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Die Sage vom Doctor Faust

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Autor: Fr. Helbig
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Titel: Die Sage vom Doctor Faust
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41–42, S. 671-675, 685-687
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Geschichte und Verwendung des Faust-Themas
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Die Sage vom Doctor Faust.

Von Fr. Helbig.
I.
Faust und der deutsche Volksgeist. – Die Faust-Prometheus. – Urkundliche Existenz des Doctor Faust. – Glauben und Wissen. – Die Magie. – Die Faust-Idee. – Das Faust-Buch von Spieß. – Marlow. – Englische Komödianten. – Das Puppen- und Volksspiel. – Faust wird „gerettet“. – Lessing. – Das Münchener Faust-Drama.

Der Genius des deutschen Volks darf es sich zu hohem Ruhme anrechnen, daß er die tiefsinnigste aller Sagen, die Sage von Dr. Faust, zur Existenz und zugleich zur höchsten künstlerischen Entwickelung gebracht hat. Im Schooße der romanischen Völker konnte nur ein Don Juan, kein Faust entstehen. Und als dieser romanische Don Juan doch über die deutsche Grenze hinüberging, schlüpfte er ganz unversehens in das Gewand des weiland „Doctors und Magisters“, das heißt er erhielt ein höheres geistiges Relief. Auch der polnische Faust kommt nicht über den alten Don Juan hinaus. Die Faust-Sage ist aber auch mit dem deutschen Volksgeiste auf’s Innigste verwandt. Es steckt in ihr ein gut Stück davon, wenn nicht das Ganze.

Die Idee der Faust-Sage finden wir schon im hellenischen Alterthum, ein Umstand, der eben nur die nahe Verwandtschaft des griechischen mit dem deutschen Geiste documentirt. In dem praktischen Realismus der Römerwelt freilich konnte keine Faust-Sage erstehen. Eine gewisse Faust-Idee lag den Eleusinischen (Dionysos-)Festen zu Grunde, welche den Kampf des Geistigen mit dem Fleische, des Irdischen mit dem Göttlichen symbolisieren. Noch greifbarer trat sie zu Tage in der Sage von Prometheus und Dädalus-Icarus. Auch Dädalus und Icarus strebten, dem Faust vergleichbar, über die Erde hinaus der Sonne zu und büßten die vermessene Ueberhebung mit der Erkenntniß menschlicher Ohnmacht. Auch Faust-Prometheus wollte den Menschen das Licht, die Erkenntniß, bringen, aber die eifersüchtigen Götter warfen den verwegenen Himmelsstürmer zurück auf die Erde und straften ihn mit ewig nagender Pein, wie seinen späteren deutschen Nachfolger mit den Qualen der Hölle. Die Entwicklung der deutschen Faust-Sage ist indeß eine ganz selbstständige, wenn auch einzelne altgriechische Motive, wie z. B. die Entführung der Helena, hinein verwebt sind.

Die erste Frage, welche uns zu beschäftigen hat, würde zunächst wohl die sein: Hat ein Doctor Faust überhaupt gelebt? Durch zeitgenössische Zeugnisse wird diese Frage auf das Bestimmteste bejaht. Schon das älteste literarische Document der Faust-Sage, das im Jahre 1587 gedruckte Faust-Buch des Buchdruckers Spieß, deutet in der einleitenden Widmung darauf hin. „Es sei,“ heißt es dort, „seit vielen Jahren schon eine gemeine und große Sage in Teutschland Doctor Johannis Fausti, des weitbeschreiten Zauberers und Schwarzkünstlers, gewesen und allenthalben eine große Nachfrage bei Gastungen und Gesellschaften nach des gedachten Fausti History gewesen.“ Der Verfasser schickt dann auch eine genaue Lebensbeschreibung Faust’s voraus, läßt ihn in Roda bei Weimar geboren sein, schildert ihn als einen „geschwinden Kopf“, der zu allerlei Muthwillen aufgelegt gewesen sei und für die Theologie, zu der ihn seine Eltern bestimmt hatten, keine rechte Zuneigung empfunden, es gleichwohl aber durch seine geistige Findigkeit und Geschicklichkeit schon im sechszehnten Jahre zum Magister und Doctor der Theologie gebracht habe. „In dieser wissenschaftlichen Unbefriedigtheit,“ heißt es in dem Buche weiter, „wandte er sich nach Krakau, einer Hochschule der Zauberei, und studirte Tag und Nacht die nekromantischen und andere Bücher, wollte sich nachher keinen Theologen mehr nennen lassen, ward vielmehr ein Weltmensch, zugleich auch ein Arzt, der vielen Leuten half, ein Astronom und Mathematiker.“

Aber auch schon vor dem Erscheinen des Spieß’schen Faust-Buchs wird der Person des Faust mehrfach urkundlich Erwähnung gethan. So in einem Briefe des Abts von Sponheim Trithemius vom 20. August 1507. Dort erscheint er unter dem Namen Georg Sabellicus, und in der That scheint dies sein rechter Name, und der Name Faustus - der Glückliche - nur ein Beiname gewesen zu sein. Trithemius nennt ihn „einen Landstreicher, Schwätzer und Betrüger, der sich eher einen Narren als einen Meister nennen sollte“; Beghardi in seinem „Zeyger der Gesundeheit“ (1525) einen tapferen Mann, der fast durch alle „Landschaften, Fürstenthümer und Königreiche“ gezogen und die Kunst der Nekromantie, Physiognomie und der Visionen der Krystalle gezeigt habe.

Ebenso gedenkt Johann Gast, ein protestantischer Theologe, in seinen 1554 erschienenen Tischreden seiner, und Johann Manlius erwähnt in seiner Sammlung von Gemeinplätzen aus den Reden Melanchthon’s und anderer berühmter Leute (1566) der persönlichen Bekanntschaft Melanchthon’s mit Faust. Melanchthon erzählt dort von ihm, Faust sei aus Kundlingen in Schwaben, nahe von Melanchthon’s Geburtsort Bretten, gebürtig gewesen, habe in Krakau die Magie erlernt und sei sich geheimer Künste rühmend an vielen Orten umhergezogen, auch mehrfach der Gefangennahme durch Häscher entwischt. Selbst in Luther’s Tischreden wird eines Schwarzkünstlers Faustus gedacht, an den Luther seine Ansichten über den Teufel anknüpft.

