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Die Gartenlaube (1884)/Heft 37

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1884
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[601]

No. 37.   1884.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis 2½ Bogen. – In Wochennummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig oder Halbheften à 30 Pfennig.


„Fanfaro.“
Novelle von Stefanie Keyser.


War es wirklich ihre Heimath?

Wenn sie das Stückchen Erde so nennen mußte, wo sie geboren und erzogen wurde, wo sie jeden Winkel kannte und jede Eigenthümlichkeit seiner Bewohner, – ja, dann war die Landschaft, die sich vor ihr ausbreitete, ihre Heimath. Sie kannte den grünen Eichenwald, unter dessen letzten Ausläufern sie stand; er überzog die langgestreckten Berge, welche den deutschen Kleinstaat begrenzten, dem sie als Bürgerin angehörte. Sie kannte die Wiese drunten und die mit starken Rindern bespannten Wagen, auf die das erste Heu geladen wurde, den Fluß, der murmelnd zwischen seinen kiesigem Ufern dahinströmte, und den an seiner Kette darauf schaukelnden Kahn, der Lustwandelnde übersetzte. Und sie kannte die Stadt Greifenberg, welche am jenseitigen Ufer sich hinzog.

Dennoch ging ihr bei dem Anblick und bei dem Wort „Heimath“ nicht das Herz auf. Sie war fremd geworden in dem halben Decennium, das sie fern dem Vaterlande verlebt hatte, vereinsamt, wie es ihr Name: Ereme (griechisch: die Einsame) besagte, und wie es ihr Schicksal hinfort sein würde.

Ein leiser Seufzer kam über ihre Lippen, während sie den Blick auf der Stadt ruhen ließ, die, wenn auch äußerlich gewachsen, doch ihren nun verwöhnten Augen noch schlichter als sonst erschien. In der gesteinarmen, aber waldreichen Gegend errichtete man keine Prachtbauten. Selbst wo ein mit einer Haube gezierter Thurm die Kirche bezeichnete, bildeten die darum gepflanzten Linden den Hauptschmuck, und den Rest der altersgrauen Stadtmauer verhüllte dunkler Epheu.

Ein einziges Gebäude erhob sich höher und stolzer mit stattlicher Façade: die Universität. Die Häuser, die mit ihren steilen Ziegeldächern sich um dieselbe schaarten, trugen als einzigen Zierrath - Ereme wußte es - über der Hausthür auf eherner Tafel den berühmten Namen eines Lehrers der Hochschule, der einst därin gewohnt hatte. Und es war immer ihr Stolz gewesen, daß auch ihr Haus zu den also geschmückten gehörte, auch ihre Familie zu der geistigen Gemeinde zählte, die aus den erleuchteten Geistern aller Völker und Zeiten sich zusammensetzt.

Als der Fürst des Landes, dessen Standbild in Hermelin und Kurhut auf den Universitätsplatz herabschaut, die Hochschule gründete, hatte ein Clusius als Cancellarius des Landesherrn die Stiftungsurkunde vollzogen, und da die Universität ihr Jubiläum zum zweiten Male feierte, bekleidete ihr Vater, der Professor Clusius, als Rector Magnificus den höchsten Posten an derselben. Dort drüben aus dem säulengeschmückten Portal war er beim Festzug nach dem Denkmal des Stifters herab geschritten im violetten Sammettalar, die Ehrenkette um den Hals. Die Pedelle mit ihren vergoldeten Sceptern gingen voraus, die Professoren folgten, und die Studenten „in Wichs“ schlossen den Zug. Vor dem steinernen Kurfürsten und vor dessen Ururenkel, dem nunmehrigen Schützer der Hochschule, hielt er der athemlos lauschenden Menge eine seiner berühmten Reden.

Es war das letzte Mal, daß er öffentlich gesprochen hatte.

Als das Jahr 1866 gekommen war, mußte er Heilung für sein überarbeitetes Haupt suchen, und er wandte sich zu diesem Zweck der Heimath seiner Seele zu: er ging nach Griechenland. Die Hoffnung, die Stätten schauen zu dürfen, wo sein Geist von früher Jugend an am liebsten geweilt hatte, ließ die ermatteten Kräfte aufleben. Und sie, die damals kaum Neunzehnjährige, vergaß schnell den Schrecken, welchen ihr des sonst unermüdlichen Vaters Entschluß, in den Ruhestand zu treten, bereitet hatte, über die Freude auf die große Reise in das Vaterland der Iphigenie, der Antigone. Sie schrieb die Thränen der bejahrten Cousine ihres Vaters, die seinen Haushalt versorgte, dem Trennungsschmerz zu und verstand nicht, warum der alte Diener, der sie begleitete, seine bedenkliche Miene behielt.

Verklärte sich doch ihres Vaters Antlitz immer mehr, je näher sie dem Ziel ihrer Reise kamen. Mit heitrem Lächeln wandelte er auf dem Deck des großen Lloyddampfers, der sie durch das Mittelländische Meer trug und schon von orientalischem Leben erfüllt war. Albanesen sangen, in ihre Mäntel aus Ziegenfellen gehüllt, eintönige Lieder, Türken saßen mit gekreuzten Beinen an der Schiffswand und speisten aus Blechbüchsen, die in buntem Durcheinander Südfrüchte und Oel, Zwiebeln und Hammelfleisch enthielten, ein Imam warf sich vor einem Säckchen geweihter Erde aus Mekka nieder. Und sie schauten nach den Felsengestaden Ithakas, die kahl, ohne Lebensspur, aber umschwebt von Homer’s unsterblichen Gestalten, an ihren Augen vorüberzogen, bis in der rasch hereinbrechenden Nacht Odysseus’ Heimath entschwand und das Schiffsgestirn der Athener, die sieben Sterne des Wagens, wie Feuer vom Himmel herabflammte.

Im Hafen von Syra bestieg er mit frohem Zuruf das kleine Dampfboot, den „Schild“, das sie an das Ziel ihrer Reise bringen sollte.

Es war gegen Sonnenuntergang, als sie um das Cap Sunion, das jetzt Colonna heißt, herumfuhren. Da trat er zu ihr und sprach mit strahlenden Augen: „Von hier aus erschaute schon [602] der heimkehrende Athener die goldne Lanzenspitze der ehernen Athene des Pheidias, die hoch auf der Akropolis Wacht hielt.“ Helios’ Fackel sank glühend hinab. Ueber den Bergen von Aegina flammte das Abendroth, wie feurige Wolken zuerst, dann in raschem Wandel in die leuchtenden veilchenblauen Farbentöne übergehend, die jener Landschaft eigen sind. Blaue und rothe Lichter, bald tief dunkel, bald hell strahlend, spielten aus dem Meer, aus dem silbern schimmernde Delphine auftauchten. Er hatte den Hut abgenommen; der weiche Hauch dieser Luft, der schon heilbringend sein sollte, spielte in seinem langen grauen Haar, und mit verklärtem Antlitz fuhr er fort: „Da, der rothe Fels ist Salamis, das dunkelblaue Meer, aus dem er emporsteigt, die Stätte, wo vor zwei Jahrtausenden die große Seeschlacht gekämpft wurde. Und dort,“ fügte er mit stockendem Athem, flüsternd, wie beim Anblick eines Allerheiligsten hinzu, „dort taucht die Akropolis auf.“

Die hochgehenden Wogen der Empfindung hielten zwar nicht Stand, als der „Schild“ im Piräus zwischen Schiffen aller Nationen Anker warf und sie den classischen Boden betraten. Die Neugriechen in ihren Fustanellen, den weißen weiten Faltenröcken, den Gamaschen und unförmlichen Schnabelschuhen führten deutlich vor Augen, daß ein neues Volk die alte Culturstätte bewohnte. Selbst Athen war eine moderne, fast abendländische Stadt, wenn auch die Straße, in der sie ihr Logis fanden, nach dem Götterboten Hermes und diejenige, in welcher ihre Buchhandlung lag, nach dem Windgott Aeolus genannt war, und wenn auch die Conditorei, in der sie den berühmten Honig von dem mit Thymian bedeckten Hymettosgebirge naschten, den Namen des großen Gesetzgebers Solon trug.

Aber die Welt von heut versank für sie, wenn sie an mondhellen Abenden droben auf der stillen Akropolis weilten. Der Invalide, den sie als Führer mitnehmen mußten, blieb, zufrieden seine Drachmen einstreichend, zurück. Sie wandelten allein durch die Ruinen im bläulichen Licht der strahlenden Selene, die so groß erschien, als sei sie die erwachsene Schwester unseres kleinen deutschen Mondes. Wie ein aus dem Hades emporgestiegener Geist der Griechen fand der blasse Gelehrte seinen Weg durch die stolzen Propyläen und über das marmorne Trümmerfeld. Mit beflügeltem Wort ließ er die alte Herrlichkeit wieder erstehen: den zierlichen ionischen Säulenbau des Erechtheion, in dem dereinst das älteste aus Oelbaumholz geschnitzte Bild der Athene aufbewahrt wurde, und den Parthenon mit seinen ernsten dorischen Säulen, welcher zu Ehren der Athene Parthenos erbaut war und jene herrliche Statue der Göttin enthielt, die Pheidias aus Gold und Elfenbein gebildet hatte; das alte veilchenumkränzte Athen erhob sich wieder am Fuße der Akropolis. Der ausgegrabene Rundbau des Dionysostheaters wuchs empor, und auf marmornen Sitzen saßen die Athener und schauten die Tragödien des Sophokles und Euripides. Die feierlichen Klänge der Kithara, die Apollo spielte, ließ er im Geist ertönen und das schmeichelnde Flötenspiel säuseln, mit dem die leichtgeschürzten Töchter des benachbarten Ioniens die athenischen Männer zu berücken wußten.

Es war ein herrliches, genußvolles Leben. Aber wie alle Sterblichen wandelten auch sie nur kurze Zeit frei von Unheil.

Es kam ein sonnenklarer Tag, an dem sie wieder einmal zur Burg emporstiegen. Der Vater war schweigsamer denn sonst, und auf ihrem Herzen lag ein Druck, auf ihrem Geist ein Schatten, den sie nicht mit Namen nennen konnte. Sie suchte die Ursache in äußeren Dingen. Sie standen vor der einstigen Cella der Athene Parthenos. Jetzt ragte darin das halb abgetragene Minaret empor, das von den mohammedanischen Siegern aufgeführt worden war. Sie brach in leidenschaftliche Klagen aus über die Barbaren, welche die Statue verschleppt und vernichtet hatten, daß nichts davon übrig geblieben war als die kleine Copie, die sie im Cultusministerium immer auf’s Neue bewunderte.

Aber ihr Vater schüttelte ernst das Haupt: „Das Götterbild ist vernichtet; wir bedauern es, müssen aber bedenken: je reiner die Gottesidee sich entfaltet, je mehr wird sie die Formen und Symbole abstreifen. Laß uns noch einmal in den Giebel hinaufsteigen.“

Mit sicheren Schritten ging er den schwindelnden Weg und ließ sich dann droben auf einem der riesigen Marmorarchitraven nieder. Sein Blick glitt hinaus über den Spiegel der See bis zu den zackigen Bergen des Isthmus, die Akrokorinth beherrscht – eine Ruine gleich der Akropolis, hinab auf den Burghof, der ehemals von herrlichen Marmorbildern und Bauwerken erfüllt gewesen war, und in welchem jetzt, über einander gestürzt, in stachelige Aloen eingebettet, Säulentrommelnt und Capitäle, Metopentafeln und Stücke von Friesen und Statuen lagen, die, von der Zeit bronzirt, nur am frischen Bruch noch weiß glänzten.

Da sprach er leise: „Selbst das herrliche Volk, das eine Blüthezeit sah wie kein anderes, mußte vergehen. Menschenloos! Wie dürfte der Einzelne hoffen, seinem Geschick zu entrinnen?“

Sie sah ihn erschrocken, nach Verständniß suchend, an. Aber auf seinem Antlitz lag das Leuchten der stillen Ergebung, die sich jedem Gebot der Götter fügt. Dann stützte er sich auf ihren Arm und stieg langsam hinab. –

Nur mit geschlossenen Augen zog er noch einmal an der zusammengesunkenen Herrlichkeit vorüber, als er, der Sitte des Landes gemäß, im offnen Sarg hinausgetragen wurde zur letzten Ruhestätte.

Sie konnte sich nicht so schnell vom Grabe ihres Vaters trennen und auch nicht von den Orten, wo sie noch einmal mit ihm eine so glückliche Zeit verlebt hatte. Eine befreundete Familie, Verehrer ihres Vaters, nahm sich ihrer an und half ihr im Ordnen der äußeren Angelegenheiten. Ein bekannter Forscher erbat sich das Material zu einem Nekrolog des berühmten Gelehrten. Sie mußte den Nachlaß des Verstorbenen durchsehen. Und wie aus den Schriften das schöne Gleichmaß seiner Seele zu ihr sprach, so wehte es wie ein Hauch von Trost in ihr Herz, wenn sie in den Trümmern des Tempels der erhabenen Schutzpatronin ihres Vaters weilte. Es war, als ob zwei hehre Stimmen, harmonisch zusammenklingend, einander ergänzend, sie zur Ruhe redeten. Aus dem heißen Schmerz wurde wehmüthige Sehnsucht nach dem Geschiedenen, dann ein stilles Gedenken, ein Weiterleben in seiner Geisteswelt.

So war es gekommen, daß sie mit dem hinsterbenden Vater sich in die Geschichte der alten Griechen versenkte, während in Deutschland unter Kriegsdonner die neue Zeit anbrach; so kam es, daß sie, mit dem ersten großen Schmerze ihres Lebens ringend, die Botschaften von der frechen Einmischung des Erbfeindes, der einmüthigen Erhebung ihres Volkes, dem Siegeslaufe des deutschen Heeres und dem ruhmvollen Friedensschluß nur wie leeren Schall an ihrem Ohre vorüber gehen ließ. Und doch war ein Nachhall aus jener Zeit mächtig genug, sie in die Heimath zurückzuführen.

Als sich ein Jahresring nach ihres Vaters Tode geschlossen hatte, kehrte sie einstmals von einem Spaziergange in den Schloßgarten zurück, den die frühere Königin Amalie angelegt hat. Der Gesang der Nachtigallen, die hier unter Orangenbäumen und Palmen schlugen, tönte ihr nach. Da hörte sie vor dem Schlosse die griechische Militärkapelle eine Weise spielen, die frisch und muthig klang wie das Volkslied ihrer waldigen Heimath. Sie vermochte kaum durch die Menge von fremden Reisenden, Griechen in der Nationaltracht, Griechinnen in fränkischer Kleidung, mit dem Fez auf dem rabenschwarzen Haare, zu dringen. Alle lauschten neugierig dem Musikstücke. Da sie, wunderbar angeheimelt, stehen blieb, sprach der neben ihr schreitende Landsmann: „Es ist die ‚Wacht am Rhein‘, die ihre Siegesreise um die Welt macht.“

Da kam das Heimweh, das sie bisher nie gekannt hatte, mit Macht über sie und überwältigte sie so, daß sie urplötzlich in stürmischer Hast zur Rückkehr rüstete.

Auf dem „Schild“, der sie gebracht, fuhr sie eines Abends mit dem alten Diener wieder davon, und das Land der Griechen versank hinter ihr in Nacht und Fluth. Am andern Morgen lag das große Dampfschiff im Hafen von Syra vor ihr, das sie in die Heimath zurückführen sollte. Hell glänzte sein Name im Morgenlicht. „Mars“ ward es genannt.

Nun befand sie sich schon ein paar Wochen wieder daheim; aber heimisch war es ihr noch nicht geworden. In ihrem kühlen Hause am Universitätsplatze stand zwar Alles unverrückt auf derselben Stelle. Die alte Verwandte ihres Vaters, eines jung verstorbenen Privatdocenten würdige Wittwe, führte wie in früherer Zeit die Wirthschaft.

