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Instinct oder Ueberlegung? (Die Gartenlaube 1867/34)

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Textdaten
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Autor: A. St.
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Titel: Instinct oder Ueberlegung?
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 544
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Ein schlauer Pinscher
Blätter und Blüthen
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[544] Instinct oder Ueberlegung? Vor langen Jahren besaß meine Mutter einen (nun längst verstorbenen) Pinscher, der ihr und der ganzen Familie Liebling war, ein Muster von Intelligenz und Behendigkeit, von Anhänglichkeit an seine Herrin und zuweilen auch von – Launen. Wenn Abends meine Mutter das Bett aufschlug, um sich zur Ruhe zu legen, da war in der Regel das verzogene Kindchen rasch zur Hand, um vor der Herrin den besten Platz in des Bettes Mitte zu erobern und dann nur zögernd und widerwillig, selbst knurrend und brummend, der einsteigenden Herrin ein Weniges zu weichen.

Er war eben ein Muttersöhnchen, und damit auch bei Nacht dem lieben Kind nichts fehle, stand in der Schlafkammer neben seiner Herrin Wasserkrug stets, auch bei Nacht, ein mit Wasser gefüllter Thonnapf. Kam es nun zum Schlafengehen, so wurde manche Kriegslist angewandt, um das liebe Kind vom Bette wegzulocken und dieses vor ihm zu gewinnen, und wie es eben traf, bald siegte die Herrin, bald der Hund.

So hatte denn auch eines Abends die Herrin gesiegt und freute sich des Sieges mit Recht, denn am Nachmittage hatte sie, von dem Hunde begleitet, einen sehr ausgedehnten Spaziergang gemacht, von dem sie nicht wenig ermüdet heimkehrte. Alles schien gut. Der Hund war glücklich überlistet worden und hatte mit einem Nebenplatze im Bette vorlieb nehmen müssen. Kaum aber war Alles in dieser Weise geordnet – meine Mutter wollte eben das Licht löschen – als Freund Ami, so müde er selbst auch sein mochte, sich erhob, schonungslos über seine Herrin hinwegschritt und mit einem entschlossenen Sprunge das Bett verließ. Nach dem Saufnapfe trollte er hin, der Arme, den der Durst nicht ruhen ließ auf weichem Lager. Aber siehe da! Der Saufnapf blieb unberührt von ihm, nur am Rande leckte die lechzende Zunge, und zungenleckend, unter mucksenden, bittenden Tönen, kehrte der Hund zurück zur entgegengesetzten Ecke der Kammer, zum Bette, von wo die Herrin verwundert ihm nachgesehen hatte – also das Wasser fehlte im Saufnapfe! Seltsam, es ging ja doch sonst Alles wie am Schnürchen bei der alten, pünktlichen Dame! Doch Irren ist menschlich. Es war vergessen worden, den Napf zu füllen, das mußte nachgeholt werden und meine Mutter stand sofort auf, um dies zu thun. Aber wie staunte sie, als sie den Napf bis zum Rande gefüllt vorfand! Wie viel mehr staunte sie, als in demselben Augenblick der Hund mit kühnem Satze in das jetzt leergewordene Bett sprang, dessen Mittelplatz er nun mit Hartnäckigkeit seiner Herrin streitig zu machen suchte.

Der Hund hatte auf seiner Herrin Mitleid speculirt, indem er Durst und Wassermangel heuchelte, um die Herrin aus dem Bette zu locken und dann ihren Platz einzunehmen.

Und der Hund hatte richtig speculirt; der Hund hatte den Menschen überlistet! Welche Gedankengänge in der Seele eines Hundes, deren Dasein beschränkte Rechtgläubige und Frömmlinge am liebsten ganz leugnen möchten!
A. St.