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Der Ausbruch des Vesuv vom 16. bis 20. November 1868

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Autor: Heinrich Boernstein
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Titel: Der Ausbruch des Vesuv vom 16. bis 20. November 1868
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 808–811
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Ausbruch des Vesuv vom 16. bis 20. November 1868.

Von Heinrich Boernstein.

„Sie sind ein wahres Glückskind. Andere Touristen sitzen hier Wochen, Monate, ja Jahre, warten auf einen Ausbruch des Vesuv und reisen wieder ab, ohne etwas Anderes gesehen zu haben, als bei Tage eine Rauchwolke und bei Nacht einen matten Gluthschein. Sie aber kommen kaum an und am andern Tage schon präsentirt sich Ihnen eine der großartigsten Eruptionen, wie wir sie in solcher Macht und Ausdehnung seit langen Jahren nicht gehabt haben. Sie können wirklich von Glück sprechen!“

So apostrophirte mich am zweiten Tage nach meiner Ankunft in Neapel Herr Leupold, Chef des geachteten hiesigen deutschen Handelshauses ,Leupold frères, als ich ihm meinen Empfehlungsbrief von seinem Hause in Genua überbrachte. Ich hatte in Genua den Senior dieser höchst achtbaren Firma, den Generalconsul des Norddeutschen Bundes, Herrn H. O. Heinrich Leupold, nicht mehr angetroffen, da derselbe auf einer Reise durch Deutschland, England und Frankreich abwesend war, war aber von dem jüngeren Bruder und Geschäftstheilhaber desselben mit solcher Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit aufgenommen worden, daß mir nichts zu wünschen übrig blieb.

Der Vesuv und seine jetzige Eruption waren natürlich der Hauptgegenstand unseres Gesprächs, und ich erhielt von dem wohlunterrichteten Manne manche werthvolle Belehrung. Allein selbst sehen ist die Hauptsache, und so beschloß ich so bald als möglich auf den Schauplatz der Eruption zu eilen.

Schon beim Ankommen hatte von der Station Caferta an der Vesuv meine ganze Aufmerksamkeit gefesselt; es war bereits vor Capua Nacht geworden und durch diese trat nun der gluthrothe Gipfel des Vesuv in furchtbarer Pracht hervor. Je näher der Zug Neapel kam, desto imposanter wurde das Schauspiel; immer schärfer zeichnete sich der glühende Krater am dunkeln Horizont ab und Feuergarben, glühende Steine und dicke Rauchwolken entwirbelten wie die Schwärmer, Raketen und Girandolen eines Feuerwerk-Bouquets dem feurigen Schlunde. Ein Neapolitaner, der im Coupé mit uns saß, bemerkte, so unruhig habe er den Vesuv schon lange nicht gesehen, das gebe zuversichtlich eine große Eruption. Das war am 13. November Abends und der Mann hatte Recht gehabt.

Schon am 14. begann die unterirdische Thätigkeit des Berges sich mit furchtbarer Gewalt zu entwickeln, und am 15. erhob sich auf dem Atrio di Cavallo, dem oberen Gebirgssattel unterhalb des alten Kraters, ein neuer Kegel, der mit einer furchtbaren Explosion aufborst und nun einen glühenden Lavastrom über den Gebirgssattel ergoß, der sich langsam, aber unaufhaltsam abwärts schob. Der zweite Krater, der sich im Winter dieses Jahres bei der letzten Eruption gebildet hatte, ward durch die Steine und die Asche dieses neuen Ausbruchs ganz zugeschüttet und die ganze Gewalt der Eruption concentrirte sich nun auf diesen neuen Krater, während der alte Hauptkrater auf dem Gipfel des Berges nur eine dickqualmende, mit Feuerstreifen durchzogene schwarze Rauchwolke ausstieß.