Aber außerhalb desselben fand sie sich in einer ihr neuen fremden Welt. Zwischen den Studenten klirrten Ulanen; denn Greifenberg hatte eine Garnison bekommen. Die Krieger schauten mit kecken Blicken um sich. Hatte doch der Eine sich unterstanden, sie, Ereme Clusius, schon von Weitem mit den Augen zu fassen [603] und nicht wieder loszulassen. Das war unerhört: die „Clusia“ wurde von dem flottesten Corpsburschen respectirt. Sie hatte hoheitsvoll das Antlitz abgewendet. Ein Schüler ihres Vaters, den sie als Studenten verlassen hatte und als Privatdocenten wiedersah, rasselte bei seinem ersten Besuch als Reservelieutenant in das Haus, da er gerade einberufen war zu einer Uebungszeit. Kaum vermochte sie den Doctor Gerhard wieder zu erkennen, der sonst so würdevoll zur Universität geschritten war und jetzt in toller Hast von ihr hinwegstürmte, als er fürchtete, die Stunde des Appells zu versäumen. Und da sie ihrer intimsten, wenn auch älteren Freundin, der Stiftsdame Melanie von Seebergen, die da drüben in dem grauen ehemaligen Klostergebäude wohnte, über alle die Veränderungen ein erstauntes Wort sagte, erwiderte diese lächelnd:

„Fordern Sie nicht zu viel für sich und Ihre Welt von uns. Bedenken Sie, wir haben nun selbst einen Leonidas. Hat nicht Werder mit seinem Corps ebenso am Engpaß Wacht gehalten und sich nicht einmal aufreiben lassen?“

Selbst der grüne Eichberg war nicht derselbe geblieben. Als sie das dunkle weitgeöffnete Auge zu den leise brausenden Wipfeln erhob, da erschaute sie über dem höchsten Berggipfel den großen schwarzen eisernen Adler, der mit ausgebreiteten Flügeln und hoch nach Westen gerecktem Kopf auf der Säule stand, welche das dankbare Vaterland den gefallenen Kriegern errichtet hatte.

Wehmüthig senkte sie das Haupt. Sie hätte so gern das Große, das gethan war, bewundert; aber es trat ihr fremd, herrisch entgegen, das Leben, welches durch Jahrhunderte ungestört sich hier entfaltet hatte, zurückdrängend.

Und Niemand fühlte mit ihr; sie war stets Creme, die Einsame. Alles jauchzte der neuen Zeit zu. Sogar das Rudel barfüßiger Kinder, das, mit Stöcken bewaffnet, eben herantobte und schrie: „Jetzt kommen sie.“

Dort um die Waldecke, die einen Theil des weiten Exercirplatzes verbarg, bogen sie, die weltberühmten Ulanen mit ihren Lanzen, von denen die schwarz-weißen Fähnchen wehten. Voran der Führer; eine Pferdelänge hinter ihm der Trompeter.

Der Wind ließ Ereme’s blauen Schleier gleich einem Wimpel flattern. Sie zog ihn an sich und schritt durch die Wiesen hinab nach dem Fluß. Da schlug eine mächtige Stimme an ihr Ohr. Unwillkürlich sah sie zurück.

Der Rittmeister hatte sich hoch im Sattel erhoben. „Escadron! Zur Attake! Lanzen gefällt!“ tönte es herüber.

Der Trompeter blies ein Signal, die Ulanen setzten sich in Trab; ein neues Signal, sie gingen in Galopp über, und ein drittes anlegendes Geschmetter, das Ereme zusammenfahren ließ; jetzt sauste die Schwadron mit gefällten Lanzen im Carrière dahin, der Rittmeister, den blinkenden Säbel in der Faust, voraus. Der Boden dröhnte unter den donnernden Rosseshufen, die Luft bebte von den wilden Klängen.

Sie wandte sich an einen jungen Mann, der, den Rechen in der Hand, eine abgetragene schildlose Soldatenmütze auf dem Kopf, seine Arbeit unterbrochen hatte, um den Uebungen der Ulanen zuzuschauen. „Was ist das für eine ungestüme Weise?“

„Wir nennen es ‚Fanfaro‘,“ antwortete er.

„Was heißt das?“ erkundigte sie sich befremdet.

Die barfüßigen Jungen schrieen: „Oho, die weiß nicht, was Fanfaro ist,“ und sie fällten ihre Stöcke wie Lanzen.

„Es ist das Commando, das bei der Infanterie ‚Marsch, Marsch!‘ heißt,“ autwortete der Arbeiter, dessen stramme Haltung zeigte, daß er gedient hatte.

„Und was ist Marsch, Marsch!?“ fragte Ereme.

Die Kinder erhoben ein Hohngelächter, schwangen sich auf ihre Stöcke und ritten im Galopp auf den Exercirplatz hinab.

„Das ist das Commando zur Attake,“ erläuterte der junge Mann, mit verklärtem Gesicht den Dahinstürmenden nachschauend. „Das ist der Bartenstein! Der reitet wie der Teufel.“

Wieder ein Signal.

„Jetzt wird zum Ralliiren geblasen,“ erklärte er.

Die Officiere salutirten mit den Säbeln. Die Escadron kehrte zu ruhiger Gangart zurück.

Ereme wandte sich der Uferstelle zu, wo der Kahn lag, der hier den Uebergang vermittelte.

Der Fährmann, der aus seiner Hütte herabkam, redete sie zutraulich an. „Es hat sich viel verändert, seit ich Sie zum letzten Mal übersetzte. Damals war der Herr Vater noch dabei. Wir haben Alle Theil genommen, als die Nachricht eintraf, daß der berühmteste Professor unserer Universität gestorben war. Und noch dazu so weit von der Heimath.“

„Er würde dieselbe so wenig wieder erkennen als ich,“ erwiderte Ereme.

„Ja, wir sind groß geworden seitdem,“ sagte der junge Mann. „Wir haben das deutsche Reich aufgerichtet. Ich habe auch vor Paris gelegen und mein Weihnachtsbäumchen mit Granatsplittern behangen, statt mit Aepfeln und Nüssen.“

Sie sah ihn verwundert an. Das hätte man früher Galgenhumor genannt. Aber dieses Wort paßte nicht mehr; der Erzähler lachte mit unzweideutigem Frohmuth. Sie hatte keine Zeit, weiter darüber zu grübeln. Die Ulanen zogen heran, wohl der Brücke zu, die weiter droben in die Stadt führte, wo ihre Caserne, ein ehemaliges kurfürstliches Schloß, lag.

Und da ritt auch wieder der Officier an der Spitze, der vorhin so kühn dahin jagte, und auch wieder, wie schon ein- oder zweimal, wenn er ihr begegnet war, faßten seine Augen sie von Weitem so unverwandt und scharf, als wolle er sie an den Boden bannen.

Sie richtete sich auf. In ihren weißen Plaid mit lässigem Faltenwurf gehüllt, den Zipfel über die Schulter geschlagen, erhob sie sich auf dem hohen Uferrand gleich einem plastischen Gebilde vor dem Heranreitenden; dann wandte sie sich mit einer stolzen Bewegung, die wie die sprechende Geste einer antiken Statue erschien, ab und schritt nach dem Kahn hinunter.

Im selben Augenblick ertönte wieder die Commandostimme hinter ihr: „Escadron! Halt! – Bitte, die Herren Officiere!“ Die Officiere ritten an den Rittmeister heran. – „Meine Herren, ich danke Ihnen.“

Er warf sein Pferd herum und setzte im Hui über die Weißdornhecke des Weges, jagte über die Wiese, nahm im Flug den Graben, der sie hüben vom Wege schied, und nun ging es geradeswegs auf die Uferstelle zu, wo Ereme stand.

Eilig stieg sie in den Kahn. Der Schiffer löste ihn von seiner Kette und stieß ab.

Da sprengte der kecke Reiter ihr nach in den Fluß hinein.

Erschrocken schaute sie sich um.

Er aber sah mit einem leichten Lächeln um die schön geschwungenen Lippen, die von der Gewohnheit des Befehlens geschärft erschienen, über sie hinweg. Seine hohe, schlanke, geschmeidige Gestalt, von der Ulanka eng umschlossen, wiegte sich elastisch auf dem feurigen Goldfuchs, der schnaubend die Schaumwellen theilte. Lustig flatterte der weiße Haarbusch von der Czapka.

Die übrigen Zuschauer hatten sich offenbar nicht erschreckt. Sie schienen an absonderliche Reiterstückchen des Rittmeisters gewöhnt zu sein. Der alte Fährmann lachte nur in seinen Bart, von der Wiese aus sahen die heumachenden Archeiter vergnügt zu, die Ulanen zogen unbekümmert ihres Weges. Nur ein Lieutenant mit hübschem regelmäßigen Gesicht und glänzend schwarzem Schnurrbart hielt am Ufer und verfolgte mit unverkennbarer Aufmerksamkeit den Verlauf der Scene.

Das Wasser stieg höher, dem Pferd bis an den Leib; der Rittmeister ritt weiter, immer mit dem gleichen überlegenen Lächeln auf den von einem braunen Bart umkräuselten Lippen. Es schien zu sagen: „Du sollst Deinen Willen nicht durchsetzen, was Du auch thun magst.“

Einmal fiel das Pferd mit den Vorderhufen so tief hinein, daß es den Kopf hochrecken mußte, um über Wasser zu bleiben. Der Ausdruck in dem kühn geschnittenen gebräunten Antlitz des Reiters blieb aber so übermüthig wie vorher; er hob die Zügel, und vorwärts ging’s.

Dann trieb die Strömung den Kahn, daß er Seite an Seite mit dem kecken Reiter war und der Schiffer mit sichtlicher Sorge steuerte. Aber jetzt blickte Ereme nicht mehr nach ihrem ritterlichen Begleiter hin. In ihren unbewegten Zügen, auf den herbe sich senkenden Mundwinkeln stand geschrieben: „Wenn Dich Dein Schicksal erreicht, was kümmert’s mich?“

Endlich waren sie am Ufer angelangt.

Ereme gab dem Fährmann seinen Lohn. „Hier ist der Obolus,“ sprach sie. „Eine Fahrt in Charon’s Nachen mag nicht viel widerwärtiger sein, als diese es war.“

Der biedere Schiffer wunderte sich nicht über ihre Worte. In kleinen Universitäten ist auch der Geringste an hohe Reden gewöhnt.

[604]

„Blindkuhspiel.“
Nach dem Oelgemälde von Mathias Schmid.

[605] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [606] Aber der Reiter lauschte auf bei dem Wohlklang ihrer tiefen Stimme.

Sie verließ mit gemessenem Schritt den Kahn, sein Pferd erklomm den Uferrand, und jetzt sahen Beide sich an.

Wie ein blauer Blitz traf sein Blick ihre schöne Gestalt, die hoch aufgerichtet vor ihm stand, den Kopf leicht über die Schulter ihm zugewandt; und unter ihren breiten dunkel umsäumten Augenlidern hervor fiel ein Eisesblick auf ihn.

Da erhob er, unbekümmert darum, daß das Wasser in Strömen von ihm und seinem Goldfuchs herabrann, mit vollendeter Curtoisie und Grazie die Hand grüßend zur Czapka, und ohne auf einen Gegengruß zu warten, der ihm auch nicht wurde, jagte er davon, während sie sich heimwärts wandte und unter langsamem Dahinwandeln das Zittern verbarg, das der Zorn über den frechen Lanzenreiter ihr erregte.

Sie hätte aller Welt kund thun mögen, welche Unbill ihr widerfahren war, und sie hatte keinen Menschen, zu dem sie mit ihrer Empörung flüchten konnte. Die gute Tante zu Haus würde sie nicht verstehen, kaum anhören; ihr Horizont war in der früchtespendenden Sommerzeit ausgefüllt mit Himbeersaft und Johannisbeergelée. Und für die Anfechtungen des täglichen Lebens hatte sie stets ein deutsches Sprichwort in Bereitschaft, mit welchem sie wie an festem Bergstock über die Steine des Anstoßes hinwegstieg. Mit Widerwillen dachte Ereme, daß sie zum Trost die Allerweltsweisheit vernehmen müßte: „Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.“

Aber da ragten vor ihr die Stiftsgebäude auf mit ihren spitzen Giebeln und dem schiefergedeckten Thurm. Zu Melanie wollte sie gehen. Die Stiftsdame, die immer Alles zum Besten kehrte, sollte hören, wie ihre berühmten Rufer im Streit sich betrugen. Ihr Blick glitt über den Garten, aus dem plaudernde Stimmen schallten. Zwischen Lilien und blassen Rosen, die an den ehemaligen Klostergarten erinnerten, saß ein Kreis von Stiftsdamen um eine blinkende Kaffeemaschine, mit Strickkörbchen und Nähkästchen, obenan kerzengerade die alte Pröbstin, deren kleine polirte Krücke mit silbernem Griff gleich einem Krummstab in ihrem Arm lehnte. Melanie befand sich nicht unter ihnen.

Ereme schritt über den Vorhof, die steinerne Wendeltreppe hinauf, deren Stufen mit dunklem Teppichstoff belegt waren, den in gotischem Bogen sich wölbenden Corridor entlang, bis zur Glasthür, die Melanies Wohnung abschloß.

Als sie auf den Knopf der Klingel gedrückt hatte, klapperten eilig aus der Tiefe des Ganges Hackenschuhe heran; die mit dichten Musselinfältchen verhüllte Thür öffnete sich, und eine zierliche Zofe knixte vor dem Besuch. Zugleich erschien das rosenrothe Näschen eines schneeweißen King-Charles in der Luke, der als Halsband eine breite heliotropfarbige Atlasschleife trug.

„Das gnädige Fräulein haben das gnädige Fräulein kommen sehen und lassen bedauern. Sie sind bei der Toilette,“ referirte die Jungfer. „Das Musikcorps von den Ulanen giebt ein Concert im Philosophenhain. Aber sie lassen das gnädige Fräulein bitten, sie doch dahin zu begleiten. Das gnädige Fräulein würden sich ein Vergnügen daraus machen, das gnädige Fräulein abzuholen.“

„Ich lasse danken,“ gab Ereme schroff zur Antwort. „Ich habe heute schon genug von den Ulanen gehört und gesehen.“

Sie wandte sich.

„Das gnädige Fräulein werden bedauern,“ knixte abermals die Jungfer. „Ach Darling, da bist Du. Der Kleine läuft aber auch überall nach.“ Sie nahm ihn besorgt auf den Arm. „Unterthänigen guten Tag.“

Ereme ging mit streng zusammengezogenen Brauen nach Haus.

(Fortsetzung folgt.)

Mathias Schmid.

Von Ludwig Ganghofer.

Wenn wir der allseitigen, tiefinnerlichen Hinneigung zum Volksthümlichen gewahr werden, welche unsere ganze deutsche Kunst von heute, und die Malerei besonders, kennzeichnet, und wenn wir gleicherzeit unter Jenen Umschau halten, welche auf dem Gebiete dieser letzteren Kunst als die hauptsächlichsten Förderer jener volksthümlichen Richtung erscheinen, so fällt uns eine eigenartig interessante Thatsache in die Augen, die uns als Beweis gelten kann, daß solch eine Vorliebe für volksthümliche Stoffe keine willkürliche, malerische Moderichtung ist, sondern eine den Entwicklungsgang der modernen Malerei bedingende und aus diesem selbst bedingte nothwendige Erscheinung. Fast zu gleichen Zeitläuften hat sowohl im nördlichen Deutschland wie aus dem südlichen Deutschthum je ein Künstlerpaar sich herangebildet, von denen jedes einzelne für die malerische Darstellungsweise des volksthümlichen Lebens mit dem anderen in parallelem Sinne bahnbrechend wirkte: Benjamin Vautier und Ludwig Knaus – Franz Defregger, der Allbekannte, und Mathias Schmid, der meisterliche Schöpfer der „Karrenzieher“, des „Herrgottshändlers“ und der „Austreibung der Zillerthaler“.