Conrad Geßner schreibt in einer Epistel vom 16. August 1560 an den kaiserlichen Leibarzt Kreto von Krafftsheim von einem Faust, der vor nicht langer Zeit gestorben sei und einen außerordentlichen Ruf gehabt habe. Ein gleiches Zeugniß finden wir bei Johann Wier 1565 in dessen Werke über die „Spuren der Dämonen“. Auch der Jurist Camerarius will 1602 ältere Leute gesprochen haben, welche den Johann Faust von Kundlingen noch gekannt und viel von ihm gehört hatten, während der Theolog [ADB:Bullinger, Heinrich|[Heinrich Bullinger]] 1575 ihn unter seine Zeitgenossen zählt und Leonhard Thurtneißer in seinem Zaubertheater ihn den Zauberern beigesellt. Auch Franz von Sickingen hat aus seiner Burg eine zeitlang die Gesellschaft des Faustus Sabellicus jun. genossen.

Daß Faust längere Zeit an der Universität Erfurt gelehrt und dort sein Wesen getrieben haben soll, scheint eine Angabe von Mutianus Rufus[WS 1] zu bestätigen, indem derselbe 1513 in einem Briefe an einen Freund schreibt: „Es kam vor acht Tagen quidam Chiromanticus (ein gewisser Schwarzkünstler) nach Erfurt Namens Georg Faust, ein Prahler und Schwätzer.“

Aus dem Allen scheint hervorzugehen, daß Faust eine Art verdorbener Gelehrter war, der in der Weise der fahrenden Schüler ohne feste amtliche Stellung zum Aergerniß der Gelehrtenzunft, von der er abgefallen war, abenteuernd im Lande umherzog und das Volk durch allerlei Kunststücke und Eulenspiegeleien haranguirte. Wahrscheinlich hat es auch mehrere solche Fauste gegeben, da wir einem Faustus jun. begegnen.

Zur Feststellung des erst volksthümlich und zuletzt literarisch berühmt gewordenen Faust sind dann eine Anzahl von Zügen und Handlungen anderer theils sagenhafter, theils zu einer historischen Merkwürdigkeit gelangter Personen, wie z. B. des Zauberers Virgilius, des Theophrastus Paracelsus, verwendet und mit dieser Person dann die Faust-Idee selbst in Verbindung gebracht worden.

Diese Idee war aber ein Product ihrer Zeit, sie lag gleichsam

[672]

Valentin’s Tod.
Aus der Faust-Aufführung im Leipziger Stadttheater, 1. Tagewerk 4. Act 10. Scene.
Originalzeichnung von E. Limmer.

[673]

Faust läßt vor dem kaiserlichen Hofe Helena und Paris erscheinen.
Aus der Faust-Aufführung im Leipziger Stadttheater, 2. Tagewerk 1. Act 8. Scene.
Originalzeichnung von E. Limmer.

[674] in der Luft. Sie spricht sich bereits im Eingange des Spieß’schen Faust-Buchs aus, wenn es dort heißt: „Faust nahm sich Adlersflügel, wollte alle Gründe im Himmel und auf Erden ausforschen, denn sein Fürwitz, Freiheit und Leichtfertigkeit stachen ihn und reizten ihn nur, daß er deshalb den Teufel vor sich gefordert.“ Es war der in jene Zeit hineingeworfene Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen, ein Zwiespalt, welcher der kindlicheren Lebensanschauung des Mittelalters nach fremd war. Für das Ansehen der Kirche drohte diese Erneuerung des philosophischen Denkens, dieses Streben nach Erkenntniß, das besonders durch die neu ausgegrabene Literatur der alten Welt gefördert worden war, sehr verhängnißvoll zu werden. Sie war daher rasch mit ihrem Fluche bei der Hand und erklärte alles Streben und Forschen nach Dingen, die außerhalb der gemeinen Erkenntniß lagen und den Glaubenssätzen der Kirche widersprachen, für einen Abfall von Gott und folgerecht für eine Verbindung mit dem Widerpart Gottes, dem Satan. Für einen solchen Abfälligen verschloß sich auf immer das Thor ihrer Gnade, der Eingang zum Himmel. Für einen Don Juan hatte sie, wenn er sich zu Reue und Buße bekehrte, noch Gnade, für einen Faust – niemals.

Zu dem kam noch ein anderer Umstand. Neben dem kirchlichen Glauben hatte sich im Schooße des Volkes noch eine Art Afterglaube, der Aberglaube, entwickelt. Derselbe hatte seinen Ausgang im altgermanischen Heidenthum. Die Kirche hatte zwar einen Theil dieses altheidnischen Cultus in christliche Formen zu bringen verstanden. Es blieb aber noch Mancherlei übrig, das im Schooße des Volkes sein heimlich genährtes Dasein fristete. Das Volk glaubte noch an geheimnißvolle Naturkräfte, welche durch Dämonen vertreten und in Bewegung gesetzt würden. Durch die Kenntniß dieser Naturkräfte konnte man übernatürliche Wirkungen hervorbringen und sich in den Besitz von Dingen und Genüssen versetzen, die auf den gewöhnlichen Wegen unerreichbar blieben. Dazu mußte man freilich die Gunst jener Dämonen erringen. Diese Dämonen aber standen außerhalb des Christenthums. Wer sich mit ihnen verband, fiel von dem Christenthum ab und folgerecht der Hölle anheim.

