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Ein Zugstück der Thiergärten

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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Ein Zugstück der Thiergärten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 716–719
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[716]

Ein Zugstück der Thiergärten.

Von Brehm.

Zum Glück für Diejenigen, welche nicht blos des Wirthshauses und der Musik, sondern auch der Thiere halber einen zoologischen Garten besuchen, giebt es unter den Schauthieren solche, welche Jedermann fesseln, den Laien wie den Forscher, den gleichgültigsten wie den thierfreundlichsten Menschen., Zu ihnen gehören die Kängurus.

Ich habe es schon wiederholt ausgesprochen, daß ich mich der Ansicht jener Forscher anschließe, welche die Beutelthiere insgemein als Anfangsversuche der schöpferischen Kraft erklären, als theilweise unvollendete Erzeugnisse des „Es werde und es ward“. Ich gehe noch weiter; denn ich nehme an, daß die Beutelthiere gar keine Ordnung bilden, sondern höchstens ihrer Entstehungszeit nach zusammen gehören.

Wenn man längere Zeit mit den in Rede stehenden Thieren verkehrt hat, drängen sich solche Ansichten von selbst auf. Man muß es wahrnehmen, daß sie alle hinter denjenigen Säugethieren, mit denen sie die größte Aehnlichkeit zeigen, weit zurückstehen, ebensowohl was den Leibesbau, als was die sogenannten geistigen Fähigkeiten anlangt. Selbst die vollkommensten unter ihnen erscheinen uns, verglichen mit denen, für welche sie gleichsam die Vorläufer waren, unvollkommen, unvollendet.

In den Kängurus oder Springbeutlern sehen wir die in gewisser Hinsicht vollendeten Mitglieder der „Ordnung“ vor uns. Der Versuch ist in ihnen zu einem bestimmten Abschlusse gelangt: sie sind Etwas geworden, haben eine übereinstimmende Gestalt erlangt und bilden demgemäß eine nach außen hin abgeschlossene Gruppe. Eigentlich vergleichen lassen sie sich nicht; will man es dennoch thun, so kann man nur die Springmäuse, eine Nagerfamilie, ihnen gegenüber stellen. Ihre Entwicklung weist sie noch den Rückständigen zu, ihr Bau und ihre Begabungen aber lassen sie uns ihren vorgeschrittenen Nachbildern fast ebenbürtig erscheinen. Man hat sie zwar auch mit Wiederkäuern verglichen und ein Wiederkäuen bei ihnen bemerken wollen; diese Ansicht ist jedoch unrichtig, denn die Kängurus haben mit Hirschen, Antilopen, Rindern, Ziegen und Schafen Nichts gemein – mit letzteren höchstens ihre Beschränktheit. Sie bilden eine scharf begrenzte arten- und gestaltenreiche Familie; aber das Gepräge ist bei allen Mitgliedern festgehalten und die Mannigfaltigkeit eine, ich möchte sagen, einhellige. Sämmtliche Kängurus gehören Australien an, bekunden also auch in dieser Hinsicht ihre Zusammengehörigkeit.

Das Freileben dieser sonderbaren Geschöpfe ist sehr verschieden.. Es giebt unter ihnen Tag- und Nachthiere; die einen bewohnen dünnbebuschte Ebenen, die anderen kahle Felsenwände, diese den mit fast undurchdringlichem Gestrüpp bedeckten Boden, jene das Gezweig höherer Bäume; einige hausen im Geklüft, andere in selbstgegrabenen, mit dürrem Grase nestähnlich ausgekleideten Löchern. Ihre Bewegung geschieht hauptsächlich mittelst ihrer Hinterglieder, den Schwanz inbegriffen, also hüpfend, gleichviel ob sie auf der Ebene dahineilen, an Felsenwänden emporklimmen, an Bäumen hinaufklettern, im Wasser waten oder schwimmen. Die Sinne scheinen durchgehends wohl entwickelt zu sein, die geistigen Fähigkeiten auf einer sehr tiefen Stufe zu stehen. Eine eigentliche Stimme besitzen sie nicht; denn das Geknurr oder meckernde Murren, welches sie vernehmen lassen, kann man nicht Stimme nennen. Die Nahrung besteht in Pflanzenstoffen aller Art. – Hinsichtlich der Fortpflanzung stimmen sämmtliche Arten insofern überein, als sie gleichzeitig nur ein Junges, dieses aber als unreifen Keim zur Welt bringen.

