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Oesterreichische Berühmtheiten/1. Eine Unterhaltung mit Herrn v. Beust

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Textdaten
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Autor: Sigmund Kolisch
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Titel: Oesterreichische Berühmtheiten. 1. Eine Unterhaltung mit Herrn v. Beust
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 344–346
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[677]

Oesterreichische Berühmtheiten.[1]

Von Sigmund Kolisch.
1. Eine Unterhaltung mit Herrn v. Beust.

Aus einem Stücke ist der Mann nicht, welchen, ungeachtet derselbe ein „Ausländer“ und ein Protestant ist, Kaiser Franz Joseph 1866 an die Spitze der österreichischen Staatsgeschäfte berufen. Der Dualismus herrscht, wie in dem letzten politischen Werk, so in dem Leben des Ministers. Herr v. Beust ist Sachse und Oesterreicher. In Dresden hat er von 1849 an das Seinige zum Rückgang der Dinge beigetragen; seitdem er in Wien thätig ist, drängt er die Verhältnisse vorwärts mit seltenem Geschick, mit Muth und auch mit Erfolg.

„Zwei Menschen waren, ach, in meiner Brust,“ kann der Reichskanzler mit Faust rufen. Einen Vorwurf mag man übrigens dem Staatsmann aus seiner Wandlung nicht machen, da dieselbe als eine Wendung zum Besseren, vom Dunkel zum Lichte sich darstellt und, verschieden von den vielen Wandlungen in unseren Tagen, einen Fortschritt bezeichnet. Von einem sehr geistreichen Manne wurde Herr v. Beust treffend „der umgekehrte Bach“ genannt. Schmeichelhafteres kann dem Minister wohl nicht gesagt werden.

Patriotische Sachsen, welchen es einfallen könnte, den Besitz des zu großer Berühmtheit emporgelangten Ministers für ihr Land in Anspruch zu nehmen und welche mir etwa das Recht streitig machen wollten, den Reichskanzler unter die Oesterreicher zu reihen, halte ich die Erklärung entgegen, welche Herr v. Beust selbst in der Sitzung des Ministerraths vom 14. November 1867 über diesen Gegenstand abgegeben: „Ein Mann,“ sagte er, „den der Kaiser auf diesen Platz gestellt, den eine nicht geringe Anzahl österreichischer Städte zu ihrem Ehrenbürger ernannt, den eine böhmische Handelskammer in den böhmischen Landtag geschickt und dem dieser Landtag die Ehre erwiesen hat, ihn in den Reichsrath zu senden, der, glaube ich, hat den Anspruch darauf, nicht als ein eingewanderter Fremder, sondern als ein eingebürgerter Bürger betrachtet zu werden.“ (Allgemeiner Beifall.)

Wie leicht begreiflich, giebt es hier in Oesterreich, dem Lande der gesunkenen Hoffnung und des Mißtrauens, eine Anzahl von Trostlosen, welche an der Aufrichtigkeit des Staatskanzlers zweifeln und seinen Liberalismus für eine Maske halten, die ihm eher lästig als angenehm sei und die er zu gelegener Zeit abzulegen nicht anstehen würde. Unbillig wäre es, den oft Getäuschten diesen Argwohn zu verdenken, ihn zu theilen aber vermögen wir nicht, wenn wir das von dem Reichskanzler bereits Vollbrachte, wenn wir sein Streben, wenn wir die Mittel in’s Auge fassen, die er in seiner neuen Stellung anwendete. Diesen Argwohn [677] theilen können wir ganz besonders nicht, seitdem wir Gelegenheit gefunden, uns persönlich und ohne Zeugen mit dem Minister über die verschiedenen Fragen des Augenblicks zu unterhalten. Sitzt die liberale Neigung nicht in seinem Herzen, in seinem Blute, so sitzt die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer freiheitlichen Politik in dem Kopfe des Ministers. Wenn er die Freiheit nicht liebt, so beugt er sich vor ihrer gewonnenen Allgewalt. Wie Athalia „sieht“ er, „weiß“ er, „glaubt“ er. Als ich im Verlaufe des Gespräches die Bemerkung hinwarf, daß ein Mensch, wie er auch erzogen und gesinnt sein, wie er über die Bedürfnisse der Neuzeit auch denken mag, heutzutage jedenfalls die Macht des liberalen Grundsatzes anerkennen muß, gab der Minister seine Uebereinstimmung mit einem Nachdruck zu erkennen, dem das Gepräge der Echtheit nicht abzusprechen ist.

