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Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Scharfenstein

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Textdaten
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Autor: Otto Moser
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Titel: Scharfenstein
Untertitel:
aus: Erzgebirgischer Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 4, Seite 19–21
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1856]
Verlag: Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons = SLUB Dresden
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Scharfenstein.


In dem herrlichen Zschopauthale erheben sich auf einem Vorsprunge des nach Westen hin ausgedehnten Hauptgebirges[WS 1] die altersgrauen Gebäude der ehrwürdigen Burg Scharfenstein, überragt von einem gewaltigen, mit Zinnen gekrönten Wartthurme, der wie ein ungeheurer Wächter von seinem hohen Standpunkte herab über die Dächer des Schlosses schauend die ganze Gegend beherrscht. Schon viele Jahrhunderte thront die Veste auf der Stirne des Felsens mit dem ihre Grundmauern unlösbar verbunden sind, und tief in das Gestein drang einst der Meisel des Arbeiters um Gemächer in seinem Schoose auszuhöhlen, welche der Besucher der Burg noch jetzt mit Erstaunen und Grauen betrachtet, und die übermenschliche Anstrengung und Ausdauer bewundert, mit welcher der Mensch in den harten Felsgrund sich einwühlte, um zu seiner Sicherheit oder zur Unterstützung einer willkührlichen barbarischen Justiz die dunklen unheimlichen Räume herzustellen. Einzelne verfallene Theile des Schlosses erinnern an die ferne Zeit der mittelalterlichen Rohheit und Unsicherheit, während die mächtigen Gebäude aus neuerer Epoche mit wohnlichen nicht unfreundlichen Zimmern dem Beschauer leicht erkennen lassen, dass bei ihrer Entstehung das Faustrecht nicht mehr regierte, sondern Gesetz und Bestrafung des Verbrechens im Lande gehandhabt wurde. Die Gebäude des Schlosses Scharfenstein umschliessen auf der vorderen Seite einen ziemlich geräumigen Vorhof, nach welchem über den breiten Wallgraben vormals eine Zugbrücke lag, jetzt aber eine Steinbrücke führt, vor der sich das alte Thor mit dem Wappen der Familie von Einsiedel – dem wandernden Einsiedler mit Hacke und Rosenkranz – befindet. Von den Ruinen des Schlosses, von denen man verschiedene Theile, wie zum Beispiel einen starken Thurm auf der südwestlichen Seite, beim Bau der neueren Gebäude benutzte, zeichnet sich namentlich der schon oben erwähnte uralte Wartthurm von dreissig Ellen Höhe und acht Ellen Mauerstärke aus, dessen Bedachung, Treppen und Zinnen theilweise der zerstörenden Zeit als Opfer gefallen waren, jetzt aber wieder in Stand gesetzt worden sind. Dieser alte Thurm, welche ungemeine Aehnlichkeit mit der Warte des alten Einsiedelschen Schlosses Gnandstein zeigt – wie denn überhaupt beide Vesten nach einer gleichmässigen Anlage erbaut zu sein scheinen - steht auf einer isolirten zehn Ellen hohen Klippe, welche den höchsten Punkt des Schlossberges bildet. Die neuern Gebäude der Burg rühren aus dem sechszehnten und siebzehnten Jahrhundert her, sind ungemein geräumig und bestehen aus zwei Hauptgebäuden und einem mehrfach gebrochenen Flügel. Da ihre Grundmauern zum Theil in die Felsen gehauen sind, und drei Etagen über, einander stehen, so haben die Gebäude von aussen eine auffallende Höhe. Der nördliche Flügel ist mit einem kleinen Thurme geziert, dessen Glöckchen lustig in das Thal herabklingt, und einstmals zum Gottesdienste nach der Kapelle des Schlosses rief, wo vor zwei Jahrhunderten der Burgherr einen besonderen Schlossprediger hielt. In einem der Seitengebäude findet man häufige Tropfsteinzapfen. Ob das Schloss, wie vielfach behauptet wird, in den ältesten Zeiten ein Raubschloss war, ist durchaus nicht zu bestimmen, und da nirgends historische Beweise dafür vorhanden sind, dürfte wohl die einsame und versteckte Lage der Burg zu diesem Verdachte Veranlassung gegeben haben. Dass Scharfenstein ein äusserst festes Schloss war, lehrt noch jetzt der Augenschein, und nur mit grosser Mühe konnte es im Jahre 1312 Friedrich mit der gebissenen Wange in seine Gewalt bekommen. Noch im dreissigjährigen Kriege wurde es als eine Festung betrachtet, und im Jahre 1632 von den Kaiserlichen besetzt. Bald darauf erstiegen es indessen feindliche Soldaten unter Anführung des Herzogs Bernhard von Weimar in einer stürmischen Regennacht, wurden jedoch wieder von den Kaiserlichen vertrieben. Im Jahre 1633 nahmen die Schweden Scharfenstein mit Sturm und liessen die ganze Oesterreichische Besatzung über die Klinge springen. Wegen der Lage des Schlosses an der nahen Strasse erlitt das Schloss in dem Jahre 1813 von dem hin- und herziehenden Heere[WS 2] ebenfalls nicht wenig Ungemach.

