäuser stattfinden wird, zum Besten des Denkmals.“ Stöckei bemerkte endlich den geistesabwesenden Ausdruck in Schersens Gesicht und wechselte das Thema.

Mit dem Stock, der wie eine altdeutsche Keule geformt und hohl und leicht wie eine Attrape war, deutete er in die Weite. „Sehen Sie dort die Renaissancegiebel über die alten Parkbäume ragen? Das ist das Schlößchen des Barons, der damals mit Gemahlin in Ihrer Garnison, Dingsda, Ihren Kommandeur besuchte, den Grafen –“

Ehe er den Namen nennen konnte, fiel Schersen ein, fliegendes Rot auf den Wangen: „Und hier ist die Kastanienvilla unserer Damen.“ Er mochte den Namen nicht aussprechen hören, der auf Stöckeis Lippen schwebte.

Abgespannt, nervös wie alle fein angelegten Naturen, wenn sie das Geschwätz der Alltagsmenschen haben ertragen müssen, warf er sich nach dem Abschied von der kleinen Gesellschaft in seinem Zimmer auf die Chaiselongue.

Aber er fand keine Ruhe. Die Gestalt der Gräfin, an die er seit gestern unaufhörlich gemahnt wurde, tauchte wieder vor ihm auf. Er meinte die klugen grauen Augen forschend auf sich gerichtet zu sehen, das leise dunkle Lachen zu hören wie damals, da er, der Adjutant ihres Gemahls, täglich an ihrer Seite auf flüchtigem Pferd durch Wald und Feld jagte. Himmlische Zeit! Immer überfiel ihn eine Art Heimweh, wenn er jener Tage gedachte. Der Oberst, Graf Tölz, war ein älterer Herr von zu viel Geschmack, um Eifersucht zu zeigen, und von zu viel Menschenkenntnis, um nicht zu wissen, daß seine Gemahlin eine vollkommene Dame war, die über Barrieren nur mit ihrem arabischen Schimmel hinwegsetzte. Nein, Schersen hatte nichts auf dem Gewissen gegen den gütigen Mann, der ihm mehr väterlicher Freund als Vorgesetzter war. Nur – das Bewußtsein, daß sein Blick die Macht besaß, die großen grauen Augensterne im Theater, Konzertsaal über Hunderte von Menschen hinweg, auf sich zu ziehen; daß sie im Dahinfliegen, sei es im Tanz, sei es im wilden Ritt, beide den einen Gedanken hegten: so aller Bande ledig vereint in die Ewigkeit hinein – Seligkeit! Ein einziges Mal beging er eine Unbesonnenheit – bei jenem Whist. Da schlug die Stunde, in der die Geister verschwinden mußten, die keine Berechtigung zum Dasein hatten.

Seine weichen Züge schärften sich in der Pein dieser Erinnerung. Er hatte es gestern an Holls zur Schau getragener Unbefangenheit gemerkt, daß dieser den Vorgang damals richtig gedeutet hatte. Er war ja bei jenem Robber der Partner des Obersten gewesen gegen die Gräfin und ihn. Sie spielte wagehalsig ihre Coeurdame aus, er warf tollkühn statt einer nichtssagenden Karte den Buben der Dame zu Füßen. Er bereute es sofort. Eine kleine Pause entstand; Holl saß wie eine Bronzestatue, die nicht sieht und hört. Die Gräfin schien den Atem anzuhalten. Dann sagte der Oberst mit ruhigem Lächeln: „Aber, lieber Schersen, Sie wissen doch, daß der König noch da ist.“ Und er nahm mit demselben den Stich an sich. Weiter fiel kein Wort. Jedoch für Schersen verstand sich von selbst, daß er am andern Tag um Urlaub bat. Die Gräfin sah er nicht beim Abschiedsbesuch. Als er zurückkehrte, weilte sie auf dem Gut ihrer Eltern, um sich von der Wintersaison zu erholen. Im Herbst forderte der Oberst wegen eines Lungenleidens seinen Abschied, und siedelte nach Aegypten über. Dort war er gestorben, und seine Gemahlin war unter die Reisenden gegangen. In den Kreisen der Weltbummler kannte man die Gräfin Swanta Tölz. Mit dem einen hatte sie Kastanien in der heißen Asche des Vesuvs geröstet, der andere war ihr in der Wüste begegnet und durfte unter dem Zelt am niedrigen arabischen Tischchen den Mokka nehmen, den sie bereitete. Nach Deutschland kam sie nicht wieder.

Der Schleier, der immer über Schersens Züge gebreitet zu sein schien, sie so anziehend machte, enthüllte sich jetzt in der Einsamkeit als ein sonst streng verborgen gehaltener Leidenszug. Er hatte seitdem kein tieferes Interesse mehr für eine Frau zu fassen vermocht. All den späteren kleinen Episoden fehlte die wahre innere Zuneigung. Ein Zeitvertreib war ihm das leichte Liebesspiel wie andern die feine Cigarre, die Roulette.

Seine weiße Hand strich über die Stirn, als wollte sie alle Erinnerungen an diese Nichtigkeiten verwischen. Hier endlich vergönnte ihm einmal wieder das Geschick, aus dem Alltagstrott herauszukommen, sein Talent und Wesen an ein gleichgestimmtes dichterisches Frauengemüt anzuschließen. Gabriele! Er nannte sie für sich nur noch bei diesem Namen. Eine anders geartete, aber nicht minder edle Natur als jene, der seine erste Liebe gehörte! Und eine eigentümliche Schönheit. Wie fein war der Fuß, der über den mit Maßliebchen und Wegerich gepolsterten Wiesenpfad [771] zu schweben schien! Wie klar die Stirn, um die in schöner Linie das braune Haar sich legte! Wie schwermutsvoll das Profil, das er auf dem Heimweg manchmal zu erblicken vermochte! Warum schwermutsvoll? Hatte sie ein Grab getäuschter Liebe in der Seele?

Bei dem Gedanken umwölkte sich seine Stirn. Eher wollte er annehmen, daß sie es schmerzlich empfand, nie ein anderes gleichgestimmtes Wesen gefunden zu haben. Innere Einsamkeit macht immer melancholisch. Wie mußte es beseligend sein, diese leise Trauer zu besiegen!

„Kommen Sie mit zu Tisch?“ fragte Holls kräftige Stimme zur Thür herein. „Drüben in der Kastanienvilla rückt schon die ganze Besatzung ab.“

Schersen sprang auf – ein paar Bürstenstriche Über den aschblonden Scheitel, dann eilig den braunen Sammetrock übergestreift – in Civil liebte er den Künstlerstil – und mit seinem leichten federnden Schritt ging er davon.


Tack, tack! lockte es zärtlich von dem Jelängerjelieber her, der mit Tausenden kleiner grüner Sonnenschirme und rötlicher Füllhörner die Holzbogen an der Veranda des Hauses überspann, in dem die beiden Offiziere wohnten. Auf schwankender Ranke schaukelte sich eine Grasmücke. Trätsch, trätsch! zankte es aus einem der liederlichen Nestchen, wie sie dieses Sängervölkchen sich zu bauen pflegt.

„Tack, tack!“ ahmte eine Menschenstimme nach. Auf den Fußspitzen trippelte Ilse heran. „Ein Vogelnest!“ rief sie vergnügt.

„Jawohl, leider!“ antwortete Holl, und sein schwarzer Kopf bog sich von dem duftigen Luginsland zu ihr herab. „Ein so leichtsinnig gegründetes Hauswesen, daß es nächstens die Katzen werden gefressen haben. Das Ding hängt ganz schief. Ein Wunder, daß das unordentliche Weib samt seinen Eiern noch nicht herausgefallen ist.“

„Eier sind drin?“ unterbrach ihn Ilse, ganz Freude, ganz Neugier, und schlich näher. „Ich thu’ Deinen Kindern nichts,“ tröstete sie treuherzig den kleinen Vogelmann, der, ein dunkles Zornkämmchen auf dem gesträubten Kopf, hin und herflatterte.

Holls sonst so scharfer kühler Blick wurde warm. „Wollen Sie das Nest sehen, dann bitte ich, heraufzukommen.“

Sie sprang die Stufen empor. Aus der heißen hellen Sonne trat sie in das dichte Schattengeflecht, in dem eine grüne Dämmerung waltete. Sie waren allein; Stille umgab sie.

Er hob vorsichtig die Ranken auf; sie bog sich hinüber. „Sehen Sie?“ flüsterte er.

Tief in ihr so scharf getadeltes Nest gedrückt, saß die Vogelmutter; ein gesprenkeltes kleines Ei guckte allerdings durch das baufällige Gefüge der Grashalme. Ilse hielt den Atem an; immer näher kam das gespannte rosige Gesichtchen.

Da streifte die Spitze des schwarzen Schnurrbarts ihre Wange.

Sie fuhr zusammen, heiß errötend bis auf den runden Arm, der unter den Spitzen des Aermels sichtbar wurde, und ohne Abschiedsgruß rannte sie plötzlich davon.

Beklommen atmend ging Holl in sein Zimmer. Aber er griff nicht nach dem inzwischen angelangten Militärwochenblatt. Erregt über seine Verwirrung schritt er hin und her. Wenn er bisher Andere verliebte Thorheiten begehen sah, konnte er das Gefühl nie loswerden, daß er sich in ihre Seele hinein zu schämen habe; er verachtete die Männer, die sich von Weibern bestricken ließen. Und nun erlebte er, daß seine sonst unerschütterliche Selbstbeherrschung ihn zu verlassen drohte um eines rosigen Backfischchens willen. So ging’s nicht weiter! Jetzt hieß es: entweder den lebhaften Verkehr einstellen, den Badeaufenthalt abkürzen, oder – oder? Es lag eine unwiderstehliche Verlockung in diesem Oder. Warum auch nicht? Sie mußte freilich erst erzogen werden. Aber gerade bei dieser Aussicht richtete er sich unternehmungslustig auf. Er gehörte zu den preußischen Offizieren, denen von Friedrich Wilhelm dem Ersten her etwas vom Schulmeister anhaftet. Er hatte den Ruf eines guten Erziehers. Die jungen Fähnriche, die in seine Kompagnie eintraten, bildete er alle zu tüchtigen Offizieren heran. Und mit welcher Liebe hingen sie schließlich an ihm! Warum sollte er nicht auch bei dem netten Mädel Erfolg haben?

Mit einer Freude, die ihm die Gefahren des Weges, der zum Herzen führt, verhüllte, vertiefte er sich in seine erzieherische Aufgabe. Kein Gedanke kam ihm, daß seine strenge Lebensführung, die ihm nicht Zeit gelassen hatte, im Verkehr mit den Frauen Erfahrungen zu sammeln, ihm jetzt zur Klippe werden könnte. –

Drüben stand Ilse vor ihrem Toilettespiegel und strählte ihr Haar, daß es knisternd auseinanderstiebte wie ein leuchtender Kometenschweif. Sie sah ihr glühendes Gesicht nicht, ihre Gedanken waren noch bei dem eben Erlebten. Sie überhörte, daß Gabriele fragte, warum sie so erregt sei; ihr Herz klopfte, daß ihr das Blut in den Ohren sauste. Warum war sie denn nur so außer sich? Sie hatte sich geärgert darüber, daß „er“ sogar ein Vogelweibchen zur Arbeit kommandieren wollte; alles sollten die Frauen thun: kochen, sich beherrschen, selbst das Haus bauen! Ja, ja, sie hatte sich geärgert – das war’s!

Gabriele wiederholte die Frage nicht, als sie keine Antwort erhielt. Ihre eigenen Angelegenheiten nahmen sie mehr und mehr in Anspruch. Sogar über die Kleidung mußte sie sich den Kopf zerbrechen. Seit Schersen jenes gelbe Sträußchen zwischen sich und ihr geteilt hatte, trug er stets ihre Farbe wie der Diener die seiner Herrin. War sie weiß gekleidet, steckte eine Gardenie an seinem Rock; mit ihrem Veilchenhütchen korrespondierte bei ihm das Sträußchen der jetzt so seltenen Blumen. Als sie endlich schwarze Spitzen wählte, gelang es ihm, ein fast ebenso dunkles Stiefmütterchen aufzutreiben. Und wenn dann ihr Gruß und Wesen zurückhaltend wurde, schien er so unbefangen, der Plauderton, den er anschlug, so harmlos, daß sie meinte, sich lächerlich zu machen, wenn sie die kleine Huldigung, die dem Weltmann Gewohnheit war, wichtig nahm. Wo sollte sie auch Farben finden, die in der Blumenwelt nicht vertreten waren? Täglich erschlossen sich Tausende von Knospen. Unter den Buchen, die wie freundliche Krausköpfe von den Bergzügen grüßten und frischen Waldesatem bis in die verbautesten Gäßchen sandten, sproßten Maienglöckchen und bunter Frauenschuh auf. Blaue Vergißmeinnicht säumten das Flüßchen, das seine bräunlichen Wellen der Stadt so harmlos zutrieb, als sei nie von silbernen Flußbändern gesagt und gesungen worden. Die Gärten, welche die Landhäuser umgaben, wurden eng von den sich aufbauschenden Schneebällen, den gleich gelben Schleiern wehenden Blüten des Goldregens.

