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Die verstoßene Prinzessin

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die verstoßene Prinzessin
Untertitel:
aus: Chinesische Volksmärchen, S. 161–170
Herausgeber: Richard Wilhelm
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Eugen Diederichs
Drucker: Spamer, Leipzig
Erscheinungsort: Jena
Übersetzer: Richard Wilhelm
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
E-Text nach Digitale Bibliothek Band 157: Märchen der Welt
Eintrag in der GND: [1]
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[161]
55. Die verstossene Prinzessin

Zur Tangzeit lebte ein Mann namens Liu I, der war in seiner Doktorprüfung durchgefallen. So reiste er wieder nach Hause zurück. Sechs, sieben Meilen hatte er hinter sich, da flog im Feld ein Vogel auf. Sein Pferd ward scheu und rannte über zehn Meilen weit, ehe es sich halten ließ. Da sah er eine Frau, die hütete Schafe am Abhang eines Berges. Er blickte sie an; sie war wunderschön von Angesicht, doch drückten ihre Mienen geheimen Kummer aus. Verwundert fragte er sie, was ihr fehle.

[162] Die Frau begann zu schluchzen und erzählte: „Das Glück hat mich verlassen; ich kam in Not und Schande. Da Ihr die Freundlichkeit habt, mich zu fragen, will ich Euch offen alles sagen. Ich bin die jüngste Tochter des Drachenfürsten vom Dungting-See und war verheiratet an den zweiten Sohn des Drachenkönigs von Ging Dschou. Mein Gatte aber war leichtsinnig und hielts mit einer ränkevollen Magd. So hat er mich verstoßen. Ich klagte meine Not den Schwiegereltern, die aber hatten eine blinde Liebe für den Sohn und taten nichts. Als ich sie dringender noch bat, da wurden beide böse, und ich ward hier herausgeschickt und muß die Schafe hüten.“ Als sie ausgeredet hatte, brach sie vor Schmerz in lautes Weinen aus und konnte sich gar nicht mehr fassen. Dann fuhr sie fort: „Der Dungting-See ist so weit von hier, doch habe ich erfahren, daß Ihr auf Eurer Heimreise dort vorbeikommt. Ich möchte Euch einen Brief an meinen Vater mitgeben; ich weiß nicht, ob es angeht?“

Liu I erwiderte: „Eure Worte haben mich im tiefsten Herzen gerührt. Ich wollte, ich hätte Flügel und könnte mit Euch von dannen fliegen. Den Brief an Euren Vater will ich gerne überbringen. Doch der Dungting-See ist groß und weit, wie kann ich ihn da finden?“

„Am südlichen Ufer des Sees steht ein Orangenbaum,“ erwiderte die Frau, „die Leute nennen ihn den Opferbaum. Wenn Ihr dorthin kommt, müßt Ihr Euren Gürtel lösen und dreimal ihn gegen den Orangenbaum schwingen, so wird jemand erscheinen, dem mögt Ihr folgen. Wenn Ihr meinen Vater seht, so erzählt ihm, in welcher Not Ihr mich getroffen, und daß ich seine Hilfe heiß ersehne.“

Dann holte sie aus ihrem Busen einen Brief und gab ihn dem Liu I. Sie verneigte sich vor ihm und blickte seufzend nach Osten. Auch dem Liu I rollten unversehens die Tränen herab. Er nahm den Brief und steckte ihn in seinen Beutel.

Dann fragte er: „Ich verstehe nicht, warum Ihr Schafe hüten müßt. Schlachten die Götter denn auch Tiere?“

[163] „Das sind keine gewöhnlichen Schafe,“ sagte die Frau; „es sind Regenknechte.“

„Was sind denn Regenknechte?“

„Es sind die Donnerböcke“, sprach die Frau.

Und als er näher zusah, da sah er, daß die Tiere stolz und wild einherschritten, ganz anders als gewöhnliche Schafe.

Liu I fügte dann noch hinzu: „Wenn ich den Brief für Euch nun überbringe und Ihr künftig wohlbehalten zum Dungting-See zurückkehrt, müßt Ihr mich aber nicht wie einen Fremden behandeln.“

Die Frau erwiderte: „Wie sollte ich Euch fremd behandeln! Ihr sollt mir der liebste Freund sein!“

Nach diesen Worten schieden sie.

