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RE:Pomerium

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Grenzziehung des Weichbildes der nach etruskischem Ritus gegründeten Stadt
Band XXI,2 (1952) S. 18671876
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Pomerium.

[Inhalt: 1. Literatur. 2. p. und Stadtgründung. 3. p. und Gründung der coloniae. 4. Bedeutung und Herkunft des Wortes. 5. Sakrale und politische Bedeutung des p. der Stadt Rom. 6. Das p. der Stadt Rom. a) p. der Palatinstadt. b) Erweiterungen in der Königszeit. c) von Sulla bis Augustus. d) Claudius. e) Nero. f) Vespasian. g) Traian. h) Hadrian. i) Commodus. k) Aurelian. l) Kaiserzeit: Zusammenfassung. – 7. Nachleben des p. im deutschen Mittelalter]

1. Literatur. Es kann nur eine Auswahl der wichtigsten Arbeiten, in zeitlicher Reihenfolge gegeben werden. Nissen, Heinr., Pompeianische Studien (Lpz. 1877) 466-477. Jordan: H, Topographie der Stadt Rom im Altertume (Berl. 1878) I 1, 163ff. I 3 (bearbeitet von Huelsen 1907). 55. Mommsen RF II 23–41. Gilbert Otto. Geschichte u. Topographie d. Stadt Rom im Altertume I (Lpz. 1883) 114–134; III (1885) 318–328; III (1890) 3–5. 9–12. Detlefsen. D.‚ Hermes XXI (1886) 497-562. Hülsen, Ch., Hermes XXII (1887) 615–626. Besnier Daremb.-Sagl. IV 543–547. Karlowa, O., Intra Pomerium et extra pomerium (Festgabe d. Univ. Heidelb. 1896) 47-100. Valeton, J. M. J., Mnemosyne N. S. XXV (1897) 92-144. 361-385. Richter, Otto, Topographie [1868] von Rom (1901) 32f. 64ff. Thulin Die etruskische Disciplin III, Göteborgs Högskol. årsskr. XV (1909) 10-16. Wide, Sam, Pomerium och Pelargikon, Uppsala Universitets T Årsskrift 1911, 2 = Ausonia VII (1912) 177-197 (italien.) Platner-Ashby A topographical dictionary of ancient Rome (Oxford 1929) 392–396. Oliver, S. H., Mem. Am. Ac. Rome X (1932) 145-182 mit 13 Taf. Labrousse Mél. d’Arch. et d’hist. LIV (1937) 165-199.