Wir haben eine zu gute Meinung von dem politischen Verstande des österreichischen Staatskanzlers, um nicht zu denken, daß er auf dem eingeschlagenen Wege fortschreiten wird, so lange es geht, weil er erkennen muß und sicher erkennt, daß Oesterreich durch eine freiheitliche Entwickelung oder gar nicht zu retten sei. Wie lange der Minister können wird, was er zu müssen einsieht, wie lange er den im Finstern schleichenden Kräften wird Stand halten können, ist eine andere Frage, die von den Propheten, je nach den Gläsern, durch welche sie in die Zukunft blicken, verschieden beantwortet wird. Eine Umkehr zum Verderblichen von Seiten des Staatskanzlers steht unseres Erachtens nicht zu befürchten.

Die Persönlichkeit des Herrn v. Beust ist eine gefällige, gewinnende. Obgleich dem Staatsmann nicht mehr als ein Jahr zu den Sechszigen fehlt, zeigt an seinem Wesen sich eine jugendliche Frische und Lebendigkeit, die der Zeit noch lange Trotz zu bieten versprechen. Er ist mehr als höflich, er ist freundlich, er macht es dem an ihn Herankommenden gleich nach dem ersten Austausch von Worten äußerst bequem, man fühlt sich bei dem Minister zu Hause, à son aise, wie der Franzose sich ausdrückt. Ein feines Lächeln, das fast immer um die Lippen spielt, wenn er spricht, wirkt um so angenehmer, als der Minister auch den ernsten Gedanken in eine leichte, heitere Form kleidet, und folglich die Harmonie der Kundgebung erhalten bleibt. Das Lächeln behält selbst, wenn es ab und zu einen sarkastischen Zug annimmt, seine Gutmüthigkeit, und verletzt daher nie. Im Gespräche mit Herrn v. Beust hört man gar nicht auf sich über die liebenswürdige Offenheit zu wundern, mit welcher der Minister über die wichtigsten Fragen und Staatsangelegenheiten sich ausläßt. Er verschmäht die Geheimnißthuerei, hinter welcher andere Diplomaten ihre Nichtigkeit und Geistesarmuth zu verbergen pflegen. Ohne Anstand glaubte ich seiner Versicherung, daß er über seine politisch-diplomatischen Entwürfe niemals etwas Unrichtiges, Unwahres zu verbreiten sucht; ich hielt es für den Ausdruck seiner Ueberzeugung, als er sagte, daß die Anwendung von Lügen und Winkelzügen in der Diplomatie nicht länger als zwanzig Jahre zu leben habe, und dann hinzufügte: „Die Diplomatie ist ein ehrliches Handwerk wie ein anderes.“ „Ja, Excellenz,“ versetzte ich, „eine Diplomatie, wie man sie sonst getrieben, wie sie jetzt noch von dem Kaiser der Franzosen verstanden und gepflogen wird, lebt auch jetzt nicht mehr; sie besteht nur noch.“

Der Minister nickte bestätigend.

