Zum Inhalt springen

RE:Longos 1

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Verf. eines Romanes
Band XIII,2 (1927) S. 14251427
Longos in Wikisource
Longos in der Wikipedia
GND: 118574213
Longos in Wikidata
Bildergalerie im Original
Register XIII,2 Alle Register
Linkvorlage für WP   
* {{RE|XIII,2|1425|1427|Longos 1|[[REAutor]]|RE:Longos 1}}        

Longos. 1) Verfasser eines Romanes in vier Büchern: Ποιμενικὰ τῶν κατὰ Δάφνιν καὶ Χλόην. Lebenszeit unbekannt, aus inneren Gründen 4., höchstens zweite Hälfte des 3. Jhdts. Wie alle erhaltenen griechischen Romane, spielt auch der des L. dem Attizismus zuliebe in der Zeit der Freiheit der Hellenen (vgl. Krieg von Methymne mit Mytilene II 19ff. III 1-3; andere Spuren IV 35 p. 178, 25 Hirschig). Der klassisch-attischen Zeit des Thukydides und Demosthenes pflegten die Neuattiker ja auch die Vorwürfe zu ihren μελέται zu entnehmen. Die Verlegung des Romanes in eine so ferne und von den Neuattikern so bewunderte Zeit beförderte die oft getadelte Idealisierung des Lebens seiner Personen. Überhaupt ist die den Roman beherrschende Stilidee die γλυκύτης. Aus ihr erklärt sich viel von dem, was Mangel an historischer Einstellung neuerdings an Longos gerügt hat, z. B. die Träume (L. I 7. II 23. 27. III 26. IV 34 usf.: Menandr. Epid. p. 85 § 6 Bu.)‚ Schlüpfrigkeiten (vgl. Hermogen. Id. p. 332, 2ff. R), ans Fabelhafte grenzende Erzählungen (z. B. II 25 III 28: Hermogen. 330, 21), menschliches Gebärden unvernünftiger Tiere (L. I 32 p. 142, 25. I 31 p. 142,17. IV 14-15 usf.: Hermogen. 335, 8) usw. Aber auch andere oft beachtete Eigenheiten des Longos haben diesen Grund, wie die häufigen Naturschilderungen (z. B. I 9. 23. III 12. 21: Hermogen. 331, 15); Geschichten aller Art, mythische (Metamorphosen: I 27. II 34. III 23: Menandr. p. 88 § 19 Hermogen. 330. 3), sowie andere verschiedener Wahrscheinlichkeit. etwa II 3. 12. 25, vgl. p. 152, 22 (Aristeid. rhet. IX 392, 19 W.; Menandr. p. 84 § 4. p. 89 § 23); Sprichwörter (z. B. I 22 p. 138, 46: Aristeid. IX 392, 19). Häufig sind diese Gedanken (ἔννοιαι) zu vollkommenen rhetorischen Kleinkunststücken (προγυμνάσματα) ausgearbeitet, so eben die Geschichten oder die berühmte, von Niketas Eugenianos I 77–107 kopierte, ἔκφρασις des Gartens (IV 2-3). Auch sonst spart L. nicht mit solchen Einlagen, die ihm die eingeflochtenen Dichterstellen ersetzen müssen, wie sie die γλυκύτης verlangt [1426] (Hermogen. 336, 15). Die einfältigen Landleute dürfen über Dichterkenntnis ja nicht verfügen! Unter diesen Einlagen sind vielleicht zu nennen ein ὕμνος auf Eros (II 7), ἠθοποιίαι (z. B. I 14. 18. II 22. IV 8 u. a. m.)‚ ein Selbstlob (περιαυτολογία Alex. Rhet. IX 330, 9) des Daphnis (III 29), ja sogar das Beispiel eines hirtlichen Prozesses (II 15. 16 p. 147, 48), bei dem sich Daphnis mit Glück der στάσις des ἀντέγκλημα bedient u. dgl. m. Zum ästhetischen Ziel für die Lieblichkeit (γλυκύτης), zur ἡδονή, kannte die antike Kunstlehre eben viele Wege!

Die literarische Behandlung des Menschenlebens war bei den späteren Griechen nur nach den Kapiteln (κεφάλαια) der Lobrede denkbar. Die technische Aufgabe des Romanes bestand also darin, das Leben seiner zwei Hauptpersonen in das feste Gefüge des auf eine Person eingestellten ἐγκώμιον einzupassen. L. hat – nicht ohne Vorbilder im älteren Roman (Schissel 85) – diese Aufgabe durch vollständigsten Parallelismus der Erlebnisse des Daphnis und der Chloe zu lösen unternommen (Schissel 87ff.). In dieser Weise behandelte er folgende Hauptstücke der Lobrede: προοίμιον, πόλις (I 1), τροφή (I 2–3. 4-6), φύσις (I 7 p. 133, 13f.), ἀγωνὴ (I 7-8), ἐπιτηδεύματα (I 8 p. 133, 32ff), πράξεις (I 9, vgl. 133, 53 - IV 21) und nach der περιπέτεια + ἀναγνώρισις in IV 21 (vgl. Aristot. Poet. 11 p. 1452 a. 33) noch (IV 24. 35) πατέρες, dann wieder in der richtigen Ordnung τὰ ἐκτός (IV 39) und ἐπίλογος mit εὐχαὶ (IV 40) in der Hochzeitsnacht (Schissel 15). Auch diese in der Kunstlehre begründete zeitliche Ausdehnung haben Unwissende Longos zum Vorwurfe werden lassen.