Die Burg Scharfenstein mit dem dazu gehörigen bedeutenden Rittergute war im Mittelalter ein Besitzthum der Voigte von Scharfenstein, und im dreizehnten Jahrhundert eine Herrschaft der Herren von Waldenburg und Wolkenstein oder ihnen verwandter Familien. So besass im Jahre 1375 Johann von Waldenburg nebst der Herrschaft Scharfenstein eine grosse Anzahl der in der Nähe liegenden Ortschaften, von denen er verschiedene an das Chemnitzer [20] Kloster veräusserte. Mitbesitzer der Herrschaft waren seine zwei Söhne Johann und Hugo. In einer Urkunde vom Jahre 1409 wird der Besitzer von Hohnstein Hinko Berka von der Duba als Herr von Scharfenstein genannt und 1430 gehörte die Burg dem Ritter Anarch von Waldenburg, der am Hofe des Churfürsten Friedrich des Sanftmüthigen das Amt eines Haushofmeisters versah. Zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts kam Scharfenstein an die Herren von Einsiedel, von denen Heinrich von Einsiedel auf Gnandstein im Jahre 1507 mit Tode abging und seine reichen Besitzungen seinen drei Söhnen Haubold, Heinrich und Abraham hinterliess. Der älteste der Brüder, Haubold, war Domherr zu Naumburg, trat indessen später zur lutherischen Kirche über und starb im Jahre 1522. Heinrich und Abraham von Einsiedel, in der Reformationsgeschichte als eifrige Anhänger Luthers bekannt, empfingen die Lehn über ihre Güter im Jahre 1508, und zwar vom Churfürsten Friedrich über Kohren, Sahlis, Hopfgarten und Wolftitz, vom Herzog Georg dem Bärtigen über Syhra und Scharfenstein und vom Abte zu Chemnitz über Elbisbach und Dittersdorf, sowie endlich vom Burggrafen Hugo von Leissnig über das Einsiedelsche Stammschloss Gnandstein. Durch den Tod eines Vetters, Valentin von Einsiedel erlangten die Brüder auch das Rittergut Priessnitz.

