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Schatten des dunklen Ostens/Das Ende der Romanow in der mystischen Bewegung

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Gespenster der Revolution Schatten des dunklen Ostens von Ferdynand Antoni Ossendowski
Das Ende der Romanow in der mystischen Bewegung
Der neue Zar des Ostens
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Das Ende der Romanow in der mystischen Bewegung.


Die Errettung des Zaren und seiner Familie aus der bolschewistischen Gewalt war die einzige Hoffnung und das einzige Ziel der monarchistischen Kreise Rußlands.

Mit der grauenhaften Hinmordung des ganzen Zarengeschlechtes brach gleichsam der letzte Halt des Monarchismus zusammen.

Die Gerüchte über den noch lebenden Zaren Nikolaus, die heute noch nicht verstummen wollen, gehören natürlich in das Reich der Legende.

Das Untersuchungsmaterial, das durch Sir George Eliot und eine spezielle Untersuchungskommission während der Regierung von Koltschak zusammengebracht wurde, meine persönlichen Gespräche in Omsk mit den verhafteten Soldaten, die bei der Exekution der Zarenfamilie anwesend waren, wie auch mein Zusammentreffen in Tientsin mit dem Bruder des unmittelbaren Mörders Jurowski lassen über die Vernichtung der ganzen Zarenfamilie keine Zweifel aufkommen.

Ich will mein Gespräch mit Jurowski anführen, das absolut übereinstimmt mit dem Geständnisse der Gefängniswache des Zaren, die von Koltschak in Jekaterinburg in Haft genommen wurde.

Jurowski erzählte, daß aus Moskau der Befehl kam, mit den Romanows ein Ende zu machen.

Die Ermordung der Zarenfamilie sollte aber laut Disposition nicht als direkter Befehl der Sowjetregierung ausgeführt werden, sondern als eigenmächtiges Handeln der Jekaterinburger Sowjetbehörde hingestellt werden.

„Die Organisation dieser Angelegenheit wurde meinem Bruder anvertraut, der sich zum Freiwilligen-Bataillon der Internationale begab, mit der Kunde, daß die örtliche Tscheka das Todesurteil über den Zaren und seine Familie verhängt hatte. Heute könnten die Freiwilligen, die sich zum Vollzug des Urteiles melden wollten, ihre Rache für die Knechtschaft des Volkes kühlen. Die Freiwilligen aber hörten schweigend seine Worte an und keiner fand sich unter ihnen, der die Ermordung der Romanows auf sich nehmen wollte. Als der Moskauer Sowjet den Zaren in Tobolsk zu ermorden befahl, fanden sich auch keine Nachrichter. Mein Bruder begab sich mit einigen Letten und Magyaren während der Nacht in das Haus der Ipatjew, in welchem die Zarenfamilie gefangen gehalten wurde, und benachrichtigte den Zaren, daß er sich augenblicklich mit seiner Gemahlin und seinen Kindern in das für ihn vorbereitete Kellerlokal des Hauses zu begeben habe. Der Zar nahm diesen Befehl gleichgültig entgegen, seine Familie aber wurde von einem ungeheuren Schrecken erfaßt und begann zu bitten, zu schreien und zu weinen. Mein Bruder hat sie beruhigt, indem er vorgab, daß die Besatzung Jekaterinburgs den Tod der Romanows verlange, der Sowjet aber, um den Zaren zu schützen, genötigt wäre, der leichteren technischen Verteidigung wegen die Zarenfamilie im Keller unterzubringen. Die Zarin und ihre Töchter haben sich bald beruhigt und dankten meinem Bruder, ihm die Hand drückend. In den Keller gebracht, teilte ihnen aber mein Bruder mit, daß sie zum Tode verurteilt seien, und gab sofort den Soldaten Schußbefehl. Keiner von den Soldaten aber gibt einen Schuß ab. Da streckt mein Bruder selbst mit einem Schuß den Zaren nieder und gibt den Anfang zu einer wüsten Schießerei, die nur die Zarin überlebt. Zu Tode getroffen, erhebt sie sich vom Boden, reißt ein Kissen vom Bette des Wächters und, sich damit schützend, schreit sie fürchterlich auf. Da stößt ihr der einzige russische Soldat unter den Finnen und Magyaren sein Bajonett durch das Kissen in die Brust und tötet sie. Am frühen Morgen werden die Körper zerstückelt in den Wald gebracht, mit Petroleum begossen und verbrannt.“

Das hat mir der Bruder des Zarenmörders Jurowski erzählt. Trotz der absolut sicheren Tatsache über den Tod der Familie Romanow lebt aber noch ein mystischer Glaube in der monarchistischen Partei über die Errettung des letzten Zaren fort, ein Glaube, nach dem der Zar weiter an dem Los seines Landes Anteil nimmt, in der Hoffnung, daß sein geliebtes Volk zur Besinnung kommen wird.

Kann es denn wundernehmen, daß, während die sozialistischen Emigranten, gegenseitig sich bekämpfend, noch an das sozialistische Paradies glauben, die russische Intelligenz sich immer fester mit den Monarchisten verbündet und sich in die Lektüre der Apokalypse vertieft, das zukünftige Heil Rußlands darin suchend. Es ist dies ein furchtbares Zeichen der Willenlosigkeit und eines gefährlichen Halbwahnsinnes.