L. vertritt die neuere Form des griechischen Romanes, die uns sonst in Heliodor und seinem Nachahmer Achilleus Tatios erhalten ist. Das äußere Merkmal dieser Form ist der Abschluß des Werkes durch die Ehe des Heiden (Schissel 45). Meines Erachtens ist L. nicht nur dem durch Heliodor vertretenen Typus gefolgt, sondern er hatte auch ihn und wohl auch den Achilleus Tatios selbst vor Augen bei der Behandlung des (in ihren Werken zentralen) Problemes der Nebenbuhlerin (Arsake, Melitte: Lykainion III 15-19; Schissel 89). Damit kommt man für L. ins 4., ohne Ach. Tat. in die zweite Hälfte des 3. Jhdts. Die überlieferte Romantechnik handhabt L. übrigens sehr selbstständig und überragt durch psychologische Vertiefung die anderen Vertreter der Gattung.

Auf späte Zeit weist auch das künstlerische Ziel (σκοπός), das sich L. im Vorwort gesteckt hat, in dem er gleich Ach. Tat. (Schissel Philol. 72, 92ff.) von einer malerischen Darstellung der Romanbegebenheiten ausgeht, nämlich ἀντγράψαι τῇ γραφῇ (131. l3). In diesem Wetteifer mit dem Gemälde, bei dem die Zuhörer zu Beschauern werden sollen (Nikol. 68, l2 F., vgl. Long. 131, 8), steht er den Gazäern näher, als dem deutlich progymnasmatisch-didaktischen Philostratos (Imag. prooem. 3 p. 4, 1l).

Nachahmung Theokrits sucht Reich 56ff. nachzuweisen: II 33 (p. 153, 26) soll L. den Theokrit gar als Σικελὸς αἰπόλος zitiert haben. Unnötig! Man glaubte die Schäferpoesie in Sizilien entstanden, das so zu ihrem klassischen Lande wurde (Anec. [1427] Estense p. 60, 32 Kayser). Die Parallelen zu Alkiphron (Reich 46-50) sind ein Streitobjekt, weil sich aus ihnen nicht ermitteln läßt, wer von beiden Autoren der Nachgeahmte ist. Keiner; denn die paar nicht zufälligen Übereinstimmungen (Alk. II 27: L. III 3-6; A. II 9: L. IV 15 + I 27) erklären sich aus den Erfordernissen des gemeinsamen γένος βουκολικόν und seiner γλυκύτης.

Uberliefert ist L. in dem allein vollständigen, 1810 durch Courier bekannt gemachten, Flor.: Conv. Soppr. 627f. 22 (s. XIII) und in zahlreichen lückenhaften Hss., die teils eine eigene Klasse, teils eine Mischklasse zwischen ihr und dem Flor. bilden sollen. – Die erklärenden Noten der älteren Ausgaben in der Seilers, Lps. 1843; sonst Hirschig, Paris 1856; Hercher, Lps. 1858; W. D. Lowe , Cambridge 1908. Klassische deutsche Übersetzung von F. Jacobs, Stuttg. 1832.

Das Nachleben des L. entsprach seiner Bedeutung, der am nächsten kommt Bernardin de St. Pierre (Paul et Virginie), während Sal. Geßner (Daphnis) am weitesten zurückbleibt. Vgl. Häger De Theod. Prodromi in fab. erot. Ρ. κ. Δ. font... Diss. Gött. 1908, 55. Nicetas Eugenian. ed. Boissonade II p. 461. Scherillo Arcadia di Jacobo Sannazaro, Torino 1888 S. CII-CIII. Ticknor Hist. lit. espagn. III 124-125. Wolff The Greek romances in Elizabethan prose fiction, Diss. New York 1912. Zuretti Riv. filol. XLI 3 (Mirèio). Klein L. Hirtengesch. v. Daphnis u. Chloe im Urteile Goethes. Bitterfeld 1912.

Rohde D. gr. Roman 496?. Reich De Alc. Longique aetate. D., Königsb. 1894. Castiglioni Riv. filol. XXXIV 299f. Garin Stud. it. filol. XVII 44l. 453. Schissel Entwicklungsgesch. d. gr. R. Halle 1913, 81. Lavagnini Le origini del romanzo greco, Pisa 1921 p. 104. Christ-Schmid Gesch. gr. Lit.⁶ 823.