2. p. und Stadtgründung. Das p. entstand seit alters im Zusammenhang mit der Grenzziehung des Weichbildes einer nach etruskischem (Varro l. l. V 143. Liv. I 44, 4. Plut. Rom. 11), ursprünglich vielleicht orientalischem (Oliver 145) Ritus neugegründeten Stadt, ein Ritus, der von den Römern auch für die Gründung ihrer sämtlichen coloniae (Varro a. O. Dion. Hal. ant. I 88, 2. Lex col. Genet. = Dessau. II 6087, 73. Donat. Ter. Ad. 44) beibehalten wurde und deshalb noch zu Varros Zeit in allen Einzelheiten bekannt sein konnte. Nach Einholung des Auguriums (Varro a. O. Liv. I 6, 4ff.; 18, 6; 44, 4 u. a.) verkündete der Gründer, den auguralen lituus in der Hand (Lyd. de mens. IV 73 W., der nur lituus als σάλπιγξ mißversteht) in der gabinischen Tracht der Auguren (Cato Serv. Aen. V 755. Liv. I 18. 7) den Namen der Stadt (Lyd. a. O.). Nach Anlage und Füllung der Opfergrube, des mundus, mit Ernteanteil und heimatlichen Erdschollen (Plut. a. O. Lyd. a. O.) erfolgt der symbolische Grenzfurchenzug – primigenius sulcus (Fest. 270 Lds. ἐπάγει περιελαύνων αὔλακα βαθεῖαν τοῖς τέρμασι Plut. a. O. vgl. Tac. ann. XII 23) – durch einen von einem weißen Rindergespann – der Stier außen, die Kuh innen (Lyd. a. O.) – rechts herum gezogenen Bronzepflug, so daß dabei alle Schollen nach innen stürzten (Cato Varr. Plut. Lyd. a. O. Ovid. fast. IV 821ff. und der ang. Cass. Dio frg. 5. 2 Dind. vgl. Boiss. I p. 7). Die Furche nannte man symbolisch (Richter Top. 32) fossa, den Auswurf murus (Varro a. O.), an den Torstellen wurde der Pflug ausgesetzt und hinübergetragen (Cato a. O. und and.). Die dadurch entstandene Linie heißt p. und begrenzt die Mauer (τῇ μὲν οὖν γραμμῇ τὸ τεῖχος ἀφορίζουσιν, καὶ καλεῖται (sc. ἡ γραμμή) κατὰ συγκοπὴν πωμήριον, οἶον ὄπισθεν τείχους ἢ μετὰ τεῖχος Plut. a. O.) gegen die Stadt zu (post ea, d. h. hinter der Furche und den inwärts gekehrten Schollen, qui fiebat orbis, urbis principium; qui quod erat post murum, postmoerium dictum Varr. a, O.). Sie begrenzte zugleich die auspicia urbana (Varr. a. O. Gell. noct. att. XIII 14, 1. Gran. Lic. 8, 7 Fl.) und wurde durch (teilweise noch erhaltene s. u. 6) Steine kenntlich gemacht (Varr. a. O. Liv. I 44, 4. Tac. ann. XII 24. CGIL IV 147, 8), die unter Aufsicht des Augurenkollegiums (CIL VI 4, 2 nr. 31539) standen. Die cippi sind stadtwärts orientiert. Daher gilt für die Auguren die Definition: p. est locus intra agrum effatum per totius urbis circuitum pone muros regionibus certeis determinatus, qui facit finem urbani auspicii (Gell. a. O. aus den augures populi Romani qui libros de auspiciis scripserunt). Auch für die außerhalb der Stadt einzuholenden Auspicien bildete das p. die Grenze (Cic. nat. deor. II 11; de divin. I 33). Daß in bergigem Gelände [1869] mit Steilabhängen Befestigungsmauer und p. öfter ziemlich weit auseinanderfallen mußten, liegt in der Natur der Sache (Richter Top. 32), ebenso, daß das p. meist nicht mit dem inneren Mauerfuß zusammengefallen sein wird, da man Platz gewinnen mußte für die Böschung, Hilfsanlagen und den aus Sicherheitsgründen (vgl. das intervallum des Lagers: Nissen Pomp. St. 468) notwendigen freien Raum, der nicht bebaut werden durfte (Liv. I 44, 4. Richter Top. 32).

