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Rückblicke auf meine theatralische Laufbahn

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Textdaten
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Autor: Franz Wallner
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Titel: Rückblicke auf meine theatralische Laufbahn
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, 49, S. 713–716, 777–782
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[713]

Rückblicke auf meine theatralische Laufbahn.

Von Franz Wallner.
1. Ein Verlorener.

Die Originale verschwinden aus dem Theaterleben, das früher die letzte Zufluchtsstätte derselben war. Seit das wilde regellose Wandern der Mimen aufgehört, seit sie sich alle ihr Brod, und was dazu gehört, bei nur einiger Begabung, weit leichter, als ehedem, verdienen, haben die Schauspieler das Komödiantenthum abgestreift, ohne daß deshalb die Komödianten unter ihnen verschwunden [714] wären. Wenn wir hier aus jenem Komödiantenthum eine Reihe von Bildern vorführen, so halten wir es für sehr angezeigt, unsere Leser um freundliche Berücksichtigung unseres Zwecks zu bitten: wir wollen auch die Schattenseiten dieses vergangenen und verkommenen Bühnentreibens darstellen und sind dadurch genöthigt, hier und da der Derbheit des Ausdrucks mehr zu gestatten, als die Gartenlaube sonst zuläßt. Der Zweck muß einmal auch hier das unvermeidliche Mittel entschuldigen.

„Es giebt keine Liebhaber mehr am deutschen Theater,“ sagte einst die alte Schröder zu mir,“ die größte dramatische Künstlerin ihres Jahrhunderts, „wissen Sie warum? Weil die Kerle keine Bürgerstöchter mehr entführen und in keine Nonnenklöster einbrechen.“

Der nordamerikanische Generalkonsul Börnstein in Bremen, der fast Alles in der Welt gewesen, was ein ehrenhafter Mensch werden kann: Buchdrucker, Soldat, Bierbrauer, ein tüchtiger Schriftsteller, Häuserbesitzer etc., war natürlich in seinen jüngeren Jahren auch Theaterdirector und Schauspieler, und zwar an sehr verschiedenen Orten: in St. Pölten, in Baltimore, in Linz etc. Auf einer Reise nach Wien besuchte er an einem bitterkalten Wintermorgen des Jahres 1839 einen Freund im Dorfe Schwechat, welches seitdem als die Erzeugnißstätte des berühmtesten Wiener Bieres einen welthistorischen Ruf erworben hat, damals aber nur ein unscheinbares schmutziges Nest war. Ueber einen Feldweg bemerkte Börnstein einen von einer elenden Mähre gezogenen Karren, auf dem ein aus rohen Brettern zusammengenagelter Sarg lag. Hinter dieser Bettelleiche gingen ein paar Jungen und ein Geistlicher. Auf die Frage, wer da zur letzten Ruhestätte geführt werde, erzählte der Priester, es sei ein fremder Mann, der, in äußerst zerlumptem Zustande, vor zwei Tagen in einem Pferdestall theils verhungert, theils erfroren gefunden worden sei. Seine sämmtliche Habe bestand, nebst den Lumpen, die er am Leibe trug, in einem alten Theaterzettel und einem zerlesenen Gebetbuch, welches auf dem Titelblatt die Worte enthielt: „Mein Trost in lichten Stunden. Reitzenberg.“

Entsetzen faßte Börnstein! Der müde Erdenwanderer, dessen Fahrten ein so trauriges Ziel erreicht, war der eben so berühmte als berüchtigte Reitzenberg, ein großer, reichbegabter Künstler, befähigt das höchste Ziel zu erreichen, und hier verendet gleich einem wilden Thier, eingescharrt in fremde Erde – verschollen und vergessen. Der Trunk war der böse Dämon, der ihn forttrieb aus allen glänzenden Stellungen, die er in der Theaterwelt eingenommen, der Dämon, welcher ihn abwärts stieß auf seinem hoffnungsreichen Weg, bis er im Schlamm rettungslos versank. Vom reichbezahlten Hofschauspieler bis zum Dorfkomödianten! Welch’ ein Weg für den genialen, hochgebildeten Baron von Reitzenstein!

Mein unlängst verstorbener Freund Moritz, der stricte Gegensatz zu Reitzenberg – ich komme in diesen Aufzeichnungen bald ausführlich auf Moritz zurück – war unerschöpflich in Mittheilungen von Anekdoten und Charakterzügen Reitzenberg’s, wenn die Rede darauf kam, da Beide eine Zeitlang zusammen ihre abenteuerlichen Fahrten an den kleinsten Winkelbühnen ausführten. Moritz, nach einem in der Theaterwelt landläufigen Ausdruck, als „blutiger Anfänger“, Reitzenberg als „sinkendes Meteor“. Mir war Letzterer auf meinem Lebensweg nur ein Mal begegnet, und zwar auf seinem „Rückgang“, als Gast an dem einzigen Theater in Znaim. Hunderte von traditionellen „Geschichtchen“, von den großartigen Bühnenschöpfungen und der noch großartigeren Frechheit des Künstlers dem Publicum gegenüber, hatten meine Neugierde auf’s Aeußerste gespannt. Im Gasthaus an der Mittagstafel, wo die Elite des Publicums verkehrte, imponirte der schöne, wenn gleich schon etwas verlebte Mann durch seine feine Bildung, durch die frischen Mittheilungen, die er, unterstützt von einem prachtvollen Organ, mit hinreißender Beredsamkeit zum Besten gab. Er hatte seine Bildung in einem kaiserlichen Militärerziehungshaus genossen, war später Officier beim Generalstab gewesen und soll damals als Baron Reitzenstein keine Spur jener verderblichen Leidenschaft gezeigt haben, die später den bürgerlichen Schauspieler Reitzenberg in’s Unglück stürzte.

Das Theater war gedrängt voll, der Ruf hatte vom nahen Prag aus, wo er als erster Liebhaber der gefeiertste Künstler des dortigen trefflichen Theaters war, Wunderdinge berichtet. Man gab Calderon’s „Leben ein Traum“, Reitzenberg den Roderich. Wie gewöhnlich hatte er bei Tische des Guten zu viel gethan, mußte aus dem Wirthshaus in’s Theater geholt werden, und betrat die Bühne schon in „etwas schrägen Verhältnissen“. Die Lösung der Aufgabe ging über die allerdings sehr bescheidenen künstlerischen Mittel der Gesellschaft, und so kam es, daß der Darsteller des Königs in seiner langen Expositionserzählung ein paar Mal stecken blieb und gründlich verhöhnt wurde. Diese Lustigkeit dehnte sich auch später auf Reitzenberg aus, als man bemerkte, daß er einen Theil seiner Sinne beim Weinglas habe sitzen lassen. Namentlich heiter wurde die vorne im Parterre aufgepflanzte Jugend des Gymnasiums von Znaim. Mitten in der Scene trat nun Reitzenberg vor den Souffleurkasten und haranguirte einen der Lacher mit folgenden Worten: „Er dummer Junge, was lacht er? Ihn da, mit der gelben Mütze, meine ich. Also, was lacht er? Ich kann meine Rolle, das sieht er: daß mein König ein Esel ist, ist nicht meine Schuld.“