So viel im Allgemeinen; „ich bin des trocknen Tons nun satt“ und werde mich fortan bestreben, meine Schulmeisterweisheit für mich zu behalten.

Alle Springbeutelthiere, insbesondere aber die großen Arten, denen der Name Känguru gebührt, lassen sich leicht an die Gefangenschaft gewöhnen. ,Sie nehmen mit einfachem Futter vorlieb, ertragen unser Klima ohne Schaden, können also in ungeheizten Räumen überwintert werden, halten sich, wenn man sie nicht geradezu unvernünftig behandelt, lange Jahre und pflanzen sich auch regelmäßig fort, erfüllen also alle Wünsche, welche ein Thierzüchter stellen kann. Ehe man sie kannte, hat man sie deshalb zur Einbürgerung in Europa empfohlen; Einzelne tragen sich wohl auch noch mit dem Gedanken herum, sie hier als freilebendes Wild sehen und jagen zu können; ich meinestheils kann solche Hoffnungen nicht theilen und würde Kängurus höchstens zur Ausschmückung eines geschlossenen Parks vorschlagen mögen. Hier würden sie sich gewiß „sehr gut machen“, jedenfalls größeres Vergnügen gewähren, als das langweilige Damwild, welches in den Parks auffallender Weise noch immer die Hauptrolle spielt, obgleich man es auch durch weit zierlichere Hirscharten ersetzen könnte. Die Kängurus sind minder schön als Damhirsche, auch unliebenswürdiger, dümmer, furchtsamer, aber unzweifelhaft auffallender, fesselnder.

An ihnen ist eigentlich Alles sonderbar und merkwürdig: der Gang und die Bewegung überhaupt, das Wesen, das Benehmen gegen Ihresgleichen oder gegen fremdartige Geschöpfe, die Fortpflanzung etc. Die Reisenden, welche über Neuholland berichten, stimmen darin überein, daß man sich kaum ein Schauspiel denken könne, das wunderbarer wäre, als das einer fliehenden Känguruheerde, welche die volle Kraft der muskelstarken Hinterläufe in Anwendung bringt und in unsinniger Hast dahinstürmt. Man kann sich solchen Anblick ungefähr ausmalen, wenn man die gefangenen Kängurus längere Zeit beobachten und alle Arten ihrer [717] Bewegung kennen gelernt hat. Die schwachen, kurzen, gleichsam verkümmerten Vorderglieder spielen bei der Bewegung nur eine höchst untergeordnete Rolle, die Hinterbeine und der Schwanz dagegen eine um so größere. In der Ruhe liegt das Thier entweder auf der Seite, den Kopf etwas aufgerichtet, oder es sitzt auf den Sohlen der Hinterbeine und auf dem Schwanze, also gleichsam auf einem Dreifuße. Aus dieser Lage fällt es, wenn es weiden will, in eine kriechende, höchst unschöne Stellung nieder, indem es sich vorn auf die Handfläche stützt und den Schwanz einzieht, so daß dieser zwischen die Hinterbeine zu stehen kommt. Will es sich jetzt bewegen, so stützt es sich vorn mit beiden Händen und hinten mit dem Schwanze auf, zieht die Schenkel der Hinterbeine etwas ein, schiebt die Hinterläufe langsam vor, bis sie außen neben die Handstützen zu stehen kommen, zieht den Schwanz nach und setzt endlich auch die Hände weiter. Das geht so ungeschickt zu als möglich: ein Mensch auf allen Vieren bewegt sich besser, als ein in dieser Weise kriechendes Känguru.

Kängurus.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.

