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Mitten in den Heuschrecken

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Autor: Dr. Wilhelm Hamm
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Titel: Wanderungen im südlichen Rußland. 1. Mitten in den Heuschrecken
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, 2, S. 11–14, 21–22
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Nr. 1 der Artikelserie Wanderungen im südlichen Rußland
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Wanderungen im südlichen Rußland.
Von Dr. Wilhelm Hamm.
1. Mitten in den Heuschrecken.

Es war eine wunderschöne Sternennacht, hoch stand am dunkelblauen Himmel der Mond und sein Licht zitterte auf den leise bewegten Wellen des Bazaluk, der sich durch die Steppe den Pfad bahnt zur Vereinigung mit dem majestätischen Dniepr. Wir standen in der säulengetragenen Veranda des stattlichen Herrenhauses von Gruschewko; schöne Tage lagen hinter, ein schmerzlicher Abschied vor uns. Inmitten der Steppe hatten wir eine Oase gefunden, welche nicht der Natur, sondern dem Geschmack und der Kunst des Menschen ihre Entstehung verdankte; die Laute der heimischen Sprache aus dem Munde holder Frauen und liebenswürdiger Kinder, Lieder, welche am Clavier erklangen, hatten das Bild der langentbehrten Heimath heraufgezaubert. Aber das Viergespann, welches der gütige Gastfreund uns bis zur nächsten Station, Nova Woronzowka, zur Verfügung gestellt, scharrte ungeduldig den schwarzen Grund und schüttelte die langen, verworrenen Mähnen; noch ein Dankwort, ein Händedruck ringsum – Pascholl, Pascholl! und dahin flogen wir auf dem trockenen, breiten Heerweg der Steppe. Das klagende Geheul von Wölfen, welchen man die Jungen genommen hatte, um sie im Stalle zur Winterlust der Hetze aufzuziehen, begleitete unser Gefährt eine Zeit lang, mit ihm verstummte der letzte Laut der Steppe.

Wir kehrten von einem Ausfluge in die Urwald-Niederungen des Dniepr zurück. Der treffliche Wiener Reisewagen des Freundes, der mich begleitete, war wohl versehen mit Allem, was auf einer weiten Tour wünschenswerth sein kann, und wir zogen die Fahrt in der frischen Nachtluft der beim Sonnenbrande des Tages vor. Die nur wenige Werst entfernte Station war bald erreicht, der Starosta warf beim trüben Licht einer schmutzigen Laterne einen Blick in den dargereichten Passirschein, rasch waren die Pferde zur Stelle, das Glöckchen, das wohlbekannte Signal der Post, ward an [12] die Spitze der Deichsel gebunden, der Jämschtschik (Postillon) schwang sich auf den Bock neben Ilia, den mitgenommenen leibeigenen Diener, und trieb mit dem eigenthümlichen leisen Pfiff der russischen Rossebändiger die Pferde an. Weiter aber reichen meine Erinnerungen an diese Nacht nicht.

Aus festem Schlafe erwachten wir erst bei einem längeren Stillstande des Wagens. Es war früher Morgen, eben ging die Sonne auf, und wir befanden uns auf der breiten Straße vor dem Posthause des Städtchens Bereslav. Ausgestiegen, um die Glieder zu recken, erblickten wir vor uns in der Tiefe das breite Silberband des Dniepr, über welchen hier eine mächtige Holzbrücke geschlagen ist, die einzige bedeutende Passage aus dem Norden in das taurische Gouvernement, dessen Westgrenze der Strom bildet. Ueber diese Brücke sind die russischen Heere in die Krim gegangen; damals glich Bereslav einer Weltstadt; Tausende von Fuhrwerken, welche oft Tagelang warten mußten, ehe die Reihe an sie kam, die Brücke zu passiren, bildeten eine Wagenburg zwischen dem Orte und dem Flusse und Vieles wäre zu erzählen von den Drangsalen, welchen dort Menschen und Thiere preisgegeben waren und nur allzuhäufig erlagen. Auch jetzt war ein Lager auf dem freien Platze der Station gegenüber aufgeschlagen, aber es bestand blos aus sieben Zelten von Zigeunern. Aus allen qualmten Rauchwolken empor, tönte lustiges Hämmern. Wir besuchten die luftige Niederlassung; die Zelte waren offen, die Einwohner schon an der Arbeit. Sieben Feldschmieden waren hier etablirt und alle hatten Beschäftigung; nichts ist einfacher, wie die Einrichtung und das Handwerkszeug. Ein ganz kleiner Ambos war in die Erde gestoßen, ein Häufchen Holzkohlen ward durch einen vielgeflickten ärmlichen Blasebalg in Gluth erhalten, den ein nackter Knabe schläfrig bewegte, in Glut erhalten. Die Zigeuner sind als Schmiede, Kesselflicker, Klempner in Rußland viel berühmt, und dem geschicktesten Eisenarbeiter würde es schwer fallen, ihnen die Kundschaft der Bauern zu nehmen.

