Zum Inhalt springen

Preußische Licht- und Schattenbilder 1. Gräfin Lichtenau

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Max Ring
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Gräfin Lichtenau
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1–2, S. 15–16, 24–27
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Reihe: Preußische Licht- und Schattenbilder
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[015]
Preußische Licht- und Schattenbilder.
Ein Schattenbild.
1. Die Gräfin Lichtenau.

Friedrich der Große war todt; der unsterbliche König hatte die Regierung seinem Neffen, Friedrich Wilhelm dem Zweiten, hinterlassen. Der neue Monarch zeichnete sich durch eine Gutmüthigkeit aus, welche geradezu an Schwäche grenzte. Günstlinge und Frauen gelangten jetzt zu einem bedeutenden Einfluß und mißbrauchten die Nachgiebigkeit seines lenksamen Charakters. Es herrschte damals in Berlin und besonders am Hofe ein leichter und frivoler Ton, der mit der französischen Bildung Hand in Hand ging. Pariser Sitten oder vielmehr Sittenlosigkeit hatte die deutsche Ehrbarkeit verdrängt. Die Schriften Voltaire’s und Diderot’s, die ausschweifenden Romane des jüngeren Crebillon waren in jedem Boudoir zu finden und streuten ihren giftigen Samen aus. Der große König selbst hatte eine Richtung befördert, die in allen Schichten der Gesellschaft um sich griff und das Leben der Familie an seinen Wurzeln anzutasten drohte. Er selbst lebte zwar zurückgezogen in Sanssouci, sparsam und jedem Vergnügen fern, aber er konnte es nicht hindern, daß ein großer Theil des Hofes und darunter sein Nachfolger dem französischen Einflusse, den Friedrich der Große durch seine Vorliebe für diese Nation heraufbeschworen, mehr oder minder unterlag.

Wie Paris unter Louis XV., so hatte auch Berlin seine petites maisons, seine Orgien, seine Roué’s und leichtsinnigen Frauen.

In ihrem Palaste unter den Linden wohnte die Favoritin des Königs, die Gräfin Lichtenau. Sie war die Tochter des Kammermusikus Elias Enke, der unter ziemlich dürftigen Verhältnissen lebte. Die kleine, vierzehnjährige Wilhelmine wohnte bei einer älteren Schwester, die Ballettänzerin war und von der sie zu allerlei niederen Dienstleistungen gebraucht wurde. Dort lernte sie der damalige Kronprinz kennen, als sie eines Abends von ihrer Schwester mißhandelt wurde, weil sie sich geweigert hatte, bei schlechtem Wetter und in dunkler Nacht noch einen weiten Weg für dieselbe zu gehen. Der mitleidige Kronprinz nahm sich des armen Kindes an und führte Wilhelmine zu ihren Eltern zurück, indem er ihnen anbefahl, auf seine Kosten für ihre angemessene Erziehung Sorge zu tragen. Die zwar nicht auffallend schöne, aber reizende Kleine zeigte viele natürliche Anlage und überraschte ihren Wohlthäter, der sich von Zeit zu Zeit nach ihren Fortschritten erkundigte, durch ihre Liebenswürdigkeit, Grazie und eine Dankbarkeit ohne Grenzen. – Bald verwandelte sich diese Dankbarkeit in ein anderes Gefühl, und aus dem kleinen, unbedeutenden Mädchen wurde die Geliebte eines Fürsten.

Dies Verhältniß war anfänglich nicht ohne einen romantischen Hintergrund; es herrschte darin eine gewisse Sentimentalität vor, wie sie häufig in jener Periode angetroffen wurde, wo eine raffinirte Sinnlichkeit mit schwärmerischer Ueberschwenglichkeit Hand in Hand ging. Es war die Zeit der Siegwarte und Werther’s, eine Mischung von Frivolität und Gefühlsschwelgerei, die Zeit, wo Rousseau das neue Evangelium der Natürlichkeit und Einfachheit verkündigte, was ihn nicht abhielt, seine eigenen Kinder in ein Findelhaus zu schicken; die Zeit, wo in der Liebe wie in der Religion die größte Verwirrung herrschte, und die größte Sinnlichkeit neben dem feinsten Idealismus, die seichteste Aufklärung neben dem gröbsten Aberglauben bestehen konnte.

Auch das Verhältniß des Kronprinzen zu seiner Geliebten trug den eigenthümlichen Stempel jener Periode. A la Rousseau ließ er es sich angelegen sein, die glücklichen Anlagen Wilhelminens auszubilden, er selbst ertheilte ihr Unterricht und wurde ihr Lehrer in Geschichte und Geographie, die seine Stärke war, so daß er mit geschlossenen Augen ihr alle Städte, Flüsse und Gebirge auf der Landkarte zeigen konnte. Er las mit ihr die besten älteren und neueren Schriftsteller, Homer und Virgil in französischer Uebersetzung, die neue Heloise von Rousseau und Shakespeare’s Dramen in der damals berühmten Uebertragung von Eschenburg. Wie lachten Beide über den dicken Falstaff, der eine Lieblingsfigur des Kronprinzen war und dem dieser als nachmaliger König an Leibesumfang immer ähnlicher wurde!

Die überraschenden Fortschritte der reizenden Schülerin steigerten die Leidenschaft des fürstlichen Liebhabers zu einem so hohen Grade, daß er sich zu wahrhaft poetischen Betheuerungen seiner Neigung hinreißen ließ. In einer solchen Stunde schnitt er sich in einer Anwandlung romantischer Zärtlichkeit mit dem Federmesser, das er gerade in der Hand hielt, in den Ballen der linken Hand und schrieb mit dem austräufelnden Blute auf ein Blatt Papier:

„Bei meinem fürstlichen Ehrenwort, ich werde Dich nie verlassen. Friedrich Wilhelm, Prinz von Preußen.“

Hierauf verlangte er ein gleiches Versprechen, mit ihrem Blute geschrieben. Leidenschaftlich ergriff sie das Messer und schnitt so tief damit, daß das strömende Blut sich kaum stillen ließ und nach dreißig Jahren noch eine Narbe zu sehen war.

