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BLKÖ:Schmerling, Anton Ritter von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Schmerhofsky, Andreas
Band: 30 (1875), ab Seite: 172. (Quelle)
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Schmerling, Anton Ritter von (Staatsmann, geb. zu Wien 23. August 1805). Einer alten Adelsfamilie entstammend, über welche die Quellen S. 186 Näheres berichten, ist S. der Sohn des k. k. Appellationsrathes Joseph von S. aus dessen Ehe mit Elise, einer Tochter des berühmten österreichischen Rechtsgelehrten Franz Edlen von Zeiller. Er ist der älteste von fünf Brüdern, von denen noch drei am Leben sind. Anton widmete sich an der Wiener Hochschule dem Studium der Rechtswissenschaften, nach deren Vollendung er daraus die Doctorwürde erlangte. Im Jahre 1829 trat S. in den Staatsdienst, und zwar als Auscultant bei dem Landrechte in Wien, wo er die unteren Dienststufen rasch durchschritt und im Jahre 1842 zum Rath ernannt wurde. Im Jahre 1846, damals 39 Jahre alt, bekleidete er bereits die hervorragende Stelle eines Appellationsrathes. Den Ständen Niederösterreichs durch seine Geburt angehörend, nahm er an den damals bei der beginnenden liberalen Zeitströmung immer bedeutsamer werdenden Arbeiten, welche sich theils auf die eigene Reform – denn die alte paßte in die neuen Zeitverhältnisse nicht mehr – theils auf viele Fragen der inneren Verwaltung bezogen, lebhaften Antheil. Im Jahre 1846 wurde er in den ständischen Ausschuß, im folgenden Jahre zum ständischen Verordneten gewählt, und um sich diesem Amte mit ganzer Kraft hingeben zu können, verließ er zugleich temporär den Staatsdienst. In dieser Sphäre bot sich ihm wiederholte Gelegenheit, sich auf parlamentarischem Gebiete als eine staatsmännische Capacität zu erweisen, sein Name erweckte bald in weiteren Kreisen erhöhte Aufmerksamkeit, und Alles, was dem Beginne einer besseren Zeit entgegensah, blickte vertrauensvoll auf den Mann, der in Tagen der Gefahr seinen Muth nicht verleugnete. Längst ein entschiedener Gegner des Metternich’schen Systems, fand ihn als warmen Vertreter seit Jahren gehegter, leider unbeachtet gebliebener Volkswünsche die Bewegung der Märztage des Jahres 1848 nicht unvorbereitet, und seine gewichtvolle Bevorwortung trug nicht wenig dazu bei, die Erfüllung der berechtigten Forderungen des Volkes zu fördern. Der Staatskanzler mußte dem Drängen des Volkswillens nachgeben und seine Entlassung nehmen, Bürgerbewaffnung und freie Presse wurden bewilligt, die Einberufung von Reichsständen verheißen. In den denkwürdigen Tagen vom 10. und 14. März 1848 war S. Mitglied jener kleinen ständischen Deputation, welche das wenig dankbare Vermittleramt in der Hofburg zu übernehmen gedrängt ward. Als nach Verkündigung der Constitution am 16. März der große ständische Ausschuß, in welchem das altständische und das bürgerliche Element gleichmüßig vertreten waren, seine Thätigkeit zu entfalten begann, wurden Schmerling’s Kräfte nach allen Seiten in Anspruch genommen. Damals wirkte er auf das Eifrigste für die Organisirung der neu zu schaffenden Nationalgarde, und Herr von S., der in früherer Zeit [173] mit nicht geringem Eifer, aus besonderer Vorliebe für die Sache, auch militärische Studien getrieben hatte, wurde von dem Grafen Hoyos, der das Obercommando der Nationalgarde übernommen hatte, zu seinem ersten Adjutanten erwählt. Aber S. sollte bald ein anderes Feld seiner Thätigkeit zugewiesen erhalten. Das Ministerium Ficquelmont-Pillersdorf-Kübeck glaubte die guten Dienste Schmerling’s an einem nicht minder wichtigen Platze nützen zu müssen und schickte S. nach Frankfurt a. M., um dort als Vertrauensmann der kaiserlichen Regierung den Berathungen über einen deutschen Verfassungsentwurf beizuwohnen. Am 4. April 1848 nahm S. seinen Platz ein. Bald gelang es ihm, bei seinen Collegen sich Geltung zu verschaffen; er wurde beinahe in alle Ausschüsse gewählt, wurde häufig den Conferenzen der Bundestags-Gesandten beigezogen, in welchen er vornehmlich die Anerkennung des Präsidial-Gesandten Grafen Colloredo erwarb. In dieser Stellung betheiligte sich S. insbesondere an der Ausarbeitung des sogenannten Siebzehner-Entwurfes und sein ganzes Streben in Bezug auf die Verfassungsfrage trug damals einen einheitlichen (unitarischen) Charakter, jedenfalls aber mit der für ihn selbstverständlichen Voraussetzung, daß nicht Preußen, sondern Oesterreich die Führerschaft in Deutschland zu beanspruchen habe. Dieser Entwurf behielt nur ein historisches Interesse, denn, obgleich am 26. April der Bundesversammlung überreicht, wurde er weder von den Regierungen der National-Versammlung vorgelegt, noch aber von dieser selbst bei ihren späteren Berathungen über die deutsche Verfassung in Betracht gezogen. Als dann Graf Colloredo seine bereits erbetene Entlassung von dem Posten des Präsidial-Gesandten bei dem Bundestage erhalten hatte, trat S. einen Tag nach dem Zusammentritte der constituirenden Versammlung an des zurücktretenden Grafen Colloredo Stelle in die Bundesversammlung (19. Mai) und führte noch einige Wochen hindurch den Vorsitz in einem Collegium, das, damals bereits vollständiger Entkräftung verfallen, seiner Auflösung entgegensah. Zu gleicher Zeit hatte aber auch die National-Versammlung ihre Sitzungen begonnen. In diese war S. – nicht von Wien, wie es an mehreren Orten heißt – sondern von der Stadt Tulln als Abgeordneter gewählt worden und – war in der Bundesversammlung als in einem in Auflösung begriffenen Körper seine Thätigkeit eine erfolglose – in der National-Versammlung nahm er sofort eine einflußreiche Stellung ein. Am 26. Mai 1848 erschien er zum ersten Male auf der Tribüne und stand bei der Discussion der „Mainzer Händel“ entschieden auf Seite der Preußen. Sein Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung erhielt die Majorität. Die von ihm vertheidigten Truppen der preußischen Garnison in Mainz dankten ihm durch eine Adresse. In der Versammlung schloß sich S. der Partei der constitutionellen Monarchie an, betheiligte sich an mehreren Ausschüssen, nahm aber überall mit Umsicht und Entschiedenheit die Interessen Oesterreichs wahr. Am 28. Juni beschloß die National-Versammlung die Einsetzung einer provisorischen Centralgewalt mit einem Reichsverweser an der Spitze und die Aufhebung des Bundestages; am 29. erfolgte die Wahl des Erzherzogs Johann zum Reichsverweser, und als am 11. Juli der Prinz-Erzherzog in Frankfurt eintraf, übernahm er am folgenden Tage die Centralgewalt und [174] decretirte die förmliche Auflösung des Bundestages. Als wenige Tage darnach, am 15. Juli, der Reichsverweser sein Ministerium ernannte, wählte er Schmerling zu seinem Minister des Innern, worauf dieser, nachdem