3. p. und Gründung der coloniae. Nach dem ausdrücklichen Zeugnisse von Var. l. l. V 143 wurden die römischen Kolonien nach demselben Ritus gegründet: quare et oppida quae prius erant circumducta aratro ab orbe et urvo urbes; ideo coloniae nostrae omnes in litteris antiquis scribuntur urbis, quod item conditae ut Roma, et ideo coloniae et urbes conduntur, quod intra pomerium ponuntur (vgl. die o. Abs. 1 angeführten Stellen; außerrömische Cippi scheinen nur in Capua gefunden zu sein: CIL X 3825 iussu imp. Caesaris qua aratrum ductum est). Bei der Gründung der coloniae historischer Zeit ist in den weitaus meisten Fällen eine schon bestehende, natürlich regelmäßig schon befestigte Ortschaft in eine solche umgewandelt worden. Es liegt auf der Hand, daß die symbolische Handlung der Furchung nun nicht innerhalb der Mauern, sondern nur außerhalb derselben stattfinden konnte, also die gezogene Linie vor denselben lag, wie das für Casilinum aus der Beschreibung Ciceros klar hervorgeht (Phil. II 102). Daraus erklärt sich, daß der Spanier Lucan. I 592: mox iubet et totam pavidis a civibus urbem ambiri et festos purgantes moenia lustro longa per extremos pomeria cingere fines pontifices sacris quibus est permissa potestas schreiben kann, weil er, obwohl in Rom aufgewachsen, aus der Familientradition die provinzialen Verhältnisse auf die Hauptstadt übertrug, wo die Lage in der Großstadt nicht mehr so augenfällig war (das Schol. 594 sagt mit Recht: pomeria dicuntur ante muros loca quasi promoenia, vgl. Fest. 295 Lds.). Es war eine natürliche Konsequenz, daß man den ganzen zu Verteidigungszwecken schon vorher unbebauten und unbearbeiteten Raum beiderseits der Mauern als zum p. gehörig betrachtete und nun nicht nur die Grenzlinie, sondern diesen Raum selbst als p. bezeichnete. Solcher aus der Anschauung gewonnenen Vorstellung (vgl.noch die Stellen bei Mommsen RF II 26. 12) gibt ein zweiter Provinziale, der Pataviner Livius – Patavium war schon früh Kolonie: Strab. V 213. Plin. n. h. III 130 – Ausdruck, wenn er I 44, 4 schreibt: pomerium, verbi vim solam intuentes, postmoerium interpretantur esse (vgl. Varr. l. l. V 143. Plut. Rom. 11. Priscian GL III 475. 9): est autem magis circamoerium (CGIL II 153, 10. V 234, 26. IV 554, 36, vgl. V 383. 8: 380, 12), locus, quem in condendis urbibus quondam Etrusci, qua murum ducturi erant; certis circa terminis inaugurato consecrabant, ut neque interiore parte aedificia moenibus continuarentur, quae nunc vulgo etiam coniungunt, et extrinsecus puri aliquid ab humano cultu pateret soli. Hoc spatium, quod neque habitari neque arari fas erat (vgl. den Befund in Pompeji: Nissen Pomp. St. 466), non magis quod post murum esset quam quod murus post id, pomerium [1870] Romani appellarunt; et in urbis incremento semper, quantum moenia processura erant, tantum termini hi consecrati proferebantur (was für Rom nicht stimmt, s. u. Abs. 6). Auch Cod. Iust. XVIHII 7, 5: Papinianus libro decimo quaestionum. Cui pacto venditoris pomerio cuiuslibet civitatis interdictum est, urbe etiam interdictum esse videtur. Quod . . . naturalem habet intellectum, ne scilicet qui careret minoribus fruatur maioribus zeigt die gleiche provinzielle Anschauung, daß p. eine Räumlichkeit, und zwar von geringerer Ausdehnung als die urbs ist. Der Versuch, die sakrale Definition des altrömischen p. mit der den provinzialen Gegebenheiten (vgl. Gilbert Top. III 4, 5. Besnier Daremb.-Sagl. IV 544, der nach Frothingham Rev. arch. 1905 II 226 die Lage der provinziellen Triumphbögen für die p. zu verwerten sucht) entnommenen Schilderung des Livius zu vereinbaren, hat zu einer Reihe von Fehlkonstruktionen der modernen Forschung geführt, indem man entweder den Bericht des Livius verwarf (Mommsen) oder ihn in Varro hineindeutete (Nissen, Gilbert I 114ff. Fustel de Coulanges La cité antique [Paris 1874] 160f.) oder auf die verschiedenste Weise einen Kompromiß zu machen versuchte (Richter 32, Jordan 38. 167, Detlefsen 507, Valeton 96ff.‚ der 109–122 die früheren Erklärungen bespricht), wobei gegen Varros klaren Wortlaut auch das varronische p. außerhalb der Mauern gesucht (Detlefsen, Richter, Gilbert, Thulin, Besnier) oder als Raum verstanden wurde (Jordan, Gilbert, der verschiedene Entwicklungsstufen des Begriffes p. festzustellen sucht, s. II 327ff.). Ganz vage Platner-Ashby.