Schon im Jahre 1532 hegten Heinrich und Abraham die Absicht sich in die väterlichen Güter zu theilen, dieselbe kam indessen erst 1534 zur Ausführung, wo auf dem Schlosse Scharfenstein der Vertrag abgeschlossen wurde. Heinrich von Einsiedel erhielt Gnandstein, Priessnitz und Syhra; Abraham hingegen Scharfenstein, Wolftitz und Sahlis mit Kohren. Abraham von Einsiedel nahm seinen Wohnsitz auf dem Schlosse Scharfenstein, wo er 1568 im vierundsechzigsten Jahre starb und in der Kirche zu Grossolbersdorf seine Ruhestätte fand. Da er keine Söhne hinterliess, fielen seine Besitzungen an die Kinder seines Bruders Heinrich von Einsiedel auf Gnandstein, welche sich dahin verglichen, dass Scharfenstein und Wolftitz von Sahlis getrennt werden sollten. Im Jahre 1584 gehörte Scharfenstein dem berühmten churfürstlichen Kanzler Georg Haubold von Einsiedel in Gemeinschaft mit seinen Brüdern Heinrich Abraham und Heinrich Hildebrand, und nach diesen besass das Gut Hans Hildebrand von Einsiedel, der die Drangsale des dreissigjährigen Krieges auszuhalten hatte. Der jetzige Besitzer von Scharfenstein ist der Kammerherr Herr C. Fr. Hildebrand v. Einsiedel. Zu dem Schlosse Scharfenstein gehören die Dörfer Scharfenstein, Grossolbersdorf, Hohndorf, Griesbach, Hopfgarten und Grünau, welche zusammen etwa 3000 Einwohner enthalten und beinahe zwei Dritttheile einer Quadratmeile besitzen. Das Rittergut hat sehr ausgedehnte und gut bestandene Waldungen, welche die hohen Ufer des Zschopauflusses von der Nordseite des Schlosses bis an den Ziegenrücken in der Nähe des Städtchens Zschopau bedecken und hauptsächlich aus Nadelholz, zum Theil aber auch aus trefflichen Buchenwaldungen bestehen, worüber ein Förster, der auf dem Schlosse wohnt, die Aufsicht führt. Die bedeutendsten Forstungen sind der Rosenberg bei Zschopau, der Zänker, die Klinge und der Hohnstein bei Hopfgarten, welcher letztere durch den Holzbach von den landesherrlichen Waldungen geschieden ist. Auf dem Schlossvorwerke, welches aus sehr wohlgebauten Häusern besteht, befindet sich die Oekonomie mit einer sehr bedeutenden Brauerei. Die vorzügliche Schäferei ist in ziemlicher Höhe zwischen der Zschopau und Drehbach erbaut.

Das Rittergut Scharfenstein enthält 1140 Acker Areal, worunter 687½ Acker Waldungen mit Einschluss der schon länger damit vereinigten bäuerlichen Grundstücken, und ist mit 11567 Steuereinheiten belastet. Die Oekonomie besteht aus drei für sich bestehenden Complexen, Scharfenstein, Weida und Grüna, wovon jeder mit den nöthigen Gebäuden und Wirthschafts-Erfordernissen versehen ist, und selbstständig und unabhängig von einander unter der Oberleitung des Besitzers verwaltet wird.

Durch einen zu Anfang des vorigen Jahrzehnts, von dem königl. Finanzministerium und dem jetzigen Besitzer des Rittergutes mit einem verhältnissmässig bedeutenden Kostenaufwand ausgeführten Wegbau, hat Scharfenstein eine nähere Verbindung in der Richtung nach Zschopau und Chemnitz erhalten und bietet dieser Weg dem Zschopauflusse folgend zugleich die schönsten Ansichten in das freundliche Thal dieses Flusses dar. Bis zur Mitte des Jahres 1854 war die Benutzung dieses reizenden und bequemen Weges allgemein freigegeben, und würde auch fernerhin von dem Besitzer gern gestattet worden sein, wenn nicht, vielleicht als Anerkennung dafür, der leider! selbst von unserer Regierung unterstützte Versuch gemacht worden wäre, ihn des Eigenthums dieses von ihm selbst erbauten Privatweges auf gesetzlichem Wege zu entheben, wodurch sich der Besitzer veranlasst fand, denselben dem grösseren Publikum unzugänglich zu machen. Seine Majestät der höchstselige König und Ihre Majestät die verwittwete Königin haben Scharfenstein mehremale besucht und sich der Schönheit seiner umliegenden Natur erfreut.

Das kleine Dorf Scharfenstein besteht aus einer Mühle und ausserdem etwa dreissig Häusern, die unregelmässig, zum Theil in ziemlich weiter Entfernung um das Schloss herum gebaut sind, und theils über dem Schlosse, theils unter dem Berge, der dieses trägt, theils weiter oben am Flusse liegen. Die vormalige untere Mühle, oder nach dem nahen Dorfe Griessbach auch Griesmühle genannt, lag am linken Zschopauufer, in welchen Fluss nicht weit davon der Griessbach mündet, ist aber jetzt in eine Fabrik verwandelt worden; alle übrigen Häuser, sowie das Schloss selbst, befinden sich auf dem rechten Ufer der Zschopau, der Fluss wird durch einen felsigen gleich einer ungeheuren Berghalde aus dem Schlossfelsen hervorspringenden Hügel zu den abentheuerlichsten Krümmungen gezwungen, und gewährt, von den Höhen betrachtet einen höchst eigenthümlichen Anblick, der durch das helle schäumende Wasser und die Brücken viel Interesse gewährt. Die beiden Mühlen haben zusammen fünf Gänge und gehören zum Schlosse. Von der gewaltigen Fluth, welche im Jahre 1661 die Ufer der Zschopau überschwemmte, wurde die obere Mühle gänzlich niedergerissen und die untere nur durch die ungeheuersten Anstrengungen der zur Hülfe herbei eilenden Nachbarn gerettet. Ueber die Zschopau führen hier zwei Brücken, bei deren einer dem Rittergute für darüber passirendes Vieh ein Zoll entrichtet werden muss. Urkunden vom Jahre 1250 berichten, dass zu jener Zeit bei Scharfenstein sehr bedeutender Bergbau getrieben wurde, doch lässt sich nicht ermitteln, in welchem Jahrhundert derselbe aufgehoben worden ist.