Hekscher[WS 1] als Reichsgesandter nach Turin und Neapel entsendet worden war, vom 19. August an auch das Reichsministerium des Aeußern verwaltete. Beide Ministerien führte S. bis zu seinem Rücktritte im December des Jahres 1848. Factisch war er auch Präsident des Reichsministeriums, da Fürst Leiningen diese Würde nur kurze Zeit bekleidete. Vor dem Parlamente galt er gleichfalls als Träger der Politik des Reichsministeriums, die er vorzugsweise zu vertheidigen hatte, um derentwillen er beinahe allein den heftigsten Angriffen ausgesetzt war. Ohne materielle Macht, schreibt einer seiner Biographen, ausgeschlossen von der Mitwirkung am Verfassungswerke, ohne administrative und legislative Thätigkeit, sollte das Ministerium kräftig regieren, die Majorität des Parlaments sich erhalten und die Einzelregierungen, auf deren Soldaten und Geld das Reich angewiesen war, nicht verletzen! Schmerling verstand es wenigstens, die äußere Ehre dieses abstracten Ministeriums zu wahren und die Schwächen, welche die Folgen seiner eigenthümlichen Stellung waren, möglichst zu decken, freilich manchmal auf Kosten der Parteistellung, der er wohl innerlich zugethan war. So lange Schmerling Reichsminister war, blieb das Ministerium nur einmal in der Minorität, in der Malmöer Waffenstillstandsfrage. Am 26. August war zu Malmö der Waffenstillstand geschlossen worden und die preußische Regierung war dabei mehrfach auf Bedingungen eingegangen, zu deren Annahme sie durch die deutsche Reichsgewalt nicht ermächtigt war. Dieser Vorgang machte nun in ganz Deutschland den peinlichsten Eindruck, und auch die Lage des Reichsministeriums war nie, aber damals eine am wenigsten erquickliche. Und das Verhalten Schmerling’s in dieser so heiklichen Affaire? Es war das des deutschen Reichsministers. Als particularistisch gesinnter Oesterreicher hätte es ihm nahe gelegen, den Bruch mit Preußen eintreten zu lassen. So aber faßte er die Sachlage nicht auf. Als praktischer Minister des Innern kam er am 4. September im Ministerrathe Vormittags und Nachmittags immer wieder darauf zurück, daß Alles gefährdet sei, wenn man den Waffenstillstand verwerfe. Man hielt damals Schmerling als von Preußen, wenigstens ohne sein Wissen, beeinflußt. Aber er war ganz logisch vorgegangen, denn im Ministerrathe wiederholte er nur die eine Frage: womit man den Krieg weiter führen wolle, wenn sich Preußen, wie unzweifelhaft geschehen würde, zurückzöge? Womit man denn die lauernde Revolution, die jeden Tag im inneren Deutschland ausbrechen könne, bekämpfen wolle, wenn nicht nur die preußischen Truppen abgingen, sondern wenn man auch noch mühsam aus den kleineren Staaten Truppen für Schleswig-Holstein zusammengerafft und fortgeschickt hätte? ... Nun beschloß die National-Versammlung trotz alledem am 5. September auf den Bericht Dahlmann’s die Ausführung des Waffenstillstandes zu sistiren, worauf das Reichsministerium in Folge dieses Beschlusses seine Entlassung einreichte. Als nun die Bildung eines neuen Cabinets auf Schwierigkeiten stieß, so behielt doch Schmerling die Geschäfte in Händen, und vornehmlich das Werk seiner Energie war [175] es, daß die durch die nachträgliche Annahme des Waffenstillstandes von Seite des Parlaments hervorgerufenen September-Unruhen in Frankfurt schnell und glücklich bewältigt wurden. Schmerling und General Peucker hatten, als der Aufruhr am 18. September ausbrach, Vollmacht zu dessen Unterdrückung erhalten, und Beide verhängten auf die Nachricht der Ermordung des Fürsten Lichnowsky und Auerswald’s den Belagerungszustand über Frankfurt. Am 24. September von Neuem zum Reichsminister ernannt, sah er sich nun den heftigen Angriffen von Seite der Linken ausgesetzt, und indem er nun der Richtung auf die preußische Hegemonie immer offener entgegentrat, entzweite er sich auch bei dem Wiederbeginne der Verfassungsberathungen mit einem großen Theile seiner bisherigen Freunde. Ueberdem war während des Kampfes um Wien, der Verlegung des constitutionellen österreichischen Reichstages nach Kremsier und der preußischen National-Versammlung nach Brandenburg, die Thätigkeit des Reichsministeriums auf den Sitz des deutschen Parlaments und dessen nächste Umgebung, wo (in Baden und Thüringen) einzelne Erhebungen stattstanden, beschränkt. Als aber seine Stellung immer unerfreulicher wurde, legte er am 15. December sein Portefeuille in die Hände des Reichsverwesers zurück, das nun Gagern übernahm. Wenige Tage später reiste Schmerling nach Wien zurück. Schon unterwegs, in Leipzig, traf ihn der Courier mit Depeschen, die ihn einluden, in das österreichische Ministerium zu treten oder den Posten eines österreichischen Bevollmächtigten bei der deutschen Centralgewalt zu übernehmen. In Breslau erfuhr er, daß ihn der erste Wahlbezirk der Stadt Wien zum Abgeordneten für den Reichstag in Kremsier gewählt hatte, eine Wahl, bei der auch der Minister-Präsident Fürst Schwarzenberg und der spätere Reichstags-Präsident Baron Kübeck als Candidaten aufgestellt waren. In Olmütz entschied sich Schmerling für die Annahme der Stelle des österreichischen Bevollmächtigten und ging wiederum nach Frankfurt, wo er vornehmlich die Leitung und Wahrung der österreichischen Interessen sich zur Aufgabe zu stellen hatte. In Frankfurt überreichte er am 4. Jänner 1849 das denkwürdige Schreiben, worin Oesterreich erklärte, „es werde in dem neuen deutschen Staatskörper, wenn ein solcher zu Stande komme, seine Stelle zu behaupten wissen.“ Seine Lage in dieser neuen Stellung war für ihn als Mitglied des deutschen Parlaments eine ungemein schwierige. Er wurde auf diesem Posten Gegenstand der heftigsten Angriffe eines Theiles seiner früheren Anhänger, wie er es als Minister seitens der radicalen Partei gewesen. Inzwischen hatte sich die erbkaiserlich-preußische Partei gebildet, deren Ziel der Ausschluß Oesterreichs war und die daher in dem Oesterreicher Schmerling ihren Gegner sehen mußte. Als Führer der Oesterreicher in derselben und an der Spitze der großdeutschen Partei, arbeitete er allen Bestrebungen, welche auf die Errichtung eines preußischen Kaiserthums gerichtet waren, entschieden entgegen. Da wurde in den ersten Tagen des März der österreichische Reichstag in Kremsier aufgelöst. Der Schlag traf dergestalt in Frankfurt, daß Schmerling, sobald er davon Kenntniß erlangt, seine Entlassung als österreichischer Bevollmächtigter einreichte. Aber auch seine Tage als Mitglied des deutschen Parlaments waren gezählt. Am 27. März wurde die Erblichkeit [176] des deutschen Kaiserthums beschlossen, am folgenden Tage war die Wahl Friedrich Wilhelm’s IV. zum deutschen Kaiser erfolgt. Wohl hatte der König selbst die Wahl abgelehnt, die Großdeutschen bemühten sich, die Einsetzung eines Directoriums