4. Bedeutung und Herkunft des Wortes. Die antike Etymologie ist zwei Wege gegangen: je nachdem ihre Urheber das p. vor oder hinter der Mauer suchten, setzten sie als konstruierte, nicht als überlieferte Vorform promoerium (Fest. 295 Lds. Schol. Lucan. I 594) oder postmoerium (Varr. l. l. V 143. Liv. I 44, 4. Priscian. GL III 475, 9, vgl. hoc est pone muros Schol. Iuven. IX 11. Gell. XIII 14) an. Im ersteren Falle wäre die durch Lucan. I 544 gewährleistete Länge der ersten Silbe von pōmērium gerechtfertigt, der Ausfall des r in prō- ließe sich allenfalls als Ferndissimilation verstehen, vgl. die Beispiele bei Sommer Handb.² 212, aber die sachliche Grundlage scheint der Etymologie zu fehlen. Im zweiten Falle, dem sich die moderne Forschung fast ausnahmslos angeschlossen hat (vgl. Walde Et. W.² s. v.), bleibt es fraglich, ob postm. bzw. posm- nicht zu pǒm- hätte werden müssen, da das freilich etruskische Cǎmēna < Casmēna für die Kürze spricht, eine andere sichere Parallele nicht vorhanden ist (vgl. Sommer Hdb.² 231 mit Anh. S. 84f. Stolz-Leumann Lat. Gr. 160). In beiden Fällen bleibt der vorausgesetzte Lautwandel der zweiten Silbe -moir- > -mēr- gegenüber mūrus, commūnis (Sommer Hdb.² 103) trotz Stolz-Leumann Lat. Gr. 88 unerklärt, wie schon von Corssen Ausspr. d. Lat. I 328. 707. 710 festgestellt worden ist. Der Versuch von Sommer 103, 77, ē als Vulgäraussprache zu rechtfertigen, scheitert daran, daß die amtlichen Inschriften, selbst die in der archaisierenden Zeit Hadrians unter Aufsicht des collegium [1871] augurum gesetzten CIL VI 4, 9 nr. 31539, pomerium schreiben, auch die claudischen CIL VI 4, 2 nr. 31537, obwohl sie sogar noch Caisar konservieren. Bei dieser Sachlage wird man die Herleitung von p. aus *posmoiriom als etymologische, wenn auch zunächst bestechende Spekulation abzulehnen und diesen t. t., der zu den Etrusco ritu vollzogenen Zeremonien in enger Beziehung steht, als etruskisch anzusehen haben. Daß der Ritus etruskischer Herkunft sei, ist zwar gegen die antiken Angaben von den neueren Forschern öfter bezweifelt worden, aber eine Möglichkeit, diese Behauptung zu widerlegen, besteht für uns heute nicht mehr.

5. Sakrale und politische Bedeutung des p. der Stadt Rom. Für die Auspicien (Karlowa 56ff.) ist das p. nach der Lehre der Augurn finis urbani auspicii (s. o. nr. 1), und ebenso für die außerhalb der Stadt einzuholenden (Cic. nat. deor. II 11; de divin. I 33. Plut. Marc. 5. Gran. Lic. 8, 7 Fl.). Sie verlieren wechselseitig bei Überschreitung des p. durch den Einholenden ihre Gültigkeit. Karlowa 58 will davon die auf dem Capitol genommenen als für beide gültig unterscheiden, nicht wahrscheinlich (Valeton 137ff.). – Fremde Götter erhalten, mit gewissen Einschränkungen (Karlowa 53ff.), bis 217 v. Chr. Wissowa Religion² 62) Kultstätten nur außerhalb des p. und werden auch später noch öfter ausgeschlossen (Isis und Osiris im J. 52/51 Cass. Dio XL 47, 4, ägyptische Götter im allgemeinen im J. 28 v. Chr. Cass. Dio LIII 2, 4: Wissowa Religion² 352. Gilbert Top. III 57ff. Besnier 544). – Tote dürfen, von Ausnahmefällen abgesehen, auch in der Kaiserzeit nicht innerhalb des p. bestattet werden (XII Tafeln: hominem mortuum in urbe ne sepelito neve urito mit lex col. Genet. 73, vgl. Jordan Top. I 171, 32, ausführlich Besnier 545).

Politisch ist das p. ‚die Grenze des bürgerlichen und des kriegerischen Regiments‘ (Jordan 170), am schärfsten formuliert von Laelius Felix ad Q. Mucium lib. I (Gell. XV 27, 4) centuriata . . . comitia intra pomerium fieri nefas esse, quia exercitum extra urbem imperari oporteat, intra urbem imperari ius non sit. Jedoch mußte der ausziehende Feldherr vor dem Verlassen des p. die auspicia urbana einholen (Mommsen St-R.² I 61f., anders aber nicht richtig Karlowa 59), versäumte er es, so erzwang dies unter Umständen seine Rückkehr (Mommsen St.-R.² I 65. 96, 4. 97, 2). Erst jenseits des p. begann das imperium militiae. Umgekehrt hörten die Rechte der Volkstribunen (ius pomerii Cic. divin. II 35, 75) an der Grenze des p. auf (Mommsen St.-R.² I 67f.), mit einer aus praktischen Gründen erfolgten Erstreckung bis zum ersten Meilensteine (Gilbert Top. III 5, 3. Karlowa 97ff.). Testamente in procinctu setzten die Zugehörigkeit zum Kriegsheere voraus, werden also extra p. errichtet, wie umgekehrt die testamenta calatis comitiis vor den comitia curiata innerhalb (Mommsen St-R.² III 378. Karlowa 70). Der Census, entsprechend seinem ursprünglichen Charakter als vorläufige Heeresbildung findet ebenso wie das lustrum condere (vgl. dazu v. Blumenthal Indog. Forsch. LIV [1936] 42) auf dem Marsfelde, also extra p. statt, wo die [1872] Censoren für diese Zwecke ihr Amtslokal hatten (Karlowa. 78f.), während das bürgerlichen Zwecken dienende atrium Libertatis in der Stadt lag. Imperium führende Beamte mußten das imperium niederlegen, ehe sie heimkommend das p. überschritten (Cass. Dio XXXIX 63, 4. 65, 1. XL 50, 2. XLI 3, 3. 15, 2. 16, 1. LV 8. 1). Eine Ausnahme machte nur der Triumphator, aber auch dann überschritt der Feldherr cum imperio (Mommsen St-R.² I 126, 4) das p. nur am Tage des Festzuges selber, alle Vorverhandlungen werden außerhalb geführt (Mommsen 124. 5). Über die Abhaltung der Centuriatcomitien s. o. Laelius Felix bei Gellius (Wissowa Religion² 528f., vgl. auch Boissevain im Index zu Cass. Dio s. v. p.).