Es versteht sich von selbst, daß das Znaimer Gastspiel nach diesem Scandal, der die Beendigung der Vorstellung nicht zuließ, abgebrochen war. Auch das Prager Theater mußte er auf ganz absonderliche Weise quittiren. Nachdem ihm das Publicum, dessen erklärter Liebling er, wie bereits erwähnt, war, bereits das Unglaublichste verziehen hatte, soll er während der Darstellung der Räuber diese Freiheit in nie dagewesener Weise mißbraucht und zu seiner Entschuldigung angeführt haben: Er befände sich ja im Walde, wo derlei Ausschreitungen nicht verboten wären. Das Zugstück des damaligen Repertoires waren Kotzebue’s Kreuzfahrer, seine Forcerolle darin der Balduin von Eichenhorst, den er mit hinreißender Gluth spielte. Als ihm Wilhelmi, der nachmals so berühmte Wiener Künstler, in der Kampfscene den Fehdehandschuh vor die Füße zu werfen hat, schleuderte er ihn im Eifer des Spieles bis an den Souffleurkasten vor. Mit unerschütterlichem Ernst sprach Reitzenberg pathetisch: „Ich hebe diesen viel zu weit vorgeworfenen Handschuh auf.“ Man kann sich das schallende Gelächter des Publicums denken.

Im Laufe der Vorstellung steigerte sich der bedenkliche Zustand Balduin’s so sehr, daß ein vorzeitiges Ende des Dramas zu fürchten stand. Im dritten Act wird er verwundet in ein nahe gelegenes Kloster gebracht, wo er seine frühere Geliebte als Nonne wiederfindet, die bei seinem Erkennen mit einem schrillen Schrei in Ohnmacht stürzt. Balduin reißt ihr den Schleier vom Antlitz und sucht sie mit heißen Liebesbetheuerungen in’s Leben zurück zu rufen. Die junge Nonne wurde von Madame Sontag, der Mutter der nachmals so berühmten Sängerin, gegeben. In dem oben geschilderten Moment stürzt Reitzenberg nieder, fällt mit ! dem vollen Gewicht seines Körpers und des Harnisches, den er trug, auf die Brust der armen Nonne, die sich kreischend dieser wuchtigen Umarmung vergebens zu entwinden sucht. Umsonst schrie sie:, „Reitzenberg, um Gotteswillen, lassen Sie mich los“ – Reitzenberg war weder im Stande, sich wieder auf die Beine zu bringen, noch seinem unglücklichen Opfer Luft zu machen. Er blieb liegen, der Vorhang mußte fallen.

Man hatte indessen den damals noch jungen Schauspieler Ludwig Löwe – den genialen großen Künstler, der keinen ebenbürtigen Nachfolger haben wird, wenn er vom kaiserlichen Hofburgtheater in Wien, dessen Zierde er noch immer ist, einst scheidet – aus einem nahen Gasthaus geholt, um das Wagniß zu übernehmen, die Rolle zu Ende zu spielen. Der Regisseur kündigt dem Publicum an, daß wegen plötzlicher Erkrankung des Herrn Reitzenberg Herr Ludwig Löwe dessen Partie zu Ende spielen werde und um gütige Nachsicht bitten lasse. Da plötzlich öffnet sich die andere Seite des Vorhangs, wankend tritt Reitzenberg mit den Worten vor das Publicum:

„Das ist nicht wahr, Reitzenberg ist nicht krank, Reitzenberg ist nicht krank, Reitzenberg ist be –!“

Man kann sich den Eindruck dieser Scene denken. Am anderen Morgen sollte der Veranlasser derselben vor Gericht Rechenschaft ablegen, allein er hatte bereits vorgezogen, das Weite zu suchen.

Nun begann sein Vagabundenleben an den winzigsten Wanderbühnen. In einer kleinen böhmischen Stadt, wo er sich ziemlich lange aufgehalten hatte, schloß er sein Gastspiel mit dem Kotzebue’schen Schauspiel: Eduard in Schottland, oder Die Nacht eines Flüchtlings, welches zu seinem Benefiz gegeben wurde. Am andern Morgen war er verschwunden, auf dem Tische seiner Stube lag, auffallend postirt, die namhafte unbezahlte Rechnung [715] des Wirthes, unter dieselbe war der zweite Titel seiner Abschiedsvorstellung geklebt.

Nach vielen Thespisfahrten der schlimmsten Art führte ihn ein glücklicher Moment wieder nach Dresden, wo er Hoffnung hatte, am königlichen Hoftheater angestellt zu werden. Graf Vitzthum, der damalige Intendant, war entschlossen, in Berücksichtigung seines großen Talentes über den schlimmen Ruf Reitzenberg’s hinweg zu sehen. Bei der Antrittsvisite frug ihn der Chef der Hofbühne in vertraulicher Weise, nachdem er ihm über sein Spiel auf der Probe alles Schmeichelhafte gesagt: „ob er nicht fürchte, daß etwas Dialect, den er an dem Künstler zu bemerken glaube, bei seinem projectirten Gastspiel störend einwirken werde?“

„Nein, mein lieber Herr Graf Blitzdumm,“ entgegnet Reitzenberg, „ich bin ganz dialectfrei, Ihnen kommt es nur anders vor, weil sie ein ganz niederträchtiges ‚Sächsisch‘ singen.“

Natürlich hatten hierauf alle Unterhandlungen ein Ende, Reitzenberg erhielt als Abfertigung eine kleine Summe und setzte seinen Stab weiter. Wie der Schatten seines früheren Ich’s taucht er in der Theaterwelt wieder ab und zu auf, um ebenso schnell wieder auf lange Zeit zu verschwinden. Man kann sich denken, welch’ eine Fülle von Noth und Entbehrung bei diesem Treiben über ihn kam, und doch war ihm in keiner geregelten Stellung wohl, die extravagantesten Streiche führte er aus, bis er sich unmöglich gemacht hatte. Eines Abends nach beendigter Vorstellung, ungefähr zehn Uhr, als Moritz, damals in Brünn angestellt, das Theater verließ, hörte er unter dem Thorweg seinen Namen flüstern: „Bruder Moritz–“, vor ihm stand Reitzenberg. Er führte den Ueberraschten unter die düster brennende Oellampe, schob seinen Rock zurück, zeigte diesem den nackten Oberkörper und sprach dumpf: „Ich habe kein Hemd mehr.“ Tief erschüttert nahm Moritz den Unglücklichen in seine Wohnung, sorgte für des Leibes Nothdurft, kleidete den gänzlich Verkommenen neu und sauber und führte ihn dem Theaterdirector Schmidt zu, der ihm ein Gastspiel bewilligte, welches er mit solchem Glück durchführte, daß er sofort engagirt wurde. Die Handlungsweise von Moritz war um so edler, als er wußte, daß ihm in Reitzenberg ein gefährlicher Rivale in seiner künstlerischen Stellung erwachsen müßte.