durchzubringen, aber ohne Erfolg. Nun erhielten die österreichischen Mitglieder der deutschen National-Versammlung von ihrer Regierung auch noch die Weisung, daß ihre Sendung beendigt sei, schließlich zeigte noch der Reichsverweser die Niederlegung seiner Würde an, da schied denn auch Schmerling – April 1849 – aus der Versammlung und kehrte nach Wien zurück. In das Ministerium, welches Fürst Schwarzenberg am 28. Juli 1849 in Wien bildete, wurde Ritter von S. als Justizminister berufen. Der Zeitpunct, in welchem S. in das Cabinet trat, war ein kritischer: Ungarn im Bürgerkriege, in Italien ein Krieg zu befürchten, der Rest der österreichischen Monarchie aus allen Fugen gewichen, das Alte aufgehoben, das Neue noch nicht eingerichtet, so standen die Dinge, als S. sein Portefeuille übernahm. Er betheiligte sich nun an der Lösung aller politischen Fragen, die unausgesetzt vorlagen, nahm regen Antheil an allen Arbeiten, die zur Ausführung der einzelnen Bestimmungen der Verfassung nöthig wurden, und widmete sich dabei den Geschäften seines Departements mit besonderem Eifer. Bereits am 1. Juli 1850 war die Gerichts-Organisation für alle österreichisch-deutschen Bundesländer durchgeführt und die im neuen Geiste nothwendig gewordene Umgestaltung der Gesetzgebung bewirkt. Nebenbei war für Ungarn ein Provisorium eingeführt, um den dringenden Bedürfnissen einer geordneten Rechtspflege in diesem Lande abzuhelfen. Daß dieses Provisorium eine Dauer von fünf Jahren haben würde, dachte S. kaum, denn er betrieb die Organisirungsarbeiten für Galizien, Ungarn und Italien sehr eifrig, und wurde darin so erfolgreich unterstützt, daß seine Anträge bereits die kaiserliche Genehmigung erhalten hatten oder dieselbe nahe bevorstand, als er unerwartet im Jänner 1851 aus dem Ministerium trat, in welchem er und Bruck, der ihm im Mai gefolgt war, als die freisinnigen Elemente galten. Mit seinem Austritte gerieth die Organisation vollends in’s Stocken, und als sie nach länger Zeit wieder aufgenommen wurde, hatte Schmerling die Rechtfertigung, daß man die Namen, nicht die Sache änderte, und daß, was man änderte, eben keine Verbesserung war. Nachdem er sein Portefeuille niedergelegt, übernahm er zunächst die Stelle eines Verordneten der niederösterreichischen Landstände, wurde aber bald darauf zum ersten Senats-Präsidenten bei dem obersten Gerichtshofe in Wien mit dem Titel eines geheimen Rathes, sowie zum Mitgliede des Aussträgal-Senates für den deutschen Bund und des k. k. obersten Gefällsgerichtes ernannt. Zurückgezogen von allem öffentlichen Leben, sein oberstes Richteramt unbemerkt ausübend, wirkte er auf diesem Posten mit Eifer, Ueberzeugungstreue und Vaterlandsliebe. Die traurige Aera der Gołuchowski’schen Wirthschaft hatte in allen Theilen des Reiches, in allen Schichten der Gesellschaft theils tief begründetes Mißtrauen, theils gerechtesten Unwillen erregt; als die Besorgnisse mit der Dauer desselben wuchsen und die Entlassung des Urhebers des October-Diploms die einzige Panacee wurde für die unheilbaren Wunden, die dieser Emporkömmling in kürzester Zeit dem Staate [177] geschlagen, da richteten sich auf Einen Mann vertrauensvoll die Blicke Aller, welche Oesterreich eine bessere Zukunft wünschten, und dieser eine Mann war Schmerling. Ihn berief das Vertrauen des Monarchen, der ihn am 13. December 1860 zum Staatsminister ernannt hatte, an die Spitze der Regierung. Ihm war nun die gewaltige Aufgabe geworden, die durch das Diplom vom 20. October 1860 inaugurirte Neugestaltung Oesterreichs durchzuführen und den Uebergang desselben zu einem constitutionellen Staate zu leiten und zu fördern. Zehn Tage nach seiner Berufung, am 23. December 1860, veröffentlichte der Staatsminister sein Programm, das in allen Kreisen das erwachende Vertrauen befestigte. Seine nächste That waren die Staatsgrundgesetze für die Reichs- und die Landesvertretungen vom 26. Februar 1861, eine bei den abnormen Verhältnissen, in welche Oesterreich hineinregiert worden, geradezu außerordentliche That. Alles, was er nun verfügte, basirte auf dem Grundsatze freier Entwickelung jeder Kraft, gleicher Berechtigung für jede Besonderheit im neugeeinigten, durch eine verfassungsmäßige Grundlage gekräftigten Gesammtstaate, welcher als Großmacht seinem Namen entsprechend zunächst berufen ist, deutsche Cultur nach dem Osten zu tragen. Wären doch die einzelnen Völker dem Staatsmanne entgegengekommen, wie er ihnen entgegenkam! Fünfthalb Jahre bekleidete S. die Würde des Staatsministers, aber die centrifugalen Elemente des österreichischen Staatskörpers, durch das October-Diplom in ihren Separationsgelüsten genährt und durch einen Staatsact bestärkt, ließen sich nicht einigen, und eingewiegt von der Sicherheit des Friedens, übermüthig geworden im Allesungestraftgeschehenlassen der Staatsgewalt, welche glaubte, aus ihrer verfassungsmäßigen Haltung herauszutreten, wenn sie den an Felonie streifenden Acten Einzelner Widerstand entgegensetzte, hemmten sie S. in Allem und Jedem. Insbesondere waren es Ungarn und Croatien, welche gegen den Einheitsstaat, wie ihn Schmerling construiren wollte, den entschiedensten offenen und heimlichen Widerstand erhoben. Ja, die Croaten und die anderen Nationalitäten in Ungarn hatten damals noch ganz andere Gedanken von der Zukunft Ungarns. Sie ließen es sich gar nicht träumen, daß es ihnen unter der Herrschaft der Magyaren unvergleichlich schlechter gehen könnte, als es ihnen je unter den Deutschen gegangen. Schmerling wußte, warum er die Beschickung des Reichsrathes durch die Croaten mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln anstrebte, daher der Haß, mit dem ihn die Ungarn beehrten und der vielleicht jenen noch überbot, dem einst Bach von Seite dieser ritterlichen Nation, welche die erste Geige im österreichischen Völkerconcerte spielen will, verfallen war. Und so denn, als Alles sich vereinigte, die Realisirung des einheitlichen Verfassungsstaates zu vereiteln, da legte (am 27. Juli 1865) Staatsminister S., der sich bei Annahme dieses Postens den Rücktritt in das Amt, das er vordem bekleidet, vorbehalten hatte, seine Würde in die Hände Sr. Majestät zurück und trat seinen Posten als erster Präsident des obersten Gerichtshofes wieder an, welchen er noch zur Stunde bekleidet. Am 21. April 1867 verliehen ihm Se. Majestät die Würde eines lebenslänglichen Mitgliedes des Herrenhauses des österreichischen Reichsrathes, in welchem ihn der Monarch mit ah. Handschreiben ddo. Wien 31. Jänner 1668 zum Vice-Präsidenten und mit [178] einem gleichen ddo. Meran 14. Februar 1871 zum Präsidenten desselben für die Dauer der Session ernannten. Nach Niederlegung seines Amtes als Staatsminister behielt derselbe noch einige Zeit die