Nach einem Monat kam Liu I an den Dungting-See und fragte nach dem Orangenbaum, und richtig fand er ihn. Er löste seinen Gürtel und schlug dreimal gegen den Baum. Sofort tauchte ein Krieger aus den Wellen des Sees hervor.

Er fragte: „Woher kommt Ihr, werter Gast?“

Er sprach: „Ich habe einen wichtigen Auftrag und will den König sehen.“

Der Krieger winkte nach dem Wasser zu, da ward es zur festen Straße, und er führte ihn hinein. Das Drachenschloß türmte sich vor ihnen auf mit tausend Toren. Wunderblumen und seltene Gräser sproßten in üppiger Fülle. Der Krieger hieß ihn an der Seite eines großen Saales warten.

Er fragte: „Wie heißt dieser Ort?“

„Es ist die Geisterhalle“, war die Antwort.

Liu I sah sich um: Alle Kleinodien der Menschenwelt waren in verschwenderischer Pracht vorhanden. Die Säulen waren aus weißem Quarz mit grünem Jaspis eingelegt; die Sitze waren aus Korallen, die Vorhänge aus wasserklarem Bergkristall, die Fenster aus geschliffenem Glas mit reichem Gitterwerk verziert. Bernsteingeschmückt schwangen sich in weitem Bogen die Balken der Decke. Ein fremder Duft erfüllte den Raum, der sich in geheimnisvollem Dunkel verlor.

[164] Lange mußte er auf den König warten. Auf seine Fragen belehrte ihn der Krieger: „Der Herr geruht jetzt eben auf dem Korallenturm mit dem Sonnenpriester über das heilige Buch des Feuers zu reden. Es wird wohl bald zu Ende sein.“

Liu I fragte weiter: „Was hat es mit dem heiligen Buch des Feuers auf sich?“

Die Antwort war: „Unser Herr ist ein Drache. Die Drachen sind groß durch die Kraft des Wassers. Mit einer Woge können sie Berg und Tal bedecken. Der Priester ist ein Mensch. Die Menschen sind groß durch die Kraft des Feuers. Mit einer Fackel können sie die größten Paläste verbrennen. Feuer und Wasser bekämpfen sich, da sie in ihrer Wesensart verschieden sind. Darum bespricht sich unser Herr nun mit dem Priester, um einen Weg zu finden, wie Feuer und Wasser sich ergänzen können.“

Noch ehe sie ausgeredet, erschien ein Mann im purpurnem Gewand, der trug ein Jaspiszepter in der Hand.

Der Krieger sprach: „Das ist mein Herr.“

Liu I verneigte sich vor ihm.

Der König sprach: „Seid Ihr denn nicht ein lebender Mensch? Was führt Euch hierher?“

Liu I nannte seinen Namen und erzählte: „Ich war in der Hauptstadt und fiel dort in der Prüfung durch. Als ich am Ging Dschou-Fluß vorüberkam, da sah ich Eure geliebte Tochter, wie sie Schafe weidete in der Wildnis. Der Wind zauste ihre Haare, und der Regen netzte sie. Ich konnte diese Trübsal nicht mit ansehen und sprach sie an. Sie klagte mir, daß sie von ihrem Gatten verstoßen sei, und weinte bitterlich. Dann gab sie mir einen Brief mit. Darum bin ich gekommen, Euch, o König, zu besuchen.“

Mit diesen Worten holte er den Brief heraus und überreichte ihn dem König. Als der ihn durchgesehen hatte, verhüllte er sein Antlitz mit dem Ärmel und sagte seufzend: „Das ist meine Schuld. Ich habe ihr einen schlechten [165] Gatten ausgewählt. Ich wollte meine Tochter recht früh verheiraten und hab sie nun in der Ferne in Schmach und Schande gebracht. Ihr seid ein Fremder und habt Euch doch bereitgefunden, in ihrer Not ihr beizustehen; dafür bin ich Euch herzlich dankbar.“ Dann begann er abermals zu schluchzen, und alle Umstehenden vergossen Tränen. Der Fürst gab nun den Brief einem Diener, der ihn ins Innere des Palastes trug. Nach einer kleinen Weile erhoben sich im Innern des Palastes laute Klagen.

