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Die Gartenlaube (1878)/Heft 52

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[853]
Lumpenmüllers Lieschen.
Von W. Heimburg.
(Schluß.)


17.

„Und Du sagst, Heinrich, meine Großmutter habe die Beiden zusammen gesehen?“

„Die Fränzel hat es mir anvertraut, Herr Lieutenant, den Abend ehe sie verschwand.“

Der junge Officier saß in einem der großen Lehnstühle seines Zimmers und sah forschend und mit regem Interesse zu dem alten Mann hinüber, der in ehrerbietiger Haltung nicht weit von ihm stand und in dessen Zügen eine leichte Verlegenheit sich kennzeichnete. Army hatte ihn noch zu später Stunde rufen lassen; er wollte wissen, welche Motive seine Großmutter leiteten und worin der Haß wurzelte, der sich auch heute wieder in der geringschätzigen Behandlung seiner Braut offenbarte; aus unparteiischem Munde wollte er hören, worauf die Andeutungen seines künftigen Schwiegervaters zielten. Er war endlich darauf verfallen, es mit Heinrich zu versuchen, und der alte Mann hatte in der That auf seine Fragen stockend und verlegen zu erzählen begonnen von dem Baron Fritz, der die schöne Lisett dort unten in der Mühle so gar lieb gehabt.

„Zu jener Zeit,“ fuhr der Alte fort, „da kam eines Abends der Baron Fritz geritten, so recht lustig; ich nahm ihm seinen Paletot ab, denn es war kalt, und dann schloß ich ihm das Thurmstübchen auf und machte Feuer im Kamin an –“

„Das Thurmstübchen?“ unterbrach der junge Officier den Erzähler hastig.

„Jawohl, Herr Lieutenant. Der Baron Fritz wohnte dort immer, ich weiß auch warum; er konnte von dort oben die Fenster seiner Liebsten sehen – also ich machte Feuer an, holte ihm eine Flasche Madeira und half ihm die Kleider wechseln. Und da fragt er nun nach Allem, was passirt, und ob sein Bruder schon wieder zu Haus wär’, und ich antworte ihm auf Alles und sage ihm, daß der Herr in drei Tagen zurückerwartet würde, na, und dann was die Frau Mutter macht und die Frau Schwägerin und so weiter, und dabei kramte er immer in den Schubladen des Schreibtisches herum, und endlich fragt er ganz ängstlich: ‚Heinrich, hast Du hier aufgeräumt, als ich neulich so eilig abgereist bin?‘ ‚Jawohl, Herr Baron, sag’ ich. Hast Du nicht ein kleines goldenes Herz gefunden?‘ ‚Nein!‘ und er fuhr fort zu suchen, und ich suchte mit, aber es fand sich nichts; endlich gab er sich zufrieden, aber er sah sehr traurig aus. ‚Weißt Du, Heinrich,‘ meinte er dann, ‚das ist mir ein recht harter Verlust; fünfzig Thaler gebe ich Dir, schaffst Du mir das Herz wieder,‘ und dann nahm er Hut und Stock, denn er trug immer Civil, wenn er hier war, und sagte, er habe noch einen Gang vor in den Park, ehe er den Damen seine Aufwartung mache; na, ich wußte ja schon, wo er hin wollte.

Mir gingen nun die fünfzig Thaler im Kopf herum, Herr Lieutenant, und so fing ich denn wieder an zu suchen und zu suchen, aber es war nichts, und dann nahm ich das Licht und ging in die anstoßende Schlafstube, und wie ich drinnen bin, da ist’s mir, als ob ich nebenan die Thüre gehen höre, so leise und sacht, wie nur möglich, und wie ich rasch wieder hineintrete in die Wohnstube, da pralle ich zurück, denn da steht die Sanna drinnen und schrickt zusammen.

Wissen Sie, Herr Lieutenant, ich bin jetzt alt geworden und ruhiger, aber damals konnte ich das hagere Weibsbild mit den kalten grauen Augen, dem schwarzen Haar und der gelben Gesichtsfarbe nicht ausstehen; es war immer ein falsches Geschöpf, und darum fuhr ich sie in drei Teufels Namen an und fragte, was sie hier zu suchen habe. ‚Die gnädige Frau wollen wissen,‘ sagte sie, ‚wann Baron Fritz zurückkehrt?‘ Sie nannte mich immer Enrico dazumal; denn sie war stolz auf ihre italienische Abkunft. ‚Wo ist der Herr Baron?‘ forschte sie noch einmal. ‚Scheeren Sie sich zum Kukuk!‘ schrie ich sie an, ‚und spioniren Sie nicht! Ich weiß nicht, wo er ist,‘ und damit wollte ich sie hinausschieben. ‚Horch!‘ sagte sie, und wie ich still bin, da hören wir vom Dorfe drunten die Glocken läuten, daß wer gestorben ist; sie fing an sich zu bekreuzigen und ein Ave Maria zu sprechen, ich schob sie aber doch hinaus: ‚Machen Sie das draußen ab! Verstehen Sie?‘ und da drehte sie sich vor der Thür um und sagte: ‚Wissen Sie, Enrico, wer da gestorben? Des Lumpenmüllers Lisett ist’s.‘

Lumpenmüllers Lisett! Ich erschrak, daß ich zitterte; heiliger Jesus, was wird Baron Fritz sagen? war mein erster Gedanke; er ging so lustig, so glücklich zu ihr – und nun todt, das schmucke junge Blut! Es war eine Pracht, Herr, wenn man das Mädel sah; ob Sie jetzt des Lumpenmüllers Lieschen, wollt’ sagen des Herrn Barons Braut ansehen oder ihre Großtante, es ist fast dasselbe; wie aus den Augen geschnitten ist Lieschen ihr. Und wie ich noch so dastand, zog ein Sturm heran, daß sich die Bäume bogen, und um die alten Mauern krachte es und heulte es in allen Tonarten. Baron Fritz kam nicht und kam nicht, und mittlerweile wurde das Wetter immer schlimmer und schlimmer, und es war gerad’, als ob der Orkan den Thurm umreißen

[854] wollte; das Auge konnte in der Dunkelheit keinen Gegenstand unterscheiden, so sehr ich mich auch anstrengte und das Gesicht an das Fenster preßte. Die Schloßuhr hatte schon Zehn geschlagen, und immer noch kehrte er nicht zurück. Herr, es war eine furchtbare Nacht! Auf einmal flog die Thür auf, und als ich mich umwandte, da sahen meine entsetzten Augen den Baron Fritz – er stand schon mitten im Zimmer, und zu seinen Füßen lag bleich und zerzaust die tolle Fränzel und hielt die Hände zu ihm empor in angstvollem Flehen.

‚Bitte meine Schwägerin, Heinrich,‘ sagte er mit tonloser Stimme, sie möge einen Augenblick sich herbemühen! Ich flog zur Thür, Herr Lieutenant, ich wußte, es war etwas Schreckliches geschehen, als ich die gebrochene Gestalt des Mädchens sah, und als ich die Thür aufriß, da stand die Frau Baronin – Ihre Frau Großmutter – draußen und wollte herein. Sie wich zurück, als sie ihren Schwager erblickte; einen Augenblick zuckte es wie jäher Schreck durch ihre Glieder, und sie verbarg rasch etwas in der Tasche ihres Kleides, aber dann schritt sie scheinbar ruhig in das Zimmer hinein.

Herr Lieutenant, eine schönere Frau hat’s wohl kaum gegeben, wie sie war, als sie so dastand in dem langen weißen Nachtkleide, die schwarzen Locken halb aufgelöst und mit ihren großen dunklen Augen in dem blauen Antlitze, wie ein Engel der Unschuld gegen das arme winselnde Geschöpf an der Erde.

Mio caro amico,‘ rief sie dem Baron zu, ‚was soll das?‘ und zeigte wie verwundert mit der Hand auf die Fränzel.

‚Kommen Sie herein, Frau Schwägerin!‘ erwiderte er rauh. ‚Geh’, Heinrich, und schließ’ die Thür!‘ – Jetzt erst wendete er mir das Gesicht zu – Herr, ich war damals ein strammer wilder Bursch, aber ich habe gezittert, so sah er aus – die Augen schienen eingesunken; das junge blühende Gesicht war alt und verfallen im wahnsinnigen Schmerze, und um den Mund zuckte es wild wie in furchtbarem Zorne. In meinem Leben vergesse ich nie den Anblick und die Todesangst, die ich empfand, als ich die Thür hinter der Baronin schloß; mir klapperten die Zähne vor Aufregung, und ich blieb wie gebannt auf dem Corridor stehen. Die Sanna schlich auch herzu, und so standen wir Beide da und wagten nicht zu athmen. Zuerst war es unverständlich, was sie da drinnen sprachen, man hörte nur die weiche Stimme der gnädigen Frau und dazwischen das Schluchzen der Fränzel, aber dann vernahmen wir die Donnerworte des Herrn Barons deutlich draußen; Mörderin nannte er die Baronin und verfluchte sie und sein Haus; ich stand stumm und starr, und dann flog die Thür plötzlich auf, und die Baronin stürzte hinaus und floh wie ein verfolgtes Wild den Corridor entlang und die Treppe hinab; schrecklich sah sie aus, und da unten schlang sie, wie nach einem Halt suchend, die Arme um die Säule und glitt bewußtlos zu Boden; ich sehe sie noch vor mir, die weiße zusammengesunkene Gestalt, und wie Sanna ihr schreiend folgte und sie auf ihren Armen davontrug. Und fast in demselben Momente wurde die Fränzel hinausgestoßen und der Herr Baron stand in der Thür: ‚Mein Pferd!‘ befahl er mit heiserer Stimme, und als ich hinunter eilte, lief eben die Fränzel aus der Halle, die Hände vor dem Gesichte, in die Nacht und das Sturmtoben hinaus. Ich führte dem Herrn Baron sein Pferd vor; er schwang sich hinauf mit seinem bleichen verzerrten Gesichte – das arme Thier; es bäumte sich hoch auf – so preßte er ihm die Sporen in die Seiten, dann sauste er davon, daß ich meinte, es müsse ein Unglück werden. Und da kam er plötzlich zurück; ich stand noch in Wind und Wetter auf den Stufen der Freitreppe und horchte, wie das Trappeln des Pferdes näher kam. Er warf mir ein Geldstück zu.

‚Höre, Heinrich,‘ sagte er, ‚geh’ Du zu meiner alten Mutter und ich lasse ihr Adieu sagen; mich sieht sie nimmer wieder –‘ Das Letzte verstand ich kaum noch; der Sturm verwehte es wohl, oder brach seine Stimme in Weinen, ich weiß es nicht; er gab mir die Hand, und dann war er fort, Herr, und ist nie mehr wiedergekommen. –

Die Fränzel aber, die sah ich noch einmal; sie lag dort drüben auf dem Platze unter den alten Bäumen auf den Knieen, und als sie ihn fortreiten sah in die finstere unheimliche Nacht, da schrie sie so gellend auf, daß ich hinüber lief. Und da, Herr, fand ich eben ein armes unglückliches Geschöpf, das sich in Reue und Leid verzehren wollte, und da merkte ich auch, daß sie nicht so schlecht war, und ich tröstete sie in ihrem Jammer – nun, damals hat sie mir erzählt, daß der Baron Fritz und die schöne Lisett hatten getrennt werden sollen und daß sie gestorben, weil sie hat glauben müssen, er sei ihr untreu, und – das ist Alles, was ich weiß.“

„Du meinst, Heinrich, daß meine Großmutter wirklich –“ Die Stimme des jungen Mannes klang gepreßt.