Nur die Rosen im Garten zeigten noch nicht die königliche Blüte, streckten dagegen gleich zierlichen Krallen die Dornen aus, dem Guerillakrieg entsprechend, der von Holl und Ilse zwischen ihren Hochstämmchen ausgefochten wurde. Er hatte ganz planmäßig seine Erziehung begonnen, und sie wehrte sich mit dem Trotz eines verwöhnten Kindes. Schon das erste Begegnen war immer ein Kampf, obgleich beide sichtlich danach strebten, es herbeizuführen. Spähenden Blickes streifte Ilse rastlos durch die Promenaden. Frau Kern, die täglich neue Vergnügungspläne entwickelte, seit sie in Ilse einen Magneten für die Herrenwelt entdeckt hatte, erhielt einsilbige oder verkehrte Antworten von ihr. Wenn jedoch Holls hohe Gestalt auftauchte, seine Augen schon von weitem über die Köpfe hinweg sie faßten, schien sie ihn gar nicht zu sehen, begann sie plötzlich die lebhafteste Unterhaltung, und sei es gleich mit Lolo und Lulu, die sie nicht leiden konnte. Währenddem wartete Holl, überlegen lächelnd, bis sie sich endlich ihm doch zuwenden mußte, verwirrt, erregt, atemlos, um seinen Gruß zu erwidern. Aber es kam auch vor, daß er Gleiches mit Gleichem vergalt, sie ebenfalls nicht bemerkte und nur Gabriele respektvoll grüßend davonging. Dann schlich Ilse verdrießlich nach Haus unter dem Vorwand, der schwüle Jasminduft habe ihr Kopfschmerzen verursacht.

Als sie bei einem Nachmittagskonzert ein Kleid von violett und orange schillernder Plüschgaze trug, das allerdings der Mode, aber nicht einem feinen Geschmack entsprach, sagte er, sich verbindlich verbeugend: „Ich bin sehr erfreut, daß Sie es sind, Fräulein Großheim. Ich fürchtete schon, das Regenbogenbanner des seligen Münzer spuke!“

„Von einem Regenbogen kann bei solcher Trockenheit nicht die Rede sein,“ versetzte Ilse schlagfertig.

Am nächsten Tag stürmte sie alle Blumenhandlungen, um eine Garnitur von frischen brennend roten Geranien zu bekommen, mit der sie die Ballonärmel, die zierlichen Einsätze ihres blaßroten Foulardkleides verzierte, das sie bei der allwöchentlich wiederkehrenden Tanzunterhaltung tragen wollte.

Fernher tönte bereits Musik.

Drüben trat Holl im Gesellschaftsanzug heraus, zog die Uhr, warf einen Blick herüber und ging dann stracks davon. Schersen folgte zögernd, knöpfte an den Handschuhen und sah sich immer wieder um.

[782] Ilse, von dem Stubenmädchen bedient, trödelte noch zwischen Brenneisen und gefältelten Unterkleidern umher, als Antwort auf eine neulich von Holl empfangene Vorlesung über Pünktlichkeit.

Gabriele war mit ihrer Toilette schon fertig. Sie schob den Ring, den sie vorher abgelegt hatte, wieder an den Finger. Nachdenklich sah sie auf die Edelsteine herab, die sich ohne Rücksicht auf die Farbe aneinander reihten. Sie bildeten einen nach altem Glauben zusammengestellten Segensspruch. Aber die Juwelen hielten nicht, was derjenige, der sie zusammenfügen ließ, dessen Namenszug mit einem anderthalb Jahrzehnte zurückliegenden Datum in das Innere des Ringes graviert war, sich von ihnen wenn auch nur im Scherz versprochen hatte. Die prophetischen Träume, die der wie ein feuriges Veilchen funkelnde Amethyst verhieß, blieben aus. Der olivenfarbige Chrysolith vermochte mit seinem heiteren Goldglanz die Schwermut ihr nicht fern zu halten, der Zauber des bläulich schimmernden Beryll erwies sich machtlos dem Herzen gegenüber, das er fröhlich machen sollte. Und ebensowenig verlieh der dunkelgrüne Jaspis hellen Blick. Sie sah zum Beispiel nicht klar, wie der zwischen Ilse und Holl sichtlich immer ernster werdende Streit enden konnte. Eine leise Mahnung zur Vorsicht schlug Ilse mit dem Uebermut der im Schatten eines großen Geldschrankes aufgewachsenen Tochter in den Wind. Und doch – trotz des Kampfes meinte Gabriele ein tiefes Interesse der beiden aneinander herauszufühlen. Vielleicht war es ein Glück, wenn der ernste gereifte Mann der warmherzigen aber unerzogenen Ilse zur Seite trat. Holl genoß sowohl als Mensch wie als Offizier höchste Achtung. Das hatte ihr Schersen gesagt auf eine leis andeutende Frage, die der fein Empfindende sofort verstand, die sie wagen durfte, weil sie auf seine Verschwiegenheit bauen konnte. Er war ein vollendeter Kavalier. Ein leiser Seufzer kam über ihre Lippen. Ein vollendeter Kavalier, aber –

Sie blickte auf den Ring nieder. Auch hier versagte der Jaspis den Dienst.

Spielerei der Gedanken! Das Wirkliche waren die schönen mit Kennerauge ausgesuchten Edelsteine und die Liebe, die durch ihre einstige Wahl bekundet wurde. Ach, einmal dieser von elektrischen Strömungen durchkreuzten Luft entrinnen können! Einmal allein sein!

Ilse beobachtete die Freundin, und hinter dem Goldgelock stiegen allerhand prophetische Gedanken auf von sanften Ermahnungen, von stillem Sitzen unter der älteren Altersklasse, von ausgleichenden Bestrebungen, wenn sie unbefugten Einmischungen gegenüber – ein verschlagener Blick ging hinter Holl her – sich kräftig wehrte.

„Sie sind angegriffen, Gabriele,“ sagte sie. „Ruhen Sie ein wenig! Ich kann mich Frau Kern anschließen.“ Und mit dem Ungestüm der Jugend jeden Widerspruch beiseite schiebend, schickte sie sofort das Stubenmädchen zu der Dame, um ihren Schutz zu erbitten.

Frau Kern hatte bereits ihren Hut aufgesetzt, den ein kostbarer Reiherstutz überragte. „Mit dem größten Vergnügen!“ rief sie zur Thür herein. „Vertrauen Sie mir Fräulein Großheim ruhig an! Merkwürdig! Wir hätten nicht Feuerrot zu Rosa tragen dürfen. Hören Sie, da wird schon die Polonaise gespielt. Nun, guten Abend, Fräulein Raunthal!“

Sie gingen. Gabriele wartete noch ein paar Minuten, dann verließ sie ebenfalls die Villa. Als sie die Stadt erreichte, schmetterte ihr das Signal einer Extrapost entgegen. Ein offener Wagen, dem ein anderer, mit Gepäck beladener folgte, rollte vorüber. Neben dem Postillon saß ein Diener, dessen braunes Gesicht scharf gegen seinen weißen arabischen Burnus abstach. Vom Rücksitz wandte sich ein kokettes Jüngferchen um und rief ihm in französischer Sprache einen Befehl zu. Der Schwager schüttelte zu dem gebrochenen mit englischen und italienischen Worten gemischten Deutsch des Dieners den Kopf. Da richtete sich die in die Polster zurückgelehnte Herrin auf und nannte das Renaissanceschlößchen und den dort wohnenden Baron. Die Stimme klang dunkel: aber der Aussprache nach war die Dame eine Deutsche. Gabriele sah in ein Paar großer grauer Augen; dann verschwand der Zug.

Wer war die Dame? Sie erschien ihr bekannt. Aber sie konnte sich nicht auf die frühere Begegnung besinnen. Leises Rauschen spülte das Grübeln hinweg. Es drang aus der tiefen von alten Bäumen überwölbten Schlucht, wo die Salzquellen der Erde entstiegen. Jetzt waren die Badehäuser geschlossen, die lauschigen Wege vereinsamt. Gabriele brach einen Zweig blühenden Flieders aus dem Boskett und drückte das Gesicht in die duftenden Trauben. Tiefe Stille herrschte, nur das Wasser brauste und plätscherte. Und die Quelle murmelte von einem Jahrtausend, während dessen sie Segen gespendet hatte – von den grauen Tagen, da das umwohnende Volk im rauhen Bärenfell sich andächtig vor ihr neigte, von der Zeit, da die erste Mauer um sie gezogen wurde, da die neu gegründete Stadt den am Salzborn dienenden Hallknecht als Wappenbild erkor. Aus den Winkeln der von Abenddämmerung umwobenen Gebäude schwebten die Geister der alten Stadt an die langsam Hinwandelnde heran und raunten in ihrer Sprache, die Alltagsmenschen nicht verstehen, ihr zu von dem Salzgericht, das hier gehalten wurde, von den Sölden[1] dort, wo die weißgeschürzten Sieder um die brodelnden Pfannen hantierten.

Beim Schein einer schwankenden Laterne las sie den Straßennamen „Kräme“. Alt wie das Haus da mit den vorspringenden Stockwerken, dem steilen spitzen Ziegeldach! Das war gewiß dereinst das behagliche Heim eines Pfannherrn, der Feuer und Rauch zu Frankenhausen erhalten mußte, wenn er Miteigentümer des Salzwerkes sein wollte. Diese tiefe Fensternische mochte vielleicht sein Lieblingsplatz gewesen sein, wo er saß, mit pelzverbrämter Schaube angethan, geruhig sich des Bewußtseins getröstend, daß selbst ein Bibelwort die Unentbehrlichkeit dessen anerkannte, was er förderte. Aus der rundbogigen Pforte trat allabendlich zu dieser Zeit sein Töchterlein, dem das blonde Haar wie ein Mantel unter dem goldenen Schappel herabwallte, und zündete ein Lämpchen an vor St. Wolfgang, dem Schutzpatron des Salzwerkes, der damals unter der noch erhaltenen steinernen Krönung stand. Und auch allabendlich zu dieser Zeit sprang der junge Salzschreiber in seinen Schnabelschuhen über den die Straße durchrauschenden Bach, um dem hochmögenden Herrn zu berichten, wie viele Gespanne in den Herbergen Salz begehrten. Es durfte ja beileibe nicht mehr gekocht werden, als man gewißlich abzusetzen vermochte. Gestattete die ehrsame Jungfrau ihm heute, ein kurzes Weilchen mit ihr zu sponsieren? Warum sonst stocherte sie so lange an dem Lämpchen herum, bis er herankam? Nein, heute wie immer, wenn er seinen Gruß bot, richtete sie sich hoffärtig auf und rauschte davon, daß die Silberglöckchen, die sie als Patrizierin am Saume der lasurblauen Schleppe tragen durfte, ihm in die Ohren gellten, er sei noch weit von den hohen Graden eines Salzgräfen[2] entfernt, dem sie ebenbürtig war. Bei St. Wolfgang, er wollte ihr den Hochmut heimzahlen! Zum letztenmal überschritt er die Schwelle. Hinfüro schickte er an seiner Statt den geringeren Bornschreiber!

Gabriele fuhr plötzlich aus ihren Träumereien auf. Sprang dort nicht wirklich eine schlanke Männergestalt über den murmelnden [783] Rinngraben? Langsam kam ihr die Erscheinung entgegen. Aber kein längst verblichener Salzschreiber wandelte daher, breitspurig die Fersen zuerst aufsetzend, wie es den Schnabelschuhen entsprach – mit den feinen Fußspitzen vorstechend, nahte ein unternehmender Mann von heute! Der Laternenschein fiel auf silbern schimmerndes aschblondes Haar. Nun, auch sie war eine Dame von heute! Sie ging, ohne ihn anzusehen, an ihm vorüber. In der Dämmerung kennt man sich nicht. Deutlich hörte sie, daß der Nachtwandler anhielt, dann sich wendete und von fern folgte. Sie mußte sich zwingen, daß sie nicht in einen rascheren Schritt verfiel, um diesem Geleit zu entgehen. Es war am besten, sie begab sich noch zu der Tanzunterhaltung.

Schon von weitem leuchtete das Festgebäude ihr entgegen. Bunte Lampions glühten zwischen den dunklen Bäumen, aus der geöffneten Glasthür des Saales strömte Lichtglanz und Musik. Etwas atemlos trat sie durch das eiserne Gitterthor; und jetzt, wo all die erleuchteten Laubgänge von plaudernden Gesellschaftsgruppen belebt waren, warf sie einen Blick rückwärts, wie wohl der vor einem Gespenst sich Fürchtende thut. Und sie fuhr auch wirklich zusammen. Schersen trat nach ihr ein, die Augen auf sie geheftet, ein Syringenträublein im Knopfloch. Also war er ihr schon von der Schlucht des Salzborns an gefolgt!

Ihre Finger zuckten, als wollten sie den eigenen Zweig wegwerfen. Aber im selben Augenblick fragte er neben ihr: „Haben Sie den weißen Nebelstreifen gesehen, der wie der feuchte Saum eines Nixengewandes an dem Quell verschwand? Und schaute nicht aus den tiefen Fensternischen und den an Kirchenpforten erinnernden Rundbogenthüren das alte Bürgertum mit seinen behäbigen Männern, den sittsam herben Jungfrauen?“

Sie schwieg betroffen. Die Ueberraschung ließ sie die Beängstigung vergessen, welche sie vorher empfunden hatte. In seinen Augen war ein Lächeln. „Wir müssen nun einmal immer dasselbe denken. Ist es Hypnose, Suggestion?“

Sie faßte sich. „Es ist die Verwandtschaft unserer Talente,“ sprach sie ruhig.