Der Fürst erschrak und wandte sich an einen der Beamten: „Geh hin und sage denen drinnen, sie sollen nicht so laut weinen; ich fürchte, Tsiän Tang könnte es hören.“

„Wer ist denn Tsiän Tang?“ fragte Liu I.

„Es ist mein geliebter Bruder“, sprach der Fürst. „Er war früher der Herrscher des Tsiän-Tang-Flusses. Jetzt ist er abgesetzt.“

Liu I fragte: „Warum soll er nicht von der Sache hören?“

„Er ist so wild und unbändig,“ war die Antwort, „daß ich fürchte, er könnte großes Unheil anrichten. Die Sintflut, die damals zur Zeit des Kaisers Yau neun Jahre lang auf Erden war, hat er in seinem Zorne angerichtet. Weil er mit einem Himmelsfürsten uneins wurde, hat er eine Wasserflut erregt, die bis über die Gipfel der fünf großen Berge ging. Da wurde der Herr zornig auf ihn und hat ihn mir in Gewahrsam übergeben. Ich mußte ihn an eine Säule des Palastes fesseln.“

Aber noch ehe er ausgeredet hatte, erhob sich plötzlich ein ungeheures Getöse, daß der Himmel zerriß und die Erde erbebte und der ganze Palast in Erschütterung geriet und Rauch und Wolken qualmend aufzischten. Ein roter Drache, tausend Fuß lang, mit blitzenden Augen, blutroter Zunge, scharlachnen Schuppen und feurigem Barte kam daher. Die Säule, an der er angefesselt war, schleppte an seiner Kette durch die Luft. Blitz und Donner brausten um seinen Leib; Schloßen, Schnee, Regen [166] und Hagel wirbelten durcheinander. Ein Donnerschlag, und er fuhr zum Himmel auf und verschwand.

Liu I fiel vor Schrecken zur Erde. Der König half ihm mit eigener Hand wieder auf und sagte: „Keine Angst! Das ist mein Bruder, der in seinem Zorn nach Ging Dchou eilt. Bald wird gute Nachricht da sein.“

Darauf ließ er Wein und Speisen bringen, den Gast zu bewirten. Als der Becher dreimal die Runde gemacht hatte, da erhob sich säuselnd ein Zephirwind, und feiner Regen sprühte nieder. Ein Jüngling in purpurnem Gewand und hohem Hut trat ein. An der Seite trug er ein Schwert. Er sah männlich und heldenhaft aus. Hinter ihm ging ein Mädchen in strahlender Schönheit und nebelduftigem Gewand. Als er sie ansah, da wars die Drachenprinzessin, der er unterwegs begegnet war. Eine Schar von rotgekleideten Mädchen empfing sie unter Lachen und Kichern und führte sie ins Innere des Palastes. Der Herrscher aber stellte ihm den Jüngling vor und sagte: „Das ist Tsiän Tang, mein Bruder.“

Tsiän Tang bedankte sich bei ihm für die Überbringung der Botschaft. Dann wandte er sich an seinen Bruder und sprach: „Ich habe mit den verruchten Drachen gekämpft und sie gründlich besiegt.“

„Wieviele hast du umgebracht?“

„Sechshunderttausend.“

„Kamen Felder zu Schaden?“

„Achthundert Meilen weit.“

„Und wo ist der herzlose Gatte?“

„Ich hab ihn gefressen.“

Da sprach der König bestürzt: „Was der lose Knabe getan, war freilich nicht zu dulden. Doch bist du gar zu roh gewesen. In Zukunft darfst du so etwas nicht wieder tun.“ Tsiän Tang versprachs.