Eben verläßt ein alter Kleinrusse, kenntlich an der Tracht, eine dieser primitiven Werkstätten und prüft wohlgefällig die gelöthete Sense, mit welcher er in den dünn bevölkerten Provinzen Neurußlands einen höheren Lohn erwirbt, als daheim, und genug, um den langen Winter halb auf dem Ofen zu verdämmern. Ein paar kleine, bösartig aussehende Klepper weiden mit zusammengekoppelten Vorderfüßen in der Nähe; ein junger Mann, mit nichts bekleidet, als einer zerrissenen Weste ohne Aermel und weiten, vielfach durchlöcherten Beinkleidern, tritt herzu, entfesselt ein Thier, schwingt sich leicht hinauf und heidi! fliegt er über die Steppe mit dem Schluß und dem Anstande des besten Cavaliers. Es gibt keine tüchtigeren Reiter, aber auch keine gewiegteren Roßkämme, als die Zigeuner; nebenbei treiben sie allenthalben die Thierarzneikunst, denn die ist bekanntlich nach der Bauern Meinung von der Schmiedekunst unzertrennlich. Ein ekelhafter Schmuck der Zelte sind lange, rothe Streifen rohen Fleisches, welche guirlandenartig an den Stangen und über der First hängen, um in der Sonne zu trocknen als Wintervorrath. Vielleicht ist gestern eine Kuh gefallen im Städtchen oder ein Pferd auf der Landstraße – die Zigeuner nehmen es nicht so genau. Namentlich ist das auch der Fall mit dem Mein und Dein; ihnen kleine und große Uebergriffe in fremdes Eigenthum abzugewöhnen, ist so schwierig, wie sie an feste Wohnsitze zu bannen; die russische Regierung hat in dieser Hinsicht schon viele Experimente gemacht, ohne ihr Ziel bis jetzt erreichen zu können. Die Bewohner der Zelte erinnern nicht im Entferntesten an die idealischen Preciosen, von welchen man so viel gehört und gelesen hat: kleine unscheinbare Gestalten, mager bis zum Exceß, was man um so besser bemerken kann, da bei den Meisten die liebe Natur jeder bergenden Hülle entsagt hat; nur Eins erscheint bedeutend an ihnen, das ist das Auge mit seiner stechenden Flamme. Aber die Atmosphäre der Zigeunerlager ist nur auf Minuten erträglich, schon stürzen sich Myriaden Fliegen auf ihre Fleischverzierungen und wir entfliehen.

Hinaus in den thaufrischen Morgen der Steppe! Es war der 28. Juli und die Ernte, welche trotz der südlicheren Breite hier später fällt, als im mittleren Deutschland, im vollen Gange. Doch nur selten begrenzten bestellte Felder die Straße, so fern der Blick reichte, dehnte sich die weite braungrüne Steppe. Kein Baum, kein Haus zu sehen am ganzen Horizont; nur hier und da heben sich aus der Ebene kreisrunde, beraste Hügel, etwa 15 Fuß hoch, zuweilen ein doppelt hoher und großer im Kreise der anderen. Es sind Tartarengräber, und sie sehen genau so aus, wie die Hünengräber im nördlichen Deutschland. Viele davon sind geöffnet worden, man fand Menschengebeine und Waffen, in den großen immer Pferdegerippe; sie waren wohl die Grüfte der Häuptlinge. Auf manchen fanden sich rohe Statuen aus Granit; wer weiß, woher; in dem Dorfe Tiginka, welches wir passirten, steht eine solche wohl erhalten als Pfosten eines Thores; eine andere von genau derselben Form sah und zeichnete ich bei Baratofka am Ingul; sie krönte die Spitze eines hohen runden Hügels. Eine im letzten Kriege vorüberziehende Artilleriebrigade hatte sich das Vergnügen gemacht, sie zum Ziel zu erwählen, und ihr glücklich mit einer Kugel den Kopf vor die Füße gelegt. Gesichtszüge sind an diesen rohen Kunstwerken in Lebensgröße nicht zu erkennen, wohl aber der Helm mit rings herabfallendem Stahlhemd, wie bei den Kurden und Tscherkessen heute noch üblich; die Arme liegen auf der Brust gekreuzt ohne Andeutung der Hände, die Beine wurzeln in der Erde, die ganze Rückseite der Bildsäule ist flach.

Mittlerweile war es auf dem Bocke vor uns etwas lebendig geworden; mit heftigen Gesticulationen unterhielten sich seine beiden Insassen, endlich wandte Ilia sich herum und suchte das Auge seines Herrn, indem er mit ausgestrecktem Arme in die Ferne deutete. Mein Freund bog sich aus dem Wagenfenster, aber rasch fuhr er zurück: „Die Heuschrecken!“ rief er so laut, daß ich zusammenschrak.

Ich sah hinaus – es war nichts zu erblicken, als am Saume des Horizonts eine lange, schwarze Wolke.

„Das sind sie!“ sagte mein Begleiter.

