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Die Schlaraffengesellschaft

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Textdaten
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Autor: Schmidt-Weißenfels
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Titel: Die Schlaraffengesellschaft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 852–853
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Schlaraffengesellschaft.

Von Schmidt-Weißenfels. Mit Zeichnungen von Werner Zehme.

Von allen Gesellschaften unterhaltenden Zwecks ist die „Schlaraffia“ die einzige, welche eine über die ganze germanische Welt, also außer dem Deutschen Reiche auch über Oesterreich-Ungarn, die Schweiz und Nord-Amerika sich verzweigende Ausdehnung gefunden und durch die Einheit ihres Charakters wie ihrer Gesetze eine eigenartige Bedeutung gewonnen hat. Denn nicht bloß die Lust an fröhlicher, künstlerisch gehobener Geselligkeit führt die Mitglieder zusammen, die, mehr als dreitausend an der Zahl, in fünfundneunzig Städten ihre Sitze, ihre „Burgen“, haben, sondern sie haben sich auch höhere Ziele gesteckt: die Ausbildung eines hilfbereiten Gemeingeistes und jenes ritterlichen Sinnes, der über alles Gemeine und Niedrige erhaben ist. Der rechte Schlaraffe soll in seinem bunten Schalksordenskleid sich äußerlich der profanen Welt und ihrem Getriebe wie völlig entrückt, als dreihundert Jahre vor ihr geboren wähnen und mit warmem Herzen edlem Menschenthum sich widmen.

So war es gemeint und wurde es gehalten in dem kleinen Kreise, der sich einst in zwangloser Geselligkeit beim Hopfentrank aus Pilsen in Prag zusammenschloß, und so ist es geblieben in dem jetzt über zwei Erdtheile sich erstreckenden Schlaraffenreich mit seiner in die Tausende angewachsenen Mitgliederschar.

Sagenhaft schon ist der Anfang dieser Schöpfung geworden. Keine Chronik vermöchte ganz zuverlässig einen einzelnen als ihren einzigen Urheber zu bezeichnen. Zumeist waren es Mitglieder des Prager Landes-Theaters, die zuerst am 10. Oktober 1859 nach der Vorstellung auf Verabredung in einer Bierwirthschaft zusammenkamen und in lustigen Einfällen sich vergnügten. Damals besaß jene Bühne unter ihrem Direktor Thomé einen stattlichen Bestand an jungen, aufstrebenden Talenten, von denen mehr als eines später zu Ruhm und schönen Erfolgen gelangt ist. Diesem jungen Volk, bei dem theilweis lieb gebliebenes Studententhum mit künstlerischer Genialität sich versetzte, war das Kneipen helle Lust, und jugendlicher Uebermuth suchte ihm einen idealen Zug zu geben. So entstand dort, was eine so große, ungeahnte Zukunft haben sollte.

Um dieselbe Zeit hatte sich in Prag ein ästhetisch-litterarischer Verein unter dem Namen „Arcadia“ gebildet, dem auch mehrere Angehörige des Theaters beitraten. Als aber einmal ein neu angemeldetes Mitglied bei der Ballotage abgelehnt wurde, erklärten in kollegialischem Ehrgefühl die schon aufgenommenen ihr Ausscheiden aus dieser Gesellschaft. Trutziglich beschlossen sie, aus der erwähnten lustigen Kneipverbrüderung eine freie Künstlervereinigung zu machen. Ihr Theaterdirektor schloß sich an und zog einen weiteren Theil seines Personals an sich; ebenso wurden neue Mitglieder aus anderen Berufskreisen gewonnen. Die auf solche Weise stattlich verstärkte Gesellschaft taufte sich in absichtlicher Herausforderung gegen die so wählerischen Arcadier unter großem Jubel „Schlaraffia“ und nahm sogleich den Umzug in ein anderes geräumigeres und besser geeignetes Lokal vor, bei welchem schon schlaraffischer Spaß genugsam in Scene gesetzt wurde.

Ahalla.

