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Finstere Mächte

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Textdaten
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Autor: Etmar Weidrod
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Titel: Finstere Mächte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 828, 830-832, 881-891.
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Finstere Mächte.

Eine Bauerngeschichte von Elmar Weidrod.

Die Glocken, die den Sonntag einläuteten, sind längst verstummt, im Dorfe sind alle Lichter erloschen, kein Laut dringt mehr zu mir herauf in mein einsames „Herrenhaus“, wie die Leute im Dorfe meine Wohnung nennen. So lange die Glocken klangen, hatte man das Brausen des Nordsturmes nicht gehört, und so lange die Fensterreihen in den Häusern erleuchtet waren, hatte die tiefe Winternacht ihre Herrschaft noch nicht unumschränkt angetreten; jetzt hört man den Sturm wieder ganz allein, und gegen die Herrschaft der Nacht kämpft kein Licht mehr an. Ich könnte mein Licht auch auslöschen und ins Bett gehen, aber ich mag noch nicht. Wenn man Gesellschaft eingeladen hat und die Gäste sind noch versammelt und noch in lebhaftem Gespräch, löscht man auch nicht plötzlich die Lichter aus und geht ins Bett – und ich habe heute abend Gesellschaft: meine Gedanken sind versammelt und erzählen mir eine Menge Geschichten, zum Theil aus längst vergangener Zeit. Das geht bunt durcheinander: die einen fangen an zu erzählen, ehe die andern fertig sind, dann brechen sie ab, fangen etwas anderes an oder erzählen das weiter, was die andern angefangen haben, und diese wieder springen zu etwas neuem über.

Diese Art Unterhaltung gefällt mir nicht, meine Gäste müssen verständig reden und nur über ein einziges gemeinschaftliches Thema. Es ist im Grunde nicht schwer, ein solches Thema zu finden. Der Sturm draußen, der das Glockenläuten überdauert hat, bringt mich darauf, an die finstere Macht zu denken, welche die Herzen der Bewohner des Gebirgsthales, in dem ich wohne, beherrscht, an den Aberglauben, der wohl noch für lange, lange Zeit den Sieg über den reinen Glockenklang der Wahrheit davontragen wird. Wie haben wir schon dagegen angekämpft, der Pfarrer, der Schullehrer, der Arzt und ich, wie haben wir uns bemüht, dem Lichte Eingang zu verschaffen in die finsteren Herzen! In der Schule, in den Kirchen, in den Häusern, an Kranken- und Sterbebetten, an Wiegen und Särgen, bei Trauungen und Einsegnungen ist gewirkt und gestrebt worden, um wenigstens das Unheil abzuwenden, das der Aberglaube schon tausendfach über diese Menschen gebracht hat um wenigstens die Steine hinwegzuräumen, über welche sie im Finstern stürzen würden. Wir haben wenig erreicht. Aber wir wollen weiterkämpfen!

Meine Gedanken haben sich nun alle auf eine Begebenheit geeinigt, welche sich hier ereignete. Ich will sie erzählen, obwohl sie mir nur eine schmerzliche Erinnerung ist an die Fruchtlosigkeit unseres Kampfes. Aber vielleicht wird sie doch auch zum Samenkorn, das da oder dort auf guten Boden fällt und gesunde Frucht trägt.




Etwas abseits vom Pfarrdorfe Dockenförth, in der Nähe der Steinbrüche und der sogenannten Moorheide, liegt der Moorheidehof, der dem Bauern Thomas gehört. Es ist nur ein kleiner Hof mit wenig Vieh und kleinen Aeckern; das Haus ist zwar steinern, aber nur einstöckig, und der Scheuer sieht man es schon an, daß man bei ihrer Errichtung nicht auf große Ernten gerechnet hat – aber der „Moorheidler“ ist doch ein angesehener Mann in Dockenfürth, denn er hat immerhin seinen „eigenen Hof“ und hat nie fremder Leute Brot gegessen. Außerdem ist er der Schwager des Otterhofbauern in Wieselbach, und der ist der reichste Bauer weit und breit, mit dem sich in Dockenförth keiner messen kann, obwohl es das Pfarrdorf ist.

Wie es kam, daß sich die stolze Schwester des reichen Jakob vom Otterhof vor ungefähr dreißig Jahren herabließ, den Moorheidler zu heirathen, weiß ich nicht – jedenfalls genügte es dem Selbstgefühl der Familie des Otterhöfers, daß der Thomas keinen Pachthof hatte, sondern eigenen Grund und Boden, und der Frau war bei ihrem herrischen Charakter ein sanfter, schüchterner Mann [830] gerade recht; da gab es keinen Zank im Hause, denn es war nicht zweifelhaft, wer darin das Regiment führen würde, ob der stille, friedfertige, wortkarge Mann mit dem einstöckigen Hause und den spärlichen Aeckern, oder sie, die harte, handfeste Frau, die einzige Tochter des reichsten Bauern in der ganzen Gegend. Wie zu erwarten war, fühlte sich der Moorheidler alsbald sehr unglücklich, obwohl er niemals klagte. Er hatte nicht nur unter der Herrschsucht und Heftigkeit seiner Frau zu leiden, sondern auch unter der Tyrannei seines Schwagers, der sich in alle seine Angelegenheiten mischte, ihm beständig anbefahl, was er als „Schwager des Otterhofbauern“ zu thun und zu lassen habe, und gegen den der sanftmüthige, nicht gerade übermäßig kluge Mann waffenlos war.

Niemand bemitleidete ihn, als die Frau nach fünfjähriger Ehe an einem Hitzschlage starb. Aber sie hinterließ ihm einen Sohn, der, beim Tode der Mutter erst vierjährig, dieses kurze Zusammenleben mit ihr doch dazu benutzt zu haben schien, sich ihr Wesen und ihren Charakter genau einzuprägen und ihr getreues Ebenbild zu werden. In seiner Person wurde auch die Tyrannei des Otterhofbauern fortgesetzt, denn der kleine Burkhard wurde in erster Linie als dessen Neffe betrachtet und war nur so nebenbei der Sohn seines Vaters. Der Moorheidler ließ sich diese Bevormundung still gefallen; er fürchtete sich vor der Gewaltthätigkeit seines Schwagers, und dessen Selbständigkeit und Reichthum machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn; er sah selbst ein, daß es eine Ehre für ihn sei, der Vater des Neffen des reichen Jakobs vom Otterhof zu sein.

Nur als er daran ging, sich wieder zu verheirathen – denn die Wirthschaft bedurfte selbstverständlich alsbald eines Ersatzes für die verstorbene Hausfrau – ließ er sich nicht dreinreden, sondern entwickelte urplötzlich einen eigenen Willen. Er heirathete die Tochter eines armen Mannes, der, zu kränklich zur Feldarbeit, sich kümmerlich damit ernährte, daß er Schächtelchen für Spielwaren-Fabriken anfertigte, während Gertrud, seine Tochter, die einzige „Lohnspinnerin“ im Dorfe, das heißt das einzige Mädchen war, das nicht für den eigenen Hausstand, sondern für fremde Leute spann und während der Spinnzeit von den Bauern zur Hilfe in den Spinnstuben bestellt wurde.

Man muß den Bauernhochmuth kennen, um zu beurtheilen, welche niedrige Rolle solch eine vereinzelte Lohnspinnerin in den Spinnstuben spielt; selbst die Mägde betrachteten sie nicht als ihresgleichen, denn sie zogen doch nicht mit ihren Spinnrädern von Hof zu Hof wie Gertrud. Darum hatte auch niemand daran gedacht, daß je etwas daraus entstehen könnte, wenn der Moorheidler öfters in die Hütte des Schachtelmachers ging, anfangs in der That nur, um seinen Flachs spinnen zu lassen, allmählich aber, weil das sanfte, ruhige und dabei doch heitere Wesen der Lohnspinnerin ihm wohlthat und ihn immer mehr bestrickte. Das war ein Mädchen, das für ihn paßte! Das sagte er erst nur sich selbst und dann sagte er es ihr. Dem Jakob vom Otterhof sagte er es nicht, der wurde plötzlich in der Kirche mit dem Aufgebot überrascht und soll an diesem Tage in nicht besonders frommer Stimmung das Gotteshaus verlassen haben. Es kam zu fürchterlichen Auftritten zwischen den Schwägern, das heißt, der Jakob wüthete und tobte, während der Moorheidler still zuhörte – es mochte so schlimm kommen, wie es wollte, genau so hatte er es erwartet. Er heirathete seine Auserwählte doch und Jakob überwarf sich nicht mit ihm, Burkhards wegen, wenn er auch von nun an Burkhard lieber zu sich kommen ließ, als daß er ihn im Moorheidehof besuchte.

Der Moorheidler hätte dem Schwager den Jungen gern ganz abgetreten, wenn Jakob gewollt hätte, denn je größer Burkhard wurde, desto mehr entwickelte sich sein schlechter Charakter; aber Jakob bemerkte dies ebenfalls, und obwohl ihn sein Familienhochmuth dazu trieb, sich seines Schwestersohns in jeder Weise anzunehmen, so bedankte er sich doch im stillen dafür, ein so übelgeartetes Früchtchen in seinem eigenen Hause zu beherbergen. Wenn sein Schwager ihm mit dahinzielenden Anspielungen kam, so sagte er, Burkhard sei der Erbe des Moorheidehofes und der künftige Bauer müsse auf seinem Hofe groß werden. Alle schlechten Streiche, die Burkhard verübte, schob der Otterhofbauer auf die mangelhafte Erziehung, die ihm von seiten seines schwachen Vaters zutheil würde, und darauf, daß es den Jungen erbittern und erbosen müsse, zu sehen, wie Rupert, des Moorheidlers Sohn aus zweiter Ehe, ihm bei jeder Gelegenheit vorgezogen, wie er um dieses Stiefbruders willen in allen Dingen übervortheilt würde.

„Das ist doch nicht so ganz wahr, Schwager,“ bemerkte hierzu schüchtern der Moorheidler. „Wenn einem von den Buben durch die Finger gesehen wird, so geschieht’s dem Burkhard. Wahrhaftig wahr ist’s, Schwager, wenn ich dem Jungen alle die Hiebe aufzählen wollte, die er verdient, ich könnt’ mir zu Johanni eine neue Peitsche kaufen und Michaeli wär’ sie schon hin! Der Rupert ist ein braves Kind, der verdient nie Strafe und kriegt deshalb auch keine.“

Der Otterhofbauer beharrte aber bei seiner Ansicht und äußerte dieselbe auch Burkhard gegenüber.