An jenem Abend wurde Liu I im Schloß festlich bewirtet. Musik und Tanz verschönerten das Mahl. Tausend Krieger mit Fahnen und Speeren in der Hand traten hervor. [167] Posaunen und Trompeten erschallten, Pauken und Trommeln wirbelten. So führten sie einen Kriegstanz auf. Die Musik brachte zum Ausdruck, wie Tsiän Tang die feindlichen Reihen durchbrochen. Dem Gaste, der das hörte, sträubten sich vor Furcht die Haare. Dann wieder ertönten Saitenspiel, Flöten und goldene Glöckchen. In roter und grüner Seide tanzten tausend Mädchen einen Reigen. Die Rückkehr der Prinzessin wurde durch die Töne ausgedrückt. Sie klangen wie Gesang, wie Schluchzen, wie Trauer, wie Klagen, und alle, die sie hörten, wurden zu Tränen gerührt. Der König vom Dungting-See war hocherfreut. Dann hob er den Becher und trank dem Gaste zu, bis sie vom Weine aller Sorgen ledig wurden. Die beiden Herrscher dankten dem Gaste in Versen, und auch Liu I erwiderte in einem gereimten Trinkspruch. Die Höflingsscharen im Palaste riefen Beifall. Dann nahm der König vom Dungting-See einen blauen Wolkenkasten hervor, in dem das wasserzerteilende Nashorn lag. Tsiän Tang tat eine Platte von rotem Bernstein hervor mit einem Karfunkelstein darauf. Die schenkten sie dem Gaste, und auch die andern im Palast häuften an seiner Seite Stickereien, Brokate und Perlen auf. Von Glanz und Schimmer umflossen saß Liu I da und dankte lächelnd nach allen Seiten. Als das Mahl zu Ende war, schlief er im Schloß des gefrorenen Glanzes.

Tags darauf wurde wieder ein Mahl gehalten. Tsiän Tang, der etwas betrunken war, saß lässig da und sprach: „Die Königstochter vom Dungting-See ist fein und hübsch. Sie hat das Unglück gehabt, von ihrem Gatten verstoßen zu werden. Heute ist ihre Ehe gelöst. Ich möchte nun einen andern Mann für sie haben. Wenn Ihr einverstanden wäret, so wäre es auch für Euch von Vorteil. Seid Ihr aber nicht gewillt, so möget Ihr Eure Straße ziehen, und wenn wir uns einmal wieder treffen sollten, so kennen wir uns nicht mehr.“

Liu I ward böse über die lässige Art, mit der Tsiän Tang[1] [168] zu ihm sprach. Das Blut stieg ihm zu Kopf, und er erwiderte: „Ich habe den Boten gemacht, weil ich Mitleid hatte mit der Prinzessin, nicht aber, um mir selbst einen Vorteil dabei zu verschaffen. Den Gatten töten und die Frau entführen, so etwas tut ein rechter Mann nicht. Bin ich auch nur ein gewöhnlicher Mensch, so will ich lieber sterben, als nach Euren Worten handeln.“

Tsiän Tang stand auf, entschuldigte sich und sprach: „Meine Worte waren allzu übereilt. Ich hoffe, Ihr nehmt mirs nicht übel.“ Und auch der Herr vom Dungting-See sprach ihm gütlich zu und tadelte Tsiän Tang wegen seiner rohen Rede. Von der Heirat wurde nicht mehr gesprochen.

Tags darauf verabschiedete sich Liu I, und die Königin vom Dungting-See gab zum Abschied noch ein Festmahl.

Die Königin sprach unter Tränen zu Liu I: „Meine Tochter ist Euch zu tiefem Dank verpflichtet, und wir haben keine Gelegenheit gehabt, es Euch zu vergelten. Nun geht Ihr weg, und wir lassen Euch mit schwerem Herzen ziehen.“

Darauf befahl sie der Prinzessin, sich zu bedanken.

Die stand errötend auf, verneigte sich vor ihm und sprach: „Wir werden uns wohl niemals wiedersehen!“ Dann erstickte ihre Stimme in Tränen.

Liu I hatte wohl dem stürmischen Drängen des Oheims sich widersetzt, doch wie er nun die Prinzessin in aller ihrer Lieblichkeit vor sich stehen sah, da tat es ihm von Herzen leid; allein er bezwang sich und ging weg. Der Schätze, die er mitbekam, waren unermeßlich viele. Der König selbst mit seinem Bruder gab ihm das Geleite bis zum Fluß.