Weiter hatte sich schon unter den alten Aegyptern, Chaldäern und Griechen eine geheim gehaltene Wissenschaft entwickelt, welche den Wissenden die Kenntniß übernatürlicher Dinge und die Macht übernatürliche Wirkungen hervorzubringen, das ist zu zaubern, in gleicher Weise vermittelte. Diese von den Arabern dann noch besonders ausgebildete Wissenschaft führte den Namen der Magie – im Grunde war dieselbe nichts weiter als ein Spiel mit leeren Formeln – und war inzwischen vom Morgenlande nach dem Abendlande gekommen. Sie wurde von der wissensdurstigen Zeit begierig aufgegriffen. Auch diese Magie wurde von der christlichen Kirche, von der sie theilweis ihre Formen borgte, verurtheilt und ihre Anhänger wurden geächtet.

Endlich hatte die Wiedererweckung der Antike in jener Zeit der Renaissance auch das heitere Sinnesleben des Alterthums mit geweckt. Die Kirche aber war dem weltlichen Treiben abhold, sie verlangte Entsagung und Abkehr von den Freuden dieser Welt. Wer den letzteren zu stark sich hingab, machte sich des Bündnisses mit den Mächten der Hölle in gleicher Weise verdächtig; daher wurde auch Don Juan in den alten spanischen Sagen eines solchen Bundes geziehen.

Aus diesen Widersprüchen und Anschauungen heraus erwuchs nun die Faust-Sage, in der sich dieselben gleichsam verdichteten. Gehen wir nun zu den einzelnen dichterischen Bearbeitungen derselben über.

Das Faust-Buch von Spieß erzählt uns, wie Faust in einem Walde bei Wittenberg die Beschwörung der höllischen Mächte vorgenommen. Die Hölle folgt dem an sie ergangenen Rufe und sendet ihren Abgesandten Mephistopheles; die einzelnen Punkte der vorläufigen Uebereinkunft werden verabredet. Faust verlangt, daß der Geist ihm unterthänig sei und Alles thue, was er begehre; dieser wieder, daß Faust den christlichen Glauben verleugne. Nach vierundzwanzig Jahren will der Teufel ihn holen, bis dahin soll er Alles haben, wonach sein Herz gelüste. Der Verfasser des Buchs theilt die Verschreibung sogar wörtlich mit.

Nachdem der Pact also abgeschlossen und mit Faust’s Blut besiegelt ist, regt sich sofort Faust’s dürstende Wißbegierde, und er stellt an den im Gewande eines Mönchs auftretenden Mephisto allerlei Fragen über das verborgene Wesen der Dinge. Mephistopheles läßt sich nur ungern in die gelehrten Disputationen ein und giebt allerlei ausweichende Antworten. Doch entwirft er eine Art Weltentstehungslehre, schildert den Himmel und mit besonderer Vorliebe die Hölle nach den Anschauungen damaliger Zeit. Als Faust daran nicht genug hat und immer gieriger nach Erkenntniß strebt, als er insbesondere darüber Auskunft verlangt, wie Gott die Welt erschaffen habe, da giebt ihm, wie es im Texte heißt, der Geist einen falschen und gottlosen Bericht. Unbefriedigt über die erlangte Weisheit, beginnt Faust nun die Wahrheit in der Welt selbst aufzusuchen, indem er dieselbe auf einem Drachenwagen an allen Orten und Enden durchstreift. Auf diesen Reisen wird der Gelehrte zum Zauberer und Hexenmeister, der den Papst und Sultan vexirt, dem Kaiser Karl V. die Gestalten der Antike wieder erscheinen läßt und vor dem gemeinen Volke bis zum Hokuspokus eines Taschenspielers herabsteigt. Bei diesem schalen Treiben faßt ihn mehrfach der Ueberdruß und die Reue, die Sehnsucht nach dem verscherzten Himmel, die ihm Mephistopheles durch den Genuß immer neuer Sinnesfreuden zu vertreiben weiß. Alle schönen Frauen des Erdballs führt er in seine Arme. Selbst Helena, das Schönheitsideal der alten Welt, erweckt er wieder zum Leben und verleiht ihm sogar den Scheingenuß ehelichen Glücks an ihrer Seite. Als die Frist abgelaufen ist, verfällt Faust in die kläglichste Verzweiflung. Den Ausbruch seiner Reue und Zerknirschung parodirt Mephisto mit wahrhaft teuflischem Spott. „Du solltest dem Teufel nicht so viel vertraut haben,“ lallt er ihm zu, „denn der Affe Gottes ist ein Lügner und Mörder. Hättest Du Gott vor Augen gehabt und Dich mit den Gaben, so er Dir verliehen, begnügen lassen, dürftest Du diesen Reihentanz nicht tanzen.“

Faust lädt in Folge dessen die Genossen seiner Freunde in der letzten Nacht zu einem Nachtmahle und hält ihnen eine bußfertige Predigt, indem er sie ermahnt, immer Gott vor Augen zu haben und ihn zu bitten, daß er sie vor des Teufels Arglist behüte. Um Mitternacht tobt gräßlicher Lärm um’s Haus und am Morgen findet man von dessen Herrn nichts weiter als sein verspritztes Gehirn. Eine ermahnende, christliche Moral schließt das Buch.

Nach dem Erscheinen des Spieß’schen Faust-Buches bemächtigt sich auch bereits die gestaltende Poesie des anziehenden Stoffes. Schon im Jahre 1594 brachte der englische Dichter Marlow, ein Vorläufer Shakespeare’s, ihn in die dramatische Form. Das im Jahre 1604 zuerst gedruckte Drama schließt sich eng an das Spieß’sche Faust-Buch an, das der Dichter gekannt haben muß. Das Stück beginnt im Studirzimmer Faust’s mit einem Monologe von demselben Gedankeninhalte, wenn auch nicht von derselben Gedankentiefe wie bei Goethe. Faust hat alle Wissenschaften durchstudirt; keine gewährt ihm Befriedigung. Er wirft sie zur Seite und eilt in die Arme der Magie. Durch sie will er zur Gottheit empor. Nun folgen im Stücke die gleichen wißbegierigen Fragen nach den höchsten Dingen, das Durchstreifen der Welt, die Zaubereien und Phantasmagorien, das Begehren nach dem Weiblichen wie bei Spieß. Himmel und Hölle werden als guter und böser Engel personificirt in Scene geführt. Beide streiten sich um Faust. Jener sucht ihn der Tugend, diese dem Laster in die Arme zu führen. Zu dem guten Engel gesellt sich noch Faust’s Vater, der den Sohn flehend bittet, vom Bösen zu lassen. Faust ringt wiederholt mit Reue und Umkehr, aber Mephisto gewinnt immer wieder den Sieg.

