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Louis Schönherr und sein Webstuhl

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Textdaten
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Autor: Theodor Goebel
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Titel: Louis Schönherr und sein Webstuhl
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 687–691
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[687]

Deutschlands große Industrie-Werkstätten.

Nr. 17. Louis Schönherr und sein Webstuhl.

Was möchte so ein biederer altägyptischer Webermeister für ein verdutztes Gesicht machen, führte man ihn an einen Webstuhl von heute! Wohl ist das mechanische Grundprincip dieser vielleicht ältesten Maschine der Welt durch Jahrtausende dasselbe geblieben, wir sehen auf den alten Wandmalereien am Nil häufig den Weber im Webstuhl abgebildet mit unverkennbarer Andeutung von Schuß und Kette, und das Linnen der Mumien zeigt genau wie das heutige gekreuzte Fadenlage.

Und dennoch würde höchstwahrscheinlich die gesammte ehrsame Leineweberzunft von Theben und Memphis mit „Gunst und Verlaub“ auf und davon laufen, wenn dieselbe einen modernen Bruder jener alten Webstühle erblicken sollte; er frißt das Garn centnerweise, geberdet sich wie toll, regt Tausende von Armen und Aermchen zu gleicher Zeit, und nur die Webstoffe wachsen mit einiger Ruhe und Behaglichkeit aus dem aufgeregten Ungethüm hervor nach der löblichen Tendenz: „Je länger, je lieber.“

Der Verfasser, zwar nicht Fachmann, aber ziemlich heimisch zwischen den Riemenscheiben der mannigfaltigsten Fabriken, nimmt keinen Anstand, den Webstuhl an seiner vieltausendjährigen Entwickelung [688] als eines der größten mechanischen Kunstwerke hinzustellen, deren sich unsere Cultur erfreut. Hier greifen so ziemlich alle nur möglichen mechanischen Vorrichtungen zusammen zu einem Werke, und dieses eine Werk kann wieder unendlich vielseitig gestaltet werden durch die fast unerschöpfliche Möglichkeit anderer Anordnungen eben dieses proteusartigen Mechanismus.

Die meisten Menschen machen denn auch große Augen vor einem arbeitenden Webstuhl, staunen und gehen wieder fort, ohne sich das Wunder erklären zu können. Und ein Wunder ist’s auch wirklich! Das eilt und schießt hin und her, das neigt und beugt sich, dreht, wendet, hebt und senkt sich; dort starke Schläge, hier die subtilsten Verrichtungen, hier zittert’s kurz und wellenförmig, dort wirkt eine behäbige mechanische Kraft in ruhigen Umgängen, oben rückt’s aus, unten setzt’s ein und an allen Stellen schier wechselt’s in toller, unerklärlicher Laune, dazwischen ertönen Signalwerke und über dem stark bewegten Fadengewirr schwebt wie eine Art heiliger Geist die Jacquard-Maschine und schiebt ihre durchlöcherten Karten in breiten Lagen hastig vorwärts, als fürchte sie, nicht nachzukommen.

Die Schönherr’sche Webstuhlfabrik in Chemnitz.0 Nach der Natur aufgenommen von E. Limmer.
1. Fabrikanlage. 2. Tischlersaal. 3. Motiv aus dem Parke. 4. Montirsaal. 5. Schmiede. 6. Verladung.
7. Eisendrehereisaal. 8. Eisengießerei. 9. Eisenhobeleisaal.


Aber es herrscht in dem argen Durcheinander eine strenge Ordnung. Nach festen Gesetzen sieht man aus den Wirrnissen die herrlichsten Phantasiegebilde von einer ganz ungeheueren Mannigfaltigkeit aufblühen. Wir kennen sie ja Alle, diese Hunderttausende von Webmustern und Webstoffen; hat doch jeder Mensch seinen eigenen Geschmack, und der modernen Weberei ist es ein Leichtes, diesem millionenköpfigen Ungeheuer zu Willen zu handeln.