Kaum warm geworden im neuen Engagementsneste, regte sich der alte Adam wieder in dem unverbesserlichen Gaukler. Moritz borgte ihm zum Hamlet schwarze Tricots und ein Paar Stiefelchen mit Franzen; letztere riß er am anderen Tag ab und trug Beinkleider und Stiefelchen so lange, bis sie ihm im buchstäblichsten Sinne des Wortes vom Leibe fielen. Einst behauptete er vor der Aufführung von Cabale und Liebe, er wolle als Ferdinand den größten Unsinn schwatzen, ohne daß es das gedankenlose Publicum merken würde. In der Scene mit Lady Milford verdrehte er die Stelle: „Umgürte Dich mit allem Stolze Deines Englands, ich verwerfe Dich, ein deutscher Jüngling –“ in folgender Weise: „Umengle Dich mit allem Gurte Deines Stolzlandes, ich verjüngle Dich, ein deutscher Werfling.“ Leider hatte er Recht, außer einigen feiner organisirten Naturen, welche diese Umarbeitung Schiller’s mit starrem Staunen erfüllte, ging der freche Schwank fast unbeachtet von der Menge vorüber. Schlimmeren Ausgang und seine abermalige Entlassung hatte eine andere übermüthige Wette. In heiterer Weinlaune, unbeschäftigt, trieb sich Reitzenberg zwischen den Coulissen herum, während draußen auf den weltbedeutenden Brettern ein Ritterstück gegeben wurde, das einen Mitbürger Brünns zum Verfasser hatte. Eben wurde die Hauptscene des Drama’s gegeben, in welcher der Bösewicht seinem Freunde den Giftbecher verderbenbringend zuwendet. „Was zahlen Sie, lieber Saal,“ fragt plötzlich Reitzenberg den mit ihm hinter der Scene zusehenden Regisseur, „wenn ich jetzt, wie ich da bin, hinaus auf die Bühne gehe und den beiden Kerls den Giftbecher wegsaufe?“

Zehn Flaschen Champagner,“ antwortete Saal, der eher des Himmels Einsturz vermuthete, als die Ausführung dieses Vorschlages.

Wer vermag aber sein Entsetzen zu schildern, als Reitzenberg mit den Worten: „Ein Schuft, der nicht Wort hält!“ bereits aus den Coulissen und im Straßencostüm zwischen die beiden Ritter an den Zechtisch schreitet, gravitätisch den Becher ergreift, diesen langsam austrinkt und sich mit feierlichem Schritte auf der anderen Seite entfernt.

Wer kann ermessen, auf wessen Seite das Erstaunen und dann die maßlose Entrüstung größer war, ob beim Publicum, ob unter den Mitspielenden, ob endlich bei dem unglücklichen verzweiflungsvollen Dichter. Anfangs glaubte man, Reitzenberg sei plötzlich wahnsinnig geworden, bis der schuldlose Mitschuldige, Herr Saal, die Sache aufklärte.

Reitzenberg wurde von der Direction sofort entlassen, von der Polizei aber gefaßt. Nachdem man ihm vierzehn Tage unter Schloß und Riegel, fern vom Weltgetriebe, Zeit gelassen, über seinen frechen Streich nachzudenken, finden wir seine Spur in Leipzig wieder, wo er auf dem Theaterzettel den Namen Koch las. Ohne sich zu besinnen, geht er in die Wohnung des ihm gänzlich fremden Collegen und versichert das Dienstmädchen, er sei ein alter Freund des Herrn, sie möge ihm nur das Zimmer aufschließen und Rum bringen.

Bei der Rückkehr in seine Wohnung fand der erstaunte Koch einen fremden Menschen, welcher in seinen, das heißt Koch’s, Schlafrock gehüllt und aus seiner Pfeife rauchend, es sich mehr als bequem gemacht hat. Mit dem Ruf: „Alter Freund, lieber Junge, wie freut sich Reitzenberg Dich zu sehen!“ Der joviale junge Künstler, der, bei den: Rufe Reitzenberg’s, gleich die ganze Geschichte durchschaute, ging auf den derben Spaß ein und behielt den aufgedrungenen Gast einige Tage bei sich. Glänzende Engagements in Braunschweig, Hamburg und an anderen großen Bühnen erwiesen sich immer nur für kurze Zeit möglich. Seine unverbesserliche Trunksucht hatte stets Scandale zur Folge, nach welchen er schlechterdings „unmöglich“ wurde.

In dem nahen Altona gab er, von Hamburg aus, eine Gastrolle in dem bereits erwähnten Stück: „Die Kreuzfahrer“ oder „die ringemauerte Nonn“, oder: „Der dankbare Türke“, wie es hier hieß. Reitzenberg sagte vor Beginn der Vorstellung: „Gebt heute Acht auf mich, Kinder, heute ist Freitag, der Freitag war von jeher mein Unglückstag, heute passirt mir ein Malheur.“ Die Probe war vortrefflich gegangen, mehrere Rollen wurden, wie an kleinen Bühnen gewöhnlich, gestrichen oder in eine zusammengezogen. Unter den Darstellern der Nebenrollen befand sich ein junger Dilettant, seines Zeichens ein Leineweber, der in seinen freien Stunden mit glühender Leidenschaft Komödie spielte und sich die Garderobestücke z. B. Helme, Harnische etc. sehr zierlich aus Pappe selbst verfertigte. Er übernahm alle zu besetzenden kleinen Partien, Ritter, Boten, stummer Apothekerbursche etc. etc.

Als er nun an diesem verhängnisvollen Abend eine Meldung zu bringen hatte, war er, in den Coulissen stehend, so tief in fanatische Bewunderung der Leistung Reitzenberg’s versunken, daß er sein eigenes Auftreten vergaß und alle Winke des gereizten Künstlers übersah. Da plötzlich packt derselbe den zum Tode Erschrockenen bei dem Pappdeckel Brustharnisch und schleudert ihn mit den Worten auf die Bühne: „Wird Er herauskommen, verfluchter Leineweber!“ Der sauber gearbeitete Harnisch war auseinander gerissen bei der gewaltsamen Procedur, und das Silberpapier hing dem armen Kunstenthusiasten über den Bauch herab.