6. Das p. der Stadt Rom. Unmittelbar bezeugt ist ein p. außerhalb Roms nur für Aricia, wo Varro die cippi sah (l. l. V 143), für Capua (CIL X 3825, Mommsen RF II 36), Casilinum (Cic. Phil. II 102) und durch die lex col. Genet. 73. Diese wenigen Daten reichen für eine Geschichte des provinziellen p. nicht aus. Dagegen können wir in Rom die Entwicklung von der frühen Siedlung bis zur Großstadt der Kaiserzeit, die eine mehrfache Erweiterung des p. nötig machte, noch einigermaßen überblicken.

     a) Das p. der Palatiumstadt. Die Lage desselben (Palatini montis radicibus terminabatur Gell. XIII 14, 2) ist leidlich bekannt. Tac. ann. XII 24: quod p. Romulus posuerit, noscere haud absurdum reor. Igitur a foro boario, ubi aereum tauri simulacrum aspicimus, quia id genus animalium aratro subditur, sulcus designandi oppidi coeptus, ut magnam Herculis aram amplecteretur; inde certis spatiis interiecti lapides per ima montis Palatini ad aram Consi, mox curias veteres, tum ad sacellum Larum, inde forum Romanum; forumque et Capitolium non a Romulo, sed a Tito Tatio additum urbi creditur. mox pro fortuna p. auctum. Dazu Dion. Hal. ant. II 63, 5 vom Vestatempel: τῆς τετραγώνου καλουμένης Ῥώμης, ἣν ἐκεῖνος (Romulus) ἔκτισεν, ἐκτός ἐστιν (v. Blumenthal Klio XXXV [1942] 182f.). Von den genannten Punkten liegen ziemlich fest: ara maxima an der Nordostecke der Piazza di Bocca della verità, nördlich von S. Maria in Cosmedin (Platner-Ashby 253. Hülsen bei Jordan I 3. 143, 76. Etwas anders v. Gerkan Röm. Mitt. XLVI [1931] 182); ara Consi nahe den metae am Südostende des circus maximus (Platner-Ashby 140. Hülsen a. O. 114); curiae veteres wahrscheinlich an der Nordostecke des Palatium (Not. Reg. X) am Constantinsbogen gegenüber dem Nordende des Caelius (Jordan I 1. 165. Hülsen I 3, 43f. Platner-Ashby 147); unbekannt ist das sacellum Larum (Platner-Ashby 314f. Hülsen I 3, 32, 50‚ anders Gilbert I 128). Der Vestatempel blieb, wie wir sahen, außerhalb, das p. führte also zwischen ihm und dem Bergesfuße hindurch und mündete dann am forum Romanum. Die Verbindung durch das Velabrum mag durch den später von der cloaca maxima überwölbten Bach (V. Gerkan Röm. Mitt. XLVI 182) begrenzt gewesen sein und deshalb der cippi entbehrt haben. Die Erhaltung derselben bis in die Zeit des Tacitus wird sakrale Gründe gehabt haben, vermutlich bestimmten sie [1873] den Lauf der Luperci (Jordan I 1, 162f.). Zugehörige Befestigungsanlagen sind nicht mehr kenntlich, die Reste von angeblich romulischen Mauern auf halber Palatiumhöhe werden meist als Mauern der arx gedeutet (Jordan I 171ff.)‚ doch scheinen sie in Wirklichkeit Teile der Serviusmauer zu sein (v. Gerkan 176).

