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Pilze im Walde

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: J.
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Titel: Pilze im Walde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 661, 667–668
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[661]

Pilzsuchen im Walde.
Nach einer Originalzeichnung von R. Püttner.

[667] Pilze im Walde. (Zu dem Bilde S. 661.) Unvergeßlich ist mir die erste Pilzjagd, auf die ich vor mehr denn dreißig Jahren als Knabe in den herbstlichen Wald gehen durfte! Goldig strahlte die Sonne vom blauen Himmelszelt hernieder; weiße Schäfchen zogen langsam, hoch über den Baumkronen dahin und durch die lauen Lüfte segelten weiße Fäden, um die luftfahrenden Spinnen in sichere Winterquartiere zu bringen. Die Buchen standen bereits in purpurnem Herbstmantel, wie schlanke nordische Jungfrauen mit wehendem blonden Haar saßen auf der Höh’ die Birken mit ihrem schwefelgelben Laube, und unter ihnen verfärbten sich die Eichen, reckten sich wie vom Sonnenbrand gebräunte Kriegergestalten trotzig empor.

Ein alter Hirte, ein wetterharter Graubart, war mein Führer und Lehrer, aus seinem Munde lernte ich die Namen der verschiedenen Pilze, lernte die guten von den bösen unterscheiden. Aber er wußte im Walde noch etwas anderes als Schwämme zu zeigen. Auf einer Waldwiese führte er mich an einen gelben Kreis, in dem der Boden wie versengt oder verrottet aussah und der von einem Ringe grünen üppigen Grases umschlossen war. Da erzählte der Alte dem lauschenden Knaben, daß auf diesem Plätzchen in stillen mondhellen Nächten die Elfen sich zu belustigen pflegten und durch ihre Tänze das Gras in der Mitte niederträten, während sie es ringsum so hoch wachsen ließen, damit die neugierigen Tiere des Waldes sie nicht sähen. An Baumstämmen und knorrigen Aesten zeigte mir der Hirte sonderbare struppige Gebilde und meinte, daß seien „Hexenbesen“, auf denen die Unholdinnen ihre Luftfahrten ausführten. Und er lächelte nicht dabei, wie die Alten es zu thun pflegen, wenn sie Kindern Märchen erzählen. Der Graubart stammte noch aus dem vorigen Jahrhundert und er glaubte noch fest an Hexenspuk.

Zehn Jahre später! Durch denselben Wald schritt der fröhliche Student, er hatte an der Alma mater aus dem Quell des Wissens getrunken und klipp und klar lag vor seinen Blicken die Natur. Der Alte war nicht an meiner Seite; den Wetterharten hatte inzwischen der unerbittliche Sensenmann weggemäht; aber ich mußte an ihn denken, denn er war mir das Sinnbild einer verschollenen Zeit. Was er mir damals auf der ersten Pilzjagd als Elfen- und Hexrenspuk gezeigt hatte, das war – jetzt wußte ich es – ein Werk der Pilze. Jene Elfenringe waren weiter nichts als Fleckchen Erde, auf denen kreisförmig sich ausbreitende Pilze den Graswuchs zurückgedräbgt hattem und die „Hexenbesen“, das waren verkrüppelte Zweige an einem Baume, der von Schwämmen befallen war: in dem Kampfe mit den feindlichen Schwämmen hatte der Baum so wunderbare Zweige getrieben. „Krankheit“, „Neubildung“ nennt die Wissenschaft solche Gebilde. Im Laufe der zehn Jahre waren die Pilze des Waldes bei mir im Ansehen gestiegen. Sie wuchsen ja nicht nur im Moder des Bodens, sie griffen selbst die hohen Bäume an, und die schlimmsten waren die unmerklichsten, kaum sichtbaren; denn sie nagten am heftigsten am Marke der Riesen. Auf dieser Wanderung durch den herbstlichen Wald sah ich ein Stück des Kampfes ums Dasein in der Natur, und Baum und Schwamm erschienen mir als zwei Todfeinde.

Vor etwa zehn Jahren war es – ich wanderte wieder einmal durch den herbstlich verfärbten Wald. Ich war auf einer Pilzjagd begriffen, aber ich suchte nicht die Edelpilze, nicht die schmackhaften Fruchtträger, die Pilzhüte, die aus dem Waldboden hervorschauten. Ich wühlte in der Humusschicht und sammelte die zarten Wurzelausläufer der Eichen und Buchem um sie nach Hause zu tragen und dort mit Hilfe des Mikroskops an diesen Wurzelfäden nach dem Pilzgeschlecht zu forschen. Eine neue Kunde ging damals durch die Welt. Man hatte entdeckt, daß der Pilzkörper, der im Waldboden wächst, die Wurzeln der Bäume mit feinsten Fäden umstrickt und mit ihnen zu einem Ganzen verwächst; man hatte entdeckt, daß zwischen den Waldbäumen und Pilzen eine „Symbiose“, eine [668] Lebensgenossenschaft besteht. Pilz und Baum sind zu einem Ganzen verwachsen. Viele Pilze sind Freunde der Bäume. Die unterirdischen Pilzfäden, die Pilzmycelien, verarbeiten die rohen Stoffe des Wäldbodens zu einer kräftigen Nahrung, erzeugen mehr, als sle selbst brauchen und geben den Ueberschuß an die Wurzeln der stolzen Eiche ab, nähren die Himmelanstrebende, und diese erweist sich dankbar, indem sie einen Teil der Nährstoffe, die nur in den grünen Blättern der rauschenden Kronen im sonnigen Licht erzeugt werden können, zu ihren Wurzeln hinunter führt und ihn dem Pilze spendet. Das ist ja der Grund, warum so viele Waldbäume und Waldpflanzen verkümmern, wenn man sie ins freie Land verpflanzt, ohne in die neue Pflanzstätte den alten Waldboden und mit ihm den befreundeten Pilz zu übertragen. –

Pilze im Walde! Jahrtausendelang wurden sie von dem Menschen nur auf den Nutzen und Schaden geprüft, die sie unserem Magen bringen. Wie anders steht es um ihre Bedeutung, wenn sie auf ihren Wert im Haushalt der Natur untersucht werden! Schwach und morsch erscheinen sie dem flüchtigen Beobachter, aber in Wirklichkeit sind sie eine Macht, auf die sich die Urbilder strotzender Kraft, die wetterfesten Waldriesen stützen. J.