Letzterem scheint übrigens diese Stellung auch ebenso unbequem zu sein, wie einem kriechenden Menschen die seine; es verweilt nie lange in solcher Lage, nimmt vielmehr fast nach jedesmaligem Abpflücken eines Blattes oder Halmes die Dreifußstellung wieder an. Ganz anders bewegt sich das Thier, wenn es größere Strecken zu durchmessen gedenkt. Es erhebt sich zunächst auf die Zehenspitzen der Hinterbeine, neigt sich mit dem Vordertheile des Leibes etwas herab, streckt den schweren Schwanz nach hinten aus, so gerade, als es das beträchtliche Gewicht desselben gestattet, und hüpft nun in großen Sprüngen seines Weges fort. Beide Beine werden gleichzeitig bewegt, die Hände entweder geschlossen oder (bei einzelnen Arten) etwas ausgebreitet; der Schwanz dient als Vermittler des Gleichgewichtes und als Steuer. Beim Aufspringen sieht man ein augenblickliches Einknicken der Hinterläufe, auf welches sofort die Zusammenziehung aller Streckmuskeln folgt, der schwere Leib wird von Neuem weiter geschnellt, und so geht es vorwärts. Bei geringer Eile hat diese Bewegung etwas Wiegendes oder Schaukelndes, wozu namentlich der bei jedem Sprunge auf- und niederschwingende Schwanz beiträgt; bei gesteigerter Eile folgen sich die Sprünge so rasch, daß man nur einen großen, in feinsten Bogenlinien sich bewegenden Körper sieht. An den Gefangenen [718] des Amsterdamer Thiergartens habe ich die Sprungweite eines ziemlich eilfertig hüpfenden Riesenkänguru gemessen und gefunden, daß sie sechsundzwanzig Fuß beträgt. Jeder einzelne Sprung beansprucht ungefähr die Dauer von 1,25 Secunden, das gehetzte Känguru ist also im Stande, in den ersten Minuten zum Mindesten je fünfzehnhundert Fuß zurückzulegen; denn mit der schnelleren Folge der Sprünge steigert sich in einem gewissen Verhältnisse auch deren Weite. Und mit solcher Eile sah Gould einen alten Bock achtzehn englische Meilen durchjagen! Solche Flucht fördert; sie wird nur von der unnatürlichen Bewegungsfähigkeit eines Rennpferdes übertroffen.

Jedes Känguru, welches so eilig springt, daß das Wiegende seiner Bewegung aufhört, geräth in große Aufregung und verliert dann mehr und mehr seine Besinnung. Von dieser hat es ohnehin nicht viel. Seine geistigen Fähigkeiten sind ungemein gering Man schilt den braven Esel einen geistlosen Gesellen, spricht vor der Hirnthätigkeit des Rindes mit Geringschätzung: beide erscheinen uns als Weise einem Känguru gegenüber; ihm ist wahrscheinlich selbst das Schaf geistig überlegen. Alles Ungewohnte bringt es außer Fassung, weil ihm ein rasches Uebersehen neuer Verhältnisse gänzlich abgeht. Sein Hirn arbeitet langsam. Jeder Eindruck, welchen es empfängt, wird ihm nur ganz allmählich verständlich; es bedarf einer geraumen Zeit, ihn sich zurechtzulegen. Ein neues Gehege ist dem gefangenen Känguru im allerhöchsten Grade bedenklich. Es kann zwischen Eisengittern groß geworden sein und, auf einen anderen Platz gebracht, sich an dem Eisen den Kopf zerschellen, wenn sein Pfleger nicht die Vorsicht gebraucht, es vorher tagelang in einen Stall zu sperren, in welchem es sich den schwachen Kopf nicht einrennen kann und gleichzeitig Gelegenheit findet, sich den neuen Raum anzusehen. Nach und nach begreift es, daß derselbe dem früheren Aufenthaltsorte doch wohl in allem Wesentlichen entspricht, nach und nach gewöhnt es sich ein, nach und nach hüpft es sich seine Gangstraße zurecht. Nebenan sind vielleicht andere Kängurus eingestellt worden: der Neuling sieht in ihnen entsetzliche Geschöpfe, und diese denken genau so wie er. Später freilich strafen die Nachbarn unsern Leutemann nicht Lügen, sondern kämpfen durch die Gitter hindurch gar eifrig miteinander; denn für niedere Leidenschaften, wie Neid und Eifersucht, ist selbst ein Känguruhirn hinreichend entwickelt. Seinen Wärter lernt das gefangene Känguru mit der Zeit ebenfalls kennen; doch bezweifele ich, daß es ihn von anderen Menschen unterscheidet, es tritt mit dem Menschen überhaupt, nicht aber mit einem einzelnen in ein gewisses Freundschaftsverhältniß, legt mindestens seine unsägliche Aengstlichkeit vor demselben allmählich ab.