Englische Schauspieler, welche namentlich in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Truppen Deutschland durchzogen, brachten Marlow’s Drama zu uns, und aus ihm bildete sich dann unter Benutzung der einheimischen Traditionen das deutsche Volksschauspiel vom Doctor Faust, das bald auf dem Marionettentheater, bald auf der lebenden Bühne erschien. Diese deutschen Schau- und Puppenspiele, deren Wilhelm Creiznach in seiner Schrift „Versuch einer Geschichte des Volksschauspiels von Dr. Faust“ (1878) nicht weniger als acht aufführt, sind in der Hauptsache sich gleich und nur im Einzelnen von einander verschieden. Eigenthümlich ist allen das der Handlung vorausgehende Vorspiel in der Hölle. Hier beschwert sich Charon bei Pluto gegen die Furien, weil sie ihm keine Seelen mehr brächten. Pluto läßt die Furien kommen und ermahnt sie, die Menschen besser zu bearbeiten, sie zu lehren, Böses zu thun, und beauftragt insonderheit den Mephisto, den Dr. Faust in Wittenberg für die Hölle zu erobern, Faust, der seiner Gesinnung nach schon der Ihre sei.

[675] Hier erscheint Faust schon in etwas idealerer Fassung. Noch aber steht der eigentliche Teufelspact im Mittelpunkte der Handlung; noch ist der Fluch der Kirche nicht von ihm genommen. Erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, als eine neue geistige Strömung in die Zeit hineindrang und die gefesselten Geister entfesselte, nahm die Faust-Sage eine mächtige Wendung. Faust wurde nicht mehr gerichtet, er wurde gerettet. Und der zuerst diese rettende That vollzog, war kein Geringerer als Lessing. Lessing hatte im Jahre 1753 in der Schuch’schen Bretterbude auf dem Gensd’armenmarkte in Berlin das alte Volksschauspiel vorstellen sehen und sich dadurch zur dramatischen Bearbeitung des Stoffes angeregt gefühlt. Gleich wie Goethe, hat er den Stoff sein ganzes Leben lang mit sich herumgetragen. In der ersten Bearbeitung schloß er sich noch an die alte Faust-Fabel an, in einer zweiten brachte er die Sage dem menschlichen und zeitlichen Empfinden näher. Von dem erstern dieser beiden Lessing’schen Fauste sind uns nur einzelne Bruchstücke überliefert worden; das Manuscript des zweiten ging Lessing nach seiner eigenen Angabe auf einer im Jahre 1775 unternommenen italienischen Reise spurlos verloren. Neuerdings hat man zwar gemeint in einem in demselben Jahre zu München ohne Angabe des Verfassers gedruckten Faust-Drama den verlorenen Lessing’schen Faust wiedergefunden zu haben, es ist jedoch diese von Engel aufgestellte Annahme besonders von Kuno Fischer bestimmt widerlegt worden. Nur die Idee des Stücks und der ungefähre Gang der Handlung lassen sich aus den zerstreuten Andeutungen Lessing’s und seiner Freunde erkennen. In einer Rathsversammlung des Teufels, in welcher die einzelnen Sendboten der Hölle über den Erfolg ihrer Absendung nach der Erde ihrem Obersten Beelzebub Bericht erstatten, meldet einer dieser Unterteufel, er habe auf Erden einen Menschen gefunden, dem durchaus nicht beizukommen sei. Er habe keine Leidenschaft, keine Schwachheit, nur einen Trieb und eine Neigung: einen unauslöschlichen Durst nach Wissenschaften und Kenntnissen.

„Ha,“ ruft Beelzebub aus, „dann ist er auf immer mein, sicherer mein, als bei jeder andern Leidenschaft.“

Nun erhält Mephisto den Auftrag, diesen Faust der Hölle zu gewinnen; eine Stimme vom Himmel aber ruft: „Ihr sollt nicht siegen!“

Die Geister der Hölle wähnen nun zuletzt doch, gesiegt zu haben, und stimmen bereits einen Triumphgesang an.

„Triumphirt nicht,“ ruft ihnen die Schaar der Himmlischen zu, „Ihr habt nicht über die Menschheit und Wissenschaft gesiegt. Die Gottheit hat dem Menschen nicht den edelsten der Triebe gegeben, um ihn ewig unglücklich zu machen. Was Ihr sahet und zu besitzen glaubet, war nur ein Phantom.“

Ein Engel hatte vorher den echten Faust in einen tiefen Schlummer versenkt und an seiner Statt ein Schemen geschaffen, mit dem die Teufel ihr betrogenes Spiel trieben.

Damit ist Faust mit einem Male dem Banne der alten kirchlichen Tradition entrückt und das spätere Goethe’sche: „Wer immer strebend sich bemüht“, bereits vorbereitet. Der Höllenpact, früher die Hauptsache, ist jetzt ganz nebensächlich geworden; selbst dem Gebiete der Magie ist der Held bereits entzogen.

Auch in dem gedachten Lessing’schen Pseudo-Faust von einem unbekannten Verfasser geht der Himmel siegreich aus dem Kampfe hervor. Faust, der bereits am letzten Tage seiner Erdenfrist angelangt ist, erklärt dem Mephistopheles, daß er die ihm vom Teufel gegebene Macht nur dazu verwandt habe, Wohlthaten auszuüben, und Mephisto beweist ihm mit vernichtendem Hohne, daß er mit all diesen Wohlthaten nur Böses gestiftet habe.

Gleichwohl gewinnt auch in diesem Drama Faust den Himmel. „Die Wage der Gerechtigkeit,“ kündet zuletzt der Engel des Lichts, „ist zwar bei ihm zu leicht gefunden worden, aber die unendliche Barmherzigkeit hat seine Laster weit überwogen.“ Es ist der die Zeit bereits durchwogende Humanitätsgedanke, der hier siegreich triumphirt!

