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Literaturbriefe an eine Dame/XXX

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Textdaten
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Autor: Rudolf von Gottschall
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Titel: Literaturbriefe an eine Dame/XXX
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 100–103
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Literaturbriefe an eine Dame.

Von Rudolf von Gottschall.
XXX.

Ueber neue Gedichte, verehrte Freundin, geht das deutsche Publicum jetzt allzu leicht zur Tagesordnung über; wäre nicht der heilige Christ, unter dessen Tannen- und Fichtenbäumchen noch den eleganten Miniaturausgaben eine Stätte bereitet wird, man müßte fast befürchten, daß außer den Sortimentsbuchhändlern Niemand diese leichtgeflügelten Geisteskinder in die Hand nimmt; es giebt freilich Ausnahmen von der Regel. Einige Lyriker sind Mode: und da salutirt das Publicum, wenn sie erscheinen, und die kritische Wache ruft in’s Gewehr.

Sie freilich, verehrte Freundin, lesen nicht des Salongesprächs wegen, und auch dies Salongespräch dreht sich mehr um neue Romane und neue Lustspiele, als um Gedichte; doch Sie nehmen auch die Sammlungen zur Hand, deren Dichter nicht zu den Lieblingen des Tages gehören. Darunter sind einige von gutem Namen in der Literaturgeschichte der jüngsten Zeit; doch das Publicum begnügt sich mit den Namen und bewundert, ohne zu lesen, wie dies schon zu Lessing’s Zeiten der Fall war; denn sonst hätte dieser Autor nicht sein classisches Epigramm auf Klopstock’s Messiade dichten können. Oft aber tauchen auch neue Dichter auf, die sich erst die Sporen verdienen wollen; den echten Freunden und Freundinnen der Musen gewährt es gerade einen besonderen Genuß, zuerst hoffnungsvolle Talente zu begrüßen, denen die Welt noch kein Gehör schenkt.

Einer der älteren Dichter, der zwar noch nicht zu den „alten Heroen“ unserer Literatur gehört, aber doch die schöne Zeit des jugendlichen Strebens weit hinter sich hat, Julius Grosse, hat eine neue Auswahl seiner „Gedichte“ erscheinen lassen. Ein Brief von Paul Heyse ist derselben vorangedruckt; wir sehen daraus, daß Grosse dem feinsinnigen Freunde seine sämmtliche lyrische Habe zugeschickt hat, damit dieser die zur Aufnahme in eine Sammlung geeigneten Gedichte bestimme. Heyse erklärt, es sei ihm weniger darauf angekommen, Gedichte auszuwählen, die sämmtlich kritisch unanfechtbar seien, als die Dichterpersönlichkeit, die sich hier offenbart, zu möglichst entschiedenem Ausdruck zu bringen. Gegenüber der zunftmäßigen Liederfabrikation, der Schablonenlyrik, hebt er die lyrischen Charakterköpfe hervor, deren persönliche Physiognomie das Interessanteste ist.

Julius Grosse gehört keineswegs zu den Dutzendlyrikern; in seiner Lyrik ist ein moderner Pulsschlag unverkennbar. Ich weiß nicht, verehrte Freundin, ob Sie seine epischen Dichtungen, wie [102] „Die Gundel vom Königssee“, kennen; in ihnen herrscht eine warme Empfindung und die Gabe lebendiger Schilderung, besonders stimmungsvoller Naturmalerei. Beides findet sich auch in den Gedichten. Und zwar zeigt sich in ihnen die doppelte Seite seines Talentes: eigenartige Liederklänge, leicht hingehaucht, und pomphafte Rhythmen, welche wuchtige Gedanken tragen. Der Schwerpunkt seines Talentes neigt freilich mehr nach der letzten Seite; doch finden sich auch einige Liebeslieder in der Sammlung, in denen ein zu Herzen gehender Ton glücklich getroffen ist, so in dem Gedichte „Die weite Welt ist nun zur Ruh“ mit den schönen Schlußversen:

„Noch fühl’ ich das Beben Deiner Hand,
Als wir im Sommer schieden,
Der Winter kam und der Winter schwand;
Ich wand’re im fernen fremden Land
Und finde nimmer den Frieden.