Diese Aengstlichkeit ist der hervorstechendste Zug im Wesen unseres Thieres. Ihr fällt es gar nicht selten zum Opfer. Nicht blos durch Anrennen an das Gitterwerk tödten sich gefangene Springbeutelthiere: sie sterben im buchstäblichen Sinne des Wortes vor Entsetzen. Ihre Aengstlichkeit bekunden sie zunächst durch starkes Geifern. Dabei nässen sie sich Arme und Hände ein, versuchen den Geifer abzulecken und geifern um so mehr. Erst laufen sie wie toll umher, dann setzen sie sich nieder, schütteln mit dem Kopfe, bewegen die Ohren, geifern und schütteln wieder. So geberden sie sich, so lange ihre Angst anhält. Ein Känguru, welches ich beobachtete, starb kurz nach einem heftigen Gewitter an den Folgen des Schrecks. Ein Blitzstrahl war Ursache seiner unsäglichen Bestürzung. Scheinbar geblendet sprang es sofort nach dem Aufleuchten des Blitzes empor, setzte sich sodann ruhig auf seinen Dreifuß, neigte den Kopf zur Seite, schüttelte höchst bedenklich und fassungslos mit dem durch das gewaltige Ereigniß übermäßig beschwerten Haupte, drehte die Ohren dem rollenden Donner nach, sah wehmüthig auf seine von Regen und Geifer eingenäßten Hände, leckte sie mit wahrer Verzweiflung, athmete heftig, schüttelte und schüttelte das Haupt bis zum Abend, bis ein Lungenschlag, welcher schneller, als das Verständniß des fürchterlichen Ereignisses, gekommen zu sein schien, seinem Leben ein Ende machte.

Bei freudiger Erregung geberdet sich das Känguru anders. Es geifert zwar auch und schüttelt ebenfalls mit dem Kopfe, trägt aber die Ohren stolz und versucht, seinen unklaren Gefühlen durch ein sonderbares Meckern, welches wie unterdrückter Husten klingt, Ausdruck zu geben. In freudige Erregung kann es gerathen, wenn es nach länger währender Hirnarbeit zu der Ueberzeugung gelangte, daß es auch unter den Känguru’s zwei Geschlechter giebt. Zu solchem Einsehn kommt es übrigens, wie ich zu seiner Ehre bemerken will, noch immer ziemlich frühzeitig, obgleich ihm anfänglich Liebesgefühle gewiß fremd bleiben. Endlich dämmert auch eine Liebesahnung in ihm auf, und nunmehr bemüht es sich, dieser Ausdruck zu verleihen. Wiegend und schaukelnd hüpft es hinter dem Weibchen her, auf Schritt und Tritt ihm folgend, stunden-, tagelang. Dieser ersten Annäherung folgt die Werbung. Ein junger Mann von Geist und Gemüth beschäftigt sich mit den blauen Augen, blonden Locken, rosigen Lippen etc. der Königin seines Herzens, ein verliebtes Känguru zunächst mit einem weniger zierlichen als nützlichen Gliede, dem gewichtigen Schwanze. Ihm widmet es seine Zärtlichkeiten, indem es das Fell desselben krabbelt und streichelt. Die Schöne bekundet die größte Gleichgültigkeit, so lange der ihr Huldigende in diesen zu billigenden Grenzen der Zurückhaltung bleibt. Der Werber wird kühner und naht sich der Erkorenen von vorn. Sie öffnet die Arme, als wolle sie den verliebten Gecken bräutlich empfangen, er hüpft ihr liebestrunken an’s Herz, wird aber umkrallt, anstatt umarmt, und empfängt im nächsten Augenblick mit den Hinterbeinen einige Tritte, daß einem Anderen außer ihm die Werbung verleidet werden würde: Ein wackerer Kängurubock läßt sich jedoch durch solche Scherze nicht beirren, sondern liebkost weiter, letzteres fortan allerdings mit einiger Vorsicht, bis das spröde Herz der Braut gerührt wird und sie die Liebeswerbung ohne Fußtritte annimmt.