Von Neapel aus konnte man den neuen Krater nicht sehen, da er sich auf der Nordostseite des Berges befand, aber die demselben entströmende Lavafluth wendete sich gegen den Fosso di Faraone, gegen Südosten, auf demselben Wege, den die Lava von 1855 genommen hatte, und war von nun an von der Stadt aus sichtbar. Von meiner Wohnung am Molo, wo ich die herrlichste Aussicht über den Hafen und den ganzen Golf von Neapel habe und das zauberische Panorama von halb Neapel, Portiei, Resina mit dem Kegel des Vesuv dahinter, Torre del Greco, Torre dell’ Annunziata, Castellamare, Sorrent und die Insel Capri vor mir liegt, konnte ich das wunderbare Schauspiel Tag und Nacht betrachten. Bei Tage verhüllten die dicken Rauchwolken oft jede Aussicht, bis ein lebhafter Wind sie auf Stunden hinwegfegte, bei Nacht aber war der Anblick ein furchtbar großartiger. Meer und Horizont waren von dunkler Gluthröthe gefärbt; wie ein feuriger Wasserfall senkte sich der breite Lavastrom über den steilen Abhang hinab und zertheilte sich nun tiefer unten, wo das Terrain schwächer abschüssig war, in mehrere Arme, die wie feurige Schlangen verderbenbringend fortzüngelten. Aus dem Hauptkrater stieg eine schwere, dicke, schwarze Rauchwolke, nur durch einzelne Blitze erhellt, thurmhoch empor, und von Zeit zu Zeit aus der Lavafluth auflodernde Feuersäulen erhellten Augenblicke lang die nächste Umgebung. Von meinem Bette aus hatte ich den Vesuv gerade vor Augen, und Neugier, Aufregung und Ueberraschung verscheuchten jeden Schlaf.

Nun litt es mich nicht länger in Neapel, ich wollte an Ort und Stelle sehen, was ich aus der Ferne mit Erstaunen betrachtet hatte. An eine Besteigung des Berges war nicht zu denken, die [809] Straße, die zum Eremiten führt, bereits von der Lava überzogen, und wenn man selbst, allen Mühen und Gefahren trotzend, das Piano delle Ginestre hätte erreichen können, so befand man sich in dicken Rauch- und Aschenwolken und konnte weder aufwärts noch abwärts etwas sehen. So beschloß ich denn, mich an den Fuß des Lavastroms zu begeben, und nachdem ich mich in der deutschen Buchhandlung der Herren Detken und Rocholl, deren gefällige Besitzer mir alle wünschenswerthen Auskünfte gaben, mit einer guten Karte der Umgebungen von Neapel versehen hatte, fuhr ich am 18. mit der Eisenbahn nach Portici. Gleich beim Austritt ans dem Bahnhof fuhren mir ein halbes Dutzend Droschken in den Weg, deren Führer mit echt neapolitanischer Zungengeläufigkeit und südlich lebhafter Gesticulation sich die angekommenen „Eccellenze“ (denn weniger als Excellenz ist man hier nicht) streitig zu machen suchten. Endlich sprang ich in ein Cabriolet, dessen Lenker durch ein: „Für einen Franc fahre ich Euere Excellenz bis an den Fuß der Lava!“ allen seinen Mitbewerbern den Rang abgelaufen hatte, und fort ging es, wie eben nur neapolitanische Kutscher fahren, immer in gestrecktem Galopp, durch die endlos langen Straßen von Portici und dann eine lange Pappelallee nach San Giorgio a Cremano.