Stellen eines Mitgliedes im Abgeordnetenhause und im böhmischen Landtage, aber auch diese letztere legte er in gerechter Entrüstung über die Aeußerungen, welche der Regierungsvertreter bei der Adreßdebatte im böhmischen Landtage gemacht, nieder und sprach diese Ursache über seinen Rücktritt in einem an das Präsidium des böhmischen Landtages gerichteten Schreiben im Monat December 1865 ausdrücklich aus. Das endgiltige Urtheil über die Politik, welche Schmerling in schweren Zeiten befolgt, bleibt der Geschichte vorbehalten. Daß er von seinem Eintritte in’s politische Leben bis zum gegenwärtigen Augenblicke nur hohe geistige, immer nur die edelsten Zwecke verfolgt, räumen ihm selbst seine politischen Gegner ein, und es klingt wie ein Vertrauensvotum, wenn einer dieser Letzteren in boshafter Ironie bemerkt: Schmerling war der Verfasser des Handbillets, welches in den Märztagen „Besitz und Intelligenz“ unter die rostigen Flinten des Zeughauses rief. Er ist in allen Fällen seiner politischen Ansicht treu geblieben und trat lieber zurück oder lehnte ab, ehe er dieselbe aufgab. Als er anfangs 1851 aus dem Ministerium trat – er brachte damals seine Stelle seiner Ueberzeugung zum Opfer – sagte er die leider unbeachtet gebliebenen Worte, deren tiefe Bedeutung wir heute leicht ermessen können: „Es wäre in diesem Augenblicke ein Leichtes, aus Oesterreich einen constitutionellen Einheitsstaat zu schaffen, mit dem Absolutismus kann man einige Jahre lang experimentiren, aber er ist nicht zu halten, und man wird endlich wieder dort anfangen müssen, wo wir jetzt aufgehört haben, die inmitten liegende Zeit aber ist eine verlorne“, und als man ihm, nachdem Graf Gołuchowski den Kaiserstaat an die Grenze der Auflösung hineinregiert, das Portefeuille antrug, machte er seinen Ministerantritt zunächst von dem Austritte des Grafen abhängig. Wie kein Minister vor ihm, anerkannte er die Aristokratie des Geistes; bis Bach und Gołuchowski – vom Vormärz kann anläßlich dieses Punctes gar nicht die Rede sein – waren der Intelligenz im Großen und Ganzen die Salons der Minister verschlossen. Schmerling, die Macht des Geiste anerkennend, öffnete sie in Oesterreich – der Erste – derselben und sie sind ihr seither offen geblieben. Von ihm kann man mit gutem Fug sagen: er war stets ein Mann des Fortschrittes und ist in seinem Leben nur einmal zurückgetreten – und zwar von seinem Ministerposten. Daß ihm während seiner Ministerperiode Alles huldigte, versteht sich von selbst, hat sich doch, seit die Erde steht, immer Alles der aufsteigenden Sonne zugewendet; aber seltener ist es, daß der scheidenden nicht mißgünstige Blicke nachgeschickt werden. Als S. zurücktrat, gab es keinen Jubel in Israel und kein Aufathmen, als hätte man unter dem Alp gelegen; man sagte es sich: er mußte wohl ausscheiden, aber ein Besserer kommt nicht, und ist auch wirklich bisher nicht gekommen. Daß dem Staatsminister alle Arten von Ehren und Huldigungen erwiesen worden, bedarf kaum der ausdrücklichen Erwähnung. Ehrenbürger-Diplome von allen Seiten wurden ihm verliehen. Das Prager Schützencorps hatte ihn im Mai 1865 zum Obersten ernannt; andere Corporationen wählten ihn, wenn er nicht bereits durch periodische [179] Leistungen ihr wirkliches Mitglied war, zu ihrem Ehrenmitgliede, zur Stunde noch bekleidet er die Stelle des Curator-Stellvertreters der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, welche ihm bereits früher die am 14. Juni 1862 ah. genehmigte Ehrenmitgliedschaft verliehen hatte, und durch mehr denn zwei Decennien hatte er das Ehrenamt eines Ober-Curators der niederösterreichischen Sparcasse versehen. Seit dem Jahre 1855 zum wirklichen geheimen Rathe ernannt, ist Ritter von Schmerling auch mit dem Großkreuze des kais. österr. Leopold-Ordens und mit mehreren Orden des Auslandes geschmückt. – Im J. 1835 hatte sich Ritter von Schmerling mit Pauline Freiin von Koudelka vermält, die Gattin aber bereits nach wenigen Jahren, am 31. Juli 1840, durch den Tod verloren. Freiin Pauline war als Blumenmalerin eine Künstlerin und wurde ihrer in diesem Lexikon im Artikel Pauline Freiin von Koudelka [Bd. XIII, S. 60][WS 2] ausführlich gedacht. Was sie ihrem Gatten war, erfahren wir aus einem Briefe der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“: „Durch die Wahl seiner Frau wurde S. auch allen künstlerischen Interessen nahe gerückt. Pauline war, das Ideal seines Lebens. ... Sie ist unverrückt der innere Mittelpunct seines Herzens geblieben und der frühe Verlust derselben durch den Tod ist die Wunde seines Lebens geworden, welche noch heule nicht geschlossen ist.“ Und als Beitrag zur Charakteristik des Menschen fügen wir noch aus derselben Quelle folgende Worte hinzu: „Wer S. nur äußerlich kennt und von seiner etwas starren Haltung auf Trockenheit des Gemüthes schließen möchte, der ist sehr im Irrthume. Man hört wohl selten ein sentimentales Wort von ihm, aber er hat ein nicht nur kräftiges, sondern auch sehr gutes Herz, welches jeder warmen Regung zugänglich ist. Er spricht in dieser Richtung kurz und wenig, aber er handelt, wenn es die Gelegenheit fordert, auf der Stelle und vollständig. Er ist ein schweigsamer Wohlthäter. Den Eindruck des Schweigsamen macht er überhaupt; er hört lange zu und nimmt das Verschiedenartigste scheinbar gleichgiltig auf. Aber er hört sehr gut, ordnet sich das Gehörte sehr genau und erwiedert dann sehr bestimmt und erschöpfend.“ Was er dem Verfasser dieses Lexikons, dessen unmittelbarer Vorstand er als Minister war. gewesen, entzieht sich in ausführlicher Schilderung dem Zwecke dieses Werkes. Mit wenigen Worten nur sei gesagt: die durch des Grafen Gołuchowski unverantwortliche Maßnahmen in ihrer Wirksamkeit vernichtete Anstalt, deren Vorstand Herausgeber dieses Lexikons ist, hat Staatsminister v. Schmerling, dem der Vorstand dieser Anstalt bis dahin gar nicht persönlich bekannt war, so weit es thunlich war, sofort ihrem ursprünglichen Zwecke zurückzuführen getrachtet; der bedeutende, durch seinen Vorgänger entstandene materielle Schaden konnte freilich nicht ungeschehen gemacht, aber doch dessen Folgen in ihrer weiteren Wirkung verhütet werden. Er that überhaupt Alles, um die von seinem Vorgänger geschlagenen Spuren blinden Vandalismus möglichst zu verwischen, ganz ihre Spur zu tilgen, war selbst sein humaner Geist nicht mehr im Stande. Er sprach nie ein Wort, wie ihn dieses zwecklose Zerstören verstimmt habe, aber er that Alles, um die Wucht desselben Jenem weniger fühlbar zu machen, der unter ihr bald zusammengebrochen wäre und vor Kränkung über solchen sinnlosen Greuel in seiner Gesundheit zutiefst erschüttert, [180] seit jener Zeit nie mehr das volle Gleichmaß seiner physischen Kräfte wieder gewinnen konnte.