Im Laufe der Vorstellung wurde Reitzenberg immer betrunkener; im vierten Act, als er die Aebtissin um die Freilassung der jungen Nonne bittet, konnte er nicht mehr, fest auf den Beinen stehen; er stützt sich auf sein Schwert, welches unglücklicher Weise in eine Bretterspalte des Podiums durchrutscht, und unser Held fällt in voller Länge lang, rasselnd im Harnisch, zu Boden. Dort, im vergeblichen Bemühen sich aufzurichten, brüllte er der Aebtissin entgegen: „Weib, mache mich nicht rasend, ich stürme diese Mauern, ich fürchte nichts, nichts auf der Welt, nicht einmal das Lachen dieser erbärmlichen Philister da unten, die nicht wissen, daß sie den großen Reitzenberg verhöhnen.“

Ein furchtbarer Tumult entstand, man wollte die Bühne stürmen, um den Trunkenbold zu züchtigen, der sich indeß durch eine Hinterthür entfernt und in einen Fiaker geworfen hatte, mit welchem er in vollem Costüm nach Hamburg zurück fuhr.

Dies war die letzte Heldenthat, welche von ihm in der [716] Theaterwelt bekannt wurde. Fortan trieb er sich, immer tiefer und tiefer sinkend, bei den kleinsten Theatern herum, welche die technische Bühnensprache mit dem Ausdruck „Meerschweinchen“ bezeichnet.

An einer solchen gab er den Ferdinand in Cabale und Liebe. Der Wirth des Gasthauses, in welchem das Theaterchen aufgeschlagen war, lehnte vorne an der Rampe des Orchesters. Bei der Stelle: „die Limonade ist matt“, blickte er diesen zufällig an, worauf der Kneipier zornig hinauf rief: „Das ist nicht wahr, ich habe sie selbst gemacht, Herr Reitzenberg. Sie schimpfen auch über Alles!“ „Nur über Ihren sauren Wein,“ antwortete Reitzenberg, und spielte ruhig weiter.

Jahrelang verschollen, frühere bekannte, große Städte ängstlich meidend, finden wir ihn als Leiche wieder, „theils verhungert, theils erfroren“, wie der amtliche Bericht lautete.

Der Zufall führte Freund Börnstein vorüber, als man den Mann, der durch Bildung und Talent zur Lösung der höchsten künstlerischen Aufgaben berufen war und der so elend geendet, zur letzten Ruhestätte brachte. Seine Habe bestand, wie gesagt: in einem Gebetbuche und einem Theaterzettel. Der letztere ist zu charakteristisch für das damalige Treiben kleiner Bühnen, als daß ich mich enthalten könnte, ihn wenigstens theilweise wieder zu geben:

Theater in Passau.
Die Schuld
oder
Die Spanier im Norden
oder
Der Untergang des Hauses Oerendur.
Berühmtes Trauerspiel von dem großen Dichter Adolph von Müllner.

Personen:

Hugo von Oerendur, Besitzer von fünf bis sechs großen Gütern ...... Herr Reitzenberg, der größte deutsche Künstler als Gast.
Elvira, seine Gemahlin, Wittwe des Don Carlos, Officiers, Grands von Spanien und Ritters ......... Frl. Holdmann.

u. s. w. u. s. w.
Zum Schluß der Affiche heißt es:
Verehrungswürdiges Publicum!  

Ich kann zur Empfehlung dieses berühmten Trauerspiels nichts Besseres sagen, als das Urtheil des berühmten Schiller’s darüber: „Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Uebel größtes aber ist die Schuld!“



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2. Frühere Verhältnisse.
Das Sonst und Jetzt auf der Bretterwelt. – Der Theaterkönig Bäuerle und ein Theater-Agentenkleeblatt. – Herr Wollanek auf der Leimgrube. – Erstes Engagement. – Die Kremser Bühne und ihr Personal. – Zeiten, wo man nicht zu Nacht essen konnte. – Schicksal des geistigen Eigenthums der Bühnendichter. – „Unser Repertoire“. – „Unsere Garderobe“. – Unser Ruhm. – „Der Wallner ist auch ein Esel!“ – Der stille Abschied von Krems. – Theatralisches Stillleben in Ischl. – Nach Wiener Neustadt! – Das „versilberte“ Kaffeehaus. – Director Eichwald mit der „Nachtrüstung“. - Feuerige Lösung unserer Contracte. – Nestroy’s „Va banque!“

Wenn man die Bühnenzustände früherer Zeiten mit den jetzigen vergleicht, so erscheint heut zu Tage das deutsche Theaterreich für seine Unterthanen ein wahres Utopien. Wie leicht kommt der nur halbwegs begabte Anfänger seit dem Bestehen der Eisenbahnen vorwärts, wie rasch erreicht er eine verhältnißmäßig enorme Bezahlung für seine meist sehr bescheidenen Leistungen! Beginne er seine Laufbahn im kleinsten, im bescheidensten Winkel der Bretterwelt, sobald er sich nur fingerhoch über die mittelmäßigste Mittelmäßigkeit erhebt, fliegt sein Ruf mit Dampfeseile in alle Theaterbureaux, und zehn Agenten fahnden nach dem neu aufgehenden Stern. Freilich hat dieses stürmische Carrièremachen unseren Nachwuchs todtgeschlagen, es giebt eben keine Anfänger mehr, man beginnt das Haus beim Dachstuhl zu bauen, und die fertigen Schauspieler, die wahren Künstler sterben aus, ohne daß wir Hoffnung haben, ihren Platz durch ebenbürtige Nachfolger ersetzt zu sehen. Oder sind vielleicht Anschütz, Costenoble, Wilhelmi, Devrient (Ludwig und Emil), Seydelmann u. s. w. ersetzt? Hat für einen von all’ den Heimgegangenen, wirklich großen Künstlern ein würdiger Nachfolger die reiche Erbschaft angetreten? Nein, und tausendmal Nein! Wie viele deutsche Theater erfreuen sich noch eines wahrhaft vollendeten Zusammenspiels? Auf den Nagel meines Daumens will ich sie verzeichnen.