Vollkommen übereinstimmend mit dem Wesen ist der Kopf des Staatskanzlers; die Züge des Gesichtes sind zart, lebhaft, beweglich und machen einen humoristischen Eindruck. Die Nase, zierlich ausgearbeitet, neigt zu einem spöttischen Rümpfen, das die Pedanterie erschrecken muß. Blaue Aeuglein blicken klug und nicht ohne einen Anstrich von Treuherzigkeit unter Brauen hervor, die nahe an die Backe gerückt sind. Zwischen der Stirn und dem Scheitel bestehen Grenzstreitigkeiten, welche schwer beizulegen sind, und an den spärlichen Haaren kämpft das Grau den siegreichen Kampf mit dem Blond. Die Gestalt des Ministers ist schlank und zeigt nicht die geringste Anlage zu der Verunstaltung, die das Alter durch den Ansatz von Fett herbeizuführen pflegt. Die Beine ruhen stramm auf dem Boden und zeigen sich minder leicht verrückbar, als man von dem Sinn des Ministers voraussetzen möchte, und enden mit aristokratisch kleinen Füßen, die, in vornehme Glanzstiefeln gesteckt, sich einer besonderen Sorgfalt zu erfreuen scheinen.

Im Fluge der Unterhaltung wurden die verschiedensten Gegenstände berührt; über jeden derselben hatte der Staatsminister sich eine bestimmte Ansicht gebildet, die er ohne allen Rückhalt aussprach. Mein bisheriger Aufenthalt in dem Lande jenseits des Rheins führte das Gespräch auf den Verfall des zweiten Kaiserreichs, auf die Lage der bonapartischen Regierung, überhaupt auf die französischen Verhältnisse. Ich wies auf die Trostlosigkeit ernster besonnener Franzosen hin, welche der Meinung sind, daß sich ihr Vaterland nie wieder aus der Gesunkenheit emporraffen werde, zu der es seit dem 2. December 1851 sich selber verurtheilt. Ich äußerte die Meinung, daß an Frankreich vermöge seiner beispiellosen Elasticität niemals ganz zu verzweifeln sei, und daß eine Nation, welche die Verwüstung unter der Regentschaft überwunden, welche von den Verderbnissen unter Ludwig XV. sich frei gemacht, auch dem Gift des zweiten Kaiserreiches widerstehen werde. Bisher, fügte ich hinzu, habe ich das Ende der gegenwärtigen Wirthschaft in Frankreich nicht abgesehen. Nach der Wendung jedoch, welche die Dinge daselbst seit einigen Wochen genommen haben, hielte ich es für undenkbar, daß der Bonapartismus noch zwei Jahre die Herrschaft behaupte.

Der Minister jedoch bezeichnete zunächst die Klagen über den Verfall Frankreichs als eine Uebertreibung und zur Begründung seines milderen Urtheils führte er die außerordentliche Tapferkeit der französischen Soldaten an, von der sie so glänzende Proben in der Krim, in Italien und an anderen Orten abgelegt. Und was die Regierung Napoleon’s anbelangt, meinte Herr v. Beust, werde dieselbe den zerstörenden Elementen noch lange widerstehen, weil sie zum Unterschied von der Restauration und der Juliherrschaft die Gefahr, von welcher sie bedroht ist, kennt und sich vor Augen hält. „Die Regierungen Karl des Zehnten und Ludwig Philipp’s,“ sagte Herr v. Beust, „wiegten sich in einer Sicherheit, welche sie jeder Vorsicht vergessen ließ. Die Regierung des dritten Napoleon dagegen ist unausgesetzt mit dem Gedanken ihres möglichen Unterganges beschäftigt und auf ihre Erhaltung bedacht. Sie lavirt, sie trägt jedem Wechsel der Verhältnisse Rechnung.“ Wir wollen oder vielmehr wir müssen es den Ereignissen zu zeigen überlassen, ob diese Folgerung des Reichskanzlers richtig ist.