„O Herr, mir kommt es nicht zu, etwas Böses von meiner Herrschaft zu glauben; ich habe ja keine Beweise, daß Baron Fritz ein Recht hatte zu den schrecklichen Flüchen, aber das weiß ich genau, daß die Frau Baronin mit ihm schon längere Zeit nicht gut stand, weil – nun, er hatte sich einmal in ihre Angelegenheiten gemischt; dann war sie auch grausam stolz; sie hätt’ um keinen Preis des Lumpenmüllers Lisett als Schwägerin anerkannt, und darum – Herr Lieutenant – nichts für ungut! Ich darf es ja wohl sagen; ich habe Sie ja in der Wiege liegen und Sie heranwachsen sehen. Nehmen Sie es mir nicht übel – die Lieschen –“

„Ist meine Braut, Heinrich –“

„Herr, ich weiß es, und hab’ mich gefreut, als ich Sie Beide sah, wie ich nicht geglaubt hab’, daß ich mich noch einmal freuen würde – ach, Herr, halten Sie Ihre Braut hoch und lassen Sie sie nicht aus den Augen! Es kann Einem angst werden um so ein junges Menschenkind hier oben im Schlosse; verzeihen Sie mir, Herr Baron! Es hat mir beinah’ das Herz abgedrückt, Ihnen dies zu sagen; sie hat so viel Aehnlichkeit mit der Lisett, besonders ganz dieselben Augen, just so blau und tief und klar, und ganz denselben Ausdruck darin. Solche Augen, die vergißt man nicht. Gott schenk’ ihnen nur Freudenthränen!“

Die Stimme des Alten war bewegt, als er nun hinausschritt, und das „Gute Nacht“ klang nur noch undeutlich in die Ohren Army’s; er achtete auch nicht darauf – vor seiner Seele standen sie eben auch, diese blauen Kinderaugen, aber so schmerzlich, so bang und unsagbar traurig, wie er sie heute Abend gesehen.

„Dieselben Augen,“ wiederholte er halblaut, „derselbe Ausdruck!“ aber er sah zu dem Bilde der schönen Agnese Mechthilde hinüber. Das Licht war tief herabgebrannt; es flackerte nur dann und wann noch unsicher auf und die rothen üppigen Haare verschwammen undeutlich in der matten Beleuchtung, die zwei dunklen traurigen Augen indeß schauten aus dem blassen Gesichte unverwandt zu dem jungen Manne herüber, so leidversunken, so bang, als suchten sie ein verlorenes Glück. Das waren sie ja, die Augen, an welche er vorhin beim Aussteigen aus dem Wagen hatte denken müssen – die Augen der schönen Agnese Mechthilde!



18.

Am folgenden Morgen ging Army nach der Mühle; sein Schwiegervater hatte eine Unterredung mit ihm gewünscht. Lieschen sah er nicht, die Muhme, die aus der Küche kam und ihm die Thür zu des Hausherrn Zimmer öffnete, antwortete ihm auf seine Fragen, daß das junge Mädchen noch schlafe, und ein Bischen Ruhe würde wohl nöthig sein und gut thun, wenn Eins so die ganze Nacht geweint habe.

Ueber seinem Gesicht lag ein tiefer Schatten, als er in das Zimmer seines Schwiegervaters trat; er hatte sich gesehnt nach Lieschen’s Anblick seit dem gestrigen Abend, und der Gedanke, daß sie die ganze Nacht geweint, fiel ihm schwer auf’s Herz. Er mußte einige Augenblicke warten. Herr Erving war drüben im Comptoir, und unwillkürlich flogen seine Blicke durch den Raum; es war ein behagliches Gemach mit seinen dunklen Tapeten, den grünen Möbeln und Vorhängen; auf einem massiven Schreibtische stand ein Portrait; es war eine Photographie Lieschen’s aus der Kinderzeit; das liebliche Gesichtchen blickte so naiv schelmisch in das Leben hinaus. Er nahm das Bild empor, um es genauer zu besehen, und hielt es noch in der Hand, als jetzt Herr Erving eintrat.

In dem Gesichte des stattlichen Mannes lag ein Ausdruck, den es sonst nicht bot, von Sorge und Abgespanntheit; er mochte kaum geschlafen haben diese Nacht. „Verzeihen Sie, daß ich Sie warten ließ!“ begann er das Gespräch, dem jungen Manne die Hand reichend. „Nehmen Sie Platz!“ bat er, „und lassen Sie uns gleich zu unserer Angelegenheit übergehen! – Ich werde nicht viel unnütze Worte machen,“ fuhr er dann fort und schob sich einen Sessel an den Tisch. „Zuvörderst denke ich, wir [855] reisen Beide in Ihre Garnison, um dort die Angelegenheiten zu arrangiren; alsdann reichen Sie das Abschiedsgesuch ein – Sie dürfen es mir nicht verdenken, daß ich dies so bestimmt verlange! Sie ist mein einziges Kind“ – seine Stimme bebte bei diesen Worten – „und ich will sie wenigstens in meiner Nähe, unter meinem Schutz behalten.“

Army verbeugte sich zustimmend, aber das Blut stieg ihm siedend heiß in die Wangen.

„Ich verlange nichts Unbilliges,“ fuhr Jener fort. „Sie wissen, daß meine Familie in früheren Zeiten von der Ihrigen einen ansehnlichen Theil der umliegenden Ländereien käuflich erworben hat. Nun ist Lieschen unser einziges Kind, und ich habe mit meiner Frau überlegt, daß es das Beste scheint, Sie werden wieder, was Ihre Väter waren, nämlich Herr auf Derenberg. Ich habe bereits heute früh an Hellwig geschrieben wie die Dinge stehen, und ihn zu einer Conferenz mit mir nach S. bestellt, hauptsächlich zu dem Zwecke, um zu versuchen wie viel wir von den Ländereien Ihres Stammgutes, die ohnehin in keineswegs guten Händen sind, wieder erwerben können, um sie dem Ganzen hinzuzufügen; hoffentlich wird es zum größten Theile gelingen. Von Ihnen erwarte ich dafür, daß Sie sich – –“ er brach plötzlich ab; dann trat er zum Schreibtische und suchte zwischen Papieren umher.

„Ich habe nicht leichten Herzens mein Jawort gegeben,“ wandte er sich wieder zu dem jungen Manne und seine Stimme klang weich und leise, „denn ich fürchte, daß meine Tochter vielen Demüthigungen entgegen geht, aber sie wollte es nicht anders. – Ich kenne Sie eigentlich nur aus Ihrer Kindheit, denn als junger Mann haben Sie mein Haus nicht mehr betreten, aber das Wenige, was ich von Ihnen weiß, ist nicht gerade der Art, Ihnen mein Vertrauen rückhaltlos zu schenken. Sie sind bis jetzt getreulich in die Fußstapfen Ihrer Frau Großmutter getreten, die in Leuten meines Standes tief untergeordnete Geschöpfe sieht; Ihre Vorfahren – das weiß ich – dachten anders. Ich habe Ihnen jetzt das Liebste gegeben, was wir, meine kränkliche Frau und ich, auf der ganzen Welt besitzen, und dafür fordere ich, daß Sie mein Kind beschützen und hoch halten; ich will nicht, daß es von Ihrer Frau Großmutter so behandelt wird, wie Ihre unglückliche Mutter; dieses Versprechen kann ich von Ihnen verlangen, und Sie sollen es mir jetzt geben; sobald ich Thränen in den Augen meines Kindes sehe, mache ich Sie verantwortlich dafür. Werden Sie es versprechen können, Alles thun zu wollen, um mein Kind vor dem Hochmuthe jener Frau zu schützen?“

Er hielt ihm die Hand hin. Am liebsten wäre Army dem Manne um den Hals gefallen; Derenberg sollte wieder ihm gehören, sein schönster Traum wahr werden! Und doch lag ein drückender Alp auf seiner Freude.

„Lieschen soll es nie bereuen, daß sie mich vor einer dunklen Zukunft rettete,“ erwiderte er, als seine Hand in der Erving’s lag, „ich werde sie zu schützen wissen in jeder Weise – auch vor meiner Großmutter; ich muß sofort zu ihr.“

Ein rascher, forschender Blick Erving’s glitt über das Gesicht des jungen Mannes vor ihm; dieser schien ruhig, nur seine Augen blitzten erregt.

„Lassen Sie sich nicht fortreißen!“ ermahnte ihn der ältere Mann und legte die Hand auf die Schulter Army’s, „sie ist und bleibt die Mutter Ihres Vaters und das Alter soll man ehren. Ich verlange weiter nichts, als daß sie meinem Kinde nicht weh thut, im Uebrigen mag sie handeln, wie sie will. Also Ruhe, Army, hören Sie wohl? Sie ist eine alte Frau.“

Es war das erste Mal, daß er den jungen Officier beim Vornamen anredete. Fast gerührt sah dieser zu ihm auf; das war der Mann, von dem er einst in thörichtem Stolze gesagt hatte, er könne nicht unter seinem Dache verkehren, und jetzt sorgte er für ihn wie ein Vater; ihm verdankte er jetzt Alles, Alles, seine ganze Zukunft.

„Gehen Sie jetzt, Army!“ mahnte er, als dieser seine Hand ergriff und sie wortlos drückte, „und heute Nachmittag reisen wir. Gehen Sie – und noch einmal – Mäßigung!“

Er ging wie im Traume; dort oben am Ende der Allee tauchte das Schloß auf und das mächtige wappengeschmückte Portal. Er heftete einen Moment seine Blicke darauf, er kam sich heute so klein vor, so erbärmlich.

Er richtete den Kopf hoch, und ein Zug von Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, als er jetzt die Stufen der Treppe emporschritt, die zu dem Zimmer seiner Großmutter führte. Da kam ihm Nelly entgegengelaufen; ihre Augen leuchteten wie Sonnenschein.

„Wie geht es Lieschen, Army?“ fragte sie und schlang, auf einer Stufe stehend, beide Arme um seinen Hals. Er schaute ihr in das lachende Gesicht.

„Willst Du mir einen Gefallen thun, Kleine?“ fragte er, und strich ihr die Locken aus der Stirn. Sie nickte eifrig.

„Dann geh’ zu ihr – ja? Aber bald, gleich, und sage ihr, ich lasse sie grüßen und sie soll nicht mehr weinen, ich ließe sie sehr bitten darum – hörst Du?“ Er machte eilig ihre Händchen los und wandte sich ab; als er einen erstaunten, fragenden Ausdruck in ihren Zügen las, rief er zurück: „Geh’ nur bald! und bleib ein wenig bei ihr! Ich habe jetzt mit der Großmama zu sprechen.“ –

Aus dem Corridor huschte Sanna an ihm vorbei; ihr Gruß war etwas schnippisch.

„Kann ich die Großmama jetzt sprechen?“ fragte er.

„Ich war schon zweimal in Ihrem Zimmer, Herr Baron,“ erwiderte sie, „die Frau Großmama wartet mit Ungeduld.“

Er ging rasch an ihr vorüber und trat ein. Die alte Dame saß auf ihrem gewöhnlichen Platze am Kamin; sie grüßte flüchtig mit dem Kopfe und wies auf einen Sessel. „Du hast mich lange warten lassen,“ sagte sie.

„Ich hatte eine nothwendige Unterredung mit meinem zukünftigen Schwiegervater,“ erwiderte er, Platz nehmend, „er war so gütig, mir die Pläne für unsere Zukunft mitzutheilen.“

„Das Experiment ist also doch geglückt?“ fragte sie, seine eigenen Worte gebrauchend. „Nun, jedenfalls habt Ihr die Ringe noch nicht gewechselt; es läßt sich also über die Sache noch reden.“ Er machte eine ungeduldige Bewegung. „Du erlaubst doch, daß ich Dir noch ein paar Worte sagen darf?“ fragte sie.