„Du hast eben eine Schlafhaub’ zum Vater und eine Stiefmutter noch obendrein,“ sagte er zu dem ohnedies schon so trotzigen und bösartigen Jungen, „darum wird Dir Dein Recht nicht. Zehnmal fragt ein Weib nach dem eigenen Kinde, ehe es einmal nach dem Stiefkinde fragt. Aber Du brauchst Dir von der nichts gefallen zu lassen, die hat Dein Vater hinter der Hecke aufgelesen. Hier in meiner Gesindestube hat sie auch gesessen und gesponnen, und wenn einer von den Mägden der Netznapf leer geworden war, so hat sie ihn der Lohnspinnerin hingereicht und nicht ,danke’ gesagt, wenn die ihn ihr gefüllt hat. Eine saubere Stiefmutter für den Sohn meiner Schwester!“

Diese Rede war in der That sehr überflüssig, denn niemand brauchte Burkhard zu sagen, daß er sich von seiner Stiefmutter nichts gefallen lassen solle – er wußte es schon von selbst, und der Gertrud wiederum war das Gefühl, nicht für „voll“ zu gelten, so sehr von Jugend auf in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie es nimmermehr gewagt hätte, an Burkhard einen Anspruch des Gehorsams zu erheben. An ihrem Manne hatte sie keinen Rückhalt und sie scheute sich auch, ihm Unangenehmes zu bereiten; sie wußte, daß ihm Burkhards schlechter Charakter schon Kummer genug verursachte, und so ertrug sie dessen rohes Benehmen ebenso geduldig wie der Moorheidler selber.

Es war daher nicht selten Ruperts Sache, seine allzu nachgiebigen Eltern vor Burkhard zu schützen, und je größer und verständiger er wurde, desto nachdrücklicher that er es. In dem, was ihn selbst betraf, gab auch er Burkhard meistens nach, denn dieser war der älteste, der künftige Bauer und der Erbe des großen Vermögens seiner Mutter; letzteres flößte allen Bauern im Dorfe Ehrfurcht ein, und so auch dem Rupert. Aber er war an Körperkraft seinem Stiefbruder dreifach überlegen, und wenn dieser gegen Vater und Mutter unverschämt und roh war, so bekam er Ruperts Fäuste gehörig zu fühlen.

Der Moorheidler, der vor allen Dingen Frieden und Eintracht herbeisehnte, pflegte zwar bei solchen Gelegenheiten Rupert inständigst zu bitten, seinen Bruder doch lieber gewähren zu lassen, als solche Zänkereien hervorzurufen. Das half ihm aber nichts, das war ein Punkt, wo Rupert niemals nachgab. Und im Grunde gewannen der Moorheidler sowohl als Gertrud ihn um so lieber, weil er sich so tapfer ihrer annahm. In Burkhards Seele hingegen entstand ein Haß gegen seinen Stiefbruder, der mit den Jahren immer heftiger wurde und dessen Folge endlich war, daß ein Zusammenleben der beiden Brüder auf demselben Hofe zur Unmöglichkeit wurde.

Natürlich war es Rupert, der weichen mußte. Burkhard gehörte auf den Hof, obgleich er das windschiefe, schwarze Gebäude zwischen den Steinbrüchen und der Moorheide keineswegs mit heimathlichen Gefühlen ansah. Es wäre allenfalls möglich gewesen, ihn zu seinem Oheim auf den Otterhof zu schicken, wo er die Bewirthschaftung eines größeren Gutes hätte erlernen können, aber der Otterhofbauer bedankte sich dafür. Sein Hauptinteresse an Burkhard war erloschen, seitdem ihm selbst, nach fünfzehnjähriger kinderloser Ehe, ein später Sprößling geboren worden war. Neben der Liebe zum Gelde und zu sich selber war nur noch ein einziger Platz frei im Herzen des Otterhofbauern; diesen Platz hatte bisher, wenn auch nur halb und halb, Burkhard eingenommen, jetzt war er aber ganz daraus verdrängt worden durch den spätgeborenen kleinen Magnus, der mit seinem hellblonden Haar und grobknochigen Gesichtchen, seinen derben Gliedern und großen veilchenblauen Augen seinem Vater wie ein Engel an Schönheit vorkam. Zwar war Jakob streng in der Erziehung des kleinen Buben, denn freundlich war er mit keinem Menschen und konnte es nicht einmal mit dem Kinde sein, [831] das sein Abgott war. Aber mit dem feinen Empfindungsvermögen der kleinen Kinder fühlte es Magnus doch heraus, wie sehr er geliebt wurde, und selbst wenn der Otterhofbauer seinen Jähzorn hatte und die Leute ihm aus dem Wege gingen wie einem losgerissenen Bullen, kletterte Magnus getrost an ihm hinauf und streichelte ihm den struppigen Bart, bis Jakob nicht umhin konnte, zu schmunzeln, und statt des Wuthgefunkels ein Strahl der Liebe aus seinen Augen brach.




Zwischen Rupert und Burkhard wurde unterdessen der Stand der Dinge immer schlimmer, und wiederum, wohl schon zum zehnten Male, mußte der rathlose Moorheidler auf dem Otterhofe erscheinen und seinen Schwager bitten, Burkhard auf den Hof zu nehmen.

„Nur so lang’ nimm ihn, bis Rupert sich irgendwo verdungen hat,“ bat er. „So hart es mich ankommt, den braven Jungen wegzugeben und fremder Leute Knecht werden zu sehen, so will ich’s doch nicht erleben, daß einer von meinen Buben den andern unter die Erde bringt, und weiß Gott! der Burkhard wird mir den Jammer noch anthun, wenn nicht ein Ende gemacht wird. Nimm ihn mir ab, Schwager, nur bis sich der Rupert verdungen hat!“

„Auf wie lang’ wär’ denn das?“ fragte Jakob.

„Ich dächte, so vier Wochen werden draufgehen,“ erwiderte der Moorheidler ängstlich, denn er sah es seinem Schwager an, daß er die angegebene Zeit unter allen Umständen zu lang finden würde. „In Dockenförth selbst kann’s nicht sein, da braucht keiner einen Knecht, da muß der Junge weiter hinunter ins Thal und sich in den andern Dörfern umsehen.“

„Vier Wochen ist mir zu viel!“ sagte Jakob, „so lang will ich den Raufbold nicht auf dem Hofe haben. Aber einen andern Rath wüßt’ ich, Schwager,“ fuhr er bedächtig fort mit der Miene eines Mannes, der weiß, daß seine Rathschläge für andere Leute Gesetz zu sein pflegen. „Thu’ Deinen Rupert in meinen Dienst, fleißige Hände sind auf dem Otterhofe immer zu brauchen und Arbeit habe ich alle Tage genug.“

Aber so gut dieser Ausweg auch war, der Moorheidler griff doch nicht gleich zu. Still und nachdenklich saß er seinem Schwager gegenüber und drehte die gute schwarze Sonntagskappe, die er dem reichen Schwager zu Ehren am Werktage aufgesetzt hatte, langsam in den Händen hin und her. Ihm wollte es doch nicht so recht in den Sinn, daß Rupert da als Knecht dienen sollte, wo sein eigenes Weib die Tochter des Hauses gewesen war.

„Na, was giebt’s da zu überlegen?“ fuhr ihn Jakob an. „Ist mein Rath nicht gut und thu’ ich nicht ein Uebriges, um Dir zu helfen?“

„Ja, Schwager, freilich,“ versicherte der Moorheidler, „aber lieber wäre mir’s, Du nähmest …“

„Den Burkhard kann und will ich nicht nehmen,“ unterbrach ihn der Otterhofbauer barsch, „schon wegen der da nicht!“ Er wies mit dem Daumen über die Schulter nach der Stubenecke hin, in welcher Eva, seine Nichte und sein Mündel, mit der Dorfnähterin saß und Perlen auf den Boden eines Käppchens nähte. „Du weißt ja, daß das Mädchen mit dem Burkhard so gut wie versprochen ist. Brautleute gehören nicht unter dasselbe Dach!“

Der Moorheidler sah, wie Eva bei diesen Worten auffuhr und einen trotzigen Blick auf Jakob warf.

„Hast Dich gestochen?“ fragte die alte Nähterin. „Der Pappdeckel ist gar bös nähen!“

„Dann geht’s aber mit dem Rupert am Ende auch nicht,“ sagte der Moorheidler mit einem listigen Blick auf Eva, „denn wenn der mit der Eva unter dasselbe Dach kommt, so hat der Burkhard vielleicht das Nachsehen. Die Leute reden so allerlei; es heißt, die Eva lasse den Burkhard immer gehörig abfahren, wenn er mit ihr schönthun wolle, und wenn sie mit dem Rupert zusammen sei, verhalte sich die Sache ganz anders.“

Jetzt war Eva blutroth geworden und beugte den eben noch trotzig erhobenen Kopf tief auf die Arbeit.

„Hast Du Hitze im Kopf?“ fragte die Nähterin. „Siehst Du, warum kocht Ihr den Kaffee ohne Cichorie! Der geht zu viel ins Blut!“

Aber auch Jakob war sehr roth geworden und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Holz krachte.

„Bleib’ mir vom Leibe mit Deinem dummen Gered’!“ donnerte er. „Wenn der Rupert der Ev’ gut genug ist, um auf dem Tanzboden mit ihm zu lachen, so ist er ihr doch noch lange nicht gut genug zum Heirathen, kannst Du das verstehen, he? Meinst Du, die Nichte des Otterhofbauern nähm’ einen, der nicht auf eigenem Grund und Boden sitzt? Mit dem Burkhard ist sie versprochen und mit keinem andern!“

Jetzt stand Eva hastig auf, und ohne näher zu treten, rief sie mit erregter Stimme zu ihrem Oheim hinüber:

„Das ist nicht wahr, Oheim, versprochen bin ich nicht mit ihm! Wir sind noch nicht zusammen in der Pfarre gewesen und einen richtigen Antrag hat er auch noch nicht gemacht!“

Wie von einer Natter gebissen, fuhr Jakob nach ihr herum.

