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Helgoland (Die Gartenlaube 1890/15)

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Textdaten
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Titel: Helgoland
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 464-469
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Helgoland.

Eine überraschende Kunde hat der 17. Juni 1890 dem deutschen Volke gebracht. An diesem Tage ward der zwischen der deutschen und der englischen Regierung vereinbarte Vertrag im Deutschen Reichsanzeiger veröffentlicht, der im Zusammenhang mit der Regelung jener mannigfach sich kreuzenden und stoßenden kolonialen Interessen auf dem Boden Ostafrikas die Abtretung der Insel Helgoland von England an Deutschland, vorbehältlich der Genehmigung des englischen Parlaments, ausspricht.

Es ist hier nicht der Ort, über das Verhältnis von Werthen und Gegenwerten, die in jenem Vertrage gegen einander ausgespielt werden, ein Urtheil zu fällen. Der Streit der Meinungen vorüber wird fortdauern, bis Thatsachen, greifbare Ergebnisse ihn zum Schweigen bringen. Es ist auch hier nicht der Ort, über das, was der deutsche Reichstag oder das englische Parlament dazu sagen wird, Betrachtungen anzustellen, umsoweniger, als das endgültige Ja oder Nein vielleicht schon gefallen ist, bis diese Blätter in die Hände unserer Leser gelangen. Denn wenn auch

Karte von Helgoland nach Prof. K. Giebel (1845) und Dr. Emil Lindemann (1888).

noch vor kurzem im englischen Unterhause ein mittelbarer Antrag auf Abtretung Helgolands an Deutschland den lebhaftesten Widerstand fand und mit großer Stimmenmehrheit abgelehnt wurde, so kann doch niemand wissen, in welcher Weise sich die Wirkung der neuen Vertragsbestimmungen auf die Gegner der Abtretung äußert.

Eines aber ist sicher: der Gedanke einer Erwerbung Helgolands für Deutschland wird überall im Reiche einen freudigen Widerhall finden; er wird begrüßt werden mit jener Genugtuung, welche der Heimfall eines verloren gegangenen Bruchteils an das uralte Stammland in jedem gesunden, aufwärts strebenden Volkstum erwecken muß; und wenn jene Erwerbung zur Thatsache werden sollte, so wird sie, obwohl auf ganz verschiedenem Wege errungen, doch im Geiste des Volkes sich jenen anderen Wiedereroberungen zur Seite stellen, welche die Aufrichtung eines mächtigen Deutschen Reiches gleichsam als deren handgreiflichster Ausdruck vor zwei Jahrzehnten begleiteten.

Denn ein uralt deutsches Stück Land ist der Fels von Helgoland! Es bedarf, um das zu erfahren, keines Hinaufsteigens in die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte, keiner umständlichen Nachweise aus Akten und Chronikbüchern. Das schlägt von selbst an unser Ohr, wenn wir die Insel betreten und der Sprache der Eingeborenen lauschen. Mit wunderbarer Zähigkeit haben sie die Laute ihrer alten friesischen Mundart bewahrt, und die Kinder reden erst ihr helgoländisch Platt, ehe sie in der Schule und in der Kirche das neuzeitliche Hochdeutsch erlernen.

„Grön is det Lunn,
Road is de Kant,
Witt is de Sunn;
Deet is det Woapen
Van’t Hillige Lunn’.“

So lautet der alte Wahlspruch von Helgoland, den wir zugleich als Probe der Sprache hierhersetzen, und höchstens der Oberdeutsche, schwerlich aber der Niederdeutsche wird der Uebersetzung bedürfen :

„Grün ist das Land,
Roth ist die Kant,
Weiß ist der Sand;
Das ist das Wappen
Vom ,Heiligen Land‘.“