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aus: Die Gartenlaube 1883, Heft 42, S. 685-687
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Klinger’s Faust Roman. – Die Sturm- und Drangperiode. – Chamisso-Schink. – Goethe’s Faust. Endliche Lösung des Faust-Problems wenigstens symbolisch – Faust kommt zur Erkenntniß der Endlichkeit und zur Einschränkung seines Thatentriebes auf die Erde. – Stolte’s Faust. – Lenau. – Die Stadien der Faust-Entwicklung. – Die Faust-Natur der Menschheit.

In dem im Jahre 1792 erschienenen, mit großer dichterischer Kraft ausgeführten Romane von Klinger:„ Faust’s Leben, Thaten und Höllenfahrten“ wird das ähnliche Problem behandelt, wie im Münchener Faust, aber im verneinenden Sinne abgeschlossen. Hier will der mit titanischer Größe gezeichnete, aber auch mit einem wahren Prometheus-Trotze ausgestattete Faust die Hölle zwingen, an die Tugend der Menschheit zu glauben, und verliert die Wette an die Hölle, denn überall, wo er die Menschen auf ihre Tugend und Unschuld prüft und versucht, erliegen sie im halben Entgegenkommen stets dem Versucher. Er, der, ein zweiter Karl Moor, auszieht, die Menschheit an ihren Unterdrückern zu rächen, muß bald an ihrer edlen Bestimmung verzweifeln und stürzt sich zuletzt selbst in den Schlamm des sinnlichen Genusses. Er, der sich vermaß die Hölle zu bezwingen, sinkt zuletzt besiegt und vernichtet ihr in die Arme.

Von jetzt ab sprossen die Fauste wie Pilze aus dem mit allerlei Gährungsstoffen getränkten Boden. Faust, der trotzige Himmelsstürmer, war ganz nach dem Geschmacke der damaligen Sturm- und Drangperiode. Selbst neben und nach Goethe traten diese Fauste noch auf mit dem Anspruche auf ebenbürtige Beachtung. So war namentlich der Faust des Reichsgrafen Julius Soden in dessen 1797 erschienenem Volksschauspiele in seiner Schwärmerei für Vaterland, Humanität und Freiheit das vollendete Ur- und Vorbild der damaligen Zeit.

Im Jahre 1808 schrieb der Dichter Chamisso einen Faust, der sich jedoch nur auf einen Monolog und das Zwiegespräch mit dem guten und bösen Geist beschränkt. Der böse Geist verspricht ihm um den Preis seiner Seele, die Schätze der Wahrheit mit den Worten: „Und was der Mensch vermag, sollst du erkennen!“ Vergebens warnt ihn der gute Geist vor dem trügerischen Pacte. Gott habe in seiner Weisheit dem Menschen die Freude des Daseins gegeben, den Glauben und die Hoffnung, die Ahnung des Unendlichen. Faust will sich damit nicht begnügen, schließt den Bund mit der Hölle und erfährt, daß sie ihn mit Sophistik betrogen, denn das, was der Mensch vermöge zu erkennen, erklärt der Teufel, sei eben nur das, daß der Zweifel des Wissens Grenze sei. Erst der Tod reiße die trennende Mauer ein. Faust verfolgt nun durch Selbstmord die Wahrheit über diese Grenze hinaus.

Falsches Geld.
Nach dem Gemälde von A. Eckhardt.

Das zweibändige Faust-Drama von Schink, das im nächsten Jahre erschien, ist eine poetische Ausführung der Lessing’schen Faust-Idee. Mephisto und Ithuriel, der Engel des Guten, kämpfen hier gemeinsam um Faust’s Seele, der mit dem Leben in verschiedene Berührung gebracht wird. Auch hier strebt Faust nach voller Gottähnlichkeit auf Erden, erreicht auch durch des Teufel Hülfe eine hohe weltliche Macht und Bedeutung, wird dann aber durch denselben höllischen Förderer seiner Pläne seiner menschlichen Ohnmacht inne. Er blickt in den Spiegel der Erkenntniß und sieht dort die ganze Thorheit seines Strebens:

„Den Vorhang, der die Welt der Geister deckt,
Wagt’ ich zu heben mit verweg’ner Hand,
Mich brüstend mit erlogner Herrschermacht,
Hielt ich das Blendwerk lügenhafter Geister
Für Wirklichkeit, der Lüge Possenspiel
Für meiner Ohnmacht hohe Wunderkraft“.

Demüthig erfleht er vom Himmel fortan nichts weiter, als bescheiden stillen Wahrheitssinn, der nur nach dem, was gut und böse ist, von Selbstsucht frei und Eigendünkel, strebt.

Hierin liegt bereits ein großer Fortschritt in der Faust-Entwickelung. Während bei Lessing der Himmel, bei Chamisso die Hölle diese Schlußwahrheit ausspricht, ist hier Faust selbst in dieselbe eingetreten und hat sich erst mit dieser Selbsterkenntniß den Zutritt zu Gott, der, wie es bei Schink heißt, die Wahrheit selbst ist, erkauft.

Allein diese Erkenntniß gewinnt Faust erst im Tode, sie kommt zu spät und kann also für ihn nicht mehr nutzbringend werden. Daß dies geschehe, muß sie bereits früher in Faust auftauchen. Der dies erkannte und die Sage nach dieser Richtung erweiterte und zum endlichen Abschlusse brachte, war Goethe.

Wie bei Lessing, gab auch bei Goethe das Puppen- und Volksschauspiel des Faust, das der Knabe Goethe öfter in seiner Vaterstadt zu schauen bekam, die erste Anregung. Einzelne Motive desselben sind denn auch in seinem Faust, wenn auch im Dienste höherer Gesichtspunkte, verwendet. Was Goethe mit mächtigem Drange zu dem Faust-Stoffe hinzog, war das Gefühl einer inneren Verwandtschaft zwischen dem Helden der Sage und seinem eigenen Selbst. „Wie er,“ so bekennt er, „hatte auch ich mich in allem Wissen herumgetrieben und war frühe genug auf die Eitelkeit desselben hingewiesen; wie er, hatte auch ich es im Leben auf allerlei Weise versucht und war immer unbefriedigter und gequälter zurückgekommen.“ „Der Faust’sche Drang, Adlerflügel zu nehmen, alle Gründe im Himmel und auf Erden zu erforschen, daneben auch die Freuden der Welt epikuräisch zu genießen,“ war [686] seinem ganzen Wesen, wie er an einer anderen Stelle gesteht, nahe verwandt.