     b) Erweiterungen in der Königszeit. Über das p. bis Sulla ist nur eine genaue und zuverlässige Angabe erhalten, nämlich daß der Aventin vom p. ausgeschlossen war und bis Claudius blieb (Messalla bei Gell. XIII 14, 5. Sen. brev. vit. 13, 8). Daß Capitol und arx, die in der Vierregionenstadt des Servius eine Sonderstellung einnahmen, nicht zum p. gehörten, wie Karlowa 50ff. behauptet, ist ausgeschlossen, da dort nicht nur die auspicia urbana eingeholt wurden, sondern einmal auch die comitia curiata zusammentraten (Valeton 137f. Oliver 152). Die sonstigen Notizen haben natürlich nur in dem allgemeinen Sinne Gültigkeit, daß man von den gleich zu nennenden Örtlichkeiten wußte, daß sie zum republikanischen p. gehörten. So berichtet Tacitus (s. o.) die Meinung (creditur), Forum und Capitol seien unter Titus Tatius, Liv. I 44. 3 (vgl. Dion. Hal. ant. IV 13, dazu Valeton 135), Quirinal, Viminal und Esquilin seien durch Servius Tullius zum p. gekommen. Von dem Verlaufe des p., das zu der sog. servianischen Mauer des 4. Jhdts. (Graffunder Bd. I A S. 1026. Platner-Ashby 350ff. v. Gerkan Röm. Mitt. XLVI [1931] 158), die auch den Aventin umschloß, gehörte, wissen wir schlechthin gar nichts. Die Identifizierung von Mauerzug und p. durch Labrousse 165ff. und andere entbehrt jeder Grundlage und, wie der Aventin zeigt, auch jeder Wahrscheinlichkeit. Es scheint vielmehr, daß man in der republikanischen Zeit die aus der Königszeit übernommenen p.-Grenzen nicht verändert hat (Tac. ann. XII 23, s. Abs. c). Darüber konnten sich im Augurencollegium zuverlässige Nachrichten erhalten haben.

     c) Von Sulla bis Augustus. Tac. ann. XII 23 berichtet von Caudius p. urbis auxit Caesar, more prisco, quo iis, qui protulere imperium, etiam terminos urbis propagare datur. Daß an dieser durch CIL VI 4, 2, 31537. Sen. brev. vit. 13, 8. Vit. Aurel. 20, 10 erhärteten Bedingung bis zu Aurelian festgehalten wurde, zeigt Detlefsen a. O. Tacitus fährt fort: nec tamen duces Romani, quamquam magnis nationibus subactis, usurpaverant nisi L. Sulla et divus Augustus. Für Sulla bestätigen es außer Sen. a. O. Gellius XIII 14. 4. Cass. Dio XLIII 50. 1, die beide das gleiche auch noch von Caesar angeben, von Caesar außerdem auch Cass. Dio XLIII 49, 2. Eine p.-Erweiterung des Augustus meldet. Cass. Dio LV 6. 6 für das J. 7 v. Chr.‚ vgl. vit. Aurel. 21. Von dem nachsullanischen p. sind nur einige negative Daten bekannt. Im J. 51 lag das Theater des Pompeius (Cass. Dio XL 50, 2) außerhalb (auf dem Marsfelde: Platner-Ashby 517), im J. 5 v. Chr. ebenso das Ὀκταουιειον (Cass. Dio LV 8, 1‚ vgl. Platner-Ashby 427), das noch im J. 70 extrapomerial Wal‘war (Ioseph bell. Iud. VII 5, 4). Auf Grund der Bebauung des Geländes der Serviusmauer in augusteischer Zeit versucht Oliver a. O. das augusteische p. zu [1874] rekonstruieren (Planskizze 154): aber wir wissen ja nicht, wieweit p. und Mauerzug damals zusammenfielen oder auch nur parallel liefen. Die Erweiterung durch Augustus ist vielfach bestritten worden, besonders weil sie im Mon. Ancyr. nicht erwähnt wird, aber es fehlt dort auch, wie Oliver 149 mit Recht bemerkt, die nicht minder wichtige Regioneneinteilung. Alle hier genannten Erweiterungen werden summarisch geleugnet von Gilbert III 9, 3, auch Labrousse 168 läßt nur die sullanische und caesarische gelten.