„Unmöglich,“ erwiederte ich; „was Sie sehen, mag der Rauch eines großen Brandes sein, weiter nichts.“

„O, ich kenne sie leider nur zu gut,“ fuhr der Freund fort. „Dort der Zug ist keiner von den größten, aber seine acht bis zehn Werst ist er sicherlich lang. Was meinst Du, Iliuschka, mein Söhnchen,“ rief er auf russisch zum Wagenschlag hinaus, „was bedeutet jener dunkle Strich dort vor uns?“

Sarana – Heuschrecken," antwortete der Muschik.

Sarana,“ bekräftigte der Postillon und pfiff seinen Pferden.

Kopfschüttelnd, aber erregt lehnte ich mich hinaus und blickte unverwandt nach der finsteren Wolke; sie schien festzustehen am Himmel, hier und da sah man deutlich kleine Flatterwölkchen sich davon ablösen. Es war ein bänglicher Anblick, wie ein schweres Gewitter stand es dort im Süden vor uns, fast nicht zu glauben, daß ein Insectenschwarm solch’ einen Vorhang weben könne vor das helle Licht des Tages. Die Ueberzeugung durch den Augenschein war uns vorbehalten.

Nicht lange waren wir gefahren, da wies Ilia eifrig zur Rechten.

„Sie sind hier gewesen,“ sagte mein Freund, „halt Kutscher, stoi!“

Wir stiegen aus. Ein großes Hirsefeld lag hart an der Straße, aber nur noch erkennbar an den zahllosen grünen Stoppeln und an hier und da zerstreuten unreifen Rispen. Als wir den Acker betraten, erhob sich überall darauf ein Flittern und Schwirren, Tausende von Heuschrecken sprangen und flogen vor unserer Annäherung behend auf, das Sonnenlicht funkelte auf ihren glänzenden Vorderflügeln. Das ganze Feld, viele Dessätinen groß, war total abgeschrotet, nicht ein einziger stehender Halm war darauf zu entdecken, und die ungeheure Masse des noch grünen Getreides war verschwunden bis auf wenige Fahnen mit milchigen Körnern auf der Erde. Dagegen war die letztere bis einen Finger hoch bedeckt mit dem Auswurf der Heuschrecken, trockene Körper von der Gestalt eines Roggenkorns, aber stärker und länger. Nun begann eine Jagd auf die Nachzügler, sie war keineswegs leicht. Sobald wir in die Nähe der Insecten kamen, erhoben sie sich mit ungemeiner Fertigkeit; was nicht flog, das sprang in ellenweiten Sätzen, es gehörte Geduld und eine rasche Hand dazu, ihrer habhaft zu werden; aber den vereinten Bemühungen gelang es doch, ein paar Dutzend zu erhaschen. Bei ihrer näheren Besichtigung drängten sich mir einige nicht uninteressante Beobachtungen auf.

Wie mein erfahrener Begleiter vorausgesagt, hatten wir hier nur die Marodeurs und Kranken des großen Zugs, der in der Ferne schwebte, vor uns. In der That erwiesen sich von den Gefangenen nur einige Wenige dem äußeren Ansehen nach unverletzt, die Mehrzahl hatte entweder lädirte Flügel – sie sollen sich dieselben zuweilen gegenseitig abfressen – oder es fehlte einer der gewaltigen Springfüße. Was mir aber besonders auffallend erschien, war, daß ich mehrere Exemplare junger Heuschrecken, welche kaum die letzte Häutung überstanden und ganz kurze, unentwickelte Flügel hatten, unter

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Mitten in den Heuschrecken.

[14] meiner Beute zählte. Auf welche Weise waren diese mit dem Zuge fortgekommen? Es ließ sich zwar annehmen, daß sie, Kinder des Landes, auf dem verwüsteten Acker oder in der Nähe geboren seien, allein das Plateau, auf dessen Rücken wir uns befanden, war keineswegs einer der Brüteplätze der verderblichen Kerfe. Nach den hier gefangenen Heuschrecken sind die genauen Abbildungen[1] des Acridium tartaricum gezeichnet, welche wir den verehrten Lesern vorlegen; sie werden darnach finden, daß die meisten Bilder dieser Thiere in den illustirten Naturgeschichten nicht ganz richtig, namentlich die zarten Flügelzeichnungen verfehlt wiedergegeben sind. Hinsichtlich der naturhistorischen Beschreibung derselben verweisen wir übrigens auf jedes gute Buch über Entomologie.