Und das sollte kein Wunder sein?

Aber dieses enorme Capital von Menschenwitz und Findigkeit ist nicht auf einmal und am allerwenigsten von Einem allein angesammelt worden. Alle Culturvölker der Erde haben ihre Beiträge hierzu gestellt und unser liebes Deutschland sicher nicht die kleinsten. Wir haben einen Mann in Deutschland, einen schlichten Weberssohn aus Plauen im Voigtlande, dessen Name mit der Geschichte der Weberei verknüpft sein wird für alle Zeiten.

Die Fachleute, die diesen Artikel zu Gesicht bekommen, werden sogleich wissen, daß kein Anderer gemeint sein kann, als der Erfinder und Webstuhlfabrikant Louis Schönherr in Chemnitz. Auch der großen Leserwelt wird der Name schon begegnet sein und wär’s auch nur in einer Annonce, in der etwa eine französische, spanische, russische, italienische oder japanesische Weberei einen Werkmeister sucht, „der mit Schönherr’schen Webstühlen vertraut sein muß“.

Dieser Schönherr’sche Webstuhl ist eine Erscheinung in der Weberbranche von ganz unberechenbarer Bedeutung; doch da ich mich als Nichtfachmann ehrlich declarirte, möge das eine Fach-Autorität bestätigen: Regierungsrath Dr. Hartig, Professor am Dresdener Polytechnicum, schreibt über den Schönherr’schen Stuhl: „Jeden Freund vaterländischer Industrie muß eine solche Erfindung mit Stolz erfüllen, sie trägt durchaus den Charakter voller Originalität und löst die feinsten Probleme, welche die fabrikmäßige Erzeugung der Gewebe an den Constructeur stellt, und dazu kommt ein factischer Erfolg, wie er in der Geschichte der Weberei ohne Gleichen dasteht“ etc.

Ein solcher Mann verdient gewiß durch die „Gartenlaube“ dem deutschen Volke vorgestellt zu werden, um so mehr, als er trotz seiner erstaunlichen Erfolge schlicht und bescheiden geblieben ist und sich nicht in Stolz und Ueberhebung von den Kreisen abwendete, in denen sein Leben doch eigentlich wurzelte. Doch auch der Leser wird mir verbunden bleiben für die Bekanntschaft mit dem Erfinder und seiner Erfindung; selbst der unscheinbarste [689] Gegenstand gewinnt ja ein erhöhtes Interesse, wenn wir ein wenig in seinen „Personalacten“ herumblättern.

Täglich, stündlich, ja in jedem Augenblick haben wir Webstoffe vor Augen, sie sind das erste Culturattribut, mit welchem der nackt in’s Leben gestoßene Mensch in Berührung kommt, sie bilden auch die letzten Hüllen, den letzten Schutz, wenn wir zu Staub zerfallen, und warum sollten Männer und Maschinen, die so eng mit diesen Freunden im Leben und Tod verwachsen sind, nicht interessant sein? Diese Frage ist leider keine müßige, man will nur zu oft Fachberühmtheiten in die Fachliteratur verwiesen sehen, welche vielleicht an cultureller Bedeutung ein halbes Dutzend Berühmtheiten von der „normalen Sorte“ weit hinter sich lassen.

Louis Schönherr ist neben dem Webstuhle zur Welt gekommen; sein Vater war Handelsweber in Plauen im Voigtlande, und der Webstuhl sollte auch sein Leben ausfüllen. Sein Geburtsjahr (1817) fällt in die Zeit, da sich unser Vaterland von den schweren Kriegen langsam erholte, seine Jugend aber tritt mit jenen frischen Jahrzehnten zusammen, in welchen die ganze Welt in eine förmliche Aufregung durch die vielseitigsten neuen mechanischen Ideen gerathen war.