Von großem Interesse war es mir, die Meinung des österreichischen Staatskanzlers über Cavour und Bismarck zu hören, an die ihn wohlwollende Anhänger als Dritten zu reihen geneigt sind. Vortheilhaft sprach der Minister sich über die beiden Gestalten aus, welche in der Geschichte unserer Tage einen so hervorragenden Platz einnehmen; aber sein Lob schien kaum einen Unterschied zu machen zwischen den beiden Staatsmännern, von denen der eine seine großen Entwürfe mit dem Gesetz, der andere zum Theil gegen das Gesetz in Ausführung brachte. An Cavour bewundert Herr v. Beust die Kühnheit, das „Toupé“, wie er mit einem französischen Volksausdruck es nannte. „Der Graf Cavour kam mir wie Jemand vor,“ äußerte der Staatskanzler, „der bei einem Wettrennen, statt in dem vorgezeichneten Kreise mit den Andern zu laufen, von der Bahn und von der Regel abweicht, quer durchbricht und am Ziele früher als die Andern anlangt. Die Schwäche und Unbehülflichkeit der Gegner kam der Politik des Italieners sehr zu statten.“ Herrn von Bismarck erkennt der Reichskanzler einen hohen Grad von Festigkeit des Charakters zu, und er betonte die Versicherung, daß er auch nicht eine Regung des Uebelwollens gegen das Berliner Cabinet in seine neue Stellung hinüber gebracht habe, daß er im Gegentheile Alles auf’s Sorgfältigste vermeide, was auf das gute Einvernehmen zwischen Oesterreich und Preußen von störender Wirkung sein könnte. „Wir hätten,“ fügte er hinzu, „durch ein Verbot der Getreideausfuhr Preußen in diesem Jahre Verdruß machen, ernste Verlegenheiten bereiten können, ohne daß es für ein feindseliges Auftreten hätte angesehen werden können; wir unterließen die Maßregel, weil wir eben auch keinen geheimen Groll gegen den norddeutschen Großstaat hegen.“

Das Gesicht des Ministers verfinsterte sich ein wenig, sein Lächeln gewann einen leisen Ansatz von Bitterkeit, als er, wie einem innern Anstoß nachgebend, auf seine frühere Wirksamkeit und namentlich auf die Vorwürfe zu sprechen kam, welche derselben gemacht werden. „Ist eine Ansicht einmal lancirt,“ sagte der Reichskanzler mit einem gewissen Ernst, „dann rollt sie unaufhaltsam weiter und findet auch ohne gültigen Geleitschein Eingang in die Köpfe. So ist es eine angenommene Sache, daß ich die Reaction in Sachsen gefördert. Das Gegentheil dieser Beschuldigung ist [677] wahr. Als die Bewegung auszuschreiten sich anschickte, habe ich die Führer derselben redlich gewarnt und zur Mäßigung gemahnt. Es war umsonst; und als in Folge der eingetretenen Ziellosigkeit der Leidenschaften der von mir vorhergesehene Gegenschlag erfolgte, habe ich nach Kräften die Heftigkeit des Rückschritts gemäßigt. Ich habe zur Befreiung Röckel’s das Meinige beigetragen; auch habe ich den Verfasser der Schrift ‚Sachsens Erhebung und das Zuchthaus zu Waldheim’, der sich nun hier in Wien befindet, darüber zur Rede gestellt, daß er in dem Büchlein so viele Unrichtigkeiten und Entstellungen vorgebracht. Er konnte oder wollte darauf nichts erwidern. Die Maierhebung mußte niedergeworfen werden im Interesse des Landes, wo Alles aus Rand und Band gerathen war und Vereine ohne Zahl ihr Unwesen trieben. Selbst wenn ich den Willen gehabt hätte, den Rückgang der Dinge zu verhindern, ich wäre es nimmermehr im Stande gewesen. Ein Anderer von weniger Milde und Schonung, als ich, wäre an meine Stelle gekommen, und ich hätte das Uebel gefördert statt ihm abzuhelfen. Mir dankt Röckel, mir danken andere wegen politischer Vergehen Verhaftete ihre Befreiung.“

Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, um ja kein Wörtchen zu verlieren, horchte ich auf die Rechtfertigung aus dem Munde des Ministers. Diesem muß jedoch die Wirkung seiner letzten Worte, wie sie etwa auf meinem Gesicht sich aussprach, nicht sonderlich gefallen haben, und ich konnte eine leichte Verstimmung an ihm bemerken; da ich meinen Gefühlen und Gedanken den freiesten Verkehr mit den Zügen meines Gesichtes gestatte, mögen wohl meine inneren Zweifel, nicht etwa an der Wahrheit des Erzählten, aber an der Richtigkeit der Betrachtung zu Tage getreten sein. Ich hielt, es für angemessen, über den Gegenstand zu schweigen und mich zu empfehlen. Uebrigens liegt in dem Bestreben des Herrn v. Beust, für seine Vergangenheit Ablaß zu erhalten, ein Zugeständnis an die öffentliche Meinung, die Anerkennung einer richterlichen Gewalt, die man bisher in den Vorzimmern der fürstlichen Paläste verachten zu dürfen geglaubt.