Die ganze Seele füllt’ ich Dir aus,
Wärest Du jetzt mein eigen;
Doch Du schlummerst fern im grünen Haus,
Nachtfalter flattern herein, heraus
Und im Garten wandelt das Schweigen.“

Freilich schleichen sich oft bei Grosse in die leichten Liederverse schwerwiegende Gedanken; denn er giebt dem Liede, das in stiller Selbstgenugsamkeit austönen will, bisweilen weite geistige Perspectiven. Wenn aber seine Muse auf pomphaften Achtfüßlern oder in der verschlungenen Form der Terzinen, gleichsam mit weitrauschender Schleppe im poetischen Festgewande einherwandelt, da zeigt sie sich vollkommen in großer poetischer Repräsentation gewachsen in Gang und Geberde, wie z. B. in den „Tagebuchblättern“, in denen Grosse eine Kette von Reflexionen an einander reiht, die oft in prächtigen Bildern funkeln.

Ich glaube sogar, verehrte Freundin, daß diese pomphafte Eigenart der Muse des Dichters in der Sammlung nicht zu voller Geltung kommt: sie war dem Freunde, der die Auswahl traf, nicht ganz sympathisch. Paul Heyse hat mehr Sinn für das Graziöse als für das Schwunghafte; ich hätte lieber einige Humoresken gemißt, die Heyse aufgenommen hat.

In dem „Münchener Dichterbuch“, welches Heyse herausgegeben, finden Sie, verehrte Freundin, die ehemaligen Größen der königlichen Münchener Tafelrunde versammelt: Emanuel Geibel mit seinen elegischen Klängen, seinen oft wehmüthig gefärbten Jugend- und Lebenserinnerungen; Hermann Lingg mit seinem hymnenartigen Schwung, seinen grandiosen Gedanken, die sich leider oft in einer holprigen Form aussprechen; Bodenstedt mit seiner lächelnden touristischen Weisheit. Der Herausgeber selbst hat sinnige Gnomen beigesteuert und ein Drama: „Alkibiades“, das in graziösen Versen abgefaßt ist, in vornehmer dichterischer Haltung, die gegen die lässige Tagesdramatik vortheilhaft absticht. Leider ist der Held wenig heldenhaft und genial, ein Frauenliebling, der als das Opfer weiblicher Eifersucht fällt. Da hat die Perserin Mandane mehr dramatisches Blut.

In dem „Münchener Dichterbuch“ machte ich auch zuerst die Bekanntschaft des Klostermärchens „Bruder Rausch“ von Wilhelm Hertz, das jetzt vollendet in einer selbstständigen Ausgabe vorliegt. Das Gedicht enthält viel Drolliges und auch manchen poetischen Zug. Der „Bruder Rausch“ ist einer der kleinen Holden, der über siebenhundert Jahre in einem Klosterkeller einen Rausch ausgeschlafen hat. Die Verwüstungen, welche der kleine Geist in der klösterlichen Disciplin anrichtet, sind sehr munter geschildert. Auch die ferneren Abenteuer, die „Bruder Rausch“ auf seiner Wanderschaft erlebt, bei den Bauern, bei den Gelehrten und bei Studenten, sind ganz ergötzlich, bis er dann in’s Kloster zurückkehrt, den Mönchen willkommen als der Versucher, an dem sie die Kraft ihrer Tugend erproben können.

Originell ist die Episode, wo „Bruder Rausch“ einen seiner Verwandten trifft, der sich damit beschäftigt, zu spuken und als Feuermännlein umherzufackeln. Dieser führt ihn dann an den Kreuzweg, wo er ihm Walhalla’s ehemalige Heldenschaar zeigt, die jetzt als Schandgelichter umherfährt:

„Hier harre still! Sie nahen schon.
Hörst du der Eule Jammerton?
Spürst du, wie Alles, was da lebt,
In dumpfen Aengsten bangt und bebt?
Das Waldweib stöhnt im Hagedorn,
Windkatzen laufen durch das Korm.
Die Wolkenwölfe ziehn in Rotten
Mit ihren grauen Wetterzotten,
Der ganze Wald, er knarrt und kracht;
Sieh hin, da kommt’s. Es flammt die Nacht.
Und durch die Lüfte braust im Flug
Ein gräulicher Gespensterzug,
Ein Galgenvolk zu Haufen
Dem Rabenstein entlaufen;
Gehängte Diebe mit dem Strick
Um das gebrochene Genick,
Geköpfte, ein gedrängter Schwarm
Zu Roß, ihr glotzend Haupt im Arm,
Geräderte, durch’s Rad geschlungen,
Zerschellt mit ausgereckten Zungen,
Schnapphähne mit zerschlitzten Lippen,
Den Pfahl des Schinders in den Rippen,
Ein Mordgesindel ohne Zahl
In Leichenstarre fahl und kahl,
Von Krähen jämmerlich zerhackt,
In blut’gen Fetzen schmählich nackt,
Verwest, verwittert und zerzaust,
Mit Nattern in der Knochenfaust.“