Es muß unserem Erfinder nicht sehr wohl in seiner Jugend ergangen sein; wir finden ihn 1826 als Kühjungen beim Schulmeister in Thierbach bei Plauen. Wasser- und Windmühlen hat auch er geschnitzelt, doch will ich diese Spielerei nicht als prophetische Erscheinung hinstellen, es haben das schon viele Knaben gethan: „Sind aber keine Weber geworden“, nach Goethe’schem Sinn.

Mit vierzehn Jahren, den Kopf voll Ideen, das Herz voll Erwartung und den Beutel voll Kupfer, wanderte der Knabe in die Fabrikstadt Chemnitz ein, wo schon so Mancher sein Glück schmiedete. Hier war ein älterer Bruder, Wilhelm mit Namen, schon längere Zeit in der sogenannten „Großen sächsischen Maschinenbau-Anstalt“ thätig, und unter dessen Protection durfte der jüngere Bruder als Drehjunge eintreten. An derselben Stelle, wo der Knabe jetzt den Besen führte, um die Eisendrehspähne zu beseitigen, sollte er einst seine wichtigsten Erfindungen machen, aus demselben bescheidenen Fabriklein sollte die größte Webstuhlfabrik auf dem Continent entstehen, und wo er für vierzehn Groschen Lohn per Woche, den Tag zu vierzehn Arbeitsstunden, wirkte, barg der Zukunft Schooß für ihn die wohlverdienten Lebensgüter – eine Wandlung, die schon an sich das innigste Interesse herausfordert.

Der ältere Schönherr war gleichfalls ein inventiöser Kopf, merkwürdiger Weise schlug bei ihm in späterer Zeit der klare mathematische Verstand in eine Art philosophischer Mystik um, die in ihrer Erscheinungsform an Jakob Böhme erinnert. Beide Brüder haben wacker mit einander geschafft, doch getrennt erfunden, der Aeltere erwarb zwei, der Jüngere zehn Patente und die weitaus wichtigsten; dies zur Klarstellung der schon mehrfach erörterten Antheilnahme der beiden Brüder an der Erfindung des Schönherr’schen Stuhls.

Den ersten Erfolg errangen die Brüder mit einander mit einer Werkzeugmaschine, die zugleich hobelte, drechselte, bohrte und Räder schnitt. Das war offenbar ein wenig zu viel auf einmal, indessen kaufte doch die sächsische Regierung die Maschine für 200 Thaler an und stellte sie auf der Brühlschen Terrasse in Dresden dem Publicum zur Schau. Sodann construirten die Brüder selbander eine Geigenmaschine. Die Maschine war gut, berichtet man, aber die Geigen waren schlecht, die sie lieferte, so schlecht, daß auch die Maschine schlecht gemacht wurde und bald [690] in die Rumpelkammer gerieth. Beide Brüder waren zu jener Zeit bereits von der Idee erfüllt, einen mechanischen Webstuhl zu erfinden, einen Webstuhl, der nicht nur das Mechanische der Weberei verrichten sollte, wie es etwa bei Herstellung von Shirtings, Kattun, Leinwand, Tibets etc. allein zur Geltung kommt, nein, er sollte auch die Handwerksvortheile des lebenden Webers wahrnehmen und sich aneignen, sie wollten mit ihrem Webstuhl mehr einen mechanischen Kunstweber herstellen, dem auch die Erzeugung der complicirteren Stoffe möglich wäre. Dazu brauchte es größerer Mittel, welche die Brüder nicht besaßen; sie theilten darum ihr Project einem russischen Edelmann mit, und mit erstaunlicher Schnelle sandte die russische Regierung den Brüdern 2000 Thaler nach Dresden, wofür sie denn auch pflichtschuldigst einen mechanischen Webstuhl für Handbetrieb erfanden, der 200 Schuß in der Minute bewirkte.