Fern ist es von unserer Gewohnheit, Excellenzen, welchen Staatsruder anvertraut sind, zu besingen. Gern überlassen wir das Geschäft Anderen, welche zu demselben mehr Lust und Geschick haben. Unserer Natur und unserem Geschmack entspricht es mehr, das Verdienst irgend eines still Wirkenden, von der „launigsten Göttin“ abseits in der Studirstube Vergessenen zu preisen, als unser Blümchen zu den reichen Kränzen zu legen, die das Leben den Vielbegünstigten windet. Unsere Theilnahme und Zuneigung gehören eher dem angeschmiedeten Feuerhascher mit den Geierbissen, als dem „Donnernden“ mit den unsterblichen Locken, der in unvergänglicher Heiterkeit fortlebte und fortgenoß, allein für die geistige Spannkraft des Staatskanzlers wird es uns schwer, unsere Bewunderung zurückzuhalten. Zunächst verdient der gewaltige Sprung einiges Lob, den der Staatsmann von der Leitung eines Kleinstaates zur Leitung eines welthistorischen Reiches ausführte, ohne einen Augenblick das Gleichgewicht oder den Athem zu verlieren, ohne das leiseste Symptom von Schwindel blicken zu lassen. Aber noch weit höher anzuschlagen, als diese plötzliche Ausdehnung des Gesichtskreises, als dieses rasche Hineinwachsen in neue Verhältnisse, ist die seltene Energie, mit welcher Freiherr v. Beust die Voreingenommenheiten seines Standes überwunden und die altgewohnte, mit der Muttermilch eingesogene Abneigung niedergekämpft, um Plebejer für das Cabinet anzuwerben, die das Vertrauen des Volkes empfohlen. Daß der Staatsmann über des Centrums lockende Willfährigkeit leichten Fußes hinwegschritt, um auf den Bänken der vorgerücktesten Meinungen und entschiedensten Ueberzeugungen seine Helfershelfer sich auszusuchen, ist ein politischer Meisterzug, der ihn in die Reihe der bedeutendsten Minister stellt und zu der Hoffnung berechtigt, daß er den schwierigen Kampf, den er wegen des Fanatismus des Rückschrittes unternommen, auszufechten wissen werde.

Durch Einführung der Grundrechte, mehr noch durch das Decret, welches den Herren von der Gesellschaft Jesu drei Lehranstalten, die Gymnasien von Linz, Feldkirch und Ragusa entzieht, durch ihren energischen Kampf gegen das Concordat, haben Herr v. Beust und seine Amtsgenossen gezeigt, Laß sie nicht nur freiheitlich zu plänkeln, sondern einen Vernichtungskrieg gegen geistigen Druck zu führen entschlössen sind. Wer Licht und Aufklärung wünscht, wird ihnen beistehen müssen. Der Reichskanzler ist sehr rührig, unternehmend und unausgesetzt thätig; aber nicht in dem Sinne eines Kanzleimenschen, sondern mit Verstand, wie es von dem obersten Leiter eines constitutionellen Staates zu verlangen ist. Die Detailarbeiten überläßt er untergeordneten Kräften. Er verfügt, unterhandelt, gleicht aus; wo eine ernste Schwierigkeit entsteht, ist er zur Hand und auf deren Beseitigung bedacht. In richtiger Auffassung seines Berufes empfängt er viel und sucht er den Gedankenaustausch und die Verständigung mit mehr oder weniger einflußreichen Personen. Noch spät Abends tummelt er sich in der Welt umher, wodurch ihm natürlich Gelegenheit geboten wird, Erfahrungen zu sammeln, die verschiedenen Elemente der Wiener Gesellschaft kennen zu lernen und sogar zu benützen.