     d) Claudius. Diese Erweiterung des p. ist literarisch und inschriftlich bezeugt. Tac. ann. XII 24 (s. o. Abs. a und c) bemerkt abschließend: et quos tum Claudias terminos posuerit, facile cognitu et publicis actis perscriptum, dazu Gell. XIII 14, 7: in *Elydis‚ grammatici sveteris, commentario offendi, in quo scriptum erat, Aventinum antea . . . extra p. exclusum post auctore divo Claudio receptum et intra pomerii fines observatum. Acht erhaltene, nach Mai 49 und vor 24. Jan. 50 gesetzte (oder beschlossene) cippi stimmen zu beidem. Denn CIL VI 4, 2, 31537 a ist weit südlich des Aventin in situ gefunden und der auf der Stadtseite befindliche, bei allen sieben gleiche Text (der achte trägt nur, wie die andern auch, POMERIUM auf dem Scheitel, für die Publikationen vgl. Platner-Ashby 893f.) lautet: T. Claudias Drusi f. Caisar Aug. Germanicus pont. max. trib. pot. VIIII imp. XVI cos. III censor p. p. auctis populi Romani finibus (dazu Detlefsen 530ff.) pomerium ampliavit terminavitq. (vgl. u. Abs. f). Vier von ihnen tragen laufende Nummern, die Berechnung ergibt, daß die einzelnen Steine vielleicht – berechtigte Zweifel bei Romanelli Not. d. scav. 1933, 244 – im Abstand von 2 iugera = 240 Fuß = 71 m voneinander standen. Da von 142 oder 143 nur drei in situ, die anderen günstigstenfalls in der Umgebung ihres Standortes gefunden sind, läßt sich eine genaue Linie des claudischen p. auch nicht annähernd zeichnen, s. die Kartenskizzen bei Platner-Ashby 394 und Labrousse 169, der insbesondere die Lage der Nekropolen, die ja gesetzlich (s. o. Abs. 5) außerpomerial sein müssen, für die nähere Bestimmung der Grenze auszunutzen sucht.

     e) Nero. Vit. Aur. 21: (pomerio) addidit Augustus, addidit Traianus (vielmehr: Claudius), addidit Nero, sub quo Pontus Polem(o)niacus et Alpes Cottiae Romano nomini s(unt) tributae. Vgl. dazu Detlefsen 519. 536.

     f) Vespasian. Die sog. lex de imperio Vespasiani (Dess. I 244) bestimmt: utique ei fines pomerii (d. h. die p.-Linie) proferre promorere, cum ex re publica censuit esse liceat, ita uti licuit T. Claudio Caesari Aug. Germanico. Wenn die neronische Erweiterung (nach dem J. 63: Detlefsen 519) hier übergangen wird, so darf man daraus wohl schließen, daß Nero sie selbstherrlich verfügt hat oder daß die Auslassung als damnatio memoriae zu verstehen ist. Auch von dieser Termination (aus der ersten Hälfte des J. 75) haben sich vier Steine gefunden (CIL VI 4, 2. 31538 a–c und Romanelli Not. d. Scav. 1933, 240-244). Der mit den Steinen des Claudius gleichlautende Text der Begründung auctis p. R. finibus pomerium ampliaverunt terminaveruntq. [1875] (sc. Vespasian und Titus) zeigt, daß die Formel feststand. Der genaue Standort der drei älteren Funde ist unbekannt, zwei tragen Nummern, b auch Entfernungsangabe in passus, c ist in Trastevere, wenn auch kaum in situ, gefunden, deutet also auf eine Erweiterung des p. nach jenseits des Tiber. Labrousse 195ff. zeigt, daß zwar für Claudius der Tiber die Grenze gebildet hat, wie die nr. VIII des Steines am Monte Testaccio lehrt, daß aber auf dem Vespasianscippus der gleichen Gegend die nr. XLVII Einbeziehung eines Teiles von Trastevere zur Voraussetzung habe. Weiter scheint Vespasian das östliche Marsfeld in das p. eingegliedert zu haben (Labrousse 190. 169): der neue in situ gefundene Cippus stand auf dem Marsfelde.

     g) Traian (s. o. Abs. e und Platner-Ashby 396). Diese nur von Vopiscus behauptete Erweiterung hat nicht stattgefunden: der neue Hadrianscippus vom p.-Ende auf dem Marsfelde (s. u. Abs. h) trägt die gleiche Ordnungsnummer wie der an gleicher Stelle gefundene des Vespasian (Labrousse 167). Vopiscus hat also Claudius und Traian verwechselt, wie schon die Reihenfolge Augustus Traianus Nero hätte lehren können.

