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Friedrich von Esmarch (Die Gartenlaube 1893)

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Textdaten
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Autor:
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Titel: Friedrich von Esmarch
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 21, 35–36
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[21]

Friedrich von Esmarch,
der Gründer der deutschen Samaritervereine.
Nach einer Photographie von Schmidt und Wegener in Kiel.

[35] Friedrich von Esmarch. (Mit Bildniß S. 21.) Die Kieler Universität Christiana Albertina ist seit einem halben Jahrhundert die Wirkungsstätte ausgezeichneter Chirurgen. An ihr lehrte in den Jahren 1842 bis 1848 der berühmte Langenbeck, und ihm folgte Stromeyer, dem die Kriegschirurgie so erhebliche Fortschritte verdankt. Aus der Schule dieser Männer ging der Nachfolger Stromeyers, Friedrich Esmarch, hervor, der die Chirurgie nicht allein durch neue Methoden bereichert, sondern die schwierige Wissenschaft in Deutschland so volksthümlich wie kein anderer vor ihm gemacht hat.

Professor Friedrich von Esmarch, der Begründer der Samaritervereine, feiert am 9. Januar seinen 70. Geburtstag. Viele Glückwünsche empfängt er wohl an diesem Tage, Glückwünsche von Verehrern und Schülern. Aber noch eine große Schar denkt seiner gewiß mit dankbarem Herzen. Es sind die vielen, die in schweren plötzlichen Unglücksfällen von den deutschen Samaritern rasche zweckgemäße Hilfeleistung erfuhren und so der Familie, dem Vaterland gerettet wurden.

Friedrich Esmarch erblickte zu Tönning in der Landschaft Eiderstedt am 9. Januar 1823 das Licht der Welt. Er studierte in Kiel und Göttingen Medizin und wirkte bereits im Jahre 1846 als Assistent Langenbecks im chirurgischen Hospitale zu Kiel. Als damals über Schleswig-Holstein jene schweren Zeiten des Kampfes um die Unabhängigkeit hereinbrachen, da schloß sich auch Esmarch der vaterländischen Bewegung an und tratim Jahre 1848 als Offizier in das Turnercorps ein, wirkte aber später als Militärarzt und machte in der Nähe Stromeyers die Feldzüge bis zum Jahre 1850 mit.

Die Ruhe des Waffenstillstandes von 1849 hatte er benutzt, um sich an der Kieler Universität zu habilitieren, allein die siegreichen Dänen straften den rührigen Privatdocenten, indem sie ihn für ein Semester suspendierten. Trotzdem wurde der Gemaßregelte schon im Jahre 1854 zum Direktor der chirurgischen Klinik und im Jahre 1857 zum ordentlichen Professor der Chirurgie ernannt.

Seit jener Zeit hat Esmarch weit über die Grenzen seiner engeren Heimath hinaus gewirkt und namentlich die Kriegschirurgie in hohem Maße gefördert; seit Jahrzehnten ist er einer der eifrigsten und siegreichsten Führer der Menschheit „in dem Kampfe der Humanität gegen die Schrecken des Kriegs“. In diesem Kampfe steht ihm als seine zweite Gemahlin seit 1872 eine Fürstentochter seines Heimathlandes, die Prinzessin Henriette von Schleswig-Holstein-Sonderburg Augustenburg, treu zur Seite.

Die größte der Neuerungen, mit welchen er die Wissenschaft bereichert hat, ist sicher die sogenannte „künstliche Blutleere“, die er Anfangs der siebziger Jahre für Operationen an den Gliedmaßen empfohlen hat. Das Glied, an welchem operiert werden soll, wird dabei von der Peripherie aus mit einer elastischen Binde umwickelt; dadurch wird es blutleer, da die Binde das Blut nach dem übrigen Körper zurückdrängt. Am oberen Ende der Binde wird darauf das Glied durch einen Gummischlauch zusammengeschnürt. Wird nun die Binde abgenommen so bleibt das gegen den Körper zu fest abgeschnürte Glied blutleer, der Kranke verliert während der Operation so gut wie gar kein Blut, der Arzt kann die durchgeschnittenen Blutgefäße mit Ruhe und Sorgfalt unterbinden.

Friedrich von Esmarch hat indessen, wie schon berührt, seine gemeinnützige Thätigkeit nicht auf die Säle der chirurgischen Klinik beschränkt. Er trat hinaus unter das Volk und bemühte sich, die wahren Grundsätze der Chirurgie in den weitesten Schichten zu verbreiten. Wie oft überraschen uns Unglücksfälle, Verletzungen, und zumeist ist kein Arzt zur Stelle, das Blut entrinnt den verletzten Adern, mit ihm entflieht das Leben! In solchen und ähnlichen Fällen soll auch der Laie die erste [36] Hilfe zu bringen verstehen. Zu diesem Zwecke rief Esmarch im Jahre 1881 nach dem Vorbilde der englischen „Ambulance classes“ die Samaritervereine ins Leben.

Unsere Leser sind mit dem Thema vertraut. Hat doch Esmarch selbst beim Beginn der Bewegung eine Reihe von Artikeln über die erste Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen und über die Bedeutung und die Ziele der Samaritervereine in der „Gartenlaube“ veröffentlicht. Es fehlte anfangs nicht an Männern, welche die Befürchtung aussprachen, daß diese Verbreitung chirurgischen Wissens in Laienkreisen Schaden bringen könnte. Seit der Eröffnung der ersten Samariterschule in Kiel sind nun aber zwölf Jahre verflossen, und von Auswüchsen des Samariterwesens hat man nichts gehört, während dagegen die erste Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen in Fabriken, auf Eisenbahnen, bei den Feuerwehren und in Polizeiwachen an sehr vielen Orten aufs trefflichste organisiert ist. Diese schönen Erfolge sind Esmarchs Werk; durch diese That hat er bewiesen, wie warm sein Herz für die leidende Menschheit schlägt, und darum entspringen die Glückwünsche des 9. Januar nicht bloß der aufrichtigen Bewunderung des großen Gelehrten, sie gelten auch Friedrich Esmarch, dem edlen Menschenfreund!