Diese Analogie geht aber noch weiter. Wie wir innerhalb des ersteren Paares Vautier und Knaus das gleiche, schöne Ziel von verschiedenen individuellen Standpunkten aus erstreben sehen, so finden wir auch bei Defregger und Schmid eine ähnliche Unterscheidung der künstlerischen Individualität. Defregger, dessen Leben und Schaffen Fr. Pecht in Nr. 1 des vorigen Jahrgangs eingehend gewürdigt hat, steht bei Betrachtung des Lebens seines heimathlichen Volkes mehr über demselben, sein stillsinniges, der fröhlichen Schönheit bedürftiges Auge gleitet gerne über den Ernst und die schneidenden Conflicte desselben hinweg, es verweilt mit Vorliebe bei den freudvollen, lachenden Bildern, die dieses Leben in seinen glücklichen, sorglosen Stunden zeigt – und da solch ein liebliches Kleinleben sich gar wenig mit der majestätischen Großartigkeit der Hochlandsnatur verträgt, so fühlt sich Defregger auch wesentlich unter dem Dache der Sennerhütte und in der traulichen Bauernstube so recht zu Hause.

Mathias Schmid, der mit voller Seele an der Scholle hängt, die ihn geboren, steht mit seinem ganzen Fühlen und Denken inmitten seines Volkes, all dessen Wohl und Wehe in seinem tiefsten Herzen mit- und nachempfindend. Durch diese Stellung wird er in gewissem Sinne zum Parteigänger für das Glück seiner lieben Tiroler – freilich zum Parteigänger im edelsten Sinne des Wortes, da er daneben doch der objective, von den lautersten ästhetischen Grundsätzen getragene Künstler verbleibt, der das aus seiner Betrachtung des Lebens sich ergebende subjective Empfinden, wenn er es in Linien und Farben übersetzt, stets zu maßvoller und formenschöner Ruhe abzuklären weiß. Ob er die Tragik schildert, mit der die gewaltige Natur der Berge das Dasein ihrer Bewohner stündlich bedroht, ob er sich in seinen Werken aus berechtigtem Zorne gegen die seiner Heimath in geistigem Sinne feindlichen Elemente wendet, nie wird er zum vielredenden Prediger, immer bleibt er im Rahmen des jeweiligen Stoffes, immer schlicht und wahr, aber auch schön in dieser Wahrheit – und gerade dadurch ergreift und erschüttert er am tiefsten, gerade dadurch macht er für seine Lieblinge die edelste und ausgiebigste Propaganda.

Liegt es nun so in der Natur der Sache, daß Mathias Schmid seine vollsten Wirkungen in der Darstellung ernster Stoffe erzielt, deren menschlich psychologische Seite er mit dem Charakter einer großartigen Scenerie stets meisterhaft in Eines zusammenzustimmen weiß, so ist ihm doch auch der Blick und die Empfänglichkeit für die heiteren Seiten des wechselvollen Lebens im Dorfe nicht versagt.

Schmidts Heimath ist das schwermüthige, düstere Paznaunerthal; die Berge, die es geleiten, sind hoch und rücken so eng zusammen, als mißgönnten sie den Menschen, die zu ihren Füßen wohnen, ein längeres Weilen der täglichen Sonne; wo das Auge emporgleitet über die schroffen Felsgehänge, begegnet es aller Orten jenen wustbedeckten Stätten, darüber die Lawinen die Zerstörung niedertrugen bis ins Thal; die schmale Wiesenflucht desselben wird durchrauscht von den schäumenden, bösartigen Wassern der Trisanna, an deren Ufern sich eine Martertafel an die andere reiht.

Inmitten solch einer wohl gewaltsam zum Ernste hinlenkenden Natur, in dem kleinen Dorfe See, darin ein paar hundert [607] Menschen ihr Leben im aufreibenden Kampfe mit dieser Natur und mit der bittersten Armuth verbringen, wurde Mathias Schmid am 14. November 1835 als der jüngere Sohn eines mäßig begüterten Landwirths geboren. Da nach dörflicher Sitte das väterliche Anwesen dereinst dem älteren Bruder zufallen sollte, mußte sich Mathias nach Vollendung der Schuljahre zur Wahl eines Handwerks entschließen – und da äußerte nun der aufgeweckte Knabe, der schon in der Schule durch seine „Kreidezeichnungen nach der Natur“ die in ihm schlummernde Begabung bekundet hatte, das Verlangen, ein Maler zu werden, wobei er wohl selbst vorerst nur an jene Gattung von „Malern“ dachte, die der Bauer zu berufen pflegt, wenn er das Grab eines lieben Todten mit einem halb bemalten, halb vergoldeten Kreuze zu schmücken wünscht.

Der Vater war mit den Plänen seines Sohnes einverstanden und brachte denselben in das bei Imst gelegene Dorf Tarrenz zu einem „Maler und Lackirer“, in dessen Hause Mathias nun ein paar Jahre hindurch die ganzen bitteren Schmerzen einer richtigen Lehrlingsmisère zu kosten bekam. Aber inmitten solch einer nüchternen Existenz und einer oft entwürdigenden Beschäftigung erwachte in ihm das Bewußtsein seiner Begabung und die Erkenntniß, daß er das Ziel seines Lebens weitab von seiner jetzigen Lage und hoch über derselben zu suchen habe. Wieder wußte er den Vater für sich zu gewinnen – und so zog er im Herbste 1853, mit spärlichen Mitteln ausgestattet, nach München. Hier führte ihn sein erster Gang zur Akademie, und da wollte es der Zufall, daß er unter dem Thore derselben einen jungen Landsmann traf, der ihm das Künstlerleben in München, den theuren Aufenthalt und die Zustände an der Akademie in den düstersten Farben schilderte. Durch solch einen Empfang eingeschüchtert und entmuthigt, wandte Mathias dem Hause, dem er sich freudig klopfenden Herzens genaht hatte, wieder den Rücken und trat, da er bei angestrengter Arbeit sein Hoffen und Sehnen leichter unterdrücken zu können meinte, bei einem Vergolder als Gehülfe ein. Das wahre Talent läßt sich aber nicht ersticken – und so sehen wir Mathias Schmid all jenen Abmahnungen zum Trotze bereits ein halbes Jahr später als Schüler der Akademie der Künste, wo er durch seine seltene Begabung gar bald die Aufmerksamkeit der Lehrer auf sich lenkte.

Nun folgten Jahre des rastlosesten Lernens und Schaffens, aber auch Jahre solch drückender Entbehrungen, daß es in der That eines so hoffnungsfreudigen Künstlermuthes bedurfte, wie ihn Mathias im Herzen hegte, um die jung erkeimenden Kräfte schadlos darüber hinwegzutragen.

Als ein frommer Sohn seines frommen Volkes hatte sich Schmid der kirchlichen Malerei zugewendet, aber gerade die Wahl dieser Richtung verhalf ihm zu einer Enttäuschung, deren empfindliche Wirkung in seinem gläubig vertrauenden Gemüthe einen nachhaltigen Mißklang erweckte. Auf Betreiben seiner Verwandten hatte ihm seine Heimathgemeinde den Auftrag ertheilt, für die Dorfkirche drei Altarblätter zu malen, mit dem Bemerken, daß die hiefür aufgebrachte Summe beim Herrn Caplan deponirt läge und ihm nach Vollendung der Entwürfe eingehändigt werden solle. Mit einem freudigen Feuereifer machte sich Schmid an die Arbeit. Als die drei Cartons vollendet waren, war auch der letzte Rest seiner Baarschaft bis auf eine Summe zusammengeschmolzen, die knapp noch zur Rückkehr in die Heimath reichte. Statt aber hier den Lohn seines Fleißes zu ernten, empfing er die Mittheilung, daß der Caplan das für den Ankauf der Altarblätter gesammelte Geld zur Stiftung einer Lignorianermission verwendet habe.

So sah sich Mathias seiner letzten Mittel entblößt und zugleich der einzigen Hoffnung auf eine Möglichkeit seiner Weiterbildung beraubt. Sein Vater war inzwischen verstorben – und die Geschwister wagten dem Bruder keine Hülfe zu bieten aus Furcht vor dem Caplan, den sich Mathias durch Aeußerungen seiner gerechtfertigten Entrüstung zum unversöhnlichen Feinde gemacht hatte.

Dieser Widersacher bezeichnete den jungen Künstler allen Dorfinsassen gegenüber als prädestinirt für die ewige Verdammniß, ließ ihm durch die Schwester die mitgebrachten Werke Schiller’s confisciren, und wenig fehlte, daß Schmid eines Sonntags durch Gensd’armen zur Kirche escortirt worden wäre. So war in der Heimath nicht länger seines Bleibens; halbgebrochenen Muthes und grollenden Herzens verließ er das elterliche Haus, um Zuflucht bei einem Freunde in Innsbruck zu suchen. Hier nun ließ das Glück ihn ganz unerwartet einen Gönner finden, durch dessen Vermittlung er vom Tiroler Landtage auf vier Jahre ein Stipendium „für christliche Kunst“ zugesprochen erhielt. Von frischem Muthe beseelt, kehrte Mathias nach München zurück zu neuer Arbeit – und zu glücklichem Wiedersehen mit einem geliebten Mädchen, dessen treue Neigung ihn die trüben Sorgen der letzten Jahre leichter hatte überdauern lassen.

Schmid war zu gewissenhaft, der ausdrücklichen Bestimmung des Stipendiums zuwider zu handeln – aber die Heiligen und Apostel wollten ihm nicht mehr so recht von Herzen kommen. Die Erlebnisse in der Heimath hatten ihm über so manche Dinge die Augen geöffnet, an denen er bisher blinden Auges vorüber gegangen war, und wenn er von jetzt ab alljährlich in den Ferien das elterliche Haus aufsuchte, zu dem es ihn trotz Allem und Allem stets von ganzer Seele hinzog, so mehrten und schärften sich solche Erfahrungen. Ueber persönliche Quälereien der verschiedensten Art, die sein geistlicher Gegner wider ihn in Scene setzte, wußte sich der junge Künstler hinweg zu lachen; tief in das Herz aber schnitt ihm die Lage des geliebten Volkes, über welches das ultramontane Regiment der sechsziger Jahre eine Zeit der religiösen Unduldsamkeit gebracht hatte, welche an die Martyriumsperiode der Protestanten zurückerinnerte.

Manch ein beißendes und zorniges Wort klang diesen Zuständen gegenüber von den Lippen des warmfühlenden Künstlers – aber stets auch wußte der Herr Caplan solche Aeußerungen an richtiger Stelle zu referiren, sodaß es schließlich für die Feinde Schmid’s, um einen neuen Schlag gegen ihn vorbereiten zu können, nur mehr einer äußeren greifbaren Veranlassung bedurfte. Diese fand sich auch bald – und zwar in der Nr. 31 der „Gartenlaube“ vom Jahre 1865, welche eine von Schmid gezeichnete Tiroler Volksscene „Das Rautenholen in Tirol“ reproducirt hatte. Die Zeichnung selbst war völlig harmloser Natur; aber der scharfe Artikel, den Adolf Pichler dazu geschrieben, hatte die Herren zu Innsbruck verletzt. Der damalige Landeshauptmann Haselwanter legte diese Nummer, sowie die Nummer der „Illustrirten Zeitung“ vom 6. Juni 1866, welche gleichfalls eine Zeichnung von Schmid, „Sonntagstanz im Zillerthale“, enthielt, dem Tiroler Landtage vor – und Schmid erhielt zu Neujahr die Nachricht, daß ihm das Stipendium entzogen wäre, weil er „für lutherische Blätter Zeichnungen liefere, was weder einen guten Christen noch einen guten Tiroler in ihm vermuthen lasse“.

Wenngleich sich Schmid durch solches Vorgehen wieder in materielle Bedrängniß versetzt sah, so athmete er doch erleichtert auf, da ihn nun kein Gewissensscrupel mehr behinderte, einer Richtung den Rücken zu kehren, mit welcher seine geistige Entwickelung seit geraumer Zeit schon in Widerspruch gerathen war. Was ihm bisher nur eine liebe Feiertagsarbeit seiner Ferienwochen gewesen: die Verbildlichung des heimathlichen Volkslebens, das wurde ihm nun zum Endzwecke seines ganzen künstlerischen Schaffens. Einige kleinere Bilder, die in rascher Folge entstanden und durch ihre prägnante Composition, wie durch die überzeugende Wahrheit in Zeichnung und Farbe die Aufmerksamkeit weiterer Kunstkreise erregten, führten ihm Aufträge zu, deren finanzielles Ergebniß ihn bald aller materiellen Sorgen enthob und ihm die Gründung des langersehnten Hausstandes gestattete.

In München, wohin er 1869 nach zweijährigem Aufenthalte in Salzburg wieder übersiedelte, trat er in nähere Beziehungen zu Franz Defregger, dessen Stirn damals schon der erste wohlverdiente Lorbeer krönte. Mit der ganzen wohlwollenden Liebenswürdigkeit, die ein so herzgewinnender Zug in Defregger’s persönlichem Wesen ist, nahm sich dieser des hochbegabten und strebsamen Landsmannes an und bewirkte dessen Eintritt in die Piloty-Schule.

Volle drei Jahre arbeitete Mathias Schmid unter Piloty’s ersprießlicher Leitung, bis er sich 1872 mit einem echten, an Form und Inhalt wahrhaftigen Meisterstücke, mit seinen „Karrenziehern“, aller Schule los und ledig sprach. Dieses Bild versetzte mit einem Schlage den Namen seines Schöpfers unter die Ersten seiner Kunst, eine Stellung, welche Mathias Schmid mit dem im gleichen Jahre entstandenen „Sittenrichter“, sowie mit seiner „Beichtzettelsammlung“ (1873),[1] mit dem „Herrgottshändler“ (1874) [2] und hauptsächlich mit dem durch Schönheit und [608] Empfindungstiefe geradezu überwältigenden Gemälde „Die Austreibung der Zillerthaler“ (1877) in jeder Hinsicht festigte und unanfechtbar machte. Diese fünf Werke, die ja im Laufe der Jahre durch die mannigfachsten Reproductionen zum Gemeingut aller Gebildeten geworden sind, bilden in ihrer Gesammtheit die künstlerische Krystallisation all der Gedanken und Gefühle, welche sich für den Künstler während seines Lebens in der Heimath und bei seiner Liebe zu ihr und ihren Bewohnern theils aus persönlichen Erfahrungen, theils aus objectiver Beobachtung unwillkürlich ergeben mußten. Im Gegensatze zu tiefinnerlicher Gläubigkeit, zu hingebendem Vertrauen, aber auch zu erschreckender Armuth und bodenlosem Elend auf Seite des Volkes, schildert er in rücksichtslosen Strichen und ungeschminkten Farben das Pharisäerthum, die fanatische Intoleranz, die herzlose Selbstsucht einer gewissen Gattung von Priestern – und dennoch geht er bei aller Schärfe der Auffassung niemals, weder auf der einen, noch auf der andern Seite, über das künstlerische Maß hinaus. Auf all diese Gemälde sind dem Sinne nach in gleicher Weise die Worte anzuwenden, welche Fr. Pecht, der geistvolle Interpret des modernen Kunstlebens, seinerzeit über „Die Austreibung der Zillerthaler“ schrieb, anknüpfend an eine feinfühlige Schilderung dieses Bildes:

„Schmid’s Werk hat nicht im Entferntesten etwas Tendenziöses, es ist kein gemalter Leitartikel, sondern eine anscheinend ganz absichtslos und einfach, aber um so erschütternder wirkende Erzählung; diesen so schlagend wahr gegebenen Menschen fällt es nicht ein, sich etwa pathetisch zu geberden, ja man wird eher zu wenig als zu viel auf die Ursache hingeführt, die sie das Land ihrer Väter verlassen macht. Nichtsdestoweniger fühlt man die ganze Gluth des energischen Hasses heraus, die der Künstler gegen jene empfindet, welche sein schönes Vaterland zum letzten Hort der Unduldsamkeit machen.“

Mathias Schmid.