Auch Goethe leitet seine Dichtung mit einem Vorspiel ein. Er verlegt es aber nicht, wie seine Vorgänger, in die Hölle, sondern in den Himmel. Der Herr fragt nach Faust. Mephisto schilt ihn einen Thoren, dessen Trank und Speise nicht irdisch sei, den die Gährung in die Ferne treibe. Er bittet sich die Erlaubniß aus, ihn seine Straße sacht zu führen, und wettet, daß der Himmel ihn dann verliere. Der Herr geht auf den Vorschlag ein und überläßt ihm Faust in der sicheren Voraussicht, daß nach allen Versuchen, ihn von seinem Urquell abzuziehen, der Vertreter des Bösen ihm bekennen werde, daß ein guter Mensch in seinem dunklen Drange sich des rechten Wegs wohl bewußt sei. Beim Eintritt in das Drama finden wir Faust, wie bei Marlowe und im Puppenspiel, im Studirzimmer. Er sieht die Nichtigkeit aller exacten Wissenschaften ein, ist mit sich zerfallen, unzufrieden, vergrämt, dabei arm und elend. Darum hat er sich der Magie ergeben. Der Staub der Gelehrsamkeit ekelt ihn an; er sehnt sich nach der lebendigen Natur. Er schlägt das Zeichen des Erdgeistes aus, glüht über den Eindruck wie von neuem Wein, aber der Geist erinnert ihn höhnend an seine Erbärmlichkeit, ihn, das Ebenbild Gottes, der sich der ewigen Wahrheit bereits so nahe gedünkt. Den Gedanken kann er nicht ertragen; er stürzt ihn in Verzweiflung; gleich dem Faust Chamisso’s will er sich vergiften, um im Jenseits die Wahrheit zu entdecken. Der Klang der Osterglocken hält ihn mit kindlicher Erinnerung zurück. Die Erde hat ihn wieder.

Auf dem Spaziergange vor den Thoren der Stadt beneidet Faust die Menschen um ihre einfache Lebensfreude. Sie nehmen das Leben, wie es ist, die Dinge, wie sie sind, und grübeln nicht nach Ursache und Wirkung, nach dem Räthsel der Welt. Aber er kann die Natur nicht ruhig genießen, ihm sind ihre Freuden verschlossen; der rastlose Drang seines Innern, die nie ruhende Reflexion verkümmern ihm den Genuß. Er vertieft sich dieser folgend bei der Heimkehr in das Studium der Bibel, sucht das Johannis-Evangelium zu erklären und fühlt nur neue Zweifel; er erkennt von Neuem die Schalheit alles gelehrten Wissens. Er hat glückliche, zufriedene Menschen gesehen und will sich gleich ihnen dem Lebensgenusse hingeben, will Leid und Freud’ der Erde theilen, wenn er sich auch keine Hoffnung macht, damit Befriedigung zu gewinnen.

Der Sinnengenuß soll für ihn aber nicht Selbstzweck sein, er soll nur seinem Drange nach Erkenntniß dienen. Seine höhere Natur ist nicht befriedigt durch ein ruhiges behagliches Genießen im Sinne des gemeinen Mannes. Schmerzlich soll der Genuß sein. Er will ganz aufgehen in der Menschheit, sein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern.

Mephisto ist mit dieser Umstimmung Faust’s ganz zufrieden; der Gewinn der Wette däucht ihm jetzt gewiß.

So wenig, calculirt er, wie ihn die Wissenschaft befriedigte, so wenig wird Faust das Leben befriedigen. Er wird es schal und unbedeutend finden und in seiner Unersättlichkeit nie die Ruhe gewinnen, welche jeder wahre Genuß verlangt. So wird er verzweifelnd sich immer wieder der Magie und dem Teufel ergeben.

Mephisto führt nun Faust in’s Leben hinein, zuerst unter die trunkenen Gesellen in Auerbach’s Keller, deren flache Unbedeutendheit ihn anwidert, so daß er seinen Führer zum Aufbruche drängt. Diese Partie und der Gedanke der Verjüngung Faust’s sind dem Volksbuche entnommen. Charakteristisch ist hier, daß den dabei vorkommenden Hocuspocus Faust nicht selber vornimmt, sondern daß er ihn von Mephisto vornehmen läßt. Die Figur hat ein höheres Relief erhalten, der alte Hexenmeister ist überwunden.

Nun kommt die Liebestragödie mit Gretchen, in ihrem Verlaufe ganz Goethe’s eigene Erfindung. Faust empfindet hohes und seliges Glück, so sehr auch Mephisto dieser Empfindung spottet. Aber die alte Unersättlichkeit bringt ihn um den reinen Genuß. Er sieht selbst, wie er dem Abgrunde zurast, und erhebt wider sich herbe Anklage. Er führt die Geliebte in Schande und Verbrechen. Vergebens will er sie äußerlich retten und auf seine Pfade führen. Sie folgt ihm nicht; sie wendet sich an des Himmels Gnade, und dieser kündet ihr Erlösung, weil sie sich selbst überwand und der Lockung des Bösen widerstand. Faust aber stürmt ruhelos weiter; seine Erlösung ist noch nicht gekommen.

Im zweiten Theile finden wir Faust im Grünen entschlummert, die Geister der Natur umschweben ihn. Dann führt uns der Dichter an den kaiserlichen Hof. Dort ist allerlei Noth. Mephisto schafft Abhülfe durch Creirung des Papiergeldes, Faust aber läßt wie im Puppenspiele die Gestalten der Antike auftreten, nachdem er den Schlüssel dazu bei den Müttern geholt. Da ist er auf einmal wieder der alte Schwarzkünstler. Er verliebt sich in die aufgezauberte Helena, strebt nach ihr, will sie erfassen: sie verschwindet.