I. Biographien und Biographisches. Schmerling. Eine Charakter-Skizze von *. Separat-Abdruck aus der A. A. Ztg. (Wien 1861, Alex. Eurich, gr. 8°.). – Der Alpen-Bote. Localblatt von Steyr und Hall u. s. w. (Steyr, 4°.) V. Jahrg. (1860), Nr. 51: „Staatsminister von Schmerling“. – Bohemia (Prager polit. u. belletrist. Blatt, 4°.) 1861, Nr. 230, S. 2161: „Zur Charakteristik Schmerlings“; 1862, Nr. 28: „Die Ministerbank im Abgeordnetenhause. I. Schmerling“; 1865, Nr. 97, S. 1195, in der Rubrik: „Mosaik“ einige Episoden aus S.’s Leben, den seit 1843 eine innige Freundschaft mit dem Prälaten von Melk, Abt Eder, verband, und mit dem vereint er an der Befreiung Oesterreichs aus den unwürdigen Fesseln des Absolutismus arbeitete]. – Botschafter (Wiener polit. Blatt) 1865, Nr. 110, im Feuilleton: „Ostern in Melk“ [über die Besuche des Staatsministers in dem berühmten Melk und über die Freundschaft, die ihn mit Abt Eder verbindet). – Didaskalia. Blätter für Geist, Gemüth und Publicität (Frankfurt a. M., 4°.) 1860, Nr. 357 u. 358: „Anton von Schmerling“. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1865, Nr. 180: „Briefe eines Müssiggängers“ [Bericht über die Stimmung im Publicum bei dem Rücktritte S.’s von seinem Ministerposten, unterspickt mit manchen guten und schlechten Witzen]; 1867, Nr. 98, in den „Tagesnachrichten“ [über Vorstellungen und Bitten des Directoriums der Sparcasse wird S. bestimmt, den Vorsatz, seine Stelle als Obercurator dieses Institutes niederzulegen, aufzugeben]. – Die Glocke (illustrirtes Blatt, Leipzig, Payne, Fol.) 1861, Nr. 114: „Anton Ritter von Schmerling“. – Hermannstädter Zeitung 1864, Nr. 106, im Feuilleton: „Zu Ehren Schmerlings“ [über ein ihm von den Abgeordneten des böhmischen Landtages, dem S. auch angehörte, gegebenes Festmahl].– Die Illustrirte Welt (Stuttgart, Hallberger, schm. 4°.) 1862, S. 19: „Männer der Zeit. I. Anton Ritter von Schmerling“. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) XI. Bd. (1848), Nr. 285, S. 395: „Das deutsche Reichsministerium“ [in der Bildnißgruppe auch Schmerling’s Bildniß]. – Laube (Heinr.), Das erste deutsche Parlament (Leipzig 1849, Weidmann, 8°.) Bd. I, S. 199; Bd. II, S. 17, 69, 229, 230; Bd. III, S. 51, 182, 200, 208, 339 u. 387– Linzer Wochen-Bulletin für Theater, Kunst und geselliges Leben (4°.) 1861, Nr. 18: „Anton Ritter von Schmerling“. – Mährischer Correspondent (Brünner polit. Blatt) 1861, Nr. 148–152, im Feuilleton: „Schmerling“. – Männer der Zeit, Biographisches Lexikon der Gegenwart (Leipzig. C. B. Lorck, 4°.) II. Serie (1862). Sp. 677. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1864, Nr. 1, im Feuilleton: „Wiener Briefe. Anton von Schmerling“. – Neue preußische † Zeitung (Berlin, gr. Fol.) 1865, Beilage zu Nr. 286: „Wagener’s Staats-Lexikon“ [Glossen zu dem in diesem Lexikon enthaltenen biographischen Artikel über Schmerling]. – Neues Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1867, Nr. 92, unter den „Tagesnachrichten“ [über Schmerling’s Rücktritt von der Stelle eines Obercurators der Sparcasse, welche man aus Angriffen des Baron Sommaruga, nach Anderen aus dem Verhalten der Regierung gegen diese Musteranstalt, die auf animose Zurücksetzung derselben schließen ließ, ableiten wollte]. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1860, Nr. 321, im Feuilleton: „Anton Ritter von Schmerling“; 1861, Nr. 54, im Feuilleton: „Empfang beim Staatsminister“, von Friedrich Uhl; 1865, Nr. 273, im Feuilleton: „Herr von Schmerling“, von Hieronymus Lorm. – Der Reichsrath, Biographische Skizzen der Mitglieder des Herren- und Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes (Wien 1862, Förster u. Bartelmus, 8°.) 2. Heft, S. 26. – Sonntags-Blatt (Iglau, 4°.) 1863, Nr. 11: „Anton Ritter von Schmerling“. – Steger (Friedr. Dr.), Ergänzungsblätter (Meißen und Leipzig, gr. 8°.) Bd. IV, S. 193. – Der Telegraf (Gratzer polit. Localblatt) 1864, Nr. 65, im Feuilleton: „Ein Empfang bei Schmerling“; 1865, Nr. 155, im Feuilleton: „Schmerlingiana“ [verschiedene Züge aus dem Leben S.’s); Nr. 261, im Feuilleton: „Herr von Schmerling in Uniform“ [auch Mehreres aus seinem Leben). – Ueber Land und Meer. Allgemeine illustrirte Zeitung (Stuttgart, Ed. Hallberger, kl. Fol.) V. Bd. (1861), Nr. 14, S. 219: „Freiherr (sic) von Schmerling“; Nr. 16, S. 255: „Schmerling“ [mit Bildniß im Holzschnitt). – Volksstimme (Gratzer polit. Blatt) 1861, Nr. 56–61, im Feuilleton: „Anton Ritter von Schmerling“. – Von [181] Haus zu Haus. Illustrirte Blätter (Prag, Kober, 4°.) 1861, Nr. 4, S. 48, mit ziemlich ähnlichem Holzschnittbildniß: „Erinnerungen an den deutschen Reichsminister von Schmerling“, von Schmidt-Weißenfels. – Waldheim’s Illustrirte Zeitung (Wien, kl. Fol.) 1862, Nr. vom 23. August: „Schmerling. Eine Gelegenheitsskizze“. – Werschetzer Gebirgsbote. VI. Jahrg. (1862) Nr. 5: „Schmerling. Vay. Szecsen“.
II. a) Zur Politik des Staatsministers Schmerling (chronologisch). [Ueber sein politisches Verhalten vor der März-Revolution, dann in den Jahren 1848–1852 in Frankfurt a. M. und in Wien geben die in der Abtheilung „Biographien“ angeführten Quellen ausführliche Aufschlüsse, hier werden nur jene Quellen, die den „Staatsminister“ betreffen, bezeichnet.] 1860. Innsbrucker Tagblatt 1860, Nr. 299: „Ritter von Schmerling“. – Neue Zeit (Olmützer politisches Blatt, kl. Fol.) XIII. Jahrg. (1860), Nr. 296: „Rundschreiben des Staatsministers Schm. an die Statthalter“. – 1861. Rede des Staatsministers Anton Ritter von Schmerling, gehalten im Abgeordnetenhause am 30. August 1861. Beilage zu Nr. 71 der „Hermannstädter Zeitung“. [Diese Rede bildet ein wichtiges Moment im Leben des Staatsministers, denn am Schlusse bezeichnet er sie selbst als das politische Glaubensbekenntniß, welches er für sich und seine Collegen im Cabinet darlegt.] – Bohemia (Prager polit. u. Unterhaltungsblatt, 4°.) 1861, S. 1941: „Schmerling’s Rede über die ungarische Frage“. – Fremden-Blatt. Von Gust Heine (Wien, 4°.) 1861, Nr. 244 (6. Sept.), im ersten Leitartikel [anläßlich des dem Staatsminister gemachten Vorwurfs, daß die constitutionelle Regierung die Schützlinge des alten Systems an der Spitze leitender Behörden belasse]. – Gratzer Zeitung 1861, Nr. 202: „Schmerling’s Rede in der Adreßdebatte“. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) XXXVI. Bd. (1861, 1. Halbjahr), Nr. 916: „Oesterreichs Neugestaltung“ [nach einem Rückblicke auf die Ministerien vor ihm, eine Zusammenfassung des Schmerling’schen Programms, dessen Geist als ein gerechter, freier, humaner bezeichnet wird]. – Neuigkeiten (Brünner polit. Blatt) 1861, Nr. 3, in der politischen Tageschronik: „Herr von Schmerling“. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1861, Nr. 193, Abendblatt: „Schmerling’s Ansicht in der ungarischen Frage“; Nr. 230 (1. Sept.), im ersten Leitartikel [über die Rede des Staatsministers in der Generaldebatte des Abgeordnetenhauses über die Adresse]; Nr. 238, 2. Leitartikel: „Schmerling’s Rede in der Adreßdebatte“. – 1862. Constitutionelle österreichische Zeitung (vorm. Wiener Lloyd) 1862, Nr. 414: „Schmerling’s Ansprache bei der Künstlerversammlung in Salzburg“. – Gratzer Zeitung 1862, Nr. 132, S. 526: „Staatsminister Ritter von Schmerling in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 5. Juni 1862“ [über das Unterrichtswesen in Oesterreich]. – Inn-Zeitung (Innsbruck, 4°.) 1862, Nr. 4: „Staatsminister von Schmerling“ [darin werden der Partei der sogenannten „Hoftiroler“ – ein von Alexander Schindler stammendes geflügeltes Wort – gewichtige Worte gesagt; „daß Schmerling ein Princip vertritt – heißt es darin – an dem Oesterreichs Zukunft hängt, daß der Gedanke des constitutionellen Rechtsstaates es ist, den er zur Geltung zu bringen sucht, daß dieser Gedanke nothwendig in entsprechenden Institutionen sich verkörpern muß, wenn der Staat nicht zerfallen soll, davon scheinen so manche Anhänget der historisch-politischen Staatsmänner keine Ahnung zu haben“. Die Worte zum Schlusse sind schwerwiegende: „Das freisinnige Bürgerthum muß also den Staatsminister kräftigst stützen“. Wie wahr und zutreffend sie aber sind, beweist der Umstand, daß in letzter Zeit, so oft eine Ministerkrise droht, auf Schmerling als den Nächstmöglichen sich Aller Blicke richten]. – Presse 1862, Nr. 248, Abendblatt, in der „Kleinen Chronik“: „Der Salzburger Trinkspruch“. – Wiener Zeitung 1862, Abendbl. Nr. 207, S. 827: „Schmerling’s Festspruch in der Künstlerversammlung zu Salzburg am 6. September 1862“. – 1863. Presse 1863, Nr. 58: „Schmerling’s Toast auf Böhmen“ [gesprochen anläßlich der in Prag gehaltenen Verfassungsfeier]; Nr. 152: „Ein akademischer Toast“ [der seiner Zeit vielbesprochene Toast Karajan’s, damaligen Vice-Präsidenten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, bei dem in Hietzing bei Dommayer abgehaltenen Festmahle der Akademiker am 30. Mai 1862, in welchem Karajan philologische Glossen über den Namen Schmerling vorbringt. Auch in der „Bohemia“ 1863, Nr. 132, und in der Wiener Zeitung 1863, Nr. 125, S. 499]. – Salzburger Zeitung 1863, Nr. 61 u. f., im Feuilleton: „Im Salon [182] des Staatsministers“. – 1865. Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) XIX. Jahrg. (1865), Nr. 198 (20. Juli): Leitartikel anläßlich seines Ausscheidens von dem Posten des Staatsministers, in welchem ihm Graf Belcredi folgte. – Kronstädter-Zeitung 1865, Nr. 125: „Toast des Staatsministers von Schmerling auf die Wiener Hochschule“ [Wortlaut des Toastes]. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1865, Nr. 232 (23. April): „Die Osterferien des Staatsministers“; Nr. 352, in der „Kleinen Chronik“ [Schreiben des Ritter v. Schm., worin er seine Mandatniederlegung als Abgeordneter des böhmischen Landtages kundgibt und erklärt]. – Presse 1865, Nr. 59, in der Kleinen Chronik: „Die Note des Herrn von Schmerling“. – Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. Monatschrift zum Conversations-Lexikon. Neue Folge (Leipzig, Brockhaus, gr. 8°.) I. Jahrg. (1865), S. 787 u. f., im Artikel: „Oesterreich seit dem Frieden von Villafranca“. – 1868. Neues Wiener Tagblatt 1868, Nr. 168, im Feuilleton: „Herr von Schmerling über die Ehen zwischen Christen und Juden“ [Mittheilung eines Gutachtens S.’s aus dem Jahre 1849, als er Minister der Justiz war, worin sich S. zu Gunsten der Ehen zwischen Juden und Christen ausspricht]. – 1869. Neues Wiener Tagblatt 1869, Nr. 276, im Feuilleton: „Toast des Herrn von Schmerling bei der Feier der Wiener Sparcasse“. – 1871. Neue freie Presse 1871, Nr. 2478 (20. Juli): Leitartikel über die Schlußrede, welche S. als Präsident der österreichischen Delegation gesprochen. [Ueberdieß enthalten alle Werke, welche die neueste Geschichte Oesterreichs behandeln, vornehmlich aber die „Erlebnisse des Bernhard Ritter von Meyer“, 2 Bde. (Wien 1875, Sartori, 8°.); Walter Rogge’s „Oesterreich von Világos bis zur Gegenwart“, 3 Bde. (Leipzig und Wien 1872–1873, Brockhaus, 8°.); „Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart“, herausgegeben von Rud. Gottschall. Neue Folge, XI. Jahrg., S. 444. Im Artikel: „Der österreichische Reichsrath und seine hervorragendsten Mitglieder“, von S. Hahn, u. m. a. mehr und minder ausführliche Darstellungen über Schmerling und seine Politik.]
II. b) Urtheile über den Staatsminister Ritter von Schmerling. – Laube über Schmerling’s Haltung im deutschen Parlament 1849. Es trat Schmerling als Redner gegen Herrn Zitz auf. „Deßhalb“, schreibt Laube, „war es von besonderer Wichtigkeit, daß diesem Mainzer Redner ein Oesterreicher auf der Rednerbühne folgte. Er nahm nüchternen, kalten Tones schneidend Partei gegen Herrn Zitz und wies besonders das Lob der Oesterreicher auf Kosten der Preußen kalt und entschieden zurück. Ja, setzte er hinzu, er hoffe und sei fest überzeugt, daß österreichische Truppen den Mainzern auf ähnliche Weise gedient hätten für Schmähungen solcher Art, wenn diese Schmähungen dein Kaiser und Kaiserstaate gegolten hätten, wie sie dem König und Staate von Preußen gegolten. Es war, als ob ein ruhig stehender Fechter seine Degenklinge einmal um das andere in den Leib des Gegners stoße, ohne daß er dabei die Miene verzieht. Nur das große graue Auge folgt mitunter der Richtung des Armes, um sich noch zum Ueberflusse zu überzeugen, daß der Stoß auch gründlich getroffen habe. Dieser feststehende Fechter in eleganter Kleidung war Schmerling. So schonungslos kündigte sich dieser Oesterreicher an, welcher offenbar durch die erneuten Wiener Revolutionen veranlaßt worden war, dem revolutionären Elemente von nun an jeden Fuß breit Boden streitig zu machen. Er hatte Metternich stürzen helfen und als geschäftskundiger Jurist war er auf den zusammenbrechenden Stuhl eines Bundes-Präsidialgesandten geschickt worden, damit das abgenützte Möbel mit Kraft und Anstand preisgegeben werde. Ein jugendlich aussehender Vierziger mit gestählten Nerven, mit kaltem Blute und Muthe und mit der ganzen Uebung eines Mannes von Fach und Welt, war ihm ein Amt der Thätigkeit sicher in den neu sich verschlingenden Kreisen deutschen Staatswesens. Mit dieser Rede, die in conservativer Schärfe starrte, schied er sich charaktervoll ab von den damaligen hin- und herschwimmenden Machthabern des Kaiserstaates, entwickelte er zum ersten Male jenen Charakter von herber Tapferkeit, welchen er später in entscheidender Stunde bewährt hat.