Er antwortete nicht sogleich. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, als wüßte er es besser. Dann verbeugte er sich doch tief, wie dankend für eine höchste Ehre, und sagte: „Das Wort läßt mich hoffen, daß mein sehnlichster Wunsch sich noch erfüllt. Ich möchte nämlich so gern ein gemeinsames Werk mit Ihnen schaffen, mein gnädiges Fräulein. Ich bin etwas Konzertzeichner und denke es mir herrlich, wenn Sie erzählen wollten und ich dürfte zugleich die Zeichnungen dazu entwerfen.“

„Mir geht die Arbeit nicht so schnell von der Hand wie Ihnen,“ antwortete sie ausweichend. „Von der Novelle, die Sie erraten haben, ist nur der Anfang vorhanden.“

Er ließ sich, nicht abweisen. „Wollten Sie nicht als Samariterin ein Märchen für Ihre Armenschule liefern? Würden Ihre Schülerinnen sich nicht freuen, wenn kleine Bilder es schmückten? Wir könnten zum Beispiel einen Ausflug nach der Höhle machen, die zu den Sehenswürdigkeiten der Gegend gehört. Da hausen Kobolde, Gnomen. Ich zeichne auch bei Licht, o, nötigenfalls im Finstern – in Ihrer Gesellschaft!“ kam es leise von seinen Lippen, während er mit ihr den Saal betrat. Und einem Einwand zuvorkommend, setzte er hinzu: „Bitten wir Frau Kern, daß sie eine Partie zur Höhle veranstalte. Ich werde mit ihr sprechen. Sie wünschen doch auf dem Eckdiwan dort zu sitzen, gnädiges Fräulein?“

Mit der vollendeten Höflichkeit des Kavaliers und der Geschwindigkeit des eine Ueberrumpelung bewerkstelligenden Offiziers geleitete er Gabriele zu dem Platz. Dann glitt er hinweg.

Herr von Stöckei, der bei einer Flasche Schaumwein gesessen hatte, vertrat ihm den Weg. „Wollte Ihnen noch Lebewohl sagen, Baron; es geht morgen fort.“

„Glückliche Reise!“ sagte Schersen eilfertig.

„Vorderhand bleibe ich noch im Thal,“ sprach Stöckei weiter. „Unser gemeinschaftlicher Bekannter hat mich zur Rehbockjagd eingeladen. Wollen Sie nicht mit, Ihren Besuch dort zu machen? Das Renaissanceschlößchen – ein wahres Bijou – und der vornehme Park bieten eine Fülle malerischer Punkte.“

„In der That!“ antwortete Schersen zerstreut und war fort.

Stöckei klemmte das Monocle vor das Auge. Dort saß Schersen neben dieser etwas spießigen Frau Kern mit so liebenswürdiger Miene, so einschmeichelndem Lächeln, wie er es vielleicht als Militärattaché in London für die Frau eines Gesandten gehabt hatte, die ihm bei politischen Aufträgen hilfreiche Hand leisten sollte. Aber hier, wo man nicht einmal ein Menuett à la reine zustande bringen konnte! Er verließ kopfschüttelnd den Saal.

Das Fest nahm den bade- und kurgemäßen raschen Verlauf. Ueber den Tanzenden lag es wie eine leichte rötliche Wolke; an den Wänden reihten sich die Ballmütter, kleine Spitzenrosetten über den von der Wärme aufgelösten Stirnfransen; die Nebenzimmer waren gefüllt von älteren Herren, die bei Cigarren und Bier, L’hombre und Skat saßen. Nur wenige Nummern noch zeigten die Tanzkarten.

Eben waren die „Nachtfalter“ von Strauß gespielt worden, nach deren Klängen junge Mädchen, von lichten Sommerkleidern und wehenden Schärpen umflattert, und Herren in spitzen Lackschuhen, bunte seidene Tücher in den weiten Ausschnitt der Westen gesteckt, sich gedreht hatten. Jetzt eilte Ilse zu Gabriele heran. Zugleich nahte dem Platz derselben auch Hauptmann Holl, der bis dahin am Thürrahmen zum Büffettzimmer gelehnt hatte.

„Ich amüsiere mich himmlisch,“ beteuerte Ilse so inbrünstig, als habe jemand daran gezweifelt. „Aber Herr Hauptmann Holl spielt sich heute auf den Methusalem hinaus, er hat erklärt, Rundtänze und Kinderkrankheiten lägen hinter ihm, und sich nur herabgelassen, mich zur letzten Française zu engagieren.“ Sie warf einen gereizten Blick auf die stattliche Gestalt, die so elegant aussah in dem mit Seide aufgeschlagenen Jackett.

Gabriele strich dem jungen Mädchen sanft die Locken aus der erhitzten Stirn, die, glatt wie die eines Kindes, zeigte, daß noch kein schwerer Gedanke, kein Kummer sie gefurcht hatte; dann zog sie Ilse neben sich auf den Diwan.

Holl lachte und seufzte zugleich. „Das ‚nur‘ ist dem Methusalem sehr schmeichelhaft, doch würde ein kleiner Gewissensbiß Ihrerseits ihm noch viel, viel lieber sein.“

Gabriele erriet. Daß er nicht getanzt hatte, war die Strafe gewesen für Ilses Nichtbeachtung seiner Ansichten, für die abermalige Unpünktlichkeit beim Erscheinen und die ausgesucht grelle Toilette. Vermittelnd sagte sie: „Die leidenschaftliche Tanzlust eines Fähnrichs verträgt sich nicht mit den Majorsepauletten, die bei Herrn Hauptmann Holl jeden Tag eintreffen können.“

„Nicht vor dem Manöver,“ berichtigte Holl und zog sich einen Stuhl an Gabrieles andere Seite.

Gabriele nickte. „Ach ja, ich habe gehört, daß Sie sich nie Illusionen hingeben wie so viele andere, sondern auf den Tag berechnen, wann frühestens die Beförderung eintreffen kann. Und welche Garnison wünschen Sie sich?“

„Mit Wünschen gebe ich mich nicht ab“ – er hielt inne; ein rascher verletzter Blick von Ilse hatte ihn getroffen. Seine schwarzen Augen blitzten mit den weißen Zähnen um die Wette, als er hinzufügte: „Ich meine – nur nach dieser Seite hin. Ich gehe, wohin man mich schickt.“

„Sie würden sich doch umgucken,“ sagte Ilse mit einiger Verwirrung über seine Einschränkung, „wenn man Sie in ein Nest an der Ostgrenze schickte, wo es keine Frühstückskeller mit Austern, keine kleinen famosen Spielhöllen giebt, wo alle schneidigen Paletots und Mützen ein Jahrhundert zu spät Mode werden.“

„Solche Passionen habe ich nie gekannt,“ erwiderte er heiter, „auch als junger Lieutenant nicht, da mein Vater kein Krösus, sondern Professor der Mathematik war, das heißt für Luxus nichts übrig hatte.“

Sie machte eine zweifelnde Bewegung mit der Hand. „Na, da wird gepumpt; das kennt man!“

„Dagegen muß ich mich verwahren,“ antwortete er, ernst werdend. „Ich bin zur Kriegsakademie einberufen, zur Reitschule kommandiert gewesen und mit der mäßigen Extrazulage ganz gut ausgekommen, die mir von zu Hause gewährt werden konnte. Man muß nur nicht nach den Anschauungen anderer, sondern nach der eigenen Einsicht, den eigenen Verhältnissen sein Leben ordnen, sich sagen, daß nicht die famosen Spielratzen und die Löwen mit den schneidigen Mützen, sondern die, welche die famosen Examina machen, die schneidigen Pläne ausarbeiten, zu den höheren Graden aufrücken.“

„Und daran wollen Sie als junger Lieutenant immer gedacht haben?“ fragte Ilse ungläubig.

„Selbstverständlich!“ Es lag eine unbeirrbare Festigkeit in seiner Stimme, als er hinzusetzte: „Mein Beruf, meine Laufbahn war und ist mir zu allen Zeiten das Höchste gewesen.“

[786] Ilse sah ihn finster an. Das Höchste? Allen, die ihr bisher huldigten, war sie das Höchste, und dieser Hauptmann, den sie auszeichnete, erklärte, daß ihm ein Paar breiter roter Streifen oder das stumpfe Karmoisin des Generalstabs die Hauptsache im Leben sei. Er kam ihr beschränkt vor, aber das Herz that ihr weh dabei.

Da wurde die Einleitung zur Française gespielt, die das Fest beschließen sollte. Auf die Bitte des Vorstandes hatte Holl übernommen, dieselbe vorzutanzen und durch allerhand Kotillontouren zu erweitern. Er trat zu Ilse und verbeugte sich. Ihre Lippen waren zusammengepreßt, die blauen Augen wichen ihm aus. Sie ließ ihn eine Sekunde warten. Er schüttelte leise den Kopf.

Gabriele sah ihn voll Teilnahme an. Neben ernster Mahnung meinte sie in seinen Augen noch einen anderen Ausdruck zu lesen, eine tiefe Zärtlichkeit, die dem Mädchen an seiner Seite zu sagen schien: das Liebste bist Du mir doch. Aber das Wort kam nicht über die spröden Lippen.

Nachlässig reichte ihm Ilse die Hand. Seine Brauen zogen sich zusammen, er wurde ungeduldig. Unverweilt führte er sie in das Carré und rief mit lauter Stimme die erste Tour aus.

„Jetzt sind Sie ganz in Ihrem Element, Sie kommandieren,“ spottete Ilse, vor ihm balancierend.

„Es ist leider immer notwendig,“ antwortete er, den Pas zu einem energischen schnellen Schritt umwandelnd.

„Aber man braucht nicht zu gehorchen,“ stieß sie heraus.

Er reichte ihr die Hand zur Tour des mains. „Wer sich mit mir – sei es auch nur zu einem Tanz – vereint, muß bereits die Entscheidung getroffen haben, meine Führung anerkennen zu wollen.“

Sie zuckte die Achseln. Sein Kopf reckte sich höher. „Zweiter Herr, erste Dame: en avant deux!“ rief er so befehlend, daß Ilse unwillkürlich gehorchte und davonflog. Aber plötzlich besann sie sich. Und ihr Kleid mit gespreizten Fingern fassend, hopste sie, die regelrechten Pas bis zur Karrikatur übertreibend, dem Referendar entgegen, der sofort eine Darstellung von Hirsch in der Tanzstunde gab. Alle lachten. Nur Holl sah mißbilligend zu.

„Soll ich vielleicht zur Strafe nachexerzieren?“ warf Ilse hin, sein strenges Gesicht mit kurzem bösen Blick streifend, während die andere Seite die Tour ausführte.

Er blickte ihr fest in die Augen. „En avant quatre!“ Dann sagte er, scheinbar auf den Tanz hindeutend: „Ist es nun nicht Zeit, vernünftig zu werden?“

„Ach, Vernunft, wohin sie gehört!“ rief Ilse, ihm die Hand entziehend. „Ein Ball ist keine Arbeit, sondern ein Vergnügen. Ich will mich amüsieren.“

Es wetterleuchtete in den dunklen Augen. „Herrenronde!“ kommandierte er, in dem Ton eines Feldherrn, der meuterischen Truppen gegenübersteht, und gab dem Bürgermeister und dem Ingenieur die Hände. Die Musik spielte aus dem Troubadour:

„Lodernd zum Himmel
Steigen die Flammen!“

Nach dem feurigen Takt chassierte Ilse als rosiger Kopf der Damenschlange um die Herren herum – und plötzlich zur Saalthür hinaus.

Einen Augenblick führte Holl noch seine Partei, die Rückkehr der Damen erhoffend. Dann blieb er stehen, als gedenke er auf dem Parkett festzuwurzeln. Nur ein finsterer Blick richtete sich hinaus. Die andern Herren schauten ebenfalls dahin.

Wie bunte Riesenschmetterlinge flatterten die Damen, geführt von Ilse, in den dunklen Laubgängen hin; bald schimmerte blaue Seide in einem Mondenstrahl, bald glühte eine dunkelrote Schärpe im Licht einer Laterne auf. Gleich sprühenden Funken umschwärmten aufsteigende Leuchtkäfer weiße duftige Gestalten. Noch eine Sekunde hielt die jungen Männer das Beispiel des Vortänzers im Zaum. Dann über stoben sie hinaus, allen voran der Referendar. Leichte Schreie ertönten. Die Mütter erhoben sich und eilten ihren zerstreuten Küchlein zu Hilfe. Eine allgemeine Verwirrung entstand.

Da kam der ganze Schwarm der Mädchen und jungen Frauen hereingeflattert, wie verfolgt vom Habicht. Ilse voran, glühend, vom raschen Lauf das Gelock verwirrt, das Kleid am Gebüsch zerzaust.

Im selben Augenblick winkte Holl die Musik ab und führte Ilse stumm auf ihren Platz zurück.

„Aber der Tanz ist noch nicht zu Ende,“ widersetzte sie sich.

„Ich habe das Ende befohlen,“ antwortete er kurz, nahm die Hacken zusammen, verbeugte sich nach allen Seiten und verschwand. Dagegen trat Frau Kern an Schersens Arm in die Mitte des Saales und schlug, eine Partie nach der Höhle vor. Der neue Plan dämpfte die Aufregung über Ilses Streich.

„Dann wäre morgen der einzige Tag, der sich dafür eignete,“ erklärte der Bürgermeister. „Denn übermorgen haben wir mit den Vorbereitungen zum Kyffhäuserfest zu thun.“

„Also morgen, meine Herrschaften!“ verkündigte Frau Kern.

Gabriele konnte sich nicht ausschließen, da alles so harmlos verlief. Von Schersen geleitet, der ihren weißen Mantel trug, begab sie sich nach Hause, bedrückt und stumm. Auch er sprach nicht. Aber auf seinen Zügen lag eine liebenswürdige Siegesgewißheit: ihre Seelen verstanden sich auch im Schweigen. Und das war gerade das Höchste, Süßeste.

Ilse ging trotzig nebenher. War es denn möglich, was sie erlebt hatte? Umkrempeln, ducken lassen sollte sie sich! „Nun, Herr Hauptmann, Sie sollen mich kennenlernen!“ murmelte sie ingrimmig.