„Was soll das heißen?“ frug er mit blitzenden Augen. „Ist’s etwa wahr, was die Leute reden? Willst Du den Rupert zum Mann haben, der jetzt auf den Höfen herumläuft und sich als Knecht anbietet?“

„Laß ihn gehen!“ flüsterte die alte Nähterin, Eva ängstlich am Kleid zupfend, „jetzt kriegt er seinen Zorn!“

Eva war tapfer und hatte einen unbeugsamen Willen, aber sie fürchtete sich doch vor Jakobs Anfällen von Jähzorn. So setzte sie sich wieder und entgegnete in ruhigem festen Tone:

„Es ist noch keine Rede davon, daß ich mir überhaupt einen Mann hole, Oheim. So weit bin ich noch mit keinem, mit Rupert nicht und mit Burkhard nicht. Das sag’ ich Euch aber, Moorheidler, meinetwegen braucht der Rupert nicht fortzubleiben vom Otterhof, schickt ihn nur ruhig her, hier ist’s immer besser für ihn als bei wildfremden Leuten. Ich fang nichts mit ihm an, das kann ich Euch versprechen.“

„Und ich sorg’ dafür, daß Du Dein Versprechen hältst!“ sagte der Otterhofbauer, zwar noch drohend, aber doch wieder besänftigt; „ich bin der Herr in meinem Hause, das soll jeder fühlen, der die Füße unter meinen Tisch streckt! Und nun, Thomas, sprich das letzte Wort und bedenk’, daß ich Dir immer zum Guten gerathen habe und daß Du Deinen Lumpenhof längst los wärest, wenn ich Dir bei Deinem Wirthschaften nicht beigestanden hätte, weil Du nun einmal der Vater meines Schwestersohnes bist. Willst Du mir den Rupert morgen schicken? Er soll es gut bei mir haben!“

Diese letztere Versicherung überraschte den Moorheidler, denn sehr selten ließ sich der Otterhofbauer zu etwas herab, was wie gütliches Zureden klang. Der Moorheidler fühlte heraus, daß es im stillen seinem Schwager sehr wünschenswert war, Rupert in seinem Dienste zu haben, da dessen Fleiß und Arbeitskraft in der Gegend kaum ihresgleichen hatten. Er fürchtete daher, der einflußreiche Schwager würde sich an ihm rächen, wenn er ihm diesen Wunsch durchkreuzte, und er gab seinen Widerstand auf.

„Nun ja, ich will ihn morgen schicken,“ sagte er etwas gedrückt, „dann bin ich doch wenigstens die Sorg’ und Angst los. Ich bedank’ mich auch, Schwager.“




Rupert trat in den Dienst des Otterhofbauern und der Moorheidler mußte, als ein paar Wochen herum waren, anerkennen, daß der Rath seines Schwagers ein guter gewesen war. Denn so tief es ihn auch wurmte, daß sein Sohn fremder Leute Brot aß, so sah er doch ein, daß Rupert es auf dem Otterhofe besser hatte und dort eine geachtetere Stellung einnahm, als dies auf irgend einem andern Hofe der Fall gewesen wäre. In Jakobs Augen gehörte auch Rupert immerhin noch einigermaßen zur Familie; er schlief nicht beim übrigen Gesinde, sondern in einem Kämmerchen im Wohnhause und hatte auch bei Tisch einen bevorzugten Platz, den ihm der Otterhofbauer eingeräumt hatte, weil der kleine Magnus durchaus neben ihm sitzen wollte. Rupert hatte nämlich das Glück gehabt, das Herz des kleinen Burschen zu erobern; er hatte ihm mit großer Geduld und Geschicklichkeit allerlei Spielzeug geschnitzt und zusammengeleimt, kleine Wurfmaschinen, mit denen man Kastanien und Obstkerne abschießen konnte, Pfeifen aus grünem Holze, Bogen und Pfeile und vor allem ein kleines Segelboot, in das Magnus Püppchen aus Mohnblumen setzen und das er auf dem Mühlbach segeln lassen konnte. Dabei war Rupert auch sonst freundlich und geduldig mit dem Kleinen, litt ihn gern um sich, nahm ihn oft mit aufs Feld, gab dann sorgfältig auf ihn acht und hatte auch mitten in der Arbeit immer nach ein Scherzwort für ihn übrig oder eine [832] Antwort auf die vielen Fragen des lebhaften kleinen Schwätzers. Letzterer vergalt ihm seine Freundlichkeit durch grenzenlose Liebe, die, da er ein sehr lebhaftes Kind war, in deutlichster Weise zu Tage trat. Lautes Jubeln verkündete stets den Hausbewohnern Ruperts Rückkehr vom Felde, Magnus’ erste Frage, wenn ihn die Bäuerin am Morgen zwischen den hochgethürmten Federkissen hervorholte, galt Rupert und seine Abendsuppe aß er nicht, wenn ihn Rupert nicht dabei auf dem Schoße hielt und sich von Zeit zu Zeit den kleinen zinnernen Suppenlöffel in den Mund führen ließ.

Aber nicht allein durch seine Freundlichkeit gegen Magnus erwarb sich Rupert die Achtung seines Dienstherrn. Jakob war bis jetzt der stärkste und größte Mann in Wieselbach gewesen, derjenige, dem jede Arbeit Kinderspiel war, der keine Ermüdung und kein Ruhebedürfniß kannte und der wie körperlich, so auch geistig durch sein schnelles, scharfes Urteil, seine Unbeugsamkeit und seine Herrschsucht allen überlegen war. Wenn die andern über etwas den Kopf verloren, so behielt er seinen klaren Blick und seine ganze Ruhe, plötzliche Ereignisse beraubten ihn nicht seiner Fassung, er kannte weder Angst, noch Gemüthserschütterungen, und es ergab sich daher ganz von selbst, daß er bei allen das Dorf in Aufregung versetzenden Anlässen, bei Bränden und Unglücksfällen, derjenige war, nach dessen Anordnungen sich alle andern richteten. Im Vollgefühle seiner Kraft und seiner Ueberlegenheit wie im Bewußtsein seines gewaltigen Reichtums hatte er in seinem ganzen Wesen etwas Verächtliches, Wegwerfendes gegen die andern Bauern, namentlich seitdem Magnus durch sein sehnlichst erwartetes Erscheinen den letzten Vortheil beseitigt hatte, den diese vor dem reichen Jakob vom Otterhofe gehabt hatten.

Jetzt fand aber Jakob an Rupert jemand, der ihm an Körperkraft, an Unermüdlichkeit, an Ruhe des Geistes, an Klarheit des Urtheils, an Festigkeit des Willens vollkommen gleich war. Es hatte lange gedauert, bis Jakob seinen eigenen Sinnen getraut hatte, daß dem wirklich so sei; denn wo sollte der Sohn des schüchternen, sanften Moorheidlers und der armseligen Lohnspinnerin solche Eigenschaften her haben? Wie konnte man, wenn man als zweiter Sohn in dem niedrigen schwarzen Gebäude auf der öden Moorheide aufgewachsen war, zu Selbstgefühl, zu festem Willen kommen? Wie konnte man einen widerspenstigen Bullen so kaltblütig händigen, wenn man höchstens Gelegenheit gehabt hatte, an einem Ziegenbocke seine Kraft zu erproben? Dann aber, als ihm die Einsicht gekommen war, daß er Rupert wirklich in nichts überlegen war, wurde er von dem Gefühle größter Achtung für ihn erfüllt und er beschloß, alles zu thun, was in seiner Macht stand, um ihn sich möglichst lange zu erhalten.

Rupert fühlte sich trotz aller dieser unerwartet günstigen Umstände nicht glücklich auf dem Otterhofe. Es wurde ihm nicht leicht, zu dienen; so sehr er sich zu Hause auch seinem ältern Bruder und seinen Eltern untergeordnet hatte, so war das doch etwas ganz anderes, war sein ganz freier Wille gewesen. Jetzt mußte er gehorchen, weil er dafür bezahlt wurde, er hatte kein Wort mitzureden, wurde um nichts befragt, und wenn sich auch das letztere bald änderte, nachdem Jakob angefangen hatte, ihn besser zu würdigen, so hatte er doch vorher genug Demütigungen erfahren, um sich unglücklich zu fühlen und die spätere gute Behandlung als eine ihm gewährte Gunst, nicht als ein ihm zugestandenes Recht hinzunehmen.

Das Schlimmste aber für ihn war das tägliche Zusammensein mit Eva, die er schon längst im stillen liebte und die ihm jetzt, wo er sie immer besser kennenlernte, begehrenswerther erschien als je. Täglich sah er sie in ihrer frischen blühenden Jugendkraft, thätig vom frühen Morgen bis zum Abend in Haus und Hof, überall selbst zugreifend und nach dem Rechten sehend; dabei war sie nicht ruhelos, hastig, herrisch, trotz ihrer Thätigkeit und ihres Eifers, sondern es war in ihrem Wesen etwas Ruhiges und Sanftes, das selbst inmitten der gehäuften Arbeit wohlthuend zur Geltung kam. Schön war sie nur nach bäuerischen Begriffen, d. h. sie hatte sehr grelle Farben, sehr rothe Wangen und Lippen, sehr blaue Augen, sehr weiße glänzende Zähne, sehr dichtes, gelbes Haar; dabei war sie groß und schlank und hatte viel Anmuth in ihren Bewegungen. Was aber am meisten dazu beitrug, Ruperts Liebe zu hellen Flammen ausschlagen zu lassen, war die Wahrnehmung, daß dieses Zusammenleben mit ihm für Eva nicht minder gefährlich geworden war wie für ihn. Sie hielt zwar streng ihr Versprechen und näherte sich ihm in keiner Weise; sie wußte ja, daß zwischen einem Knechte und ihr eine Kluft war, welche die innigste Liebe nicht zu überbrücken vermochte. Aber sie konnte es nicht hindern, daß ihre Gefühle für Rupert an den Tag kamen; sie war sichtlich gekränkt bei jeder Demütigung, bei jeder Zurechtweisung, die er anfangs erfuhr, sichtlich stolz und in freudig gehobener Stimmung, so oft sie ihn rühmen hörte. Im Verkehre mit ihm war sie befangen und offenbar ängstlich bemüht, ihre Ruhe zu bewahren, und zum Tanze ging sie nicht mehr, seitdem Rupert diesem Vergnügen, bei dem er früher eine Hauptrolle gespielt hatte, ganz entsagte. Man sah auf dem Tanzboden nicht gerne Knechte und nur mit Mägden durften sie tanzen. Darum brachte es Rupert nicht mehr über sich, hinzugehen. [884] Der Otterhofbauer war, als Rupert die Hand auf des kranken Kindes Brust gelegt hatte, ein ganz anderer geworden; sein Gesicht strahlte, die aschfahle Blässe war daraus gewichen.

„Armer, getäuschter Narr!“ murmelte der Arzt, der ihn mit verächtlichem Mitleid betrachtete; „es war wahrhaftig Zeit, daß Rupert ihm den Gefallen that, sein Verstand war gerade zu Ende.“

Aber während Jakob erlöst aufjubelte, schien die stumme Gruppe, die Ruperts Eltern und Eva in einer Stubenecke bildeten, ganz andere Gefühle zu hegen.