Oberhalb des Ortes Scharfenstein nimmt das Grünauer Thal eine immer freundlichere Gestalt an, unterhalb desselben aber wird die Gegend düsterer und einsamer, die dichtbewaldeten Berge erheben sich immer höher und schroffer, und die gewaltigen Felsen des Beerberges drängen sich endlich so [21] nahe an das Flussbett heran, dass ihr Fuss von der Zschopau bespühlt wird. Auf dem rechten Ufer des Flusses macht sich namentlich eine Felsenklippe bemerkbar, welche zweihundert Ellen hoch über das Niveau der Zschopau hervorragt und eine wunderbar schöne Aussicht auf das Thal, sowie nach den Dörfern Weissbach, Porschendorf, Griessbach, Obergelenau, dem Greifenstein Fichtelberg und anderen interessanten Punkten gewährt. Auf dieser Klippe befindet sich zur Bequemlichkeit des Besuchers eine angenehme Ruhestelle, welche ein Herr von Einsiedel auf Scharfenstein hier errichten liess. Es ist hierbei für den Freund der Mineralogie zu bemerken, dass dieser Felsen eine mineralogische Merkwürdigkeit darstellt, indem er zwar, wie seine Nachbarn, aus Gneus besteht, dem aber der Feldspath fehlt, so dass nur ein wenig gelblicher Glimmer in reinen Quarz eingesprengt ist, wobei jedoch das Gestein die Textur des Gneuses zeigt. –

Wir erwähnten vorhin, dass die vormalige Griessmühle in eine Baumwollenspinnerei umgestaltet worden sei, und dieses Etablissement hat Scharfenstein in mancher Beziehung grosse Vortheile gebracht. Das hohe Gefälle der Griesmühle bewog ein unternehmendes Handlungshaus, die Mühle anzukaufen, und bald erhob sich an ihrer Stelle das prachtvolle, sieben Etagen hohe Gebäude der Spinnerei. Die Grösse und Geräumigkeit der Fabrik, sowie der ausserordentliche Umfang des Geschäftsbetriebes stellen die Spinnerei neben die ersten ähnlichen Etablissements unseres Vaterlandes. Das zum Betriebe des Werkes erforderliche Wasser wird durch einen sechzig Ellen langen Stollen von der Zschopau als Aufschlagewasser auf zwei Räder geleitet, und es geht die Sage, dieser Stollen sei in alter Zeit von zwei Bergleuten durch den Felsen gebrochen worden, die wegen eines Verbrechens zum Tode verurtheilt waren und dieses Werk unter der Bedingung auszuführen versprachen, wenn man ihnen das Leben schenken wollte. Die eisernen Räder haben eine Höhe von zehn bis elf Ellen und sind zwei Ellen breit, und ihre gewaltige Kraft setzt über sechzigtausend Spindeln in Gang. Zwischen denselben und der langen Fronte des Gebäudes ist die Dampfheizung für die Fabrik angelegt. Die überwölbten Abzugsgräben sind gegen hundertsiebzig Ellen lang und drei Ellen hoch, und eine Ufermauer schützt dieselben vor dem Hochwasser der Zschopau. Zur Betreibung dieses ungeheuren Werkes sind eine grosse Anzahl Menschen erforderlich, und somit sind die Herren Fiedler und Lechla in Oederan, welchen die Fabrik gehört, Wohlthäter vieler fleissigen hier beschäftigten Arbeiter. Der Baumeister dieser Fabrikgebäude ist der Zimmermeister Uhlig aus Altenhain bei Chemnitz, der in diesem Werke bereits genannt ward als Erbauer mehrerer schönen Dorfkirchen.