Army verbeugte sich leicht und heftete seine Blicke plötzlich auf ein Briefblatt, das die schlanken Finger seiner Großmutter hielten; er kannte dieses starke cremefarbige Papier, und auf einmal schoß ihm das Blut siedend heiß zum Herzen.

„Zuerst,“ begann die alte Dame und nahm von dem neben ihr stehenden Tischchen ein zweites Blatt, „ist hier ein sehr liebenswürdiges Schreiben des Herzogs; er wünscht Deine Verhältnisse kennen zu lernen und verspricht mir, in jeder Weise sich für Dich zu interessiren; es ist das ein Versprechen, dessen Tragweite Du hoffentlich zu würdigen verstehst; Deine Stellung als Officier ist gesichert, Deine Carriere zweifellos.“ Sie sah ihn forschend an. „Mein Rath ist der, Du endigst diese lächerliche Farce da unten in der Mühle und reisest sofort nach S. ab.“

„Großmama,“ erwiderte er ruhig, „das kann unmöglich Dein Ernst sein.“

„Er ist es – gewiß!“ versicherte sie; „Du bist mit vollen Segeln in die obscursten Verhältnisse hinein gerannt, und ich möchte Dich daraus in standesgemäßere retten.“

„Standesgemäßere?“ fragte er, „schwerlich; die Verhältnisse, in die ich trete, sind die besten, die es giebt.“

„Vielleicht als Compagnon des Herrn Schwiegervaters – Lumpenmüller Numero Zwei! Nicht wahr?“

„Bitte Großmama, brechen wir das Capitel ab! Ich werde nie mein Wort zurücknehmen, selbst wenn mich Dein Vorschlag verlocken könnte – um so weniger aber, da ich ganz und gar keine Lust verspüre, zurückzutreten.“

„Dann gehe ich aus dem Hause!“ rief sie gereizt, „noch ehe Deine Frau den Fuß hineinsetzt.“

„Es sollte mir leid thun, Großmama, Du könntest mit ein wenig Güte so vieles gut machen; freilich wenn Du –“

„Es ist doch besser, daß ich gehe, meinst Du?“ fragte sie. „Gut, Army, ich will es auch; sieh hier, da ist ein Ausweg.“

Sie hielt ihm den crêmefarbenen Brief vor die Augen; er erkannte die zierlichen Schriftzüge seiner treulosen Braut, unwillkürlich trat er zurück. „Blanka?“ fragte er tonlos, „sie schreibt an Dich?“

„Weißt Du, was sie mir schreibt? Sie bittet mich, sie auf einer Reise nach Italien zu begleiten, weil der Oberst dienstlich verhindert ist, mitzugehen. Am liebsten würde ich ihr diesen Wisch mit den süßschmeichelnden Worte in’s Gesicht schleudern[WS 1] [856] aber unter diesen Verhältnissen giebt’s keinen andern Ausweg; ich nehme ihr Anerbieten an.“

„Du wolltest – Du könntest das? Du könntest zu ihr gehen, die mich betrogen hat, Großmama?“ fragte der junge Mann und faßte nach ihrer Hand.

„Es bleibt mir nichts Anderes übrig; ich mag nicht mit jenen Leuten dort unten Gemeinschaft haben; ich will es nicht, und ich thue es nicht,“ beharrte sie.

„Dann ist es freilich besser, Du gehst,“ sagte er leise und wandte sich um.

„Das ist also der Dank für all meine Liebe! Das ist die Erfüllung aller Hoffnungen die ich auf Dich gesetzt hatte!“ stieß sie hervor. Incredibile! „Wenn ich mir denke, Du dort unten im Comptoir auf dem Schreibstuhl des Herrn Schwiegervaters!“ fuhr sie athemlos fort, „schreibend und Geschäftsbücher führend, Du, der Du die Aussicht auf eine glänzende Carrière so unsinnig um die Ohren schlägst –“

„Ich müßte auch zufrieden sein, hätte mir mein Schwiegervater den Schreibstuhl angewiesen, aber er hat es besser mit mir gemacht, Lieschen bringt mir als Mitgift unser altes Familiengut zu, ich werde wieder Herr auf Derenberg sein.“

Er hatte langsam gesprochen und jedes Wort betont.

Sie wandte sich mit einem Ruck herum; ihre großen Augen sahen wie verschleiert zu ihm herüber, als glaube sie seinen Worten nicht. „Theuer genug erkauft!“ stieß sie dann mühsam hervor.

„Wieso?“

„Weil Du unaufhörlich an eine Frau gekettet sein wirst, die Deine Standesgenossen über die Achsel ansehen, und endlich, die Du nicht liebst, nie lieben wirst!“

„Wer sagt Dir das?“ fragte er, und ein feines Lächeln spielte um seinen Mund, „sollte das Letztere so unmöglich sein? Ich dächte, Du wüßtest das Gegentheil aus eigener Erfahrung. Denke doch an den verschollenen Großonkel Fritz und die schöne Lisett! –“

Die alte Dame antwortete nicht; sie setzte sich mit einer heftigen Bewegung in den Lehnstuhl zurück, und ihre Finger zerknitterten den Brief Blanka’s, aber ihr Gesicht war bleich geworden, so bleich, wie die Spitzen ihrer Haube.

„Mein Schwager hat nie daran gedacht, jenes Mädchen zu heirathen,“ sagte sie endlich, „darauf hin muß ich ihn in Schutz nehmen, es war so eine Liebschaft, wie Cavaliere sie zu Dutzenden zu haben pflegen; die Kenntniß dieser Geschichte sollte Dich erst recht von dem unsinnigen Gedanken abhalten, ein Mädchen aus jenem Hause zu Deiner Frau zu machen!“

„O nicht doch, im Gegentheil! Wenn mich etwas in meinem Beschluß noch bestärken konnte, so war es dies, ich mache dadurch in Etwas gut, was sinnloser Hochmuth und unedle Rache einst verbrach.“

„Diese dunklen Andeutungen sind mir gänzlich unverständlich,“ unterbrach sie ihn, und erhob sich erregt, „der Bruder Deines Großvaters war ein Mensch, der keine Direction über sich hatte, der ein lockeres, leichtsinniges Leben führte – er ist verkommen, Gott weiß wo? Er war ein Heuchler, der seine frivolen Gesinnungen unter der Maske eines biederen ehrenwerthen Exterieurs vortrefflich zu verbergen wußte; es thut mir leid, daß Du Dir eine Legende aufbinden ließest, in welcher dieser moralisirende Husarenofficier sammt jener Lisett die Rolle der Heiligen spielt. – Aber deshalb gerade, weil bereits einmal solch unpassende Beziehungen angeknüpft waren zwischen uns und Jenen dort unten, Beziehungen, die – Gott sei Dank! – durch ein höheres Einsehen zerrissen wurden, deshalb wiederhole ich Dir, werde ich nun und nimmermehr das Mädchen als Deine Braut betrachten, nun und nimmermehr ihr je meine Hand reichen, und bestehst Du auf Deinen Willen – gut, so gehe ich – ich weiß jetzt wohin“ – sie hob den Brief Blanka’s empor; „und obgleich es mir schwer wird, diesen Schritt zu der zu thun, die Dich betrog, ich ziehe ihn doch vor gegenüber der Aussicht, mit dieser Person in einem Hause zu leben.“

Ihre Lippen bebten, und ihre Augen funkelten im Zorn.

„Gut, so geh’, Großmama! Es thut mir leid, daß es so kommt, aber Du hättest das vollste Recht, zu sagen, ich sei kein Mann, ich sei ein weichlicher Träumer, dem das bischen Unglück den Arm gelähmt hat – wenn ich meinen Entschluß änderte; ich kann es nicht als Mann von Ehre, ich will es nicht, weil ich nicht so thöricht sein werde, eine ganze Zukunft voll Glück von mir zu werfen.“

„Du selbst heißest mich gehen?“ fragte die alte Dame athemlos.

„Nein, Großmama, am liebsten sähe ich, daß Du in meinem Hause friedlich weiter lebtest, aber da Du mich vor die Wahl stellst: Dich oder sie – so kann ich nur aus vollster Seele sagen: ‚meine Braut!‘“

Er hatte laut gesprochen, und die Worte hatten einen ehrlichen, freudigen Klang.

„Gut,“ erwiderte sie, „ich gehe, und wenn Du auf den Knieen vor mir lägest und Ihr Alle zusammen händeringend flehtet, ich sollte bleiben, ich werde dennoch gehen. Es ist schändlich; es ist unerhört –“ Sie riß mit zitternder Hast an der Glockenschnur und begann verschiedene Fächer ihres Schreibtisches auszuziehen; Briefe, Kästchen, kleine Schachteln flogen in wirrem Durcheinander hinaus.

„Meine Reisekoffer,“ befahl sie der eintretenden Sanna, „pack’ Deine Sachen auch! Wir reisen.“

In diesem Moment flog ein kleiner blitzender Gegenstand über den Teppich und blieb zu Army’s Füßen liegen; er hob ihn auf und betrachtete ihn – es war ein kleines goldenes Herz, zerkratzt und blind, und darauf standen die Buchstaben L. E. eingravirt. Er sah lange starr darauf hernieder; es war ihm nicht möglich, ein Wort zu sagen; er trat nur zu ihr und hielt ihr das kleine goldene Herz entgegen. Sie heftete die Augen darauf, dann stützte sie sich plötzlich fest auf die Platte des Tisches; die Röthe verschwand von ihren Wangen, und eine fahle Blässe breitete sich über ihr Gesicht. Kein Laut unterbrach die Stille, nur die kleinen Figuren auf dem Schreibtische klirrten leise; so fest lehnte sich die bebende Gestalt der Baronin darauf.

„Ich habe kein Recht, Dir Vorwürfe zu machen,“ sagte er endlich und zog die Hand, die den kleinen Gegenstand hielt, zurück, „Du bist die Mutter meines Vaters, und – es wäre auch nutzlos. Aber ich werde mich doppelt bemühen, an meiner Braut wieder gut zu machen, was Du einst verbrochen an einem jungen, liebreizenden Geschöpf; wollte Gott, daß es mir gelinge!“ Er wandte sich, um hinauszugehen.

Da trat ihm Sanna in den Weg. „Was wollen Sie von meiner Herrin?“ rief sie, „ich habe das goldene Amulet dem Baron Fritz genommen; ich allein that es; meine Signora ist unschuldig. Jagen Sie mich fort, Herr, aber nehmen Sie ihr nicht die Heimath, den einzigen Platz, wo sie ihr Haupt niederlegen kann!“ Das alte Mädchen war zur Erde geglitten und streckte ihm flehend die Hände entgegen; in ihren kalten, grauen Augen schimmerte eine Thräne.