Toller als zuvor sprudelte es nun von Witz und Humor in dieser Gesellschaft. Mit Feuereifer sorgten einzelne immer an den Abenden der Zusammenkünfte für künstlerisch gehobene Unterhaltung. Die vom Orchester spielten auf, die von der Oper ließen sich in Gesängen hören, die vom Schauspiel gaben Vorträge zum besten; in fröhlichem improvisirten Zusammenwirken wurde manch Possenspiel getrieben, das mehr und mehr stehende Bedeutung bei bestimmten Veranlassungen und sinnbildliches Gepräge annahm. Im Grunde lief es auf eine Verspottung der Eitelkeiten und Lächerlichkeiten dieser Welt durch einen feierlich närrischen Kultus derselben hinaus. Daher die Einführung eines höchst pomphaften Ceremoniells, das namentlich bei der Aufnahme neuer Mitglieder und bei Ertheilung des Ritterschlages zur Geltung kam. Ein mittelalterliches Kauderwelsch bildete sich für verschiedene Bezeichnungen von Dingen und Handlungen aus, Gruß, Beifalls- und Zutrunksruf lauteten anders als bei den gewöhnlichen Menschen. Dazu trat ein komischgravitätisch sich bewegendes, mit Schalksmütze stolzirendes Ritterthum, sich spreizender Hofwürden- und Reichsambtsdünkel, unfehlbarer Despotismus des Oberschlaraffen als des erwählten primus inter pares und demüthig ehrfurchtsvoller Gehorsam seiner Reichsunterthanen, die er zum Besten des Schatzes in Geldstrafen nehmen oder ins schauerliche Burgverließ zu Unken und Ratten werfen lassen konnte. Der Uhu wurde als mächtiger und kluger Wächter, auch als Bote der göttlichen Minerva, zum Schutzpatron erkoren und in ausgestopfter Leibhaftigkeit auf hohem Throne zur unbedingtesten Verehrung aller Genossen und Pilger (das waren die eingeführten Gäste) aufgestellt, später sogar eine Zeitlang durch einen lebendigen ersetzt. Ihm galt der erste „Lulugruß“ gleich beim Eintritt in die „Burg“, den Gesellschaftssaal. Als bösem Geist, der Uhus Dienst zu stören trachte, gab man einem Pokal den Namen „Oho“, und sowie er sein unheilvolles Wirken spüren ließ, beschwichtigte man ihn durch Trankopfer. Chorgesänge wurden gedichtet und komponirt, deren frische Ursprünglichkeit und melodische Eigenart noch heute in allen „Burgen“ weit und breit ihren bestrickenden Zauber ausübt.

Der Corpsgeist, welcher gegen die Arcadier die Trutzschlaraffen hatte erstehen lassen, kräftigte sich durch alle diese heiteren Thaten und Genüsse; er bewirkte eine Brüderlichkeit der Gesinnung, die, wie dreißig Jahre es bewiesen haben, nicht von rasch verrauschender, phrasenhafter und schnell in Ernüchterung verfallender Flüchtigkeit war, sondern sich auch in fördernden und manchmal rettenden Beistand goldrein bewährt hat. Daraus ergab eine hingebende Liebe der Prager Schlaraffen an ihre Schöpfung und ein gerechtfertigter Stolz auf ihre Schalksritterschaft.

Die Verneigung des „einreitenden“ Schlaraffen vor dem Uhu.

Im Anfang des Jahres 1861 hatte eins ihrer Mitglieder den ernsten Einfall, all dies Treiben und den Sinn des Schlaraffenthums in die regelrechten Formeln eines Reichsstatuts, eines „Spiegels“, zu fassen, und mit dessen Annahme erhielt die Schlaraffia ihre stehende Organisation und trat in ein gefestetes Vereinsverhältniß. Im wesentlichen ist dies Statut bis heute maßgebend für alle Erweiterungen geblieben, welche die Gesellschaft erfuhr.

Dasselbe Mitglied der „Praga“, wie sich im besonderen die Schlaraffia jener Stadt nannte, rief dann nach seiner Uebersiedelung nach Berlin daselbst im Oktober 1865 eine neue Schlaraffia ins Leben, deren Verfassung es nach den Grundsätzen der Prager ausarbeitete, wenn auch in anderen Formen der Regierung. Es gab daher in der „Berolina“ anstatt dreier erwählter Oberschlaraffen einen „Mikado“ als persönlichen Vertreter aller Weisheit in den „Sippungen“, d. h. den immer parlamentarisch geleiteten geselligen Zusammenkünften, und einen natürlich allmächtigen Reichskanzler in der japanischen Benamsung eines „Taifun“; als Abzweigung der Prager Schlaraffia, als mit ihr eins, konnte die Berolina damals nicht angesehen werden, da überhaupt an eine Verbreitung des Schlaraffenthums als einer einmüthigen Genossenschaft [853] in andere „Burgen“ noch nicht gedacht wurde. Die Beziehungen der beiden Schlaraffenreiche in Süd und Nord blieben zunächst nur rein persönliche. Anders wurde es erst 1872, als von Berlin ein Apostelthum zur „Eroberung“ von Leipzig für die Sache des Schlaraffenthums ausging. Es führte dies zu einer Verbündung der drei nun bestehenden Reiche, von denen Praga als das mütterliche erklärt wurde. Auch in Graz erstand 1872 durch Berlin noch ein neues Reich, und von Leipzig aus erfolgte bald danach die Gründung eines solchen in Breslau. Ein Konzil, das im Jahre 1875 zu Leipzig stattfand, bewirkte eine Umarbeitung des „Spiegels“ im Hinblick auf den entstandenen und eine weitere Ausbreitung ins Auge fassenden Föderativbund „Allschlaraffia“, und damit wurden im Geiste der Prager Verfassung die Grundmauern zu dem Bau gezogen, der dann Ende der siebziger und anfangs der achtziger Jahre schnell zu mächtiger Größe aufwuchs.

Empfang und Begrüßung fremder Schlaraffen.

