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Doktor Eisenbart (Gartenlaube)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: Hans Bösch
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Titel: Doktor Eisenbart
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 612
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[612] Doktor Eisenbart. Wer unter den erwachsenen Lesern männlichen Geschlechts hatte in feuchtfröhlicher Stunde nicht auch einmal aus voller Brust und mit viel Behagen in den schönen Cantus eingestimmt:

„Ich bin der Doktor Eisenbart,
     zwiwele bim bam bum!
Kurier’ die Leut’ nach meiner Art,
     zwiwele bim bam bum!
Kann machen, daß die Blinden geh’n,
     zwiwele bum juchheirassa!
Und daß die Lahmen wieder seh’n,
     zwiwele bim bam bum!“

Und welche Freude empfand man nicht an den Radikalkuren dieses merkwürdigen Arztes, der Zahnweh durch Herausschießen des hohlen Zahnes, Podagra durch Abschneiden der beiden Beine auf ebenso einfache als gründliche Art für immer zu heilen verstand!

Daß dieser Doktor Eisenbart durchaus keine nur der Sage angehörende Persönlichkeit ist, sondern seiner Zeit in Fleisch und Blut auf dieser Erde wandelte, das wissen die älteren Leser der „Gartenlaube“ u. a. aus dem interessanten Aufsatz von R. Koser im Jahrgang 1875 dieses Blattes, worin ein eigenhändiger Brief des „Joh. Andreas Eysenbarth, Med. & Operator aus Magdeburg“ mitgeteilt ist. Es wird ferner bezeugt durch seinen Grabstein, der an der nördlichen Außenseite der St. Aegidienkirche zu Hannöverisch-Münden heute noch eingemauert steht.

Der Grabstein des Doktor Eisenbart.

Der Magistrat dieser Stadt hatte die Freundlichkeit, einen Gipsabguß dieses Grabmales für die Grabdenkmälersammlung des Germanischen Museums in Nürnberg zu stiften. Der Grabstein ist ziemlich einfacher Art. Oben halten zwei etwas plumpe Engel das Wappen unseres Freundes, das einen Strauß zeigt mit einem Hufeisen im Schnabel, was hoffentlich keine Anspielung auf die Arzneimittel sein soll, die Doktor Eisenbart verschrieben hat. Darunter findet sich folgende Inschrift:

„Alhir ruhet in Gott der weiland hochedle, hocherfahrne weltberüm. Herr, Herr Joh. Andreas Eisenbart, Königl. Grosbritanischer und Churfürstl. Braunschw. Lüneb. brivilegirte Landartzt, wie auch Königl. Breussischer Raht und Hofoculiste von Magdeborg. Gebohren Anno 1661, gestorben 1727 d. 11. Novemb. aetatis 66 Jahr.“

Nach den Titeln, die der Herr führte, scheint er für seine Zeit ein gesuchter Arzt gewesen zu sein, trotzdem er seine Kunst in einer für unsere Begriffe wirklich marktschreierischen und charlatanhaften Weise betrieb; man wird ihn deshalb auch in medizinischen Nachschlagewerken vergebens suchen; nicht in der Wissenschaft, sondern im deutschen Liede lebt er fort und wird er fortleben, so lange deutscher Humor, deutsche Sangesfreudigkeit nicht erstorben sind, wovor uns Gott in Gnaden behüten möge!

Wie Doktor Eisenbart zu der Ehre gekommen ist, durch dieses Lied verewigt zu werden, wird sich nur schwer feststellen lassen. Doch scheint das Lied, wie es jetzt meist gesungen wird, teils älter, teils jünger zu sein als Eisenbart selbst. Das Germanische Museum bewahrt unter seinen Flugblättern ein Spottbild auf einen marktschreierischen Arzt, das der Zeit um 1660, also der Geburtszeit Eisenbarts angehören dürfte und auf dem sich Verse finden, die gerade so beginnen wie das Lied vom Doktor Eisenbart. Sie lauten:

„Ich bin der Doctor von Calabrian,
Der den wurm schneid und destilliren kan,
Dem die würm, mücken undt Hasen plagen
Will ich ein Remedium bald sagen.“

Der Marktschreier befreit den einen Patienten von diesen Plagen durch Anzapfen des Leibes, den andren dadurch, daß er ihn in ein Wasserbad setzt und die Grillen, die ihn plagen, aus ihm heraus „destilliert“. Der erste dieser Verse scheint mir die Grundlage zu dem Eisenbartliede zu sein, und es spricht für Eisenbarts weitverbreiteten Ruf, daß ihm später der Doktor von Calabrian weichen mußte. Dann ist wohl Schritt für Schritt im Laufe der Jahrhunderte etwas hinzugedichtet, anderes weggelassen worden, bis es nach und nach seine heutige, in Einzelheiten freilich immer noch verschiedene Fassung erhielt. Daß das Lied Anachronismen, zeitliche Widersprüche enthält, spricht für unsere Erklärung seiner Entstehung. Einen Anachronismus bilden z. B. die Verse:

„Zu Potsdam trepanierte ich,
Den Koch des großen Friederich;
Ich schlug ihm mit dem Beil vor’n Kopf,
Gestorben ist der arme Tropf.“

Natürlich konnte Doktor Eisenbart, der 1727 gestorben ist, dem „Koch des großen Friederich“ nichts mehr anthun, da Friedrich der Große erst 1740 zur Regierung kam. Auch der Vers von dem Mann zu Ulm, der gerne „gekuhpockt“ sein wollte, dürfte kaum vor Doktor Jenners Tagen, d. h. also vor dem Ende des 18. Jahrhunderts entstanden sein. Aber die Erkenntnis dieser Widersprüche wird daran nichts mehr ändern, daß Doktor Eisenbart für alle Zeiten als der größte aller Quacksalber und Charlatane – dank jenem schönen Liede – betrachtet werden wird. Hans Bösch.