Holl war hinausgestürmt ins Freie. Es war ihm unmöglich, zur Ruhe zu gehen. Der Widerstand, den Ilse ihm entgegensetzte, machte ihn rasend. Zum erstenmal scheiterte sein Wille, seine Ueberlegenheit, und gerade diesmal hatte er sich selbst mit eingesetzt. Sein Mannesgefühl war verletzt bis zu einer Empfindung von Schmerz. So wie sie jetzt war – nein, nein! Eine solche Frau – unmöglich! Wie sollte er die Sammlung des Geistes bewahren, deren heute jeder benötigte, der vorwärts strebte, wenn er zu keiner Zeit vor ihren übermütigen Streichen sicher sein durfte? Woher die Zeit nehmen, um einzudämmen, wo sie überschäumte, aufzuklären, wo sie mißverstanden wurde? So blieb ihm nichts übrig als abzubrechen und zu versuchen, bei dem Bataillon, das er in der Kürze zu führen bekommen würde, die Sache zu vergessen. Es war ihm, als würde seine Brust zusammengeschnürt. Er mußte tief Atem holen.

Der Duft von allen den Blüten, die in die warme Juninacht ihr traumhaftes Leben hauchten, drang ihm bis ins Herz. Ein Summen und Knistern erfüllte die Luft, hervorgebracht von Myriaden unsichtbarer Insekten, von Knospen, die ihre Hülle sprengten; manchmal trat das tiefstimmige Brummen eines vorübersausenden Nachtschmetterlings stärker hervor, um gleich wieder unterzugehen in dem allgemeinen unzerlegbaren Geräusch dieser verheißungsvollen Werdezeit. Da zog ein goldiger Funke über das hohe weite Himmelszelt, das über das Thal sich spannte. Ilse rief dabei immer: „Ich wünsche mir – ich sage nicht, was!“ Er sandte einen Seufzer hinauf. Energisches Aufstampfen mit dem Fuß sollte ihn widerrufen. Zum Kuckuck! Konnte er nicht aus der Schlappheit heraus? Was war ihm früher der Sternenhimmel gewesen? Das viereckige graue oder blaue Stück über dem Kasernenhof, an den er in den letzten Tagen gar nicht mehr gedacht hatte. Ueberhaupt – wohin war es mit ihm gekommen? Wenn ihm sonst nur die Signale auf dem Exerzierplatz wichtig dünkten, so interessierte ihn jetzt schon ein „Tack, tack!“, „Trätsch, trätsch!“

Seine Gedanken hielten an bei der Erinnerung. Er sah wieder das Köpfchen an seinem Gesicht und wie sie davonlief. Die Zorneswellen legten sich. Sie war doch ein echtes sprödes unschuldiges Mädchen. Lohnte es nicht die Mühe, einen letzten Versuch zu machen? Vielleicht kam sie zu sich – eine Nacht lag dazwischen – am andern Tag steht man immer den Ereignissen besonnener gegenüber.

Langsam ging er seiner Wohnung zu.


Eine Reihe von Wagen rollte am nächsten Nachmittag durch die sammetweichen Wiesen, wo würdevoll der Storch spazierte und am Flüßchen die backsteinrote Mühle behaglich klapperte, der Höhle zu, über deren Eingang die wüste Falkenburg sich erhob.

Still und ernst lehnte Gabriele in den Polstern eines Landauers, wo sie mit einer Dame aus dem Chor der Mütter und mit Schersen Platz genommen hatte. Die Träumerei von gestern war verflogen, ihr Blick klar geworden, wie sie es ersehnte. Als der Baron ihr heute entgegengetreten war, die Augen strahlend von sonniger Heiterkeit, um den Mund einen Zug von lachendem Glück, ein Bild schöner Jugendlichkeit, die etwas Rührendes hatte, da wußte sie, daß sie der Entscheidung nicht mehr ausweichen durfte.

[787] Vom nachfolgenden Break klang Ilses Stimme zu ihr herüber, die unaufhörlich plauderte und lustig lachte, zu lustig, als daß es natürlich war. Das Break war von den jungen Herren im Sturm genommen worden; kaum daß Frau Kern, als Anstandsdame, einen Platz bekommen hatte. Der flotte Ingenieur stand sogar auf dem Trittbrett, der Referendar saß schief auf dem Bock, um immer in den Wagen hinein reden zu können. Man suchte aus der Abkühlung Nutzen zu ziehen, die am Schluß des Festes und bei der heutigen Zusammenkunft der Gesellschaft zwischen dem reizenden Goldfisch und Holl sich bemerkbar gemacht hatte.

Im letzten Omnibus entdeckte Gabriele den Hauptmann und sie sagte sich, auch hier stehe eine Katastrophe bevor, die nicht mehr aufzuhalten sei. Ihr vor Schersens Augen fliehender Blick blieb auf einem dunklen Felsgebild haften, das wie ein finsterer Kopf auf den Höhleneingang herabdrohte. „Unheimlich!“ sagte sie. „Es könnte ein Schwarzelb gewesen sein, der versteinerte, als ein Sonnenstrahl ihn traf.“

„Soll damit unser Märchen beginnen?“ fragte Schersen eifrig.

Gabriele streckte abwehrend die Hand aus. „Ich habe kein Vertrauen zu dem Unternehmen,“ antwortete, sie. „Das Märchen würde einen düsteren Inhalt bekommen. Die Berggeister sind nicht unschuldig gleich Wichteln, hilfreich wie Heinzelmännchen, sondern den Menschen feind. Die Elbinnen, die Frauen der Zwerge, deren Spindeln man in den Bergen schnurren zu hören glaubte, sollten Zwietracht und schweren Sinn für die Menschen spinnen.“

Schersen lächelte zärtlich. „Ich vertraue, daß es stärkere Mächte giebt, an denen der böse Zauber der kleinen Leute kraftlos zerschellt.“

Sie fand nicht Zeit zur Antwort. Die Wagen fuhren an dem Eingang der Höhle vor, der eine eisige Luft entströmte.

Die Grubenlichter wurden verteilt. Ilses Verehrer zündeten die Lichter an ihrer unstät hin und her flackernden Flamme an. Der Führer im Bergmannskostüm sprach sein „Glückauf!“ bei der Einfahrt, und „Glückauf!“ tönte es von allen Lippen. Der Ton schien in dem niedrigen langen Eingangsstollen zu ersticken.

„Möchte das Wort von guter Vorbedeutung sein,“ sagte neben Ilse halblaut eine tiefe Stimme. Sie schrak zusammen, sah auf und in Holls Augen, die, das Halbdunkel durchdringend, sich auf ihre Züge hefteten. „Ich erwarte vom heutigen Tag die Entscheidung, ob ich noch hoffen darf oder verzichten muß,“ setzte er hinzu. Das Herz klopfte ihm bis in den Hals; er zwang sich, ruhig zu sprechen; und der Ton wurde dadurch hart und herrisch.

Ihre starke ungebändigte Natur empörte sich dagegen. „Hoffen? Auf was? Auf Subordination Ihrem Kommando gegenüber? Ich dulde keine Tyrannei; ich bin an Freiheit gewöhnt.“

„Sagen Sie lieber: ich dulde kein Gesetz und gehorche nur dem größten Tyrannen, dem wilden Trotz in der eigenen Seele,“ antwortete er mit unterdrückter Stimme, und doch schien es ihr, als wehe eine heiße zornige Lohe über sie hin.

„Ich habe Ihnen nicht das Recht gegeben, so zu mir zu sprechen,“ brach Ilse los.

Er richtete sich jäh auf. Seine, Züge wurden todesernst. Aber noch ein anderer sonderbarer Ausdruck lag darin. Es durchzuckte sie ein furchtbarer Schreck, jedoch nur einen Augenblick. Mit heftiger Schwenkung, daß die Plüschpompons an Schultern, Aermeln, Hütchen sie wie bunte Bälle umflogen, drehte sie sich auf dem Absatz herum und floh in den Kreis ihrer Verehrer hinein.

Die Wanderung begann in die unterirdische Landschaft, die feuchte Gründe, Berge, Seen und Thäler zeigte wie die Oberwelt, aber dunkel und totenstill dalag, von keinem Tier, keiner Pflanze belebt. Hier redete der Stein mit seinen übereinander getürmten Blöcken, den aufgerissenen Klüften von den Kämpfen; welche die Naturkräfte bei Gestaltung unseres Wandelsternes durchgerungen haben. Von den hohen Wölbungen hernieder hingen weiße Gipsstücke, riesigen Steintafeln gleich, auf die eine unbekannte Hand unenträtselbare Hieroglyphen geschrieben zu haben schien. Um die Felsen schlängelten sich schmale Pfade, die in tiefer lautloser Nacht sich verloren.

Die Gesellschaft war diesem ewigen Schweigen gegenüber unwillkürlich auch verstummt. Nur an Ilse und ihrem Gefolge schien der Eindruck abzuprallen. Sie half dem Ingenieur auf einem Berg griechisches Feuer anzünden, probierte mit dem Bürgermeister eine Bank, die zart abgetönte schwellende Polster vorspiegelte, aber steinhart und eiskalt war, legte auf den Gipstisch, der so weiß leuchtete, als hätten Kobolde ihn für ein Mahl gedeckt, samt allen jungen Herren ihre eingebogene Visitenkarte nieder, und in der weiten Halle, die grau schimmernde Schuppen gleich einer grotesken Stuccatur bekleideten, tanzte sie ausgelassen mit dem Referendar, der seinen Hut leichtsinnig auf dem Kopf balancierte, während der Musikdirektor einen Walzer pfiff, den in seiner Oper die Bauern aus Tilleda tanzten. Einen triumphierenden Blick warf sie über die Schulter nach Holl zurück.

Seine Höhlenkarte entfaltend, ging dieser weiter, ohne sie zu beachten. Sie hatte nun keine Lust mehr, zu walzen. Sie entfloh ihrem stürmischen Tänzer und flog, schrill auflachend, über den Steinwall hinweg, der wie ein Scherbenberg vor einem Spalt sich türmte. Als der Referendar folgen wollte, blies sie sein Licht aus. Er haschte nach ihr, aber faßte den Bürgermeister, dessen Baßstimme ihm ein „Nanu!“ entgegenrief. Lachend, suchend brausten die Teilnehmer an der wilden Jagd in andere Gänge. [800] Die Gesellschaft hatte sich in der Höhle zersplittert, so sehr auch der Führer mahnte, zusammen zu bleiben. Gabriele eilte rasch vorwärts, fast wie auf der Flucht vor etwas – vor dem großen Troß und seinen platten Witzen, meinte Schersen, der ihr unentwegt folgte. So waren sie in ein Gewölbe gelangt, dessen Höhe der Lichtschein nicht zu erreichen vermochte. Hier und da glitzerte aus den dunklen Wänden wie boshaft funkelnde Koboldaugen das Kupfererz. Und leise, eintönig fielen unsichtbare Tropfen aus der Höhe der Grotte.

„Einen schöneren stimmungsvolleren Ort können wir nicht finden,“ sagte Schersen, setzte das Grubenlicht auf einen Felsenvorsprung und faßte nach seinem Skizzenbuch. „Ich bin bereit, beginnen Sie!“ Und mit glückseligem Ausdruck fuhr er fort: „Es ist wahr und wahrhaftig wie im Märchenland – mit Ihnen allein, nur Ihre Stimme hören, nur Ihre Nähe fühlen.“

Durch die eiskalte Luft wehte der warme Hauch seiner Worte zu ihr hin. Langsam wandte sie sich ihm zu. Sie sah beim matten Schein des Grubenlichtes gespensterhaft blaß aus, ihre Augen schienen erloschen. Und mit einer Stimme, die wie von Thränen zitterte, sprach sie: „In dem Reich der Steine kann ich Ihnen keine Märchen erzählen. Ich bin hier heimisch wie das Kind im Vaterhaus. Und vom Vaterhaus fabuliert man nicht, da redet man die Wahrheit. – Mit solchen gebänderten, hellschimmernden, funkelnden Gebilden der Natur, wie sie hier uns umgeben, habe ich als Kind gespielt. Ihre Namen wurden mir von lieben Stimmen genannt, die längst verstummt sind. Mein Vater war Professor der Geologie und Mineralogie, und im Dienst dieser ernsten Wissenschaft ist mein Bräutigam, meine erste und einzige Liebe, gestorben.“

Schersen blickte sie verwirrt an. „Eine einzige Liebe?“ Es lag eine leichte Ueberhebung in seiner Stimme.