Als er zu Hause ein Hundertstel von dem, was er bekommen, verkaufte, da zählte sein Vermögen schon nach Millionen, und er ward reicher als alle seine Nachbarn. Zweimal verheiratete er sich, doch starben beide Frauen nach kurzer Zeit. So wohnte er denn allein in der Hauptstadt. [169] Er suchte nach einer neuen Gattin. Eine Vermittlerin kam zu ihm und erzählte ihm, daß im Norden eine Witwe mit ihrer Tochter lebe. Der Vater habe sich in späteren Jahren dem Taoismus ergeben und sei in den Wolken verschwunden, ohne wiederzukehren. Die Mutter lebe nun mit ihrer Tochter in ärmlichen Verhältnissen; doch weil das Mädchen über alle Maßen schön sei, so suche sie nach einem vornehmen Eidam.

Liu I wars zufrieden, und die Hochzeit wurde festgesetzt. Als er am Hochzeitsabend seine Braut entschleiert sah, da glich sie ganz der Drachenprinzessin. Er fragte sie, sie aber lächelte und sagte nichts.

Nach einem Jahr gebar sie einen Sohn. Da sagte sie zu ihrem Manne: „Heute will ich dirs gestehen: ich bin wirklich die Prinzessin vom Dungting-See. Als du meines Oheims Antrag verschmäht hattest und weggegangen warst, da ward ich krank vor Sehnsucht und kam dem Tode nahe. Meine Eltern wollten nach dir schicken; aber sie fürchteten, du möchtest an meiner Herkunft Anstoß nehmen. So ward ich denn, als Menschenmädchen verkleidet, dir vermählt. Bisher wagte ich es dir nicht zu gestehen. Nun hab ich dir einen Sohn geboren, und ich hoffe, daß du die Liebe zu ihm auf seine Mutter überträgst.“

Da kam Liu I wie aus tiefer Betäubung zu sich. Und die beiden liebten sich von Herzen.

Eines Tages sprach die Frau: „Wenn du ewig mit mir zusammenleben willst, so können wir nicht in der Menschenwelt wohnen bleiben. Wir Drachen werden zehntausend Jahre alt, und du sollst teil an diesem Alter haben. Komm mit mir zurück in den Dungting-See!“

Zehn Jahre waren darüber vergangen, und niemand wußte, wohin Liu I verschwunden war. Da kam zufällig ein Verwandter von ihm über den Dungting-See gefahren. Plötzlich tauchte ein blauer Berg aus den Wassern hervor.

Die Schiffer riefen bestürzt: „An dieser Stelle ist kein Berg, es muß ein Wasserdämon sein!“

[170] Während sie noch deuteten und Ausschau hielten, da nahte sich der Berg dem Schiff, und von seiner Spitze glitt ein buntes Boot ins Wasser nieder. Zu beiden Seiten standen Feen. In der Mitte saß ein Mann. Es war Liu I. Er winkte seinem Vetter mit der Hand; der raffte seine Kleider auf und stieg zu ihm ins Boot. Als er jedoch das Boot betrat, da hatte es sich in einen Berg verwandelt. Auf dem Berge stand ein prächtiges Schloß, und in dem Schlosse stand Liu I, umgeben von Saitenspiel und leuchtenden Farben.

Sie begrüßten sich, und Liu I sprach zu seinem Vetter: „Kaum einen Augenblick sind wir auseinander, und du hast schon graues Haar.“

Der Vetter sprach: „Du bist ein seliger Gott; ich habe verweslichen Leib. So wills das Schicksal.“

Da gab ihm Liu I fünfzig Pillen und sprach: „Jede Pille verlängert dein Leben um ein Jahr. Wenn diese Jahre voll sind, so komm und verweile nicht länger in der Welt des Erdenstaubs, wo nur eitel Not und Mühsal ist.“

Dann brachte er ihn noch über den See und war verschwunden.

Sein Vetter aber zog sich von der Welt zurück, und nach fünfzig Jahren, als er die Pillen alle gegessen hatte, da verschwand er auch auf Nimmerwiedersehen.

Anmerkungen des Übersetzers

[398] 55. Die verstoßene Prinzessin. Quelle: Tang Dai Tsung Schu.

„hütete Schafe.“ Schafe als Bild der Wolken kommen auch sonst vor. (Schafe und Ziegen werden in China mit demselben Wort bezeichnet.) Tsiän Tang, Name des Orts als Name des dort herrschenden Gottes.

„Die Sintflut.“ Gemeint ist die Überschwemmung, die der große Yü als Yaus Minister reguliert hat. Hier in übertreibendem Sinn als Sintflut dargestellt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Tiän