Nie hat er sich zu jener blinden Parteinahme verführen lassen, die auch das Gute zum Schlechten wirft. Von den Wölfen in Schafspelzen und ihrem zelotischen Gebahren wußte er sehr wohl die wahren Priester und ihr segenbringendes, von herzlicher Nächstenliebe getragenes Wirken zu scheiden. Die „Bettelmönche“ (1871), der „Ehrenschub“ (1875), die beiden Gegenstücke „Braut-Examen“ und „Geistliche Ermahnungen“ (1876), die „Klostersuppe“ (1878), der „Eingeseifte“ und „Vor der Sitzung“ (1882) – das alles sind Bilder, in denen Mathias Schmid diese Erkenntniß mehr oder minder ausgesprochen documentirt hat.

Das Volksleben an sich, losgetrennt von seinen behaglichen oder unbehaglichen Beziehungen zu den Männern im Talar und in der Kutte, hat der Künstler in drei Gemälden dargestellt, von denen jedes einzelne eine hauptsächliche Seite dieses Lebens charakterisirt und zugleich auch je eine von den drei Richtungen bezeichnet, nach welchen Mathias Schmid seine Wirkungen so voll und mächtig zu erzielen weiß.

Während sein jüngstes, reizvolles Gemälde „Blindekuhspiel“, dessen Holzschnittnachbildung unsere Leser Seite 604 und 605 finden, den Frohsinn einer lustigen Stunde malt, darin sich sorgloses Lachen mit spottendem Kichern mischt; während „Das Verlöbniß“ (1879) eine rührende Scene voll tiefinnerlicher und ergreifender Poesie vergegenwärtigt, die mit dem Ausblick auf Glück und Freude die Geschichte leidvoller Stunden erzählt, finden wir in dem dritten, „Rettung“ betitelten Gemälde, das bei Gelegenheit der letzten internationalen Ausstellung zu München so gerechtes Aufsehen erregte, einen Augenblick der erschütterndsten Tragik mit unvergleichlicher Meisterschaft zur Darstellung gebracht. Wie es in des Künstlers Macht steht, unsere Lippen zu fröhlichem Lachen zu zwingen, so greift er in unser Herz und rührt uns nach seinem Willen zu Thränen. Wahrlich, Wenige sind, die solch’ ein verschiedenes Können in sich vereinen!

Scheint nun auch in all diesen Worten das Leben und Wirken Schmid’s, wenigstens nach den hervorstechendsten Daten, halbwegs erschöpft – wie bliebe doch immer noch so Vieles zu sagen! Und wenn auch noch gesagt würde, wie auf seinen Bildern jeder Ton und jede Linie so treulich der Natur entspricht, wie bei aller Treue in Zeichnung und Farbe die Wahrheit dennoch unverbrüchlich mit der Schönheit Hand in Hand geht, wie jedes seiner Gebilde sich so harmonisch abgerundet in den Rahmen fügt, wie er jede Scene in ihrem glücklichsten, wirkungsvollsten Momente, in ihrer Culmination zu erfassen weiß und wie seine Technik ihre Vollendung darin sucht, daß sie niemals als Selbstzweck auftreten will, sondern stets als bescheiden sich unterordnendes, doch allen Forderungen genügendes Mittel zum schönen Zwecke – das alles blieben doch immer nur kühle, wenig bezeichnende Worte gegenüber dem genußreichen Gewinne, den sich der Beschauer solch eines Bildes durch die Augen in die Seele heimst.

Mathias Schmid steht gegenwärtig in der Vollkraft seiner Jahre wie seines künstlerischen Könnens – und so ist es mit Recht zu hoffen, daß aus dem traulichen, ziervollen Künstlerheime, das er sich und den Seinen zu München geschaffen, noch manch ein herrliches Werk in die Welt hinauspilgern wird, zur Mehrung seines Ruhmes und zur Freude seiner zahlreichen Freunde.


[609]

Deutschlands Colonialbestrebungen.

Deutsche an der Westküste von Afrika.

Die lange Westküste von Afrika, an welcher gewaltige Ströme, aus dem tiefen Innern des Landes kommend, sich in den Atlantischen Ocean ergießen, ist in den letzten Jahrzenten von den civilisirten Völkern zum Ausgangspunkte neuer Colonial-Unternehmungen gewählt worden, deren Tragweite heute kaum zu übersehen ist. Am Senegal, am Niger, am Kamerunflusse, am Ogowe und am Congo, an den natürlichen Handelsstraßen des „dunklen Welttheils“ haben sich Kaufleute aller Nationen niedergelassen, um hier Producte europäischer Industrie gegen Erzeugnisse jener Länder umzutauschen, um für Europa neue Absatzgebiete zu erschließen und für die Cultur neue Länder zu erobern.

Woermann’sche Hulk auf dem Kamerunflusse.

In diesem friedlichen Wettstreite der Nationen stand Deutschland keineswegs in allerletzter Linie. Der aufopfernden Thätigkeit einer glänzenden Reihe deutscher Gelehrter verdankt die Welt die wichtigsten Aufschlüsse über die Natur jenes Landes, und die deutschen Kaufleute, in denen der alte hanseatische Unternehmungsgeist niemals erloschen war, erschienen hier an vielen Orten als die ersten und muthigsten Pioniere des Handels. Ruhmreich ist der deutsche Name in die noch spärlichen Blätter eingetragen, welche die junge Geschichte von Westafrika aufweist. In den Schlachten, welche hier im Namen der Civilisation geschlagen wurden, sind überall deutsche Helden vertreten, und Spuren ihrer Arbeit, Werke ihres Fleißes sind dicht über den unermeßlichen Küstenstrich verbreitet. Deutscher Einfluß war bis auf die letzten Tage überall in Westafrika bemerkbar, aber vergebens spähte das Auge nach einem sichtbaren Zeichen der deutschen Macht.

Schauen wir nur auf die Karte dieser Küste (S. 617). Wie drängen sich hier die deutschen Factoreien zusammen! In jedem wichtigeren Hafen, an jeder bedeutenderen Flußmündung weht von Schiffen und Speichern die deutsche Handelsflagge, und unsere rührigen Landsleute, die dort arbeiten, leisten an vielen Plätzen mehr, als die Vertreter aller übrigen Völker. Aber die deutsche Handelsflagge stand vereinsamt, auf sich selbst angewiesen an diesem fernen Strande. Wenn Gefahren drohten, mußte sie unter dem englischen Kriegsbanner, unter der französischen Tricolore oder unter der portugiesischen Fahne den nöthigen Schutz suchen, den ihr das eigene Vaterland nicht bieten konnte.

Inneres der Hulk.

Das war schädlich für die Entwickelung unseres Handels, das war beschämend für ein großes Volk, dem an der Erschließung Westafrikas ein großer moralischer Antheil gebührt.

Nur von einem kühnen, aber mißlungenen Anlaufe zur Gründung deutscher Colonialmacht konnte die Geschichte erzählen. An dieser Küste, in dem Fort Groß-Friedrichsburg, stand einst die Wiege eines großen Gedankens, der jedoch mit der Zeit verkümmerte und dort, wo er geboren wurde, auch seine vorschnelle Grabstätte fand. Wie ein Traum zog die Colonialgründung des Großen Kurfürsten an den Augen der Völker vorüber. Aber Deutschland feierte inzwischen seine Wiedergeburt, die Träume wurden zur Wirklichkeit. Der alte Barbarossa war auferstanden in dem Heldenkaiser Weißbart, der deutsche Kriegsmann und der deutsche Schulmann festigten das Reich nach innen und außen, und die Zeit kam heran, in welcher der deutsche Kaufmann seine Macht ausbreiten sollte über Länder und Meere.

Mit Recht sagt man, daß die Einigung Deutschlands schon vorbereitet und erzielt war durch die deutsche Bildung, ehe sie äußere Gestalt annahm; man muß auch anerkennen, daß zu der colonialen Ausbreitung Deutschlands der deutsche Handel den Grund gelegt hat, bevor das Reich sie förderte und unser Reichskanzler [610] mit gewohntem Geschick die Lösung der Frage in seine Hand nahm. Wie überraschend klangen für die am heimischen Herde im Schatten der Buchen und Linden weilenden Deutschen jene Nachrichten, die vor Kurzem der elektrische Funke von den Palmenküsten Afrikas über deutsche Gaue verbreitete, die Nachrichten, daß hier Land von Deutschen mit allen Hoheitsrechten erworben und unter den Schutz des Reiches gestellt wurde, daß dort wieder von einem deutschen Gelehrten auf fernen Handelsfactoreien die Reichsflagge aufgehißt und von den Geschützen eines deutschen Kriegsschiffes mit donnernden Salven begrüßt wurde!

Kru-Neger.

Kru-Neger.

Wie konnte das so schnell, fast über Nacht kommen? Ja, schaut nur auf die Karte, zählt die deutschen Factoreien zusammen, sie sind wahrlich nicht heute und gestern entstanden. Jahrzehnte langes Wirken und Ringen hat sie gezeugt, ohne welche die neuesten Erwerbungen des Reiches unmöglich, nutz- und werthlos wären.

Und es ist ein gutes Zeichen, daß es so und nicht anders gekommen ist, denn die ersten Schritte unserer Colonialpolitik bewegen sich jetzt auf festem Grund und Boden, den ihr die Thatkraft deutscher Kaufleute geebnet. und wenn aus ihr einst Segen für unser Volk sprießen wird, so haben in erster Linie die Schiffsherren von Hamburg und Bremen sich den Dank des Vaterlandes verdient. –

Von allen den Orten, welche jüngst unter den Schutz des Reiches gestellt wurden, nehmen zwei Gebiete die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch: das um die Bucht von Angra Pequena gelegene Lüderitz-Land und das Gebiet von Kamerun. Als die Kunde von der Erwerbung des ersteren zu uns drang, wußte man bereits in maßgebenden Kreisen, daß sich an diese Erwerbungen weitere friedliche Eroberungen knüpfen würden, und wir zögerten darum mit der Veröffentlichung eines Artikels über Angra Pequena, der für sich allein ein getreues Bild der deutschen Colonial-Unternehmungen an der afrikanischen Westküste nicht bieten konnte. Wenn auch jetzt noch der Telegraph jeden Tag neue überraschende Nachrichten bringen kann, die vielleicht, bevor diese Zeilen gedruckt werden, zur allgemeinen Kenntniß gelangen, so ist es doch möglich, durch eine neben einander gestellte Schilderung von Kamerun und Angra Pequena die verschiedenen Richtungen unserer Colonialpolitik zu beleuchten, irrige Meinungen zu widerlegen und vor überschwenglichen Hoffnungen zu warnen.


Kamerun.
Mit Illustrationen nach Originalphotographien im Besitze von C. Woermann in Hamburg.

„Es ist unbestritten der schönste Punkt an der Westküste von Afrika, eine der großartigsten Landschaften, die ich je gesehen,“ mit diesen Worten begann uns ein Afrikareisender die Einfahrt in die Mündung des Kamerunflusses zu schildern. „Auf der einen Seite ragt der hohe Gipfel von Fernando Po in die Höhe und ihm gegenüber steigt fast unmittelbar aus dem Meere das Gebirge von Kamerun, gekrönt von dem 4200 Meter hohen ‚Götterberge‘ der Eingeborenen, gekleidet in einen grünen Mantel üppigster Waldvegetation. Einst hatten hier vulcanische Mächte wild gehaust, Berge zerklüftet und Länder zerrissen; dann kam die lebenskräftige Flora der Tropen und deckte die Spuren des Kampfes der Elemente mit ihrem ewiggrünen Schleier; so schuf hier die Natur ein Bild reich an Abwechselung, großartig und anmuthig zugleich.“

Am Fuße dieser großartigen Gebirgswelt wälzt nun der Kamerunfluß, dessen nördlichster Arm Bimbia, dessen südlichster Arm Malimba heißt, seine Fluthen dem Atlantischen Ocean zu. Seine gewaltige Mündung, die aus vielen einzelnen Flußarmen besteht, deutet schon an, daß wir hier einem der Hauptflüsse Afrikas begegnen. Allmählich verengt sich sein Bett, aber so weit das Auge schaut, erblickt es nur das matte Grün der Mangrovewälder, welche die sumpfigen Ufer umrahmen und, aus der Ferne betrachtet, an unsere Weiden erinnern. Tiefe Stille herrscht in diesen Gewässern, nur selten kreuzt ein Negercanoe die Wasserbahn, von menschlichen Wohnungen ist keine Spur zu finden. Erst weiter hinauf, etwa vier Stunden von der Mündung des Flusses, tauchen die ersten Ansiedlungen der Menschen aus dem tropischen Grün der Ufer hervor.

Kru-Neger.

In dieses Land, welches von einem urwüchsigen Negerstamme, den Dualla, bewohnt wird, kamen im Jahre 1858 englische Baptisten-Missionäre, welche das in ewigen Fehden lebende Volk zu den milden Sitten des Christenthums bekehren wollten. Das waren die ersten Weißen, die hier festen Fuß gefaßt hatten und noch jetzt segensreich wirken. Englische Kaufleute von Bristol und Liverpool besuchten mit ihren Schiffen schon früher den Fluß. Einige Jahre später erschienen auf ihm deutsche Kaufleute und gründeten die ersten Factoreien.

Im Jahre 1862 beschloß nämlich die Firma C. Woermann in Hamburg, ein Schiff mit Waaren nach Kamerun und dem weiter südlich gelegenen französischen Gabun zu senden, um mit den Eingeborenen Handelsbeziehungen anzuknüpfen. Anfangs gelang es ihr, nur in Gabun sich festzusetzen, und nach wenigen Jahren auch in Kamerun festen Fuß zu fassen.

Zu diesem Zwecke wurden von dem Hamburger Hause Segelschiffe mit europäischen Waaren beladen, welche dann in die afrikanischen Flußmündungen hineinfuhren und hier ihre Fracht gegen Producte jener Gegenden, gegen Elfenbein, Palmöl, Palmkerne u. s. w., umzutauschen suchten. Sobald das Schiff seine ursprüngliche Ladung veräußert hatte, segelte es mit der eingetauschten Fracht nach der Heimath zurück, um später in derselben Weise eine zweite Geschäftsreise zu unternehmen. Bald jedoch [611] stellte es sich heraus, daß es nicht immer möglich war, in den vorausbestimmten Zeiträumen die mitgenommenen Waaren abzusetzen, und da auch bei dem afrikanischen Geschäftsmann Zeit Geld bedeutet, so suchte man den Handel besser zu organisiren.

Ein großes Segel- oder auch ausrangirtes Kriegsschiff wurde auf dem Flusse fest verankert, gänzlich abgetakelt und in ein Lagerschiff verwandelt. Es verließ nicht mehr den Fluß, sondern seine Waarenvorräthe wurden durch Zufuhren anderer Schiffe ergänzt. Man nannte diese schwimmenden Magazine „Hulks“ (S. 609), und sie bildeten die ersten dauernden Handelsstationen auf den sogenannten „Oelflüssen“ von Westafrika. Auf dem Hinterdeck des Schiffes wurden Wohnungen für die weißen Angestellten, den Agenten und seine Gehülfen, eingerichtet, über das ganze Schiff wurde ein Dach anfangs aus Palmmatten, dann aus feuerfestem Zink gebaut, und ein Theil des Wohnraumes zu einem Laden umgestaltet. Zu diesen Hulks kamen nun die Eingeborenen in ihren Handelscanoes, die sechszig bis siebenzig Personen fassen können, brachten Fässer mit Palmöl und schlossen hier die Geschäfte ab. Mit der zunehmenden Entwickelung des Handels erwiesen sich aber selbst die größten Hulks als ungenügend, ihr Raum war zu eng, um eine zweckmäßige Aufstellung der Waaren zu ermöglichen, und so schritten die Handelsherren zur Errichtung neuer Stationen auf festem Lande.