Unterwegs schon hatte sich mir der Kutscher als ein gewandter, mit der Gegend wohlbekannter Mann erwiesen, und da wir bereits eine Stunde gefahren waren, ohne San Giorgio erreicht zu haben, ich Abends so lange als nur möglich auf dem Berge bleiben wollte, nach acht Uhr Abends keine Eisenbahnzüge mehr gehen und ich an die Schwierigkeiten der Rückkehr nach Neapel dachte, nahm ich seinen mir indessen gemachten Vorschlag, für zehn Francs ganz zu meiner Disposition zu bleiben und mich zu jeder beliebigen Stunde vor oder nach Mitternacht nach Neapel zurückzuführen, gern an. In San Giorgio stiegen wir bei der letzten Osteria aus, denn weiter durften keine Wagen passiren, um den Bewohnern des Bergabhangs, die ihre Habseligkeiten wegschafften, die ohnehin schmalen Dorfwege nicht zu versperren, versahen uns, zu den von Neapel mitgenommenen Lebensmitteln, noch mit ein paar Flaschen trefflichen Vesuvweins und traten nun unsre Fußwanderung an. An der Osteria hatte schon ein ganzer Haufen für die Gelegenheit improvisirter Führer den Wagen umdrängt und mit lautem Geschrei den „Eccellenzas“ seine Dienste angeboten. Auf die Empfehlung des Kutschers wählte ich einen derselben, gab ihm den Wein und unsere Mäntel zu tragen, konnte aber trotz alles Protestirens nicht verhindern, daß sich noch ein anderer angeblicher Führer uns anschloß und rüstig mitschritt. Schon auf dem Bergabhange kamen uns die Bewohner der bedrohten Gegend, Betten, Schubladen, Thüren, Fenster, Fässer, abgehauene Oelbäume auf den Köpfen tragend, entgegen, die Weiber weinend und klagend, die Männer fluchend, die Minder lachend und jubelnd. Die Aermsten suchten vor dem heranrückenden Feuermeere wenigstens was von ihren Habseligkeiten beweglich war zu retten; das Haus, in dem sie lange Jahre gewohnt, den Weinberg, die Oelpflanzung, den Obstgarten, die sie mit ihrer Hände Arbeit und eisernem Fleiße sich zu einem kleinen Paradiese geschaffen, mußten sie leider zurücklassen mit dem Bewußtsein, ihr Eigenthum nie mehr wieder zu sehen, denn in einigen Stunden, oft nur Minuten war es eine Wüste von Lavablöcken und Felstrümmern, der Schauplatz trostloser Verheerung, auf dem selbst die Grenzmarken des früheren Besitzthums nicht mehr zu erkennen sind, da Grenzsteine, Bäume, Mauern, Häuser, kurz Alles unter dem zerstörenden Tritte des Lavawalles bis zur Unkenntlichkeit vernichtet wird. Vor den großen Häusern der Weinberge am Wege standen Ochsenkarren mit leeren Fässern, in welche der aus den Kellern hastig in Eimern heraufgeschleppte Wein hineingegossen ward, nicht jedoch, ohne daß bei der übereilten Arbeit die Hälfte, statt in’s Spundloch, auf die Erde und in breiten rothen Rinnen den Berg hinabfloß.

Da die Führer zur Besteigung des Vesuv fast alle in Resina sind und dort unter polizeilicher Aufsicht, mit festgesetzter Taxe für ihre verschiedenen Dienste, stehen, – hier in San Giorgio sich aber ein Corps von Volontair-Führern gebildet hatte, über die keine solche Controle wacht, so fragte ich im Hinaufsteigen den Führer, wie viel er für seine Mühe verlange, aber die Antwort lautete: „Was Euere Excellenz mir geben wollen!“ – Mit aller Mühe konnte ich kein anderes Wort aus ihm herausbringen und da ich vorwärts wollte, so blieb nichts übrig, als mich auf seine Discretion zu verlassen. – Der andere, ungerufene Führer schritt indessen rüstig mit uns und suchte sich durch allerhand kleine Dienste nützlich zu machen.

Jetzt wurde der Schwefel- und Kohlendampf immer lästiger und die Hitze der Lava schon fühlbar, wir bogen aus dem Wege heraus um ein schon ganz ausgeräumtes, selbst seiner Thüren und Fenster entkleidetes Haus herum in einen Weinberg, dessen Rebengelände mit Oel und Feigenbäumen durchzogen waren, – und standen plötzlich vor dem langsam herranrückenden Lavawalle. – Wie wenig trifft der Begriff, den man sich von einen: Lavastrome macht, mit der Wirklichkeit zusammen; – die Lavafluth tritt uns nicht als eine feurige, fließende Masse entgegen, sondern als ein zwanzig bis fünfunddreißig Fuß hoher Steinwall, gebildet aus theils schwarzen, theils dunkelroth glühenden Felsenblöcken, und dieser Wall, der von der am Boden hinkriechenden, flüssigen Lava getragen, durch die ungeheure Schwere der beständig nachströmenden Feuermasse getrieben, durch die Abschüssigkeit des Bodens in seinem Falle befördert wird, rückt nun sichtlich, ungefähr zwei bis drei Fuß in der Minute, – je nach größerer Steilheit des Bergabhanges auch schneller, – auf uns zu.