Wie mühselig war dagegen früher der Weg des Anfängers! Wie mußte ich z. B. antichambriren bei dem damals allmächtigen Theaterkönig Bäuerle in dessen Bureau und in seinem prachtvollen Wohnhause mit dem großen schattigen Park neben der Carlskirche auf der Wieden, um ein paar empfehlende Zeilen an den Theateragent Wollanek zu erhalten! Damals theilten sich drei Vermittler in Wien in die Geschäfte. Adalbert Prix war der Bevollmächtigte der Mittel- und größeren Bühnen, ein jetzt auf seinen Lorbeeren ruhender, auf sein Landhaus zurückgezogener concessionirter Agent besorgte den Manuscriptenverkauf, und Wollanek lieferte den kleinen Winkelbühnen ihre Opfer. – Letztere waren damals auch das bescheidene Ziel meines Strebens, und so erschien ich denn mit meinem allmächtigen Bäuerle’schen Empfehlungsbrief bei Herrn Wollanek. Er war nicht leicht aufzufinden gewesen: der Herr meines künftigen Geschickes wohnte auf der Leimgrube, in dem, ominös genug, zur Bettlerstiege genannten Hause, und hatte über einer der zahllosen Hintertreppen im dunkelsten Winkel eines langen Flügels seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Ich hatte mir einen Mann, mit dieser Würde bekleidet, ich hatte mir die Räume, in denen er thronte, ganz anders gedacht. In einer finsteren Kammer saß ein Mann und ein Weib, beide in einem mehr als bescheidenen Costüme, beide mit riesigen Rohrfedern Noten copirend. Auf meine Frage nach Herrn von Wollanek erhoben sich der Mann und die Frau gleichzeitig und frugen um mein Begehr. Als ich dieses schüchtern hervor gestammelt, öffnete Herr Wollanek, dies war er selbst, eine Seitenthür und hieß mich eintreten. Als Hauptzierde dieses Geschäftssalons prunkte ein Sopha, das nach Verjagung von zwei Katzen einige sehr bedenkliche Löcher zeigte. Mich auf Einladung meines neuen Gönners vorsichtig niederlassend, betrachtete ich mir diesen genauer und bemerkte mit Entsetzen, daß ihm die Nase fehlte. Mit einem demüthigen Hinweis auf den Brief von Bäuerle erklärte er mir, daß es mir bei solchen Empfehlungen nicht fehlen könne, ich müsse meinen Weg beim Theater machen, wenn ich einen Protector habe, wie Herrn von Bäuerle; er wollte daher sein Bestes für mich thun. Dieses Beste war allerdings schlecht genug, es bestand in einer Engagementsofferte nach Krems, wo der Senf von jeher besser war, als die Schauspieler.

[778] Wollanek rieth mir, einen Vorschuß von zehn Gulden von der Direction zu verlangen. Auf meine Entgegnung, daß ich selben nicht brauche, meinte, er, daß er ihn nöthig habe, denn besagte zehn Gulden seien das Honorar, welches ich ihm für die Engagements-Vermittelung zu zahlen hätte. Als ich hierauf meine Brieftasche öffnete und die verlangten zehn Gulden bescheiden auf den Tisch placirte, steigerte sich seine Achtung gegen mich sichtlich zur Riesengröße. Jetzt wurde mir auch der Grund klar, warum er die Unterhaltung mit mir der Hörweite seiner Frau Gemahlin entzogen, sie brauchte von dem kleinen Extraeinkommen des Gatten nichts zu wissen. Ich aber fuhr als wohlbestalltes Mitglied des Stadttheaters in Krems stolz nach meinem neuen Bestimmungsort hin.

Der Director Bieber war früher Harfenist, vulgo Bänkelsänger in Wien gewesen und nichts weniger, als unbeanstandet; seine Gattin, eine hübsche junge Frau mit dem unverfälschtesten Lerchenfelderdialect sollte als „Localsängerin“ figuriren; der Komiker des Josephstädter Bierhauses, Herr Seitz, sollte in gleicher Eigenschaft das Publicum von Krems entzücken, kann aber gar nicht zum Auftreten, da „dem Herrn Collegen“ vor der ersten Vorstellung von den Behörden „ein Spiegel ohne Rahmen und Glas“, prosaisch „Steckbrief“ genannt, nachgesandt wurde, in Folge dessen der Freund des Directors schleunigst vom Schauplatze verschwand. Ich. verlor deshalb meine projectirte Stellung als erster Liebhaber und wurde laut Machtvollkommenheit des Directors zum Komiker ernannt. Auch der Ehrenposten eines Regisseurs sollte mir anvertraut werden, obgleich ich noch nie vor einem zahlenden Publicum mein bischen Talent erprobt hatte. Die übrigen Mitglieder bestanden aus einem stabilen Einwohner von Krems, der als französischer Sprachlehrer sich kümmerlich nährte, auf den seltenen Namen „Schulz“ hörte und bei Anwesenheit einer Theatergesellschaft sein schmales Einkommen mit Komödienspielen und der ihm dafür versprochenen Gage wesentlich vermehrte. Es war dies, wie er mir selbst anvertraute, die Zeit, wo er „zu Nacht essen konnte“. Ein ehemaliger Chorist vom Carltheater, Haas geheißen, und eine tüchtige, aber leider nur viel zu lange routinirte Schauspielerin, Namens Nilius, die sich beim Theater einen Sohn erspart hatte, der kleine Rollen spielte, waren die Truppen, die ins Gefecht geführt werden sollten.

Ehe ich zu unserem Repertoire komme, muß ich zuvor bemerken, daß es damals keinem Theaterdirector in der Provinz einfiel, für ein Manuscript dem Dichter Honorar zu zahlen. Dasselbe wurde von dem Souffleur der großen Residenztheater „copirt“, dem oben erwähnten Manuscriptenverkäufer überlassen, der es wieder an die Bühnenleiter, je nach dem Erfolg für fünf oder zehn Gulden, verkaufte. „Verrückt“ hätte man den Verfasser geheißen, der seinen bescheidenen Antheil von dem Ertrag seiner Arbeit gefordert hätte, als „wahnsinnig“ würden die Gerichte damals eine Klage wegen Diebstahls „geistigen“ Eigenthums zurückgewiesen haben. Wie konnte das gestohlen sein, was man sich für sein Geld abschreiben ließ, was man baar bezahlt hatte? Diese Ansicht wurde noch vor gar wenig Jahren selbst von den Behörden Berlins getheilt, wie ich zu meinem schweren Nachtheil erfahren mußte, als mir ein Stück, dessen alleiniges Aufführungsrecht ich für Berlin erworben hatte, von einem anderen Theater als gute Beute annectirt wurde. Ich sollte beweisen, daß mein Manuscript, d. h. das Buch, im Werthe von einem Thaler, aus meinem Schrank gestohlen worden sei. Für den geistigen Werth hatte das Gericht keine Schätzung. Ja noch in den letzten Tagen giebt ein Concurrenztheater Berlins ganz flott die Operette „Das Pensionat“, für welche ich das alleinige Aufführungsrecht für Berlin und zwei Meilen im Umkreis der Residenz contractlich erworben habe. Klage Einer! Wen verklagen? Den Director? Der hat es von einem diebischen Agenten gekauft. Den letzteren? Nach tausend Winkelzügen besitzt der, außer Schulden, nichts von Werth, die Proceßkosten bleiben dem Kläger auf dem Halse. Probatum est!