König Bell mit einer seiner Frauen.

Es wurden also wirkliche Factoreien gebaut, zuerst in den Nebenplätzen, wie Bimbia, Brisso-Bell-Stadt, seit Kurzem aber auch in den Hauptplätzen des Kamerun-Gebietes, in Bell’s- und Aqua’s-Stadt. Den Mittelpunkt derselben bildete das aus Holz und verzinktem Eisenblech construirte Wohnhaus für die weißen Angestellten, welches zugleich im unteren Stock die Lagerräume für die werthvolleren Waaren enthält. An dieses schlossen sich dann weitere Gebäude, Speicher, Pulverhäuser u. dergl. m., deren Zahl sich mit dem zunehmenden Umfang des Geschäftes stetig vermehrte. Unsere Illustrationen zeigen uns die beiden wichtigsten Factoreien der Firma C. Woermann, die in König-Bell’s-Stadt und die in König-Aqua’s-Stadt am Kamerunflusse.

Bis auf den heutigen Tag hat sich auf dem Kamerun wie auf den übrigen Oelflüssen (Bonny, Benin, Old- und New-Calabar) der Tauschhandel in seiner ursprünglichsten Form erhalten. Hier existirt, wenn man so sagen darf, die reine Palmöl-Valuta, da das Geld noch ganz unbekannt ist. Bis vor wenigen Jahren konnte man dort mit einer Tasche voll Gold oder Silber landen, ohne die geringsten Lebensbedürfnisse erhandeln zu können. Mit einem Stücke Zeug, etwas Tabak oder einer Flasche Rum ist unendlich mehr zu erreichen, als mit baarem Gelde. Im Handel mit den Eingeborenen ist noch immer ein „Kru“ der Einheitswerth. Es bedeutet ein gewisses, an jedem Platze jedoch verschiedenes Quantum Palmöl. In Kamerun z. B. faßt ein Kru etwa 42 Kilogramm. Von einem jeden Handelsartikel, welcher von den Europäern zum Verkauf gebracht wird, wird nun der Werth in Krus festgestellt, so gilt z. B. 1 Kiste Gewehre 10 Krus, 2 Faß Pulver 1 Kru etc.

Bringt nun ein eingeborener Händler einen größeren Posten Producte, z. B. 10 bis 20 Fässer Palmöl oder einige Elfenbeinzähne, so wird zuerst der Werth derselben in Krus festgestellt. Fordert der Verkäufer dafür etwa 200 Krus, so bietet ihm der Europäer nur 150 an, bis eine Einigung erzielt ist. Ist nun die Zahl der Krus festgestellt, so gestaltet sich die Zahlung sehr einfach, indem der Neger sich von dem Lager des Europäers die ihm passend dünkenden Waaren zu den festen vorher vereinbarten Preisen aussucht. Beim Abschlusse eines jeden etwas größeren Geschäftes beansprucht der Neger noch ein „dash“, Geschenk, welches man gewissermaßen ein Draufgeld oder auch einen Rabatt oder Decort nennen kann.[3]

Woermann’sche Factorei in König-Bell’s Stadt.

Der Handel im Kamerungebiete wird wesentlich durch den Charakter der eingeborenen Neger unterstützt. Ein freier Dualla-Neger hält es für schimpflich, irgend eine Feldarbeit zu verrichten, er überläßt die Sorge dafür seinen Weibern und Sclaven, die allerdings kaum so viel Yams und Bananen pflanzen, als sie gerade zur Nahrung brauchen. Der freie Neger selbst sucht nur Handel zu treiben. So kommt es auch, daß die mächtigsten Neger, die Häuptlinge oder „Könige“ der einzelnen Dörfer, zugleich die angesehensten Geschäftsleute sind. Mit großer Eifersucht suchen sie den größten Theil des Handels an sich zu reißen und treiben ihn nicht allein an der Küste mit den Weißen, sondern auch mit den tief im Innern des Landes wohnenden Stämmen. Ja, diesen letzteren Zweig desselben betrachten sie als ihr ausschließliches Recht und gestatten den Europäern nicht, mit ihren Waaren stromaufwärts zu segeln.

Um die „Macht“ dieser Könige kennen zu lernen, wollen wir hier mittheilen, daß unter dem Namen Kamerun etwa zwölf an dem linken Ufer des gleichnamigen Flusses liegende Negerdörfer zu verstehen sind, die gegen 10,000 Einwohner zählen. Diese einzelnen [612] Häusergruppen werden „Städte“ genannt und nach ihren Königen bezeichnet, so finden wir hier dicht an einander die König-Bell’s-Stadt, König-Aqua’s-Stadt, König-Brisso-Bell’s-Stadt etc.

Der angesehenste und intelligenteste unter den Königen von Kamerun ist König Bell. Er hat zwar weniger Unterthanen als seine Nachbarn, weiß aber durch Klugheit und Schlauheit sich mehr Einfluß zu verschaffen. Ein herculisch gebauter, schöner Mann, „dessen Benehmen etwas Königliches an sich trägt“ (wie der deutsche Forschungsreisende R. Buchholz einst bemerkte), hat er seine Nationaltracht beibehalten und geht einfach wie andere Neger, nur mit einem Stück Zeug um die Hüften gekleidet. Auf unserem Bilde (S. 611) hat er noch die Zeichen seiner Würde, den langen Stab und den Schlüssel am Arm. In der That macht König Bell einen angenehmen Eindruck, wenn man ihn mit den beiden anderen durch ihre sonderbare Wahl europäischer Kleiderstücke zu Carricaturen herabgesunkenen Königen von Kamerun vergleicht. Sie tragen Cylinderhüte, deren goldenes Schild an die Marken unserer Packträger erinnert, aber sie halten diese „afrikanischen Kronen“ hoch, denn auf diesen Schildern von echtem Golde ist auch der Namenszug der betreffenden schwarzen Majestät eingravirt. Dabei kosten die Hüte gar nichts, sie sind Geschenke der Firma C. Woermann. Auch die langen aus Glas angefertigten Stäbe, die sie stolz als Zeichen ihrer königlichen Gewalt schwingen, sind von demselben Ursprung. Gläserne Scepter – kann man sie nicht als gelungene Symbole des afrikanischen Negerkönigthums auffassen?

König Brisso-Bell mit seinen Frauen.

Besseren Eindruck machen auf uns diese braunen Häuptlinge, wenn sie einmal in voller nationaler Gala in ihren Kriegscanoes auf dem Strome erscheinen. Am Bug des schlanken Bootes sieht man reiche Schnitzereien, auf der einen Seite weht die Flagge des Häuptlings mit seinem Namenszuge, während er selbst stolz unter einem gewaltigen bunten Regenschirm sitzt, von den Treuesten seines Volkes umgeben. Auch die deutsche Fahne fehlt nicht auf unserm Bilde, welches nach einer vor Kurzem aufgenommenen Originalphotographie in Holzschnitt ausgeführt wurde. Die Negerfürsten führten sie schon mit Vorliebe, bevor sie sich unter ihren thatsächlichen Schutz begaben. – Das Volk, über welches sie herrschen, ist, wie unser Bild zeigt, ein groß und kräftig gebauter Menschenschlag. Die Hautfarbe der Dualla-Neger ist meistens dunkelbraun wie gebrannter Kaffee, aber es giebt auch hellere Leute unter ihnen, selbst vollständige Albinos und außerdem eine wunderliche Sorte von Menschen, bei denen der Albinismus nur theilweise zum Durchbruch gekommen ist und welche darum ganz und gar scheckig aussehen.

Die Frauen dieses Stammes sind klein und häßlich, aber sie werden hochgeschätzt, denn sie sind theure Werthobjecte, nach denen der Reichthum des Einzelnen berechnet wird, so daß z. B. Könige 20 bis 30 Frauen besitzen müssen. Vor Jahren wurde ein Sohn König Bell’s in Bristol erzogen, und als er in sein liebes Kamerun heimgekehrt war, beschloß er, nach europäischer Sitte nur eine Frau zu heirathen. Aber er wurde darum von seinen Landsleuten so gering geschätzt und als „armer Mann“ bedauert, daß er sich endlich gezwungen sah, mehrere Frauen zu nehmen, worauf er in der That als „reicher Mann“ im Ansehen bei seinen Brüdern stieg. –

Kriegscanoe der Dualla in Kamerun.

Die Frauen, bei denen auch die Mode in sonderbarer Art Einzug gehalten, denn sie tragen nur Manschetten, während sie das Hemd verschmähen, gelten dem Manne in erster Linie nur als Lastthiere und Werthobjecte. Vor einigen Jahren kam es noch vor, daß Eingeborene den Weißen ihre Frauen als Pfandobjecte für gewährte Vorschüsse hinterließen, eine Sitte, die jetzt nicht mehr geübt wird, denn der Handelsmann zieht diesem lebenden Unterpfande, das er ernähren und bewachen muß, einen [613] schweren Elfenbeinzahn vor, der seinen Werth behält und nicht davon läuft. Außer seinen Frauen hält sich der freie Neger Sclaven und Sclavinnen, die gleichfalls die Feldarbeit verrichten müssen. Er selbst vermiethet sich zu keinem schweren Dienst, und so sahen sich die Weißen von Anfang an genöthigt, sich von auswärts Arbeiter zu beschaffen. An das Heranziehen europäischer Kräfte war nicht zu denken, da das Klima an der Kamerunmündung ungesund, ja für weiße Arbeiter mörderisch zu nennen ist. Die Europäer können hier nur leichtere Arbeiten verrichten, sich als Geschäftsführer, Aufseher u. dergl. aufhalten. Dafür bilden die Kruneger, die in der freien Negerrepublik Liberia und bei Cap Palmas zu Hause sind, das beste Arbeitercontingent an der afrikanischen Westküste. Sie vermiethen sich in ganzen Trupps unter einem selbstgewählten Anführer, erhalten zu ihrer Ernährung ein Quantum Reis und einen Lohn von etwa 30–40 Mark pro Monat, der ihnen nach Ablauf der contractlichen Dienstzeit in Gütern ausgezahlt wird. Haben sie genug Geld verdient, um eine Frau zu kaufen, so kehren sie in ihre Heimath zurück, um sich dort fest niederzulassen.

In diesem Lande und unter diesen Leuten wuchs nun die Hamburger Kamerun-Factorei zu ihrer heutigen Bedeutung empor, die Firma C. Woermann beschäftigt dort allein 12 weiße Angestellte und hat auch eine Zweigniederlassung an dem Bimbiafluß errichtet. In Kamerun selbst hat sich inzwischen auch eine zweite Hamburger Firma, Jantzen und Thormählen, etablirt (Herr Thormählen wirkte anfangs im Auftrage der Firma C. Woermann in Kamerun), und eine regelmäßige deutsche Dampfschifflinie, welche mindestens einmal im Monat Kamerun anläuft, vermittelt den Verkehr mit Hamburg.

König Aqua mit seinen Frauen.

Der vermehrte Zuzug der Weißen und die sich rasch verändernden socialen Verhältnisse der Negerbevölkerung brachten indessen Schwierigkeiten mit sich, welche für das gedeihliche Fortbestehen der Niederlassung gefahrdrohend wurden. Die Könige von Kamerun bekriegen unaufhörlich einander und verlieren dabei immer mehr an Ansehen bei ihren Unterthanen. Die Lage der Sclaven wurde unter dem Einfluß der europäischen Cultur mehr derjenigen der Leibeigenen ähnlich, und diese gelangten allmählich zu einem solchen Einfluß, daß sie gegenwärtig mehr ihren Königen befehlen, als diese ihnen gebieten. Es war daher nothwendig, in diesem Wirrwarr geordnete Verhältnisse zu schaffen, was die Factoreibesitzer nur mit Hülfe europäischer Kriegsschiffe und in Aussicht auf dauernden Schutz eines mächtigen europäischen Staates zu wagen vermochten. Es lag nahe, für Kamerun, das von den Deutschen erschlossen und zum größten Theil vom deutschen Handel beherrscht wird, den Schutz des Reiches anzurufen, der auch thatsächlich durch das Erscheinen der „Möve“ und das Aufhissen der deutschen Flagge durch Dr. Nachtigal gewährt wurde.

Wir betrachten von nun an Kamerun als deutsches Land, und da wird schon vielfach die Frage aufgeworfen, in welcher Weise es unserem Vaterlande nutzbar gemacht werden kann. Auf Grund zuverlässigster Nachrichten können wir darüber Folgendes mittheilen: An eine Auswanderung deutscher Ansiedler nach Kamerun und den benachbarten Ortschaften der Küste ist gar nicht zu denken. Das Klima an dem unteren Laufe des Flusses verbietet dringend, einen solchen Versuch nur zu wagen. Wohl können an den Abhängen des Kamerungebirges Plantagen angelegt werden, aber Europäer sind für die Arbeiten in denselben völlig untauglich, und auswanderungslustige Deutsche könnten dort nur als Aufseher und Geschäftsführer verwendet werden. Jedenfalls können nur Leute, die das nöthige Capital und die nöthige Erfahrung besitzen, dort den Versuch einer Plantagenanlage wagen. Es ist möglich, daß das Land am oberen Laufe des Flusses günstigere Verhältnisse bietet. Darüber aber kann heute Niemand ein Wort sagen, da das Innere des Kamerunlandes bis jetzt vollständig unbekannt ist. Außerdem aber wird es eine der vornehmsten Aufgaben Deutschlands sein, durch Missionen und Lehrer unter dem noch rohen Volke Christenthum, deutsche Sitte, deutsche Sprache und deutschen Einfluß zu verbreiten und dadurch das Negervolk physisch und moralisch zu heben. Aber selbst unter diesen Umständen können wir froh in die Zukunft blicken, denn das Schicksal jenes Landes ruht in guten Händen. Die erfahrenen Kaufleute, die dort den Grund zu den ersten deutschen Niederlassungen gelegt haben, sind der Aufgahe völlig gewachsen, die Cultivirung Afrikas in deutschem Interesse fortzusetzen. Siegfried.     

Factorei-Anlage in Kamerun, im Hintergrunde König-Aqua’s-Stadt.

[614]

Angra Pequena.

Angra Pequena, die größte von den soeben erworbenen deutschen Besitzungen, steht zu Kamerun in schneidendem Contraste und zwar nicht nur in der Configuration ihres Bodens und ihrer Leistungsfähigkeit für den europäischen Handel, fügen wir gleich hinzu: für die deutsche Ansiedelung, sondern auch in ihren socialen und wirthschaftlichen Verhältnissen.

In Kamerun breitet sich hinter den mit grotesken Mangroven besäumten Ufern unmittelbar ein von tropischer Fruchtbarkeit strotzendes Land aus, fähig, eine Fülle werthvoller Producte zu erzeugen, solcher, wie sie heute die Pflanzungen Javas und der Antillen dem europäischen Markte zuführen.