Fortwährend lösen sich im Vorwärtsschieben einzelne, mächtige, glühende Blöcke von dem Gipfel des Walles ab und stürzen mit Getöse herab, Alles, was in ihrem Wege steht, augenblicklich in helle Flammen setzend, – oder es klafft in dem vordrängenden Felsenwalle plötzlich ein großer Schlund auf und eine feurige Lavagluth schießt, wie das flüssige Erz bei einem Glockengüsse, brausend hervor, entzündet, was sie berührt, und wird, schnell zu Lavablöcken erkaltend, mit der übrigen Masse vorwärts geschoben. Es ist ein Anblick so gewaltig und überraschend, so neu und überwältigend, daß man nur sprachlos staunend dastehen, das Großartige und Wunderbare der Erscheinung aber nicht mit Worten beschreiben kann. Auch diese Zeilen werden dem Leser kein anschauliches Bild von dieser gräßlich schönen Naturerscheinung geben; – so Etwas muß gesehen werden.

Wir waren jetzt, in einer der fruchtbarsten Gegenden am Abhänge des Vesuv, in den sogenannten „Novelle“, ganz mit Weinbergen, Oel- und Obstpflanzungen bedeckt, aus denen massive, steinerne Bauernhäuser und hübsche Villen und Casinos anmuthig hervorleuchteten. Seit Menschengedenken waren diese Novellen von jeder Verwüstung des Feuerberges verschont geblieben, die verheerende Lavagluth von 1794, die furchtbaren Ausbrüche der fünfziger Jahre hatten sie nicht berührt, und jetzt war dieses reizende Paradies dem schrecklichen Schicksal preisgegeben, in einigen Stunden oder Tagen in eine trostlose Felsenwüste verwandelt zu werden. Der Lavawall, der, wie bereits bemerkt, eine Höhe von zwanzig bis fünfunddreißig Fuß erreichte, rückte in einer Breite von mindestens vierhundert Fuß in drei verschiedenen Armen auf uns zu, und bewegte sich in der Thalsenkung, die la Fossa della Vetrana heißt, von Nordwest noch Nordost.

„Kommen Sie,“ rief mir ein Franzose zu, der wie ich und mein Reisegefährte vor wenigen Tagen erst von Rom gekommen war, – „kommen Sie, in drei Minuten wird das Haus des Pfarrers von der Lava überfluthet werden.“ Wir eilten durch den immer dichter werdenden Rauch und die unerträgliche Hitze, die uns die Haut im Gesichte aufzog, durch einen Hohlweg zwischen Weinbergen, längs der Lavafluth, bergaufwärts, immer auf unserm Defilé vorsichtig nach oben blickend und auf das Krachen und Knattern der Lava horchend, – denn wehe dem Unglücklichen, der sich in einem solchen Hohlwege befindet, wenn die Lava den Rand desselben erreicht und sich nun mit schrecklicher Gewalt hineinstürzt! – auch die schnellsten Beine und die größte Geistesgegenwart dürften da nicht immer vor dem gräßlichen Feuertode retten.

