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Das neue Heilverfahren gegen Diphterie und sein Begründer

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Titel: Das neue Heilverfahren gegen Diphterie und sein Begründer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 755–756
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[755] Das neue Heilverfahren gegen Diphtherie und sein Begründer. Das Jahr 1890 war das Geburtsjahr einer neuen Heilmethode. Damals machte Stabsarzt E. Behring in Berlin eine hochwichtige Entdeckung. Er fand, daß das Blut von Tieren, welche an gewissen durch Bakterien erzeugten Krankheiten leiden, sich in eigenartiger Weise verändere. Genasen die Versuchstiere von der Diphtherie oder dem Wundstarrkrampf (Tetanus), so enthielt ihr Blut Heilstoffe, welche die verderblichen Wirkungen der Diphtherie- oder Tetanusbacillen aufzuheben vermochten. Ferner ermittelte Behring, daß jene Heilstoffe nicht in den festen, sondern in den flüssigen Bestandteilen des Blutes, d. h. in dem Blutserum oder Blutwasser, enthalten waren. Dieselben Eigenschaften zeigte auch das Blut der Tiere, welche durch Schutzimpfung gegen die genannten Krankheiten immun oder unempfänglich gemacht wurden. Es galt nun, diese wichtige Entdeckung zum Wohle der leidenden Menschheit zu verwerten, und mit rastlosem Eifer ging Professor Behring daran, aus dem Blute diphtherieimmun gemachter Tiere ein Heilserum zu gewinnen, das auch an Diphtherie erkrankte Menschen retten könnte.

Mit berechtigter Spannung sah die Welt den Endergebnissen dieser mühevollen Arbeiten entgegen; war doch bis jetzt gegen den Würgengel unserer Kinderwelt kein sicher wirkendes Heilmittel bekannt. Bevor man jedoch zu Versuchen an kranken Menschen schreiten konnte, waren große Schwierigkeiten zu überwinden; die Kunst, verschiedene Haustiere mit Sicherheit immun zu machen, mußte erst erlernt werden, und zwei Jahre vergingen, bis der Erfinder des Heilverfahrens in der Lage war, so hohe Grade der Immunität zu erzielen, daß mit dem neuen Mittel Versuche in Kinderkrankenhäusern angestellt werden durften. Das erste Ergebnis war nicht entscheidend, aber soviel stellte sich heraus, daß das Heilserum keinen Schaden brachte und den Verlauf der schweren Krankheit [756] milder zu gestalten schien. Behring ersah hieraus, daß er den richtigen Weg beschritten habe, er gönnte sich keine Ruhe und Erholung und suchte seine Methode zu vervollkommnen, durch zweckmäßige Behandlung der Tiere, wie Schafe, Pferde etc., ein Serum von noch größerer Heilkraft zu gewinnen. Endlich wurde auch dieses Ziel erreicht und die Herstellung des Heilserums in größeren Mengen konnte beginnen.

Zu Anfang dieses Jahres wurde in einigen Berliner Krankenhänsern der erste Versuch im großen ausgeführt. Das Urteil der Fachleute lautete wiederum ermutigend. Es gelang allerdings nicht, alle diphtheriekranken Kinder durch das neue Heilmittel vor dem Tode zu retten, aber der günstige Einfluß der Serum-Einspritzungen war unverkennbar; die Aerzte faßten mehrfach ihr Urteil dahin zusammen, daß die Sterblichkeit an Diphtherie, die sonst 30 bis 60 % beträgt, auf das geringe Maß von nur 5 % herabgedrückt werden könnte, wenn man mit der Serumbehandlung schon am ersten und spätestens am zweiten Tage der Erkrankung beginnen würde. Zu gleicher Zeit wurde die Behringsche Heilmethode auch in Paris durch Professor Roux eingeführt und der erste Versuch lieferte gleichfalls Ergebnisse, die zu weiterem Vorgehen ermutigten. Während bis dahin das Serum nur zu klinischen Versuchszwecken hergestellt wurde, entschloß sich nun Professor Behring, durch ein großes chemisches Institut, das ihm schon vorher die materiellen Mittel zur Fortführung seiner Versuche gewährt hatte, das neue Heilmittel der Allgemeinheit zugänglich zu machen, und seit dem 1. August dieses Jahres wurde es dem Verkauf übergeben.