„O, die giebt es noch in der Welt,“ sagte sie, und bestrebt, dieser ihrer ersten Liebe auch die Würdigung dessen zu erringen, der am Ausgang der Jugend ihr seine Huldigungen zollte, sprach sie weiter: „Eduard Haller war ein Schüler meines Vaters, sein liebster und bedeutendster. In dem Ballsaal, wo die studierende Jugend tanzte, knüpften sich die ersten Fäden zwischen uns an, in der großen Mineraliensammlung meines Vaters schürzten sie sich zum festen Bündnis. Mein Vater freute sich des gewonnenen Sohnes, meine kränkliche Mutter vertraute getrost mein Schicksal der braven treuen Hand an. Er hatte die akademische Laufbahn gewählt. Wir konnten warten, waren beide noch gar jung.“

Schersen lehnte, in allen seinen Voraussetzungen betrogen, gewaltsam aus seinen Gedankengängen und Empfindungen geschleudert, an dem Eingang der Grotte. Nur die gesellschaftliche Gewohnheit, bei Gemütsbewegungen äußerlich regungslose Ruhe zu behaupten, ließ ihn noch gefaßt erscheinen. Er hatte Zeit, sich auch innerlich zu sammeln; denn, Gabriele, von den Erinnerungen ergriffen, kaum mehr sich bewußt, zu wem sie sprach, fuhr fort: „Da kam er eines Tages erregt zu mir. ‚Ich fordere ein Opfer von Dir‘, sagte er, ‚aber Du wirst es bringen.‘ Er hatte eine Aufforderung bekommen, unter vorzüglichen Bedingungen sich der Expedition anzuschließen, die eine englische Gesellschaft ausrüstete, um das Innere Afrikas zu erforschen. Deutschland hatte noch keinen Anfang mit Kolonien gemacht. Er wünschte anzunehmen; es würde seinem Namen Geltung verschaffen, bei seiner Rückkehr ihm ein weiteres Feld eröffnen und – ich höre ihn noch sprechen: ,Ich bin berufen, mitzuhelfen, daß weite Länderstrecken der Kultur eröffnet, ihre Bewohner einem edleren Dasein zugeführt werden!‘ Wer wäre jung und nicht bereit zu hohem Flug? Ich widerstrebte nicht dem, was ihm als Glück erschien. Mein Vater war zu sehr Gelehrter, um nicht persönliche Bedenklichkeiten einem wissenschaftlichen Unternehmen unterzuordnen; nur meine Mutter seufzte, sorgenvoll.“

Aus fernen Höhlengängen, wo die andern vorwärts drangen, huschte rotes Licht herüber. Gabrieles Augen folgten dem feurigen Schein. „So leuchtete es am letzten Abend, bevor er Abschied nahm, zu mir, die ich einsam am Fenster stand, von dem Fackelzug her, den ihm die Studenten brachten. Musik klang dazu und endlich der feierliche Gesang. Aber die Worte verwehten. Nur – es fiel mir doch sonderbar auf das Herz, trotz meiner gehobenen Stimmung – nur eine Strophe trug der Wind deutlich heran: ,nos habebit humus‘ – ,die Erde wird uns haben.‘“ Sie atmete tief. Leise, unaufhörlich rieselten die Tropfen in das stille Wasser. „Das Wort hat recht behalten,“ fuhr sie fort. „Die erste, welche die Erde deckte, war meine Mutter. Wie weinte ich damals – und wie segnete ich später das Schicksal, das ihr das Kommende ersparte! Der zweite war mein Vater. Mit heiterer Ruhe ging der Erdensohn zu der alten Urmutter hinab; etwas von seiner stolzen Ergebenheit ließ er als edelsten Trost seinem verwaisten Kinde zurück. Den dritten – hat die Erde nicht gehabt.“ Ihre Stimme wurde dumpf. „Anfangs bekamen wir Nachrichten; dann blieben sie aus. Die Zeit ging hin, Monate – wissen Sie, was es heißt: harren, harren mit immer steigender Angst? Dann fiel der Schlag; die Nachricht kam, daß die Expedition verunglückt, aufgerieben sei. Es war nichts schonend zu verheimlichen; die Zeitungen brachten ausführlich den Bericht von einigen entwischten eingeborenen Begleitern. Der Häuptling eines wilden Stammes hatte die Europäer gefangen genommen und dann hinrichten lassen.“

Die Worte waren kaum verständlich von ihren Lippen gekommen. Es wurde totenstill, nur die Tropfen fielen und fielen. Nach einer Weile sprach Gabriele gefaßter weiter: „Ich gehöre nicht zu den glücklichen schwachen Menschen, die durch Ohnmachten und Nervenfieber über die furchtbaren Krisen im Seelenleben hinweggebracht werden. Ich habe den Jammer durchringen müssen, mit den Gedanken jeden Schritt seines Schmerzensweges verfolgend.“

Sie erhob sich von dem Felsstück, auf das sie sich gestützt hatte. Ihr Blick richtete sich sanft auf den jungen Mann, der, leichenblaß, ihr gegenüberstand. Sie wußte, er litt in diesem Augenblick wirklich unter seinem Irrtum, wenn auch verletzte Eitelkeit seine Empfindung steigern mochte. „Nach solchen niederschmetternden Schlägen führt kein Weg zurück in das frohe Getriebe.des Lebens,“ sagte sie mit milder Trauer in der Stimme. Sie ging ihm voraus mit dem leisen geduldigen Schritt, der ihr für ihre Lebenszeit vom Schicksal vorgeschrieben worden war. Er folgte ihr stumm. Das Skizzenbuch war uneröffnet geblieben, das gemeinschaftliche Märchen nicht verfaßt worden.

Aus den Höhlengängen tönten Zurufe, Lachen. Ilses Stimme war nicht mehr zu vernehmen. Vor ihren Anbetern sich versteckend, war sie in dunkle Spalten geschlüpft. Sie brauchte sie nicht mehr; [802] dem Hauptmann Holl mußte ja nun klar geworden sein, daß sie über genug Anbeter verfüge, um den einen leicht entbehren zu können. Ohne zu wissen, wohin, rannte sie weiter. Endlich wollte sie umkehren; drei zackige Pforten standen vor ihr – aus welcher war sie gekommen? Sie wählte aufs Geratewohl die eine, aber die verlor sich in einer Kluft. Also zurück! Den Gang wurde so niedrig – nein – hier konnte sie auch nicht hereingekrochen sein. Abermals zurück! Da standen wieder äffend drei gleiche zackige Pforten vor ihr. Die Angst überfiel sie, sie lief ratlos hin und her. Jetzt kam sie in einen weiten Raum. Wasser füllte ihn, aber ein schmaler Pfad schien hindurchzuführen. Vorsichtig betrat sie diesen. Ein kalter Zug, der aus unerforschten Höhen kam, blies ihr das Licht aus. Tastend ging sie ein paar Schritte weiter, da versank der Fuß in eisiges grundloses Wasser. Sie wandte sich – wieder Wasser! Sie fand den Weg nicht zurück: rings umgab sie die Flut.

Sie rief; der Ton erstickte in dem Raum. Finsternis ringsum – nirgends ein Halt. Schwindel erfaßte sie und sie sank zusammen.

Unterdessen sammelte sich die übrige Gesellschaft wieder in der Eingangshalle. Der Bergmann hob den Spruch zum Abschied an. Da unterbrach Holl ihn mit scharfer Stimme: „Ist die Gesellschaft vollzählig?“

„Ilse fehlt,“ sagte Gabriele, erschrocken.

In ihrem Bestreben, ihren Beziehungen zu Schersen die ihr allein würdig erscheinende Form zu geben, hingerissen von den Erinnerungen an das einst Erlebte, hatte sie eine Zeit lang die junge Freundin vergessen. Jetzt fiel ihr die Verantwortlichkeit für diese schwer aufs Herz.

„Das Fräulein wird doch nicht in der Neptunsgrotte sich verirrt haben! Dort ist das Wasser sechzehn Fuß tief,“ bemerkte ängstlich der Führer.

Die Damen schrien auf.

„Warum sind keine Warnungstafeln errichtet?“ schalt der Bürgermeister.

„Wer hat Fräulein Großheim zuletzt gesehen?“ „Herr Referendar, haben Sie nicht mit ihr getanzt?“ fragten die anderen durcheinander.

Ohne sich um die Gesellschaft zu kümmern, eilte Holl zurück, nachdem er sich bei dem Führer nach der Richtung erkundigt. Gabriele folgte. „Fräulein Großheim! Hallo – hallo!“ rief er in die Gänge hinein. Keine Antwort.

Doch klang es da nicht wie ein Jammerlaut aus der Felsenspalte? Alles leer! Also nur das Echo der Höhle. Aber woher kam der Ton? Vorwärts! Tief unter ihm schien ein neues Grubenlicht aufzutauchen – Täuschung! Es war nur das Spiegelbild dessen, das er in bebender Hand hielt. Weiter, weiter! Gespannt lauschend und scharf beobachtend, den Blick auf die Karte gerichtet, wandte er sich in die engen Erdgänge hinein. Sie standen an einem Felsenspalt, vor ihnen öffnete sich eine Grotte. Dort mitten im Wasser, zusammengesunken auf dem Riff, lag Ilse.

Gabriele atmete auf. „Gott sei Dank!“ sie wollte zu ihr hin.

„Halt!“ gebot Holl. „Hier ist alles Wasser; da führt kein Weg hinüber.“ Er leuchtete hinab. „Sehen Sie die tiefen Abgründe mit den zackigen Felsen? Ich bitte, noch ein paar Augenblicke sich ruhig zu halten!“ rief er mit halb erstickter Stimme Ilse zu. Er eilte zurück, um von der andern Seite zu ihrem Platz zu gelangen, und erschien nach einer Weile hinter ihr.

Ilse richtete sich auf mit angstvollen Augen sah sie ihm entgegen. Ach, sie hätte so gern die Hände um seinen Hals geschlungen, sich ausgeweint! Die Todesangst der letzten halben Stunde hatte den Trotz gebrochen – zu spät. Er umfaßte sie zwar mit starkem Arm und hob sie von dem glatten Riff zu sich herüber; aber er stellte sie hastig auf die Fuße, als stoße er sie von sich. Dabei war er so dunkelrot wie vorhin leichenblaß. Sie empfand etwas wie Furcht, und der Dank, den sie stammeln wollte, erstarb auf ihren Lippen.

Er wandte sich auch schon wieder von ihr ab. Sie sah nur noch sein Profil, das einen kalten entschlossenen Ausdruck trug.

Auch bei Gabriele fand sie keine weiche Rührung; die Freundin war sehr ernst. Stumm ging Ilse neben ihr her. Das nasse Kleid schleifte auf dem Steinboden nach.

Am Ausgang hielt Holl einen Appell über die Gesellschaft und ließ sie dann in geschlossener Kolonne abziehen; er war der letzte. Als Ilse an ihm vorüberschlich, traf sie kein Blick, und als ihre Verehrer sie besorgt nach ihrem Befinden fragten, erhielten sie keine Antwort. Die Elbfrauen hatten ihnen allen schweren Sinn gesponnen.

Die Wagen fuhren vor. Holl bot Gabriele die Hand zum Einsteigen. „Gestatten die Damen, daß wir uns hier beurlauben. Ich will das Gelände in Augenschein nehmen – wahrscheinlich kommt das nächste Manöver in diese Gegend.“

„Und ich möchte ein paar interessante Felsenprofile abzeichnen,“ setzte Schersen hinzu, ohne Gabriele anzusehen. –

Während die Wagen mit den allseitig kleinlaut gewordenen Insassen davonrollten und Holl unter dem Vorwand, Entfernungen abzuschätzen, in die Wiesen hineinging, stieg Schersen zur Falkenburg empor. Wohl erfaßte auch jetzt sein Malerauge die wunderliche Bildung der Felsen, deren weiße Kalkgesichter unter schwarzen Fichtenkappen hervorschauten, die schlanken Raubvögel, die darüber kreisten und dann durch die blaue Luft dem Habichtsthal zuruderten; aber er griff nicht nach dem Skizzenbuch. Er hatte diesmal die Kunst nur als deckenden Schild gebraucht. Er fühlte sich verletzt, daß er trotz seines Werbens um Gabrieles Interesse nicht mehr sein sollte als eine kleine Randbemerkung an dem ernsten Text ihres Lebens. Und diese Empfindung wurde noch überboten von der Beschämung über seine Verblendung. Wie hatte er sie, wie vor allem sich selbst so mißverstehen können! Warum ließ er sich nicht warnen von dem beklemmenden Gefühl, das ihn überkam, als damals Swentas Bild aus dem Skizzenbuch flatterte, als Holl des Whistabends, Stöckei ihrer gemeinschaftlichen Freunde hier in der Gegend gedachte? Sensitive Naturen sollten solche Empfindungen beachten. Sie sind die Sprachen der Seele, die mahnt: werde dir selbst nicht untreu! Und warum hatte er heute spöttisch gelacht, als Gabriele von der „einzigen“ Liebe sprach? Konnte nicht auch er davon reden? Genügte jetzt nicht die Erinnerung an sie, die Herrliche, Einzige, um ihn über die Demütigung hinwegzuheben, daß eben eine andere ihn sanft aus ihrem Leben hinausgeschoben hatte? Ein schwermütiger Seufzer kam über seine Lippen. Aber er galt nicht Gabriele. Ihn däuchte nun, die Beziehung zu ihr sei über seine Empfindungen nur wie ein sanft fächelnder Hauch hinweggegangen, der den alten Schmerz zu dämpfen, aber nicht zu vertreiben vermochte. Seine Augen verloren sich träumerisch in die Weite. Dort, wo das Renaissanceschlößchen aus den Parkbäumen aufragte, entwickelte sich eben eine Kavalkade. Herren in Cylindern – jedenfalls Stöckei darunter – Damen mit Jockeymützen und Reitstöcken, halberwachsene, auf Ponies sich wiegende Mädchen, deren ährenblondes Haar offen herabwallte, Reitknechte sprengten dem Walde zu. Er mußte gestehen: die Damen ritten vorzüglich. Die an der Spitze – doch welche Thorheit! Die Phantasie spielte ihm einen Streich – er hatte nur so lebhaft an sie gedacht. Wo war sein Krimstecher? Zu Hause, weil er seiner in der Höhle nicht bedurfte. Ach, die ganze Partie gäbe er darum, wenn er unterscheiden könnte. – Unmöglich! Sie verschwanden hinter den Bäumen. Nur Pferdegetrappel und hohe helle Töne; wie sie der Wind von lebhaftem Geplauder in die Ferne treibt, klangen noch zu ihm herüber.

Seufzend wandte er sich ab und stieg zu den melancholisch rauschenden Fichten hinauf.


In der Kastanienvilla raunten die Dienstboten durcheinander. Gabriele hatte bei der Rückkehr sofort das Stubenmädchen gerufen, damit es Ilse aus den durchweichten Kleidern helfe; der Hausdiener trug die mühsam von den Füßen geschälten Känguruhstiefelchen fort, die Köchin machte Thee. Ilse ließ alles mit sich geschehen. Mechanisch nahm sie den Thee; wie im Traum erwiderte sie Gabrieles ernsten Gutenachtgruß.