Nur etwa 64 km von der Elbmündung bei Cuxhaven und 87 km von der Mündung des Nordostseekanals bei Brunsbüttel liegt der meerumspülte und sagenumwobene Fels, senkrecht aus der See emporsteigend zu einer Höhe von 28 bis 56 Metern, ein braunrother Thonstein von harter Beschaffenheit, 1600 Meter in der Länge und an der breitesten Stelle 500 Meter messend, das sogenannte „Oberland“. Ihm vorgelagert ist an der südöstlichen Seite ein sandiges Vorland, das „Unterland“, und mit ihm zusammen besitzt die Insel einen Flächeninhalt von 0,59 qkm. Einst sollen Viehzucht und Kornbau wohl gediehen sein auf der Insel, aber heute sieht man nur Schafe auf den grünen Matten des Oberlandes grasen, und was an die Stelle der wogenden Kornfelder getreten ist, das verrät uns der Name der die ganze Insel von Nord nach Süd durchziehenden „Kartoffelallee“. Der Häringsfang bildete einst, vor 300 Jahren, den Haupterwerb des helgoländischen Fischers, aber die gewinnbringenden Fische nahmen, wie man glaubt, infolge veränderter Meeresströmungen, plötzlich andere Wege; es war ein furchtbarer Verlust für die Bewohner des Felseneilands, und es ist kein Wunder, daß die Sage in einem bösen Frevel die Ursache des tiefeinschneidenden Ereignisses suchte. „Nach der Einführung des Christenthums,“ so heißt es, „wurde ein kleines Götzenbild zum heiligen ,Tiets‘ umgetauft. Da es der Fischerei günstig war, so trug man es im Frühjahr in Prozession auf dem Oberlande umher bis auf einen Berg, der ,Tietsberg‘ genannt. Bei einer solchen Prozession erfrechten sich einige, das Bild zu prügeln, und seit jener Zeit kam nie wieder ein Häring nach der Insel, statt seiner erschien die Pest.“ – Die ihrer Haupteinnahmequelle beraubten Fischer suchten und fanden dann Verdienst als Lotsen und Seefahrer und später auch durch mancherlei anderen Fischfang (Schellfisch, Hummer, Austern). Dann brachte die Zeit der von Napoleon I. verhängten Kontinentalsperre und mit ihr ein blühender Schleichhandel vorübergehend großen Reichtum auf die für die Zwecke des letzteren so günstig gelegene Insel. Lotsenwesen, Fischerei und Schiffahrt wurden an den Nagel gehängt, denn es gab leichteren Gelderwerb. Aber die Kontinentalsperre nahm ein Ende, die reichen Geschäfte verließen die Insel, andere Verbindungen waren unterbrochen oder fehlten: die Helgoländer waren, nicht ohne eigene Schuld, in der bittersten Notlage. Da brachte ihnen ein unternehmender Landsmann, Jacob [465] Andresen Siemens, Hilfe – er war es, der Mitte der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts die Insel zum Seebad erhob, und welche Bedeutung

Brandung an der Felsenwand auf Helgoland.

diese Gründung hat, ergiebt sich daraus, daß, ungerechnet die vorübergehend anwesenden Besucher, in den letzten Jahren stets zwischen acht und zehn tausend Menschen als Badegäste auf der Insel weilten. Für solche Blüthe aber findet man die Erklärung, wenn man erfährt, daß Helgoland im Spätherbst und Winteranfang eine höhere Durchschnittstemperatur besitzt als Bozen und Meran! Lange Jahre besaß das Seebad Helgoland allerdings auch eine Anziehungskraft weniger gesunder Art – eine Spielbank, die 1830 gegründet und erst 1877 wieder aufgehoben wurde.

Dies die wirthschaftliche Geschichte von Helgoland. Und die politische? Auch sie ist bald erzählt, wenigstens wenn wir uns an die wirklich beglaubigte Geschichte halten wollen. Um den Vorzug, schon von Tacitus als die Insel mit dem heiligen Hain der alten germanischen Erbgöttin Hertha genannt zu werden, muß sich Helgoland mit Rügen streiten; denn die Gelehrten sind noch nicht einig, welche von beiden der alte Römer im Auge gehabt habe.