Gründliche Leute werfen dem Reichskanzler ein ungenügendes Eingehen, auf die Einzelnheiten der verschiedenen Fragen vor. Diese Herren wünschten wohl, daß der Staatsmann von früh Morgens bis spät in die Nacht in seiner Kanzlei säße und, die Brille auf der Nase, amtliche Schriften durchläse, als ob ein Actenstoß der Standpunct wäre, von welchem aus ein constitutioneller Minister Menschen und Dinge zu beurtheilen und zu leiten vermöchte. Es wird lange dauern, bis in Oesterreich das bureaukratische Vorurtheil der besseren Ueberzeugung weicht. Herr v. Beust hat von jeher viel gearbeitet; er erzählt nicht ohne einige Genugthuung, wie fleißig er als Student auf der hohen Schule zu Göttingen die Vorlesungen besucht, und wie er mit seinem Tagewerk unzufrieden war, wenn er nicht wenigstens sechs Collegien im Leibe hatte. Als laudator temporis acti meint Herr v. Beust, daß man es jetzt auf den Universitäten mit dem Lernen nicht so ernst nehme wie zu seiner Zeit. Darin irrt der Minister offenbar. Die Ergebnisse der Wissenschaft zeigen, daß der Deutsche von seiner Nationaltugend der Redlichkeit und der Ausdauer in der Arbeit, dein Himmel sei es gedankt, nichts eingebüßt habe.

Die Beredsamkeit gehört keineswegs zu den Vorzügen des Herrn v. Beust. Seine parlamentarischen Auseinandersetzungen sind weder glänzend, wie die der französischen, noch kurz und schlagend, wie die der englischen Redner. Aber er spricht leicht geistreich und vor Allem ohne Emphase, ohne jene Ueberhäufung von Metaphern, welche als Erbübel der Oesterreicher zu bezeichnen ist, Ein gemüthlicher Humor ist über die Worte des Staatskanzlers gehaucht und giebt ihnen das gewinnende, familiäre Gepräge, das die Reden des Briten Palmerston und des Italieners Cavour so anziehend, so wirksam machte. Herr v. Beust hat parlamentarischen Tact, bringt den rechten parlamentarischen Ton auf die Tribüne, den Herr v. Schmerling nie getroffen und der den anderen Ministern als Muster dienen kann. Er versteht anzugreifen und abzuwehren, ohne durch Anmaßung oder Uebermuth zu verletzen; er wendet den Spott an, aber nur so weit er in guter Gesellschaft zulässig ist; er respectirt die Würde des Gegners wie die eigene. So lange Oesterreich constitutionell bleibt, wird es wohl schwerlich den Reichskanzler des Amtes entsetzen.



  1. Unter diesem Titel lassen wir eine Reihe Charakteristiken österreichischer Persönlichkeiten folgen, welche in der jüngsten politischen Volkslebens-Entwickelung eine hervorragende Rolle spielen. Wie sehr just Sigmund Kolisch in der Darstellung von dergleichen Miniaturbildern durch Meisterschaft glänzt, ist den Lesern der Gartenlaube längst bekannt; einen größeren neuen Beweis der Vorzüge seiner Schilderungen und vor Allem ihrer lebendigen Anschaulichkeit, gestützt auf scharfe, gewissenhafte Beobachtung, liefert er in seinem Buche „Auf dem Vulcan“ (Pariser Schilderungen, die soeben bei Rieger in Stuttgart erschienen sind), dem umfassendsten Bilde des Lebens und Treibens der vom Kaiserreich des dritten Napoleon geschaffenen Gesellschaft und ihrer Zustände voll nun offenkundiger Fäulniß. Was indeß die Charakteristik des Herrn v. Beust anlangt, so erlaubt uns wohl der geehrte Verfasser, bei einigen Behauptungen ganz im Geheimen ein kleines Fragezeichen zu machen.
    D. Red.