„Er thut es doch!“ hatte der Moorheidler aufgeschrieen, als Rupert die Hand nach Magnus ausgestreckt hatte, und „er hat es gethan!“ flüsterte er jetzt unaufhörlich mit tonloser Stimme, das Gesicht in den Händen vergrabend. Es schien, als müsse er sich das immer wieder vorsagen, um es glauben zu können.

Eva und Gertrud schwiegen und blickten entsetzt zu Rupert hinüber. Sie hatten gesehen, daß der Arzt leise in Rupert hineingeredet und daß Rupert seinem Drängen nachgegeben hatte, und es war ihnen, als zerrisse ein Schleier vor ihren Augen, als entstünde plötzlich grelle Klarheit um sie her. Der Arzt war es gewesen, dessen Gutachten Rupert vor Gericht gerettet hatte; der mochte wohl wissentlich falsch ausgesagt haben, und jetzt, wo ein Menschenleben durch ferneres Leugnen zu Grunde ging, hatte er ihn leise daran gemahnt, daß er helfen müsse, da er helfen könne. Sie blickten scheu auf Magnus, und da dieser jetzt ruhiger athmete, seit die vom Arzte aufgerissenen Fenster dem niedern Gemache frische Luft zugeführt hatten, so glaubten sie schon die Wirkung der höllischen Macht wahrzunehmen, und es schauderte sie bis ins innerste Mark.

[884] Beglückt und beruhigt verließ der Otterhofbauer den Moorheidehof, und Eva folgte ihm, sich scheu zur Thür drückend, damit Rupert ihr Fortgehen nicht bemerke und es ihr erspart bleibe, ihm den Abscheu zu zeigen, den sie jetzt vor ihm hegte; als er es bemerkte und auf sie zustürzte, rief sie laut: „Laß mich!“ und floh davon, eiligst fort über den Hof und die Nothbrücke, als könne sie nicht schnell genug aus dem Bereiche des unheimlichen Hauses kommen. Jenseit der Nothbrücke stand der kleine Leiterwagen, in dem der Otterhofbauer hergekommen war. Sie stieg hinauf und kauerte sich, fröstelnd vor Erregung, auf die Bank. Auf der Landstraße näherten sich schlürfende Schritte. Der alte Gemeindehirt tauchte auf aus dem Dunkel.

„Hat er’s gethan?“ fragte er, als er Eva bemerkte.

„Ja, er hat es gethan!“ erwiderte Eva dumpf und tonlos.

Der Alte lachte heiser vor sich hin.

„Dann braucht das Kind keinen Doktor mehr!“ sagte er. „Jetzt hilft ihm einer, der’s anzufassen weiß am rechten Ende. Recht hat er gehabt, der Otterhofbauer!“

Eva schwieg zu allem, und als jetzt Jakob mit dem kleinen Magnus nachkam, entfernte sich der alte Gemeindehirt. Jakob gab der Eva das Kind, löste das Pferd von dem Brückenpfosten und fuhr davon so schnell als möglich.

Mittlerweile hatte sich der Moorheidler mit Frau, Sohn und Magd an den sauber gedeckten Tisch gesetzt, und auch der Arzt, der sich hungrig und erschöpft fühlte, nahm an der Abendmahlzeit theil.

Rupert war von Evas Abwehr, von ihrem entsetzten Blick und angstvollen Aufschrei wie vor den Kopf getroffen worden; [885] sogleich hatte er sich richtig gedeutet, wie das gemeint war, und nun saß er am Tische und beobachtete mit brennenden Blicken das bleiche, gramvolle Gesicht seines Vaters, seine still mit Thränen kämpfende Mutter. Sein Herz krampfte sich qualvoll zusammen, seine Hand ballte sich zur Faust; er brachte keinen Bissen über die Lippen, trank aber um so mehr Stachelbeerwein. Die Mahlzeit verlief lautlos, auch der Arzt sprach nicht; er hatte einen mühevollen Tag hinter sich.

Endlich lehnte sich der Moorheidler in seinen Stuhl zurück, faltete die Hände, schluckte mehrere Male Thränen hinunter und sagte dann mit heiserer, unsicherer Stimme, die glanzlosen, aber immer noch sanften Augen auf seinen Sohn gerichtet:

„Ich hab’, so alt ich geworden bin und so viel Feindschaft ich erlitten hab’ im Leben, noch nie einem Menschen den Tod gewünscht – mit Worten nicht und, Gott soll mir’s bezeugen, im tiefsten Herzen auch nicht! Aber jetzt“ – er athmete tief und mühsam und seine Stimme sank – „jetzt, Rupert, wünsche ich, daß der Magnus stirbt!“

Ruperts Gesicht wurde erst purpurroth, dann jählings grau wie Asche.

„Vater, wie meint Ihr das?“ schrie er auf.

„Ich denke, Du verstehst mich wohl!“ sagte der Moorheidler in tieftraurigem Tone und stand vom Tische auf; „nichts für ungut, Herr Doktor, wenn ich gehe ... und schönen Dank auch, daß Sie meinen Rupert vor dem Galgen bewahrt haben; daß mein ältester Sohn solch grauslichen Todes starb, war, dächt’ ich, gerade genug für einen Vater.“

Befremdet und besorgt blickte der Arzt von seinem Teller auf. „Was ist Euch, Moorheidler?“ fragte er; „was redet Ihr da?“

Dann gewahrte er das bleiche Gesicht, den durch nagenden Seelenschmerz ganz veränderten Ausdruck in den Zügen des Moorheidlers.

[885] „Seid Ihr krank?“ rief er aufspringend.

„Das nicht, Herr Doktor,“ sagte der Moorheidler. „Und wenn ich’s wäre, krank zum Sterben, ich ließ mir nicht helfen!“

Er ging bis zur Thür seiner Schlafkammer, die neben der Wohnstube lag; da wandte er sich noch einmal zu seinem Sohne um.

„Ich will nichts gegen Dich sagen, Rupert,“ sprach er gepreßt. „Aber wenn die Krankheit, die für jeden andern zum Tode führen müßt’, weichen muß von dem Kind und ihm nichts anhaben kann, dann ... dann ...“

„Vater, sprecht’s nicht aus!“ rief Rupert entsetzt. Er wollte seines Vaters Hand ergreifen, aber dieser stieß ihn zurück.

„Rühr’ mich nicht an!“ rief er mit bebender Stimme. „Abbitte will ich Dir thun, wenn wir heimkommen vom Gottesacker und den Magnus darauf zurücklassen. Bis dahin rühr’ mich nicht an!“

Er trat in die Kammer und schloß die Thür, ohne sie heftig ins Schloß zu werfen; er drückte sie leise zu. Gertrud war stumm aufgestanden und wollte ihrem Manne in die Kammer folgen, aber Rupert hielt sie zurück.

„Mutter, was haltet Ihr von mir?“ frag er.

Sie bedeckte ihr Gesicht mit ihrer Schürze und Schluchzen schüttelte ihren Körper.

„Mutter!“ stöhnte Rupert, „Mutter, ich bin kein Mörder! Bei meiner Seelen Seligkeit, ich bin kein Mörder! Ich wollte ja nur den Otterhofbauer zur Ruh’ bringen! Ich hab’ es nachher gleich selber bereut, daß ich gethan hatte, was nur Mörder thun, aber daß Ihr, daß mich Eva deshalb zum Mörder macht ...“

„Laß mich!“ sagte Gertrud, sich gewaltsam fassend; „laß mich, Rupert ... ich muß hinein zum Vater. Es ist ja besser, Du hast’s gethan, als daß Du noch weiter geleugnet hättest! So hast Du doch wenigstens das Kind gerettet!“

[886] Rupert sah sie mit einem Blicke voll stummer Verzweiflung an und ließ ihre Hand fahren. Sie ging in die Kammer.

Der Arzt hatte mittlerweile auch begriffen, wie all diese Reden zu deuten waren, und rannte, zornig und halblaut die „verbohrten Bauernschädel“ verwünschend, im Zimmer hin und her.

„Ich muß jetzt auch fort,“ sagte er endlich, nachdem lange ein drückendes Schweigen im Zimmer geherrscht hatte; „Rupert, gieb Dich zufrieden, Deine Eltern werden nur allzu bald ihre Thorheit einsehen müssen. Das Kind ist ja so schwer krank! Freilich, so lange Leben vorhanden ist, ist auch Hoffnung, es zu erhalten. Aber ich glaube, daß es sterben wird.“

Rupert stand regungslos auf dem Flecke, wo ihn Gertrud verlassen hatte.

„Ja!“ murmelte er zwischen den Zähnen, kaum hörbar, mit krampfhaft geballten Fäusten; „es wird sicher sterben!“

Der Arzt ging. Ueber die öde, weite Moorheide aber pfiff der Sturm und fuhr mit klagenden Tönen in die schwarzen, baufälligen Schornsteine des Moorheidehofes; die Balken der Nothbrücke ächzten, die Laterne daran schaukelte wie ein Irrlicht hin und her und erzeugte seltsame, huschende Schatten, die dem nächtlichen Wanderer den Eintritt in das verfehmte Gehöft wehren zu wollen schienen.

Und wenn Mordgedanken und Mordpläne den, der sie hegt, auch wenn sie noch unausgeführt sind, zum Mörder machen, so war der Moorheidehof jetzt in der That die Wohnstätte eines Mörders.




Es mochten ungefähr acht Tage seit jenem Abend verflossen sein, als der Arzt mit einem seiner Freunde – mit mir selbst, um es kurz zu sagen, denn ich kann meine Person jetzt nicht mehr gut aus dieser Erzählung weglassen – am späten Abend auf der aus den tieferliegenden Ortschaften des Gebirgsthales heraufführenden Landstraße nach Hause fuhr. Es war ein bösartig aussehendes Wetter im Anzuge, drohende gelbe Wolken standen am Himmel, und wir fragten uns, ob wir wohl Dockenförth noch würden erreichen können, da eben erst die Häuser von Wieselbach vor uns lagen. Wir hatten lange Zeit nicht auf das Wetter geachtet, denn wir waren zu vertieft gewesen in unser Gespräch über die traurige Lage des dem Aberglauben zum Opfer gefallenen Rupert. Durch eine wunderbare und verhängnißvolle Fügung hatte sich der kleine Magnus erholt, und zwar war die Besserung noch in derselben Nacht eingetreten, da Ruperts Hand auf seinem Herzen gelegen hatte. Der Arzt, obwohl selbst durch diese Wendung sehr überrascht, schrieb dieselbe einestheils der ungewöhnlich zähen Kraft des kleinen Jungen zu, der auch seinen einstmaligen Sturz in den Ententeich ohne jegliche schlimme Folge überwunden hatte, anderntheils aber dem Umstande, daß der aller seiner Sorgen überhobene Otterhofbauer jetzt erst imstande gewesen war, alle ärztlichen Vorschriften mit kühler Ruhe und gleichmüthiger Pünktlichkeit zu befolgen. Freilich fehlte dafür jetzt Evas bisher unermüdliche Pflege; das Mädchen saß stundenlang ganz allein in ihrem Giebelstübchen, sah blaß und krank aus und sprach kaum ein Wort. Um das Hauswesen kümmerte sie sich nicht mehr. „Habt nur Geduld, es wird ja schon wieder anders werden!“ pflegte sie der Bäuerin zu antworten, wenn diese sie ermahnte, sich aus ihrem Hinbrüten aufzuraffen; „aber laßt mir Zeit, es zu verwinden.“

Die Bäuerin wußte, was sie meinte, und ließ sie gewähren.