Dann werfen die muthigen Fahrten der christlichen Glaubensboten auf den weltabgeschiedenen Fleck ein kurzes Streiflicht. Wir vernehmen von Kirchen, die gebaut und wieder zerstört wurden, wir hören vom Friesenkönig Ratbod, der auf der Insel vor Pipin von Heristal um das Jahr 700 Zuflucht findet. Vergebens bemüht sich der heilige Willibrord, den alten Helden zur Taufe zu bewegen; wie von dem Sachsen Wittukind, so erzählt auch von Ratbod die Sage, daß er, schon einen Fuß im Wasser, die Frage gethan habe, wohin denn seine Vorfahren gekommen seien. „In die Hölle!“ lautete der kurze Bescheid des Priesters. „Dann will auch ich nicht in den Himmel kommen!“ Sprach’s und starb ungetauft, und nach mehr als tausend Jahren fanden sie auf der Höhe des „Moderbergs“ an der Südspitze der Insel ein Grab mit dem Skelett eines Mannes, eine Bronzewaffe zur Linken und an jeder Seite einen goldenen Spiralring. Und es hieß, es sei das Grab Ratbods, des Friesenkönigs.


Im Mittelalter spielte Helgoland eine wichtige, wenn auch keineswegs rühmliche Rolle als ein Hauptseeräubernest. „Es ist ein Ort allen Schiffern ehrwürdig, besonders aber den Seeräubern,“ sagt schon der alte Adam von Bremen im 11. Jahrhundert, der uns die erste ausführlichere Schilderung der Insel giebt, und er knüpft die merkwürdige Behauptung daran: „Woher sie auch den Namen empfangen hat, daß sie Heiligland heißt!“ Das erinnert an den neapolitischen Banditen, der die Madonna um Gelingen für seinen nächsten Raubmord anflehte. Nun, die Seeräuber, unter denen der Störtebeker der berüchtigtste ist, fanden ihre Meisterin in der mächtigen Hansa, die Insel wurde wie das Küstenland von ihnen befreit, aber sie ging den Hansestädten in einem langwierigen Besitzstreit mit den Herzögen von Schleswig (Gottorp) wieder verloren. Die Herzöge von Gottorp verloren sie wieder (1714) an Dänemark, Dänemark wieder an England (1807), und vom Kieler Vertrage 1844 bis zum 17. Juni 1890 befand sich das vielumstrittene Eiland auch in völkerrechtlich anerkanntem Besitze des britischen Reichs. Albion sandte seine Gouverneure, benutzte die Insel auch einmal während des Krimkriegs als günstig gelegenen Werbeplatz (vergl. „Gartenlaube“ 1855) und beließ sie im übrigen, wie wir bereits gesehen haben, in ihrer alten Eigenart. Es verlangte von der heute etwa auf die Zahl von 2200 Seelen sich belaufenden Bewohnerschaft keine Soldaten, kein Geld, schoß vielmehr noch eine erkleckliche Summe von zuletzt 3300 Pfd. St. jährlich zu, und wenn der eine und der andere Helgoländer zu der britischen Marine sich anwerben ließ, so war das angeborene Lust und eigener freier Wille. [466] Mit diesem Stillleben zwischen Badegästen und Schellfischfang dürfte es nun freilich, wenn die Insel dem Deutschen Reiche angegliedert wird, ein Ende haben. Aber ein anderer, ein schwererer Schatten schwebt über dem grün-roth-weißen Eiland. Eine dunkle Kunde will davon wissen, Helgoland habe einst mit Schleswig zusammengehangen. Und wenn es auch mit dem angeblichen früheren Zusammenhang der Insel mit dem heutigen Festland wenigstens in unserer Periode der Erdgeschichte nichts auf sich hat, jene merkwürdig ausgezackten, unterwühlten, zerfressenen Felsbildungen, diese Buchten, Thürme, Säulen, Thore an der Küste, wie deren unsere Abbildungen zeigen, reden eine bedenkliche Sprache.

Zwölfhundert Meter von der Ostspitze des Unterlandes entfernt liegt die Düne, auch sie war einst durch einen Steinwall mit der Insel verbunden. Der Wittklipp, ein weißer Gipsfelsen, schützte den Steindamm vor dem Anprall der Wogen. Aber da kam ein Nordweststurm und das Meer brach den Fels, den die Bewohner geschwächt hatten, weil sie die Gipsbrocken gut verkaufen konnten, und 9 Jahre später trat die verhängnißvollste Katastrophe ein, die Helgoland erlebt hat: am Weihnachtsabend 1720 durchbrachen die Fluthen auch den Steinwall und rissen die Düne auf ewig los vom Mutterlande. Wer steht dafür, daß nicht eines Tages ein anderer Sturm das Unterland begrabe, daß nicht die rastlose Nagearbeit der Wellen einst ihr Ziel finden werde, weil nichts mehr da ist, daran sie ihren scharfen Zahn üben könnten, und daß nicht einst über der Stätte, da vordem der rothe Fels zum Himmel ragte, die Fische des Meeres sicher sich tummeln werden, weil niemand mehr da ist, der sie beunruhige?