„Ich weise Deine Gebieterin nicht fort,“ sagte Army, gerührt von der Treue der alten, harten Person, „im Gegentheil, ich –“

„Steh auf!“ befahl die Baronin erregt, „und thu’, was ich Dir geheißen – kein Wort weiter. Ich gehe noch heute!“

Misericordia!“ schluchzte die Alte in ihrer Todesangst, und ergriff die Falten des schwarzen Kleides ihrer Herrin, „lassen Sie mich mitgehen, Signora Eleonora! Ich sterbe ohne Sie.“

Er sah schmerzlich zu der gebietenden Gestalt hinüber, die da mitten im Zimmer stand, den Kopf stolz zurückgeworfen, scharf und feindselig blickten ihn die schwarzen Augen an, als stände ein fremder Bettler vor ihr, den sie hinausweisen wollte. Er hatte sie immer so geliebt, so bewundert, seine schöne Großmutter; selbst jetzt, da der Nimbus, mit dem sein Herz sie einst umgab, geschwunden war, selbst jetzt blieb diese Liebe Siegerin; er vergaß ihre Herrschsucht, ihre Schroffheit; er sah nur noch die stolze, imponirende Frau, die ihn einst mit abgöttischer Zärtlichkeit erzog.

„Großmama!“ bat er, und trat ihr einen Schritt näher, „laß es vergessen sein, was einst geschehen! Ich biete Dir die Hand, nichts soll Dich hier an Vergangenes erinnern –.“

„Geh’!“ bedeutete sie kurz, und ihre Hand winkte ihm, in ihrer stolzen und doch so graziösen Weise, den Abschiedsgruß; „geh’! Ich will allein sein; ich habe noch viel zu ordnen.“

Er trat zu ihr. „Leb’ wohl!“ sagte er, „und wenn Dich jemals das Heimweh treibt, so komme! Du wirst –“

„Adieu!“ fiel sie ein und entzog ihm die Hand, die er an den Mund führen wollte, „Du hast gewählt.“ Sie wandte ihm den Rücken.

[857]

Liebesfrühling auf dem Eise.
Original-Zeichnung von Kaldewey.

[858] „O der Fluch, der Fluch! O mio dio!“ schluchzte das alte Mädchen, das noch immer, die Hände ringend, am Boden kniete.

„Thörin!“ hörte er noch seine Großmutter sagen; dann fiel die Thür zwischen ihm und ihr in’s Schloß.



19.

Der letzte Tag im alten Jahre! hat er nicht etwas feierlich Wehmüthiges? Es ist Abschiedsstimmung, die das Menschenherz erfüllt, und ein banges Zurückdenken und Fragen, was gab uns das alte Jahr, wie viel nahm es uns, und was wird das neue bringen? Freude oder Schmerz, Glück oder herben Verlust?

Es giebt eine Zeit, in der man solche Fragen noch nicht stellt, eine Zeit, in der man glaubt, die Zukunft müsse schöner werden mit jedem Tage, wo der Garten unserer Träume stolze Blüthen in Menge trägt und wo man in seliger Ungeduld auf das Brechen der Knospenfülle wartet, um sich an einer märchenhaften Blüthenpracht zu berauschen; aber die Zeit vergeht, und Knospe um Knospe fällt welk zur Erde, nur wenige erblühen vereinzelt und zittern, daß auch sie der rauhe Hauch zerstöre, der ihre Schwestern traf. Und wer erst solche Blüthen fallen sah, der steht mit traurig fragendem Herzen an der Pforte eines neuen Jahres und faltet bang die Hände und fragt unwillkürlich, was wird die Zukunft mir bringen? Werden die Knospen unsrer Hoffnungen welken oder erblühen? Es ist traurig, wenn junge Herzen schon diese Frage thun müssen, wenn ein Reif im Frühling all’ diese sonnige, glückverheißende Blüthenpracht zerstört.

Es war Nachmittags gegen vier Uhr, als Lieschen die Unruhe nach dem Schlosse trieb; seit vier Tagen war Army mit dem Vater schon fort, und sie hatte noch keine Nachricht von ihm erhalten. Und heute war Sylvester, ein Tag, der sonst liebe Gäste in’s Haus geführt – aber heute? Der Vater nicht zu Hause, die Mutter so still, die Muhme traurig und Onkel Pastor und die Tante in tiefem Leid um ihren Liebling. Und sie?

Da schritt sie wieder die Allee zum Schlosse hinauf, sie mußte fragen, ob seine Mutter oder Nelly vielleicht Nachricht von ihm hatten? Der Brief des Vaters war so kurz gewesen; es habe sich Alles viel verwickelter herausstellt, als er geglaubt, schrieb er, und wann er zurückkäme, sei noch unbestimmt – kein Wort für sie über Army!

Sie mußte heute etwas von ihm hören. – Sie schaute während des Gehens durch das kahle Geäst der Bäume und die Allee hinaus zu dem Portal, das eben auftauchte. Am Himmel hingen schwere, graue Wolken, und eine unangenehm warme Luft zog ihr entgegen; bei der falben Beleuchtung sah das alte Schloß fast unheimlich düster aus, so leer, so verlassen, ein rechtes Unglücksnest, wie die Muhme sagte. Wie viel Jahre sind gekommen und gegangen über diese alten Dächer, und wie viele werden noch kommen und gehen, und was werden sie bringen? Es kehrt nimmer wieder, was man einmal verloren, und sie, sie hatte so unendlich viel verloren, den ganzen wundervollen Liebesfrühling! Von all’ den schimmernden Blüthen waren nur die Dornen geblieben, die sich in ihr wundes Herz gedrückt, kein süßes Glück an der Seite des geliebten Mannes, nur ein Leben in starkem Selbstvergessen, nur schmerzliches Lächeln, aber keine Liebe für sie. Und deshalb auch kein Brief.

Was sollte er ihr auch schreiben? Sie erinnerte sich, ihre Mutter einst gesehen zu haben, wie sie mit glücklichem Lächeln ein Päckchen alter Briefe öffnete, die in einem Kästchen sorgsam verwahrt lagen. „Die Briefe Deines Vaters,“ hatte sie gesagt, als das junge Mädchen sie fragte, „aus der Zeit, da wir noch Braut und Bräutigam waren.“ Welche Seligkeit dabei aus den Augen der Mutter leuchtete! Lieschen preßte die Hände auf die Brust und schritt rasch weiter.

Jetzt trat sie aus der Allee und lenkte ihre Schritte über den freien Platz, da hielt ein Wagen vor der Seitenpforte. Ein Wagen, wie kam ein Wagen hierher? Sollte Army –? Aber nein, dann wäre ja auch der Vater gekommen.

Sie schüttelte den Kopf, als sie um das Gefährt herum ging; es war ein jammervoller alter Kasten, jedenfalls ein Fuhrwerk aus dem Dorfe.

Sie ging in’s Schloß und blieb im Corridor plötzlich stehen; es schien ihr, als höre sie Stimmen und Tritte. In dem langen gewölbten Gange dunkelte es bereits, nur auf die breite Treppe, die nach oben führte, fiel ein mattes Licht durch die Fenster des Treppenhauses, das mit der großen Halle in Verbindung stand; wieder schritt sie zögernd weiter.

„Ihr habt es ja nicht anders gewollt,“ hörte sie die etwas schroffe Stimme der alten Baronin sagen, „Thränen finde ich jetzt bei Gott gänzlich überflüssig, Cornelie.“

Lieschen vernahm gleichzeitig ein Rauschen von Kleidern und leichte Tritte; auf der obersten Stufe erschien eben die alte Baronin, sich halb zurückwendend zu ihrer Schwiegertochter und Nelly. Sie war in einen ehemals gewiß kostbaren Sammetpelz gehüllt, und das stolze Gesicht schaute unbewegt wie gewöhnlich aus einem schwarzen Spitzenshawl, den sie sich um den Kopf gewunden hatte.

„Es ist die Sorge um Sie, Mamachen,“ sagte die jüngere Baronin, „bei diesem Wetter! Und Sie sind so von den Unbequemlichkeiten des Reisens entwöhnt.“

Reisen? Sie wollte reisen? Einen Moment zog ein helles Gefühl der Freude in Lieschen’s Herz.

„Die nothwendigen Consequenzen Eurer Handlungsweise, Cornelie,“ ertönte es wieder, „indeß sorge Dich nicht! Noch bin ich nicht so gebrechlich, daß ich – –“

„Es ist zu schnell gekommen, Mama, zu schnell.“

„Zu schnell? Ich habe mit Ungeduld die Augenblicke gezählt; ich wäre am liebsten noch in derselben Stunde abgereist.“

„Es wird mir namenlos schwer, Sie ohne eine Verständigung scheiden zu sehen.“

„Ich meine, die Verständigung habe ich am meisten gesucht, man wollte mich aber nicht verstehen. Denkst Du, mir wird es leicht zu gehen? Ich fühle das Traurige in diesem Moment mit aller Gewalt, so jammervolle Zeiten ich auch hier verlebt habe. Aber bleiben unter den Bedingungen, die mir der zukünftige Herr auf Derenberg stellte, bleiben, um ein Leben zu führen, wie er es mir bot, um den Preis, meine Grundsätze seinen neuen durchaus nicht aristokratischen Gesinnungen zum Opfer zu bringen – nimmermehr! Ich bin noch aus der alten Schule: Noblesse oblige!

„Sie geht meinetwegen,“ flüsterte Lieschen.

„Ich glaube, Army reiste ab, in der sicheren Hoffnung, Sie noch wieder zu finden, Mama,“ bat die Schwiegertochter.

Die alte Dame lachte plötzlich laut auf. „Dio mio!“ rief sie. „Er weiß sehr wohl, daß er mich nicht mehr hier findet, und es ist gut so; ich will ihn nicht wieder sehen. Er weist ein Anerbieten zurück, das ihm eine glänzende Carrière öffnet – –“

„Ich weiß,“ unterbrach die Schwiegertochter, „der Herzog –“

„Kein Wort mehr!“ fiel die alte Baronin ein; sie schritt vollends die Stufen hinunter.

„Bleiben Sie ruhig, Frau Baronin!“ sagte da eine bebende Stimme, und Lieschen beugte sich aus der Dämmerung zu ihr hinüber. „Bleiben Sie, es ist noch nicht zu spät; wenn es so steht, so – so gebe ich Army die Freiheit zurück; ich wußte ja nicht, daß sich noch ein Weg zu seiner Rettung aufgethan – –“ Sie verstummte und griff mechanisch nach dem geschweiften Geländer der Treppe. Die dunkle Gestalt der alten Dame vor ihr wich erschrocken zurück; Nelly aber war mit einem Sprunge neben der Braut ihres Bruders und ergriff ihre Hand.

„Was sprichst Du da, Lieschen?“ fragte sie, „was willst Du thun?“

„Das hätten Sie sich früher überlegen sollen, mein Kind,“ sagte die alte Dame scharf, „jetzt dürfte Ihre bessere Einsicht zu spät kommen.“

„Ich habe ihm helfen, ihn retten wollen,“ erwiderte Lieschen tonlos, „aber niemals wollte ich seinem Glücke im Wege stehen. – O, es ist gewiß noch nicht zu spät, Frau Baronin!“ rief sie flehend, als die alte Dame mit dem unnachahmlich stolzen Zurückwerfen des Kopfes an ihr vorüber schritt. „Bleiben Sie, bis er kommt, gnädige Frau, sagen Sie ihm, er habe keinerlei Verpflichtungen gegen mich! Ich selbst gebe ihn frei, damit er anderswo das Glück finde, das ich ihm ja doch nicht geben kann. Er liebt mich ja nicht. – O, bleiben Sie, bleiben Sie!“

Die alte Dame schüttelte die kleinen bebenden Hände nicht ab, welche den Sammet ihres Mantels erfaßt hatten; sie stand wie angezaubert und sah in das schöne Gesicht, das so verstört zu ihr aufblickte in der dämmerigen, unheimlichen Beleuchtung [859] des vergehenden Wintertages. Ihre Züge veränderten sich nicht; nicht eine Spur von Mitleid mit dem geängstigten Kinde leuchtete aus den schwarzen Augen; nicht ein Wort kam über ihre Lippen; sie ließ sie die Angst auskosten bis auf den letzten Tropfen.