Wir erreichten endlich den großen Weinberg des Pfarrers, in dessen Mitte das stattliche, auch schon ganz ausgeräumte Pfarrhaus lag. Der alte Pfarrer in kurzer Jacke und Kniehosen, nur durch ein schwarzsammtnes Käppchen als Geistlicher kenntlich, bemühte sich mit Hülfe einiger Männer, die Weinpfähle auszureißen, um wenigstens diese, als Brennholz, zu retten. - Sein schwarzer Hund, ein kluges, treues Thier, lief immer, ängstlich bellend, zu dem verlassenen Hause hin, dem ein über dreißig Fuß hoher Lavawall schon bis auf einen Fuß nahe gerückt war, und dann wieder zu seinem Herrn zurück, an dem er bellend aufsprang, als wolle er ihn vor der herannahenden Gefahr warnen. – Das [810] Haus stand öde und leer da, – nur die Hauskatze saß noch ganz gemüthlich auf der Thürschwelle des oberen Stockwerks, zu dem eine Treppe von außen führte. Der Pfarrer hatte sich so eben wehmüthig nach dem Hause gewendet, an dessen dicken Steinmauern sich die Lavablöcke immer höher aufdämmten, – er betrachtete das Heimwesen, in dem er, seit er Priester geworden, gewohnt und gewaltet hatte, mit tiefer Trauer im Ausdrucke, zum letzten Male. – Neben dem Hause stand ein schöner, junger Feigenstamm, – in wenigen Minuten mußte ihn die Lava zerstören, – ich wollte ihn lieber als Andenken mitnehmen. „Ist’s erlaubt?“ fragte ich. „Heute ist Alles erlaubt!“ antwortete er mit einem trüben Lächeln auf die Lava deutend. Während ich den Stamm abschnitt, fiel des Pfarrers Blick auf die Katze: „Rettet das arme Thier!“ rief er einem der Leute zu; – dieser eilte die Treppe hinauf, die Katze aber, durch das fremde Gesicht erschreckt, lies rasch in’s Innere des Hauses hinein, und in demselben Augenblicke stürzte die an dem Hindernisse der Steinmauern thurmhoch aufgedämmte Lava mit furchtbarem Gekrach nach vorne über und überschüttete das flache Dach des Hauses mit einem Feuermeere. Der Mann auf der Treppe sprang mit einem lauten Schrei hinab, der Pfarrer und die Umstehenden bekreuzten, sich, – aus den leeren Fensterhöhlen drangen dicke, qualmende Rauchwolken, – noch einige Minuten und das ganze, große Pfarrhaus war spurlos verschwunden, an seiner Stelle wälzte sich ein hoher Wall von glühenden Lavablöcken weiter vorwärts.

Wir gingen jetzt, durch Weinberge und Obstgärten kletternd, immer nur der Grenze des Lavadammes folgend, die ganze Breite des Feuerstromes hinab, nachdem wir den Hohlweg, in welchem wir zum Pfarrhause hinaufgestiegen, auf dem Rückwege schon mit Lava ausgefüllt und überdeckt gefunden hatten. Auf diesem langen und mühsamen Wege starrte, uns überall dasselbe traurige Bild der Vernichtung und Verwüstung entgegen; in einer Besitzung war das elegante Casino so eben unter dem Drucke der Lavablöcke zusammengestürzt, aber die feurige Masse schien, aus unbekannten Ursachen, auf diesem Punkte Rast zu halten und nicht vorwärts gedrängt zu werden, denn die Trümmer des Casino’s wurden nicht überdeckt und vor der Lava eingeschlagene Holzpfähle, die dem Besitzer als Warnungszeichen dienen sollten, standen unverletzt da. Diese momentane Rast war für die Besitzer des Casino’s ein großes Glück, denn sie waren noch damit beschäftigt, aus den etwa fünfzig Schritte zurück gelegenen Wirthschaftsgebäuden ihre bewegliche Habe zu entfernen und den Wein aus den Kellern in Fässer zu gießen, deren einige, bereits gefüllt, fortgeführt wurden. Jede Stunde Galgenfrist war für die Leute ein wahrer Gewinn und sie suchten auch jede so gewonnene Minute bestens zu benützen.