Die Jagdbeute, in Ermangelung eines Besseren mit einigen Tropfen Morphiumtinctur, die wir zu ganz anderem Zwecke mit uns führten, getödtet, wurde den Umständen nach wohl verwahrt, und weiter ging die Reise, deren Interesse sich jetzt fast nur auf den einen Gegenstand concentrirte, der sich uns von nun an bei jedem Schritt aufdrängte. Bebaute Felder wurden häufiger, die Spuren der Verwüstungen sichtbarer. Durch die noch nicht abgebrachten Saaten liefen Weiber und Kinder, Sensenblätter, Sicheln, eiserne Töpfe in der einen Hand, gegen welche sie mit Steinen oder metallenem Geräth in der andern schlugen, um den bösen Feind zu verjagen; wo sie gingen, flogen die Heuschrecken, in der heißen, brennenden Sonne schon lebendig geworden, zu Hunderttausenden vor ihnen auf, und umschwirrten sie gleich einem aus dem Boden wachsenden grauen Nebel. Aber ach, es waren nur wenige Menschen in der meilenweiten Ebene zu erblicken, und von einem Feld aufgejagt, ließen sich die Schwärme auf dem anderen nieder. Da und dort sah man Männer, mit der Sense auf der Schulter, aus Leibeskräften rennen; es galt, dem Verderben zuvorzukommen, und durch eiliges Abmähen vom Getreide zu retten, was möglich war. So schnell die Postpferde in unverdrossenem Galopp dahinsprengten, sie wurden überholt von den kleinen Wagen der Bauern, vollgepfropft mit Menschen, daß sich die hölzernen Achsen bogen und die Naben rauchten, welche den bedrohten Aeckern zu Hülfe eilten. Glücklicherweise war die Hauptgetreideernte schon abgebracht und stand in Garben, Grünzeug baut man in den Steppen nicht viel, Futter gar nicht, Leinsaat greifen die Insecten nicht an, so war ihnen denn nur der Hirse verfallen, der noch grün stand, oder vielmehr nicht mehr stand, denn er war überall von der Erde verschwunden. Da er aber meistens zu eigenem Gebrauch gebaut wird, und eine Hauptspeise des Landvolkes liefert, so war der Verlust groß und traurig genug.

„Sie sind nicht gefährlich in diesem Jahr,“ sagte ein alter Bauer, den mein Gefährte unterwegs ansprach, „sie ruhen sich hier blos aus.“

Aber wenige Augenblicke darauf kam ein Reiter des Wegs daher gesprengt; es war der Intendant (Upravliajuschzii) eines großen Gutsbesitzers, des Herrn Nicolai von Engelhardt.

„Schlimme Botschaft,“ rief er meinem ihm bekannten Freund entgegen, „der Zug ist gestern bei uns gewesen, zwei Drittheile unseres Getreides, die noch auf dem Halme standen, sind verloren, was nicht gefressen, ist zerschrotet, niedergeknickt; ich suche Arbeiter, um zu bergen, was noch der Mühe lohnt.“

Immer höher, dunkler stieg die Wolke vor uns empor. Die Luft war erfüllt von heiserem Gekrächz und Geschrei; Tausende von Raubvögeln, Krähen und Raben schwebten über den Feldern oder zogen begierig dem finsteren Nebel entgegen. Das Schwirren rings um uns nahm in erschreckender Weise zu, blickte man aus dem Wagen hinaus, so erschien die ganze Atmosphäre mit Millionen Punkten getüpfelt, es flirrte vor den Augen, daß man sie unwillkürlich schließen mußte.

„Das ist erstaunlich,“ sagte ich, „jetzt sind wir doch mitten in den Heuschrecken?“

„Noch nicht,“ entgegnete mein Freund. „So lange wir noch den blauen Himmel über uns erblicken können, ist es nicht das Rechte, hat es keine Gefahr.“ – Ich lächelte ungläubig.

Der Weg machte eine Biegung und senkte sich thalwärts. Die Spitzen von Baumgruppen – ein seltener Anblick in der Steppe – wuchsen empor und goldig erglänzten aus der Tiefe die Wellen eines mäßigen Flusses, des Inguletz, d. i. kleiner Ingul, der sich unweit Cherson in den Dniepr ergießt. Eine seltsame Aufregung war in die Leute auf dem Bock gekommen, immer lebhafter wurden ihre Gebehrden. Dichter zog sich der graue Flor der Luft zusammen, ein unaufhörliches Anprallen an die des Staubes wegen geschlossenen Wagenfenster bewies, daß wir dem Gros der feindlichen Heere immer näher rückten. Plötzlich rollte der Wagen ziemlich steil bergab. Wie soll ich es nur beschreiben? Rechts erhob sich ein steiler Abhang, auf dessen Scheitel ein ärmliches Bauerngehöft; links wälzte der Fluß seine Wasser durch Dickichte von Binsen, Röhricht und Weiden; hart an seinem jähen Ufer, unbeschützt, führte die Straße hin nach der hölzernen Brücke. Da – „Wot zeleja roï sarani!“ schrie Ilia, „da ist der Heuschreckenschwarm!“ – in einem Augenblick wird es finster rings um uns, die im Galopp hinabstürmenden Tartarenpferde werden von Entsetzen erfaßt, schlagen aus, stämmen, bäumen sich – der Wagen schwankt – mit aller Macht reißt der Postillon an den Zügeln der Tschetwernia (des Viergespanns) – der Diener springt vom Bock und faßt das Handpferd – vor uns aber erhebt sich mit sinnbetäubendem, dumpfem Summen der ungeheure Zug der Heuschrecken, der hier in der Thalniederung zur Rast sich niedergelassen hatte. Und in Wahrheit, die Sonne verschwand vor den Myriaden, die da emporflatterten, es war, wie wenn ein grauer Brodem aus der Erde stiege und sich nach oben immer mehr und mehr verdichtete, gleich dem Kohlenqualm einer ungeheuren Dampfesse, bis eine schwarze Wand vor uns sich erhob, undurchdringbar jedem Strahl des Lichts. So dicht waren die Massen der Heuschrecken, daß bei dem beschleunigten Lauf des Wagens bei weitem nicht alle sich zu erheben vermochten, bis über die Felgen mahlten die Räder in dem lebendigen Gewimmel. Der Eindruck war ein unbeschreiblicher für mich, ich konnte mich des Grauens nicht erwehren, während mein Freund, welchem das Ereigniß kein neues war, verhältnißmäßig ruhig blieb. Ja, das war die gewaltige Naturerscheinung, von welcher Joel, Pethuels Sohn, der Prophet, singt:

„Ein finsterer Tag, ein dunkler Tag, ein wolkiger Tag, ein nebliger Tag, gleich wie sich die Morgenröthe ausbreitet über die Berge; nämlich ein großes und mächtiges Volk, desgleichen vorher nicht gewesen ist, und hinfort nicht sein wird zu ewigen Zeiten für und für (?). Vor ihm her gehet ein verzehrend Feuer und nach ihm eine brennende Flamme; das Land ist vor ihm wie ein Lustgarten, aber nach ihm wie eine wüste Einöde, und Niemand wird ihm entgehen. Sie sind gestaltet, wie Rosse, und rennen, wie die Reiter. Sie sprengen daher oben auf den Bergen, wie die Wagen rasseln, und wie eine Flamme im Stroh, wie ein mächtiges Volk, das zum Streit gerüstet ist. Die Völker werden sich vor ihm entsetzen, aller Angesichter sind so bleich wie die Töpfe. Vor ihm erzittert das Land und bebet der Himmel; Sonne und Mond werden finster, und die Sterne verhalten ihren Schein.“

Was kann jede andere Schilderung nach dieser noch sagen?

Dem Bemühen des Jämschtschik und des Kripasnoi-Sluga (Edelmannsdiener) war es gelungen, die scheuenden Steppenpferde zu bändigen, und den Wagen vor einem Sturz in den Fluß zu behüten; die ganze Scene war rascher vor sich gegangen, als sie erzählt werden kann. Nun konnte man doch mit einiger Beruhigung Beobachtungen anstellen. Schon weit in der Ferne gen Westen flog die ungeheure schwarze Wolke, aber allenthalben wimmelte es noch von Nachzüglern. Die Straße, der Hügelabhang, das Schilf, die Bäume, die Brücke, ja selbst das Wasser war mit ihnen überdeckt. Aus dem Röhricht hervor schossen Hunderte von weißstirnigen Wasserhühnern, Enten, darunter besonders kenntlich die hellgraue Spießente mit dem braunen Kopf, Lachmöven, über ihnen durchkreuzten zahllose Seeschwalben die Luft mit schrillem Schrei; von jenseits flatterten Falken, Bussarde, Sperber, Krähen und vor Allen ganze Flüge von Stahren herab auf die überreiche willkommene Beute, und ihr Heißhunger vergaß alle Scheu vor unserem Gefährt, wie vor den Bauersleuten auf der Höhe, welche mit Leibeskräften ihre klingenden Geräthe rührten. Aber was auch die Schaaren der gefiederten Freibeuter zu Wasser und zu Land vernichteten von den Ueberbleibseln des großen Zugs, es blieben immer noch Millionen übrig, deren dünne Schwärme aber freilich nichts mehr bedeuten wollten. Was ich früher von den Heuschreckenzügen gelesen, hatte ich, ehrlich gesagt, zum guten Theil für Uebertreibung gehalten, aber die Autopsie belehrte mich eines Anderen. Eine entsetzlichere Landplage, eine furchtbarere Geißel läßt sich kaum denken, als das unzählbare Heer dieser gefräßigen Kerbthiere.

[21] Der unermeßliche Schaden, welchen die Heuschrecken dem Ackerland und dem ganzen Pflanzenwachsthum zufügen, gewinnt an Umfang und Bedeutung, wenn man in Betracht zieht, daß die Wanderschwärme noch lange nicht so viel Unheil anzurichten im Stande sind, wie die junge Brut. Diese ist am gefürchtetsten; jene fallen blos Nachmittags, vom raschen Flug ermüdet, in bestimmtem Umkreis nieder, und wenn auch in diesem meist nicht das kleinste grüne Blatt oder Hälmchen ihren gewaltigen Freßwerkzeugen entgeht, so erheben sie sich doch am nächsten Morgen wieder, und die Strecke bis zum neuen Rastort bleibt verschont, d. h. wenn nicht, wie häufig, andere Schwärme nachfolgen. Die Wanderzeit der Heuschrecken dauert in Neurußland von Ende Juli bis in den September; als gewöhnlichen Zeitpunkt des Erscheinens der ersten Züge nennt man den 20. Juli. Wahrscheinlich dienen ihre Wanderungen vorzugsweise zur Aufsuchung geeigneter Brutplätze, solcher Orte, wo, wie der Instinct ihnen sagt, die Eier Schutz vor dem Winterfrost, dann Sonnenwärme zur Entwicklung und die Larven endlich hinreichende Nahrung finden. Sie gleichen in dieser Hinsicht den Fischen. Als das wahre Vaterland der Heuschrecken gilt im ganzen südlichen Rußland Bessarabien, denn dort sind ihre ausgedehntesten Brutregionen; nichtsdestoweniger kommen alle Züge dahin von Osten; jene Provinz und die Krim sind daher nur als Zwischenstationen oder Colonien zu betrachten.