Dem großen Friedrich war indeß das verliebte Treiben seines Thronfolgers und Neffen nicht entgangen; er pflegte in solchen Dingen kurzen Proceß zu machen. Bei einer seiner gewöhnlichen Morgenpromenaden traf er mit Wilhelmine zusammen; es folgte eine scharfe Strafpredigt mit obligater Bewegung des bekannten Krückenstockes. Durch eine schnelle Verheirathung glaubte der resolute König das ihm anstößige Verhältniß zu unterdrücken. Auf seinen Befehl mußte Wilhelmine ihre Hand dem Kammerdiener des Kronprinzen, Namens Rietz, reichen, was auch sofort geschah, da der strenge Herr keinen Widerspruch ertrug und in solchen Dingen keinen Spaß verstand. – Dieser Rietz war der Sohn eines königlichen Gärtners, dem Thronfolger überaus ergeben, eine echte Lakaiennatur, der sich von dem Gebieter mißhandeln ließ, wenn er nur dabei seinen Vortheil fand. Für die Schläge und Püffe, welche der zum Jähzorn geneigte, aber von Herzen gutmüthige Kronprinz ihm gab, wußte er ihn durch Geschenke und Gunstbezeigungen aller Art zu entschädigen.

Sein Genuß bestand im Essen und Trinken, in der Befriedigung seines Hochmuths und im Sammeln eines Capitals für’s Alter. Charakteristisch ist die Schilderung, welche Goethe von diesem Rietz entwirft, mit dem ihn der Zufall während des Feldzugs in der Champagne zusammenführte.

„An der langen, sehr besetzten Wirthstafel,“ schreibt der berühmte Dichter, „saß ich an einem Ende, der Kämmerer des Königs von Preußen, Rietz, an dem andern, ein großer, wohlgebauter, breitschultriger, starker Mann, eine Gestalt, wie sie dem Leibdiener Friedrich Wilhelm des Zweiten ganz wohl geziemte. Er mit seiner nächsten Umgebung waren sehr laut gewesen, und standen frohen Muthes von der Tafel auf; ich sah Herrn Rietz auf mich zukommen, er grüßte mich zutraulich, freute sich meiner langgewünschten, endlich gemachten Bekanntschaft, fügte einiges Schmeichelhafte hinzu und sagte sodann: ich müsse ihm verzeihen, er habe ein persönliches Interesse, mich hier zu finden und zu sehen. Man habe gegen ihn bisher immer behauptet, schöne Geister und Leute von Genie müßten klein und hager, kränklich und vermickert aussehen, wie man auch dergleichen Beispiele genug angeführt. Das habe ihn immer verdrossen, er glaube doch auch nicht auf den Kopf gefallen zu sein, sei aber dabei gesund und stark und von tüchtigen Gliedmaßen, aber nun freue er sich, an mir einen Mann zu finden, der doch auch nach etwas aussehe, und den man deshalb nicht weniger für ein Genie gelten lasse. Er freue sich dessen, und wünsche uns Beiden lange Dauer eines solchen Behagens.“

So war der Mann beschaffen, welcher auf Befehl Friedrich des Großen Wilhelmine heirathen mußte. Die gute Absicht des Königs wurde durch diese Scheinehe keineswegs erreicht, indem das Verhältniß zwischen dem Thronfolger und seiner Geliebten demungeachtet fortdauerte.

Kaum aber hatte der erhabene Monarch seine Augen geschlossen, so gewann die Favoritin über den schwachen Nachfolger eine unbedingte Herrschaft, welche trotz aller Gegenbemühungen bis an dessen Tod fortdauerte. Vergebens suchte eine Partei am Hofe die verhaßte Geliebte zu verdrängen und ihr eine Nachfolgerin zu geben, Wilhelmine wußte sich in der Gunst des Königs fortwährend zu behaupten. Weder das Fräulein von Voß, noch die stolze Gräfin von Dönhoff, welche ihre Stelle für kurze Zeit einnahm, vermochten die frühere Favoritin für immer zu beseitigen. Zwar hatte die frühere Leidenschaft des Königs einem mehr freundschaftlichen Verhältnisse Platz gemacht, aber Wilhelmine blieb seine Vertraute und bewahrte ihren unerschütterlichen Einfluß auf den schwachen [016] Monarchen, der sie mit seinen Gunstbezeigungen überhäufte. Er hatte für sie eine elegante Villa in Charlottenburg gekauft und mit verschwenderischem Luxus eingerichtet. Hier versammelte sie einen Kreis von geistreichen Männern und Frauen, welche aus laxer Moral und in eigennütziger Absicht, aber auch aus wahrer Anhänglichkeit für die liebenswürdige Wirthin, sich einzufinden pflegten. In dieser aus den verschiedensten Elementen zusammengewehten Gesellschaft wurde viel musicirt; Wilhelmine selbst war nicht ohne Talent und besaß, wie ihre Schmeichler betheuerten, eine Stimme, die an Fülle die der damals berühmten Mara, an Schmelz die der Schmalz und an Geläufigkeit die der Zelter übertraf. Mit diesen musikalischen Genüssen wechselten poetische Vorträge ab. Der Odendichter Rainler las seine schwungvollen Verse vor, der große Schauspieler Fleck, das bedeutendste dramatische Genie seiner und vielleicht aller Zeiten, declamirte mit einem Feuer und einem Pathos, das die Zuhörer unwillkürlich mit sich fortriß. Vornehme Fremde und selbst die Gesandten der fremden Mächte verschmähten es nicht, diesen Cirkel zu besuchen. Sir Paget, der englische Gesandte, und Lord Templeton, ein feuriger Irländer, wurden hier häufig gesehen; der Letztere trug Wilhelminen sogar seine Hand an, die sie jedoch auf den Wunsch des Königs ausschlug. Eine der originellsten Figuren in diesem Kreise war unstreitig der reiche Tuchfabrikant Schmidts, Director der Manufactur im königlichen Lagerhause, wegen seines ansehnlichen Leibesumfangs und seiner bekannten Galanterie nur der „dicke Adonis“ genannt. Schmidts war ein heiterer Lebemann, ein lustiger Gesellschafter, ein leidenschaftlicher Verehrer des schönen Geschlechts und wegen seiner ausgezeichneten Diners berühmt. Der alte Heim, welcher sein Hausarzt war, erzählt von ihm folgende Anekdote aus jener Zeit:

„Eines Tages verabredete der König mit seiner Geliebten, dem dicken und überaus galanten Schmidts einen Possen zu spielen. Er hatte sie öfters um einen Kuß, halb im Ernst, halb im Scherz flehentlich ersucht; sie sollte ihm Gewährung versprechen unter der Bedingung, daß er sie fußfällig darum bitten würde. Dies geschah; der „Berliner Falstaff“ ließ sich vor der angebeteten Schönen auf seine Kniee nieder; in demselben Moment trat der König in das Zimmer und nahm anscheinend eine höchst zornige Miene an; er schien vor Wuth ganz außer sich zu sein, war es aber in der That nur vor Vergnügen, zu sehen, wie sich der dicke Seladon vergebens abmühte, um wieder auf die Beine zu kommen. Endlich konnte sich der König nicht länger bezwingen; er brach in ein lautes Gelächter aus, half dem armen Schäfer selbst aufstehen und schenkte ihm eine kostbare Krücke Friedrich des Großen von Bergkrystall mit Türkisen besetzt, um sich künftig bei ähnlichen verliebten Abenteuern darauf zu stützen.“

Schmidts schenkte später diesen Stock an den Geheimen Rath Heim, dessen Sohn ihn dem französischen General Rulhiére in Paris verehrte.