Die „Berolina“ hatte auf diesem Konzil ihre berechtigten japanischen Eigenthümlichkeiten dem neuen Bundesspiegel geopfert. Siegreich über manche philisterhafte Vorurtheile erhob sich das schalkhafte Banner Uhus auf den Zinnen von immer mehr Burgen in Deutschland und Oesterreich, dann in der Schweiz und in Ungarn, endlich auch jenseit des Oceans in New-York, Chicago und San Francisko. Jede dieser neuen Gründungen mußte durch einen Schlaraffenritter durchaus nach den Vorschriften des Konzilsspiegels und Ceremoniells erfolgen; sie mußte durch ihn dasjenige Mutterreich zugewiesen erhalten, welches während des vorgeschriebenen Probejahrs der „Kolonie“ deren Erziehung überwachte und nach Vollendung derselben die Bestätigung bei „Allmutter Praga“ beantragte, wodurch die Kolonie erst ein in den Verband eingefügtes „Reich“ wurde. Jeder Schlaraffe ist denn auch Mitglied des Bundes Allschlaraffia und in allen Reichen des „Weltalls“ als Ritter zur Sassenschaft berechtigt.

Auf den alle fünf Jahre sich wiederholenden Konzilien und den damit verknüpften Bundesfesten kam das einhellige Gepräge des Schlaraffenthums in all seiner bunten Mannigfaltigkeit zum schönsten Ausdruck. Das einst bescheidene Rüstzeug im Auftreten nahm immer glänzendere, reichere Formen an. Ehrgeizig trachteten sodann die einzelnen Reiche, ihre besonderen Feste, wie Stiftungstage, zehn-, zwanzig- und dann gar fünfundzwanzigjährige Jubiläen, womit die Praga 1884 den Reigen stolz eröffnen konnte, mit allem schlaraffischen Hofstaatspomp in Scene zu setzen und den aus allen Reichen Geladenen eine schöne Gastfreundschaft zu erweisen.

Großartiges hat neuerdings die Berolina zur dreitägigen Feier ihres fünfundzwanzigjährigen Jubiläums in den unteren Räumen des Kaiserhofhotels geboten. Die Abbildungen, welche wir bringen, führen einiges von der stehenden Ausschmückung der „Burg“ vor, in welcher die Berliner Schlaraffen „sippen“, und von den Gebräuchen dieses fröhlichen Ritterordens unserer Zeit. Da ist das Reichswappen der Berolina mit dem Datum ihrer Gründung und dem Schildspruch, der Allschlaraffia gehört „In arte voluptas“, „die Kunst ein Vergnügen!“ Von Palmen umkränzt ist das Gesammtbild ihrer Verstorbenen mit deren photographischen Porträts. „In Ahalla!“ so heißt es von den aus diesem Leben Abgerufenen, denen feierlich das „Trauerlulu“ nachgerufen worden ist. Die Verneigung vor dem in jeder Burg thronenden Uhu ist, wie erwähnt, die erste Pflicht des „einreitenden“ Schlaraffen. Auf seinem Thron ist einer der Oberschlaraffen, welcher „fungirt“ in seiner „Rüstung“ zu sehen; auf dem größeren Bilde erblicken wir ihn und seine beiden „Amtsbrüder“ mit dem ganzen erlauchten Hofstaat, Kanzler, Ceremonienmeister, Schatzmeister, Marschall, Junkermeister, Mundschenk, Truchseß, auch den Hofnarren, damit beschäftigt, die vorgeführten fremden Ritter würdig zu begrüßen. Etwa 350 Schlaraffen aus etlichen fünfzig Reichen waren in der großen Festhalle der Berolina beisammen, in welcher unter rauschender Musik der pompöse Aufzug und „Ehrenritt“ vor der „Allmutter Praga“ stattfand, in der bei perlendem Pilsener „tapfer gesippt“ wurde, „die ganze Nacht“ heitere und weihevolle Vorträge poetischer, musikalischer und dramatischer Art sich in überreicher Fülle drängten und Chorgesänge die aufs prächtigste geschmückten Räume durchbrausten.

Oberschlaraffe.

Ein Mummenschanz! Aber getragen von dem Geiste harmloser Lust, geweiht den Genien der Poesie und Kunst, darf er wohl als etwas Einziges in seiner Art gerühmt werden. Alt sind manche in seinem Kultus geworden und in treuer Begeisterung mit jungem Sinn ihm ergeben geblieben. Gebildete verschiedenster Berufsklassen haben sich mit Herz und Mund zu ihm bekannt, und wer unter den im Kaiserhof so frohmüthig Sippenden auch an die hundert graue Köpfe mit leuchtenden Augen gesehen, alte Herren von sechzig, siebzig, ja achtzig Jahren mit dem bunten Helm auf dem Haupt, der mußte sich sagen, daß dies Schlaraffenthum das Zeug in sich trage, deutsche Männer in der ganzen Welt zu edler Brüderlichkeit zusammenzuschließen und einem idealen Zuge in unserem Zeitalter frohmüthig und siegreich zu folgen.