Eine markige Schilderung von wüst phantastischem Gepräge! Das ganze Märchen hat diesen romantischen Zug; es klingt hier und dort eine sinnvolle Bedeutung herein; aber eine greifbare Moral läßt sich nicht herausfinden.

Noch volksthümlichere Töne als Wilhelm Hertz schlägt Rudolf Baumbach an, der in jüngster Zeit ein Liebling des Publicums geworden ist. Sehr reichhaltig ist zwar das Repertoire dieses Dichters nicht; er tritt fast immer als wandernder Geselle auf; aber er hat einen Ranzen voll drolliger Einfälle und allerliebster Genrebilder. Seine kleinen Gedichtsammlungen tragen die verschiedenartigsten Titel: „Spielmannsweisen“, „An der Landstraße“, „Mein Frühjahr“; doch es ist immer dasselbe muntere Gesicht mit den hellen Augen, das uns aus allen entgegenblickt. Die letzte Sammlung enthält „Gedichte aus Enzian, ein Gaudeamus für Bergsteiger.“ Es ist dies ein ziemlich bunter Blumenstrauß; des Dichters Muse erscheint hier in Hemdärmeln und es klingt bisweilen etwas hohl, wo sie mit dem Aspenstocke aufstößt. Scheffel’sche Humoresken in dem bekannten Naturforscherstil wechseln mit Gebirgssagen und Liederblüthen. In den späteren Sammlungen ist Baumbach indeß von dieser formlosen Jugendlichkeit zu größerer Geschlossenheit und zierlicher Rundung der künstlerischen Form durchgedrungen. Es ist wahr, daß die poetischen Jünger der Scheffel’schen Schule dem kleinen Elfengeiste von Wilhelm Hertz, dem „Bruder Rausch“, allzugern huldigen; und auch bei Baumbach finden sich zahlreiche Wein- und Schenkenlieder. Das Wirthshaus, die Frau Wirthin, die Wirthstochter … es ist fast immer dieselbe Decoration und Staffage, doch es sind mannigfache Stimmungsbilder, die sich auf dieser Bühne ablösen. Die „Lieder auf der Landstraße“ sind meistens Vagantenlieder, wie sie auch Franz Hirsch in so frischem Ton gedichtet hat; es athmet in ihnen eine behagliche Wanderlust, wie Sie, verehrte Freundin, aus der folgenden Probe ersehen mögen:

„Wenn die arme Welt mich hat,
Freut mich Eins am meisten:
Keiner kennt in Land und Stadt
Mich, den Zugereisten.
Wie ein Junker hochgemuth
Trag’ ich meine Stirne,
Kecklich schau’ ich unter’n Hut
Jeder hübschen Dirne.

Manches Mädchenauge licht
Blinzelt durch die Lider;
Gelt, ihr kennt den Vogel nicht
Diesmal am Gefieder?
Manche aus der Mädel Schaar
Denkt wohl auch im Stillen:
Kam der Bursch am Ende gar
Her um meinetwillen?

Daß ich ein Vagante bin
Ohne rothen Stüber,
Kommt nicht einer in den Sinn,
Geh’ ich stolz vorüber.
Ob mir Geld im Säckel klirrt,
Ob mir’s fehlt am Baaren –
Fragt ihr morgen früh den Wirth,
Könnt ihr’s leicht erfahren.“

