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Schatten des dunklen Ostens/Der neue Zar des Ostens

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Das Ende der Romanow in der mystischen Bewegung Schatten des dunklen Ostens von Ferdynand Antoni Ossendowski
Der neue Zar des Ostens
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Der neue Zar des Ostens.


Eine Revolution kann nie in den Rahmen der augenblicklichen Verhältnisse eingeschränkt werden, sie rollt weiter. Der Zar hat der Krone für sich und seinen Nachfolger Alexej entsagt. Schwere Augenblicke mußte er durchmachen, als er sah, mit welcher Leichtigkeit alle diejenigen ihn verließen, die ihn als Zaren vergöttert haben. Ein grausames Schauspiel war für den Zaren diese Niedertracht und Feigheit der Aristokratie. Der Zarenfamilie sind nur ein paar kleine Leute treu geblieben, die, bis zum Ende durchhaltend, mit der Familie Romanow ihr tragisches Los in Jekaterinburg geteilt haben. Die erste revolutionäre Regierung des Fürsten Lwow und die zweite des Kerenski haben die Mystizität des Wortfetischismus ausgenützt.

„Das Wort wurde zur Tat“, sagt die Heilige Schrift.

Aber die Worte eines Lwow, eines Miljukow, eines Kerenski und tausend anderer revolutionärer Redner sind Worte geblieben und ohne Echo verhallt. Es war ein mitleiderregendes Bild der Willensschwäche und des geistigen Elends in der russischen Intelligenz.

Dann kam die Tat!

Das war der Bolschewismus.

Im Blute hat er die Monarchisten ertränkt. Er hat neue Losungsworte in die Welt gerufen, Worte, welche die Vernichtung Rußlands beschleunigten. Die Volkskommissare der „Tscheka“: Wolodarski, Dzierzinski und Pawlunowski haben durch das Blutbad in Petrograd alle die hingemordet, die an das große, mächtige Rußland und an die Rückkehr der alten Ordnung glaubten.

Die Soldatenheere der Letten, Magyaren, Finnen, Deutschen und Chinesen waren in ihren Diensten zum Schutze gegen die Macht der Gegenrevolution.

Die durch die Sowjetpropaganda entflammten Matrosen der Flotte haben ihre Offiziere mit Beilen erschlagen, sie in Stücke gerissen und so viele ins Wasser bei Wiborg geworfen, daß aus den Leichen Dämme aufgebaut wurden. Sie haben die Panzerschiffe beraubt, vernichtet und die Maschinen, die Kanonen, die Pistolen in Finnland und auf den Märkten der Hauptstadt verkauft. Überall ist Blut geflossen, hellrotes Blut, welches dieser „unblutigen Revolution“, wie sie im Gebäude der englischen Botschaft genannt und gelobt wurde, die Farbe gab.

Während seiner fünf Jahre hat der Bolschewismus große Dinge vollbracht. Er hat die Völker durch seine Energie, durch seine Rührsamkeit, seine Tatkraft und seine neuen erhabenen Worte geblendet.

Er hat die Feinde mit bewaffneter Hand besiegt, hat Rußland geschunden, bis es auf dem Boden hingeworfen lag, sterbend und blutbedeckt. Der Bolschewismus hat die politische Konfiguration Europas geändert, hat, bisnun nicht anerkannt, sich die offizielle Anerkennung erzwungen und auf den Trümmern der Monarchie und des Sozialismus ein neues Imperium errichtet.

*

Europa, wie verzaubert, horcht auf die seltsame Musik dieser Worte, dieser Fetische und sieht nicht, wie Ausschweifung, Krankheit, Hunger und Tod sich dort verbreiten, es hört nicht das Brechen der durch Menschen zermalmten Menschenknochen. Es schaut nicht in die Gefängnisse der Tscheka und scheint nicht verstehen zu wollen, daß alles trotz des Bolschewismus beim alten geblieben ist und bleiben wird, obgleich sich Namen, Dekorationen und dergleichen geändert haben.

Der Bolschewismus rollt wie eine Lawine weiter und droht nicht nur durch die Propaganda seiner Ideen, sondern auch durch seine Millionen verhungerter, verzweifelter und verwilderter Menschen, die er nach dem Westen wälzen kann. Er droht mit dem „wiedererwachten Asien“, das durch ihn in neue Flammen versetzt wurde. Diese Flammen brennen in 800 Millionen Menschen, die ihre Zähne zusammenbeißen und ihre Fäuste ballen im Haß gegen den Westen.

„Holla! Tretet der weißen Rasse entgegen! Fort mit der christlichen Kultur! Wir sind mit Euch!“

Darüber wird nicht mehr geflüstert, nein, es wird offen und laut gesprochen in Tibet und Indien, in der Mongolei und in China.

Die Kirgisen, Kalmücken, Dschungusen, Burjaken, Tataren und die Anführer der chinesischen Chunchusen besingen diesen zukünftigen Tag der Rache. Ich habe diese düsteren und schauererfüllten Lieder in der Ebene des Kajdam, an den Abhängen des Bogdo-Ul, in den Waldungen des Tanu-Ol und am mittleren Hoang-Ho gehört. Dazu entflammt sie der Kampf der großen russischen Revolution, dieser Revolution der Landstreicher, Selbstmörder, Hexen, der Zauberer, Chlysten und all der anderen teuflischen apokalyptischen Ungeheuer.

Ein neuer, noch unsichtbarer Zar des Ostens, ein Zar von noch nie dagewesener Herrschsucht besessen, wartet auf seine Stunde.

Wer? Vielleicht ein neuer Großmogul, Dschingiskan-Temudsehin oder Tamerlan, „der Lahme“.

In ihm entsteht der christlichen Kultur ein wirklicher Antichrist als Antithese der geistigen Evolution und des Fortschrittes, als erster Vorläufer des Unterganges der Menschheit, gleichgültig, ob er schwarz oder rot sein wird.

Dieser furchtbarste Schatten des Ostens hat schon mehrmals in der Geschichte unseren Westen bedroht und droht auch heute, düster wie eine Herbstnacht, hoffnungslos wie die verzweifelte Seele eines Selbstmörders.

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