Besonders fühlte sich der König an die Geliebte durch den Sohn gefesselt, den sie ihm geboren hatte und der von ihm zum Grafen von der Mark erhoben wurde. Er liebte diesen Knaben, der seiner Mutter ähnlich sah, fast abgöttisch.

„Sein Angesicht,“ schreibt der berühmte Mirabeau, welcher sich zu jener Zeit am Berliner Hofe aufhielt, „glänzt, wenn er ihn nur sieht; am Morgen beschäftigt sich der König mit diesem Kinde; unter allen seinen fortwährend wechselnden Launen ist diese Zuneigung die einzige, die sich regelmäßig erhält.“

Der zärtliche Vater gab ihm einen französischen Hofmeister, Namens Chapuis, und schenkte ihm drei große Domainen in der Neumark, Lichtenau, Breitenwerder und Roßwiese, deren Einkünfte einstweilen die Mutter genoß. Untröstlich war der König über den Tod dieses Sohnes, der in seinem neunten Lebensjahre und unter räthselhaften Umständen erfolgte, die fast auf ein geheimnißvolles Verbrechen schließen lassen.

Die Mutter scheint den Todesfall dazu benutzt zu haben, um den schwachen König noch mehr in ihre Gewalt zu bekommen. Zu diesem Zwecke soll sie sich mit jener intriguanten Coterie verbunden haben, welche den bekannten Aberglauben des Königs und seinen Hang zum Wunderbaren auf jede mögliche Weise zu nähren wußte. Diese geheimen Rosenkreuzer und Geisterbeschwörer versprachen dem betrübten Vater, den Schatten seines verstorbenen Lieblings aus dem Grabe heraufzurufen. In dem Palais unter den Linden wurde dasselbe Zimmer, worin der kleine Graf gestorben war, mit schwarzem Tuche ausgeschlagen; in der Mitte erhob sich ein Altar, auf welchem ein betäubendes Räucherwerk brannte. Eine sanfte Musik versetzte den König zuvor in die geeignete Stimmung, während durch optische Blendwerke seine Augen getäuscht wurden. Alles war darauf berechnet, seine Sinne einzuschläfern und seine Einbildungskraft auf das Höchste aufzuregen. Mit einem Schlage erloschen die brennenden Lichter, und in der Dunkelheit erschien die bleiche Gestalt des gestorbenen Knaben. Damit war diese Gaukelei noch keineswegs beendet. Der Schatten mußte auch sprechen und den Vater an das Versprechen erinnern, welches er früher der Mutter des Todten gegeben, daß er sie nie verlassen wollte.

So unglaublich diese Erzählungen auch klingen, so hat es noch vor Kurzem Leute in Berlin gegeben, die selbst als Helfershelfer bei diesen betrügerischen Possenspiele beschäftigt gewesen waren und dies in vertrauter Gesellschaft auch eingestanden.

Der tief erschütterte König ließ dem gestorbenen Liebling ein Denkmal in der Dorotheenkirche errichten, welches aus den Meisterhänden des Bildhauers Schadow hervorgegangen ist, und jetzt noch die größte Bewunderung verdient.

Durch derartige Künste verstand es die schlaue Favoritin, immer von Neuem ihren alten Anbeter zu fesseln und ihre Stellung zu behaupten; obgleich der Hofadel es nicht an fortwährenden Bemühungen fehlen ließ, sie zu stürzen. Man beschuldigte sie im Geheim, die frühere Geliebte des Königs, Fräulein von Voß, welche zur Gräfin von Ingenheim erhoben wurde, durch ein Glas Limonade in der Oper vergiftet zu haben. Die ersten Familien des Landes beeilten sich, aus ihrer Mitte dem Könige einen Ersatz zu bieten, um die bürgerliche Wilhelmine zu verdrängen. Diese war bereits 34 Jahre alt, hatte aber noch keineswegs ihre verführerischen Reize eingebüßt. Sie war mehr pikant als schön, ein Stumpfnäschen verlieh dem ausdrucksvollen Gesicht eine kecke, herausfordernde Physiognomie; die nicht großen Augen waren überaus feurig; ihr Körper wunderbar schön, ganz Ebenmaß ohne Gleichen. Man bewunderte vorzugsweise die plastische Schönheit ihrer Arme. So oft sie in dem Handschuhladen von Paskel auf dem Schloßplatze in Berlin erschien, fanden sich ältere und jüngere Kunstdilettanten ein, um ihren vollkommenen Arm zu bewundern, den sie beim Anprobiren entblößte.

[024] Mit diesen körperlichen Vorzügen verband Wilhelmine einen ungewöhnlichen Grad von weiblicher Schlauheit, einen Geist, der nicht unbedeutend zu nennen war. Sie war klug genug, sich nicht in die politischen Angelegenheiten der Regierung zu mischen, wie dies die Gräfin von Dönhoff that, welche von den zahlreichen französischen Emigranten am preußischen Hofe für eine Republikanerin ausgeschrieen wurde, weil sie mit dem Prinzenerzieher Leuchsering, einem Jugendfreunde Goethe’s, und dem Fräulein von Bielefeld befreundet war. Die beiden Letzteren gehörten allerdings zu einer Partei in Berlin, welche sich damals offen zu den Grundsätzen der französischen Revolution bekannte und diese als die Morgenröthe der neuen Freiheit mit Entzücken begrüßte.