„Gut ist’s nur, daß sie ihn nicht geheirathet hat!“ sagte sie zu den Nachbarn. „Sie hätt’ es gethan, jede Stunde, der Rupert hätt’ nur zu kommen brauchen und um sie anzuhalten; aber er ist nicht gekommen. Das wäre jetzt ein schönes Elend!“

Wenn Eva irgend eine Hilfeleistung für Magnus zu verrichten aufgefordert wurde, so that sie es lässig wie jemand, der weiß, daß er etwas Unnützes thut; sie wußte ja, daß der Kleine auch ohne Medizin gesund werden würde! Nur die Nachtwachen übernahm sie gern; sie schlafe ja doch nicht, sagte sie.

Dieselben Spuren tiefen Seelenleidens wie Eva zeigten auch der Moorheidler und Gertrud. Der Moorheidler sah gebrochen und gealtert aus wie an jenem Abend, da Rupert den Leiterwagen des Gendarmen bestiegen hatte; Schmerz und Scham hatten tiefe Furchen in seine Stirn gegraben, und in seiner äußern Erscheinung war er vernachlässigt; er kämmte sein spärliches graues Haar nicht mehr. Bei Tage verhielt er sich still und wortlos, bei Nacht aber stöhnte und seufzte er unaufhörlich. Er klagte nie mit Worten, machte seinem Sohne keinen einzigen Vorwurf und begegnete ihm freundlich und sanft; überzeugt, daß Rupert seinen Bruder unabsichtlich getödtet habe, wollte er ihm das Haus nicht zur Hölle machen – aber er that es doch, ohne es zu wollen! Gertrud ertrug alles in derselben Weise wie ihr Mann; auch sie machte Rupert keine Vorwürfe; aber je entschiedener drüben auf dem Otterhofe die Besserung fortschritt, desto mehr wich sie ihm aus.

Rupert selbst hatte es nur noch ein einziges Mal versucht, seine Eltern mit vielen Bitten und Betheuerungen von seiner Unschuld zu überzeugen. Dann, als dies, angesichts der Besserung in Magnus’ Zustand, erfolglos geblieben, war er mit einem Schlage ein anderer Mensch geworden. Finster, verstört, mit grübelndem, verbissenem Ausdruck, unstätem Blick und ruhelosem Wesen ging er umher. Beständig umschlich er den Otterhof, auf Nachrichten über Magnus lauernd. – Dieselben lauteten nur verhältnißmäßig günstig, das Kind war noch immer sehr schwer krank. Aber todt war es nicht!

So oft der Jakob ihn sah, rief er ihn herein, drückte ihm vor allen Leuten die Hand und that sein Möglichstes, um seine Dankbarkeit an den Tag zu legen. Allerdings war nie mehr davon die Rede, daß er Eva heirathen solle; dazu verabscheute Jakob doch im stillen zu sehr den Mörder seines Neffen, und in tiefster Seele graute ihm vor der Macht der Hölle, die Rupert so augenscheinlich zur Verfügung stand. Beständig versuchte er aber, ihm Geld und werthvolle Geschenke aufzudrängen; er wollte ihn bezahlen für seinen unheimlichen Dienst, wollte sich das Leben seines Lieblings von einem Verbrecher nicht schenken lassen. Aber rauh und finster wies Rupert alles zurück.

Das alles hatten wir auf unserer Fahrt besprochen und bemerkten daher erst spät das herannahende Unwetter. Wir kannten zur Genüge die Gewalt dieser Frühlingsgewitter, und so meinte der Arzt:

„Wir wollen nur bis zum Otterhofe fahren und dort den Sturm abwarten oder da übernachten. Aber in den Otterhof müssen wir noch, denn ich muß mir den Kleinen noch vor der Nacht ansehen; bei aller Achtung vor Teufelskünsten und Mörderhänden will ich mich doch lieber nur auf mich selbst verlassen!“

Er trieb sein Pferd an, und nach zehn Minuten hielt das Wägelchen vor dem geschlossenen Thore des stattlichen Gehöftes; die bellenden Hofhunde verkündeten unsere Ankunft, die Knechte kamen mit Windlaternen, Pferd und Wagen wurden geborgen und der Bauer trat auf die Schwelle des Hauses, um uns willkommen zu heißen. Er war wieder ganz der Alte in seinem Aussehen; Sorgen und Jammer hatten keine Spuren in den scharf ausgeprägten, entschlossenen Zügen zurückgelassen, und auch in seinem Wesen hatte er vollständig die ehemalige überlegene Ruhe wiedergewonnen. Er bat uns, über Nacht bei ihm zu bleiben, und ließ schleunigst das schönste Zimmer des Hauses für uns zurechtmachen. Der Arzt begab sich in die an das geheizte Wohnzimmer anstoßende Kammer, in welcher der kleine Magnus lag.

„Er schläft noch nicht,“ sagte der Bauer. „Er ist unruhig heut’ abend. Aber ganz bei sich ist er und erkennt jeden. Nicht wahr, Magnus, Du kennst den Herrn Doktor?“

„Herr Doktor, mein Hampelmann ist krank!“ sagte schnell der lebhafte, kleine Junge, sich in seinen Kissen aufrichtend. Laut lachte der Bauer und sah uns an, als wollte er fragen, warum wir nicht ebenfalls lachten.

„So?“ sagte der Doktor, Magnus’ Puls fühlend, „hast Du wieder zu stark an seinem Lebensfaden gezupft? Ist er zerrissen?“

„Nein, sein Kopf ist ab,“ sagte Magnus eifrig; „aber tanzen kann er darum doch noch!“

Der Arzt lächelte zerstreut und sagte, dann brauche er wohl nur Leim zu verschreiben; aber Magnus’ Puls gefiel ihm nicht, und er forderte die Arznei, um sie ihm einzugeben.

„Die Arzneiflasche ist heute mittag in die Apotheke nach Dockenförth geschickt worden,“ sagte die Bäuerin; „der Rupert kam vorbei, dem hab’ ich sie mitgegeben und der wollte sie auch wieder zurückbringen. Aber bei dem Wetter wird er sich kaum, auf den Weg machen, er wird wohl abwarten, bis sich’s ausgetobt hat.“

„Das trifft sich schlecht!“ meinte der Arzt. „Es muß unbedingt [887] jemand wachen, um dem Kinde die Medizin auch mitten in der Nacht zu geben, wenn sie der Rupert etwa noch bringen sollte.“

„Ich werde aufbleiben,“ sagte Jakob.

„Aber nur bis zwölf Uhr, Oheim,“ bat Eva, die inzwischen hinzugekommen war. „Ihr habt die beiden letzten Nächte gewacht und auch am Tage kein Stündchen geschlafen. Von zwölf Uhr an laßt mich wachen. Der Christian kann ja hingehen und das Hofthor öffnen, wenn ich in der Nacht klopfen höre; ich werd’ ihn rufen.“

„Meinetwegen,“ sagte Jakob. „Ein Stündchen Schlaf wär’ nicht zu verachten. Aber dann geh’ Du auch gleich zu Bette.“

Bereits um neun Uhr herrschte nächtliche Ruhe auf dem Otterhofe.

Aber weder der Arzt noch ich hatten das für uns hergerichtete Zimmer bezogen. Der Arzt, dem Jakob recht müde vorkam, traute dessen Wachsamkeit nicht und hatte sich zu ihm gesetzt, während ich in der Wohnstube geblieben war und mir durch die Lektüre eines alten Kalenders über die mich allmählich beschleichende Schläfrigkeit hinwegzuhelfen suchte. Gegen Mitternacht kam der Arzt aus der anstoßenden Kammer, deren Thür er offen ließ, zu mir heraus.

„Vater und Sohn schlafen um die Wette,“ sagte er lächelnd. „Wir wollen hier sitzen bleiben und auf den Kleinen acht geben, bis Eva kommt; dann können wir nach Hause fahren. Das Wetter ist vorüber, und die Arznei thut nicht mehr noth heute nacht. Der kleine Racker schläft so friedlich, daß man gar nicht glauben sollte, daß er noch vor acht Tagen dem Tode so gut wie verfallen war!“

Hier verlöschte unsere Lampe.

„Das thut nichts,“ sagte der Arzt, „wir können uns ebensogut im Finstern ein wenig unterhalten, wir brauchen uns ja nicht gerade Gespenstergeschichten zu erzählen. Gleich wird Eva kommen, und bis dahin leuchtet uns das Nachtlicht aus dem Krankenzimmer.“

„Und der Blitz,“ ergänzte ich, als ein greller Feuerschein jäh durch das Zimmer fuhr.

Wir sprachen weiter miteinander, aber leise, um die Schlafenden nebenan nicht zu wecken.

Plötzlich verdunkelte uns ein Schatten den schwachen Schein des Nachtlichtes in Magnus’ Kammer. Wir sahen auf und gewahrten eine große, dunkle Gestalt, die unhörbar hereingekommen war und neben dem Bette des Kindes stand. Es war ein Mann, in einen Mantel gehüllt.