Nebenbuhlerische Kämpfe mit Umkrallungen und Fußtritten bleiben da, wo mehrere gleichgroße Kängurus nahbar nebeneinander leben, niemals aus und trüben einigermaßen das Glück der Liebe. Beide Kämpen fechten erbittert und lassen zum mindesten Haare: Hals und Weichen werden oft kahl und schrundig gekratzt. Aber die Kampfeslust des Verliebten, welche sich nicht selten auch an anderen Thieren oder bekannten Menschen versucht, läßt Schmerzgefühle in Folge so ruhmvoll empfangener Wunden nicht aufkommen.

Nach höchstens vierzigtägiger Tragzeit bringt das fast hirschgroße Riesenkänguru ein Junges zur Welt, welches freilich. eher einem Klümpchen Gallerte, als einem lebenden Wesen ähnelt. Es ist kaum größer als eine neugeborne Ratte, wie eine solche nackt, aber fast völlig gliederlos, also wurmartig, dabei durchschimmernd, weich, kurz ein gänzlich unreifer Keim. Mund und Nase sind einigermaßen ausgebildet, die Augen angelegt, die Ohren angedeutet, die Stummel der Vorderglieder länger als die der hinteren. Besagter Keim wird von der Alten an eine ihrer Saugwarzen angeheftet, – wie, wissen wir immer noch nicht – und nunmehr langsam ausgebildet. Die Saugwarzen liegen in einer tiefen und äußerst dehnbaren Hauttasche am Bauche, deren Oeffnung durch besondere Muskeln geschlossen wird, wie ein Tabaksbeutel mit Hülfe eines sogenannten Faden- und Bandzuges. In stark gekrümmter Lage hängt das Junge an der Zitze, unfähig sich zu bewegen, unfähig selbst zu saugen. Die Saugwarze schwillt vorn an, so daß sie den ganzen Rachen ausfüllt, und ein besonderer Muskel drückt dem hülflosen Wurme von Zeit zu Zeit einige Tropfen Milch in den Schlund. Ungefähr zwei Monate nach der Anheftung beginnt der inzwischen weiter gebildete Keim sich zuckend zu bewegen, im Verlaufe der nächsten vier Monate entwickeln sich die Glieder und die Sinneswerkzeuge und zuletzt das Haarkleid. Nunmehr fängt ein Jugendleben an, wie solches andere Säugethiere führen. Die Bewegungen werden häufiger und selbständiger, das Wachsthum schreitet rascher fort. Wenn das Junge die Ohren aufrichten kann, streckt es ab und zu auch schon einmal das Köpfchen aus der Tasche heraus; diese Heldenthat übt es fortan öfter, und vierzehn bis zwanzig Tage später pflückt es sich, während die Alte grast, bereits selbst ein Hälmchen ab. Die Alte, welche bis dahin das Junge möglichst zu verbergen suchte, alle Versuche des neugierigen Vaters, am Beutel sich zu schaffen zu machen, ärgerlich zurückwies und dem menschlichen Beschauer meist den Rücken zuwandte, zeigt sich nunmehr minder ängstlich; die Zunahme ihrer Beruhigung steht mit dem Wachsthum des Jungen überhaupt ungefähr in gleichem Verhältniß. Letzteres zieht sich bei Beunruhigung sofort in den Beutel zurück oder wird durch einen Klaps abseiten der Alten dazu veranlaßt. Geraume Zeit später, ungefähr neun Monate nach seiner Geburt, wagt es den ersten Ausflug in die Welt, wiederholt ihn immer öfter, stürzt. sich aber, wenn die besorgte Alte lockt, immer noch mit kindischer Hast kopfüber in den Beutel. Endlich kann dieser das zu groß gewordene Thier nicht mehr bergen, und das Junge muß sich [719] entschließen, im Freien zu leben. Aber noch saugt es regelmäßig, ja, es setzt das fort, so lange die Alte es gestattet: es saugt noch, nachdem es bereits selbst ein Junges im Beutel trägt und seine Mutter wiederum ein jüngeres Geschwister an eine ihrer Saugwarzen angeheftet hat.

So viel zur Erklärung unseres Bildes. Eine bessere Erläuterung des Lebens der Kängurus, als ich sie zu geben vermochte, wird jedem meiner Leser ein Besuch im Thiergarten zu Köln, zu Dresden, Frankfurt oder Breslau geben; denn das Leben spricht beredter, als alle Worte.