Die bürgerliche Wilhelmine scheint im Gegensatze zu ihrer hochadeligen Nebenbuhlerin zu den Gegnern der Revolution gehört und den König zu jenem abenteuerlichen „Zuge nach der Champagne“ mit veranlaßt zu haben, dessen kläglichen Ausgang uns Goethe so meisterhaft beschrieben hat. Nach der Rückkehr von jener traurigen Expedition war sie ihrem königlichen Freunde unentbehrlicher als je geworden; ihr Einfluß war jetzt so hoch gestiegen, daß der damalige englische Gesandte, Lord Spencer, sich an sie wendete, um den für England so gefährlichen Frieden von Basel zwischen Preußen und der französischen Republik zu hintertreiben. Im Auftrage seiner Regierung bot ihr der Gesandte 100,000 Guineen, um sie für seine Pläne zu gewinnen; sie war jedoch so uneigennützig oder so klug, diese große Summe auszuschlagen, wie die Mémoires d’un homme d’état berichten, welche dem späteren Fürsten und Staatskanzler Hardenberg zugeschrieben werden.

Unter dem Vorwande, daß ihre Gesundheit angegriffen sei, ließ sich die Favoritin von ihren Aerzten eine Reise nach Italien und den Gebrauch der Bäder von Pisa und Neapel verordnen. Der König, welcher sich nur ungern von ihr trennte, gab ihr die Erlaubniß zu dieser Reise und zugleich einen unumschränkten Credit an die vornehmsten Bankiers in Mailand, Livorno, Florenz und Rom. Er selbst begleitete sie am Tage ihrer Abreise, die frühmorgens [025] um vier Uhr stattfand, bis an ihren Wagen; ein kleiner Hofstaat bildete ihre Begleitung; in ihrem Gefolge befand sich der Hofpoet und Vorleser des Königs, Filistri, ihre Gesellschaftsdame Fräulein Chapuis, ein besonderer Secretair und eine zahlreiche Dienerschaft. Sie trat mit wahrhaft fürstlichem Aufwande auf, suchte überall die Berühmtheiten jener Zeit auf, Dichter und Künstler, bei denen sie oft für Rechnung des Königs die ansehnlichsten Bestellungen machte. In Zürich besuchte sie den bekannten Physiognomen und mystischen Schriftsteller Lavater. Die pietistische Richtung des damaligen preußischen Hofes bot die natürlichen Anknüpfungspunkte mit dem religiösen Schwärmer. Die schlaue Favoritin hatte dem Könige vor ihrer Abreise versprochen, in Italien den „Stein der Weisen“ aufzusuchen und sich mit einigen Adepten der höheren Magie in Verbindung zu setzen. Es war ja die Zeit, wo ein Cagliostro und ähnliche Betrüger ihre Wunderrolle spielten und sich rühmten, den Schlüssel der Geisterwelt zu besitzen.

In Italien selbst erregte die Erscheinung der preußischen Favoritin das größte Aufsehen; mit den glänzendsten Empfehlungsbriefen und hinlänglichen Geldmitteln versehen, fiel es ihr nicht schwer, Zutritt zu den ersten Häusern zu erlangen und einen Schwarm von Abenteurern, Schmarotzern und Liebhabern aus allen Nationen und Classen der Gesellschaft nach sich zu ziehen. Der Chevalier de Saxe, ein Sohn des Prinzen Xaver von Sachsen, der damals als junger Mann in Italien lebte, huldigte der modernen Circe mit einer unbegreiflichen Leidenschaft, die er in seinem später veröffentlichen Briefwechsel ausströmte. Nicht minder feurig klingen die Lobeserhebungen des bekannten Archäologen Hirt, der die Geliebte des Königs in Rom kennen lernte, und ihren Cicerone auf klassischem Boden abgab. Durch ihn lernte sie die durch ihre Schicksale, wie durch ihr Talent berühmte Malerin Angelika Kaufmann kennen, die ihr Bildniß in idealer Auffassung malte. In Neapel machte sie die Bekanntschaft des englischen Gesandten und seiner berüchtigten Gattin Emma Hamilton, welche später die Geliebte des berühmten Seehelden Nelson wurde. Dagegen weigerte sich die Königin Karoline, eine österreichische Erzherzogin, die Geliebte des preußischen Königs an ihrem Hofe zu empfangen. Diese Demüthigung führte indeß ihre Standeserhöhung herbei, indem sie von dem König forderte, daß er sie, ungeachtet, wie sie in dem Briefe an ihn sich ausdrückte, sie keinen Werth auf die „thörichten Eitelkeiten der Hofetiquette“ lege, in den Adelstand erheben möchte, um derartigen Inconvenienzen in Zukunft vorzubeugen. Der schwache Monarch beeilte sich sofort, ihren Wunsch zu erfüllen, nachdem sie zuvor der Form wegen von ihrem bisherigen Gatten geschieden wurde. Die frühere Madame Rietz und Tochter des Kammermusikus Enke wurde, wie es in dem betreffenden Diplom heißt, wegen „ihrer Verdienste“ zur Gräfin Lichtenau erhoben, ihr außerdem vier Ahnen väterlicher und mütterlicher Seite, Stiftsfähigkeit und die Erlaubniß ertheilt, den preußischen Adler und die königliche Krone in ihrem Wappen zu führen. Die neue Gräfin wurde nach ihrer Ankunft in Berlin bei Hofe und in großer Gesellschaft förmlich vorgestellt und die Königin selbst gezwungen, sie zu empfangen.

Das Laster hatte jede Scham verloren, und die ersten Chargen des Landes drängten sich zu den glänzenden Gesellschaften – einer Lichtenau. In dieser Zeit wurde sie mit dem excentrischcn Lord Bristol, Bischof von Londonderry, bekannt, einem der seltsamsten Käuze des Jahrhunderts und seiner Nation, die so reich an Originalen ist. Dieser hohe Würdenträger der englischen Kirche vereinigte in seinem Charakter ein Gemisch der schreiendsten Widersprüche. Bischof und Atheist in einer Person, führte er das ausschweifendste Leben. In einem Athemzuge bekannte er sich als ein Schüler und Bewunderer Voltaire’s und verwünschte dessen gefährliche Lehren, die dem Volke über das Treiben der Geistlichkeit die Augen öffneten. Er war ein Anhänger und Freund der französischen Revolution, welche er laut bewunderte, dem ungeachtet blieb er der hochmüthigste Aristokrat, der seine Untergebenen und Diener wie ein Tyrann bis auf’s Blut quälen und mißhandeln konnte. Während er mit vollen Händen das Geld wegwarf, zeigte er bei anderen Gelegenheiten Spuren des schmutzigsten Geizes. Er besaß den scharfen, ätzenden und zersetzenden Geist der französischen Encyklopädisten, vereint mit der ganzen Starrheit und der grausamen Härte eines englischen Hoch-Tory. Er war der Typus jener sogenannten „Genialen“, welche sich Alles erlauben, alle Vorrechte für sich fordern, die Freiheit und Humanität im Munde führen, von der ihr Herz nichts weiß.