„Still, still!“ flüsterte mir der Arzt zu, als ich aufspringen wollte; „es wird Rupert sein, der die Arznei bringt.“

„Aber wie ist er herein gekommen?“ entgegnete ich leise. „Das Hofthor war ja fest verriegelt und die Hunde haben auch nicht angeschlagen!“

„Sonderbar in der That!“ sagte der Arzt. „Zwar glaubte der Bauer schon vor einer halben Stunde ein Geräusch zu vernehmen, er meinte, die Fallthür des Kellers sei aufgeschlagen worden, es war wie ein dumpfer Krach. Sollte es am Ende doch nicht Rupert, sondern ein Einbrecher sein? Haben Sie Ihre Pistolen bei sich?“

Ich bejahte. Die Erscheinung stand noch immer regungslos wie aus Stein gehauen. Ein besonders heller Blitz beleuchtete sie plötzlich mit seinem fahlen Schein, und wir sahen, daß es in der That Rupert war. Aber wie sah er aus. Seine Züge hatten die Blässe und Starrheit eines Todten, seine blutlosen Lippen waren mit einem verbissenen, grausamen Zuge fest geschlossen und zusammengepreßt, seine Augen funkelten in düsterem, seltsamem Scheine und waren wie durch einen Zauberspruch fest auf Magnus’ Gesichtchen gebannt. Endlich wandte er die Blicke ab und begann sich zu regen. Er holte eine Medizinflasche aus seiner Tasche hervor und hielt sie mit zitternder Hand gegen das Nachtlicht, wie um das Aussehen ihres Inhaltes zu prüfen. Dann schüttelte er sie und hielt sie abermals gegen das Nachtlicht. Endlich stellte er sie auf den Tisch neben Magnus’ Bett. Aber er entfernte sich nicht. Wiederum vertiefte er sich in den Anblick des kleinen Kranken, dessen sanfter Schlaf einen neuen Sieg der jungen, frischen, hart ringenden Lebenskraft über den übermächtigen Gegner Tod bedeutete.

Langsam rückwärts gehend, das Kind immerfort anstarrend, wich Rupert bis zur Thür. In der nächsten Sekunde indessen stand er wieder neben dem Bettchen, steckte die Arzneiflasche zu sich und floh mit raschen, lautlosen Schritten – aber wieder nur bis zur Thür, dann kehrte er abermals zurück, stellte die Flasche wieder hin und versank von neuem in seine ursprüngliche Starrheit.

Endlich hörten wir einen Ton, der wie unterdrücktes Stöhnen klang, und sahen, wie Rupert die Hände fest auf sein Gesicht drückte, dann aber auffuhr, die Medizinflasche ergriff, ein Fenster aufriß und das Glas auf das Pflaster des Hofes hinauswarf, wo es klirrend zerbrach.

Magnus erwachte jählings und sah sich erschrocken um, aber er stieß einen Freudenruf aus, als er Rupert erkannte. Dieser war zur Thür gestürzt, hatte sich indessen auf Magnus’ bittende Rufe verstört nach ihm umgewendet.

„Komm zu mir, Pertel!“ rief Magnus. „Komm schnell zu mir!“

Ein schattenhaftes Lächeln flog über Ruperts Züge. Er schien es gar nicht zu bemerken, daß Eva aus der ihm gegenüberliegenden Thür leise in die Kammer getreten und, als sie ihn erblickte, wie angewurzelt stehen geblieben war. Er bemerkte auch nicht, daß der Otterhofbauer sich regte und anfing, den bleiernen Schlaf, der ihn befallen hatte, mühsam abzuschütteln. Regungslos stand er da und starrte nur Magnus an.

„Geh’ nicht wieder fort, Pertel!“ fuhr dieser fort zu bitten. „Versteck Dich nicht wieder! Du hast Dich versteckt, nicht wahr? Du hast Dich vor Burkhard versteckt, nicht wahr? Du denkst wohl, er lebe noch und habe Dein Messer noch, um Dich damit todtzustechen? Er ist todt, ganz todt, ich habe gesehen, wie er in der Klausenschlucht in das große Wasser gefallen ist! Du brauchst Dich nicht wieder zu verstecken und kannst auch am Tage zu mir kommen und mit mir spielen.“

„Sei still, Magnus,“ sagte Rupert tonlos, offenbar ohne etwas von dem verstanden zu haben, was Magnus gesagt hatte. „Sprich nicht so viel und schlaf’ wieder ein! Gute Nacht!“

Er wandte sich aufs neue zur Thür.

„Rupert, geh’ nicht wieder fort!“ rief Magnus weinerlich. „Versteck Dich nicht! Komm doch zu mir, ich will Dir ganz leise sagen, was ich gesehen habe! Der Vater darf’s nur nicht hören, sonst wird er böse. Aber wenn ich Dir’s erzählt habe, versteckst Du Dich gewiß nicht mehr.“

Jetzt war auch der Otterhofbauer ganz wach geworden und hatte sich erhoben; der Arzt und ich hatten überrascht auf das gelauscht, was der kleine Magnus geplaudert hatte, und waren schnell in die Kammer getreten.

„Bringst Du die Medizin, Rupert?“ fragte schläfrig der Otterhofbauer.

„Ich ... Ja – nein – ich hatte sie wohl,“ sagte Rupert stockend. „Ich habe die Flasche fallen lassen, sie ist entzwei gegangen.“

Ohne weitern Gruß stürmte er hinaus. Draußen hörte man die großen Hunde bellen, und die schweren Riegel des Thores klirren, das dann heftig zugeworfen wurde.

Jetzt bestürmten wir den kleinen Magnus mit Fragen über das, was er Rupert zugerufen hatte. Eva trat dicht an sein Bettchen, nahm ihn in den Arm und fragte mit bebender Stimme:

„Magnus, woher weißt Du, daß Burkhard todt ist? Hast Du’s wirklich gesehen, wie er ins große Wasser gefallen ist?“

Magnus legte seine hageren Aermchen um ihren Hals und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Eine jähe Röthe schoß in Evas bleiches Gesicht, sie begann zu zittern und sagte gepreßt:

„Erzähle es nur laut, ganz laut, Magnus!“

„Nein,“ sagte Magnus, mit einem ängstlichen Blick auf den Otterhofbauer, „der Vater schlägt mich, wenn ich ihm sage, daß ich heimlich in die Klausenschlucht gelaufen bin.“

„Nein, ich schlage Dich nicht!“ rief der Otterhofbauer eifrig und zärtlich. „Der Vater schlägt seinen kleinen, kranken Magnus nicht! Aber sag’, was ist’s mit der Klausenschlucht? – Er wird wohl davon geträumt haben,“ fügte er, zu uns gewendet, hinzu.

„Nein, geträumt habe ich nicht!“ vertheidigte sich Magnus, dem seines Vaters Zärtlichkeit sofort die Zunge löste. „Mein Segelschiffchen ist ja noch dort! Darf mir das der Peter morgen holen? Ich weiß genau, wo es liegt.“

„Alles, was Du nur willst, soll Dir der Peter holen,“ versicherte Jakob, „aber es wird noch lange dauern, bis Du mit [888] dem Schiffchen wieder spielen kannst, mein armer, schwacher Bub’!“

„Nun sag’ ganz laut, was Du mir eben ins Ohr gesagt hast, Magnus,“ wiederholte Eva, das Kind fest in die Arme drückend. „Dann hab’ ich Dich noch zehnmal lieber als bisher! Es ist doch wahr – ganz gewiß wahr?“

„Ich bin in der Klausenschlucht gewesen und habe gesehen, wie Burkhard in den Wasserfall gekürzt ist,“ sagte Magnus so laut er konnte, in dem ehrlichen Bestreben, Evas verzehnfachte Liebe zu verdienen, und ohne von der Tragweite seiner Worte eine Ahnung zu haben, „eine zeitlang sah man noch seinen Stiefel, dann gar nichts mehr.“

„Das hast Du gesehen?“ frug der Otterhofbauer erregt. „Wo warst Du denn?“

„Auf der andern Seite vom Wasserfall; ich war über die Steine gelaufen, ans andere Ufer. Und da liegt auch noch mein Schiffchen in einem hohlen Baum.“

„Ueber die Steine bist Du gelaufen, über die das Wasser stürzt?“ rief der Bauer entsetzt. „Magnus, Magnus, das darfst Du nie wieder thun!“

„Aber der böse, schlechte Burkhard lief ja mit seinem großen Messer, nein, mit Pertels großem Messer hinter mir her!“ rief Magnus kläglich; „und seine Augen sahen ganz roth aus und sein Gesicht war ganz roth und er schnaufte wie unser schwarzer Stier, wenn er wild werden will, und er rannte hinter mir her und rief: ‚Wart’, Range, Dich will ich stumm machen!‘“

Unsere Erregung wuchs mit jedem Worte, welches das Kind sprach; allen war es klar, daß hier Ruperts Unschuld doch noch an den Tag kam. Der Arzt kämpfte mit seiner Begierde, alles zu erfahren, und seinem ärztlichen Gewissen, welches ihn mahnte, den kleinen Magnus nicht von so aufregenden Dingen reden zu lassen; aber die erstere siegte. Der Otterhofbauer war außer sich.

„Hinter Dir lief er mit dem Messer her?“ schrie er. „Der niederträchtige Hund! Was hattest Du ihm denn gethan? Und wo steckte Rupert?“

„Den hatte der Burkhard mit dem großen Hackeklotz vom Baume heruntergeworfen!“ rief Magnus, sich erregt aufrichtend. „Der schlechte Burkhard! Ich hab’ es gerade gesehen, wie ich oben in der Schlucht ankam. Ich war Rupert heimlich nachgelaufen, Vater,“ fügte er reuig und ängstlich hinzu, „um mein Segelschiffchen auf den Wassersturz zu setzen. Aber ich thue es gewiß nie wieder!“

[889] „Erzähl’ nur weiter,“ drängte Eva leise, „ich mach’ Dir auch ein Sammetkittelchen mit silbernen Knöpfen und ein rothes Tuchwestchen!“

Weit öffnete Magnus seine veilchenblauen Augen, um Eva mit freudiger Ueberraschung anzustarren, einen Augenblick machte ihn die Freude sprachlos; dann erzählte er um so eifriger und weitläufiger.

In überzeugenderer Weise konnte Ruperts Unschuld nicht erwiesen werden, als dies jetzt von Seiten des ahnungslosen Kindes geschah. Magnus war gerade hinzugekommen, als Burkhard den Klotz gegen Ruperts Kopf warf, und hatte gesehen, wie der Getroffene blutend herabgestürzt und regungslos liegen geblieben war; wie dann Burkhard in Ruperts blutigen Kleidungsstücken nach etwas suchte und endlich, als er das Messer fand, dieses ergriff und mit einer halblaut gezischten Verwünschung zum gewaltigen Stoße damit ausholte. Da aber hatte Magnus so fürchterlich geschrieen, daß der ruchlose Mörder zusammenschrak, sich umwandte und beim Erblicken des Kleinen mit dem Rufe. „Wart’, Range, Dich will ich stumm machen“ auf den Zeugen seiner Blutthat losstürzte. In Todesangst rannte Magnus über Stock und Stein, den aus schlüpfrigem Moos, glatten Felsstücken und Steingerölle bestehenden hohen Abhang hinauf, durch das Heidekraut und das Unterholz bis zum brausenden Wasserfall. Aber noch immer hörte er seinen wüthenden Verfolger hinter sich, und so sprang er mit dem Muth der Verzweiflung auf die vom Strudel umschäumten Felsblöcke, das jenseitige Ufer zu erreichen; Burkhard sprang ihm nach, taumelte, glitt aus und stürzte kopfüber in die Tiefe, wo er von den tobenden Fluthen begraben wurde. Der Hut mochte ihm dabei herabgefallen, das Messer ihm entglitten sein.