“ – Eine deutsche Stimme über den Staatsminister Schmerling. „Er ist ein Staatsmann, wie geschaffen für Zeiten, in denen es gilt, zugleich Verfassungen zu proclamiren und den Belagerungszustand zu handhaben. In Oesterreich hatte man ihm ein gutes Andenken bewahrt; sein Austritt aus dem Cabinet Schwarzenberg-Bach, der mit der Aufhebung der Geschwornengerichte zusammenfiel, aber als [183] Act der Ueberzeugungstreue hochgehalten worden; seine bleibende Entfernung von den Staatsgeschäften ließ ihn als unbetheiligt an den Leistungen der Bach’schen Periode erscheinen; seine Thätigkeit im Frankfurter Parlamente dagegen war längst vergessen, und die Deutsch-Oesterreicher jubelten am lautesten, als die Kunde von Schmerling’s Berufung in die Oeffentlichkeit drang. ... Bald nach Uebernahme seines Amtes erließ Herr von Schmerling ein Rundschreiben an die ihm unterstehenden Behörden, welches den Geist und Charakter seiner Regierungsweise darlegt. In Oesterreich hat man ihm später den Vorwurf gemacht, er sei den Worten dieses seines Schreibens untreu geworden, er habe es unterlassen, „die berechtigte öffentliche Meinung in sich aufzunehmen“. Der Vorwurf ist ganz ungerechtfertigt. Jenes Rundschreiben enthält treffliche Verwaltungsmaximen; es erinnert vielfach an dasjenige, welches Erzherzog Ferdinand Max beim Antritt seiner italienischen Statthalterschaft erließ. ... Man klagt jetzt, daß so wenig von dem geschehen, was Schmerling damals in Aussicht gestellt. ... Dennoch aber galt der Name Schmerling allemals eine Bürgschaft dafür, daß Oesterreich ein Verfassungsstaat sei und daß in Wien eine liberale Regierung bestehe. Selbst die Gegner des Staatsministers im Reichsrathe und in der Presse zitterten vor der Eventualität einer Abdankung Schmerling’s; sie galt ihnen für gleichbedeutend mit der Umkehr in reactionäre Bahnen. ...“ – Englisches Urtheil über Schmerling. „Daily News“, das freisinnigste englische Journal, charakterisirt Schmerling folgendermaßen: „Da dieser Staatsmann derjenige ist, welcher den Plan zu dem Frankfurter Zuge entworfen hat, so wird es für das englische Publicum von Interesse sein, das Wesen dieses Mannes genauer kennen zu lernen. Das Große in Schmerling ist wesentlich moralischer Natur. Er hat nichts von den glänzenden geistigen Eigenschaften, welche das Urtheil der Menge zu bestechen pflegen. Zu vorsichtig, um in eine begeisterte Stimmung zu gerathen, gebietet er doch über alle die Hilfsmittel, welche eine edle Begeisterung Denen verschaffen, die über Andere zu regieren haben. Sein Muth ist unerschütterlich, aber obwohl er vielleicht die Gefahr liebt, wenn sie ihm begegnet, so sucht er sie doch nicht auf. Er ist vorzugsweise ein zuverlässiger Minister. Das Charakteristische in ihm ist seine Fähigkeit für das Wichtige und Große, während er die kleinen Einzelnheiten vernachlässigt. Schmerling ist eine stolze, trotzige Natur; waltete nicht dabei eine echte Herzensgüte in ihm, so würde seine Verachtung aller Willensschwäche ihn hart erscheinen lassen; er zeigt sich aber nur ungeduldig über Kleinlichkeiten jeder Art. Sein ernstes und strenges Wesen machen seine Erscheinung für die größere Anzahl der ihm Nahenden nicht zu einer anziehenden, aber der Instinct leitet die Massen richtig und wendet ihm ihre Sympathien zu, obschon sie ihn nicht näher kennen. Schmerling ist ein verständiger Liberaler, im englischen Sinne des Wortes, nicht ein Demokrat nach dem neuesten französischen Muster. Er wird sich stets jeder revolutionären Richtung widersetzen, aber die Absolutisten betrachten ihn trotzdem als einen Revolutionär. Im Jahre 1848 stand er der ganzen Wuth der Frankfurter Demagogie gegenüber und mit Entschlossenheit warf er sie nieder; aber 1852 entsagte er seiner Stellung als Justizminister, da ihm das Schwarzenberg’sche System als unconstitutionell zuwider wurde. Schmerling ist zu fest, um jemals gewaltthätig oder verstockt zu sein. Er ist ein die Staatsgewalt nicht compromittirender Liberaler, gerade weil sein politischer Verstand ihm sagt, daß alles erfolgreiche Regieren auf rechtzeitigen Compromissen beruht. Dieß ist so wahr, daß alle Diejenigen, welche ihn vollständig kennen, überzeugt sind, daß er allein der Mann ist, mit welchem eines Tages die Ungarn unterhandeln werden. – Das Vorgehen in der deutschen Politik ist Schmerling’s Werk; Graf Rechberg hat sich zuletzt auf seine Seite gestellt, aber es dauerte ziemlich lange, bis er dazu gebracht wurde, an die Ausführbarkeit des Planes zu glauben. Schmerling ist für Oesterreich der Mann vor allen Männern, denn er ist der Mann der That und der Initiative – ein Mann, der, einmal entschlossen, auch sofort handelt. Er ist sehr beredt, wenn es unbedingt nothwendig ist, zu sprechen, aber er liebt das Sprechen nicht. Sein Wahlspruch ist: Großes zu thun, mag schwierig sein, aber die Schwierigkeit hindert das Große nicht.“
III. Porträte. 1) Unterschrift: Anton Ritter von Schmerling, k. k. Geh.-Rath und Staatsminister. Carl Mayer Nbg. (32°.) [auch im Gothaischen Hofkalender]. – 2) Unterschrift: [184] Anton Ritter v. Schmerling | Reichsminister des Innern. Steindr. v. F. Walther, Weimar (8°. u. 4°.). – 3) Unterschrift: Anton Ritter v. Schmerling, k. k. österreich. Minister des Innern. Nach einer Photographie von HK. Holzschnitt in der Illustrirten Zeitung, Nr. 916, 19. Jänner 1861, S. 36 [ganze Figur, sitzend]. – 4) Unterschrift: Anton Ritter von Schmerling, österreichischer Staatsminister. Holzschnitt in der Hallberger’schen „Illustrirten Welt“ 1862, S. 20. – 5) Unterschrift: Der Reichstags-Abgeordnete von Schmerling (Wien) Erster Präsident des Reichsministeriums. Nach dem Leben gez. C. Barth sc. (8°. u. 4°.) [auch in der Gallerie der Zeitgenossen]. – 6) Biow dag. Schertle lith. (kl. Fol.). – 7) Lithogr. von Winterwerb (kl. Fol., Frankfurt, C. Jügel’s Verlag). – 8) Lith. ohne Ang. d. Z. (Frankfurt, H. Keller, gr. 8°.) – 9) Lithogr. von Kriehuber (Kniestück, gr. Fol., Wien, Neumann). – 10) Auf einem Blatte zugleich mit Montecuculi, Stifft und Doblhoff. Holzschnitt ohne Angabe des Zeichners und Xylographen, trefflich ausgeführt und sehr ähnlich, in dem im Verlage von R. v. Waldheim 1872 erschienenen Werke: „Das Jahr 1848. Geschichte der Wiener Revolution“. Bd. I, S. 17. – Zu den Curiositäten der Bildnisse des Staatsministers gehört das folgende: Es stellt die „österreichische Burg“ dar, die schon manche Stürme ausgehalten hat. Gradaus besehen, bietet das Bild den Anblick zweier Felsengruppen, auf einer derselben erhebt sich die alte Burg. Sieht man das Bild von der Seite an, so erkennt man augenblicklich das Profil-Porträt des Staatsministers. Eine Höhlung im Felsen: ein Auge; ein Stück des Gemäuers der Burg: die Nase; ein Einschnitt im Felsen: der Mund; das Gestrüppe am Abhang: der Bart; und thatsächlich das Ganze ähnlich. Es ist ein Holzschnitt.