Dieser wunderliche Bischof, welcher außerdem sehr reich war, machte, trotzdem er fast das siebzigste Jahr erreicht hatte, der Gräfin Lichtenau in auffallendster Weise den Hof und schrieb ihr die für einen Geistlichen anstößigsten Briefe voll Zärtlichkeit. Wiederholt bot er ihr eins seiner Schlösser in Irland und seine volle Börse an, im Falle sie sich genöthigt sehen sollte, Preußen zu verlassen. Er trieb seine Unverschämtheit so weit, den König anzugehen, für die Gräfin im Falle seines Ablebens besser zu sorgen, als dies nach seiner Meinung bisher geschehen war. Bei einer Abschiedsaudienz empfahl er sich mit den Worten: „Sire! Ich verlasse Preußen und gehe nach Neapel, wo der Mond wärmer scheint, als die Sonne in Ihrem Berlin.“

Damals stand die Gräfin Lichtenau auf dem Gipfel und Höhepunkte ihres Glückes; sie sah in ihrem Palaste unter den Linden den ganzen Hof, der den von ihr veranstalteten Festen und Aufführungen auf dem von ihr erbauten Privattheater beiwohnte, welche dazu dienen sollten, den bereits an der Wassersucht leidenden König zu zerstreuen. Auch der Kronprinz und nachherige König Friedrich Wilhelm III., dessen sittliches Gefühl von dem ganzen Treiben auf das Höchste empört wurde, durfte sich von diesen Vorstellungen nicht ausschließen, eben so wenig, wie seine tugendhafte Gattin, die den Preußen unvergeßliche Louise. Ein Augenzeuge entwirft von einer derartigen Aufführung folgende lebendige und ergreifende Schilderung:

„Der natürliche Wunsch, den König zu zerstreuen und von den traurigen Gedanken abzuziehen, denen er sich wegen seiner Leiden überließ, brachte die Gräfin Lichtenau auf die Idee, die Bühne zu benutzen, die sie in ihrem Hotel eingerichtet hatte. Die Königin, die Prinzen und die Prinzessinnen von Geblüt bebten vor Wuth, da sie sich gezwungen sahen, bei einer Frau zu erscheinen, deren bloße Gegenwart schon für sie eine Beleidigung war. Ein so trauriger Zwang mußte ihre Herzen mit Unwillen und Scham erfüllen.

„Welch’ ein widriges Schauspiel bot sich hier dar, welche traurigen Gedanken wurden unwillkürlich angeregt, welche schrecklichen Leidenschaften und Stürme heraufbeschworen! Der König trug in seinem bleichen, gedunsenen Gesicht die Zeichen einer tödtlichen Krankheit; die Königin verzog ihre Lippen zu einem gezwungenen Lächeln, während der Kronprinz seine heftige Wuth nur mit Mühe unterdrückte. Er sah, wie eine verehrte Mutter, eine angebetete Gattin genöthigt wurde, in der verschwenderischen Wohnung der alten Maitresse seines Vaters zu erscheinen; nichts konnte seinen schon damals ausgesprochenen Grundsätzen mehr zuwider sein, seiner Sparsamkeit und seinem Gefühle für Würde und Anständigkeit. Jung, offen und streng gegen sich und Andere, vermochte er es kaum, seinen düsteren Unmuth zu bezwingen. Die Kronprinzessin, strahlend im Glanze ihrer jugendlichen Schönheit, erschien verlegen und gleichsam ängstlich, weil sie einen Ausbruch von Seiten ihres aufgeregtem Gatten jeden Augenblick befürchtete. Die übrigen Prinzen und Prinzessinnen ließen auf ihren Gesichtern ebenfalls nur Verdruß und Aerger blicken. Nur der Prinz Heinrich, Oheim des Königs und Bruder Friedrich des Großen, zwar tief verletzt, aber vertraut mit der höfischen Verstellungskunst, erschöpfte sich in geheuchelten Schmeicheleien und Lobeserhebungen. Die Anstrengung aber, welche es ihm kostete, seine Mißbilligung zu verbergen und eine freundliche Miene anzunehmen, verlieh seinen ausdrucksvollen Zügen ein eigenthümlich verbissenes Aussehen. Der größte Theil der übrigen Zuschauer war traurig und stumm vor Bestürzung, während um die Lippen so mancher Anwesenden ein boshaftes Lächeln schwebte.

„Die Gräfin, außer sich und trunken von ihrem indiscreten Triumphe, war nicht im Stande, eine richtige Beobachtung anzustellen. Sie kümmerte sich wenig um die Besorgnisse ihrer ergebenen Freunde, welche vor der Gewißheit zitterten, daß sie durch diese Huldigung, von der sie sich umgeben sah, nur die Rache ihrer Gegner heraufbeschwor. Ihre Eitelkeit und Freude machte sie blind und für jede Ueberlegung unfähig. Mit der größten Pracht wurde die italienische Oper „Cleopatra“ aufgeführt, der Text von Sassoni, die Musik von Segni. Die Wahl des Stückes war im höchsten Grade anstößig und taktlos. An diesem Abende waren die Augen aller Anwesenden mit ehrerbietigem Mitleiden auf die Königin gerichtet, das Ebenbild der unglücklichen und von ihrem treulosen Gatten verlassenen „Octavia“, während die Gräfin im strahlenden Schmucke durch ihre triumphirende Haltung an die verführerische [026] Koketterie der „Cleopatra“ erinnerte. Bei einigen Strophen der Oper, in denen sich Octavia über die Untreue des Antonius beklagte, sah man, wie die Königin ihre Thränen in ihrem Taschentuche verbarg.“

Der Gesundheitszustand des Königs machte wiederholte Badereisen nach Pyrmont nöthig. Die Gräfin begleitete ihn. Mehr als zwanzig Souveraine und Fürsten hatten sich bei seinem dortigen Aufenthalte eingefunden, um ihm ihre Ehrfurcht zu bezeigen, da man damals noch in dem preußischen Herrscher den Schiedsrichter von Europa sah und sein Thron noch immer in dem Nimbus glänzte, den Friedrich der Große hinterlassen hatte. Pyrmont wimmelte zu jener Zeit von einflußreichen Personen, von Diplomaten, Fremden und besonders von französischen Emigranten, welche sich auf der Promenade um den König drängten. Ein Theil dieser Huldigungen fiel auf die Gräfin zurück; damals tauchte auch in ihr und dem Könige, wahrscheinlich von dem excentrischen Lord Bristol angeregt, der Plan auf, die Lichtenau zur souverainen Fürstin zu erheben, und zu diesem Zwecke dem Fürsten von Waldeck Pyrmont abzukaufen. Die bereits angeknüpften Unterhandlungen zerschlugen sich jedoch, und der König zog es vor, der Gräfin eine halbe Million Thaler in holländischen Bankbillets zu schenken, um damit ihre Zukunft sicher zu stellen.