Der kleine Magnus hatte es nun unternommen, auf dem jenseitigen Ufer herabzuklettern, nachdem er, um beide Hände frei zu haben, sein hölzernes Schiffchen in die tiefe Höhlung eines großen Baumes geborgen hatte – ein für Ruperts Rechtfertigung sehr wichtiger Umstand, da die Auffindung des Schiffchens jeden Zweifel an dem Bericht des Kindes und namentlich die Auffassung, als sei derselbe nur aus einem Fiebertraum entsprungen, zur Unmöglichkeit machte. Nach mühsamem Herabklettern hatte Magnus schließlich unterhalb des Berges den Klausenbach durchwaten müssen. Ueber der Furcht vor der zu erwartenden Strafe hatte er Burkhard sowohl als Rupert völlig vergessen und war noch bis zum Ententeich gelaufen, wo man ihn gefunden hatte. Die folgenden aufregenden Ereignisse hatten es ihm sehr leicht gemacht, [890] seinen Ungehorsam zu verheimlichen, und er hatte gehofft, derselbe werde nie an den Tag kommen; sein Schiffchen würde man nicht finden, er wußte, daß nie jemand in diesen Theil der Klausenschlucht kam.

„Armer, armer Rupert!“ rief Eva, als das Kind seinen Bericht geschlossen hatte, „auf den Knieen will ich’s ihm abbitten daß ich ihm so schweres Unrecht gethan hab’! Ach, in meinem ganzen Leben kann ich’s nicht abtragen, was ich an ihm verschuldet hab’!“ Und sie brach in ein lautes fassungsloses Schluchzen aus.

Jakob schwieg anfänglich. Dann aber richtete er sich hoch auf und sagte in stolzem Tone:

„Wahr ist’s, daß wir alle dem Rupert Genugthuung schuldig sind, und was ich schuldig bin, das bleib’ ich nicht schuldig, sondern trag’ es ab, wie sich’s gehört. Morgen geh’ ich in den Moorheidehof und red’ mit dem Rupert und mach’ es auch dem Schwager klar, wie er sich jetzt zu verhalten hat.“

„Nun, Eva, und dem Rupert darf ich wohl jetzt wieder Grüße bringen?“ fragte der Arzt in vorwurfsvollem Tone.

„Aber das Kind!“ rief plötzlich Jakob bestürzt. „Jetzt stirbt es am Ende doch noch?“

Er war ganz blaß geworden.

„Der, der ihm Besserung geschenkt hat, wird ihm auch Genesung schenken,“ entgegnete der Arzt sehr ernst, „und da es, wie Ihr wohl jetzt einseht, der Satan nicht war, so wird es wohl ein Anderer gewesen sein. Dem wollen wir getrost das Kind empfehlen!“




Die Kirche war am folgenden Tage – einem Sonntage – übervoll, denn wie ein Lauffeuer hatte sich bereits in der Frühe die neue Kunde von der Aussage des kleinen Magnus verbreitet und überall freudige Aufregung hervorgerufen. Mehrere junge Wieselbacher Burschen waren in die Klausenschlucht geklettert und hatten Magnus’ ganz wohlerhaltenes Schiffchen im Triumphzuge heruntergebracht und vor dem Altar aufgestellt. Die Sonne schien, die Gemeinde war in gehobener, erwartungsvoller Stimmung und der Pfarrer predigte über das Apostelwort: „Wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?“ Er spielte dabei immerwährend auf Rupert an als auf einen, wider den sich alles erhoben hatte, aufgestachelt und geblendet durch die finstere Macht des Aberglaubens, und dem Gott dennoch durchgeholfen habe, weil auch das schwächste Werkzeug in seiner Hand allmächtig wird und auch der Mund eines Kindes seiner Gerechtigkeit zu dienen vermag.

Aber der Platz in der Kirche, wo in früheren Zeiten der Moorheidler mit den Seinigen zu sitzen pflegte, und den schon längst Gertrud allein einnahm, war diesmal ganz leer geblieben. In den Moorheidehof war die Freudenbotschaft noch nicht gedrungen, es hatte sie niemand hingebracht, weil Rupert und seine Eltern durch die Hindeutungen des Predigers überrascht werden sollten. Da aber nun daraus nichts geworden war, so stürmten nach dem Gottesdienste die Bauern in hellen Haufen zum Moorheidehofe, der mit seinem düsteren, stillen Aussehen und seiner vereinsamten Lage den Eindruck machte, als habe er keinen Theil an all der freudigen Aufregung in den Dörfern des Gebirgsthales.

Auf dem Hofe kam den Leuten der Moorheidler entgegen und fragte, was es gäbe.

„Wo ist Rupert?“ rief es aus dem Haufen. „Der muß es zuerst hören!“

Der Moorheidler wies mit gleichgültiger, trüber Miene nach den oberen Giebelfenstern hin.

„Er ist oben und wird wohl seine Sachen packen,“ sagte er mit heiserer Stimme. „Er ist die ganze Nacht fortgewesen und erst in der Früh’ heimgekommen. Er sah sonderbar aus und sagte, ich sollt’ mich nach einem Knecht umsehen, er wolle fort, noch heut’ … Mir ist’s recht,“ fügte er mit einem aus tiefstem Herzen kommenden Seufzer hinzu, und er wandte sich still ab, ohne sich weiter um die Leute zu kümmern.

Zu diesen hatte sich inzwischen der Pfarrer gesellt, der jetzt ein paar Burschen, Ruperts ehemalige Freunde, zu ihm hinaufschickte, um ihn zu rufen. Aber sie kamen nach einer Weile unverrichteter Sache wieder zurück, die Thür sei verriegelt, sagten sie, und niemand habe auf ihr Rufen geantwortet. Da sich auch der Moorheidler mittlerweile entfernt hatte und Gertrud nirgends zu sehen war, so blieb den Verkündigern der Freudenbotschaft nichts übrig, als den Rückzug anzutreten.

Ich hatte mich ebenfalls nach dem Moorheidehof begeben wollen, begegnete aber vor dem Dorfe dem Pfarrer, der mir berichtete, daß Ruperts Thür verriegelt sei und alles Rufen seiner Freunde nichts geholfen habe.

„Er ist erst spät in der Nacht nach Hause gekommen und liegt vielleicht noch im tiefsten Schlafe,“ meinte der Pfarrer.

„Dann wäre aber doch seine Thür nicht verriegelt,“ entgegnete ich; „das ist doch nicht Brauch bei den Bauern.“

Der Apotheker war zu uns getreten und hatte gehört, was wir sagten. Er machte eine bedenkliche Miene, hüstelte und sagte in leisem Tone:

„Er wird sich doch kein Leid’s angethan haben, der Rupert? … Mir ist er gestern abend so … so .., na, wie soll ich sagen, so verdächtig vorgekommen wie einer, der verzweifelt finstere Gedanken mit sich herumträgt.“

Sogleich stand mir die nächtliche Scene vor dem Gedächtniß, die ich vor nur wenig Stunden mit dem Arzt erlebt hatte, und es beschlich mich ein beklemmendes Gefühl.

„Gestern abend?“ fragte ich. „Hat er da die Medizin für den Kleinen im Otterhofe bei Ihnen geholt?“

„Ja, es mag so ungefähr sieben Uhr gewesen sein …“

„Sieben Uhr?“ entgegnete ich. „Und es war Mitternacht, als er sie brachte!“

„Er war, wie gesagt, ganz verstört,“ fuhr der Apotheker fort, „und verlangte, außer der Medizin, eine Portion Rattengift. Das geb’ ich sonst nicht gern, aber dem Rupert mocht’ ich’s nicht abschlagen, wegen des dummen Gerüchts, daß er ein Mörder sei; es sollte doch nicht aussehen, als traute ich ihm Uebles zu, wie all die abergläubischen Bauern es bis jetzt gethan haben. Ich gab ihm vergifteten Weizen, aber er sagte, den fräßen am Ende die Hühner, Meerzwiebel wollte er auch nicht und nahm schließlich ein Präparat mit Strychnin, welches ich für Ratten vorräthig halte. Er besah sich’s hin und her und fragte, ob ein Mensch auch daran sterben könne und wie viel dazu gehöre, so daß ich ihn noch eindringlich warnte, recht achtsam damit zu sein. Einem andern hätte ich auf solche Fragen das Gift wieder fortgenommen, aber beim Rupert wär’ es ja Unsinn gewesen, zu glauben, er wolle jemand vergiften. Wer hätte das sein können? An ihn selbst dacht’ ich gar nicht.“

Ich wußte, wer es war! Von diesem Augenbick an verstand ich die ganze, grauenhafte Bedeutung des nächtlichen Besuches Ruperts auf dem Otterhofe! Er hatte den kleinen Magnus, dessen Genesung sein ganzes Lebensglück vernichtete, Schande und Verfehmung über ihn brachte, mittels vergifteter Arznei ermorden wollen! Aber er hatte sich noch einmal der finsteren Macht des Aberglaubens entwunden, all das schwere Unrecht, das ihm geschehen war, hatte sein Herz nicht verhärtet, das Kind hatte, friedlich schlafend, durch seinen bloßen Anblick für seine Rettung gekämpft – und zersplittert lag die Giftflasche auf dem Pflaster des Hofes! –

Alle diese Gedanken und Vorstellungen durchzuckten in wenigen Sekunden meine Seele. Ich ergriff den Pfarrer beim Arme, zog ihn hastig zur Seite und erzählte ihm, was der Arzt und ich in der vergangenen Nacht beobachtet hatten. Leichenblässe überzog das Gesicht des wackeren Mannes bei meinem Berichte. „Er hat das Kind umbringen wollen!“ murmelte er tonlos. „Der Unglückselige!“

Dann ergriff er meine Hand. „Kommen Sie, kommen Sie, lieber Freund!“ rief er in fieberhafter Erregung. „Ich muß zu ihm gehen, muß mit ihm sprechen, muß mich überzeugen, daß er wieder ganz erwacht ist aus seinem Wahnwitz! Mir wird er die Thür öffnen, ich habe ihn ja aufwachsen sehen, habe ihn unterrichtet, und er weiß, wie lieb ich ihn habe!“

Er eilte davon und ich mußte ihm folgen, denn er hatte meine Hand nicht losgelassen.