Sie war ganz erstarrt vor Verblüffung. Wie ängstigten sich zu Hause ihre Eltern über einen tollen Streich, wie wurde sie gehätschelt, wenn er dann glücklich ablief! Hier dagegen! Gabriele schien sich beleidigt zu fühlen. Und er? – In den Augen das verständnislose Erstaunen, das alle jungen Menschen überkommt, wenn zum erstenmal ihr Selbstvertrauen erschüttert wird, schlich sie scheu ans Fenster. Die Petroleumlaternen waren bereits gelöscht worden; ein letztes Düftchen hatten sie in die Nachtluft hineingewirbelt, ohne ihrer Frische etwas anhaben zu können. Der Mond guckte durch die Bäume wie stets in kleinen Städten, nicht als ein fernes kaltes Himmelslicht, sondern gleich einem breitgesichtigen gutmütigen Nachbar.

[803] Von der Veranda drüben schimmerte ein glimmender Punkt herüber – eine brennende Cigarre. Wie gebannt davon, ohne sich zu regen, blickte Ilse hinüber. Zuweilen gab der Funke hellen Schein und beleuchtete flüchtig ein bleiches Gesicht. Ihre Gedanken drehten sich angstvoll um die eine Frage: was überlegt, was denkt er? Endlich flog der letzte Funke, energisch fortgeschnellt, über das Geländer. Ein Zittern befiel sie. Es lag etwas so Unwiderrufliches in der Bewegung.

Gleich darauf, hörte sie einen festen Schritt im Hause drüben verklingen. War er wirklich fertig mit Ilse Großheim? Es wäre ihm nicht zu verdenken gewesen. Geplagt hatte er sich genug mit ihr, und sie hatte immer eingesehen, daß alle seine Rügen berechtigt waren. Sie fand die grellroten Geranien zu dem Rosakleid auch schauderhaft und mußte zugestehen, daß sie ein Faulpelz, ein Schlafratz, eine Naschkatze sei. Es war ihr nur so erniedrigend vorgekommen, klein beizugeben. Ach, wenn man doch manchmal ein Stückchen Leben auswischen könnte wie ein falsches Rechenexempel auf der Schiefertafel! Der Schwamm sollte dann schnell über die letzten vierzehn Tage gehen! Aber konnte sie ihre dummen Streiche wirklich nicht wieder gut machen, sich dennoch – „umkrempeln“? Dieser Gedanke stellte sich ihr als etwas sehr Großes dar, denn bis jetzt war ihr immer verziehen worden, ohne daß sie Besserung gelobt hatte. Aber diesmal – ihr Herzklopfen sagte es ihr, diesmal mußte es sein. –

Gabriele hatte aufgeatmet, als sie endlich sich allein befand. Am liebsten wäre sie heimgekehrt zu ihrem friedlichen Dasein, wo junge Stimmchen über eine gefallene Masche klagten oder jubelten, wenn die bestimmte Zahl herumgestrickt war, in das stille Zimmer, wo ihre alten Freunde, die Bücher, sie umgaben; zu ihrem Flügel, an dem die Klänge einer Beethovenschen Sonate sie erhoben über alles Ungemach des Lebens. Und dennoch mußte sie hier ausharren. Ilse würde sonst immer glauben, die Beziehung zu Holl sei durch die Abreise, nicht durch ihre Unbesonnenheit gelöst worden. Dann reifte ihr aus dem Erlebnis nicht einmal eine Erfahrung, die doch immer zuletzt zur Läuterung führt.

Einen Augenblick trat sie an das offene Fenster. Sonst schritt um diese Zeit ein später Spaziergänger unter den Kastanien hin, heute blieb er aus. Der freundliche Verkehr mit dem sympathischen Mann, der auf die feinste Gefühlsregung zu erwidern verstand, war zerstört. Dabei vermochte sie nicht ein leises Unbehagen abzuweisen. War es richtig, daß sie sich hinreißen ließ, dem ihr doch Fremden ihr Schicksal zu erzählen? Männer wie er sind gewohnt, durch ein Fächerwehen sich abwinken zu lassen! Aber sie hatte seiner Annäherung gegenüber das Gefühl gehabt, es sich selbst schuldig zu sein, daß sie ihm keinen Zweifel über ihre Gefühle lasse. Und dann war die ganze Vergangenheit einmal wieder lebendig emporgestiegen, die Decke sprengend, welche Zeit und Selbstüberwindung allmählich darüber gebreitet hatten. Nun nahm er es anders auf, als sie gehofft hatte, von der empfindlichen Seite, und das beschämte sie ein wenig. Dennoch fühlte sie sich wie erlöst.

Sie begab sich zur Ruhe. Draußen säuselte der Nachtwind in den Blättern und schwellte die Vorhänge ihres Zimmers wie Segel. Da war ihr plötzlich, als umgebe sie Rosenduft, so köstlich, wie sie ihn noch nie geatmet hatte. Und auf dem Marmortischchen neben ihrem Bett lag eine Rose, herrlich, blätterreich – aber schneeweiß. Sie ermunterte sich und öffnete die Augen; der Duft umschwebte sie noch, allein die Rose war verschwunden. Nur ihr Ring lag dort, und ein Mondstrahl spiegelte sich in dem Amethyst. Und nun verlor sich auch der Rosengeruch.

Sie lächelte leise, halb schlafbefangen, als grüßte sie etwas Entschwindendem nach. –

Am anderen Morgen erwachte Gabriele mit der befreiten Stimmung, die Träume zurücklassen, in denen die Seele sich über die engen irdischen Schranken emporzuschwingen scheint. Mit Verwunderung hörte sie, daß Ilse, die sonst bis tief in den Tag hinein schlief, bereits aufgestanden war. Sie klapperte mit den Tassen, ließ das Kesselchen bringen, und begann die Eier zum Frühstück zu sieden. Der Morgengruß, den sie Gabriele bot, klang sehr bescheiden. Das wirre Gelock war zu schlichten Scheiteln niedergestrichen, aus denen sich vereinzelte goldige Ringelchen gelöst hatten, die einen kleinen Heiligenschein um ihr verstörtes Gesichtchen bildeten. Die grellen Garnituren, die sie sonst immer zu dem staubfarbigen Kleid trug, fehlten. Ihre Augen gingen gespannt durch das Fenster nach der Veranda hinüber. Die Herren ließen sich nicht blicken. Der Hausdiener allein zeigte sich, beschäftigt, ein Paar Koffer zu putzen.

Gabriele erkannte einen Manöverkoffer. Die arme Ilse that ihr leid. Aber eine beruhigende Antwort vermochte sie auf ihre ängstlich fragenden Blicke nicht zu geben. Einen Trost zu spenden, an den sie selbst nicht glaubte, das ging gegen ihre Grundsätze, und sie hegte die Befürchtung, daß es zu spät sei, um noch einlenken zu können. So frischweg Ilse damals die Türmerin mit einem hübschen Kriegsknecht versorgte, den ihrigen hatte sie verspielt.

Stumm nahmen sie ihr Frühstück ein. Nur zu den Fenstern herein drang mit dem Duft von frischem Laub heiteres Geplauder und Lachen der Damen, die, um die Tische des Vorgartens gereiht, mit Vorbereitungen zu dem morgenden Fest beschäftigt waren.

„Wir brauchen zwanzig Gewinde für die Notenpulte!“ – „Fräulein Gretchen, reichen Sie mir die dunkelroten Päonien her!“ – „Lolo, bring’ das Gold und die blaue Seide mit zu den Fahnenbändern für den Kriegerverein!“ – „Lulu, die Turner wollen auch einen Schmuck um ihren Wahlspruch!“ – „Wo sind die Reifen?“ – „Wo ist der Bindfaden?“ – „Sie kommen gerade recht, Herr Referendar! Befestigen Sie das Seil dort an dem Baum! Da winden sich die großen Guirlanden leichter.“

Ein Fahrrad rollte an. „Herr Ingenieur, wo bleibt Ihr Rollwagen mit den Blumen?“ hörte man die Stimme des Oberpostsekretärs fragen.

„Da, wo Ihre Postboten mit den Antwortschreiben der Nachbarorte stecken,“ entgegnete lachend der Ingenieur.

„Guten Morgen, Herr Bürgermeister!“

„Die Herren wünschen?“ Es war Frau Kerns Stimme.

Die Namen Raunthal und Großheim drangen herauf. Gleich darauf klopfte es an die Thür. Das Stubenmädchen trat ein. „Die Herrschaften unten lassen sich erkundigen, wie der Schreck Fräulein Großheim bekommen ist und ob die Damen zu sprechen sind.“

Ilse schüttelte mit angstvollen Augen den Kopf gegen Gabriele.

„Wir lassen danken,“ sagte diese. „Bedauern, keinen Besuch annehmen zu können. Wir sind noch bei der Toilette.“

Wie ein Echo hallte die Botschaft unten wieder. Stille trat ein. Nur leises Gekicher von jungen Mädchenstimmen ließ sich vernehmen.

„Herr Bürgermeister, wie wär’s, wenn wir zum Frühschoppen gingen?“ Das war die lachende Stimme des Referendars.

„Frühschoppen!“ ertönte ein mächtiges Unisono. Dann zog die Herrengesellschaft ab.

„Generalprobe anhören“ – „die Wagon schmücken“ – „das Treiben in der Stadt ansehen“, hallte es von den Stimmen der Damen noch herauf, immer ferner, wie von einem abtretenden Chor her. Drunten wurde es still.

Ilse ging kleinlaut nach ihrem Zimmer hinüber, um zum erstenmal in Schränken und Fächern aufzuräumen. Gabriele griff zur Arbeit, zum viel verlästerten Strickstrumpf. In der Amalienschule war es üblich, daß jede Schülerin aus dem vom Stift geschenkten Garn sich ein Paar Konfirmationsstrümpfe strickte. Um den Kindern noch eine kleine Fertigkeit beizubringen, hatte Gabriele den Brauch einer früheren Zeit erneuert: sie hielt auf hübsche Strumpfränder. Aus Großmutters Truhe schöpfte sie die Muster, mit den schönen Namen: Pfauenfeder, Zöpfchen, Wendeltreppe und pflegte jedem fleißigen Kinde einen Musteranfang zu arbeiten. Sie packte die Nadelgestricke, die Garnknäuel, alle zierlich gewickelt, das eine wie ein Ei, das andere wie eine Scheibe, zusammen und begab sich auf ihren Lieblingsplatz unter der großen Kastanie. Aufgeschlagen, abgenommen – begann sie ihren Arbeit. Und da sie einmal mit ihrer Armenschule sich beschäftigte, dachte sie auch an das versprochene Märchen. In den Wipfeln flüsterte ein weiches Lüftchen; wie ein Schneegestöber rieselten die zarten Blüten auf ihr Strickgerät herab. Merkwürdig, wie viele Blumen trugen Helme! Ob sie das Märchen mit einem Rittersporn, einem Schwertel, einem Eisenhut ausstattete? Sie schüttelte den Kopf und strickte links herum. Wo blieb da der erzieherische Zweck? Uebten die Helme nicht so schon eine zu große Anziehungskraft aus? Sie ging lieber sicher, drehte den Eisenhut herum, da wurde es eine weiß und blau lackierte Kutsche mit zwei Apfelschimmelchen. In der fuhr der Doktor Akonit und heilte alle kranken Kinder mit seinem heilsamen aber bitteren Tränklein. Ja, bitter wie alle Heiltränke! Ihr Blick ging nach dem Fenster hinauf, an dem Ilses blasses Gesichtchen immer wieder einmal erschien.

[816] Guten Morgen, Fräulein Raunthal.“ Holl stand mit gezogenem Hut neben Gabriele. „Ich komme, mich zu empfehlen.“

Es überraschte sie kaum noch, sie hatte es befürchtet. Sie bot ihm einen der zierlichen Gartenstühle. Er nahm Platz, so daß er den Fenstern den Rücken kehrte.

„Haben Sie Ihre Kur schon beendet?“ fragte sie.

„Man muß manchmal ein Ende machen,“ erwiderte er. „Ich gedenke morgen mit Schersen abzureisen und werde den Rest meines Urlaubs in einem andern Bad zubringen. Dann geht es wieder stramm in den Dienst.“ Er sprach laut, offenbar bemüht, eine innere Bewegung nicht merken zu lassen.

Die Stirn leicht auf ihrer Hände Werk gesenkt, sagte sie: „Wer es doch auch so gut hätte! Das Ziel klar vor Augen, ebenso den Weg, der dahin führt.“ Und da er sie überrascht ansah, lächelte sie, strickte zwei und zwei zusammen und fuhr in leichtem Tone fort: „Ich weiß nämlich im Augenblick mit meiner Novelle nicht aus und ein. Mein Paar ist nicht zu vereinigen.“

Er zwang sich zu einem Lächeln. „So trennen Sie es!“

Gabriele wiegte das Haupt „Nein! Selbst Goethe hat gesagt, während er sein Gedicht zu gutem Ende führte: ,die Kinder, sie hören es gerne‘.“ Er sah sie prüfend an. „Wer zeigt sich denn am störrischsten?“ fragte er langsam.

„Sie!“

„Ich?“ fuhr er auf.

„Ich meine die Tochter des Pfannherrn,“ berichtigte Gabriele. „Sie ist das verwöhnte einzige Kind – eitel, müßig, selbstherrlich.“

Ihm wurde die Halsbinde zu eng bei dieser Geschichte, die ihn nichts anging, nichts angehen sollte. Ohne darauf zu achten, fuhr Gabriele fort: „Er dagegen ist ein fester ernster Charakter. Sonst hätte er es nicht in jungen Jahren allein durch seine Kraft so weit gebracht.“

Holl machte eine Bewegung, als wollte er sich dankend verbeugen; er bezwang sich noch zu rechter Zeit.