Scheinbar gebessert kehrte der König nach Berlin zurück, wo zur Feier seiner vermeintlichen Genesung große Festlichkeiten veranstaltet wurden. Die Stadt hallte von dem Geläute der Glocken und dem Schmettern der Musikchöre wieder; auf allen öffentlichen Plätzen fanden Volksbelustigungen statt; es wurde getanzt, die Armen gespeist, freies Theater gegeben. Des Abends waren alle Straßen glänzend erleuchtet. Trotzdem der König sich an diesem Tage nicht wohl fühlte, wollte er doch die allgemeine Freude nicht stören; theils zu Fuße, theils zu Wagen genoß er das ihm zu Ehren gegebene Schauspiel. Mittags und Abends wohnte er dem Zweckessen bei, welches die Stadt auf ihre Kosten veranstaltete. Die Königin hatte sich mit Unwohlsein entschuldigen lassen, ihre Stelle nahm die Gräfin Lichtenau ein; der Kronprinz hatte sich auf den ausdrücklichen Befehl seines Vaters einfinden müssen. Bei der Tafel erschien die Gräfin im griechischen Gewande mit einem goldenen Diadem in den Haaren, nach Angabe des Archäologen Hirt, als Polyhymnia. Sie sang ein von ihr gedichtetes und von dem Capellmeister Himmel in Musik gesetztes Lied, welches, charakteristisch genug, folgendermaßen lautete:

„Glänzend war die Morgenröthe,
Freudig endet dieser Tag:
Ja wohl freudig, weil er heute
Friedrich Wilhelm uns geschenkt.
Welcher Jubel, welch Entzücken!
Vater, Sohn, so Hand in Hand,
In die lange Zukunft blickend,
Und ein edles Beispiel seiend,
Sohne, schaut den Sohn hier an;
Väter, folgt dem edlen Vater
In der Hütte, auf dem Thron.

Als sie geendet hatte, brach das gehorsame und loyale Publicum in lauten Jubel aus. Der Archäolog und durch sie zum Hofrath beförderte Hirt überreichte der Gräfin einen Lorbeerkranz und der Kronprinz wurde von dem Könige gezwungen, der Sängerin die Hand zu küssen. Die guten Berliner und besonders der schwache Monarch wurden durch diese Familienposse tief gerührt. So wurde durch diese Lichtenau jedes moralische Gefühl untergraben, der Sittlichkeit öffentlich Hohn gesprochen und jene innere Fäulniß wesentlich mit herbeigeführt, an der die preußische Monarchie nach der Schlacht bei Jena fast zu Grunde ging.

Mitten in diesen glänzenden Triumphen und Schauspielen überschlich wohl jetzt die Gräfin zuweilen ein Gefühl von Unsicherheit; sie hatte sich durch ihre Standeserhebung zahllose Feinde gemacht; besonders war der sittenstrenge Kronprinz ihr entschiedenster Gegner; sie durfte keine Schonung von diesem charakterfesten Fürsten erwarten, der jede Lüge und Gemeinheit verabscheute. Düstere Befürchtungen erfüllten ihre Seele; ihre wenigen aufrichtigen Freunde riethen ihr jetzt mehr als ein Mal, Preußen vor dem nahe bevorstehenden Tode des Königs zu verlassen und mit ihren Schätzen nach England zu flüchten. Aus Leichtsinn oder Anhänglichkeit an ihren fürstlichen Freund wies sie jede derartige Zumuthung mit Entschiedenheit zurück.

Unterdeß hatte sich der Zustand des Königs wesentlich von Neuem verschlimmert, die täuschende Besserung war verschwunden und die Zeichen der allgemeinen Wassersucht traten immer deutlicher hervor. Einen Augenblick dachte er ernstlich daran, die Krone niederzulegen und sich mit seiner geliebten Lichtenau unter den milden Himmel Italiens zurückzuziehen. Die Gräfin schwärmte für diese Idee, aber der keineswegs nach der Herrschaft lüsterne Kronprinz weigerte sich entschieden, vor dem Tode seines Vaters die Regierung anzutreten.

Der König schloß sich in Potsdam in dem von ihm erbauten Marmorpalaste mit der Gräfin ein; seine Umgebung bestand jetzt fast ausschließlich aus französischen Emigranten, deren leichte und gefällige Unterhaltung ihm noch am meisten zusagte. Seiner Familie war der Zutritt versagt, nur die Lichtenau mußte Tag und Nacht in seiner Nähe bleiben.

Es war ein trauriges Schauspiel! Mitten in dem von Alabaster-Ampeln schwach beleuchteten Saale lag der König in seinem Lehnstuhle, die von Wasser angeschwollenen Beine mit einem seidenen Kissen zugedeckt, um den unförmlichen Anblick zu verbergen. In seinen unstät herumschweifenden Blicken drückte sich sein tiefes Leiden und eine gutmüthige Resignation aus. Zu seiner Rechten saß die Gräfin Lichtenau, zu seiner Linken die Marquise von Radaillac, deren Geist ihn entzückte. Rings herum standen oder saßen der Abbé d’Andélard, der Prinz Moritz Broglie, Saint-Ygnon, der Vorleser des Königs, und einige andere Franzosen; in einer Ecke spielten die unehelichen Kinder des Königs und unterbrachen durch ihr kindisches Plaudern und Lachen die traurige Stille des Krankenzimmers. Ab und zu erschienen die Aerzte, um sich nach dem Befinden des hohen Patienten zu erkundigen; der König hörte ihre Meinung mit einem trüben Lächeln an, da er trotz ihrer beruhigenden Versicherungen die Gefahr kannte, in der er schwebte. Nachdem sie wieder gegangen waren, wendete er sich an die Gräfin mit den Worten:

„Wie richtig faßt doch Molière die Menschen und besonders die Aerzte auf! Die Schilderungen dieses großen Menschenkenners sind von einer bewunderungswürdigen Wahrheit. So eben haben wir eine seiner besten Scenen aus dem „eingebildeten Kranken“ nach der Natur gesehen.“

Da die Kunst der Leibärzte ohnmächtig schien, so meldeten sich verschiedene Charlatane und boten ihre Dienste an. Ein Franzose, der berüchtigte Magnetiseur de Beaunoir, versprach, den König durch den Magnetismus und eine besondere Diät sicher herzustellen. Der Kranke sollte zwischen kleinen Kindern von acht bis zehn Jahren schlafen, durch das Spiel von jungen Hunden und Katzen sich zerstreuen, nur Reis, mit Honig und Safran zubereitet, essen. Mit mehr Erfolg schlug ein verabschiedeter Lieutenant und Bergwerksbesitzer von Randel, der sich mit praktischer Chemie beschäftigte, das Einathmen von Sauerstoff, der sogenannten „Lebensluft“, vor. Zu diesem Zwecke wurde in dem Palaste ein eigenes Laboratorium gebaut, worin der bekannte Professor Hermbstädt dieses Gas entwickelte. Nichtsdestoweniger machte das Leiden solche Fortschritte, daß das traurige Ende nahe bevorstand. Erst jetzt ließ sich der Kranke, welcher bereits aufgegeben war, aus Rücksicht auf den äußeren Anstand dazu bewegen, die Königin und den Kronprinzen zu empfangen. Beide vergossen an seinem Lager die aufrichtigsten Thränen; auch der schwache König war tief bewegt.

Während der ganzen schmerzlichen Unterredung mußte aber die Gräfin zugegen sein, wahrscheinlich, um sie auf dem Todtenbette seinem Nachfolger zu empfehlen. Er stützte sich fortwährend auf ihren Arm und häufig, wenn ihn die Schwäche am Sprechen hinderte, mußte sie seine Zeichen in Worte kleiden. Auf seinen Befehl begleitete sie auch den hohen Besuch bis in das Vorzimmer, wo die Königin aus Gutmüthigkeit oder weiblichem Mitgefühl einige freundliche Worte an die Lichtenau richtete. Der Kronprinz, dem jede Verstellung fremd war, sprach keine Sylbe und ließ nur zu deutlich in seinen Blicken seine grenzenlose Verachtung lesen. Zum ersten Male empfand die Gräfin, wo nicht Reue, doch wenigstens Angst vor der nahen Zukunft, aber sie besaß hinlängliche Willenskraft, um mit erheuchelter Ruhe zu dem Kranken zurückzukehren. Dieser erwartete sie mit Ungeduld, und seine erste Frage war:

„Was hat Ihnen mein Sohn gesagt?“

„Nichts!“ entgegnete sie.

„Das ist wunderbar; ich habe es nicht erwartet und kann es auch nicht fassen.“

Oefters wiederholte er noch im Laufe des Tages dieselbe Frage; [027] augenscheinlich war er lebhaft mit dem Schicksal seiner hinterlassenen Geliebten beschäftigt. Mit Entschiedenheit wies er das Gesuch seiner übrigen Kinder, der Prinzen und Prinzessinnen, zurück, die gekommen waren, um von ihm Abschied zu nehmen. Durch die Gräfin war er seiner Familie gänzlich entfremdet worden; desto besorgter zeigte er sich um sie. Auf seinen Wunsch mußte sie eine Mappe von rothem Maroquin mit wichtigen Papieren in Sicherheit bringen. Dies konnte jedoch nicht mehr unbemerkt geschehen, da das Marmorpalais von Spionen und Aufpassern wimmelte und jeder Schritt seiner Bewohner beobachtet und sofort nach Berlin und an den Hof des Kronprinzen berichtet wurde. Hier machte sich endlich der lang verhaltene Groll gegen die Lichtenau Luft; die Menge beschuldigte sie der schwersten Verbrechen, der Unterschlagung großer Summen, des Diebstahls und selbst des Landesverrathes. In seinem dunklen Instinct ahnte das Volk, daß die Gräfin hauptsächlich Schuld an der allgemeinen Demoralisation, dem Verfalle der Monarchie, an der Verschleuderung des Nationalvermögens, an der sittlichen Erschlaffung des Königs, an der Verderbniß seiner nächsten Umgebung habe, welche auf alle Schichten der Gesellschaft zurückwirkte.

Angegriffen von düsteren Sorgen, erschöpft von den Nachtwachen und der Pflege des Kranken, an den sie sich als ihre letzte Zuflucht fest anklammerte, erlag die Gräfin einem ohnmachtähnlichen Zustande, der dazu benutzt wurde, um sie aus der Nähe des sterbenden Monarchen zu entfernen. Dieser blieb jetzt auf seinem Lager einsam und verlassen, kein Verwandter, kein Höfling, keine theilnehmende Seele war zugegen, um ihm die gebrochenen Augen zuzudrücken. Alle waren zu dem Palaste des Thronfolgers geeilt, um den künftigen Herrscher zu begrüßen. Nur der Kämmerer Rietz, ein französischer Kammerdiener und drei Jäger blieben noch, ungeduldig den letzten Seufzer in Empfang zu nehmen. Die Zeit wurde ihnen dabei lang und ein roher Lakai rief:

„Nimmt denn das gar kein Ende, will er immer noch nicht platzen?“

Der König, dessen Bewußtsein nicht ganz geschwunden war, schlug noch einmal die erloschenen Augen auf und stieß einen tiefen, seinen letzten Seufzer aus. So starb Friedrich Wilhelm der Zweite, der bei seiner Thronbesteigung „der Vielgeliebte“ hieß.