Diese apokalyptische Richtung ist unter dem Einflüsse Rasputins entstanden, obgleich der geheimnisvolle Abenteurer diese Bewegung nicht unterstützte. Im Gegenteil! Einige hervorragende Würdenträger der orthodoxen Kirche haben in Rasputin selbst eine Art Antichrist gesehen, doch als die erste Revolution ausgebrochen war und die antidynastische und antistaatliche Bewegung auf die neue Katastrophe hinwies, da ist das Studium der Offenbarung Johannis fast zu einer Manie geworden, die später als Beweis eines aristokratischen Geistes in Mode kam.

An die Spitze dieser antidynastischen Ideologie traten vier Menschen: der Sohn des Großfürsten Konstantin, Johann, der Erzbischof von Omsk, Sylvester, der Nowgoroder Bischof Jewdokim und der Bischof von Tobolsk, Pimen.

Eine sehr interessante Persönlichkeit war der Großfürst Johann. Ein christlicher Mystiker, in das Studium der kanonischen Bücher des alten orthodoxen Ritus vertieft, mit einem Hang zum Asketismus, kritisierte er scharf das ausgelassene Leben in Zarskoje-Selo. Sehr beliebt in den Kreisen, wo man die kirchliche Musik pflegt, von der Geistlichkeit hoch geachtet, mit der Schwärmerei über das Mönchsleben im Herzen, wurde er das Ziel des Spottes am kaiserlichen Hofe, wo sich besonders der Minister des Inneren, Nikolaj Maklakow, durch die gegen ihn gerichteten Witze auszeichnete. Maklakow war der bekannte Verfasser von einer Anzahl Anekdoten und Schwänke, denen er seine Karriere verdankte, die ihn bis zum Minister erhob. Der Fürst Johann stand auf der „schwarzen Liste“ und erschien nur bei Festlichkeiten am Hofe, war aber dafür in den Salons der liberalen und mystisch gesinnten Intelligenz gerne gesehen. Interessant war es, daß, als sich die Tendenz der orthodoxen Kirche kundgab, ein Patriarchat zu bilden, das den östlichen griechischen Kultus festsiegeln und ihn im Kampfe mit dem Katholizismus beschützen sollte, der junge Fürst Johann als erster Kandidat auf den Patriarchenthron in Aussicht kam. Die Revolution hat den Fürsten Johann durch die Bolschewiken in Alapajewsk ermordet.

Eine nicht weniger interessante, doch bedeutendere Persönlichkeit ist der Bischof Jewdokim. Von Bauern stammend, mit grobem Wissen und einem eisernen Willen ausgestattet, ein Asket, der an die Priester der ersten christlichen Ära erinnert, ein Ideolog in seinem Sektierertum, hat Jewdokim einen ungeheuren Einfluß auf seine Diözese gehabt. Sein Ruf war weit gedrungen. Als einer der Anführer im Kampfe mit dem „Antichrist“ Rasputin und dank seiner großen Machtstellung ist er an seinem Platze unter den Bolschewiken geblieben. Sie fürchteten ihn mehr wie den Patriarchen Moskaus und ganz Rußlands, den Erzbischof Tichon. Im Jahre 1921 hat Jewdokim plötzlich eine Agitation angefangen, um die Reichtümer, Kirchenkapitalien und Klostergüter für die Hilfe der hungernden Bevölkerung Rußlands zu verwerten. Seine Agitation war völlig geglückt. Die bolschewistische Regierung ist in nahe Beziehungen mit dem Urheber dieses Vorschlages getreten, der so bequem für den zusammenstürzenden Kommunismus war. Doch nicht die Änderung seiner Anschauung war es und nicht humanitäre Zwecke, die ihn zur Hilfe den Sowjets gegenüber bewegten, die unter der Last ökonomischer Verwicklungen zusammenbrachen. Jewdokim hat auch das in Rußland ausgeprobte Mittel der Provokation benützt, denn er verstand, daß die Bolschewiken nur noch eine in Rußland gebliebene Macht fürchteten, die Macht der Kirche, und daß sie so wenig wie möglich nach dem ersten Ausbruch der Oktober-Revolution diesen für sie gefährlichen Punkt berühren wollten. Man mußte also die Verfolgung der Kirche provokatorisch ins Leben rufen.

Die Bolschewiken haben, indem sie sich auf die Hilfe des Bischofs Jewdokim stützten, Reichtümer und Kirchengüter requiriert, doch allmählich wurden sie dreister, plünderten und raubten. Die Popen und ihre Gemeinde leisteten natürlich Widerstand, der zu Reibereien, strengen Verurteilungen und ernsten blutigen Zusammenstößen führte. Dieser Kampf wurde in immer mehr Ortschaften aufgenommen, so daß der Gedanke des Kampfes um die Kirche mit den Dienern des Antichrist immer mehr an Verbreitung gewann. Die Sowjets aber haben den Sieg errungen. Zuerst ist ihnen der Bischof Jewdokim unterlegen und später der Patriach Tichon. Sie sind sogar treue Diener dieser Regierung geworden, damit eine Empörung im Volke, in der Kirche und in der russischen Emigration hervorrufend. Die Idee des Kampfes um die Kirche ist erloschen gleich allen anderen hohen Losungsworten in Rußland.

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