Weibliche Heuschrecke [Acridium tartaricum].
      Männliche Heuschrecke.   Junge Heuschrecke nach der zweiten Häutung.

Die Zeit des Eierlegens fällt in das Ende des August und in den Anfang des September; mittelst seines Legestachels versenkt das Weibchen, welches einen viel größeren Körper hat, wie das Männchen, die Eier einen bis anderthalb Zoll tief in die Bodenkrume. Dieselben haben die Gestalt von langen Gerstenkörnern, oben abgerundet, unten etwas spitz gezogen, ihre Farbe ist weißlich oder graugelb, sie hängen in kleinen Klumpen zusammen, zerdrückt man sie, so fließt ein gelblicher Milchsaft aus. Gegen die Kälte sind sie ziemlich unempfindlich. Der Intendant Strapanski in Baratofka hatte im vergangenen Winter ein großes Einmacheglas, mit Eiern und Erde angefüllt, fortwährend im Freien stehen lassen, und der Frost war mehrmals auf –21° R. gewachsen; nichtsdestoweniger krochen im Frühjahr sämmtliche Eier aus, bis auf diejenigen, welche dicht am Umfange des Gefäßes kleben geblieben waren. Sobald das Auskriechen der Eier beginnt, wimmelt in wenigen Tagen das Feld, die ganze Steppe von den ungeflügelten Larven, deren Masse jeden Begriff übersteigt. Will der Landmann etwas thun zur theilweisen Rettung seiner Saaten, so ist dann der rechte Zeitpunkt da. Im Jahr 1854 waren ungeheure Züge aus Osten gekommen, im darauf folgenden Frühjahre zeigten sich die ersten Larven über der Erde Anfangs Mai, am 12. Mai war schon das ganze Land der deutschen Colonien meilenweit von zahllosen Schichten der Larven überzogen, und wenig wurde gerettet. Im Jahr 1856 erschien die erste Brut am 7. Mai, am 21. war das Auskriechen beendet. Die Dauer des letzteren und die Entwickelung der Larven hängt von der Witterung ab; je wärmer diese, um so früher und rascher erfolgt sie. Treten, wie häufig, während derselben kühle Nächte ein, so verzögert sie sich auffallend und dies begünstigt die Möglichkeit ihrer theilweisen Vernichtung, indem dadurch Zeit zu allen nothwendigen Vorkehrungen gewonnen wird. Die Larven haben, sobald sie dem Ei entschlüpft sind, schon ganz die Gestalt der ausgewachsenen Heuschrecke, nur fehlen ihnen die Flügel. Diese erhalten sie erst nach der zweiten Häutung, welche gewöhnlich in der letzten Hälfte des Juni erfolgt; eine unserer Abbildungen zeigt das junge Thier in diesen Stadium. Die Flügel aber entfalten sich darnach vollständig erst in vierzehn Tagen, dann erhebt sich auf einmal die ganze Genossenschaft wie auf ein gegebenes Signal, und als schaarten sich die Heuschrecken um einen Führer oder eine Standarte, entfliegen sie in dichtgeschlossenem Zuge nach Westen, in die Donaufürstenthümer, nach Ungarn und weiter.

Der Heuschreckenfänger.

Der russische Bauer betrachtet ihre Plage als eine Strafe des zürnenden Gottes, und thut nichts, um sie von seinen Feldern zu vertilgen, höchstens daß er sie von dem eigenen Acker zu verjagen sich müht, auf den des Nachbars. Anders aber der Deutsche. In Neurußland leben gegen 170,000 deutsche Colonisten, freie Bauern, die auf eigener Scholle sitzen, deutsche Sprache, deutsche Sitte treulich bewahren, und deutsche Cultur getragen haben in die unwirthbare Steppe; vielleicht daß wie ein andermal den werthen Lesern von diesem interessanten Völkchen aus eigener Anschauung erzählen. Diese legen nicht die Hände in den Schooß und warten auf Wunder, wenn der Feind über sie kommt, wie ein gewappneter Mann; ihre schwieligen, in rastloser Arbeit gestählten Fäuste sind gewohnt, den Schlag mit Gegenschlag zu erwidern; rüstig schreiten sie zur That nach weisem Rath, und darum haben sie auch schon seit einem halben Jahrhundert Unglaubliches [22] geleistet, selbst gegen die für unüberwindlich gehaltenen Heuschrecken. Wenn die deutschen Colonisten fortfahren, wie sie rühmlich begonnen haben, so wird und muß diese furchtbare Geißel in nicht zu entfernter Zeit aufhören zu sein, mindestens für Europa.