„Die ahnende Empfindung,“ sprach Gabriele weiter, „das Untrüglichste im Menschen, zieht sie zueinander. In ihm ist es das unbewußte Gefühl, daß seine durch strenge Selbsterziehung gezügelte Natur in äußerlicher Form zu versteinern drohe.“

Holl zuckte leise, wie getroffen, zusammen. Gabriele ließ sich nicht beirren. „Darum entscheidet sein Herz für sie, die mit ihrer frischen Ursprünglichkeit ihn vor Einseitigkeit bewahren würde.“

„Sie stehen ganz auf der Seite Ihrer Heldin,“ sagte Holl verletzt.

„Wer stände nicht auf der Seite der Schwächeren, der Besiegten?“ entgegnete Gabriele. „Von ihm weiß man: er kommt darüber hinaus durch ein neues Räderwerk –“ Holl sah sie an, als sei sie irre geworden. „– das er für den Salzborn erfindet,“ erklärte sie ruhig. „Nun ja, er ist doch Salzschreiber!“

„Ach, so!“

„Aber sie? Während er schon mit fester Hand den Strich unter dieses Erlebnis gezogen hat, fängt sie an, nach seinem Wunsch sich zu wandeln. Sie trennt die Silberglöckchen von ihrer Schleppe, weil er den hoffärtigen Aufruhr nicht leiden mag, Sie lernt sein Leibessen, die Kiebitzeier, sieden, die es in dem wasserreichen Thal giebt, und wenn die fürnehmen ledigen Gesellen, welche die Stadt beherbergt, die Augen auf sie werfen, da schlägt sie die ihrigen sittig nieder. Soll das vergeblich sein? Wäre es nicht richtiger, wenn der Salzschreiber bedächte, daß eine Rose Sonnenschein braucht, um zu blühen, daß zu jedem Werk Geduld gehört, nicht nur – Schneidigkeit? Ach nein, das Wort kannte man vor vierhundert Jahren noch nicht – daß man mit einer Frau nicht verfährt wie mit –“

„Na, sagen Sie nur: wie mit einem Rekruten,“ brummte er.

„Wie mit Siedemeistern und Bornknechten“ setzte Gabriele hinzu, als habe sie nicht gehört. „Er hat es vergessen, daß in diesem Verhältnis die Natur das letzte Wort spricht, nicht das –“

„Ich weiß ja schon: das Reglement,“ warf er murmelnd ein.

„Das Salzgericht. Und daß wir als Menschen, nicht als – Salzschreiber auf die Welt gekommen sind. Bis hierher bin ich gelangt. Die Spannung wäre da, aber der befriedigende Schluß?“ Sie sah ihn an. Er starrte düster vor sich hin. Gabriele seufzte. „Vielleicht weiß Herr von Schersen eine Lösung,“ wandte sie sich an diesen, der eben, einen Zug leichter Befangenheit im Gesicht, herankam.

„Eine Lösung?“ sagte er unsicher. „Wir reisen ab.“

Sie schien das abermalige Mißverständnis zu überhören. „Es handelt sich um die kleine Novelle, die ich zu spinnen begann, als ich einmal abends allein in der Kräme spazieren ging.“

Er wurde rot; aber seine Mienen sollten andeuten, daß er sich nicht erinnern könne.

„Ich möchte meine Erzählung zu einem guten Ende führen. Das Gesetz, das ein versöhnendes Ausklingen für die Kunst vorschreibt, ist dem höheren abgelauscht, das über der Menschheit waltet. Jede Dissonanz, die das Leben bietet, löst sich endlich in Harmonie auf, ob diese auch oft ernst und erst nach langen Zeiträumen ertönt. Wohl uns, wenn es in unsere Hand gelegt wird, das ,zu spät‘ zu vermeiden!“ schloß sie sehr ernst.

Einen Augenblick blieb es still. Dann erhob sich Holl jäh, als mache er allem Schwanken gewaltsam ein Ende. Die Augen niedergeschlagen, daß man nicht in ihnen zu lesen vermochte, stand er vor Gabriele. „Falls wir uns nicht wiedersehen sollten“ – gegen seine Gewohnheit sprach er den Satz nicht aus. Eine tiefe Verbeugung beendete ihn. Er ging rasch fort. Auch Schersen empfahl sich. Aber in seinem schönen Gesicht war die Sympathie wieder aufgedämmert, die er nun einmal für Gabrieles Wesen empfand. Sie sah ihnen traurig nach. Alles vergebens – es war aus! Gut enden würde nur ihr salziges Geschichtchen.

Als sie dem unerbittlichen Hauptmann den Salzschreiber als Spiegelbild vorhielt, war ihr der Schluß gekommen, wie das der meteorartigen Natur der Einfälle entspricht: unvermutet, zu einer Zeit, da man ihrer nicht gewärtig ist. Sie hatte das hübsche Bild deutlich vor sich gesehen: den Platz am Salzquell, zum alljährlich gefeierten Fest mit Laubgewinden geschmückt, den jungen Salzschreiber in seiner prächtigen geteilten Tracht – halb wie dunkelnder Nachthimmel, halb wie lichte Morgenröte – für die Pfännerschaft das Borngebet sprechend, während das von ihm erfundene Kunstrad angelassen wurde; die Schar der Jungfrauen, an deren Spitze die schöne goldhaarige Maid aus der Kräme heranschritt, um ihm den Dank der Pfannherren zu überreichen. Grelles Geklingel geleitete sie wie immer. Höher richtete er sich auf. Aber da legte sie ihm eine güldene Kette um den Hals, mit Silberschellen verziert. Sie selbst schritt lautlos dahin – sie hatte ihre hoffärtigen Glöckchen an seinen Halsschmuck gestiftet, ihren Stolz ihrer Liebe geopfert. Unter St. Wolfgangs Fahne fügten sie Hand in Hand.

Ach, die freundliche Vorstellung zerflatterte, von der Wirklichkeit rauh angeblasen! Nur in der Phantasie vermochte sie die Liebenden zu vereinigen; im Leben lag ihr ob, einem jungen bangenden Herzen zu verkünden, daß es nichts mehr zu hoffen [818] habe. Sie packte ihre Arbeit zusammen und kehrte langsam in ihre Wohnung zurück. Ilse stand mitten im Zimmer. Gesehen hatte sie offenbar alles. Stumm, aber mit um so beredterem angstvoll flehendem Blick wandte sie sich Gabriele zu. Diese mußte sich erst fassen. Dann, scheinbar an ihrem Nähtischchen beschäftigt, sagte sie, ohne das junge Mädchen anzusehen: „Die Herren haben sich empfohlen. Sie reisen ab.“

Ein paar Augenblicke blieb es still. Dann stieß Ilse heraus: „Gabriele, wir wollen auch fort!“

Gabriele schüttelte den Kopf. „So gern ich Ihren Wunsch erfüllen möchte, es würde unschicklich sein, jetzt aufzubrechen. Wir müssen unseren Aufenthalt ruhig zu Ende führen, uns benehmen, als sei nichts geschehen. Sie sind kein Kind mehr, Ilse – Sie haben Ihre weibliche Würde zu wahren.“

Ilse wagte keinen Widerspruch weiter. Mit schleppendem Schritt ging sie in ihr Zimmer und warf sich wie vernichtet auf das Sofa. Sie konnte es nicht fassen. Man ließ ihr nicht einmal Zeit, ihre Reue zu zeigen – er reiste ab! Und sie blieb und konnte sich mit der ganzen Schar ihrer jungen Verehrer wie bisher – amüsieren. Amüsieren! Es wurde ihr ganz elend bei dem Gedanken. Sie begriff gar nicht, daß ihr das kindische Tollen einmal Vergnügen gemacht hatte, vor wenigen Tagen noch – war es möglich? Vor einer Ewigkeit, meinte sie jetzt. Und dann kam die Heimkehr. Kalt und heiß rann es ihr durch die Glieder. Es graute ihr ordentlich vor ihrem farbenschillernden Boudoir, wo musizierende Katzenfamilien und Plüschaffen die Luthertischchen bedeckten Butzenscheiben und eingesetzte bunte Glasgemälde die Fenster bildeten, persische Behänge mit türkischen Teppichen und eminenzroten Diwans wetteiferten. Mußte da nicht stets der spöttische Blick sie verfolgen, mit dem er ihre Regenbogentoilette rügte? Und wenn Johann die Schüssel mit Erbsen präsentierte, würde sie da nicht immer eine tiefe Stimme schalkhaft fragen hören: „Wie kochen Sie Erbsen?“ Und dann sollte sie schlucken können? Nein! Und sie konnte auch nicht tanzen auf dem Sommerball, den ihre Eltern gaben. Wenn die Française anhob, sank ihr gewiß Blei in die Füße. Sie krampfte die Hände zusammen. Großer Gott! Und dieses Schicksal hatte sie sich selbst aufgebürdet!


Die Julisonne glühte auf dem rötlichen Felsgestein des Kyffhäuser, daß dieses selbst ein rosiges Licht auszustrahlen schien; sie wob helle Lichter in den weiten grünen Waldmantel des Berges, an dessen Fuß „die güldene Au“ heranwallte, mit üppigen Saatfeldern zahllosen Dörfern ihrem Namen Ehre machend.

Um den alten Turm auf dem Abhang nach Abend waltete tiefe Stille. Die Raben, die ihn einst umflogen, waren verschwunden. Kein junger Schäfer brach mehr die blauen Blütenrispen des Ehrenpreis am Wegrand, um sich den Eingang zu dem weltentrückten Kaiser Barbarossa zu erschließen, kein Hofzwerg spendete aus der Schatzkammer Gold und Silber, keine weiße Prinzessin aus den Riesenfässern des kaiserlichen Kellers edlen Wein. Nur in dem Laube einer Eiche, die mit ihrem Wipfel über den Bergrand emporragte, säuselte wie wehmütig die Sommerluft zu dem alten Sagenturm hin, dessen Zeit um ist. Und einsam auch schaute gegen Morgen aus hohlen Fenstern die Kapelle zum Heiligen Kreuz, „das einst hier große Wunder gethan und viel Zulauf gehabt hat“, wie die Chroniken berichten. Die Waldbäume waren über den eingestürzten Giebeln zusammengewachsen, die ehemals mit schweren Opfern erkauften Grabstätten versunken, durch eine Rasendecke gleich gemacht.

Aber zwischen diesen beiden Ruinen, deren starke Mauern fronendes Volk einst türmte, herrschte frisch pulsierendes Leben. Da wuchsen die Terrassen empor, auf deren oberster das Denkmal der deutschen Krieger in die Höhe steigt. Arbeiterscharen wimmelten durcheinander, Steinpicken klangen, Winden knarrten, Karren rasselten. Mit dem Selbstbewußtsein, das die neue Zeit dem Sohn des Volkes eingeflößt hat, sprachen die von Kalk bestäubten Männer zu den Fremden, die gekommen waren, das Bauwerk zu beschauen, wiesen die Stätte, wo die beiden Kaiser stehen sollen: der, an dessen Gestalt die Prophezeiung sich knüpfte, und der, welcher die Erfüllung brachte.

Geführt von dem Frankenhäuser Bürgermeister, der als echter Landwehrmann nicht nach den Perlen auf seiner Stirn fragte, wenn es marschieren hieß, zogen Kriegervereine über den mächtigen wie unter Cyklopenhand sich schichtenden Bau. Die Aelteren hatten alle die Kriegsdenkmünze angelegt, einer, der an einem Krückstock ging, das Eiserne Kreuz wie bei einer Parade vor einem hohen Herrn.

„Gut Heil!“ schallte es aus dem Eichwald herauf, und vor dem Bergesgipfel senkte sich die Fahne der Turner, die unter Leitung des Ingenieurs den Berg erstürmten auf einem Pfad, den er bereits für eine Zahnradbahn vermessen hatte. Der Oberpostsekretär und seine Velocipedisten rollten medaillengeschmückt heran, die deutschen Bänder über der Brust. Und auf der breiten Straße fuhren grün umsteckte Wagen mit dem fröhlichen Sängerbund. Ohne Verabredung stimmten alle beim Anblick des zusammensinkenden und des aufsteigenden Turmes an: „Deutschland, Deutschland über alles“. Nah und fern fielen Chöre ein: es waren die Gäste, die zu dem Fest herbeieilten. Und die Musik schmetterte einen Tusch dazwischen. Dort, wo sie aufgestellt war, vor der altdeutschen Speisehalle, unter dem Schattengitter der jungen Bäume, breitete sich die Festgesellschaft aus. Metkrüge wurden nach deutschem Brauch geschwungen; in eine stilvolle alte Sammelbüchse klapperten die neuen Markstücke; das Rabenornament an dem Kreuzgewölbe, den geschnitzten Stühlen des Saales stimmte zu den von dem englischen Horn jetzt wirklich geblasenen Rabenschreien im Vorspiel.

Die Damen der Badegesellschaft hatten sich zusammengefunden. Bei den plaudernden lachenden jungen Mädchen stand Ilse, schweigend. Unter dem weißen kleinen Strohhut sah ihr Gesichtchen blaß und schmal hervor. Sie hatte Holl und Schersen heute in dem mit Koffern bepackten Wagen abreisen gesehen. Plötzlich fuhr sie zusammen wie von einem Blitzstrahl getroffen. War es möglich? Er! Um Kopfeslänge überragte er die andern – sein scharfes Auge erfaßte die Gruppe, in der Gabriele und sie standen. Würde er sich abwenden? Nein. Er kam mit Schersen heran, aber zögernd, als widerstrebte es ihm. Sie war wie gelähmt.

„Wir sehen uns doch noch einmal,“ sagte er zu Gabriele. Der Ton klang gepreßt, die spröden Lippen zuckten. „Schersen meinte, wir als Offiziere dürften doch nicht an dem patriotischen Fest vorübergehen. Wir haben unser Gepäck mitgenommen und wollen dann hinunter nach Roßla zur Bahn fahren.“ Mit sichtlicher Ueberwindung wandte er sich an Ilse. Eine schmerzliche Bitterkeit trat in seine Züge. Da sah er sie stehen in dem weißen Kleid, so einfach und zum erstenmal so hilflos zart – und plötzlich glitt etwas wie Befangenheit über sein Gesicht. „Sie trennte die Silberglöckchen von ihrer Schleppe“ – ging es ihm durch den Sinn.