Professor Behring.

Nach einer Photographie von C. Höpfner Nachf.
Fritz Möller in Halle a. d. S.

So standen die Dinge, als Ende September die Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte in Wien tagte; das Diphtherieheilserum bildete auf ihr den Gegenstand lebhafter Erörterungen und der Ruf des neuen Heilmittels wurde durch die Tagespresse in die weitesten Kreise getragen. Das Verlangen, dasselbe allen Leidenden zugänglich zu machen, wurde allgemein. Leider aber stand der Verwirklichung dieses Wunsches der teuere Preis des Serums entgegen. An verschiedenen Orten Deutschlands wurden darum, sei es von wohlthätigen Personen, sei es von Stadtgemeinden, besondere Geldmittel zur Verfügung gestellt, durch welche Krankenhäuser oder Armenärzte in die Lage versetzt sind, das Mittel bei ihren Diphtheriekranken anzuwenden. Das Heilserum wird in nächster Zeit in großem Maßstabe verwendet werden können und dann wird es auch den Aerzten möglich sein, über dessen Wert ein abschließendes Urteil zu fällen. Vieles berechtigt zu der Hoffnung, daß dieses Endurteil günstig lauten werde. Ein unermeßlicher Gewinn würde es sein, wenn es uns gelingen sollte, die hohe Sterblichkeit der Diphtheriekranken auf ein geringeres Maß herabzudrücken; denn vielen Tausenden würde dadurch alljährlich das Leben gerettet werden.

An das Heilserum knüpfen sich jedoch noch andere Hoffnungen. Nicht nur zum Heilen bereits Erkrankter soll es verwendet werden, es verleiht auch Gesunden Schutz gegen Ansteckung und es wird daher auch zur Schutzimpfung gegen Diphtherie empfohlen. Diese erfolgt dadurch, daß man dem zu schützenden Kinde eine gewisse Menge des Serums von bestimmter Stärke unter die Haut einspritzt. Wie lange diese Einspritzung vor der Ansteckung schützt, ist noch nicht genau ermittelt, man nimmt aber an, daß die auf diese Art erworbene Immunität einige Monate anhält. Es würde also zu Zeiten von Epidemien möglich sein, gesunde Kinder in Häusern mit Diphtheriekranken oder in Schulen vor der Gefahr der Diphtherieansteckung zu bewahren.

Schließlich muß noch hervorgehoben werden, daß die Diphtherie nicht die einzige Krankheit ist, welche durch ein Heilserum behandelt werden kann. In ähnlicher Weise wird es vielleicht mit der Zeit gelingen, auch andere durch Bakterien erzeugte Krankheiten zu bekämpfen. Es liegt hier ein ganz neuer Weg vor, den die Forschung betreten hat, und diesen Fortschritt verdanken wir in erster Linie der rastlosen Arbeit des Mannes, dessen Bildnis nach der neuesten Aufnahme heute die „Gartenlaube“ bringt und der als Begrüuder der Heilserumtherapie gefeiert wird.

Emil Adolf Behring wurde im Jahre 1854 zu Hausdorf bei Deutsch-Eylau in Westpreußen geboren und besuchte das Gymnasium im nahen Hohenstein. Als Zögling der militärärztlichen Bildungsanstalten studierte er in Berlin und trat im Jahre 1878 als Militärarzt in das Sanitätskorps ein. Schon frühzeitig begann er in Posen und dem schlesischen Städtchen Winzig, wo er anfangs stationiert war, selbständige Untersuchungen über den Einfluß der Desinfektionsmittel auf die Wundbehandlung. Diese seine Arbeiten wurden durch die Versetzung in die Universitätsstadt Bonn wesentlich gefördert, und hier bereits wurde von ihm der Heilkraft des Blutes besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Im Jahre 1888 wurde Behring als Stabsarzt an das Friedrich Wilhelms-Institut in Berlin abgeordnet und bald darauf begann seine Thätigkeit in dem hygieinischen Institut von Robert Koch, die 1890 zu der Begründung des neuen Heilverfahrens führte. Als das Institut für Infektionskrankheiten errichtet wurde, folgte Behring Robert Koch in diese neue Anstalt. In Anerkennung seiner Verdienste erhielt Behring im Jahre 1893 den Professortitel und heute wirkt er als Professor der Hygieine an der Universität Halle. *