Die gewöhnlichen Mittel, – Auftreiben von Schweineheerden, von Pferden, Anwendung von Walzen, Ziehen tiefer Gräben, worein die Heuschrecken gekehrt und mit Erde bedeckt werden, Räucherungen, Strohfeuer, selbst Salven mit Kanonen in die Schwärme – helfen alle entweder nur wenig, oder sind doch auf bebauten Feldern nicht anwendbar, weil hier das Mittel so schlimm ist, wie das Uebel. Die deutschen Colonisten sannen daher auf andere Verfahrungsweisen, und es ist ihnen gelungen, deren mehrere höchst wirksame zu erfinden. Der günstigste Zeitpunkt zur Vernichtung des Ungeziefers ist unmittelbar vor oder nach dessen erster Häutung. Sobald die letztere vorüber ist, übertrifft die Gier und der Heißhunger der Larven jede Beschreibung; Alles, was grün ist, fällt ihrem Zahn, Gras und Getreide, Disteln und Dornen, das Laub und die junge Rinde der Bäume, das Heu der Schober, selbst Gegenstände, welche die ausgewachsenen Heuschrecken verschmähen, Kartoffeln, Bohnen, Gewürzkräuter, Zwiebeln; häufig hat man sogar gesehen, daß sie Leinwand, Kleidungsstücke, Ledergeschirre in wenigen Augenblicken vertilgten, wenn ihr Weg darüber führte. Denn weil ihre Gefräßigkeit in fabelhafter Schnelle das Land jeder Vegetation entkleidet, so sind sie in beständiger Bewegung; der Flügel noch entbehrend, springen sie mit merkwürdiger Kraft und Ausdauer, immer eine über die andere hinweg, unaufhaltsam – kein Hinderniß ist ihnen zu groß, sie schwimmen über die Flüsse, kriechen über Häuser, ja sie sollen selbst das vor ihnen entzündete Feuer nicht scheuen, und es durch Millionen ihrer Leiber dämpfen. Das Schauspiel eines solchen wandernden Larvenschwarmes soll aber noch viel grauenhafter und wunderbarer sein, wie das der in Wolken zusammengerotteten Flüge.

Sobald die drohende Gefahr im Bezirk irgend einer deutschen Colonie sich zeigt, so ruft der Ortsaufseher (Oberschulz oder Schulz) zu den Waffen, was Hände und Beine hat; genügt die disponible Einwohnerschaft seinem Ermessen nach nicht zur erfolgreichen Bekämpfung des Feindes, so werden leichtfüßige Boten in die benachbarten Colonieen gesandt um Hülfe, und dieser entschlägt sich Niemand, sei er Mennonit oder Hebräer, Franzose oder Bulgar. Sobald die Heuschrecken sich regen, um zu wandern, so wird ein großer Kreis, dessen Mittelpunkt ein rund ausgeworfener Graben bildet, mit Menschen um die gefährdetste Stelle gezogen, und es beginnt ein Kesseltreiben. So geschlossen als möglich, bewehrt mit Lappen, Säcken, Besen, womit sie die Insecten zur Mitte scheuchen, wenn sie durchbrechen wollen, rücken die Leute gegen das Centrum vor, nach welchem sie die geängstigten Thiere treiben, bis dieselben dicht an, zum Theil schon in den Graben genöthigt sind. Nach beglaubigten amtlichen Nachrichten ist alsdann nicht selten der Haufen der Larven bei zwölf Fuß Durchmesser vier bis fünf Fuß hoch. Alsdann springt rasch ein Dutzend hinter den Treibern gehender Männer hinzu, die mit Schaufeln und Spaten das scheußliche Gewimmel in die Grube betten, während die Umstehenden Sorge tragen, daß so wenig als möglich davon entrinnt. Junger Saat schadet dies Verfahren wenig. Auf dem Brachland stellt man die Kreise aus Pferdegespannen mit schweren Dornschleifen zusammen, von welchen immer eine bestimmte Anzahl austritt, je näher man dem Mittelpunkte rückt. Noch wirksamer soll eine von dem Mennonitencolonisten Johann Wedel in Waldheim erfundene Maschine sein, eine Art großen Rechens, statt der Zinken mit rückwärts stehenden, breiten, federnden Holzschienen garnirt und von einem Pferde gezogen. Dem Berichte des Ortsvorstehers Utz in Ephenhar, Mennonitencolonie der Molotschna, an die Präsidentschaft der deutschen Colonien über den Erfolg des beschriebenen Verfahrens im Jahre 1857 entnehme ich folgende wörtliche Angaben:

„Wird die richtige Zeit beobachtet, so ist die Vertilgung so massenhaft, daß, wenn die Heuschrecken einmal halb gewachsen sind, mit jedem Kreise mindestens 40 Tschetwert (160 pr. Scheffel), bei vier Treiben je am Morgen und Abend also mehr als täglich 320 Tschetwert getödtet werden. (Es entspricht dies, wie weiter unten nachgewiesen werden wird, der ungeheuren Zahl von 150 Millionen Heuschrecken!) Nach der Mitte des Kreises zu entsteht dann eine Schmiere, als ob man 20 bis 30 der größten Theerfässer da ausgegossen hätte, und dies Ergebniß wird erreicht durch 24 Menschen und 30 Paar Ochsen oder Pferde im Wechsel, oder blos mit 70 bis 80 Menschen. Da aber unvermeidlich dabei immer einige Tschetwert durchkommen, namentlich vom Scheintod wieder erwachen, so wird die kleine Mühe nach ein oder zwei Tagen wiederholt, und in einer Stunde ist die Brut bis auf die Letzten vertilgt.“