Der Minister Bischofswerder eilte mit der Nachricht nach Berlin, zugleich erhielt der bekannte Graf Haugwitz von dem neuen König den Befehl, die Lichtenau und ihren Anhang verhaften zu lassen. Sie lag, während der frühere König starb, in ihrem Bette; erst als ihre Mutter mit thränenden Augen vor ihr erschien, ahnte sie die schreckliche Wahrheit. Mit einem Schrei stürzte sie an das Fenster; sie sah die Leibgarde mit den hohen Blechkappen und in ihren weißen Stiefeletten im feierlichen Schritte nach dem Schlosse ziehen, um nach altem Brauche den Leichnam des Monarchen zu bewachen. Verzweiflungsvoll sank sie auf ihre Kniee; ihre Mutter kniete neben ihr; sie wußte, welch’ ein Schicksal ihr bevorstand, aber sie konnte nicht mehr entfliehen. Der Adjutant von Zastrow kündigte ihr an, daß sie seine Gefangene sei.

Gegen die Gräfin wurde eine förmliche Untersuchung eingeleitet, die von dem Minister von der Reck, dem Kammergerichts-Präsidenten von Kircheisen und dem Geheimen Cabinetsrath Beyme geführt wurde. Man beschuldigte sie, die Geheimnisse des Staats verrathen, Gelder der Krone angegriffen und königliche Domainen usurpirt zu haben. Außerdem legte man ihr eine Reihe kleinerer Verbrechen, Entwendung des Kronsolitaires und anderer Schätze, zur Last. Sie vertheidigte sich gegen diese Beschuldigungen, und allen documentarischen Zeugnissen nach hat man niemals die Richtigkeit derselben beweisen können. Nichts desto weniger wurde sie durch eine Cabinetsordre des Königs zum Verlust ihrer sämmtlichen Besitzungen, Häuser, Paläste und Güter, die ihr der verstorbene Monarch geschenkt hatte, verurtheilt, ebenso verlor sie die 500,000 Thaler in holländischen Banknoten, die noch unberührt bei ihr gefunden wurden. Sie selbst wurde auf die Festung Glogau verwiesen, wo 4000 Thaler zu ihrem Unterhalte ausgesetzt waren. Ganz Berlin jubelte über den Sturz der Favoritin, deren Treiben jetzt in unzähligen leidenschaftlichen Pasquillen und Brochuren angegriffen wurde. Ihre Gefangennehmung war für sie als eine Wohlthat anzusehn, da das Volk auf das Höchste gegen sie erbittert war. Nach und nach wurde indeß diese Stimmung eine mildere; man gestattete ihr auf der Festung einige Freiheit; sie durfte ein eigenes Haus beziehn, Freunde und Bekannte bei sich empfangen. Ihr Sinn für Geselligkeit schien sie auch im Unglück nicht verlassen zu haben, ihre Lebenslust dieselbe geblieben zu sein. Ungeachtet sie das vierzigste Lebensjahr bereits überschritten hatte, blieb sie noch immer eine anziehende Erscheinung. Ein ausgezeichneter englischer Officier, der sie in Glogau kennen lernte, bewarb sich um ihre Hand und nahm, da er von ihr zurückgewiesen wurde, das Malteserkreuz, um sich nie wieder zu verheirathen.

Glücklicher war ein Herr von Holbein, der unter dem angenommenen Namen „Fontano“ in Glogau als Schauspieler und Sänger auftrat. Der noch junge und interessante Lautenschläger entzückte durch seinen Gesang und seine Unterhaltung die gefangene Gräfin dermaßen, daß sie ihm ihre Hand nicht versagte. Auf ihr wiederholtes Ansuchen wurde sie im Jahre 1800 in Freiheit gesetzt, nachdem sie zuvor eidlich versprochen hatte, auf alle ihre Ansprüche wegen der confiscirten Güter und Summen zu verzichten und „von den ihr vorgelegten Fragen nichts bekannt zu machen“. Unter dieser Bedingung erhielt sie die Freiheit und zugleich die Erlaubniß, Herrn von Holbein heirathen zu dürfen. Sie zog mit ihrem Gatten nach Breslau, wo sie einige Zeit im sogenannten „Bischofsgarten“ wohnte und von der ihr ausgesetzten Pension und den Resten ihres noch immer ansehnlichen Vermögens lebte. Ihre Ehe war jedoch nicht glücklich; der jüngere Mann scheint ihr wiederholte Beweise seiner Untreue gegeben zu haben. Das Gerücht beschuldigte ihn sogar, die Veranlassung zu dem grausamen Morde gewesen zu sein, den ein Herr von Trojer, ein ungarischer Edelmann, aus Eifersucht an seiner Frau verübte, ein Ereigniß, das damals in Breslau großes Aufsehn erregte, noch mehr aber durch die Experimente bekannt wurde, welche der spätere Geheimrath Wendt an dem Körper des Hingerichteten Mörders mit dem eben auftauchenden Galvanismus vornahm, um das andauernde Bewußtsein nach dem Tode durch das Beil zu erweisen.

Zuletzt sah sich die Lichtenau von ihrem ungetreuen Manne verlassen, der heimlich von ihr nach Wien gegangen war, wo er als Theaterdichter eine angemessene Stellung erhielt.

Die Gräfin selbst sah noch den traurigen Sturz der preußischen Monarchie nach der Schlacht bei Jena, den sie zum Theil durch die von ihr beförderte Sittenlosigkeit und Fäulniß des Hofes mit herbeigeführt hatte. Sie wandte sich an Napoleon und bewirkte durch seine Vermittlung die Rückgabe eines nicht unbedeutenden Theiles ihres Vermögens, indem sie dem Kaiser die willkommene Gelegenheit bot, sie an dem König zu rächen, und Preußen noch mehr zu demüthigen. Sie erlebte auch noch die Befreiungskriege und starb erst im Jahre 1820, von ihren Zeitgenossen fast vergessen, ein trauriges Bild menschlicher Vergänglichkeit, einst mit königlichem Glanz umgeben, zuletzt die geschiedene Frau eines mittelmäßigen Theaterdichters. Auf ihrem Andenken lastet der schwere Vorwurf, das sittliche Familienleben, welches von dem preußischen Herrscherhause stets geachtet wurde, für lange Zeit zerstört, den schwachen König vollends körperlich und geistig ruinirt zu haben. Unter ihrem Schutze und durch ihr Beispiel entwickelte sich in Berlin jene entnervende Demoralisation, welche erst durch die schweren Unglücksfälle, von denen die Nation getroffen, und durch die Begeisterung der Freiheitskriege beseitigt wurde. Die Lichtenau und die von ihr unterstützten und beförderten Creaturen am Hofe hatten den Staat an den Rand des Abgrundes gebracht, aus dem er erst wieder durch die sittliche Kraft und Erhebung des Volkes gerettet wurde.

Max Ring.