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Bei der Kartenschlägerin

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Textdaten
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Autor:
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Titel: Bei der Kartenschlägerin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 101, 103, 104
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bildbeschreibung
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[101]

Bei der Kartenschlägerin.
Nach dem Oelgemälde von Josef Rösl in München.

[103] Bei der Kartenschlägerin. (Abbildung S. 101.) Im ganzen Reichthum aller Sprachen der Welt giebt es kein zweites Wort, dessen Bedeutung auf die Herzen und Geister der Menschen aller Zeiten und aller Stände und Bildungsgrade einen mächtigeren Einfluß ausgeübt hätte, als – das Geheimniß. Vor ihm ist keine Ruhe, kein Stillstand möglich gewesen von den Tagen des ersten Menschen, der nach dem Apfel der Erkenntniß griff, bis heute. Vor dem Auge der ganzen Menschheit hängt sein Schleier nieder; Staaten und Völker stehen oft zagend vor ihm, und wie unzähliger Enthüllungen sich auch der Menschengeist erfreut, immer und immer sinken neue Schleier nieder, die zu neuem Vorwärtsdringen anspornen. [104] Vor dem Geheimnisse seines Schicksals steht jeder Einzelne – und eben darum hat es zu allen Zeiten „weise“ Männer und Frauen gegeben, welche sich die Fähigkeit beilegten, für diese Einzelnen den dunklen Vorhang lüften zu können. Priester, Propheten, Orakel, Traum- und Zeichendeuter, Astrologen etc. verstanden es, die angebliche Bewältigung des Geheimnisses der Zukunft Anderer als Mittel der Macht, des Einflusses und des Erwerbes für sich zu benutzen – und kein Rang und kein Stand entzog sich ganz dem Zauber dieser reizvollen Täuschung, von den Tagen der Hexe von Endor, welche dem König Saul, bis zur Anne Marie Lenormand, welche der Kaiserin Josephine und Alexander von Rußland den Schleier der Zukunft lüftete. Warum sollen wir es nun den beiden jungen Damen verargen, daß sie ein ihnen besonders werthes Geheimniß sich von einer Kartenschlägerin entschleiern lassen? Hat auch die Kunst des Kartenlegens viel von ihrer Bedeutung und ihrem Reize dadurch verloren, daß sie nicht mehr verboten ist, so mag sie liebedürftigen Herzen immerhin noch die süße Täuschung gewähren, daß wenigstens die Karten ihnen das Glück verbürgen, welches die Jahre ihnen bereits zweifelhaft machen wollen. Man muß deshalb nicht gleich an des seligen Bock flüchtiges Wort denken, wenigstens bei so vornehmen Leuten nicht. Weiter unten, in weiten und tiefen Volkskreisen, wo Aber- und Ueberglaube in so beklagenswerther Weise die Opfer der Geheimnißwächter sind, ist’s um so lauter zu beklagen, daß auf dieser schönen Erden – nie die Dummen alle werden.