Der Erfolg war ein glänzender, der Stuhl erregte Aufsehen, und sicher wären beide Brüder über die Weichsel in das Land des weißen Czaren gegangen, doch machte man ihnen bang vor der grassirenden russischen Knute. Es ist ja gewiß auch nicht sehr angenehm, ein solches häßliches Ding als Antrieb zu neuen Erfindungen im Hintergrund zu wissen. Die sächsische Regierung, die von dieser Furcht nicht unterrichtet war, wollte sich die emsigen, anspruchslosen und doch so genialen Männer im Lande erhalten, sie gewährte dem Aelteren eine kleine Jahrespension und ermöglichte dem Jüngeren den Besuch des eben erst begründeten Dresdener Polytechnicums. Das war eitle rühmenswerte, segensreiche That. Ohne dieselbe hätten die Brüder ihren Abscheu vor der Knute wahrscheinlich doch noch überwunden, und damit wäre Deutschland um zwei Erfinder ärmer geworden und Sachsen um eine blühende Großindustrie gekommen.

Jetzt waren die Noth-, Sturm- und Drangjahre beendet und es folgt die Vervollkommnung der Erfindung und ihre fabrikmäßige Herstellung.

Eine längere Reihe von Jahren wird am besten übersprungen. Leider fand Louis Schönherr erst 1851 einen Capitalisten Namens Seidler, der den „unerhörten“ Muth hatte, 7000 Thaler für die neue Erfindung in die Schanze zu schlagen. Die ersten Anlagen waren so unglaublich primitiver Natur gewesen, daß ein Aufblühen der jungen Webstuhlfabrik ganz unmöglich erschien, jetzt aber konnte man doch nothdürftig Hülfsmaschinen beschaffen. Im Anfang behalf man sich mit Miethlocalen, später erkaufte man die vormalige sächsische Maschinenbau-Anstalt, die wir bereits kennen, da Louis Schönherr seine Maschinenbauercarriêre hier als Drehjunge begonnen.

Jetzt trat die Zeit der rapiden Entwicklung ein. 1859 ward Schönherr durch den Austritt Seidler’s Alleinherrscher in seinem Reich, 10 Jahre später waren seine Mannen bereits auf 600 Köpfe angewachsen, 1872 kam die landesübliche Umwandlung in ein Actienunternehmen, das vermehrte Capital ermöglichte bedeutende Erweiterungen, doch änderte sich sonst nichts in der Leitung. Gegenwärtig ist man nahe daran, den 22,000sten Webstuhl in die Welt hinauszuschicken und diese 22,000 Webstühle weben so ziemlich in der ganzen Welt am Ruhm deutschen Erfindungsgeistes, deutschen Fleißes und deutscher Solidität.

Die wirthschaftliche Bedeutung dieser Ziffer ist eine ganz außerordentliche, denn sie umfaßt nur schwere Webstühle für Tuche, Buckskins, Segelleinen und ähnliche schwere Stoffe. In Cottbus allein gehen über 4000 Schönherr’sche Buckskinstühle, mit Luckenwalde, Forst und Spremberg steigt die Zahl auf über 4000; sie bilden auch im Ausland die Grundlage für den Erwerb großer Industriebezirke, und dabei sind diejenigen Schönherr-Stühle ganz außer Betracht gelassen, die im In- und Ausland gegen Patentprämie in großer Zahl gebaut worden sind.

Es hat einige Schwierigkeiten, das Hauptverdienst Schönherr’s als Erfinder und Constructeur zum allgemeinen Verständniß zu bringen; man müßte auf die subtilsten Mechanismen eingehen und könnte ebenso gut die höhere Mathematik zum Gegenstand einer populären Abhandlung wählen, aber in der Haupttendenz seiner Erfindung spiegelt sich gleichzeitig auch sein Hauptverdienst. Ihm genügte es nicht, die rein mechanischen Verrichtungen der Weberei den Menschen abzunehmen, er wollte, wie schon früher angedeutet wurde, die Individualität des guten Handwebers auf die mechanische Weberei übertragen, er wollte die Handwerksvortheile in derselben nicht entbehren.