Wir waren nun schon fünf Stunden, ohne Halt, nach allen Richtungen umhergewandert und hatten einen genügenden Ueberblick des Terrains gewonnen, – die Sonne neigte sich zum Untergange, – wir waren müde, matt, hungrig und durstig, und so kehrten wir an den äußersten Punkt der Lavafluth zurück, lagerten uns dort auf einen Hügel und hier – vor uns den donnernden und qualmenden Vesuv und den San Salvatore mit der Wallfahrts-Capelle, zu unseren Füßen die krachende und prasselnde Lavafluth im langsamen Vorrücken, hinter uns das Meer und die in dasselbe hinabsinkende Sonne, während die Mondsichel schon hell am Himmel stand, – in Mitte dieser großartigen Rundschau labten wir uns an dem mitgebrachten Proviante und dem köstlichen Wein. – Indessen wurde es dunkler, wie denn hier die Nacht ohne Dämmerung eintritt, und der Führer fragte: ob er für den Rückgang eine Fackel kaufen solle? – „Was eine Fackel koste?“ fragte ich. Wieder dieselbe ausweichende Antwort: „Sie wird nicht viel kosten.“ Ich winkte, – er und sein Begleiter gingen und kehrten bald mit zwei Fackeln wieder. „Was eine solche Fackel koste?“ fragte ich jetzt scheinbar hingeworfen meine Reisegefährten. „Zwei Francs!“ platzte der eine Führer unvorsichtig heraus, und jetzt begriff ich, daß es auf eine Prellerei abgesehen war. Ich rief die beiden Bursche zu mir: „Ich will jetzt wissen, was Du für Deine Mühe verlangst, – den Andern habe ich nicht bestellt und nicht angenommen. Also kurz und klar! was verlangst Du?“ – Neue Ausflüchte, – wiederholt die Redensart: „Was Eccellenza geben wollen!“ – als ich aber nicht nachließ und kategorisch eine Summe zu wissen verlangte, meinte der Führer: „er habe wohl fünfzehn Francs verdient und seinem Cameraden sollte ich geben, was ich glaube.“ „Seid Ihr toll oder glaubt Ihr, daß ich verrückt bin?“ fragte ich ihn und nun begann eine Debatte, die eine volle Stunde währte, in der ich Argument gegen Argument, Sophism gegen Sophism zu setzen, die Appellationen an meine Großmuth und Generosität gegen so „poveri Diavoli“ mit der Erklärung, daß ich selbst kein „Inglese“ und nicht reich sei, abzuweisen hatte. Mit dem Neapolitaner, der ein geborener Advocat und Plaideur ist, muß man eben plaidiren, nie die Ruhe verlieren und etwa heftig werden, und die ganze Debatte immer im heiteren, scherzhaften Tone führen. So bot ich ihnen denn fünf Francs für Beide zusammen und setzte ihnen auseinander, wie viele Macaroni und wie viele Bottiglias guten Posilippoweines sie für die fünf Francs kaufen“ könnten, worauf sie endlich auf zehn Francs für Beide Herabstiegen. Allein ganz einig konnten wir nicht werden, und so rückte ich jetzt mit dem kräftigsten Argumente vor und proponirte, den Fall dem Brigadier einer der jetzt zahlreich den Berg heraufkommenden Gensdarmerie- Patrouillen zur Entscheidung vorlegen zu wollen. – Das wirkte; die Bursche wurden kleinlaut und acceptirten mein Gebot, jedoch mit der Bitte: Eccellenza möge doch Jedem noch eine Bottiglia (Trinkgeld) geben. Ich gab ihnen nun die fünf Francs und jedem einen Franc Bottiglia, und sie zogen mit vielen „Mille grazie, Excellanza, auf Wiedersehn!“ mit ihren Fackeln ab.

Zum Rückwege nach San Giorgio brauchte ich weder sie, noch die Fackeln, denn der Schauplatz hatte sich gegen Abend mit Hunderten von Fremden und Neapolitanern gefüllt, die alle von Fackelträgern begleitet waren, so daß man sich nur einer solchen Gesellschaft anzuschließen brauchte.

Ich erzähle diese kleine Episode, um nach mir kommende Reisende zu warnen, sich nie ohne vorher gemachten festen Accord hier auf Etwas einzulassen und in allen streitigen Fällen sich an die Gensdarmerie oder an die „Garde der öffentlichen Sicherheit“ zu wenden, die, meistens Piemontesen oder Toscaner, mit den prellerischen Neapolitanern kurzen Proceß machen.