Nun in aller Eile zu unserer Kremser Bühnenherrlichkeit zurück, Die ganze Bibliothek unseres Directors bestand aus dem einactigen Gelegenheitsstück „Liebe um Liebe“, womit die Saison beginnen sollte. Mit der größten Mühe konnte ich es dahin bringen, daß unser Chef, der nicht zwei Zeilen orthographisch schreiben konnte, und der trotzdem, wenn nicht deshalb, die Concession erhalten hatte, von der unpassenden Wahl Abstand nahm, und wir mit Körner’s „Banditenbraut“ und Kotzebue’s „Herr von Werst, der Gefangene“ uns dem „kunstsinnigen Publicum“ vorführten. Gott allein mag wissen, was wir zusammen gespielt. Die einzige Nilius, wenn gleich viel zu alt für die Rolle, spielte die Titelrolle wenigstens erträglich, ebenso der alte Schulz den Grafen. Das Uebrige, ich nicht besser als die Uebrigen, mag schauerlich genug gewesen sein. Ich hatte als Rudolph – alle Rollen mußten von den Mitgliedern selbst heraus geschrieben werden – um den Jäger zu repräsentiren, zu meinen Straßenstiefeln weiße Tricots angezogen und Kragen und Aufschläge meines schwarzen Frackes mit grünem Papier beklebt.

Nun folgte eine lange, lange Reihe unsäglicher Demüthigungen, die ich, der den geordneten Verhältnissen des Elternhauses noch nicht entwöhnt war, doppelt schmerzlich zu empfinden hatte. Es ist unglaublich, welcher Entschluß dazu gehörte, welche feste Willenskraft, um unter einer solchen „Bande“ auszuharren. Das Wort Bande war damals, und zwar in der übelsten Bedeutung desselben, nicht nur auf die Schauspieler, sondern auch auf das verehrte Publicum der Stadt Krems anzuwenden. Roh, klatschsüchtig und kleinstädtisch, ohne alles Verständniß, behandelte man die Schauspieler damals geradezu als Parias der Gesellschaft. An allen öffentlichen Orten über die Achsel angesehen und nur durch das Gesetz vor dem Hinauswerfen geschützt, vegetirte die allerdings verschwindend kleine Minderzahl der Gebildeten unter ihnen in wahrhaft qualvoller Weise. Dazu kam für diese mit feineren Fühlfäden begabten Naturen noch das Bewußtsein, die Mißachtung innerhalb ihres Berufskreises zu verdienen; kurz, die Seelenmarter dieser Zeit überwog, bei mir wenigstens, weitaus die leiblichen Entbehrungen. Die Muttergroschen waren zugesetzt, und die versprochene Gage war längst zur Illusion geworden. Zu stolz, um meine Lage zu schildern und von Hause um Zuschuß zu bitten, duldete ich in der selbstgewählten Stellung Hunger und jegliches Elend, welches den verschämten Armen ereilen kann. Und die Cameradschaft! Ich erinnere mich an die seltnen Fälle, wo eine etwas bessere Sonntagseinnahme ein paar Gulden in unsere Hände lieferte, von denen mir vielleicht zehn bis fünfzehn Kreuzer übrig blieben, die ich zu dem sporadisch auftretenden Luxus eines warmen Abendessens verwenden wollte; wie ich der erste in die Garderobe kam, um meinen Miniaturreichthum in eine Spalte des Fußbodens zu verstecken, weil er in meiner Lasche so unsicher verborgen gewesen wäre, wie auf offener Landstraße. Es versteht sich von selbst, daß meine guten Anzüge so permanent auf den respectiven Körpern meiner Collegen herum wanderten und mit diesen Komödie spielten, daß ich einst im Gasthause gefragt wurde, wem eigentlich der gelbliche-Oberrock gehöre, den ich anhabe, ob einem Schauspieler oder der Theatergarderobe?

Einst trug ich einen der Schmerzensschreie, die ich in Briefform zur Erreichung eines anständigen Engagements in alle Welt flattern ließ, selbst zur Post. Während ich an dem einen Schalter meine schwer ersparten Groschen zur Bezahlung des Porto opfermuthig hinlegte, hörte ich ein Gesprächfragment des Herrn Postmeisters mit einem der Honoratioren der Stadt mit nicht großer Befriedigung an, obwohl der Eingang recht ermuthigend lautete. Der Herr Postmeister meinte, die diesjährige Theatergesellschaft bestände aus einer wahren Heerde Ochsen. „Der einzige Wallner ist noch erträglich.“ Hier wuchs mein Selbstgefühl in merkwürdiger Weise, klappte aber bei dem Nachsatz wieder schmerzlich zusammen, als sich der andere Herr vernehmen ließ: „Ach was, der Wallner ist auch ein Esel!“

Während dieser animalischen Zusammenstellung schlich ich, ohne mein Incognito zu enthüllen, leise aus den Räumen des Amtsgebäudes. Jetzt, wo ich die Sache äußerst komisch finde, kommt es mir sonderbar vor, wie das schroffe Urtheil meines unbekannten Gönners mir damals die Brust mit dem bittersten Weh füllen, nur viele Tage auf’s Schmerzlichste verbittern konnte. Also „darum Räuber und Mörder,“ rief es in mir mit Carl Moor, „also darum hast Du dem häuslich behaglichen Heerd, dem elterlichen Hause den Rücken gekehrt, das ist die Achtung, die Du als Künstler errungen hast?“

Dabei hatte ich aber doch Ehrgefühl genug, um keine Mühe, keine Last zu scheuen, die morsche Bauhütte unseres Thespistempels vor dem Zusammenstürzen zu bewahren. Mein damals riesiges Gedächtniß kam mir zu Hülfe, nicht nur um täglich eine neue Rolle spielend zu erlernen, sondern um Nachts in ungeheizter [779] Kammer neue Stücke aus der Erinnerung niederzuschreiben, die wir uns auf keine andere Weise zu schaffen wußten. Ich hatte keine Ahnung, daß ich damit einen literarischen Diebstahl begehe. Keiner von den Directoren der umherliegenden größeren Theater konnte begreifen, auf welche Weise die miserable Kremser Truppe in den Besitz der Stücke: Alpenkönig und Menschenfeind, der Bauer als Millionär etc. gekommen war, da Niemand auf die Idee kommen konnte, daß ein Mensch derlei aus dem Kopfe niederzuschreiben im Stande sei, und doch war es so, und noch jetzt bin ich überzeugt, daß mein Manuskript von dem Original nicht viel abgewichen sein wird. Meine nähern Freunde wissen, in welcher Weise mir selbst jetzt, in sehr vorgerücktem Alter, mein Gedächtniß treu bleibt.