Der Handweber giebt mit der Weberlade seine Schläge, mit denen er den Schußfaden an die Kettenfaden festschlägt, in grundverschiedener Stärke, je nachdem die tausendfach verschiedenen Stoffe es verlangen; er giebt oft zwei, auch drei Schläge von wechselnder Stärke für jeden Faden, und man sollte meinen, nichts sei leichter, als diese Schläge mechanisch nachzuahmen, und doch ist ganz das Gegentheil der Fall. Es sind eben nach einem bestimmten Gefühl des Webers abgemessene elastische Schläge, die dann unter Umständen ein so weiches, sammetartiges Tuch herstellen. Schönherr hat in seinem Stuhl, im Gegensatz zu allen anderen existirenden mechanischen Stühlen, diese elastischen einfachen oder doppelten Schläge erzielt durch ein System von Excentern, dies sind ungleiche Scheiben, welche den Anschlag durch einen an sich sehr einfachen Mechanismus vermitteln, und diese Anordnung bedingte eben eine ganz eigenartige Construction des übrigen Mechanismus am Schönherr’schen Webstuhl.

Der Erfinder hat demnach erreicht, was er wollte, er hat dem guten Handweber die feinsten Handwerksvortheile abgelauscht, während der schlechte nicht mehr in Frage kommen kann. Die Tuche, wie sie der Schönherr’sche Webstuhl zu liefern vermag, erinnern in ihrer sammetartigen Derbheit an jene ehrwürdigen Zeiten, da der Enkel des Großvaters Rock trug, wenn er zur Confirmation schritt. Bei den jetzt gebräuchlichen lockeren modernen Stoffen sind solche langjährige Umwandlungen freilich unmöglich geworden, und nur diese vergängliche Mode hat in neuerer Zeit dem leichter gebauten, leichter arbeitenden amerikanischen Kurbelwebstuhl auch in Deutschland Eingang verschafft, ohne gerade dem Schönherr’schen Abbruch zu thun. Uebrigens baut die Fabrik, um dem Geschmack der Neuzeit Rechnung zu tragen, auch solche Kurbelwebstühle, die in den Schönherr’schen Werkstätten wesentlich verbessert worden sind.

Neue Errungenschaften sind die Einrichtung des Schönherr-Stuhles auf leinene Damaste, die bisher eine Domäne des Handwebers geblieben waren, aber sich freilich auch für ihn nicht sehr ergiebig zeigten. Dieser Stuhl liefert die bekannten prächtigen großen Muster in viel größerer Mannigfaltigkeit als der Handstuhl; man wird nunmehr bald auch in minder bemittelten Familien diese herrlichen Leinendamaste aufdecken können, weil die fabrikmäßige Herstellung dieselben zweifellos sehr verbilligen wird.

Die vielen kleineren Erfindungen und Verbesserungen können hier nicht aufgezählt werden.

Daß in einer Fabrik, in welcher so viel erfunden und verbessert wurde, die eisernste Solidität in der Ausführung eiserne Regel ist, kann als selbstverständlich angenommen werden, erwähnt sei nur, daß jedes Lager ohne Ausnahme mit Edelmetall ausgefüttert wird.

Zu einem Gang durch die Fabrik will ich meine Leser nicht einladen; es giebt keine interessanten Processe zu beschreiben, wie etwa in Hütten, Spinnereien u. dergl. Wir sehen wohl, wie die Tausende von Theilen und Theilchen auf den besten Hülfsmaschinen hergestellt werden, aber keine der Arbeiten kann auf ein besonders hervorragendes Interesse Anspruch erheben. In den Montirsälen stießen die Massen von Wellen und Wellchen, Rädern und Räderchen, die Bäume, die Schützen und Gott weiß was für mögliche und schier unmögliche Excenter, Wangen, Schienen und sonstige Theile zusammen, und das Zusammen kann wohl das Auge direct fesseln, aber für eine Vermittelung durch die Feder ist der Bau eines Webstuhls, wie dieser selbst, zu complicirt.