Ganz anders im trockenen Süden. Hier rollt mit heftigem Schwalle der Atlantische Ocean ungehemmt über den mit Dünen bedeckten niedrigen Strand, die vereinte Schöpfung der Winde und Wellen, und nackte basaltische Felsen starren aus der sandigen Oede zum ewig wolkenlosen Himmel auf. Denn niemals benetzt wohlthätiger Regen diese ödeste der Küsten. Mögen auch die Segel des in Sicht vorübereilenden Schiffes von jäh herabstürzenden Gewitterschauern triefen, mag auch im Innern der Regen zu Zeiten wolkenbruchartig zur dürstenden Erde niederrauschen, an der ganzen Küste von der Mündung des Oranjeflusses bis nach Mossamedes hinauf regnet es niemals und hat es wohl auch schon seit langen Zeiträumen nicht geregnet. Das darf man aus dem ungestörten Lagern des auf den Küsteninseln aufgehäuften Guanos mit Bestimmtheit folgern. Aber je weiter man sich von der Küste landeinwärts entfernt, je höher man auf dem allmählichen Anstiege zum Hochlande vordringt, desto häufiger wird der Regen, bis man aus Strichen, die über einen ordentlichen Niederschlag für das Jahr nicht hinauskommen, in Gegenden gelangt, wo es fast sechs Monate hindurch alle Tage einmal regnet. Freilich herrscht dafür in der andern Hälfte des Jahres auch wieder ununterbrochene Dürre. So kommt es, daß kein Fluß, kein Bach das Meeresgestade erreicht, doch bezeichnen heute steinige, versandete Canäle den Weg, welchen unter einstmals günstigeren Verhältnissen die Wasser des Innern nach der Küste zu nahmen.

Allerdings haben wir hier keine Berge, die Wasseradern zu nähren. Nirgends erheben sich die auf das breite Tafelland aufgesetzten Kuppen zu bedeutender Höhe. Regellos brechen nackt und kahl öde Sandsteinklippen oder düstere Granitkegel durch das weite Hochland empor, das sich wie nach Westen so auch nach Osten mählich abdacht. Aber es weht eine gesunde Luft hier oben wie drunten am Dünengestade, auch ist es auf den hohen Ebenen oft kalt genug, so kalt, daß, wenn in heller Mondnacht die lange Reisekarawane von Wagen, Menschen, Schlachtvieh, Pferden, Eseln und Hunden sich über die mit blendendweißer, glitzernder Salzkruste bedeckten Flächen langsam hinbewegt, man meinen möchte, der Zug gehe über die schneeige Eisfläche eines unserer nordischen Seen, den dunkle Fichtenwaldungen umrahmen.

Und sicherlich waren die großen Ebenen, auf welchen jetzt parkartig verstreute Baumgruppen mit ungeselligen Grasbüscheln wechseln, einstmals große wasserreiche Landseen. Jetzt ist Alles in trauriges Braun gefärbte Oede, die nur in der Regenzeit sich mit einem farbigen Teppich der mannigfaltigsten Kräuter bekleidet.

Wo aber aus dem steilen Absturze des Plateaus zahlreiche Quellen hervorbrechen und zusammenfließend ihre Wasser über die tiefergelegenen Flächen verbreiten, entfaltet die Natur eine besondere Lieblichkeit. An den mächtigen, phantastisch geformten dunkelrothen Felsenmauern bilden sich im Schatten hoher Giraffenakazien tiefe Becken krystallhellen Wassers, umrankt von Farrnkräutern und anderen schönen Pflanzen. „So lustig hüpften die Bächlein über die Felsblöcke in’s Thal hinab,“ ruft der Reisende Hugo Hahn einmal aus, „und so heimisch, so deutsch rauschten sie uns an, daß man meinte, an einem lauschigen Plätzchen des Harzes oder des Schwarzwaldes zu sein!“ Schade nur, daß solche erquickende Oasen so gar selten sind.

Denn oasenartig ist der Charakter des ganzen wirklich fruchtbaren Landes. Darum ist auch Viehzucht die Hauptbeschäftigung der Bewohner dieser Gegend. Früher, als es hier noch von Wild aller Art wimmelte, war auch die Jagd recht lohnend. Große Heerden von Antilopen, Zebras, Giraffen, Rhinocerossen, Elephanten und Straußen waren überall anzutreffen, die letzten sogar im dem dürren Küstenstrich, da sie des Wassers anscheinend nahezu völlig entbehren können. Aber seitdem das Feuergewehr den Bogen ersetzt hat, sind die jagdbaren Thiere fast gänzlich ausgerottet. Freilich wurden mit ihnen auch die Feinde der Heerden vertrieben, nur der Schakal macht den Viehbesitzern immer noch zu schaffen. Die Tsetsefliege aber, die in anderen Theilen Afrikas die Aufzucht von Hausthieren zur Unmöglichkeit macht, ist hier gar nicht anzutreffen. Der Steppencharakter des Groß-Namaqua- wie des Damara-Landes aber sagt dem Rind nicht weniger zu als dem [615] Schaf mit dem Fettschwanz, sodaß sich die Heerden in wahrhaft erstaunlicher Weise vermehren.

Freilich geschieht auch wenig, ihre Zahl zu mindern. Weder die schwarzbraunen Herero, noch die südlicher wohnenden gelben Namaqua-Hottentotten sind Fleischesser. Sie denken nicht daran, eines ihrer geliebten Thiere für den eigenen Bedarf zu schlachten, denn sie leben nur von deren Milch, aber sie haben nichts dagegen, ein oder das andere Stück an die europäischen Händler zu verkaufen, welche das Land mit ihren jetzt schon unentbehrlich gewordenen Waaren durchziehen.

Ursprünglich kannten die nomadisirenden Völker dieser Striche keine andere bewegende Kraft als die ihrer eigenen Füße, wenn sie die abgeweideten Triften mit neuen Weidegründen vertauschten. Die kärgliche Habe lud man auf die Schultern der Weiber, auch auf den Rücken zahmer Thiere, und marschirte so geduldig hinter der davonziehenden Heerde. Bald aber fand man, daß das gutgeartete Rind sich sehr wohl zum Träger des Menschen eignet, und wie man nach Buchner nördlich vom Cunene jeden einigermaßen wohlhabenden Mann europäischer, schwarzer oder gemischter Rasse im Besitz eines Boi cavallo, eines Pferde-Ochsen, das heißt Reitochsen antrifft, so ist auch bei den Namaqua und Damara der Ochs das beliebte Reitthier geworden, wenn freilich auch nicht in so ausschließlicher Weise wie im Norden. Denn hier gedeiht das Pferd vortrefflich bei dem nahrhaften Toagras der Steppen; wurde doch Hermann Vogelsang, der Bevollmächtigte von Lüderitz, bei seinem ersten Besuch der Missionsstation Bethanien durch den Anblick einer 200 Stück zählenden Roßheerde überrascht.

Bald aber lernte man den Rinderreichthum auch in anderer Weise verwerthen. Die Kunst des Wagenlenkers war den Namaqua sowohl als den Damara ursprünglich völlig unbekannt, für ihre eigenen äußerst mäßigen Bedürfnisse genügten die oben beschriebenen Transportmittel. Eine für die wirthschaftliche Entwickelung des Landes hochwichtige Entdeckung brachte neue Bedürfnisse im Gefolge.

Auf die reichen Metalllager ihrer Berge hatten die Eingebornen nie geachtet. Eisenerze finden sich in großer Menge, selbst aus den Felsen der Küste lassen sich Stückchen von fast völliger Reinheit herausschälen. Doch bezog man das Metall von Norden her, von den als Schmieden geschickten Ovambo, denn eiserne Spangen an Armen und Beinen, sowie kartoffelgroße Eisenperlen waren gesuchter Schmuck der reichen Hererodamen, welche unter der Last von mehr als 30 Pfund schweren Zierrathen zu dem langsamen Gange gezwungen werden, der in Damaraland als Kennzeichen vornehmer Geburt gilt. Doch den Europäer konnten Eisenerze wenig reizen. Als aber umherziehende Händler zuerst in den nördlichsten Bergen des Damaralandes, dann auch weiter südlich ungeheure, fast offen zu Tage tretende Adern des reichsten Kupfererzes auffanden, fing man an, in der Capstadt aufmerksam zu werden.

In jungen Colonien kommt das Wagen immer zuerst, das Wägen folgt bald früher, bald später hinterdrein, – kein Wunder, wenn da manches eiligst begonnene Unternehmen zu leicht befunden wird. Hier ging anfangs alles recht glatt von statten, obschon man ohne weitere Prüfung der Mächtigkeit der Lager, der Wege, welche vom Meere zu ihnen führen könnten, der verfügbaren Transportmittel oder des erforderlichen Arbeitermaterials, kurz alles dessen, was sonst zum Gelingen eines solchen Unternehmens für nöthig erachtet wird, sofort mitten in die Action trat. War auch eine Reise mit den schwerfälligen Wagen aus dem Inneren über die wasserlose Steppe nach der Walfischbai wenigstens für die 16 bis 18 Zugochsen eine Fahrt auf Leben und Tod, bezeichneten auch bald Hunderte von bleichenden Gerippen den Weg, gemacht wurde die Reise doch, denn die Erze waren überreich und die Beschaffung von Ochsen billig. Wenigstens für einige Zeit, bis die von Transvaal durch Händler eingeschleppte Lungenseuche dem Zugmaterial und damit dem Bergbaubetrieb ein jähes Ende bereitete.

Nach solcher Schilderung jenes südafrikanischen Gebietes erscheint sein Besitz kein übermäßig begehrenswerther. Allein wenn wir uns daran erinnern, daß gerade in den rauhesten Gegenden die Natur ihre werthvollsten Schätze birgt – wer denkt da nicht an das Goldland Colorado, an das salpeterreiche Atacama? – wenn wir ferner erwägen, wie durch künstliche Bewässerung in alter und neuer Zeit die dürren Steppen Asiens, Afrikas und Amerikas in fruchtbare Gefilde umgewandelt wurden, so werden wir zögern, vorschnell ein abschließendes Urtheil zu fällen. Brunnen mögen erbohrt, Fangdämme könne über tiefe Flußengen gezogen werden, so mag man das in die Tiefe gesunkene Wasser zur Oberfläche befördern, das sonst nutzlos im Sande verrinnende in seinem Laufe aufhalten und zu Bildungen von Teichen, vielleicht gar von kleinen Seen zwingen, um es dann durch wohlangelegtes Canalsystem auf die umliegenden Flächen zu leiten. Was schon jetzt durch Bewässerung erreicht werden kann, das hat man den Eingebornen auf der Missionsstation Bethanien gezeigt, wo die ein sanft aufsteigendes Ufergelände bedeckenden Gärten in geregelter Reihenfolge ihre Wasserbefruchtung empfangen und so recht gute Gemüse erzeugen. Aber auch sonst zeigt der nach genügenden Regengüssen überall lustig emporwuchernde Pflanzenwuchs, daß der Boden reichlich und willig erzeugt, sofern ihm nur die befruchtende Feuchtigkeit zugeführt wird.

Freilich wird es noch viel Zeit und Geduld erfordern, ehe man die Eingebornen zu solcher bisher ungewohnter Thätigkeit heranziehen kann, aber schon in nächster Zeit soll dieser Versuch gemacht werden, seitdem ein unternehmender deutscher Mann hier frei von aller fremden Oberherrlichkeit 900 Quadratmeilen Landes erwarb, über dem heute die schwarz-weiß-rothe Flagge weht.

Das Bremer Handelshaus F. A. E. Lüderitz ist schon seit längerer Zeit im afrikanischen Handel thätig, seine Handelsniederlassung in Lagos ist nicht neueren Datums, auch war ihm das südafrikanische Gebiet sehr wohl bekannt, ehe sein Chef beschloß, hier an Culturversuche heranzutreten, welche von weittragender Bedeutung sein können. Die verfehlten Unternehmungen britischer Ansiedler, die zusammengebrochenen Operationen der Rheinischen Missionsgesellschaft schreckten ihn keineswegs ab, denn er wußte, daß nur Mißwirthschaft, wenn nicht Schlimmeres, das Gelingen vereitelt hatte. Er kannte auch die Wüstennatur des Landes sehr wohl und er lernte sie durch einen längeren Besuch noch besser kennen, und dennoch erwarb er den dürren, fast wasserlosen Küstenstrich, welchen die See im Westen, der Rand des Hochlandes im Osten begrenzt. Was war es nun, das den deutschen Kaufmann zu solchem Unternehmen bestimmte?

Wer sich den Handel mit dem Innern sichern will, der muß Herr der Küste sein. Der werthvollste Hafen an dieser Küste, soweit wir sie kennen, ist neben der leider britisch gewordenen nördlicheren Walfischbai ohne Zweifel die Angra Pequena, die kleine Bai. Und sie ist nach den Vermessungen des deutschen Kanonenbootes „Nautilus“ sogar weit besser als jene. Während die nach Süden sich verlängernde Bai durch eine breite Landzunge geschützt wird, brechen weiter nördlich drei vorgelagerte Felsinseln den hier mächtigen Schwall des Atlantischen Oceans und sichern den geräumigen Ankergrund. Wie die Inseln, so ist auch die Küste von vulcanischem Gestein durchbrochen, hier, wo die trockene Atmosphäre kaum eine Wirkung ausübt, rauh und kahl, kaum daß in tiefen geschützten Spalten spärliche Büsche sich bergen. Auf dem höchsten derselben, der Nautilusspitze erhebt sich ein von Lüderitz errichtetes hohes Holzkreuz, ein Wegweiser für den zum Lande steuernden Schiffer. Am Fuß des zu 150 Meter emporsteigenden Hügels und umrahmt von anderen, gleich unwirthlichen Höhen ist die Bremer Factorei errichtet worden, zwei hölzerne, mit Wellblech bedeckte Häuser, ein Vorraths- und Lagerhaus und ein bescheidenes Wohnhaus von drei Zimmern. Ueber beiden weht an hohem Mast die schwarz-weiß-rothe Flagge. Ein großes eisernes Wohnhaus soll in nächster Zeit errichtet werden. Nicht weit davon haben Hottentotten ihre Kraale aufgeschlagen, sie machen sich als Arbeiter nützlich, namentlich sammeln sie das hier reichlich von der See angeschwemmte Treibholz, eine willkommene Gabe in dieser vegetationslosen Gegend, die auch völlig unbewohnbar wäre, brächte man nicht per Schiff von der Capstadt das unentbehrliche Trinkwasser in Tonnen herbei. Das ist der anspruchslose Keim dieser ersten deutschen Niederlassung unter Reichsschutz.

Angra Pequena ist das Thor, welches auf reichlich mit Quellen besetzten Straßen zum Inneren führt. Schon weiden auf den Gründen des Bremer Kaufmanns schnell anwachsende Herden und an mehr als einer Stelle hat eine vorerst nur oberflächliche Untersuchung das Vorkommen von Kupfer, Eisen, Gold und Silber nachgewiesen. So erscheinen also Viehzucht und Bergbau als aussichtsvolle Unternehmungen, sobald die Frage der Verfrachtung gelöst ist, was nach allen Berichten nicht schwer fallen dürfte.