Darüber war es nun Nacht geworden und das prächtige Schauspiel entwickelte sich vor uns. So weit das Auge reichte, war nun der ganze Lavastrom, der bei Tage schwarz ausgesehen hatte, ein glühendes Feuermeer, das sich langsam vorwälzte und von dessen haushohen Wogen sich fortwährend ungeheure, glühende Lavablöcke ablösten und mit Gekrach herabrollten. Rückte die Lava an einen Baum, so flammten seine von der furchtbaren Hitze gedörrten Blätter, wie tausend Lichter auf einem Christbaum, hellleuchtend auf, – dann wurde prasselnd der Stamm von den Flammen verzehrt und die Krone sank in das Gluthmeer. Dazwischen schlugen aus dem Lavawalle von Zeit zu Zeit ungeheure Flammensäulen mit donnerähnlichem Gepolter auf, wahrscheinlich in der Masse eingeschlossene Gase, die sich entzündeten, – dann wieder stürzte sich der glühende Strom in einen der vielen Brunnen, das Wasser darin wurde durch das Feuer verdrängt, es entwickelte sich mit einer Explosion eine Masse Wasserstoffgases und eine weiße Dampfsäule wirbelte zischend in die Luft empor.

Und dieses nicht zu beschreibende Schauspiel begleitete der Vesuv mit seinem lang rollenden unterirdischen Donner, in den sich das Krachen der Lava, das Knattern und Knistern der brennenden Bäume, die Donnerschläge der Gasentzündungen, das Geschrei der Obst-, Kuchen- und Weinverkäufer, die Rufe der Fackelhändler: „Holla, Fackeln für den Heimweg!“ und das in allen Sprachen ertönende Geplauder der Fremden und Neapolitaner mischte. Noch einmal: so Etwas läßt sich erleben und hinterläßt einen unauslöschlichen Eindruck, – aber beschreiben läßt es sich nicht. – Es waren, nach meiner Schätzung, einige Tausend Personen diesen Abend auf dem Berge, meistens Fremde, die auf die telegraphischen Nachrichten von Rom, Florenz, Livorno, Mailand, Marseille herbei geeilt waren und deren in den letzten Tagen einige Tausend hier eingetroffen sein sollen, so daß alle Hotels überfüllt sind.

Als wir um neun Uhr den Berg verließen und hinabstiegen, begegnete uns auf dem ganzen Wege eine unaufhörliche Procession von Gesellschaften mit Fackelträgern und auf der Straße von Portici bis Neapel fuhren uns fortwährend Droschke auf Droschke, Equipage auf Equipage, Alle der Lavafluth zueilend, entgegen. – Unser Kutscher fuhr uns, wie ein Wahnsinniger jagend, in gestrecktem Galopp nach Hause, – da, vor Portici, ertönt ein gellender Schrei und ein Pferd mit einem Wägelchen, in dem ein [811] Mädchen saß, jagt in wüthenden Carriere an uns vorüber. Hintendrein stürzt ein ältlicher Mann, der, sich die Haare ausraufend, verzweifelnd schreit: „Ach meine arme Tochter!“ – Er und der Kutscher wechseln ein paar Worte im neapolitanischen Dialecte, – er war abgestiegen, um schnell ein Glas Wein zu trinken, und hatte, wie dies hier üblich, die Zügel auf den Sitz geworfen; – seine zwölfjährige Tochter war im Corricolo sitzen geblieben, das Pferd, durch die vielen Wagen und Fackeln erschreckt die plötzlich durchgegangen. „Oh! mia povera figlia! Sie wird vor Schrecken sterben!« so jammert der Mann. – „Oh! lo povera creatura!" schreit unser Kutscher laut und haut auf sein Pferd grimmig ein und immer: „O, das arme Geschöpf!“ jammernd, fahrt er im furchtbarsten Carriere hinab, so daß wir befürchten, in jedem Augenblick aus dem Wagen geschleudert zu werden. Endlich erreichen wir den am Wege liegenden Wagen, neben ihm steht händeringend das Mädchen. „Ist Dir Etwas geschehen?“ fragt besorgt der Kutscher. – „Nein! Nichts!“ antwortet die Kleine, „aber unser armes Pferd!“ – Sie hatte, als das Pferd durchging, mit seltener Geistesgegenwart die Zügel ergriffen und das wild gewordene Pferd noch möglichst zu lenken gesucht, war aber zuletzt in der Dunkelheit und verirrt und geblendet durch die vielen Wagen mit Fackeln, gegen einen Baumstamm gefahren und das Pferd habe sich den Kopf zerschmettert. – Die Aermste dachte nicht an sich und die überstandene Todesgefahr, sondern nur „nostro povero cavallo“, lag ihr am Herzen. Einige Schritte weiter fanden wir auch das Pferd, – zwei Männer hatten es ausgespannt und hielten es, es blutete stark aus den Nüstern. Unser Kutscher hielt, warf, eben so leichtsinnig, die Zügel auf den Sitz und untersuchte das Pferd. „Es ist nichts!“ entschied er, „es ist nur eine Quetschung, nichts gebrochen, – ein paar Tage Ruhe im Stall und kaltes Wasser;„ – so lautete sein Recept; – dann fuhren wir im Galopp nach Neapel. – Vor der Stadt suchte er eine alte Laterne ans dem Wagenkasten, deren Licht er anzündete, „denn,“ bemerkte er, „in Portici, wo er zu Hause sei, brauche man das nicht, aber in Neapel seien die Gensdarmen so penibel und wie ein Kutscher ohne Licht fahre, so werde er arretirt und müsse eine Geldbuße bezahlen“ – Nun rückte er auch mit der Hauptsache heraus: »Wie Eccellenza mit ihm und seinem Fuhrwerke zufrieden sei? – Er sei gut gefahren und habe eigentlich bei seinem Accorde viel versäumt; so habe er im Wirthshause liegen bleiben und warten müssen, und während der Zeit hätte er drei bis vier Fuhren machen und an zwanzig Francs verdienen können. Eccellenza werde ihn jedenfalls durch eine gute Bottiglia entschädigen.«