Die Frage ist leider nicht ganz unberechtigt. Man hat die Insel genau beobachtet wie einen Kranken, hat sie gemessen und wieder gemessen und den Fortschritt des Zerstörungswerkes in Formeln zu bringen versucht, und man hat ihr schließlich herausgerechnet, wie viele Jahre sie noch zu leben hat.[1]

Unsere Karte zeigt das Ergebnis dieser Messungen und Beobachtungen. Auf derselben bedeutet das schwarz Ausgefüllte die in 44 Jahren, 1845 bis 1889, untergegangenen Felstheile, das mit sich kreuzenden Strichen Gezeichnete aber die Zunahme des Unterlandes. Nimmt man an, daß die Zerklüftung des Felsens in demselben Maße fortschreite, wie es sich aus dieser Zeichnung und aus anderen Berechnungen ergiebt, so erhält man als die mutmaßliche Lebensfrist der Insel rund ein Jahrtausend! Und zwar zeigt es sich, daß nicht des Meeres Brandung allein es ist, was an dem Mark der Insel zehrt, - dies ist vorwiegend nur an der Westseite der Insel der Fall - sondern auch die am Felsrand sich ansammelnden wässerigen Niederschläge üben im Verein mit der Kraft des Frostes ihre unwiderstehliche Sprengwirkung aus. Das ist der Feind, der vornehmlich den Osten der Insel bedroht.

Also müßten wir heute die Insel begrüßen als eine todgeweihte Braut ? Müßten wir zusehen, wie uns der willkommene Gewinn wieder unter den Händen zerrinnt, unaufhaltsam, unrettbar, Jahr um Jahr?

Fast scheint es so! Aber die Politik kennt keine Sentimentalitäten, sie ist ein Handelsgeschäft und fragt nur danach, was ein Gegenstand jetzt und auf absehbare Zeit werth ist - auf tausend Jahre hinaus hat noch kein Staatsmann gerechnet. Was war denn vor tausend Jahren Geschichte? Wie wenig steht noch von dem, was damals groß und stark schien!

Heute ist Helgoland die Insel, welche die Einfahrt in die Elbe und damit den Nordostseekanal, d. h. die Verbindung zweier Meere, die Insel, welche die Weser und den einen unserer zwei großen Kriegshäfen, Wilhelmshaven, beherrscht. Heute ist es der Punkt, der in unserem Besitze uns tausendfältigen Nutzen, in feindlichem uns vielfachen Schaden, in neutralem uns allerlei Unbequemlichkeiten bringen kann. Sollten wir darauf verzichten, weil es diese Rolle in achthundert oder tausend Jahren vielleicht nicht mehr wird spielen können?

Noch ist auch die Frage nicht beantwortet, ob es den hochgesteigerten Mitteln der neuzeitlichen Ingenieurkunst nicht gelingen sollte, das Dasein des Meerfelsens oder wenigstens einzelner Theile dauernd zu sichern. Das Deutsche Reich hat ganz andere Ursache als England, diese Frage mit allem Ernste in die Hand zu nehmen. Dann mögen auch ängstliche Gemüther sich der Zuversicht hingeben, daß auch nach tausend Jahren noch das „Heilige Land" mit schwarz-weiß-rother Flagge den Seefahrer grüßen, daß der späteste Nachfahre noch an seinem Strande sich in der belebenden Woge erquicken und von seiner grünen Höhe das Auge auf dem wunderbaren Leuchten des ewigen Meeres ruhen lassen wird.

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Die Nordspitze von Helgoland.
Aus „Unser Vaterland. Küstenfahrten an der Nord- und Ostsee.“ Verlag von Gebrüder Kröner in Stuttgart.


  1. Vgl. Dr. Emil Lindemann, „Die Nordseeinsel Helgoland" (Berlin, 1889, Verlag von August Hirschwald) S. 3 ff.