Angra Pequena wäre auch sicherlich kein übler Platz für eine Fischereistation. An dieser Küste wimmelt das Meer von Fischen [616] aller Art. Darum ziehen auch beständig ungezählte Vögelschaaren ihre Schatten über die Meeresfläche, wenn sie, nach Beute spähend, über den Wellen schweben, oder bedecken die kahlen Felsen des Strandes mit regimenterweise dasitzenden Trupps, wenn sie von ihrer Arbeit ausruhen. Daher auch der massenhaft auf den vorliegenden Strandinseln aufgehäufte Guano, den hier keine Regengüsse seiner werthvollen Eigenschaften zu berauben vermochten. Schon längst werden diese Lager von Kaufleuten in der Capstadt ausgebeutet, die jetzt wohl ungern ihre Operationen einstellen mögen, suchte doch selbst die britische Regierung das Besitzrecht der elf der Küste vorgelagerten Inseln zu retten. Doch erwiesen sich die vom Gouverneur hierfür erbrachten Gründe ebenso fadenscheinig wie die Behauptung eines schlau sein wollenden Capstädters, welcher die ganze Küste von Angras Juntas bis Angra Pequena als sein Eigenthum reclamirte. Allein die vorgebrachten Documente wurden schnell als völlig werthlos erkannt, schon darum, weil sie in englischer Sprache abgefaßt waren, die der Hottentotte, welcher neben seiner eigenen nur holländisch, jetzt auch etwas deutsch spricht, zu verstehen gar nicht im Stande ist. Es ist daher dem liebenswürdigen Anerbieten des Engländers, seine Ansprüche gegen eine runde Summe abzutreten, keine Beachtung geschenkt worden. Auch durch eine Erklärung des Colonialsecretärs, wonach England, die Rechte der „wilden“ Bewohner nicht anerkennend, die Angra Pequena-Bai schon vor Jahren annectirt habe, ließ sich Herr Lüderitz nicht irre machen. Denn wilde Bewohner fand er nirgends, wohl aber solche, die schon seit etwa vierzig Jahren durch die Rheinische Mission wenigstens in die Anfangsstadien der Cultur eingeführt waren und ein sehr klares Verständniß für die Wichtigkeit einer Landabtretung zeigten. Aus dem Archiv von Bethanien ging deutlich genug hervor, was jene Abmachungen der capischen Firma besagen wollten und daß dieselben durch den nun zwischen Lüderitz einerseits und dem Häuptling Joseph Fredericks und seinem Rath andererseits eingegangenen Vertrag null und nichtig wurden. Freilich der von England reclamirte Theil erscheint gar nicht so werthlos, hat doch schon vor längerer Zeit die Firma de Paß, Spence u. Comp. unweit Angra Pequena ein Silberbergwerk bearbeiten lassen.

Wohnhaus mit Lagerraum in der Factorei Kamerun.

Man war in Berlin auf’s Gewissenhafteste bemüht, den wahren Besitzstand festzustellen, auch zielten die ersten Anfragen in London zunächst nur darauf hin, sich zu versichern, ob britische, uns unbekannte Rechte auf Angra Pequena beständen. Mit auffälliger Vernachlässigung blieben diese Anfragen acht Monate lang unbeantwortet. Da aber wies der Reichskanzler den deutschen Consul in der Capstadt telegraphisch an, der dortigen Regierung zu erklären, daß die Ansiedelung der Firma Lüderitz unter dem Schutze des deutschen Reiches stehe. Am 7. August hat diese Erklärung ihre feierliche Bestätigung gefunden, indem die Corvette „Leipzig“ an der Bucht von Angra Pequena die deutsche Reichsflagge aufhißte. Damit ist die Besitzergreifung unsererseits zum vollen Abschlusse gekommen.

Ueber den wirthschaftlichen Werth der Lüderitz’schen Besitzung heut ein Urtheil zu fällen, wäre verfrüht. Das hieße sich eine Kenntniß anmaßen, welche zu erwerben der Unternehmer selbst erst jetzt Vorbereitungen trifft. Eine sorgfältig ausgerüstete Expedition wird zuerst die ganze Küste vom Oranjefluß bis zur Nordgrenze der Besitzung untersuchen. Dann wird man sich mit der Mineralogie des Landes beschäftigen und diese Untersuchungen auch auf das Hinterland ausdehnen, das den Namaqua bleibt, die, verarmt und träge, gern jede Unternehmung fördern werden, welche ihnen den Absatz ihrer Heerden und somit mühelosen Verdienst bringt. Solche Voruntersuchungen aber erfordern Zeit, sie erst können lehren, welchen Gewinn Deutschland von seiner ersten Colonie erhoffen darf. Mögen die Resultate allen Erwartungen ihres thatkräftigen Unternehmers entsprechen und, indem sie den wackeren Pionier deutscher Colonisation recht reichlich lohnen, ihren Theil auch zur Lösung der Frage beitragen, welche heut als eine der ersten unser Volk bewegt! Dr. E. Jung.     


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Brausejahre.

Bilder aus Weimars Blüthezeit.0 Von A. v. d. Elbe.
(Fortsetzung.)
21.

Es war eine windstille, frühlingsduftige Nacht, der Himmel wolkenlos und hoch gewölbt, die Sterne hell und von sanftem Licht, als die Jagdtheilnehmer sich Punkt ein Uhr auf dem Schloßhofe der Wartburg an den bereit gehaltenen Pferden zusammenfanden. Zwischen dem Zimmerberge und Drachenstein schieden die Herren mit einem fröhlichen: Waidmannsheil! und der Herzog ritt allein, nur von einem ortskundigen Reitknechte begleitet, in die Nacht hinaus.

Die scharfen Umrisse der Hörselberge traten am nördlichen Horizonte immer klarer hervor, da gerade über denselben die zarte Sichel des ersten Mondviertels auf dunkelblauem Grunde schwamm. Ein Reh, das aufgeschreckt die Menschennähe witterte, schmählte in bellenden Tönen durch die Stille.

„Gut, daß wir die Musik nicht später haben,“ sagte der Herzog zu seinem Begleiter; „davor würde der flotteste Balzer verstummen, und ich müßte angeführt wieder umkehren.“

Endlich langte man am Fuße der Hirschwand an, da wo es zum Kohlberg hinaufging. Der Reitknecht übernahm des Herzogs Pferd, und dieser stieg allein, vorsichtig lauschend, im Waldesdunkel bergan. Es war ein mühsames Stück Arbeit; nur so viel Licht, um die Richtung nicht zu verlieren und dabei ein pfadloses Klettern über Geröll und Baumwurzeln.

Eine Stunde lang mochte er sich so gemüht haben, als er, etwa noch zweihundert Schritte über sich, den wohlbekannten Hohlschlag des Auerhahns hörte, der die Hennen anlockte. Das Schleifen, jener Ton, während dessen der Hahn nicht hört und sieht – einige Secunden, die zum Näherkommen des Jägers benutzt werden müssen – folgte, und der Herzog beeilte sich, seine Büchse zu untersuchen und möglichst genau die Richtung, in der sich das edle Wild aufhielt, auszumachen.

Dann pirschte er sich vorsichtig näher; er that, als nach dem Hohlschlag wieder das Schleifen folgte, zwei große Schritte und stand dann lauernd, mit erwartungsvoll klopfendem Herzen, still.

Endlich auf etwa fünfzig Schritte herangekommen, mußte er den Angriffsplan entwerfen, denn jetzt erst übersah er den Charakter des Bestandes, in welchem der Hahn balzte. Er mußte darauf denken, nach dem Vorschreiten gedeckt zu stehen, denn nahe dem Bergesgipfel lichteten sich die Stämme und es war kaum möglich die schußgerechte Stellung zu gewinnen.

Ein paarmal mußte er noch in äußerster Geschwindigkeit während des Schleifens größere Strecken überspringen, stand nun aber endlich, wohlgedeckt die Büchse im Arm, und wartete so viel Büchsenlicht ab, um den Hahn zu erkennen und mit Sicherheit zielen zu können.

Röthlich färbte sich gegen halb fünf Uhr der östliche Himmel, und bei dem Schimmer gewahrte der Herzog den großen, schwarzen Vogel auf dem kahlen Aste einer Fichte. Er riß bei dem nächsten Schleifer die Büchse an den Kopf, gab Feuer – und flatternd klatschte der Auerhahn vom Baume herab.

Als der prächtige Vogel nach den letzten Zuckungen todt da lag, hob der Herzog mit vor Jagdlust leuchtenden Blicken seine Beute an den Ständern auf und betrachtete das schöne Thier. Dann wandte er sich, um den Platz genauer anzusehen, wo er den Auerhahn an einen Zweig hängen und später abholen lassen wollte.

Indem sein suchender Blick im Kreise schweifte und er ein immer wärmeres Erglühen am östlichen Himmel, drüben neben dem Poppenberge wahrnahm, sah er, nur wenige Schritte von sich entfernt, eine hohe Gestalt von den dämmernden Büschen sich ablösen und jetzt frei dastehen.

Es war ein schlanker Mann in tadelloser Hofkleidung; er trug einen Anzug von schwarzem Sammet, ein feines Spitzenjabot und ebensolche Manschetten, schwarzseidene Strümpfe und Hackenschuhe mit blitzenden Schnallen. Der Fremde lüftete seinen Federhut, und Karl August konnte sein Antlitz, warm überflogen von den ersten Sonnenstrahlen, deutlich erkennen; es war ein pergamentartig glattes Gesicht, nicht alt, nicht jung, mit dunklen Augen voll unheimlichen Blitzen und mit scharfen Zügen. Der Herzog erinnerte sich nicht, den Mann jemals gesehen zu haben. Die Sauberkeit seines Anzugs fiel ihm besonders auf, und vergleichend ließ er den Blick über seine eigenen lehmigen, vom Thau durchfeuchteten hohen Stiefel gleiten.

„Wie kommen Sie in solch famosem Wichs daher?“ rief er auflachend. „Sie sehen ja aus, als wären Sie heraufgeflogen!“

„Durchlaucht haben Recht, das bin ich auch!“ entgegnete der Andere mit einer scharfen, von fremdem Accente gefärbten Sprechweise und dem vollkommensten Ernste.

Der Herzog starrte ihn an: hatte er einen Tollen vor sich? Wie sollte er diese Behauptung aufnehmen? Die gute Laune siegte, er lachte wieder und sagte sarkastisch:

„Muß äußerst bequem sein, Bergeshöhen fliegend zu gewinnen, während wir anderen Sterblichen keuchend und schwitzend über Steine und Baumwurzeln heraufstolpern. Aber was verschafft mir denn die Ehre, dem eleganten Herrn auf seinem Morgenfluge zu begegnen?“

„Ich bin Durchlaucht angemeldet und erlaube mir, nach unumstößlichen Gesetzen, an denen wir Beide nichts ändern können, Dero Bahn zu kreuzen.“

Dem Herzoge ging plötzlich ein Licht auf.

„Den Kukuk auch!“ rief er höchlich interessirt, „sind Sie vielleicht der vielbesprochene Graf Saint Germain, der Meister des wunderlichen Kaufmann?“

„Eines Anfängers!“ schaltete der Fremde mit dem Tone der Geringschätzung ein und fügte dann höflich sich verbeugend hinzu: „Eure Durchlaucht haben richtig gerathen; ich bin der Graf Saint Germain!“

„Na, also wirklich! Ich war allerdings vorbereitet, Sie zu treffen, und bin nun doch überrascht.“ Er schwieg ein paar Secunden und trat dann dem Grafen einen Schritt näher, ihn ernst und scharf ansehend, fuhr er fort:

„Machen Sie’s kurz, mein Bester, was wollen Sie von mir? Ich bin ein Fürst ohne große Mittel, ohne Vorliebe für alchemistische Spielereien; vielleicht sogar ohne rechte Schätzung des Goldes. Durch dies offene Bekenntniß wird das Interesse des Herrn Grafen gewaltig sinken; he, ist es so? Freut mich, Sie ’mal gesehen zu haben, und nun geben Sie sich weiter keine Mühe mit mir – fliegen Sie ab!“

„Durchlaucht irren,“ erwiderte der Graf fast traurig, sonst aber unberührt von dem abweisenden Spotte des Herzogs. „Mich leitet kein eigennütziges Motiv; ich folge lediglich einem höheren Drange und bin zu jeglichem Beweise meiner besonderen Ausrüstung, meiner wundergetragenen Sendung in dies irdische Dasein bereit. Hunderte von Jahren suche ich schon nach einem Menschen, wie Eure Durchlaucht mir einer zu sein scheinen; nach einem Horte und Schirmherrn erhabener Geheimnisse, einem Fürsten, der fähig ist, sich den höchsten Bestrebungen zu weihen, Licht in sich aufnehmend, um eine Leuchte zu werden für die Menschheit.“

„Viel Ehre, zu solchem Laternenmanne ausersehen zu sein!“ spöttelte Karl August wieder.

Der Andere ließ sich nicht irre machen.

„Ich bitte, die Dinge aus ernstem Gesichtspunkte aufzufassen,“ sagte er kühl, „wenn ich auch anfängliche Skepsis begreife, ja solche Vorsicht billigen muß; Eure Durchlaucht werden sich bald überzeugen, daß ich sammt meiner Mission über allen selbstsüchtigen Bestrebungen stehe. Möglich allerdings, daß ich mich auch in Ihnen täusche, wie so oft schon!“ Er seufzte tief, und ein Ausdruck düsteren Schmerzes legte sich über sein gesenktes Antlitz.

Der Herzog schaute ihn fragend an und sprach, als der Andere schwieg:

„Nun, so reden Sie, was soll ich denn nach Ihrem Sinne thun?“

„Das ist nicht mit wenigen Worten gesagt.“ Sein Blick hob sich zum strahlenden Morgenhimmel, die Gestalt stand schlank und wie schwebend da, und mit würdigem Pathos hub er an: „Ich bin ausgesandt, einen Menschen zu suchen der, rein und in [619] voller Erdenkraft aufgewachsen, stets diese Reinheit und Kraft bewahrt, mehrt und bethätigt; ihm nur kann die höchste Herrlichkeit dieser Welt zu Theil werden. Voll Hoffnung und Vertrauen schaute ich mich in früheren Zeiten um; stets wurde ich in meinen Erwartungen getäuscht. Nun habe ich schmerzdurchzittert auch in diesem Jahrhunderte vergebens gesucht; o, möchte ich endlich finden, wonach ich mit grenzenloser Sehnsucht ringe!“

Er hatte die Arme wie in Verzückung der Sonne entgegen gebreitet, ließ sie jetzt sinken und verhüllte sein Angesicht; des Zuhörers schien er vergessen zu haben.

Karl August stand verstummt. Der Gedanke: entweder ein Verrückter oder – ein unbegreifliches Wunder! drängte sich ihm auf. Es lag etwas so imponirend Ernstes, fast Erhabenes im ganzen Wesen des Mannes, daß der Herzog in die Landschaft hinaussehen, ja seinen Auerhahn betrachten mußte, um sich zu überzeugen, daß er nicht träume, um in die Gegenwart zurück zu kehren. Endlich brach er das Schweigen und sagte, auf die Idee des Anderen eingehend:

„Aber, Verehrtester, wie alt sind Sie denn, wenn Sie seit Jahrhunderten Ihre Art Jagd betreiben?“

Graf Saint Germain ließ die Hände herab fallen, schien wie aus einem Traume zu sich zu kommen und lächelte wehmüthig.

„So alt wie diese Berge. Ein weiteres Gedankenfeld bietet sich Ihrem Geiste doch nicht. Fürchte ich zu erschlaffen, so trinke ich von meinem Lebenselixir, von dem ich meinen Auserwählten auch mittheilen kann.“

Ein lauernder Blick streifte den jungen Fürsten, ob derselbe auf die aufgeworfene Glanzfliege stoßen werde.

Der Herzog lachte aber in harmlosen Leichtsinne und sagte munter:

„Was thue ich mit Lebenselixiren? Ich habe Leben genug!“ Und wie zur Bestätigung athmete er hoch und kräftig auf und dehnte die starken jungen Glieder.

Der Graf verschränkte die Arme und sprach würdevoll:

„Wenn Eure Durchlaucht die Redlichkeit meiner Gesinnung, meine weitreichenden Kräfte prüfen wollen, bevor ich Vertrauen finden soll, so bin ich bereit, irgend ein besonderes Verlangen Ihres Herzens zu erfüllen.“

„Potz Blitz! ein kühnes Verspreches!“

„Ich bitte also zu begehren. Wollen Sie meinen einstigen Freund, Friedrich Barbarossa, mit mir im Kyffhäuser besuchen?“

„Wüßte nicht, welchen Spaß ich davon hätte, des alten Herrn Bekanntschaft zu machen!“

„Oder wollen Sie vielleicht drüben ins Innere des Hörselberges eintreten, um Frau Venus, das schöne Götterweib, zu sehen?“

Die Augen des jungen Fürsten funkelten.

