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RE:Achilleus Tatios 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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aus Alexandria, Romanautor, dem Kreis des Nonnos nahestehend
Band I,1 (1893) S. 245 (IA)–247 (IA)
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Achilleus Tatios (so die meisten Hss., Photios und Greg. Cor. in Walz Rh. Gr. VII 1236, 16; nur Suid. hat Στάτιος).

1) Aus Alexandreia (Localkenntnis daselbst verrät V 1), wahrscheinlich dem Kreise des Nonnos nahestehend, Nachahmer des Romanschreibers Heliodoros (lebt etwa Ende des 3. Jhdts. n. Chr.), des Musaios (E. Rohde griech. Rom. 472), vielleicht auch des Longos (Rohde a. O. 503), nachgeahmt von Aristainetos (Rohde 473, 1) und in den byzantinischen Romanen des Eustathios und Niketes Eugenianos, vielleicht noch in dem Gedicht von Lybistros und Rhodamne (Krumbacher byzant. Litt.-Gesch. 444ff.), lebte allem nach im 6. Jhdt. n. Chr. Wenn auch die Nachricht des Suidas, dass er zuletzt Christ und Bischof geworden, eine Fiction in Analogie zu der entsprechenden Fiction über Heliodoros sein wird, so ist doch der unchristliche Inhalt seines Romans kein Hindernis zu glauben, A. sei Christ gewesen (Rohde a. O. 474f.). Sein Roman τὰ κατὰ Λευκίππην καὶ Κλειτοφῶντα in 8 Büchern (die Byzantiner citieren ihn gewöhnlich abkürzend [246] Λευκίππη) scheint das späteste Erzeugnis der Romanpoesie auf griechischem Boden zu sein. Vor einem den Raub der Europe darstellenden Bilde in Sidon erzählt der Held Kleitophon selbst dem Verfasser die Wechselfälle seines Liebesverhältnisses zu Leukippe als Beispiel für die Allgewalt des Eros (Übersichten über den Inhalt geben Wyttenbach in Jacobs Ausg. des A. p. CXV–CXXVI und Rohde a. O. 467–470). Der Roman teilt mit den übrigen griechischen Erzeugnissen dieser Gattung den Mangel an innerer Motivierung der Handlung, die Äusserlichkeit in der Zusammenreihung verschiedenster Schicksalswendungen und ist in Hinsicht der Erfindung hauptsächlich von Heliodoros Αἰθιοπικά abhängig. Die Charakteristik einzelner Personen ist derber als in den früheren Romanen, die Lüsternheit in Behandlung erotischer Dinge wohl nur von Longos überboten (weshalb die Byzantiner, für ein christliches Publicum, zum Teil den Heliodoros mehr empfehlen: vgl. die Vergleichung beider Romane von Mich. Psellos in Jacοbs Ausg. des A. bes. p. CXXIII ff.; auch Phot. bibl. cod. 87. 94. Greg. Cor. in Walz Rh. Gr. VΙΙ 2, 1236. Bekker Anecd. 1082), ein Zeichen roheren Geschmacks besonders die Wiederholung eines so plumpen Motivs wie des scheinbaren Todes der Heldin (welche übrigens nach Anth. Pal. IX 203, 6 auf byzantinisches Publicum Eindruck machte). Die Composition ist durch zahlreiche Einlagen von Reden, Briefen, Schilderungen, Mythen, Fabeln, naturgeschichtlichem Beiwerk mehr als in den älteren Romanen mosaikartig und unorganisch. Die Sprache ist bis zur Caricatur nach dem rhetorischen Recept für die Stilart der ἀφέλεια zugeschnitten und bewegt sich meist in kurzen, asyndetischen Sätzchen. In der Wortwahl strebt A., von einigen der γλυκύτης wegen eingestreuten Ionismen abgesehen, nach reinstem attischen Ausdruck und putzt sich mit ausgesuchten Wörtern und Phrasen aus den attischen Classikern (A. Stravoskiadis Ach. Tat. ein Nachahmer des Platon, Aristoteles, Plutarch, Aelian. Erlangen 1889), wobei freilich grobe Vulgarismen und Soloecismen nicht vermieden werden (S. Naber Mnem. N. S. IV 324ff.); in der Figuration wuchern die gorgianischen Wort- und Reimspielereien. Dem byzantinischen Geschmack aber stand dieser Roman als Muster für die λέξις ταπεινοτέρα und καθαρά neben Isokrates und Libanios (Jos. Rhacend. in Walz Rh. Gr. III 526), als Muster für ἀφηγηματικαὶ ἔννοιαι ῥητορικαί neben Xenophon und Philostratos (id. ibid. 521), und die grosse Zahl der Handschriften beweist seine Beliebtheit. Über Composition und Stil im ganzen vgl. Passow in Ersch und Grubers Encykl. I 304ff. (= vermischte Schr. 87–91). Rohde a. O. 474ff. Nachdem zuerst eine lateinische Übersetzung der 4 letzten Bücher dieses Romans von Annibale della Croce (Crucceius), Lyon 1544, dann vollständiger Basel 1554, erschienen war, kam der griechische Text (nebst Longos und Parthenios) 1601 ex officina Commeliniana heraus, obwohl noch mit manchen Lücken, die zum Teil in der Ausgabe des Salmasius (Lugd. Bat. 1640) ergänzt wurden. Wertlos ist die nur angeblich nach einer Münchener Hdschr. und [247] den Collationen einiger andern Hss. revidierte Ausgabe von G. L. Boden (Lips. 1746), wovon diejenige von Mitscherlich (Bipont. 1792) ein blosser Abdruck ist. Die erste kritisch bedeutende Ausgabe ist die von Jacobs (Lips. 1821). Mehrfache Verbesserungen aber hat der Text in den beiden neuesten Ausgaben von G. A. Hirschig (Scriptores erotici. Paris Didot 1856) und R. Hercher (Script. erot. I Lips. Teubner 1858) erfahren. Neuere Beiträge zur Kritik von Naber Mnem. N.S. IV 324ff. F. W. Schmidt Jahrb. f. Philol. CXXV 185f. Ausser dem Roman schreibt Suid. dem A. noch zu περὶ σφαίρας καὶ ἐτυμολογίας καὶ ἱστορίαν σύμμικτον πολλῶν καὶ μεγάλων καὶ θαυμασίων ἀνδρῶν μνημονεύουσαν. Die beiden letzteren Werke könnte allenfalls der Romanschreiber verfasst haben.