Herzlich erfreut war ich über einen seltenen Umstand: die Schönherr’sche Fabrik ist durch und durch eine deutsche. Hier giebt es keine fremden Patente, keine englischen Werkmeister, und von den 291 Hülfsmaschinen sind nur 10 ältere ausländischen Ursprungs, man verschmilzt jetzt in der Hauptsache nur deutsches Eisen, und die 750 Arbeiter hämmern, feilen und drehen nur mit deutschen Werkzeugen.

In der großartigen Tischlerei von 123 Meter Länge und 27 Meter Breite arbeiten 24 große Holzbearbeitungsmaschinen von mammuthartigen Dimensionen. Man stellt hier zuweilen Weberbäume her, die der Größe nach eigentlich in die Vorwelt gehören. Letzthin verließ ein Webstuhl die Fabrik, auf welchem 7 Meter breites Segelleinen gewebt werden soll, das ist jedenfalls der Goliath unter allen Webstühlen.

Die kolossalen Holzlager und die Dampfschneidemühle seien nur erwähnt. Für Eisenbearbeitung sind 267 Maschinen in [691] Thätigkeit. Drei Dampfmaschinen und vier vom Chemnitzfluß getriebene Turbinen bewegen das Ganze durch eine Transmission von 11/10 Kilometer Länge.

Von der geschäftlichen Leitung hat sich Louis Schönherr seit einigen Jahren zurückgezogen, wohl aber hat er sich seinen Versuchssaal vorbehalten, wo der noch in hohem Grade rüstige Herr mit einigen findigen Beamten ungestört an der Lösung weiterer mechanischer Probleme arbeitet. Mancher Fachmann gäbe vielleicht Tausende darum, könnte er hier sich stundenlang so frei umsehen, wie der Verfasser es thun durfte. Mir ist nur freigegeben, von einem originellen Schönherr-Stuhl zu sprechen, der einem interessanten Zweck dienen soll. Die Idee gehört dem Webschullehrer Knorr in Chemnitz an und kann nur mit Hülfe des Schönherr’schen Systems verwirklicht werden; es richtet sich dieselbe gegen die Falschmünzerei und interessirt sich besonders die russische Regierung dafür, die bekanntlich arg geplagt ist von förmlichen „Industriegesellschaften für falsches Papiergeld“. Ein deutscher Weblehrer und ein deutscher Webstuhlbauer sind nun darüber, gründliche Abhülfe zu schaffen. Der Webstuhl stellt ein sehr feines complicirt gemustertes Gewebe her, das auf der Papiermaschine gleich mit in das Papier einlaufen soll, aus welchem die Banknoten verfertigt werden. Die Falschmünzer werden sich in Zukunft einen Schönherr’schen Webstuhl von besonderer Construction anschaffen müssen, sodann brauchen sie eine Papierfabrik und eine Druckmaschine, und wenn sie Alles haben, fehlt ihnen noch die Hauptsache – nämlich das Webmuster. Man macht’s den Leuten wirklich recht sauer.

Persönliches ist über Louis Schönherr wenig zu berichten, sein Leben ist Mühe und Arbeit gewesen, und trotz seiner großen Erfolge ist er schlicht geblieben, wie einer der einfachsten Bürger. Inmitten seiner Fabrik, seiner Häuslichkeit ist er ein Patriarch, kein eigentlicher Herr, und auch als Familienvater kann er es mit den gesegnetsten biblischen Stammvätern aufnehmen, er braucht Niemand weiter als seine Kinder einzuladen, wenn er mit einem reichlichen Dutzend am Tische sitzen will.

In einem so erfinderischen Zeitalter kann Neues leicht das Alte stürzen, niemals aber werden die Grundprincipien der Schönherr’schen Erfindung untergehen, sie wurzeln nicht oberflächlich in der vergänglichen Mode, sondern in der alten gediegenen Handweberei, und der Name Schönherr wird geehrt werden müssen, so lange ein Volk überhaupt anerkennt, daß es einem bedeutenden Erfinder, einem rastlosen Verbesserer Ehre und Dank schuldet.

Th. G.