Das Dorf und Rittergut Scharfenstein sind in die Kirche zu Grossolbersdorf eingepfarrt, die vor der Reformation nur eine Kapelle und als solche ein Filial der Wolkensteiner Geistlichen war, zu der jedoch bereits die Dörfer Grünau, Hohndorf, Scharfenstein und Hopfgarten gehörten. Der berühmte Staatsmann und vertraute Rath Churfürst August’s von Sachsen, Haubold von Einsiedel, stiftete, laut einer Urkunde vom 18. April 1575, zu Grossolbersdorf eine eigene Parochie, indem die Kirchengemeinde zu zahlreich und der geistliche Unterricht zu beschränkt und unregelmässig wäre, weil der Diakonus zu Wolkenstein, namentlich im Winter, oft nicht nach Grossolbersdorf gelangen könne. Der wackere Edelmann dotirte die neue Pfarrstelle mit fünfundzwanzig Gülden, als dem halben Zins eines Kapitals von tausend Gülden, welches sein Ahn, Abraham von Einsiedel, einst dem Hospitale zu Kohren legirt hatte, ferner mit einem Wohnhause sammt Gute und den nöthigen Wirthschaftsgebäuden, sowie den Zinsen und dem Decem, welche vormals dem Geistlichen in Wolkenstein geliefert worden waren, und endlich den nöthigen Hand- und Ackerfrohnen. Für dieses Einkommen übernahm der Pfarrer die Verpflichtung ausser dem gewöhnlichen Kirchendienste in Grossolbersdorf auch jeden Sonntag in der Schlosskapelle zu Scharfenstein zu predigen, und auf Verlangen des Edelmanns jede kirchliche Handlung daselbst zu verrichten. Die jetzige Parochie hat noch denselben Umfang wie zur Zeit ihrer Gründung; sie besteht aus den Dörfern Grossolbersdorf, Grünau, Hohndorf, Scharfenstein, Hopfgarten und der Schäferei Weida, mit einer Anzahl von etwa 2900 Seelen. Collator ist der Besitzer des Scharfensteiner Schlosses, zur Zeit Herr Kammerherr Carl Friedrich Hildebrand von Einsiedel.

Die Kirche zu Grossolbersdorf war ein altes Gebäude, welches im Laufe der Zeit mancherlei Veränderungen erfuhr, bis am 3. Januar 1643 der Schwedische General Königsmark mit der bekannten soldatesken Brutalität des dreissigjährigen Krieges Feuer in das Gotteshaus werfen liess, wodurch dasselbe, sammt einem kostbaren Altar, herrlichen Denkmälern, drei Glocken und verschiedenen historischen Merkwürdigkeiten bis auf die Mauern in Asche sank. Man hielt eine geraume Zeit den Gottesdienst theils auf der Brandstätte, theils in der Schlosskapelle, bis endlich das jetzige Kirchengebäude entstand, von dem urkundlich nur bemerkt wird, dass im Jahre 1707 eine Vergrösserung desselben stattgefunden habe. In neuerer Zeit empfing die Kirche eine Schieferbedachung und 1834 einen Thurm. Ausser einer merkwürdig alten Orgel besitzt die Kirche einen herrlichen Flügelaltar mit Altarblatt, aus Marmor und Alabaster gearbeitet, und mit vorzüglicher Bildhauerarbeit geschmückt, welche die Hauptereignisse im Leben des Heilands darstellt. Neben diesem Altar befinden sich die gleichfalls aus Alabaster gearbeiteten Bildnisse des Erbauers dieses Altars, Hildebrands von Einsiedel, und seiner Gemahlin. Von den Pfarrherren zu Grossolbersdorf war der erste Johann Pufendörfer aus Glaucha, Grossvater der beiden berühmten und später in den Adelstand erhobenen Gelehrten Jesaias und Samuel Pufendorf; und Johann Kapfenberger, früher Diakonus in Wolkenstein, hatte das Unglück, beim Einfalle der kaiserlichen Soldaten die Kirchenbücher, welche er auf das Schloss in Sicherheit bringen wollte, zu verlieren. Grossolbersdorf besitzt zwei Schulen mit ungefähr vierhundert Kindern.

Otto Moser, Red.     



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Hauptgebirgees
  2. Vorlage: Heerc