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Ein Schloß für etwaige Weihnachtswünsche

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Textdaten
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Titel: Ein Schloß für etwaige Weihnachtswünsche
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 811–813
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[811]

Ein Schloß für etwaige Weihnachtswünsche.

Mit Abbildung.

Gewiß nur wenige unserer Leser haben niemals im Geiste sich ein Haus oder gar ein Schloß nach ihren geheimsten Wünschen aufgebaut und ausgeschmückt mit dem ganzen Ornamentikvorrath ihrer Phantasie. Welch’ ein Reichthum entschlösse sich dem Architekturmaler, wenn ihm ein Einblick in das unermeßliche Reich der Luftschlösser vergönnt würde! Welche nie dagewesene Baustile würde er da zu bewundern haben! Aber hier stehen wir leider an den Grenzen einer Unmöglichkeit: des Künstlers Auge sieht von dieser Baupracht der seligen Wünsche nicht mehr, als was er sich selbst aufbaut und was ihm irgend ein Baumeister auf dem Gebiete der Phantasie zeigt, ein Dichter etwa, der den Kindern seines Geistes zumuthet, in seinen Luftschlössern zu hausen. – Näher der lieben Wirklichkeit steht das Schloß, welches die Leser der Gartenlaube heute mit unserer Illustration als Weihnachtsgabe erhalten. Es wird sie bei ihren künftigen Luftschlösserbau- Unternehmungen wesentlich unterstützen, wie beschränkt auch die eigentliche Heimath desselben ist. Westfalen nämlich, das berühmte Land der rothen Erde, bietet den Grund und Boden, auf welchem diese Bautengruppe aus verschiedenen Zeitaltern gesucht werden kann.

Der westfälische Bauernhof, der noch heute nach altsassischer Sitte und in der Urväter Weise aufgebaut wird, ist hundertfach beschrieben und abgebildet; Westfalen ist aber auch das Land malerischer alter Edelhöfe, die zum großen Theile aus Ueberresten mittelalterlicher Constructionen und neueren, nach den Verwüstungen des dreißigjährigen Kriegs ausgeführten Bautheilen zusammengesetzt sind und für Architektur- und Landschaftsmaler die verlockendsten Motive bieten.

Außer dem glücklichen Zufall, daß in Westfalen gerade der dreißigjährige Krieg bei Weitem nicht so viel verwüstete, wie in anderen, namentlich mitteldeutschen Ländern, hat wesentlich zur Erhaltung der alten Burgen und Edelhofbauten der Umstand beigetragen, daß der Adel in den den mittelalterlichen Bauresten gefährlichsten Jahrhunderten, in der Blüthezeit der Franzosenthums-Nachäfferei in Deutschland und des allgewaltigen Zopfthums, sich in die Landeshauptstädte zog und dort Luxusbauten der Mode ausführen ließ. Jetzt ist das Umgekehrte adelige Sitte geworden: eine hochmüthige Exclusivität, stärker, als sie je früher auftrat, treibt den Adel auf’s Land zurück, und nun entstehen dort Neubauten von großen Adelssitzen, wie nur das friedensglückliche England sie in außerordentlichster Menge und Schönheit bietet. Gleichwohl können jetzt schon einzelne dieser jüngsten westfälischen Landschlösser sich den gepriesensten englischen an die Seite stellen.

Da haben wir das Schloß der Fürstenberg zu Herdringen im Herzogthum Westfalen, das in seinem neugothischen Stile einen ebenso imponirenden als entzückenden Anblick bietet; ferner das restaurirte Haus Assen, ein Schmuckstück der Renaissance, der Stammsitz der Grafen von Galen. Durch alterthümliche Pracht ausgezeichnet ist das Schloß Vornholz an der Weser, der alte Sitz der „edlen Herren“ und späteren Grafen und Fürsten zur Lippe, ein Bau aus dem sechszehnten Jahrhundert; nicht weniger ansehnlich sind die Schlösser zu Anholt, zu Herten, zu Gemen, zu Limburg an der Lenne, zu Bentheim und vor allen jene prächtige Hinnenburg, der Sitz der Grafen von der Asseburg, der von seiner stolzen Höhe im Nethethal herab mit seinen weitgestreckten Flügeln, seinen Portalen und epheuumwucherten Structuren wie ein romantischer Fürstensitz weithin die Gegend beherrscht und in blitzenden Fensterreihen noch den Strahl der Abendsonne nachglühen läßt, wenn weit umher Thäler und Fluren im Schatten liegen. Zu allen diesen Schlössern gehört nun allerdings das Schloß nicht, in dessen Besitz wir unsere Leser durch diese Weihnachtsgabe [812] gesetzt haben. Es mögen viele Jahrhunderte daran gearbeitet haben, denn während den ersten Blick der hochstrebende schmucke Renaissance-Bau anlockt, welcher mit dem Stolz seines jüngeren Daseins auf seine Nachbarschaft niederschaut, kann diese ebenso auf die biedere Solidität ihres Holzbaues, auf die ungeschlachte Trotzigkeit ihrer Mauern pochen und vor der Ehrwürdigkeit ihrer Spitzbogen Achtung verlangen. Wo aber dieses charakterreiche Schloß zu finden sei, darüber kann uns nur Levin Schücking Auskunft geben, welcher dasselbe in seinem jüngsten Roman „Schloß Dornegge“ genau so geschildert hat, wie wir es, von geschickter Hand zu Papier gebracht, hier so lachend vor uns sehen, daß wir jedem unserer Leser ein solches hiermit zum Christkindlein wünschen.



[813]

Schloß Dornegge.
Nach einer Aquarelle von W. Schuch auf Holz übertragen von R. Püttner.