[103] Einen gänzlich verschiedenen Ton schlagen mehrere Gedichtsammlungen an, deren Verfasser verschiedenen Kreisen unseres modernen gesellschaftlichen Lebens angehören. Da sind Lieder und Balladen von Conrad von Prittwitz-Gaffron erschienen. Der Dichter gehört dem sangreichen Schlesien an: er ist Rittergutsbesitzer und Landesältester und sein Gut liegt in einem der anmuthigsten Kreise der schönen Provinz, in dem Reichenbacher, zwischen dem langen Bergrücken der Eule und der Berggruppe des Zobten, in einer an reizenden Fernblicken reichen Gegend. Er hat schon mehrere Gedichtsammlungen veröffentlicht, in denen er sich, in dem Streben nach edler Formschönheit, als Schüler Platen’s zeigt, wenn auch ein Hauch herrnhutischer Frömmigkeit in seinen Gedichten dem Griechenthum des baierischen Grafen fremd ist. Sie finden, verehrte Freundin, in der Sammlung einige volltönende Sonette und Oden, ein paar graziöse und leichtgeflügelte Lieder, wie dasjenige, welches den Frühlingsblumen gewidmet ist, und ein paar Balladen wie „Alexander und Poros“ mit sinnreicher Pointe und „des Odysseus Heimkehr“ im edlen getragenen Stil der antikisirenden Schillerschen Gedichte.

Ein anderer, den höheren Adelskreisen angehörender Dichter, Prinz Emil zu Schönaich-Carolath, erinnert uns in seinen neuen „Dichtungen“ vielfach an Alfred de Musset, besonders in den ersten poetischen Novellen: „Angelina“ und „die Sphinx“, hier und dort auch an Byron’s „Don Juan“. Die Lebensbilder in der ersten Erzählung sind in die Beleuchtung gerückt, in welcher die verlorenen Seelen in Lied und Novelle zu erscheinen pflegen. Einige grelle und wüste Lichter flimmern mit herein. Bedeutender noch ist „die Sphinx“: mit großer Kühnheit und in originellen Wendungen wird hier die dämonische Macht der Weiblichkeit geschildert; die Dichtung enthält sehr treffende prägnante Verse. Das Talent des Dichters hat einen genialen Zug. Sie werden zwar, verehrte Freundin, mit seiner Auffassung des ewig Weiblichen nicht einverstanden sein: dennoch werden Sie durch die eigenartigen, oft in kühnen Bildern sich ergehenden Verse des Dichters sich angezogen fühlen und auch widerwillig seinem Schwunge folgen.

Ein anderer Gedankendichter, der unter dem Pseudonym Curt Falkenau „Dichtungen“ herausgegeben hat, gehört Leipziger Patricierkreisen an. Das Bedeutendste in der Sammlung sind die Gedichte „Aus dem Tagebuche eines Einsamen“, poetische Rhapsodien, denen man einen kühnen Gedankenflug nachrühmen muß und die besonders in der Neigung, die weitschweifenden Reflexionen in nachdrücklichen Sentenzen zusammenzufassen, an die Dichtweise des Prinzen Carolath erinnern. Es sind nicht Producte einer formlosen, nebelhaft ausschweifenden Phantasie, ein Tadel, den der Dichter selbst, nach der Vorrede zu schließen, fürchtet: es sind Stimmungsbilder, aber es sind die Stimmungen eines das All erfassenden und in seine Tiefen sich versenkenden Gemüthes, das bisweilen mit den Göttern rechtet. Einzelne dieser Gedichte gehören in das Gebiet jener prometheischen Literatur, die sich wie ein rother Faden durch alle Zeiten hindurchzieht. Manches erinnert an Byron und Shelley. Die poetischen Absagebriefe an eine stolze Frau sind aus dem vollen Empfinden herausgeschrieben. Wenn sich hier und dort auch in diesen Gedichten jenes „Uferlose“ der poetischen Strömung zeigt, welches Rückert überscharf gerügt hat, welches aber rhapsodischen Ergüssen mehr oder weniger eigen sein muß, so findet sich doch auch Vieles in fester künstlerischer Umrahmung. Wie schön, maß- und klangvoll sind die folgenden Verse, mit denen das Gedicht „Erinnerung“ beginnt:

„Ergieße dich, du freier gold’ner Strom,
Du meiner Lieder unversiegte Quelle,
Ergieße dich! Es blutet mir das Herz
Von tausend Wunden, und sie heischen alle,
Wie todte Krieger noch ein Denkmal fordern,
Des Liedes Ewigkeit von meinen Lippen.
Aus jeder Wunde schaut mich ein Gefühl,
Ein längst vergang’nes, an, wie eine Leiche –
Wie ein verdorrter Zweig am grünen Stamm,
Der alle Jahre seiner Blätter Schmuck
Zu Boden sinken und vergehen sieht,
Und doch, nach einer kurzen Leichentrauer,
Von Neuem blüht und neuen Stürmen Trotz
Mit seinem unbezwung’nen Gipfel bietet.“