Die Ausstattung dieser Zauberstücke war ebenfalls ein Unicum in der Theaterwelt. Wir hatten eben nichts, gar nichts dazu denn da die Direction „außer Schulden“ nichts von Werth besaß, so konnte nicht einmal das dringend Nöthige beschafft werden, und unsere Ausführungen hatten viel Aehnlichkeit mit jenen aus den Uranfängen der Schauspielkunst, wo eine Tafel den Schauplatz ankündigte, auf welcher es hieß: „Dies ist ein Zimmer“, später: „Dies Zimmer ist jetzt ein Wald.“ So erinnere ich mich, daß mir die Aufgabe geworden, den Rappelkopf, welcher vor den andringenden Fluthen sich auf einen Baum retten soll, ohne Baum und ohne Fluthen zu spielen, was sich allerdings bei den Worten: „Das Wasser steigt mir bis an den Hals“ komisch genug gemacht haben mag. Auch der Luxus des mit Gemsen bespannten Wagens, auf welchem der Alpenkönig den Menschenfeind „auf sein krystallnes Schloß durch die Lüfte führt“, verschmähten wir, der Fürst der Lüfte führte mich in sein glänzendes Reich bescheiden zu Fuß ein, der fallende Vorhang gab der Phantasie der Zuschauer hinlänglich Zeit, sich dieses Schloß „auf des Gletschers kühnstem Eis, das der Sterne Antlitz schaut“, so brillant als möglich – zu denken.

Wie Alles in der Welt ein Ende nimmt, so für mich auch diese opfervollste, schlimmste, hungrigste Zeit meines Lebens. Ich hielt treu aus, als schon die Direction und der letzte meiner Collegen durchgegangen waren, am Abend nach der Abschiedsvorstellung, welche weder uns, noch dem Publicum das Scheiden schwer machte. Große Ovationen hatten wir nicht zu erwarten, und so zogen es denn die meisten Kunstjünger vor, sich, ihren Hauswirthen und anderen gläubigen Seelen gegenüber, den Schmerz der Trennung zu ersparen und über etwaige Rechnungsdifferenzen nicht mündlich zu verhandeln. Wie ist es möglich machte, meinem bis zur Stunde durchgeführten Grundsatz, keine Schulden zu machen, treu zu bleiben, weiß ich nicht mehr; genug, es geschah, und daß es geschah, lieferte nur ein glänzendes Zeugniß für die Dauerhaftigkeit meiner Magenwände, die zwar stets knurrten, aber nie einstürzten.

Ischl war der zweite Ort, an dem ich eine Anstellung fand. Der Director selbst, ein gewisser Bartsch, spielte mit vieler Routine erste komische Rollen und malte nebenbei recht hübsche Decorationen. Seine Leistungen als Schauspieler entbehrten zwar selbstverständlich aller Genialität, waren aber gute bürgerliche Hausmannskost für das zerstreuungslustige Badepublicum des eben emporkommenden Ortes, und für mich Vorbild genug, um mir etwas mehr Ruhe anzueignen. Die kleinen Gagen wurden pünktlich bezahlt, das Verhältniß, so winzig es sich gestaltete, war doch wohl organisirt und nach der durchgemachten Zigeuner-Wirthschaft für mich eine wahre geistige und leibliche Erholungsstation.

Inmitten dieses Stilllebens überraschte mich ein Schreiben des Theateragenten Adalbert Prix von Wien mit einer Engagementsofferte nach Wiener-Neustadt. Die Direction dort hatte der Schauspieler Eichwald übernommen. Derselbe war der Sohn des Wiener Kaffeehausbesitzers Neuner, dessen Etablissement eine Art von Merkwürdigkeit der Residenz bildete. Nicht nur die Tabletten, auf welchen die Getränke verabreicht wurden, sondern auch Tassen und Kannen, ja sogar die Thürdrücker und Halter waren dort von Silber. Hier versammelte sich die Elite des Wiener Künstlerthums, um ihre „Schale Schwarzen“ zu trinken und eine Partie Billard zu spielen. Grillparzer, der große, leider noch immer viel zu wenig gewürdigte deutsche Dichter von Gottes Gnaden, der witzige, stets heitere Bauernfeld, an dem die Jahre spurlos vorüber gegangen zu sein scheinen, der ernste hypochondrische Komiker Ferdinand Raimund, der einzige Mensch, der mit seinen Leistungen unzufrieden war, der heißblütige Ludwig Löwe, ein warmen Verehrer Raimund’s, schon damals der geniale Künstler und Liebling der Wiener, Castelli, der urkomische naturwüchsige Kanz, sie alle waren des Nachmittags hier zu treffen, Grund genug, das „silberne Kaffeehaus“ zu einem Sammelplatz des besten Publicums zu machen.

Der alte Neuner war gestorben, und sein Sohn, der sich gegen den Willen der Eltern unter dem Namen Eichwald dem Theater gewidmet hatte und an kleinen Bühnen vegetirte, wußte nichts Eiligeres zu thun, um die ererbten Tausende schleunigst an den Mann zu bringen, als in Wiener-Neustadt eine Theaterdirection „in großem Stil“ zu entriren. Sein Vorhaben gelang auch so vollständig, daß bald von dem ganzen großen Erbtheil nichts als eine verhältnißmäßige Schuldenmenge übrig geblieben war. Der Director war ein schöner und stattlicher Mann, mit kräftigem Organ, der die Leidenschaft des Komödiespielens bis zum Exceß cultivirte. Da ihn seine mäßige Begabung auf das Fach der brüllenden Helden vorzüglich hinwies, so bildeten diese fast allein unser stehendes Repertoire. Kaspar der Thoringer löste Götz von Berlichingen ab, Wendelin von Höllenstein wechselte mit Carl Moor. Am wohlsten war meinem guten Eichwald, wenn er in prachtvoller Rüstung, ein mächtiges Schwert an seiner Seite, auf der Bühne herumrasseln und das Gewieher des Galleriepublicums hervorrufen konnte. Da war er in seinem Element, das durfte Tausende kosten! Die Mitglieder behaupteten, ihr Director habe sich eine „Nachtrüstung“ machen lassen, in welcher er zu Bette ginge. Von einer Wirthschaft konnte bei der Wirthschaft nicht die Rede sein. Offene Tafel, Spazierfahrten, Ausflüge nach Wien und Oedenburg per Extrapost füllten die freie Zeit aus. Zum Ueberfluß hatte sich Eichwald einen Jugendfreund, einen banquerotten Kaufmann, als Cassirer mitgebracht, welchem er unbedingtes Vertrauen schenkte und der die gutmüthige Blindheit Eichwald’s zu den gröbsten Betrügereien mißbrauchte.