Dann treffen wir im dritten Acte Faust wieder in seiner alten Studirstube. Wagner macht den Homunculus, der sich gleich wie ein zweiter Faust geberdet und die Welt durchschweifen muß. Er zieht mit Faust und Mephisto nach der classischen Walpurgisnacht. Faust sucht überall die Helena. Wir finden sie in ihrer Häuslichkeit. Sie soll ihres Treubruchs halber bestraft werden. Da wandelt sich die Scene; Helena ist auf eine mittelalterliche Burg entrückt, Faust ist Burgherr; Alles kommt ihm huldigend entgegen. Aus dem Bunde mit Helena entsproßt Euphorion. Auch dieser schwingt wie Faust-Icarus sich hinauf zu den Höhen des Ruhmes und findet dort den selbst bereiteten Tod. Helena sagt Faust Lebewohl und vergeht im Hauche.

Von eigentlichen Thaten, die Faust zur Förderung seiner Entwicklung verrichtete, ist bis dahin nichts zu spüren, ebenso wenig, bis auf das Verhältniß zur Helena, von einer „Stillung“ glühender Leidenschaften in den Tiefen der Sinnlichkeit, wie das Programm des ersten Actes lautete.

Endlich im Beginn des vierten Actes tritt eine heilsame Umkehr im Charakter Faust’s ein, indem er an die Stelle des bloßen todten Lebensgenusses das lebendige Schaffen und Wirken setzt:

     „Dieser Erdenkreis
Gewährt noch Raum zu großen Thaten,
Erstaunungswürdiges soll gerathen.
Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß;
Herrschaft gewinn ich, Eigenthum,
Die That ist Alles, nichts ist Ruhm.“

Faust beschränkt sich indeß dabei auf die Absicht, das herrische Meer vom Ufer auszuschließen, den feuchten Breiten Grenzen zu gewinnen. Faust erhält zur Belohnung für eine durch Mephisto’s Hülfe dem Kaiser gewonnene Schlacht den Meeresstrand zu eigen. Er führt, um denselben dem Meere abzugewinnen, Dämme auf, läßt einen Canal graben, richtet einen Hafen ein, in welchen Schiffe ein- und auslaufen. Aber noch einmal überkommt ihn der alte Faustische Drang. Die errungenen Erfolge beglücken ihn nicht; es stört ihn die Nachbarschaft der friedlichen Idylle von Philemon und Baucis. Er hat das Leben durchstürmt; der Erdkreis ist ihm bekannt, aber die Aussicht nach drüben ist ihm versagt. - Endlich geht ihm die Erkenntniß auf: Ein Thor, ruft er sich zu, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet.

„Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm,
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen?
Was er erkennt, läßt sich ergreifen,
Er wandle so den Erdentag entlang.“

Mit dieser bereits lebendig bethätigten Erkenntniß gewinnt er sich den Frieden. Die Sorge flieht verscheucht von seinem Lager und beraubt ihn aus Rache des Augenlichts. Aber diese Blindheit hindert ihn nicht, weiter für die Menschheit zu sorgen. Ihr allein gilt jetzt sein Streben. Die Spur von seinen Erdentagen wird in Aeonen nicht untergehen. Im Gefühle dieses errungenen Friedens überrascht ihn der Tod. Mephisto macht nun zwar auf Grund des alten Pacts auf seine Seele Anspruch, aber die Engel entführen sein Unsterbliches:

„Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen.
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.“

Dieser zweite Theil des Goethe’schen Faust erfüllt allerdings in der Ausführung vom realen Standpunkte aus das nicht, was der erste Theil versprochen hat. Mephisto hat dort Faust gelobt, ihn durch die große und kleine Welt zu führen, er sollte das Leben so satt bekommen wie die Wissenschaft, und Ekel empfinden. Die Welt des zweiten Theiles ist aber zum großen Theil eine phantastische und symbolische.

[687] Dagegen ist das Faust-Thema selbst correct festgestellt, und in so weit ist Goethe’s Faust kein Fragment. Die Annahme Mephisto’s, Faust würde nach des Lebens Durchstürmung Ekel empfinden, erweist sich nämlich als eine irrige. Faust gewinnt vielmehr die Erkenntniß, daß es mit diesem unersättlichen Vorwärtsstürmen im Genuß sowohl wie in der Weisheit nichts ist, da der Mensch in den Banden der Endlichkeit lebt, die er nicht von sich abschütteln kann. Goethe’s Faust geräth aber darüber nicht in Verzweiflung, wie der von Chamisso und Klinger, und verfällt damit auch nicht der Hölle – er begnügt sich aber auch nicht mit der bloßen Selbsterkenntniß, wie bei Schink; er setzt vielmehr, wie schon angedeutet, diese Erkenntniß in Thaten um, indem er fortan das menschlich Gegebene und menschlich Erreichbare zum Ziele seines Strebens und Lebens macht, wozu er nicht die Beihülfe des Satans braucht.

Die falsche Annahme, daß Goethe’s Faust nur ein Fragment, und die richtige, daß derselbe mangelhaft durchgeführt sei, haben verschiedene Nachdichtungen von Goethe’s Drama hervorgerufen. Unter ihnen ist die hervorragendste Arbeit wohl die von Ferdinand Stolte.

Stolte gab in den sechsziger Jahren einen vierbändigen „Faust“ heraus, der sich für eine Fortsetzung des ersten Theils der Goethe’schen Dichtung ausgiebt. Stolte meint, nach dem, wie Faust in diesem ersten Theile sich versündigt habe, könne seine Wiedergeburt nur erfolgen durch Schmerz und Reue. Von Sünde und Schuld beladen tritt der Goethe’sche Faust des ersten Theils in den Stolte’schen ein und läutert sich – so zeichnet der Dichter sein Thema – in sich selbst so gründlich, daß er zuletzt im Genuß irdischer Vollendung und Freiheit rein und nach Verdienst den Himmel erlangt. Stolte läßt ihn zum Gründer eines neuen idealen Zukunftsstaates werden, in dem das von Christus verkündete Reich Gottes auf Erden zur Wahrheit wird. Dieser Stolte’sche Faust hat sich allerdings damit eher den Himmel verdient als der Goethe’sche.