Da schallte ein eiliger, wohlbekannter Tritt durch die Halle, und dort unten in der Dämmerung des Ganges erschien eine schlanke Männergestalt. Das junge Mädchen sah ihr mit trockenen brennenden Augen entgegen – er kam noch? Sie sollte ihn noch hier finden? Mußte ihr denn diese Stunde noch schwerer gemacht werden? Als wollte sie Nichts mehr sehen, um stark zu bleiben, schlug sie die Hände vor das Gesicht.

„Was geht hier vor?“ tönte jetzt seine Stimme hastig und wie aufgeregt in ihr Ohr, „meine Braut weint?“

Seine Braut! Wie namenlos weh ihr dieses Wort that – wäre sie doch fort von hier, tausend Meilen weit, um dieser Qual zu entgehen!

„Sie ist vernünftiger als Du,“ erwiderte die alte Dame, „noch einmal stehst Du am Scheidewege, denn sie ist bereit zurückzutreten –“

„Weil Du es ihr plausibel gemacht hast?“ fragte er grollend zurück.

„Nein, Army,“ unterbrach ihn seine Mutter, „Lieschen hörte zufällig, daß Großmama –“

„Was hast Du gehört, Lieschen?“ fragte er, den Arm um sie legend und sich zu ihr niederbeugend; wie weich auf einmal seine Stimme klang!

Sie antwortete nicht, aber die Thränen rollten ihr jetzt aus den Augen und flossen ihr über die schlanken Finger herab, die noch immer das Gesicht bedeckten. Sie sah nicht, wie ängstlich er sie anschaute, sie fühlte nur wieder den heißen brennenden Schmerz, daß sie ihn doch noch lassen müsse, daß selbst ein Leben ohne Liebe an seiner Seite noch ein Paradies sei gegen die Leere, die ihr entgegen starrte, wenn sie ihm entsagte.

„Lieschen,“ bat er, „Du könntest wirklich so – so vernünftig sein, wie die Großmutter eben behauptete?“

Sie nickte.

„Ja, ja!“ schluchzte sie, alle Selbstbeherrschung zusammennehmend, „ich wußte ja nicht, daß der Herzog Dir helfen wollte, sonst – ach, sonst, wäre ich ja niemals hierher gekommen, um – ich glaubte – ich, ich allein könnte Dich retten.“

„Das kannst Du auch,“ sagte er leise, „Du allein kannst es, kein Mensch weiter auf der ganzen weiten Welt.“

Er nahm ihr die Hände vom Gesicht und schaute in ihre verweinten Augen.

„Lieschen, wenn Du wüßtest, wieviel ich um Dich gesorgt –“

Sie schüttelte den Kopf.

„Mir schwebten,“ fuhr er fort, „ja beständig ein paar traurige blaue Augen vor, und eine längst vergangene traurige Geschichte von zwei eben solchen blauen Augen, die vor Kummer und Herzeleid gestorben sind; es packte mich mit Entsetzen, dachte ich daran, und meine Angst, meine Ahnung war doch nicht grundlos, beinah wäre ich zu spät gekommen – nicht wahr?“

„Nein, nein, Army, es ist Mitleid von Dir, Du weißt nicht, was Du hinwirfst, ein glänzendes Leben, eine stolze Carrière – laß’ mich! Noch ist es nicht zu spät,“ flehte sie ängstlich.

„Du thörichtes Kind, ich weiß ganz genau, was ich aufgebe, ich weiß aber auch, was ich dafür gewinne – das Beste, das Edelste, das Reinste, was die Welt hat.“

Es war still geworden in dem alten gewölbten Treppenhause, still und dunkel, unten fuhr eben polternd ein Wagen über das Steinpflaster. – Der letzte Tag des Jahres ging zu Ende, was wird das neue bringen?



20.

Die Erde stand im vollsten Frühlingsglanz. Das erste junge Grün schmückte Bäume und Sträucher; in Erving’s Garten blühten Narcissen und Flieder, der Goldregen bog sich über den Zaun, und der Rothdorn hing seine rosa geschmückten Zweige schwer hernieder unter all der Blüthenpracht; im Parke aber wiegte der laue Wind die jungen Blätter der Lindenbäume und küßte jedes Gräschen auf den weiten smaragdgrünen Rasenflächen, als wolle er ihnen erzählen von neuer Lust und neuem Leben. Und neue Lust und neues Leben verkündete auch der Wasserstrahl, der aus dem alten Sandsteinbecken krystallhell emporstieg, um rauschend und sprühend wieder herabzufallen. Wie einst vor langer Zeit, stand das Portal weit geöffnet, seine massiven gewaltigen Flügelthüren weit aufgethan, als wisse es, daß bald, in wenig Wochen, der glückliche Schloßherr sein junges schönes Weib über die alte Schwelle des väterlichen Hauses führen werde; von den Stufen der Treppe war der grüne Moosteppich verschwunden, und die beiden alten Bären schauten wunderlich trotzig unter ein paar mächtigen grünen Eichenkränzen hervor, die eine neckische Hand ihnen aus die ehrwürdigen Häupter gesetzt hatte.

Die langen Fensterreihen des Schlosses waren geöffnet, nur einige verhüllten dichte Vorhänge, diese Zimmer bedurften nicht der Frühlingssonne, denn ihre Bewohnerin fehlte; sie war fort, wirklich fort. Keine Wimper hatte gezuckt in dem stolzen Gesichte, als sie an jenem Sylvesterabend den elenden Wagen bestieg, der sie wegführte aus dem Orte, der Jahre lang ihre Heimath gewesen. Kalt und flüchtig hatten ihre Lippen auf der Stirn der Schwiegertochter und Enkelin geruht, wußte sie doch, daß dort oben im dämmerigen Corridor ihr Enkelsohn sich noch im letzten Augenblicke ein Glück gerettet, gegen dessen Schein alles Andere verblich und der ihre Augen blendete – und so schloß sie denn diese einst vielbewunderten Sterne, als sie an dem alten Portale vorüberfuhr, und ballte die feinen Hände, während sich Sanna aufschluchzend auf dem Wagen bog – vorbei, vorbei! Was wird ihr das kommende Jahr bringen?

Und nun wurde der junge Herr jeden Tag zurückerwartet. Er war bis zur Uebernahme des Gutes auf der Besitzung eines Freundes gewesen, um ohne Zeitverlust sich mit seinem Berufe vertraut zu machen. Da oben in dem kleinen verschlossenen Thurmzimmerchen stand Nelly mit dem alten Heinrich, die beiden runden Fenster waren ebenfalls weit geöffnet, und sie schaute mit glücklichem Lächeln hinaus über den Park, und ihre Blicke blieben an den im Sonnenlichte flimmernden Fenstern der Papiermühle haften, die wie in Blüthenpracht vergraben dalag.

„Schau, Heinrich!“ rief sie, „nun weiß ich auch, warum mein Bruder schrieb, wir sollten ihm gerade dieses Zimmerchen in Stand setzen.“

„O ja, hier ist eine gar schöne Aussicht,“ sagte der alte Mann mit einem verständnißvollen Lächeln in dem gefurchten Gesichte, „der Herr Baron wird gar nicht wieder hinaus wollen, wenn er erst einmal drinnen wohnt.“

„Es ist ja aber auch zu wunderhübsch hier!“ rief Nelly, sich in dem kleinen runden Gemache umschauend, „wie gemüthlich! Und die Aussicht!“

Heinrich schob ein paar altmodische Stühle, die um einen kleinen ovalen Sophatisch standen, zum hundertsten Male zurecht; „und nun noch die Eichenguirlanden um die Thür draußen, gnädiges Fräulein! Dann kann er kommen; dann ist Alles fertig, um und um. Ich hätte doch nicht gedacht, daß ich das noch erleben sollte,“ schloß er und schüttelte freudig den grauen Kopf, „es ist wunderbar auf der Welt, gnädiges Fräulein, ja wunderbar.“ – –

Auf der Mühle ging scheinbar Alles im alten Gleise weiter, nur die Hausfrau fehlte schon seit vielen Wochen, sie war mit der kranken Bertha des Oberinspectors nach Italien gereist, aber bald würde sie zurückkehren, hieß es, gesund und gekräftigt.

Die Muhme aber sorgte sich um ihren Liebling, sie sei auch eine gar zu stille Braut, meinte sie. Halbe Tage lang konnte das Mädchen sinnend und träumend vor sich hinschauen, am liebsten saß sie allein in ihrem Stübchen oben und ließ die Muhme sich plagen mit den gewichtigen Leinwandballen, die sie zum Zuschneiden und Nähen aus den alten Truhen hervorholte. „Es ist ihr Alles gleichgültig,“ murmelte sie betrübt vor sich hin, wenn ihre Augen über diesen wichtigen Schatz jeder Haushaltung glitten, „sie hat kein Interesse für ihre Aussteuer; das arme Kind, sie entbehrt so viel, sie weiß ja nicht, wie es ist, wenn Einen der Schatz so recht von Herzen lieb hat.“ Allabendlich aber, seit jenem Sylvester, falteten sich die alten Hände zum Dankgebet, daß die Baronin fort sei.

Und wieder senkte sich so ein Maiabend zur Erde, duftig und mondbeschienen, und wieder saß die alte Frau am Fenster ihrer kleinen Stube, die Hände gefaltet, und sann. Draußen rauschte wieder das Wasser in alter Melodie, die Schwärzwälder sagte dazwischen ihr einförmiges Ticktack und vom Hofe schallte der Gesang der Mädchen.

[860] „Wo ist nur Lieschen?“ fragte sie sich. „Ob er geschrieben hat, wann er kommt?“ Sie stand auf und trippelte aus der Stube, die Mondstrahlen huschten über das gute alte Gesicht und die schneeweiße Haube. „Lieschen!“ rief sie in das Wohnzimmer – keine Antwort, sie schritt zurück durch den dunklen Flur die Treppe hinauf. „Sie wird doch nicht weinen?“ dachte sie – sie schaute in das trauliche Mädchenstübchen – nirgend eine Spur von der Gesuchten. Kopfschüttelnd zog sie sich zurück und lenkte unwillkürlich ihre Schritte zu einer andern Thür, leise öffnete sie dieselbe, das Mondlicht füllte den kleinen Raum mit weißem flimmerndem Glanz, und in diesem silbernen Lichte, da stand unbeweglich die holde schlanke Mädchengestalt und schaute zum Fenster hinaus. Wie gebannt blieb die alte Frau stehen und sah zu dem lieblichen wohlbekannten Bilde hinüber, war es denn noch Jugendzeit? War das denn die Lisett wieder, die dort stand?

„Er kommt,“ jubelte da eine süße Stimme, „er kommt. Ich habe das Licht gesehen.“ Und leicht und zierlich war Lieschen an der alten Frau vorübergehuscht und dann wie ein holder Spuk verschwunden.