Die beschriebene Vernichtungsmethode läßt sich indessen keineswegs überall ausführen, einer schon hoch emporgeschossenen Vegetation bringt sie stets Nachtheile, schon durch das nothwendige Auswerfen der Gräben, und außerdem erfordert sie nicht unbedeutende Kräfte. Daher bedient man sich neuerdings in sämmtlichen deutschen Colonieen zu dem gedachten Zwecke vorzugsweise des „Heuschreckenfängers“. Dieses Instrument, erfunden von dem verstorbenen Colonisten Bechtold in Freudenthal, einem wahren Genie, dessen viele Erfindungen sein Andenken überdauern werden, besteht aus einem breiten Leinwandsack, vorn in einen zum Zuklappen eingerichteten viereckigen Holzrahmen gespannt, hinten mit einer Handhabe zur Führung versehen und auf zwei seitwärts angebrachten, kleinen Blockrädern laufend; die beigegebene Abbildung versinnlicht genau den einfachen Mechanismus. Das Instrument wird von einem Manne geführt; er beginnt seine Arbeit mit Tagesanbruch und fährt damit fort bis sieben Uhr Morgens, dann hört er auf. Der Fänger wird dabei so geführt, daß der untere Rahmenbalken dicht an dem Boden liegt, indem die Handhabe hoch gerichtet, gewöhnlich auf eine Schulter gelegt wird; alsdann beginnt der Mann, sein Geräth immer vor sich herschiebend, zu laufen, zuerst eine Strecke vorwärts, dann im Ring zurück zu der Anlaufstelle; hier wird die Stange niedergelassen, der untere Rahmentheil hebt sich und schließt die Oeffnung des mit Heuschrecken angefüllten Inneren. Darauf werden die Gefangenen in Säcke oder Kufen gefüllt und die Fahrt beginnt auf’s Neue. Es ist begreiflich, daß hierbei den Saaten weit weniger Abbruch geschieht, wie bei dem Kesseltreiben mit vielen Menschen; die von dem Instrumente niedergebeugten Halme richten sich fast sämmtlich wieder auf.

Um einen Begriff von dessen Wirksamkeit zu geben, sei Nachstehendes aus dem Berichte des Liebenthaler Bezirksamtes an das Fürsorge-Comité angeführt:

„Vom 4. bis 18. Juni 1857 sind auf diese Weise an Heuschrecken eingefangen und getödtet worden durch die Gemeinden: Großliebenthal 1604 Tschetweriks (der achte Theil eines Tschetwert), Kleinliebenthal 1050 ½, Alexanderhilf 1610, Josephsthal 208, Petersthal 548 ½, Freudenthal 1076, Franzfeld 600, Neuburg 2550, Marienthal 1502 ½, in Summa 10,749 ½ Tschetweriks. Es wurden in dem 64sten Theile eines Tschetweriks 7313 Heuschrecken gezählt, der Tschetwerik faßt demnach 468,000 Stück; folglich wären nach diesem Maßstabe von den genannten wenigen Gemeinden über fünftausend Millionen Heuschrecken mittelst des Fängers vertilgt worden. In den bessarabischen Bulgaren-Colonieen wurden außerdem eingefangen: In Komrat vom 25. Mai bis 15. Juni 3256 Tschetweriks, in Kirsow vom 1. bis 8. Juni 38 Tschetweriks, in Kolowstschi vom 1. bis 10. Juni 2500 Tschetweriks, welche ebenfalls die ungeheure Zahl von 2,711,592,000 Heuschrecken repräsentiren. Die nach solcher Razzia nur noch vereinzelt übrig bleibenden Insecten sind durch Menschenkräfte nicht zu vertilgen, finden aber eben so gefährliche, natürliche Feinde in den Krähen und Stahren, die sich zu ihrer Ernte stets einstellen und bald vollends aufräumen.“

Noch einmal begegneten mir einzelne Exemplare der tartarischen Wanderheuschrecke Ende Septembers, und zwar im Schlosse der sieben Thürme am Bosporus. Aber die wenigen Tausende, die da ziemlich harmlos umherschwirrten, waren sicher nur Verirrte oder Invaliden größerer Züge. Die Zeitungen haben übrigens berichtet, daß einzelne Schwärme bis in die schweizer Cantone Wallis, Genf und Waadt vorgedrungen seien; Beweis von der Flugkraft dieser Insecten, denn sie mußten die höchsten Gebirge Europa’s übersteigen. Unter den vielen merkwürdigen Erinnerungen meiner Wanderschaft im Südosten nimmt jedenfalls diejenige nicht die letzte Stelle ein an den die Augenblicke „mitten in den Heuschrecken“!


  1. Siehe nächste Nummer.