Es war elf Uhr Nachts, als wir an unsrer Wohnung am Molo ankamen, – als ich ihm seine zehn Francs zahlte, stellte er ganz dreist die Forderung, ich sollte ihm nun noch eine Bottiglia von fünf Francs geben. Ich mußte über diese naive Unverschämtheit hell auflachen, warf ihm noch fünfzig Centesimi hin und ging in’s Haus, das der Signor Portiere gleich hinter mir zuschloß, worauf sich der getäuschte Wagenlenker ebenfalls zufrieden gab und im Galopp davonfuhr. So endete diese Vesuvfahrt, deren Erlebnisse mir unvergeßlich in der Erinnerung bleiben werden.

Nachschrift. Die Eruption hat am 19. und 20. noch zugenommen und heute am 21. sind die vulcanischen Erscheinungen von einer solchen Heftigkeit, daß die ernstlichsten Befürchtungen wach werden. Dauert die Eruption noch längere Zeit fort, wie sie z. B. in 1855 während des ganzen Monats Februar fortdauerte, und bleibt die Heftigkeit des Ausbruches dieselbe, so sind nicht nur die jetzt schon bedrohten Ortschaften San Giorgio a Cremano und San Jorio, sondern auch Portici und Barra mit den Hunderten von prächtigen Villen verloren und der Lavastrom wird das Meer erreichen, wie 1794, und die Eisenbahn nach Pompeji und Eboli zerstören. Schon jetzt ist ein grenzenloser Schaden angerichtet und Hunderte haben ihr Alles verloren und stehen ohne Obdach da. Die hiesige Provinzial-Deputation hat vorläufig sechstausend Lire zur Unterstützung der Nothleidenden angewiesen und eine Sammlung ist eröffnet, die sich rasch mit Unterschriften bedeckt. Morgen Mittag halten Kronprinz Humbert und seine Gemahlin Margherita ihren feierlichen Einzug in Neapel, um hier für längere Zeit ihre Hofhaltung aufzuschlagen. Das prinzliche Paar dürfte da die schönste Gelegenheit finden, durch Erscheinen auf dem Schauplatze des Unglücks und durch reichliche Gaben und zweckmäßige Anordnungen sich bei den ziemlich mißvergnügten Neapolitanern beliebt zu machen.