In der That öffnete Rupert die Thür, als wir ihn riefen. Ich fühlte mich von einer großen Angst befreit, als ich ihn lebend und offenbar gesund erblickte. Er war auffallend bleich und sah sehr abgehärmt aus, aber es lag nichts Verstörtes mehr in seinen Zügen, nichts Unstätes und Unheimliches mehr in seinen von langer Schlaflosigkeit glanzlosen, matten Augen; sein ganzes Wesen zeigte jetzt Ruhe. Ein kleiner Ranzen lag fertiggepackt auf einem Stuhle, an dem ein knotiger Wanderstab lehnte.

[891] „Rupert, wo willst Du hin?“ fragte der Pfarrer mit stockender, von seiner tiefen Erregung zeugender Stimme, indem er auf den Ranzen deutete.

„Fort!“ entgegnete Rupert kurz und räumte mit matter Bewegung den Ranzen vom Stuhle, damit der Pfarrer sich setzen könne. Auch mir bot er einen Schemel.

„Fort?“ fagte der Pfarrer. „Wohin, Rupert?“

„Das weiß ich noch nicht, Hochwürden,“ erwiderte Rupert in schmerzlich theilnahmlosem Tone, „was liegt mir daran, wie der Ort heißt, wo ich bleiben werde!“

„Und warum willst Du gerade jetzt fort? Gestern dachtest Du noch nicht daran – warum heute?“

„Weil gerade jetzt meine Kraft nicht mehr ausreicht, all das Elend zu ertragen,“ sagte Rupert mit zuckenden Lippen und finster umwölkter Stirn. „Gestern ging’s noch – heute geht’s nicht mehr. Die Welt ist weit, da kann man ja weit weg gehen. Ich will mir einen Ort aussuchen, wo ich bleiben mag, und so lange dort bleiben, bis sie’s auch dort erfahren, daß ich ein Mörder bin ... Dann wandere ich weiter, von Ort zu Ort. Im Grab werden sie mir ja endlich Ruhe lassen!“

„Die Menschen, ja!“ sagte der Pfarrer mit fester Stimme. „Aber das Gericht Gottes, Rupert! Das wird dann erst für Dich beginnen! Wirst Du vor dem bestehen? ..“

Rupert zuckte zusammen und fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen, als hätte ihn ein jäher Stich getroffen.

„Herr Pfarrer,“ rief er erschrocken, „halten Sie mich denn auch für einen Mörder, daß Sie so fragen ...“

„Ich nicht, Rupert, denn ich weiß, daß Du keinen Mord verübt hast ... aber ... aber –“ er stockte, und Thränen traten ihm in die Augen, während er die Hände ineinander rang. „Rupert, der Herr sieht und richtet auch die Mordpläne und die Mordgedanken, und wenn er auch den Verzweifelnden nicht verdammt, so lange ihm halber Wahnsinn die Sinne verwirrt, so fordert er doch nachher Rechenschaft, wenn der Geist wieder klar geworden ist! – Was hattest Du vor in vergangener Nacht?“

Aschgrau wurde Ruperts Gesicht, und seine Brust arbeitete keuchend wie die eines Erstickenden.

„Ich habe es ja nicht ausgeführt!“ schrie er laut auf. „Ich konnte es ja nicht thun! Gott wird mir's verzeihen, denn er allein weiß, was ich gelitten habe!“

Er drückte beide Hände auf sein Gesicht und eine tiefe Stille entstand; wir waren alle drei zu erschüttert, um zu sprechen. Endlich fragte der Pfarrer leise:

„Du wolltest Magnus vergiften?“

Rupert ließ die Hände herabsinken und sah den Pfarrer aus hohlen Augen an.

„Woher wissen Sie es, Hochwürden?“

„Ich wußte es nicht ... Ich vermuthete es nur.“

Rupert holte tief Athem und sagte tonlos:

„Ja, ich wollte es ... Aber nun ist’s vorüber! Ich kann ruhig meinen Ranzen schnüren und von dannen ziehen. Mein Gewissen ist frei und ums Herz ist mir’s wieder ganz anders; leicht nicht, aber anders.“

„Du hast’s überwunden, Rupert?“ fragte der Pfarrer, angstvoll in seinen Zügen forschend. „Du kannst aus vollem Herzen dem kleinen Magnus Besserung und Genesung wünschen?“

„Ja, Hochwürden, ja!“ sagte Rupert fest. „Wie ein wüster Traum ist’s mir nur noch, daß ich das Kind hab’ umbringen wollen ... Nun ist’s vorüber.“

„Gott sei gepriesen!“ flüsterte der Pfarrer aus erleichtertem Herzen, Ruperts Hand warm drückend.

„Aber woher wissen Sie’s, Hochwürden?“ drängte dieser, „und wer ... wer weiß es noch außer Ihnen? Es war ja tiefe Nacht und böses Wetter ... Wer hat mich gesehen? Ich hab’ doch im Keller gesteckt, bis es Nacht war!“

In kurzen Worten sagte ich ihm, daß wir ihn beobachtet hätten.

„Nur Sie, Herr, und der Herr Doktor?“ sagte er sichtlich beruhigt.

„Niemand sonst,“ versicherte ich, „und es soll es auch niemand jemals erfahren. Die Giftflasche ist zerbrochen, und damit ist alles gut.“

„Alles gut!“ wiederholte Rupert bitter und traurig.

„Ja, alles gut!“ sagte ich, seine Hand ergreifend; „denn mit dieser Giftflasche, Rupert, wolltet Ihr den vernichten, der Eure Unschuld an Burkhards Tod klar vor allen Leuten an den ag bringen sollte. Von Euch und Burkhard ungesehen, war Magnus in der Klausenschlucht, als Euer Stiefbruder Euch ermorden wollte. Vor seinen Augen ist Burkhard in den Wasserfall gestürzt, und vor seinem Vater, vor Eva, dem Doktor und mir hat er’s bezeugt, daß Ihr unschuldig seid.“

Rupert sah mich starr an, als sei es ihm unmöglich, meine Worten zu fassen.

„Kommt ans Fenster,“ sagte ich, „und schaut hinaus!“

Ich hatte gesehen, daß auf dem Hofe sich wieder ein Menschenhaufen angesammelt hatte, Männer und Frauen, Burschen und Mädchen. Sie umringten den Moorheidler und Gertrud und blickten beständig zu Ruperts Fenstern hinaus. Halb taumelnd, ganz verwirrt trat dieser ans Fenster, und sofort erscholl unten jubelndes Zurufen, Hüte und Tücher wurden geschwenkt und ein Dutzend junger Bursche stürmte die krachende Stiege herauf, um Rupert hinunterzuholen. Dieser wußte noch immer nicht recht, wie ihm geschah, hatte noch nicht begriffen, wodurch dieser Umschwung entstanden war. Ein Stimmengewirr erhob sich, alle wollten ihm erklären und erzählen, was geschehen war. Aber jetzt schob auch der Otterhofbauer seine stolze, sonntäglich angezogene Gestalt in das dürftige Kämmerchen und gebot den übrigen Schweigen. Von ihm erfuhr Rupert ausführlich, was Magnus in jener Nacht, die beinahe seine Todesnacht geworden wäre, in so unzweifelhafter Weise bezeugt hatte.

„Wir alle sind Dir Genugthuung schuldig, Rupert,“ sagte der Bauer, trotz seiner selbstbewußten Haltung nicht ganz ohne Verlegenheit, „und ich thu’ Dir Abbitte, daß ich so Schlechtes von Dir gedacht habe. – Und jetzt komm herunter zu Deinen Eltern!“

Rupert ging mit den andern hinunter. Wir sahen vom Fenster aus, wie der Moorheidler seinen Sohn glückstrahlend ein Mal ums andere in die Arme schloß, wie sich alle herzudrängten, Rupert die Hände zu drücken, wie dessen Züge allmählich sich aufhellten, seine Wangen sich rötheten und das Gefühl wiederkehrenden Glückes offenbar sein Herz zu erfüllen begann. Schnell konnte er sich in die Wandlung nicht finden, dazu war er zu tief und hoffnungslos unglücklich gewesen. Auch dem Moorheidler liefen, trotz seiner Freude, dicke Thränen über die bleichen, hohlen Wangen; auch ihn mochte das Gefühl beherrschen, daß er seinen Sohn lange hatte schuldlos leiden lassen! Gertrud drückte und küßte nur stumm Ruperts Hand; dann ging sie still in ihre Kammer; ihr tiefbewegtes Herz drängte sie, sich allen Zeugen zu entziehen. Rupert dagegen konnte sich seiner jubelnden Kameraden nicht erwehren und mußte sich von ihnen ins Wirthshaus führen lassen, wo ihm bei fröhlichem Zusammensein bald ganz warm ums Herz wurde. Als er zurückkehrte, fand er den Moorheidehof mit Laubkränzen geschmückt, zwischen denen seine in der Sonne leuchtenden kleinen Fenster ganz lustig hervorblinzelten. Aber lieber, tausendmal lieber als alle Kränze war ihm der so lange entbehrte liebevolle Gruß seiner Eltern, die ihm beide mit glücklichen Gesichtern auf der Nothbrücke entgegenkamen.




Noch nie hatte der Pfarrer mit tieferer Empfindung und mit größerer Beredsamkeit eine Traurede gehalten, als an dem Tage, da er Rupert und Eva vor dem Altare als Ehepaar zusammengab.

Es war eine sehr feierliche Trauung! Der Moorheidler, Gertrud und der alte Schachtelmacher fühlten sich ganz stolz inmitten der reichen Verwandtschaft des Otterhofbauers, die in stattlicher Pracht der Gewandung vollzählig erschienen war. Der kleine Magnus, gesund und pausbäckig, trug das Sammetkittelchen mit den Silberknöpfen und das rothe Tuchwestchen, die Eva ihm gemacht hatte; die eine seiner kleinen Fäuste klammerte sich an die schwerseidene Schürze seiner Mutter, die andere hielt einen Blumenstrauß, hinter dem er fast verschwand und zwischen dessen Blumen man die veilchenblauen Augen fröhlich glänzen sah, die sich beinah für immer geschlossen hätten, all das Glück mit sich begrabend, das sich jetzt so ungetrübt und zukunftsfroh entfalten durfte!