IV. Einzelheiten: a) Jubiläum; b) Ehrendiplome; c) Xenien auf Schmerling (PratobeveraBerger – Schindler u. A.); d) Ein Curiosum. – a) Jubiläum. Am 15. Mai 1869 feierte Anton Ritter von Schmerling, damals Präsident des obersten Gerichtshofes, sein 40jähriges Dienstjubiläum. Se. Majestät der Kaiser ließ durch den General-Adjutanten Grafen Bellegarde dem Jubilar seine Theilnahme ausdrücken. Die Minister, die Mitglieder des Herren-, viele des Abgeordnetenhauses u. s. w. überbrachten dem Jubilar ihre Glückwünsche persönlich. Das Gremium und die Beamten des obersten Gerichtshofes brachten ihm dieselben im großen Festsaale dar. Wiener Zeitung 1869, Nr. 134, S. 997 „Glückwunsch-Adresse der Städte Eger und Gratz aus Anlaß des 40jährigen Dienstjubiläums Schmerling’s“. – b) Ehrendiplome. Cours-Blatt der Gratzer Zeitung 1861, Nr. 100: „Das Ehrenbürger-Diplom (der Stadt Gratz) für Schmerling“ [das Diplom selbst ist auf fünf Blättern von dem Kalligraphen Emphinger ausgeführt; der Entwurf des Deckels von Professor Wastler, die Metallverzierungen aus der Anstalt des Dr. Schmit Ritter von Tavera]. – c) Xenien auf Schmerling. Als es Mode geworden, daß sich die österreichischen Parlaments-Mitglieder wechselseitig mit Gastgeschenken – der gut deutsche Name für das griechische: Xenien – regalirten, ein im parlamentarischen Leben bisher neuer Vorgang, und als Freiherr von Pratobevera zuerst mit seinen „Silhouetten aus dem österreichischen Reichsrathe“ (1862) auftrat, ihm „Joannes Nepomucenus Non ultra Montanus mit seinem Photogrammen aus dem niederösterreichischen Landtage (im nämlichen Jahre) folgte, und „Carte blanche“, deren Verfasser Jul. Alex. Schindler (Julius von der Traun) den Reigen mit der jedenfalls pikantesten Gabe schloß, wurde denn auch der Staatsminister von Jedem derselben mit einer Xenie bedacht und interessant ist es, Jeden von ihnen zu hören. Freiherr v. Pratobevera widmet Schmerling in seinen „Silhouetten aus dem österreichischen Reichsrathe“ (Leipzig 1862, Wigand, 12°.) folgende Zeilen: Jeder Zoll ein Mann, der für Oesterreichs Freiheit und Größe | Warmen Herzensschlag birgt in verschlossener Brust. | Seines Kaisers Ruf fand ihn zum Opfer gerüstet |Und mit treuem Muth riß er den Schleier entzwei. | Er, des Glückes Sohn, faßte vor schwindelndem Abgrund | Mit gestähltem Arm noch in das rollende Rad | Dankbar staunte das Volk, doch viele von dessen Erwählten | Bringen dem großen Werk, ach! nur ein kleines Geschlecht | Statt mit kräftiger Hast des Baues Grundstein zu senken | Tief in gesicherte Ruh’, bröckeln sie gierig daran | Und um das winzige Ich im Horne des Tages zu hören | Tönt ein verworren Geschrei über des Meisters Geheiß. | O ermatte nicht! Sie werden endlich sich beugen |Und für Wahrheit und Recht nahet, der siegende Tag. – Kurz, aber zutreffend, [185] wie es immer Berger’s Weise war, sagt dieser: Wie Euch das Schweigen Schmerling’s wohl gefällt? Es zeigt, was er von Eurem Reden hält. – Wie eine Sybille läßt sich nun „Carte blanche“ vernehmen, wenn sie das Schmerling gewidmete Blatt mit folgenden Zeilen ausfüllt: Werth, daß Jeder dich ehrt, doch ehre auch du die Andern; | Götter siegen allein, rufen nicht Helfer noch Freund! | Lange noch bist du nicht Zeus, nicht Ares und auch nicht Apollon, | Wenn du auch runzelst die Stirn’, Künste und Waffen auch liebst.| Niemals in ein Gefäß ward alle Weisheit verschlossen: | Leuchtend aus ewigem Quell, rauschet uns Allen der Strom. | Darum neige das Haupt und lösche die Schrift von der Stirne: Ich nur bin es allein, alle die Andern sind Troß! | Sonst entbehrst du des Raths und der Hilfe kraftvoller Männer, | Donnernd entrollt dir der Stein und es begräbt dich dein Bau | Ach, was frommt dir der Schwarm, der dich seit Jahren umdränget | Der nur nimmt und nicht gibt, der Deine Kränze zerpflückt? | Redlich bist du und stark, hast Muth und seltene Gaben! | Bist ein stattlicher Baum, aber voll Raupen und Moos. | Wacker bau’st du dein Feld, doch was dein Pflug auch gewinne | Frißt dein Gesind. O wirf es aus dem Haus – und du siegst. [Inder That, es ist unglaublich, aber wahr: Unzahl war die Schaar der Speichellecker, welche sich um den gefeierten Staatsmann drängte. Künstler, Schriftsteller, Journalisten, Einer gab dem Andern die Klinke, Jeder wollte was haben. Das gäbe interessante, lehrreiche Seiten, wollte Herausgeber dieses Lexikons niederschreiben, was er in jenen Tagen als stummer Augen-und Ohrenzeuge Alles gesehen und gehört.] – Einer andern in jenen Tagen erschienenen Xenien-Sammlung entnehmen wir folgende treffende Impromptu’s an den Staatsminister: 1) Gebt ihm „polnische Zungen“ nur zu kauen | „Böhmische Buchtel“ und echten „Preßburger Mohn“. | Wir versichern euch, er wird’s verdauen |– Gut ist seine Constitution. – 2) Viel geschmäht und viel gepriesen | Echter Tory, echter Whig | Ueber dir nur Einen Riesen: | Das allmächtige Geschick | Denn was unlenkbar, zu lenken | Ward gegeben dir als Chance –| Und nichts blieb dir, als zu denken: | Hony soit qui mal y pense. – 3) Englisch in Haltung, im Herzen germanisch, gewandt wie ein Franzmann | Fehlt ihm nichts mehr als die Gab’ machiavellischer Kunst. – Gratzer Zeitung 1861, Beilage zu Nr. 1: „Dem Staatsminister“, von C. Cerri [ein schwungvolles Gedicht mit der bezeichnenden, den Staatsminister charakterisirenden Stelle: „Ein hohes Ziel! – du hast es uns gegeben| Als deine Hand besiegt des Irrthums Schranken | Zum Boten für ein neues Völkerleben | Sich auserkor den leuchtenden Gedanken | Und uns, mit dem Gesetz und Recht verbündet | Humanität als künft’gen Lenz verkündet“]. – Inn-Zeitung 1862. Beilage zu Nr. 47, S. 269: „An Schmerling“, von B. Hunold. [Ein Name klingt in allen Landen | Vor dem der finst’re Geist entwich | Und wenn nicht Alle dich verstanden | So lieben doch die Besten dich. | Wenn Kastengeist dich will verhöhnen | So jubelt dir die Menschheit zu: | Die Nachwelt wird ein Leben krönen | Das fleckenlos erscheint wie du. | so heißt es unter andern wohlklingenden Strophen, welche, wie er sich selbst nennt, ein Schweizer Bürger dichtete, der stolz und selbstbewußt zu Ende sagt: Beim Throne bettelt keine Gnaden | Ein freier Sohn der Republik.] – Kölnische Zeitung 1865, Nr. 224: Ein Gedicht, betitelt: „Ein großes Wort“, aus dem „Kladderadatsch“, anknüpfend an den Toast, den Schm. bei der Feier der Wiener Hochschule ausgebracht. – d) Noch sei hier eines Curiosums, das unenträthselt vor uns liegt, gedacht. Die S. Schmerber’sche Buchhandlung in Frankfurt a. M. gab im Jahre 1849 in kl. Folio ein „Parlaments-Album. Autographirte Denkblätter der Mitglieder des ersten deutschen Reichstages“ heraus und im Register erscheint Anton von Schmerling und wird auf Blatt 63 hingewiesen. Daselbst steht obenan wörtlich: „Borussia, in diesem Augenblicke | Ist Deutschlands ganzes Aug’ auf dich gerichtet; | Denn nicht ist zwischen dir und ihm vernichtet | Das alte Blutband – dein’s ist sein Geschicke | Jetzt gib ein Beispiel Fallens oder Siegen | Auf, greif nach des Geschickes dunklen Pfändern | Keck mit dem Wahlspruch: „Gottes Hände wiegen’s!“ Unter diesen Versen steht: „Frankfurt a. M. am 12. März 1849. A. Schmerling. Gßh. Hessischer Ministerialrath und Reichstags-Abgeordneter des zweiten G. Hessischen Wahlbezirkes (Umstädt)“. Das hat Minister Schmerling nie gedacht, noch weniger geschrieben. Gab es noch einen zweiten Abgeordneten A. v. Schmerling? Wenn nicht, was soll’s mit [186] dieser Mystification? Das Facsimile hat fast – aber nur fast – einige Aehnlichkeit mit der Schrift Schmerling’s.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Heckscher
  2. Vorlage: S. 61