„Da würde ich dem sehr verliebten Herrn Tanhäuser in die Quere kommen,“ scherzte er.

„Der Tanhäuser hat ausgeliebt und ausgebüßt,“ erwiderte der Graf feierlich und zuversichtlich. „Längst wandelt er in neuen Sendungen durch das Leben; das Götterweib aber ist unvergänglich in seinem außerirdischen Liebreiz und in der Kraft, das höchste Liebesentzücken zu spenden!“

Unter der gesenkten Wimper hervor blinzelte ein Seitenblick über die offnen, frischen Züge des Herzogs, um den Eindruck der eben gesprochenen Worte zu erspähen. Sie blieben nicht ohne Wirkung.

„So eine schöne Frau Venus wäre mir recht,“ schmunzelte der Herzog. „Aber wie ist’s mit dem getreuen Eckart, der warnend auf einem Felsen dem Bergeseingang gegenüber sitzen soll?“

„Wenn ich Eure Durchlaucht führe, bedarf es keines andern treuen Eckart.“

„Na aber, mein Bester, wenn ich der schönen Frau Venus ansichtig werde, lassen Sie gütigst meinen Rockschoß los und gestatten mir eine nähere Bekanntschaft der Huldin!“ lachte Karl August mit neckischem Augenzwinkern.

„Das würde schon die Erfüllung eines zweiten Wunsches sein, welchen ich vielleicht später gewähre.“

„Bitte aber ernstlich, mich nicht mit Malereien, Wachsfiguren und solchem Lirum Larum anführen zu wollen. Dergleichen giebt’s in Weimar mehr als genug. Können Sie ein frischen schönes Weib, von solchem Fleisch und Bein wie ich selber bin, mir drüben im Berge – na meinetwegen auch erst nur zeigen! – so gehe ich mit und wär’s zur Hölle. Tapfer mache ich allen Hokus-Pokus durch, ohne den solcher Witz nicht abgehen wird. Ich glaube aber, ich bin hier herum besser orientirt als Sie, und da will ich Ihnen nur sagen, daß das sogenannte Hörselloch, durch welches man in den Zauberberg gelangen soll, eine ganz enge Spalte ist, die nicht weit führt. Wie das wilde Heer, das drinnen sein Tagesquartier hat, sich herauswürgt – vermuthlich drücken spukhafte Schemen sich dünner zusammen als Unsereiner – werden Sie bei Ihren übernatürlichen Kenntnissen besser wissen als ich.“

„Allerdings,“ entgegnete der wunderbare Fremde mit sicherer Gelassenheit. „Das sind mir vollständig bekannte Dinge. Wir kommen also dahin überein, daß ich als Beweis meiner Glaubwürdigkeit Eure Durchlaucht beim nächsten Vollmond in den Hörselberg führe und Ihnen Frau Venus vorläufig zeige?“

„Sie wollten wirklich Ernst mit der Geschichte machen?“ rief Karl August staunend.

„Buchstäblichen Ernst! Zum Vollmond – in acht Tagen – wird der Herr Landgraf Adolf von Hessen-Philippsthal-Barchfeld seine Jagdeinladung wiederholen; ich bitte dieselbe anzunehmen, und werde mich auch einfinden, um mein Versprechen einzulösen.“

„Aber von Barchfeld bis hierher ist doch ein weiter Ritt, ich kann Sie ja hier treffen.“

„Durchlaucht vergessen, daß Entfernungen für mich kaum existiren, wenigstens niemals hinderlich sind.“

„Und ich soll Ihre Flugpartie mitmachen?“

„Ja; soweit es einem sterblichen Wesen, geführt von höherer Geistesincarnation, möglich ist.“

Der Herzog schüttelte den Kopf dazu, rief aber sehr vergnügt: „Ein famoses Abenteuer, welches Sie mir da in Aussicht stellen; na, man zu! Ich bin nie ein Kostverächter, wenn es flotte Späßchen giebt! Nun lassen Sie mich aber mal sehen, wie Sie abstreichen; müssen einen närrischen Vogel geben!“

„Dies ist irdischen Augen verborgen!“ sagte der Wundermann gravitätisch. „Und da kommen, wie mir scheint, die Jagdgefährten Eurer Durchlaucht, denen ich nicht zu begegnen wünsche.“

Er verneigte sich mit edlem Anstande und trat einen Schritt zurück.

Der Herzog konnte nicht umhin, sich den Nahenden: Wedel, Stein und einigen Jägern, zuzuwenden, die ihn freudig anriefen und, des erlegten Auerhahns ansichtig werdend, darauf hinwiesen, winkten und seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.

Währenddessen verschwand Graf Saint Germain in demselben Gebüsch, aus welchem er aufgetaucht war.

Die Zweige theilend eilte er auf einen Punkt zu, wo ein großer, dunkler Mantel, wohl versteckt unter trocknen Blättern, im Dickicht lag. Er warf denselben rasch über, fuhr in hohe Stiefel, verbarg Schnallenschuhe und Federhut in den Seitentaschen, stülpte sich eine unscheinbare Kapuze über, schritt in entgegengesetzter Richtung von den herüberschallenden, sich jetzt entfernenden Stimmen der Männer davon und murmelte vor sich hin:

„So der Mensch Wünsche, Leidenschaften hat, bietet er Handhaben genug ihn zu gängeln!“

Die Begegnung mit dem wunderbaren Mann beschäftigte den Herzog lebhaft. Noch zu jung, um den verlockenden Worten des Grafen innerlich einen festen Widerstand entgegensetzen zu können, war er eben jetzt, suchend und leer, sehr geneigt der abenteuerdurstigen Seele Genüge zu verschaffen, wo und wie es sein mochte. Man hätte keinen günstigeren Augenblick finden können auf ihn einzuwirken, als in dieser Zeit.

Die Tiefe des empfangenen Eindrucks bethätigte sich – ganz gegen seine sonstige Gewohnheit – vorläufig in einem vorsichtigen Schweigen über seine interessante Begegnung.

Er sprach kein Wort über den Grafen gegen Wedel und Stein, war aber an den folgenden Jagdtagen und auf der Rückreise nach Weimar so schweigsam und zerstreut, innerlich so voll Ungeduld und Spannung, daß die volle Unbefangenheit seiner Jagdgenossen dazu gehörte, seine veränderte Stimmung nicht zu bemerken.

Fortsetzung folgt.

[620]

Blätter und Blüthen.

Auf dem Anstand. Was ein Häkchen werden will, krümmt sich früh, behauptet der Volksmund, und „Fingal“, der sein „erstes Feld“, wie der geehrte Leser in voriger Nummer erfahren, mit einer Bravour sondergleichen bestand, war auch einmal ein so närrischer, unbeholfener, plumper kleiner Geselle, wie die beiden schnurrigen Käuze auf Lebling’s heiterem Bildchen. Doch „Blut steckt in der Rasse“, kaum vermögen die beiden Dickköpfe aus den Augen zu sehen, kaum können sie ihre schlotternden dicken Glieder regelrecht gebrauchen, da „stellt“ der eine bereits die Spatzen, welche, um einen saftigen Brocken zu erlangen, sich dem Lager genähert. Breitbeinig wackelt er auf dem noch ungehorsamen Untergestelle, aber die ganze Haltung erinnert schon an die Zukunft, wann er, „abgeführt“, sein „erstes Feld“ nehmen wird; doch jetzt befindet er sich, noch ohne Dressur, auf dem „Anstande“, und in der nächsten Secunde wird er mit seinen tölpelhaften Tatzen zwischen die Spatzen fahren, freilich ohne weiteren Erfolg, als daß diese pfeifend und zwitschernd davonfliegen, um vom nächsten gesicherten Plätzchen aus ihrem Hohne über den ganz unangebrachten „Anstand“ Luft zu machen. *      

Auf dem Anstand.
Nach dem Oelgemälde von M. Lebling.


Die kleinste politische Gemeinde des Reiches. Unter dieser Ueberschrift brachten wir in Nr. 20 laufenden Jahres eine Notiz über die kleine Ortschaft Poris, welche als die wahrscheinlich kleinste politische Gemeinde des Reiches bezeichnet wurde. Noch kleiner ist indeß das Dörfchen Nieder-Hohendorf im Regierungsbezirke Liegnitz. Diese Gemeinde umfaßt gegenwärtig 11 Ar 22 Quadratmeter Land und 12 Seelen. „Einkommensteuer kennt man dort nur vom Hörensagen, ja selbst die Classen- und Gewerbesteuer ist bereits zum geschichtlichen Begriffe zusammengeschrumpft,“ so berichtet uns ein Leser unseres Blattes. „Trotzdem aber steht die Gemeinde vorläufig noch auf eigenen Füßen mit einem Verwaltungsapparat wie große Gemeinden: sie hat einen Schulzen oder Gemeindevorsteher, einen Gerichts- oder Gemeindeschreiber, einen – und wenn’s erforderlich – zwei Schöffen etc., und dies Alles für drei oder vier Familien.“


Die ersten Colonisationsversuche an der Westküste von Afrika sind von dem karthagischen Flottenführer Hanno (um’s Jahr 500 v. Chr.) unternommen worden. Derselbe fuhr mit einem Geschwader von 60 Schiffen und 30,000 Colonisten an der atlantischen Küste Afrikas entlang und gelangte bis über die Mündung des Senegal und Gambia hinaus.

Verbreitung der Pflanzen durch Eisenbahnen. Seit dem Jahre 1878 fand man in der Umgebung von Arbra in Nordschweden sieben Pflanzenarten, welche bis dahin dort unbekannt waren. Genauere Untersuchungen ergaben, daß dieselben durch die Züge der neu eröffneten Eisenbahnlinie eingeschleppt worden. Vier Arten stammen aus den benachbarten südlichen Provinzen, zwei aus der Gegend von Gastrikland, und eine ist sogar amerikanischen Ursprungs. Handelsschiffe brachten ihren Samen zunächst in die Häfen, und Eisenbahnen verbreiteten sie durch das schwedische Land. Die Ausbreitung dieser Pflanzen kann man genau längs der Eisenbahnlinien verfolgen.


Machdi, der falsche Prophet, und – die Bonbons. Es klingt kaum glaublich, aber es dürfte wahr sein, da ausländische Zeitungen davon berichten: Machdi soll in letzter Zeit die Bonbons auf dem europäischen und amerikanischen Markte theurer gemacht haben. Bekanntlich braucht man zur Fabrikation dieses Zuckerwerks Gummi, einen Artikel, dessen Hauptmarkt in Khartum zu suchen ist. Machdi hat nun als kluger Mann den Ausfuhrzoll für Gummi erhöht, und die Kaufleute von London, Paris und New-York mußten in Folge dessen auch den Preis für Gummi höher schrauben. Selbstverständlich sind darum auch die Preise der Bonbons gestiegen. So die ausländischen Berichte. In Deutschland haben wir von dieser Bonbon-Hausse bis jetzt nichts gemerkt.


Kleiner Briefkasten.

S. in N. bei B. Ihr Wunsch, wir möchten die Antwort auf Ihre Anfrage in der am nächsten Sonntag in Ihren Besitz gelangenden Nummer unseres Blattes mittheilen, richtet sich auf Unmögliches. Wir haben schon oft erklärt, daß auf eine Beantwortung in unserm Briefkasten erst innerhalb drei Wochen nach erfolgter Einsendung zu rechnen ist, da der Druck einer einzigen Nummer der hohen Auflage wegen circa 14 Tage Zeit erfordert. – Ihre Anfrage selbst betreffend: Nein!

Abonnent P. in O. R. Genée: „Shakespeare, sein Leben und seine Werke“ dürfte Ihren Wünschen am besten entsprechen.

A. B., Seminarist in Lübeck. „Das deutsche Theater“ (Berlin, Herausgeber J. R. Kruse) und „Dr. W. Lauser’s Allgemeine Kunstchronik“ mit der Beilage „Allgemeine Theater-Chronik“ sind die einzigen uns bekannten Blätter, welche die von Ihnen betonten Ziele annähernd verfolgen.

J. W., Stolp. Von der „berühmten Sängerin“ ist uns nichts bekannt.

A. S. in Gr.-P. bei Fr. Mündliche Abmachung ist in Ermangelung eines schriftlich geschlossenen Vertrages für beide Theile bindend. In Streitfällen wird der Ortsgebrauch als ausschlaggebend betrachtet.

L. in D., J. v. A., J. F. in Dresden. Nicht geeignet.

J. L. P. Vergl. Sie gefl. den betr. Artikel in Nr. 32 unseres Blattes.


Allerlei Kurzweil.

Scherz-Räthsel.

0 Zweisilbiges Räthsel.

Zum Ersten gelangst Du, werth befunden,
Im Dienste des Königs und Staates,
Mein Zweites bewährt sich in Stunden
Der Noth und des ernstlichen Rathes.

5
Als Herrscher und kleiner Tyrann

Zeigt oft sich mein Ganzes Dir an.
 D. Th.


Auflösung der Schach-Aufgabe Nr. 7 in Nr. 36:
Weiß: Schwarz:
1. f 4 – f 5 L b 8 : S e 5
2. T f 3 – f 4 † L e 5 : T f 4
3. S d 5 – c 3 matt

Varianten: a) 1 ...., S : S e 5; 2. S c 3 † etc. – b) 1 ...., L : D; 2. S c 3 † etc. – c) 1 ...., T : f 5 (T g 5); 2. T f 4 † etc. – d) 1 ...., K : S; 2. T d 3 † etc. – e) 1 ...., a 5 : b 4; 2. D g 4 † etc. – f) 1 ...., L : T; 2. D : L † etc.


Auflösung des Scherz-Arithmogryphs in Nr. 36: Setzt man statt der Buchstaben, aus welchen die Namen Stahlfeder, Gänsekiel und Tintenflasche bestehen – bei jedem Namen von Neuem anfangend – die Ziffern 1, 2, 3, etc., so resultirt: die Stahlfeder schrieb „Therese!“, der Gänsekiel „Elise!“, die Tintenflasche sagte „Nichts!“ dazu.


Inhalt: „Fanfaro“. Novelle von Stefanie Keyser. S. 601. – Mathias Schmid. Von Ludwig Ganghofer. S. 606. Mit Illustration und Portrait S. 604–605 und 608. – Deutschlands Colonialbestrebungen: Deutsche an der Westküste von Afrika. Kamerun. Angra Pequena. S. 609. Mit Illustrationen S. 609–617. – Brausejahre. Bilder aus Weimars Blüthezeit. Von A. v. d. Elbe (Fortsetzung). S. 618. – Blätter und Blüthen: Auf dem Anstand. Mit Illustration. – Die kleinste politische Gemeinde des Reiches. – Die ersten Colonisationsversuche an der Westküste von Afrika. – Verbreitung der Pflanzen durch Eisenbahnen. – Machdi, der falsche Prophet, und – die Bonbons. – Kleiner Briefkasten. – Allerlei Kurzweil: Scherz-Räthsel. – Zweisilbiges Räthsel. – Auflösung der Schach-Aufgabe Nr. 7 in Nr. 36. – Auflösung des Scherz-Arithmogryphs in Nr. 36. S. 620.


Verantwortlicher Herausgeber Adolf Kröner in Stuttgart. Redacteur Dr. Fr. Hofmann, Verlag von Ernst Keil's Nachfolger, Druck von A. Wiedee, sämmtlich in Leipzig.

  1. „Gartenlaube“ 1874, Nr. 11.
  2. „Gartenlaube“ 1875, Nr. 29.
  3. Vergl. A. Woermann. „Ueber Tauschhandel in Afrika“. Vortrag, gehalten in der Geographischen Gesellschaft in Hamburg.