Eine wesentlich verschiedene Physiognomie tragen die Gedichte, welche ein Philosoph und Universitätslehrer, Moritz Carrière, soeben veröffentlicht hat: „Agnes, Liebeslieder und Gedankendichtungen“. Der bekannte Aesthetiker und Culturhistoriker hat diese Gedichte seiner verstorbenen Frau Agnes gewidmet, die ihm engverbunden war im Glauben an das Ideal, das er in der „Sittlichen Weltordnung“ und anderen Schriften verherrlicht hat. Es ist dies eine Sammlung von poetischen Ergüssen, wie sie nicht nur die Lebensschicksale des Dichters, sondern auch sein geistiges Schaffen begleitet haben; sie sind auf demselben Boden erwachsen, gleichsam um die Fruchtbäume sich schlingende Blüthenranken. Solche Zerrissenheitsstimmungen, wie bei dem Prinzen Carolath und Falkenau, würde man bei Carriére vergeblich suchen: es liegt im Ganzen, trotz einiger elegischen Klänge, eine milde und freundliche Beleuchtung auf diesen poetischen Gaben; oft spricht sich in ihnen ein frohes Genügen aus und der Glaube an den Fortschritt der Menschheit zieht sich wie ein bald leiser, bald lauter verklingender Hymnus durch diese Verse, die zum Theil antiken Mustern nachstreben. Von den italienischen Reisebildern verdient „Taormina“ den Vorzug, eine gedankich schön gegliederte schwunghafte Ode; von den Geschichtsbildern ist die ältere Dichtung: „Die letzte Nacht der Girondisten“ bereits von früher rühmlich bekannt.

Auch ein Theologe erscheint unter den lyrischen Kränzespendern, Hermann Hölty, mit seinen „Gesammelten Dichtungen“, die auch italienische Reisebilder in Prosa und zwei biblische Tragödien: „König Saul“ und „Lonoda“ enthalten. Der Verfasser ist ein liebenswürdiger Poet, der keineswegs die Kanzel auf den Parnaß mit hinauf schleppt. Seine „Gedichte“ enthalten Naturbilder von stimmungsvoller Färbung, besonders Seestücke und Marinebilder, einige kurze sinnige Romanzen und weiter ausgeführte Balladen aus der deutschen Götterwelt.

Auf eine sehr anmuthige Neudichtung muß ich Sie noch hinweisen, verehrte Freundin. Es ist das „König Rother“ von Emil Taubert, dem Verfasser des „Antiquar“ und anderer gefühlvollen und spannenden Novellen, welche in „Unsere Zeit“ zum Abdruck kamen. Den Stoff des mittelalterlichen Gedichtes hat der neue Poet geschmackvoll umgebildet und jene schleppende Wiederholung vermieden, welche dem alten Gedicht einen unbeholfenen Charakter gab. König Rother wirbt um die schöne Helene, die Tochter des Königs Constantin von Byzanz; doch seine Boten, die sieben Söhne seines Waffenmeisters, des Herzogs von Meran, werden in’s Gefängniß geworfen. Da kommt er selbst mit einem Geleite gewaltiger Riesen nach Byzanz als geächteter Vasall Rother’s, weiß sich der Prinzessin zu nähern, besiegt den König von Babylon und entführt dann die Geliebte, der er eine Niederlage der byzantinischen Truppen vorspiegelt und vorgiebt, sie vor dem bedrohlich heranrückenden Feinde retten zu wollen. In dem alten Gedichte wird sie noch einmal nach Byzanz zurück gebracht, noch einmal mit List entführt. Bei Taubert wird nur der Versuch gemacht, das Heimweh und die Liebe zum Vater in ihr wachzurufen: doch König Rother ruft sie zurück durch heiße Liebeslieder, und der Vater selbst, schiffbrüchig und des Throns beraubt, sucht und findet Trost bei seiner Tochter. Die Erzählung selbst, oft stimmungsvoll beleuchtet und an glücklichen Bildern reich, ist durchwoben mit Liedern, wie das seit Scheffel und Julius Wolff Mode geworden, und diese Lieder sind von großer Innigkeit.

Sie sehen, verehrte Freundin, welch eine Zahl verschiedenartig gefiederter Sänger mit den verschiedensten Tonweisen im deutschen Dichterwald ihr Lied ertönen läßt; fangen Sie sich den Liebling unter ihnen ein, dessen Sangesart Ihnen am meisten das Herz bewegt.