Wir Mitglieder wußten längst, wie viel die Glocke geschlagen, denn bei Benefizen, wo nach damaligem Gebrauch der Benefiziant oder eine Vertrauensperson desselben mit an der Casse saß, wiesen die Rapporte in der Regel die doppelte Summe der Einnahme aus, die an anderen Tagen bei gleich starkem Besuch angeblich erzielt worden war. Der seelensgute Eichwald lehnte jede Andeutung auf die Zustände um ihn her mit Entschiedenheit ab und so mußte man dem Verderben seinen Lauf lasten. Ich zog mich so viel als möglich zurück, spielte ohne Widerrede jede mir zugetheilte Rolle mit Fleiß und Eifer, und wurde dem Unternehmen zwar keine feste Stütze, aber eine verläßliche, beachtenswerthe Kraft. An Gehalt bezog ich die für die damaligen Verhältnisse sehr bedeutende Monatsgage von vierzig Gulden, während mir Director Carl einige Jahre später im Theater an der Wien zu der Zeit, als ich, freilich aushülfsweise, schon erste Rollen, z. B. „Rappelkopf“ in Raimund’s Alpenkönig und Menschenfeind, „Zwirn“ im Lampaci-Vagabundus u. s. w., zur Zufriedenheit des Publicums durchzuführen im Stande war, ein monatliches Einkommen von fünfundzwanzig Gulden – Alles in Allem – gewährte. Klingt das, den heutigen Forderungen der Schauspieler gegenüber, nicht komisch oder vielmehr unglaublich? –

Eichwald hatte nach Beendigung der Wintersaison in den Localitäten eines Gasthausgartens vor dem Thore der Stadt auf seine Kosten und mit dem Rest seines Vermögens eine Arena bauen lassen, wo er, vor meist leeren Bänken, unter Gottes freiem Himmel seine Leibrollen herunter polterte, bis er uns eines schönen Tages erklärte, daß er sein Vermögen eingebüßt habe und außer Stand sei, seinen Verpflichtungen ferner nachzukommen. Wenn wir uns entschließen wollten, den Rest des Sommers auf Theilung zu spielen, so wolle der Schauspieler Klein, der inzwischen ein kleines Vermögen geerbt hatte, die Contracte für die Wintersaison übernehmen und das Geschäft weiter führen. Die Behörden seien bereits von diesem Arrangement unterrichtet und mit selbem einverstanden. Was war zu thun? Uns alle dauerte der grundehrliche, aber leichtsinnig-blinde Eichwald, und wir willigten in Alles. Vielleicht zum Glück für uns Alle ging das ganze Theaterchen mit Garderobe und mühsam zusammengemalten Decorationen noch vor der ersten Klein’schen Aufführung in Flammen auf. Kurze Zeit vor dieser feurigen Lösung unserer Contracte mit Klein hatte Nestroy sechs Gastrollen in Wiener-Neustadt gegeben, und seine Anwesenheit hatte in unserm geselligen [780] Kreise einen Augenblick herbeigeführt, der mir ewig unvergeßlich bleibt, und zwar gerade an seinem Abschiedsabend. Einige Kunstfreunde gaben dem scheidenden Komiker ein solennes Souper, wozu einige der ersten Mitglieder des Theaters eingeladen waren. Nach Tisch schlug Nestroy ein kleines Spiel vor. Unter „kleinem Spiel“ verstand er Pharao oder Halbzwölf. Er erbot sich, ein „kleines Bänkchen“ zu legen, und hatte rasch und leidenschaftlich schnell alle Vorkehrungen dazu getroffen. Mich, der noch im Leben keine Karte in der Hand gehabt, packte der Dämon des Spiels beim Schopf und nur zu schnell hatte ich den einfachen Gang desselben begriffen. Meine finanziellen Verhältnisse waren durch ein glänzendes Benefiz, welches vor wenig Tagen zu meinem Vortheil gegeben wurde, im [781] geregeltsten Zustande. Der kleine Betrag, den ich bei mir hatte, wurde in wenigen Minuten von dem Rachen der Bank verschlungen, eben so das, was ich mit raschen Schritten aus meiner nahe liegenden Wohnung holte, so lange – ich noch etwas zu holen hatte. In einer halben Stunde war ich rattenkahl ausgebeutelt; allein nicht nur ich, sondern auch die übrigen Anwesenden; Alles, was wir disponibel bei uns trugen, war zu Nestroy hinüber gewandert, vor dem sich ein ganz ansehnliches Häufchen Banknoten und Silber aufgethürmt hatte. Mitternacht war vorüber, Alles sah sich abgespannt und gähnend in die langen Gesichter, der Bankhalter hatte die letzte Tour angekündigt, als sich die Thür öffnet und ein sichtlich sehr schwer „angerissener“ Officier [782] eintritt. Grüßend sieht er sich im Kreise um, in dem er viele Bekannte bemerkt. „Ah, mein Lieblingsspiel, Halbzwölf; ist es erlaubt, mitzusetzen?“ Nachdem Nestroy dies mit einer artigen Verbeugung zugestanden, stochert der Betrunkene mit dem Finger den Geldhügel auseinander und ruft: „Va banque!“ Wir Alle standen starr vor Erstaunen. Sechs- bis achthundert Gulden lagen auf dem Tische. Auf das Zaudern Nestroy’s meint der Gegner, „das sei dem Herrn Banquier wohl zu viel?“ „Nicht im Geringsten,“ antwortet dieser, „allein die Summe ist groß, und ich habe nicht die Ehre, Sie näher zu kennen, wenn Sie aber den Einsatz deponiren wollen –“

„Herr Wedel,“ ruft dieser dem Eigenthümer des Hotels zu, der auch „mitgethan“ hatte, „garantiren Sie für mich?“

„Mit meinem ganzen Vermögen, Herr Hauptmann,“ versicherte dieser, halb gegen Nestroy gewendet.

„Nun, also: Va banque!“

Aufgeregt, unter athemlosem[WS 1] Schweigen der Anwesenden gab Nestroy Karten, mit strahlendem Gesicht legte er die seinen vor: „Elf!“

„Halbzwölf,“ antwortete gleichmüthig der Hauptmann, leerte die Banknoten und das Silber in seinen Tschako, stülpt den Kopf in denselben hinein und wankt mit einem gemüthlichen „gute Nacht“ zur Thür hinaus. Schneller, als ich es hier erzähle, hatte der uns allen fremde Mann die sämmtliche Baarschaft der Anwesenden aus unserer kleinen Spielhölle hinaus geschleppt. Die Situation war überwältigend! – Unter allen verblüfften Gesichtern war das Nestroy’s das allerverblüffteste; keiner von uns fand ein Wort über das so unerwartet eingebrochene Fatum, bis Nestroy mit süßsaurer Miene sprach: „Gute Nacht, meine Herren, das macht einen kleinen ‚Bremsler‘ (Preller, eine Erschütterung); morgen früh ist es vorbei.“

Für mich war es den Abend schon vorbei, die Ersparnisse der ganzen Saison trug ein mir unbekannter Officier in seinem Tschako fort. Wer mir dies am Morgen prophezeit hätte! – Ich habe später oft ähnlichen Spielscenen beigewohnt, allein keiner von so drastischem Erfolge wie dieser.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: athemlosen