Richtig, da drüben schimmerte ein Licht im Thurmstübchen, die alte Frau stützte sich fest auf das Tischchen am Fenster und starrte hinüber, ihr Jugendtraum war wieder erwacht, „allgütiger Gott!“ sagte sie leise und die Hände verschlangen sich, „träume ich denn, träume ich?“

Und dann trieb es sie hinunter. Mit zögernden Schritten ging sie aus dem Hause; der Garten lag im weißen Mondlicht, und berauschender Blüthenduft hauchte sie an; wie einst in ferner, ferner Jugendzeit wandelte sie weiter, die Nachtigallen schlugen so heimlich, und von jenseits des Weges klang in zitternden Tönen das einförmige Concert der Frösche herüber. Jetzt trat sie auf den Kiesplatz vor der Laube – wirklich, es flüsterte da drinnen, leise schlich sie hinzu und bog die Zweige zurück, da saßen sie neben einander auf der Bank, sie hatte den Arm um seinen Nacken gelegt und ihr Gesicht an seiner Brust verborgen, und er küßte immer und immer wieder ihr braunes Haar und nannte sie mit den zärtlichsten Schmeichelnamen. Und jetzt hob sie ihr Gesicht, und in dem hellen Mondstrahl, der sie streifte, sah die alte Frau ein paar große blaue Augen, die mit dem Ausdruck reinsten Glückes an seinem Antlitz hingen, das sich ihnen entgegen bog.

Behutsam ließ sie die Zweige fallen und trat zurück – sie hatte genug gesehen. Leise, leise schritt sie wieder den Weg entlang, und dann und wann wischte sie die Augen mit dem Schürzenzipfel. Unter den Lindenbäumen vor der Hausthür lag tiefes Dunkel, sie setzte sich auf die Sandsteinbank und schaute zum Garten hinüber mit gefalteten Händen und die alten Lippen murmelten ein heißes Dankgebet; was sie kaum zu hoffen gewagt, es war Wahrheit geworden.

Von jenseits des Wassers erklang eine frische Mädchenstimme in all die Frühlingsmelodien hinein, ein helles Kleid schimmerte im Mondlicht, näher und näher kam der Gesang, und deutlich tönte jedes Wort in das Ohr der alten Frau:

Die Lieb’ kommt wie der Frühling leis,
Eh’ man gedacht der losen,
Und zaubert an ein welkes Reis
die allerrothsten Rosen.

Sie weckt die schönste Melodei
Im Herzen, das noch eben
An keine Ros’, an keinen Mai
geglaubt mehr hat im Leben.

„Lieschen! Army!“ rief sie dann laut in den stillen Garten hinüber, als sie unter den Lindenbäumen stand, „wo seid Ihr?“

Keine Antwort – nur die Nachtigallen sangen weiter. „Laß’ sie, Nelly,“ sagte eine alte Stimme neben ihr, und eine Hand zog sie nieder auf die Bank, „laß’ sie den Mai genießen! Es gab gar so viele Stürme, eh’ ihre Rosen erblühen konnten.“

Und das Mondlicht zitterte über den Wipfeln der Bäume, das Wasser rauschte, und „Gott erhalte ihnen die Rosen und den Mai!“ flüsterte noch einmal der Mund der alten Frau, „die Rosen und den Mai!“




Ueber Schiffscollisionen.

In längeren oder kürzeren Zeitabschnitten, aber immer und immer wieder kommt, wie noch jüngst, von der See her die unheilvolle Nachricht eines schweren Unglücks, das aus einer Schiffscollision hervorgegangen ist. Nun ist zwar anzunehmen, daß allwöchentlich solche Collisionen stattfinden, aber die Nachricht von ihnen dringt, wenn dabei keine größere Katastrophe eintritt, nicht über die Schranken des Seegerichts in weitere Kreise hinaus. Werden aber größere, vor allem Passagierschiffe von einem solchen Unglück ereilt und weitere Kreise dadurch in Mitleidenschaft gezogen, so bemächtigt sich die Aufregung hierüber auch des größeren Publicums und erfahrungsmäßig ist dieses jederzeit mit der Beurtheilung des Falles schnell fertig, indem es der Führung der Schiffe die Schuld in erster Linie beimißt, denn „hinten hat das Schiff ja ein Steuerruder, auf der Capitainsbrücke einen Capitain, ringsherum lauter unbegrenztes Wasser – warum sind sie also nicht ordentlich ausgewichen?“ So populär diese Auffassung ist, so ungerecht, aber auch so entschuldbar ist sie. Dem Binnenländer ist die See und alles, was damit zusammenhängt, eine fremde Welt, und es fehlen ihm alle Anhaltspunkte für ein irgend zutreffendes Urtheil.

Da nun die Collisionen von Schiffen nicht nur in der jüngsten Vergangenheit das Publicum in Aufregung erhalten haben, sondern auch unvermeidlich – der Leser wird das Warum? aus den nachfolgenden Zeilen ersehen – künftig noch manches Mal in Schrecken setzen werden, so wollen wir kurz und unter Vermeidung aller für das weitere Publicum weder verständlichen noch interessanten Detailausführungen die Gesichtspunkte zusammenstellen, unter denen eine Collision zu beurtheilen ist, Gesichtspunkte übrigens, deren Kenntniß die bisherige Beurtheilung des Publicums wesentlich wandeln müssen, da sie, so einfach an sich, doch in ihrer Verbindung dem Laien neu sind.

Fassen wir zunächst diejenigen in’s Auge, welche sich aus dem Weltschifffahrtsverkehr, seinem Apparat und seinem Wesen nach ergeben! Mit Errechnung der Küstenfahrt und aller Fahrzeuge geringsten Tonnengehaltes kann man die Weltflotte, das heißt Handels- und Kriegsmarine aller Nationen zusammen gerechnet – so weit eine Berechnung möglich ist – in runder Summe auf ungefähr 170,000 Fahrzeuge veranschlagen, eine Summe, die jährlich wächst und in ihrer imposanten Größe die Gefahr von Collisionen an sich wachrufen dürfte, stünde ihr nicht das unermeßliche Gebiet des Weltmeeres gegenüber. Die Zahl der verkehrenden Schiffe erhält erst eine verhängnißvolle Bedeutung da, wo an den Ufern stark gegliederter Continente hochentwickelte Culturvölker lebhafte Seefahrt treiben und in Folge dessen der Schiffsverkehr sich in einigen Gegenden wie in einem Brennpunkt vereinigt. Das hervorragendste Beispiel und zugleich das gefährlichste Fahrwasser bietet unser auch sonst durch seine Strömungen und Winde berüchtigter Canal. Wenn man bedenkt, daß z. B. allein die Elbmündung jährlich im Durchschnitt von 25,000 Fahrzeugen passirt wird, so kann man sich einen annähernden Begriff davon machen, welcher Schiffsverkehr auf der genannten Seestraße stattfindet. Zu den Gefahren eines gehäuften Verkehrs gesellt sich aber ein anderer bedenklicher Umstand: das beschleunigte Tempo unseres heutigen Güterumlaufes. Der Rheder verlangt von seinem Capitain um der Concurrenz willen eine möglichst schnelle Fahrt. Der gewissenhafte Capitain versucht nach Kräften, diesen Anspruch mit dem anderen an eine möglichst sichere Fahrt auszugleichen. Was geschieht? Bei der nächsten Fahrt überholt ihn ein anderer, weniger gewissenhafter College, und der Rheder bedauert achselzuckend, daß er bei weiteren solchen „langsamen“ Fahrten, auf die Verwendung des Capitains verzichten müsse. Dieser ist nun vor die Wahl gestellt: entweder mit Sicherheit seine Stelle zu verlieren und damit seine Existenz, die seiner Familie und überdies sein Renommée auf das Spiel zu setzen, oder zu riskiren, was Andere auch riskiren, und sich auf das gute Glück, daß Nichts passirt zu verlassen. Die menschliche Schwäche siegt, er wählt den letzteren Weg; das nächste Mal fährt er darauf los und – hat er gerade Unglück, so ist die Collision fertig. Wer wollte nun [861] den ersten Stein auf Capitain wie Rheder werfen, die dem Drucke des riesig gesteigerten Verkehrs unterliegen? Wir dürfen es gewiß nicht, die wir über den „abscheulichen Zeitverlust“ lamentiren, wenn der Zuganschluß oder das Telegramm sich um eine Viertelstunde verspätet. Wie schwer aber ist die Grenze zu bestimmen, wo ein wirklicher Leichtsinn an Stelle der Bedrängniß durch die Anforderungen des Verkehrs tritt!

Eine Reihe weiterer Veranlassungen zu Collisionen ergeben sich, wenn wir an die einzelnen Factoren der Fahrt selbst herantreten: – die Führung, Schiffsapparate, gesetzliche Bestimmungen und schließlich die unter den Begriff der höheren Gewalt zusammenzufassenden Eingriffe des Wetters, der See etc.

Unter diesen Factoren nimmt nun die Führung bei weitem die wichtigste Stellung ein. Es ist eine sonderbare Thatsache, daß das Publicum Eisenbahnunfälle mit stoischer Ruhe als ein unvermeidliches Uebel aufnimmt, während es über eine Collision von Schiffen sofort ein Geschrei wegen Nachlässigkeit etc. erhebt. Und doch, wie unendlich viel einfacher liegen die Verhältnisse einer Eisenbahn gegenüber denen der Schifffahrt! Kurz gesagt: es handelt sich in erster Linie gar nicht um die Frage, ob die Collision bei geringerer Nachlässigkeit seitens des Capitains zu vermeiden war, sondern darum, ob der Capitain überhaupt im Stande war, bei strengster Pflichterfüllung eine solche zu vermeiden. Denn dieses Vermeiden einer Collision ist unter Umständen eine der schwierigsten Aufgaben, welche der menschlichen Leistungsfähigkeit gestellt werden kann.

Fassen wir einmal die hier eine überaus wichtige Rolle spielende Frage der Entfernungen in’s Auge. Jedermann weiß, wie schwierig schon auf festem Lande unter Benutzung aller möglichen durch das Terrain gebotenen Anhaltspunkte die genaue Bestimmung einer Entfernung bleibt. Wie viel mehr auf dem Meere und zwar einem Schiffe gegenüber, von dessen Curs und Fahrgeschwindigkeit der Capitain sich ein möglichst klares Bild machen muß, da ein voreiliges Manöver leicht ebenso verhängnißvoll werden kann, wie ein zu spätes. Handelt es sich um ein Segelschiff, so kommt noch als weiter zu berücksichtigendes, höchst wichtiges Moment die Windrichtung in Frage. Ein Dampfer ist natürlich ganz anders Herr seiner Bewegungen, als ein Segelschiff; der erstere kann stoppen, wann und wie er will, das letztere gar nicht, ohne die Herrschaft über das Schiff vollständig zu verlieren, und zwischen Segelschiffen ist wieder eines, welches am Winde segelt, einem anderen, das mit dem Winde segelt, gegenüber im Nachtheil. Ist nun auch auf solche Uebelstände selbstverständlich die gesetzliche Instruction basirt, so reicht diese doch keineswegs aus. Hier nur ein Beispiel. Wie bei uns die Wagen auf den Chausseen, so haben Schiffe, welche in entgegengesetzter Richtung sich auf einander los bewegen, rechts auszuweichen, das heißt Backbord zu legen. Kann es etwas Einfacheres als diese Bestimmung geben? Und trotzdem hat sie gerade den Grund für eine Menge Processe abgegeben. Eine bekannte sophistische Vexirfrage lautet: wann hört ein Pferdeschwanz auf ein Pferdeschwanz, ein Sandhaufen ein Sandhaufen zu sein, wenn man immer nur ein Haar und ein Körnchen nach dem andern davon wegnimmt? Ebenso fragen wir: wann hört die Richtung des Schiffes auf, eine entgegengesetzte zu sein? Der Gesetzgeber hat diese Unsicherheit der Bestimmung empfunden und die Worte beigefügt: „oder in beinahe gerade entgegengesetzter Richtung“. Das macht die Sache aber statt besser nur schlimmer, und die Verwirrung wird noch größer, wenn die Gerichte, wie dies geschehen, in solchen Fällen widersprechende Sentenzen abgeben. Dieses Beispiel mag beweisen, wie vorsichtig der Laie bei Beurtheilung solcher Verhältnisse sein muß; auf jeden Fall aber ersehen wir daraus, welche Summe von schnellen Beobachtungen und Schlüssen einem tatsächlichen Handeln des Commandirenden vorausgehen muß.