Schersen verbeugte sich vor Gabriele. „Ihr schönes letztes Wort sollte nicht umsonst gesprochen sein,“ sagte er, wieder mit dem weichen Klang der Stimme, der ihr so lieb war. Sie drückte ihm herzlich die Hand. Und da eben lauter Beifall die Einleitung zu „Barbarossas Erwachen“ krönte, schlug sie mit ihm den Weg ein nach dem Gipfel des Berges. Vor ihnen hielt ein Kutschierphaeton. Eine Dame, deren Kostüm durch das zur Garnierung verwendete dänische Leder sehr reisemäßig aussah, gab einem arabischen Diener Leine und Peitsche und sprang ab: Schersen stand einen Augenblick atemlos, dann stürzte er ihr entgegen. „Gnädigste Gräfin, träume ich?“

„Ah, Baron, famos!“

Wie leicht auch die Begrüßung sich vollzog, als hätten sie gestern erst Abschied genommen – sie hatten doch nur Augen für einander in dieser ersten Sekunde des Wiedersehens.

„Ich weiß schon seit drei Tagen, daß Sie in Frankenhausen sind,“ sagte sie. „Herr von Stöckei erzählte es.“

„Dort sind Sie? O, meine Ahnung!“ rief Schersen. „So waren Sie doch bei der Kavalkade, die ich von der Falkenburg aus sah – die Dame an der Spitze des Zuges!“ Und leise fügte er hinzu: „An meinem stockenden Herzschlag fühlte ich es.“ Sie lachte, das dunkle weiche Lachen, das für ihn Musik war; aber ungläubig flog ihr Blick zu Gabriele. Voll Teilnahme folgte diese dem Vorgang. Nun wußte sie, warum die Dame in der Extrapost ihr bekannt erschienen war.

Es lag ein Ausdruck von Spannung in den Zügen der Gräfin, als sie jetzt zu Gabriele trat. Aber trotz der Verschiedenheit war es, als stellte sich sofort zwischen den beiden Frauen ein Einverständnis her. Es sind eben nicht nur die Gauner, die sich durch geheime Sprache verständigen, auch zwischen edlen klugen Menschen giebt es eine Freimaurerei, die sich auf den ersten Blick erkennt.

„Gräfin Tölz!“ nannte sich die Fremde, und fragend setzte sie hinzu: „Fräulein Raunthal? Herr von Stöckei erzählte mir nämlich, in welch erlesener Gesellschaft Herr von Schersen sich hier befinde. Ich habe ihn ausgefragt und viel von Ihnen gehört.“

[819] „Und ich habe Sie schon gesehen, Frau Gräfin,“ erwiderte Gabriele. Leise lächelnd setzte sie hinzu: „Die Porträts aus Herrn von Schersens Hand sind so ähnlich, daß man die Menschen nach ihnen wieder erkennt.“ „Ah!“ kam es von Swantas Lippen. „Kann man das Meisterstück nicht sehen?“ wandte sie sich lebhaft an Schersen.

Er erfüllte ihren Wunsch, beglückt über das Wiedersehen, angenehm berührt von der feinen Art des Verkehrs zwischen den beiden Damen, doch auch ein wenig beengt bei dem Gedanken, daß diese zwei ihn ganz durchschauten, daß Swanta sofort seine Beziehungen zu Gabriele erriet und Gabriele so befriedigt ihn der ersten Liebe überließ. Er schlug die kleine Skizze jener in orientalische Schleier gehüllten Dame auf. Gabriele sah lächelnd auf die beiden darüber geneigten Häupter; dann verschwand ihr grauer Schleier hinter Mauertrümmern. Die Gräfin blickte lange auf ihr Porträt nieder. So hatte also die Erinnerung ihr Bild ihm vorgeführt, mit solch kühnem Blick und so reinen Lippen! Ein Glanz stieg in den grauen Augen auf.

„Armselige Stümperei!“ sagte er zärtlich, „obgleich unter den tollsten Wünschen gezeichnet. O, wie einsam habe ich mich in diesen Jahren gefühlt!“ fuhr er mit unverkennbarer Aufrichtigkeit fort. „Ich war so unglücklich, heute noch, vor wenigen Minuten. Und nun, nun fragt doch die Hoffnung: ist endlich die Zeit gekommen, da mir vergönnt wird, nicht nur das Bild, sondern die lebende angebetete Gestalt festzuhalten?“

Ihre klugen Augen sahen ihn prüfend an. Sein gespannter Blick hing flehend, an ihren Lippen. Da sagte sie endlich leise, halb scherzend: „Ndio Bwana!“

„Sie sind grausam, Gräfin, mich so zu quälen,“ rief er.

„Sie müssen sich daran gewöhnen, mich in allen Sprachen der Welt reden zu hören,“ antwortete sie. „,Ndio Bwana‘ ist ein bei den Negern gebräuchlicher Ausdruck und heißt“ – die Weltdame wurde doch rot und übersetzte nur mit leiser Stimme: „Ja wohl, Herr, Du mußt es wissen.“

Ein seliges Aufstrahlen seiner Augen antwortete ihr. Er drückte die Lippen auf ihre schlanke Hand, und Arm in Arm gingen sie dann über den glatten Bergrasen, als sei er das spiegelndste Parkett, in eleganter Salonhaltung, obgleich nur ein paar knorrige Eichen ihre Gesellschaft bildeten, aber beide mit einem Ausdruck in den Zügen wie irrende Wanderer, die den richtigen Pfad gefunden haben.

Und wie irrende Wanderer mit unsteten Schritten ging noch ein anderes Paar über den alten Sagenberg – Holl und Ilse. Sie hatten Gabriele und Schersen aus den Augen verloren, als diese den Festplatz verließen. Unsicher sah Ilse sich um. Und Holl – er konnte das Mädchen doch nicht allein lassen unter den vielen fremden Menschen, mußte ihr helfen, Gabriele zu suchen. So gingen sie ein Stückchen zusammen. „Nach der Kapelle!“ lasen sie vereint von einer befehlend ausgestreckten Hand ab. Es gab beiden einen Stich. Jedes hatte einmal gedacht, ob es mit dem andern wohl zum Altar gehen werde. Unwillkürlich folgten sie der Weisung. Vielleicht fanden sie dort Gabriele.

An dem Rand des Berges führte der Pfad hin. Der schrille Pfiff einer Lokomotive tönte herauf; durch das lichte Gezweig der Bäume sahen sie die schwarze Rauchfahne wehen. Der nächste Zug würde ihren Begleiter entführen – Ilse dachte es mit wehem Herzen, sie wurde noch blasser. So waren sie bis an das alte Heiligtum gekommen. Langsam traten sie in die von Moos überwachsenen Mauern ein. Totenstille herrschte; nur das Federgras, das seine Fähnchen über dem versunkenen Steinboden schwenkte, flüsterte leise. Und wie drüben beim Blutkreuz, war hier an der Stätte, wo einst das wunderthätige Holzkreuz gestanden hatte, ein Christdorn aufgesproßt und nickte mit seinen Knospen ihnen entgegen.

„Da ist das erste Röschen aufgeblüht,“ sagte Holl. Seine Stimme brach ab. Ja, die Zeit hatte die Rosen pünktlich gebracht! Und beide dachten an dasselbe – an die Stunde, da Gabriele das Wort sprach: „Zeit bringt Rosen.“

Da hörte Holl einen Ton, den er lange nicht vernommen hatte – er wandte sich um, bis ins Herz getroffen. Vor dem Röschen stand Ilse, die Hände vor die Augen gedrückt, und weinte.

„Fräulein Großheim!“ Sie schluchzte noch viel mehr. „Ilse!“ kam es leise von seinen Lippen. Er zog ihr sanft die Hände von dem Gesicht. Das Antlitz von Thränen überströmt, sah sie ihn an. Es war wieder ganz die Ilse Großheim, die nicht wog und überlegte, sondern ihren Gefühlen sich überließ.

Und an diese Ilse Großheim richtete Holl plötzlich die Frage: „Wollen Sie meine Frau werden, Ilse?“

Da legte sie beide Hände in die seinen und sagte, durch die Thränen lächelnd: „Ja, es soll das letzte Mal sein, daß ich thu’, was ich will.“ Und nun kam doch der Augenblick, da sie ihre Arme um seinen Hals schlingen und an seinem Herzen sich geborgen fühlen durfte. Auch das erste Röschen wurde ihr eigen: der Bräutigam steckte es ihr selbst in den Gürtel.

Auf stillen Bergpfaden ging sie, an ihn geschmiegt, nach dem Festplatz zurück; dort fiel sie Gabriele um den Hals und flüsterte ihr so lange ins Ohr, bis die Freundin sie auf die Stirn küßte, Holl die Hand drückte und dann das eine Brautpaar dem andern zuführte.

Ueberrascht sahen die Herren sich an. „Also doch noch das verwirrte Whistspiel zu glücklichem Ende geführt?“ fragte Holls blitzender Blick. „Also doch einmal einem gefaßten Entschluß untreu geworden?“ lächelte es aus Schersens Augen.

Man ging zu Tisch wie alle die andern Gäste, die schon um die Tafel sich reihten. Die jungen Herren der Badegesellschaft trösteten sich bei den übrigen jungen Mädchen über Ilses Verlust, der Referendar mit seinem Seidel.

„Wieder einmal ein echt deutsches Mahl,“ sagte die Gräfin. „Aus der Erdbeerbowle, dem mit Wachholder gewürzten Rehbraten duftet der deutsche Wald wie aus der Ananas die afrikanische Glut. Was meinen Sie,“ wandte sie sich an Schersen, „zu einem gebratenen Fußknorpel vom Nashorn, einem Filet vom Zebra?“

„Ich verzichte an meinem künftigen häuslichen Herd ebenso darauf wie auf die Negersprache im Boudoir,“ erwiderte dieser lachend.

„Wo haben Sie dieses absonderliche Menu gehabt, Frau Gräfin?“ fragte Holl.

„In Sansibar“ erwiderte sie. „Aegypten war mir doch zu sehr von der Kultur beleckt. Erst als ich auf einer Barke die Niltour bis zum zweiten Katarakt machte, sah ich endlich ein Krokodil – angebunden im Strom. Ich schloß mich dann einer Gesellschaft an, die einen Ausflug nach unseren ostafrikanischen Kolonien unternahm.“

„Haben Sie sich da nicht gefürchtet, Frau Gräfin?“ rief Ilse. „Vor den Schlangen und den Menschenfressern?“

„O, dort war alles sicher,“ erwiderte Swanta. „Weit hinein trifft man auf europäische Ansiedelungen. Ein Schulhaus, in dem ein Missionär unterrichtet, ist an der Stätte erbaut, wo noch vor fünfzehn Jahren ein Häuptling die Expedition ermorden ließ, bei der auch ein junger deutscher Geolog, Eduard Haller, seinen Tod fand.“

Vergeblich hatte Schersen, der das Ende ahnte, sie unterbrechen wollen. Gabriele war blaß geworden. Aber sie wiederholte doch mit seltsam leuchtenden Augen: „Ein Schulhaus!“

Schersen flüsterte Swanta die Erklärung zu, und sie sah nun bestürzt zu Gabriele hinüber. Aber diese reichte ihr die Hand. „Haben Sie Dank für Ihre Botschaft! Eduards Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Er hat neue Bahnen erschließen helfen, auf denen die Kultur nun ihren Weg geht. Es giebt auch weiße Rosen. Eine solche hat ihm und mir die Zeit gebracht.“

Es war still an der Tafel geworden. Nur ein leises Wehen, das den Duft des frischen Eichenlaubes hereinführte, war vernehmbar. Aber Gabriele wollte nicht, daß der erste Glückstag den jungen Paaren wehmütig ausklingen sollte. Sie faßte nach dem Römer.

Lassen Sie uns noch einmal anstoßen auf mein Lieblingswort! Wir haben es in mannigfacher Weise erfüllt gesehen, und ich möchte es Ihnen mitgeben als hoffenden Wunsch und tröstliche Verheißung. Wenn wir so mutig unseren Idealen zustreben wie die gethan, die da droben das Denkmal bauen lassen, so arbeitsfreudig wie die, deren schwielige Hand den schweren Pflug unverdrossen in die Erde drückte, bis sie ihnen frei gehörte, so selbstlos wie jene“ – ihre Stimme wurde leise und bebte –, „über deren Gräbern im Dunklen Erdteil jetzt das Evangelium der Liebe verkündet wird, dann dürfen wir sicher darauf hoffen, daß auch für unser Streben die Rosen sich entfalten werden.“

Sie hatten sich alle erhoben. Die Römer klangen aneinander.

Während dann die beiden Paare, in der Abendkühle langsam hinwandelnd, besprachen, was ihnen jetzt wichtig war: daß Schersen von der Gräfin sich mit entführen lassen sollte zu ihren Gastfreunden, Holl seiner Braut auf dem Fuß folgen würde, um von ihren Eltern das Ja zu erbitten, stieg Gabriele zum alten Turm empor, um dort die Sonne untergehen zu sehen.

Die andern blickten zuweilen zu ihr hinauf. Sie sahen die lichte graue Gestalt zu Füßen des alten Bergfrieds, wo sie sich niedergelassen hatte, das Gesicht dem flammenden Abendhimmel zugewendet, und sie sagten sich, daß sie jetzt weile in dem Lande, wo ihre Rosen blühten – in dem Lande der Erinnerung.



  1. Sölde = Haus, auf dem das Recht haftete, eine gewisse Menge Salz zu sieden.
  2. = Salzgraf, höchster Vorgesetzter eines Salzwerks.