Ein Jahr nach Goethe’s Tode schrieb der Dichter Lenau einen „Faust“, ohne damit wesentlich Neues zu bieten. Sein Faust ist ein Sophist, der, in der Entwickelung rückschreitend, wieder der Hölle verfällt.

Auch die anderen Faust-Dichtungen bieten für die Fortentwickelung der Sage kein Interesse, und somit enthält der Goethe’sche Faust, abgesehen von seinen Compositionsfehlern immer doch die höchste und wahre Lösung der Faust-Sage.

Der alte Zauberer und Hexenmeister ist am Ende dieser seiner irdischen Laufbahn zum Beglücker der Menschheit geworden. Anfangs war es der bloße von Uebermuth gestachelte Mensch, der sich, um den Anderen voraus zu sein, die Schranken der Natur zu überwinden und Zauberkünste zu treiben, mit dem Teufel verbunden hatte, und der, als die Folgen seines Pactes an ihn herantraten, der jammernden Verzweiflung verfiel. Dann wird die Magie und der Bund mit dem Satan für ihn nur das Mittel höherer Zwecke. Nicht um zaubern und sich irdische Genüsse verschaffen zu können, sondern aus dem Triebe nach Erkenntniß, nicht aus sinnlichem, sondern aus metaphysischem Drange, oder um mit der erlangten Zaubermacht Gutes schaffen zu können, geht er den Bund mit den Mächten der Unterwelt ein.

Jener alte Faust kommt nicht weiter als zu der Erkenntniß, daß er der Hölle verfallen ist, daß er durch den Bund mit dem Teufel sein Seelenheil verscherzte; der einer späteren Zeit angehörende Faust kam zu der Erkenntniß, daß alles Wissen in die Grenzen der Endlichkeit gebannt ist, daß mit allem Trotze und allem Auflehnen gegen diese Schranken nichts erreicht wird, daß der Mensch sich mit dem soll begnügen, was ihm Gott gegeben, die Freuden des Lebens maßvoll soll genießen, soll glauben und hoffen, streben und wirken.

Für den Faust der alten Sage gab es keine Erlösung. Der Abfall vom Glauben, der Bund mit der Hölle war eine unsühnbare Todsünde. Bete und glaube, lautete die alte Satzung, oder du bist verflucht; die neuere hieß: „Strebe und hoffe und du bist erlöst, auch wenn du geirrt und gefehlt. Und wenn selbst aus der gewollten Gutthat nur Böses entkeimte, selbst der faustische Drang nach oben dich auf die Bahn des Verbrechens drängte, hast du nur dein höheres Selbst dir gerettet, so nimmt die himmlische Barmherzigkeit dich erlösend auf.“

Ein weiteres endliches Stadium der Faust-Sage verlangte dazu noch, daß jene Erkenntniß sich umsetze in die That, daß der Mensch seine Kräfte brauche und nütze im Dienste der Menschheit, daß er nach seinem Theile mitwirke an der Vervollkommnung.

Freilich hört damit Faust auf, ein Halb- oder Ganzgott zu sein, er wird zum in sich begrenzten Menschen. Die endliche Lösung des Räthsels bedingt also die Resignation; aber das Resultat dieser Resignation ist ein wirkliches positives, während jenes Schweifen in die unendliche Ferne immer nur negative Resultate liefert. Es zeigt doch einen Zweck, während jenes zwecklos bleibt.

Damit wird die menschliche Faust-Natur nicht aus der Welt geschafft. Weder aus der kleinen Welt des Menschen, noch aus der großen Welt der Menschheitsgeschichte. Ruhelos treibt sie den Menschen von Ziel zu Ziel, nach Idealen und Wünschen, und wenn das Gewollte und Erstrebte erreicht ist, so läßt es ihn unbefriedigt und treibt ihn weiter zu andern Aufgaben, die auch dann immer nur wieder eine nette Station bilden auf dem nie enden wollenden Wege seines unablässigen Ringens und Strebens. Immer und immer wieder dringt der durch das Leid der Erfahrung nicht gewitzigte Menschengeist vor nach den dunkeln ewig verhüllten Pforten der Wahrheit. Viele gehen auf dem Wege unter, geistig todt und zerbrochen, nur wenige finden sich zurück zur Ruhe und Resignation. Und auch sie, die gelernt haben ihre Zwecke irdisch zu begrenzen, streben doch immer gerade nach solchen Zielen, die für das Maß ihrer individuellen Kraft unerreichbar sind. Auch sie unterliegen dem Fluche ihrer Faust-Natur.

Gleichwohl wird ohne diese nichts Großes geschaffen auf Erden. Alle großen Genies aus den verschiedenen Gebieten der menschlichen Thätigkeit, der Wissenschaft, der Kunst, der Politik, der Industrie tragen diesen Faust’schen Drang in sich, müssen ihn in sich tragen, wenn sie etwas Großes erreichen wollen. Unter dem zermalmenden Tritte eines solchen Faust-Genies gehen oft Tausende menschlicher Existenzen gnadlos zu Grunde, damit es die Bahn frei gewinnt für seine unersättlichen Triebe – aber das blutige Opfer ist nicht vergebens gewesen, es rettete dem Fortschritt der Menschheit Jahrhunderte.

Die Menschheit bedarf dieser großen Faust-Naturen. Sie beschleunigen das Tempo ihrer Geschichte. Jede Krisis ihrer Entwickelung wird durch das Emporsteigen eines großen, weit über alle Andern emporsteigenden Genies gekennzeichnet. Gleicht sie doch selbst in ihrem rastlosen Vorwärtsdrängen, das immer Ziele häuft auf Ziele, einem Faust.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Martinus Rufus