Bisher hatten wir nur die Begegnung mit einem einzelnen Schiffe im Auge. Der Leser kann sich aber vorstellen, wie sehr sich die Situation verwickelt, wenn statt eines ein halbes Dutzend Schiffe in Frage kommt, sodaß der Capitain also z. B. dem einen Backbord ausweichen, das andere Backbord ansegeln, vielleicht aber bei Vermeidung beider ein drittes in Steuerbord bedrohen würde. Und daß man ein halbes Dutzend und mehr Fahrzeuge zugleich in Rechnung zu ziehen hat, ist z. B. auf dem Canal gar nichts Ungewöhnliches. Aber trotzdem erscheint auch diese verwickelte Situation noch einfach, so lange es Tag ist. Tritt nun gar die Nacht ein, so ist der Capitain lediglich auf die Beobachtung der Laternen angewiesen. Jedes Schiff muß drei Lichter zeigen, ein rothes auf der Backbord-, ein grünes auf der Steuerbordseite und ein weißes am Vormast. Als Grundsatz der hier eintretenden Manöver gilt nun zwar, Farbe an Farbe zu bringen, dies wird aber um so schwieriger, je mehr verschiedene Farben im Curs eines Schiffes auftauchen, dabei ist eine Berechnung des Curses und der Schnelligkeit der Fahrt der den Curs kreuzenden Schiffe, die bei Tage doch annähernd erreicht werden kann, auf ein Minimum beschränkt, ja oft unmöglich und erst in einer Nähe ausführbar, die bereits die Gefahr der Collision in sich schließt.

Hierzu kommen erschwerende Umstände äußerlicher Natur. So wird z. B. jedermann, der von einem helleren und einem matter leuchtenden Lichte die Distanz bestimmen soll, doch unbedenklich das erstere als das nähere, das letztere als das entferntere auffassen. In Wirklichkeit kann die Sachlage aber umgekehrt sein, indem das entferntere von einer in Ordnung gehaltenen, das nähere von einer schmierigen oder schlechtes Oel brennenden Laterne ausgeht, welche verderblichen Folgen das in seiner Rückwirkung auf das vorzunehmende Manöver haben kann, wird sich jeder selbst sagen. Auch die Unzulänglichkeit der menschlichen Sinnesthätigkeit, sowie überhaupt der menschlichen Natur spielt eine bedeutsame Rolle. In erster Beziehung brauchen wir nur an die Resultate der bei den Eisenbahnen angestellten Untersuchungen über Farbenblindheit zu erinnern. Aber auch schon der im ersten Schreck irrig oder ungenau abgegebene Ruf des auf Auslug stehenden Mannes, der plötzlich Lichter vor dem Schiff erblickt, vermag ein falsches Commando und damit die Collision zu bewirken. Daß nun ein zur nächtlichen Dunkelheit hinzutretender dichter Nebel und andere Witterungsverhältnisse die Gefahr einer Collision um so näher rücken, ist selbstverständlich.

Der Leser wird nach alledem zugestehen, daß wir nicht zu viel sagten, wenn wir aussprachen, die Vermeidung von Collisionen sei im gegebenen Falle eine der schwierigsten Aufgaben, die man der Ueberlegung und Geistesgegenwart eines Menschen stellen könne. Eine Reihe von keineswegs allzu einfachen Beobachtungen sind zu machen, diese zu einem klaren Bilde zu verbinden, hierauf gilt es, klar und entschlossen zu handeln, und das Alles unter einem doppelten, schweren Drucke, demjenigen der verzweifelt drängenden Zeit, denn es kann sich um Minuten, ja Secunden handeln, und demjenigen von Gesetzesparagraphen, in deren Rahmen die beobachtete Situation erst einzupassen ist. Und es ist doch wahrhaftig ein ganz anderes Ding, einen Gesetzesparagraphen vor dem grünen Tische anzuziehen und durchzuführen, als dies zu thun mitten im bangen Moment der Gefahr für Leib und Leben, Hab und Gut, Ehre und Zukunft, womöglich noch mitten in dunkler Nacht, umbraust von Sturm und Wogendrang. Zu alledem kann es aber noch geschehen, daß der Capitain selbst bei getreulicher Pflichterfüllung mit dem Gesetz in Conflict kommt oder durch dieses selbst der Collision eigentlich mit offenen Augen in die Arme getrieben wird! Ein Beispiel mag das verdeutlichen.

Bei gewissen Stellungen der sich begegnenden Schiffe zu einander schreibt das Gesetz dem einen vor, in seinem Curs zu verharren, während das andere auszuweichen hat. Der Capitain des ersteren Schiffes hält also, der gesetzlichen Vorschrift entsprechend, Curs; drüben auf dem anderen Schiffe ist aber von dem Manöver, welches diesem gesetzlich zufällt, Nichts zu bemerken - es weicht nicht aus; immer näher rückt der Moment, wo die Gefahr der Collision in die Wirklichkeit tritt - das Schiff gegenüber weicht nicht aus, jetzt ist die Gefahr da, dringend da, und nun sucht der Capitain des Schiffes, welches bisher ruhig seinen Curs halten sollte, sich noch durch ein selbstständiges Manöver zu retten, zumal, wenn sein Schiff das schwächere, also beim Zusammenstoße gefährdetere ist. Da, in der letzten Minute, macht das Schiff gegenüber die vom Gesetze vorgeschriebene Bewegung, allein zu spät, die Collision ist da. Sie kommt später vor dem Seegericht zur Aburtheilung und - der unschuldige Capitain, der, welcher ursprüglich in Ausführung der gesetzlichen Bestimmung seinen Curs einhielt, wird verurtheilt, denn er hat diesen schließlich, gegen das Gesetz, geändert.

„Ja,“ sagt er, „ich mußte es thun, denn der Andere wich nicht aus, wie er sollte.“

[862] „Ich bin allerdings ausgewichen,“ behauptet der Andere.

„Aber zu spät,“ sagt der Erste.

Die ganze Verhandlung spitzt sich also auf die Frage nach der Distanz zu - wer aber soll nachträglich diese noch feststellen? Es bleibt Nichts als der Thatbestand, daß der Eine seinen Curs gegen das Gesetz geändert, der Andere das Manöver ausgeführt hat, und der unschuldige Capitain bleibt der Verurtheilte. Dieser Sachverhalt ist klar, und er zeigt dem Leser, daß man die gesetzlichen Bestimmungen nur als einen Rahmen betrachten darf, in dem möglichst viele Constellationen gruppirt zu werden vermögen, aber ein absolutes Mittel zur Verhütung von Collisionen möge man darin ja nicht suchen.

Nun wird bei dem oben angeführten Beispiele dem Leser doch noch ein Punkt unklar bleiben. Warum wich das andere Schiff nicht aus, wie es sollte? Kann das öfters vorkommen, und ist nicht lediglich leichtsinnige Führung schuld? Nun, zunächst giebt es auch Möglichkeiten genug, wo eine eigentliche Schuld nicht vorliegt, wie z. B. wenn alle Mann aus einem Segelschiffe mit einem der complicirten Manöver beschäftigt sind und das ansegelnde Schiff nicht bemerkt wird, oder wenn das eine Schiff, namentlich bei Nacht, sich im Curse des anderen irrt, wie wir oben schon ausführten, u. dergl. m. Nächstdem ist allerdings der Leichtsinn ein weiterer Motor und namentlich in der Weise häufig, daß das betreffende Schiff, vorausgesetzt, daß es das stärkere ist, sein Ausweichungsmanöver eben nur so weit ausführt, wie es die alleräußerste Nothwendigkeit erheischt. Aber es giebt leider noch schlimmere Motive für ein Nichtausweichen, als eine leichtsinnige Führung, Motive welche uns in die Tiefen menschlicher Brutalität und Niederträchtigkeit blicken und schließlich bei einer Thomas’schen Dynamituhr anlangen lassen.

So unglaublich es dem Leser klingen mag: der Capitain manchen Dampfers – und namentlich sind die Engländer hierin in schlechtem Rufe – fährt ein kleineres ihm begegnendes Schiff mit kaltem Blute in den Grund, aus keinem anderen Grunde, als weil er es in Uebermuth und Trotz dem Schwächeren gegenüber nicht für der Mühe werth hält, vom Curse abzuweichen. Und wie hier die Bestie im Menschen, so ist es in einem anderen Falle die Berechnung des Verbrechens, welche das Steuer führt: der gewissenlose, bankerotte Rheder will eine Collision des gut versicherten Schiffes, er hat am Capitain einen Spießgesellen gefunden, und was man am Lande ein Actienfeuer zu nennen pflegt, nimmt hier die Gestalt der Collision an, wenn die Möglichkeit nicht vorhanden ist, das Schiff auf andere Weise in unverdächtige Havarie zu bringen. Wie hier gerade der Capitain mit einigem Geschick den Gesetzesparagraphen zur Verdeckung des Verbrechens verwenden kann, haben wir soeben an einem Beispiele gesehen.

Soweit die Möglichkeiten und Bedingungen einer Collision, insofern die Führung in Frage kommt! Was nun die aus der Construction des Schiffes hervorgehenden Ursachen betrifft, so haben wir bereits darauf hingewiesen, daß das Segelschiff gegenüber dem Dampfer und das kleinere Schiff gegenüber dem größeren im Nachtheil ist. Ein ganz specieller Fall aber darf nicht unerwähnt bleiben, da er den Grund zu mancher Collision gegeben hat und voraussichtlich noch geben wird: die Verschiedenheit des Steuercommandos, der zufolge die das Mittelmeer befahrenden Schiffe der Franzosen, Italiener, Oesterreicher, Spanier, sowie die der scandinavischen Reiche das Steuerrad auf das Commando Backbord nach Backbord, also nach links, alle übrigen Nationen dagegen nach rechts drehen. Da es nun Sitte geworden ist, um Mißverhältnissen im Commando zu begegnen, dasselbe mit einer entsprechenden Armgeste zu begleiten, so wird nur allzu leicht z. B. folgender Fall eintreten: der Lootse ist gewohnt bei Commando Backbord das Steuerrad nach links zu drehen, der Mann am Steuer aber nach rechts, hebt der Lootse nun den Arm links, eine Drehung nach links beabsichtigend, so dreht der Mann am Steuer nach rechts, und das Unglück ist fertig.

Dem Leser dürfte bei einer solchen Perspective anfangen unheimlich zu werden. Indessen darf man sich die Sache nicht so vorstellen, als mache das Schiff die Fahrt unausgesetzt zwischen solchen Möglichkeiten. Diese werden sich überdies vermindern, und zwar ist in dieser Beziehung zunächst zweierlei zu wünschen: erstlich, daß alle einschlägigen Einrichtungen und Bestimmungen einen internationalen Charakter erhalten, was bis jetzt durchaus noch nicht der Fall ist, und zweitens, daß weitere Erfindungen eine größere Vervollkommnung der in Frage kommenden Apparate gestatten.