     h) Hadrian. Es sind vier oder fünf Cippi einer Restauration vom J. 121 gefunden worden (CIL VI 4, 2, 31539 a–c und Not. d. Scav. 1933, 240-244), außer dem Neufund vom Marsfelde keiner sicher in situ. Einer der ersteren trägt Nummer und Entfernung in passus, über den Neufund s. o. Abs. g). Die Inschrift lautet: Ex SC collegium augurum auctore imp. Caesare divi Traiani Parthici f. divi Nervae nepoti Traiano Hadriano aug. pont. max. cos. III procos. terminos pomerii restituendos curavit. Wenn, wie Labrousse 198ff. annimmt, das p. für Vespasian seine sakrale Bedeutung verloren hat und von ihm zur Zollgrenze degradiert worden ist – darum die Eingliederung des Hafengebietes von Trastevere –, so könnte es scheinen, daß Hadrian die sakrale Bedeutung wiederaufleben lassen wollte, indem er die Augurn bei der Erneuerung ausdrücklich als die Ausführenden bezeichnen läßt.

     i) Commodus. S. Platner-Ashby 396, mit Recht abgelehnt von Labrousse 168.

     k) Aurelian. Vit. 21, 9: cum videret posse fieri, ut aliquid tale iterum, quale sub Gallieno evenerat, proveniret, adhibito consilio senatus muros urbis Romae dilatavit (im J. 272). Nec tamen pomerio addidit eo tempore sed postea. Gilbert III 11 nimmt an, daß Aurelian das p. ohne neue Termination einfach an die Mauer heranschob, ihm folgt Besnier. Das ist möglich, wir wissen es aber nicht. Dafür spricht, daß im Norden das frühere p. teilweise außerhalb der Aureliansmauer liegt.

     l) Kaiserzeit: Zusammenfassung.

Aus dem Vergleiche der Cippi lassen sich im Anschlusse an Platner-Ashby 396 folgende Schlüsse ziehen: 1. Nördlich des Pincio überschritt das p. die Aureliansmauer. 2. Die 13. und größtenteils die 12. Regio des Augustus lagen innerhalb. 3. An einigen Stellen der Nordfront fallen p. und Aureliansmauer zusammen. 4. Das p. Vespasians und das damit identische Hadrians Labrousse 167) kreuzten das Marsfeld ungefähr auf der Linie Ara Ditis, jetzt genauer bestimmt [1876] durch den Neufund (Labrousse 169), zum Südende der Saepta. Der Teil des Marsfeldes nördlich dieser Linie war extrapomerial. 5. Die von Platner-Ashby bezweiielte Ausdehnung des p. auf das rechte Tiberufer unter Vespasian ist durch Labrousse 195f. sichergestellt worden (vgl. schon Besnier 546).

7. Nachleben des p. im deutschen Mittelalter.

K. Frölich weist mich darauf hin, daß auch deutsche Städte des Mittelalters ein p. besaßen. Gengler, H. G., Deutsche Stadtrechts-Altertümer (Erlangen 1882) 6: Es „besaßen viele größere Städte außer der ‚innren ringmuren‘ noch eine zweite, wenn auch gewöhnlich minder starke Umfassungsmauer, von ersterer durch den häufig als ,pomoerium‘ zu Obstanlagen benutzten Zwinger [,antemurale, zwingolf‘] von etwa zehn Ellen Breite getrennt.“ Frölich verweist auf UB Goslar III 226 (v. J. 1310). Merkwürdigerweise findet sich in Goslar (UB Goslar I 306 [v. J. 1186]. 320 [v. J. 1188]. 351 [v. J. 1199)) in nächster Nähe des pomoerium die Vorstadtsiedlung Villa Romana. Welcher Zusammenhang hier mit dem Altertume besteht, ist mir unbekannt. Doch halte ich, wie auch Gengler anzunehmen scheint, eine Verwechslung von p. mit pomarium, die auch im CGIL öfter begegnet (V 576, 33 pomerium locus . . . muri ubi arbores pomorum, vgl. IV 146, 8. V 234, 27. 554, 35), für wahrscheinlicher als eine Übernahme des nicht allzu häufig vorkommenden, inschriftlich aus der Provinz gar nicht belegten antiken Sakralwortes.