Wenn z. B. die neueren Erfindungen in Bezug auf Herstellung eines billigen und ausgiebigen elektrischen Lichtes sich bewähren, so wird davon die Sicherheit der Schifffahrt einen gewaltigen Nutzen ziehen, denn nicht nur werden die Signallichter dadurch eine größere Leuchtkraft und Einheit erlangen, sondern es wird wohl auch möglich werden, durch eine unter Deckniveau, vielleicht unterhalb des Bugspriets befindliche Laterne, welche ihr Licht nicht in See hinaus, sondern rückwärts auf den Rumpf des Schiffes wirft, diesen so grell zu beleuchten, daß man bei Nacht deutlich Curs und Fahrt auf bedeutende Entfernung beobachten kann. Es wäre dies um so leichter durchzuführen, als das elektrische Licht von so mancher erschwerenden Bedingung unserer bisherigen Beleuchtung unabhängig ist.

Ein anderer tröstlicher Gedanke entspringt dem Umstande, daß auf der Seestraße, auf welcher man wegen ihrer Frequenz in hervorragender Weise Collisionen ausgesetzt ist, naturgemäß auch die Aussicht auf Hülfeleistung und Rettung eine entsprechend größere sein muß. Dieser Umstand ist leider bei Ausrüstung unserer Dampfer, speciell der Passagierdampfer, noch durchaus nicht genügend berücksichtigt. Namentlich sind es zwei Punkte, die aus den Erfahrungen der letzten Zeit in Erwägung genommen werden sollten. Zunächst die Thatsache, daß, wenn der Einzelne sich längere Zeit über dem Wasser zu halten vermochte, die Möglichkeit seiner Rettung stieg. Dies weist deutlich auf die Nothwendigkeit hin, jedem an Bord Befindlichen einen leichten und sofort erreichbaren Rettungsgürtel oder besser noch eine für diesen Zweck präparirte Korkjacke zur Verfügung zu stellen, über deren schnelle Anlegung der Passagier nach der Abfahrt praktisch unterrichtet werden müßte.

Ein zweiter Punkt ist die namentlich bei Nachtzeit noch gesteigerte Verwirrung, welche durch die Passagiere erzeugt wird. Dieser Uebelstand aber beruht wesentlich darauf, daß man gewöhnt ist, den Passagier als ein hülfloses Packet anzusehen und in keiner Weise zur Selbsthülfe heranzuziehen. Zweifellos würde es sich als praktisch bewähren, wenn man die Rettungsboote numeriren und die Nummern vertheilt außerhalb und innerhalb der Kojen, sowie abtheilungsweise im Zwischendeck anbringen würde, sodaß je eine Gruppe von Passagieren gewissermaßen die Besatzung eines bestimmten Boots bildete, mit welchem ihre Platznummer correspondirt. Schon daß der Passagier fortwährend die Nummer der Koje sähe, bei jeder Promenade auf Deck an seinem Boote vorüber passirte, würde dem Strom der Passagiere, welcher sich im Moment der Gefahr über Deck ergießt, eine gegliederte Richtung geben. Dazu könnte man noch eine Reihe weiterer Maßregeln fügen, z. B. daß man die Passagiere von Nr. l mit denjenigen aus den Mannschaft, welche mit der Führung von Rettungsboot Nr. l im Voraus betraut wären, gleich bei Beginn der Fahrt bekannt machte. Auch ein täglicher Appell der männlichen Passagiere vor ihrem Boot, wobei sie stets genau denselben Weg von ihrer Koje dahin einzuschlagen hätten, würde sich in der Stunde der Gefahr vortrefflich bewähren. Dem Uebelstande, daß die Schiffskellner erst die Passagiere einzeln wecken müssen, wäre durch zahlreiche in den Kojen und dem Zwischendeck angebrachte elektrische Weckapparate abzuhelfen, die von der Capitainsbrücke und nur im Fall der Gefahr in Bewegung gesetzt würden, so daß sie eine ähnliche Aufgabe hätten wie das Abfeuern von Breitseiten auf der Kriegsmarine.

Endlich müßte auch eine sofortige grelle Beleuchtung des Decks, vielleicht durch während der Fahrt verkappte oder auf elektrische Selbstentzündung eingerichtete Laternen, stattfinden, wobei ganz besonders eine scharfe Beleuchtung der respectiven Bootsnummer vorzusehen wäre. Daß dann auch, ähnlich wie auf den Eisenbahnen, in jeder Koje Vorschriften bezüglich dieser Maßregeln in einem Reglement anzubringen wären, welches in mehreren Sprachen abgefaßt ist, versteht sich von selbst. Nun, es sind das eben einzelne herausgegriffene Vorschläge, welche, angesichts der jüngst wieder so schmerzlich empfundenen Gefahr von Schiffscollisionen, bezeugen mögen, daß hier weitere Sicherungsmaßregeln nicht nur geboten, sondern auch möglich sind.



[863]
Pariser Straßentypen.
Von Ernst Eckstein.
(Schluß.)

Unbekannt mit den Stimmungen, die wir in Nr. 49 gezeichnet haben, ist der Porteur de farine der Mehlträger, der sein Mehl und die Glanzlosigkeit seines Daseins mit horazischer Gleichmüthigkeit trägt und keine Bedürfnisse kennt, als eine dampfende Kohlsuppe mit Speck und ab und zu einen Schluck vor der Zinkplatte des Weinverzapfers. Der Porteur de farine ist eine grobknochige, bäuerische, wenig intelligente Erscheinung. Dafür glänzt er durch einen unverkennbaren Ausdruck von Gutmüthigkeit und seelischer Harmonie. Eigenthümlich ist ihm der gigantische hellgraue Filzhut, der fast an die Kopfbedeckung spanischer Geistlicher anklingt. Beugt er den Kopf vor, so stellt dieser Filzhut gleichsam eine Verlängerung des Rückens dar. In der That schleppt der Porteur de farine seine wuchtigen Mehlsäcke mit Kopf und Schultern, ein Atlas im Dienste der großstädtischen Ernährung.

Der Mehlträger spricht in der Regel einen ziemlich unpariserisch klingenden Dialekt. Dabei ist er ein Meister des kraft- und stoffgewürzten Wetterns und Fluchens.

Wie artig und gentlemanlike führt sich dagegen der Garçon de café, der Kellner des Kaffeehauses, bei seinen Gästen ein! Jede Bewegung ist bon ton Discretion, Tact, seine Zurückhaltung. Er servirt uns die halbe Tasse, etwa wie ein junger Poet seiner Angebeteten ein Sonett überreicht. In der graziösen Stellung eines Finanzministers, der seinem Könige Vortrag hält, wartet er, bis wir die carte du jour studirt und die Gerichte für unser Diner gewählt haben. Sind wir Stammgäste, so macht er uns auf die Vorzüge von sole au gratin oder auf die Hechtpastete besonders aufmerksam. Für diese Liebenswürdigkeit erwartet er beim Schluß unserer Tafelgenüsse eine Verdoppelung des üblichen Trinkgeldes.

Wenn irgend Jemand im Stande wäre, eine authentische Chronik seines Jahrhunderts zu schreiben, so ist dies der Garçon de café. In der Maison dorée, bei Tortoni, bei Béfour, bei Brébant verkehrt so zu sagen die ganze Weltgeschichte. Gar manche große Dame von unberechenbarem Einfluß auf die Pariser Gesellschaft hat hier in verschwiegener Stille soupirt, mit dem Grafen X. oder dem Herzog von Z., der ein ganz vortrefflicher Mann, aber zum Leidwesen der Ethik nur nicht der ihrige war. Der Garçon de café sieht das Alles und weiß das Alles. Kein Schleier ist ihm zu dicht, kein Geheimniß zu unergründlich; aber er lächelt nur ganz flüchtig und verstohlen mit den diplomatisch geschnittenen Mundwinkeln, bringt die kalten getrüffelten Hühner, entkorkt die staubigen Pomardflaschen oder den für solche Soupers unvermeidlichen Schaumwein – und schweigt.

Auch mit dem Omnibusconducteur und seinem Vorgesetzten, dem Inspecteur macht der Fremde, der sich einigermaßen zu orientiren weiß, schon nach kurzer Frist nähere Bekanntschaft, zumal wenn die Droschkenkutscher die unerhörte Thorheit begehen, zur Zeit der allgemeinsten Nachfrage zu streiken. Der Omnibusconducteur trägt eine dunkelblaue Uniform, ein Käppi (képi), eine Geldtasche und verschiedene Bücher und Listen. Bei dem Inspector nähert sich diese Uniform etwas mehr dem üblichen Gesellschaftsanzug. Insbesondere ist die kurze Jacke des Conducteurs mit dem Rock vertauscht. Die meisten Omnibusconducteure von Paris haben eine gewisse Familienähnlichkeit; sie erinnern an die Soldatentypen des „Journal amusant“; nur daß der Pionpion – so heißt der Infanterist im französischen Volksmunde – etwas weniger Intelligenz beurkundet. Der Omnibusconducteur ist durch einen Paragraphen des Reglements ausdrücklich zur Galanterie angehalten. Damen und älteren Personen muß er beim Ein- und Aussteigen in discreter Weise behülflich sein. Die fortwährende Ausübung dieser schönen Pflicht verleiht seinem Wesen jenen Hauch wahrer Humanität, den man sonst auch bei Lootsen und Feuerwehrleuten bemerkt.

Im Dienste der Humanität stehen auch die Barmherzigen Schwestern (Soeurs de charité), schlichte Gestalten in großmächtigen Flügelhauben, deren schneeige Zipfel man gar häufig wie ungeheure Schmetterlinge durch das Gedränge der Großstadt einherflattern sieht. Diese Soeurs de charité bilden ihrer äußerlichen Physiognomie nach gewissermaßen ein Pendant zu den Mehlträgern. Eine staubgraue Biederkeit liegt über den keuschen Gewändern. Ist die Soeur de charité hübsch oder gar schön, so gewährt ihr Anblick etwas ungemein Rührendes, ist sie häßlich – und sie ist es nur allzu oft – so nimmt man doch den Eindruck des Ehrbaren und tugendhaften mit hinweg, und das will auf den großen Boulevards, wo so viele sociale Mißgestalten umher wandeln, immer etwas besagen.

Nicht ganz so streng nach den Geboten der Kirche, wie die Barmherzige Schwester, lebt der Pariser Student und seine übermüthige Gefährtin, Grisette geheißen. Die eigentliche Grisette – so betitelt nach dem gleichnamigen grauen Wollstoff, der ehedem bei den Pariser Arbeiterinnen sehr beliebt war – gehört zu den wenigen Typen der französischen Hauptstadt, die von Tag zu Tag seltener werden. Die Grisette von Ehedem war nicht schlimmer als Hunderte unserer deutschen Putzmacherinnen und sonstigen Kleinbürgermädchen, die in der Woche tüchtig und ehrlich arbeiten und des Sonntags einen „Schatz“ haben, mit dem sie in’s Grüne fahren oder zum Tanz gehen. Die Grisette, wie sie uns Henri Murger schildert, war das einfachste, schlichteste, harmloseste, uneigennützigste Geschöpf von der Welt. Ein Blumenstrauß oder, wenn’s hoch kam, eine Schleife für das reiche, nußbraune Haar machte sie überglücklich. Ja, es sind Fälle bekannt, in denen eine solche Grisette die großartigsten Züge von Selbstverleugnung und Aufopferungsfähigkeit an den Tag legte. Uebermuth und Leichtsinn waren ihre einzigen Fehler. Die strenge Moral, die zu dem Urtheil geneigt ist, diese beiden Fehler seien gerade genug, um ein Mädchen verächtlich zu machen, diese Moral wird, um gerecht zu sein, immerhin den großen Unterschied zwischen der Lebensauffassung des französischen Volkes und der des deutschen berücksichtigen müssen. Der Franzose denkt über gewisse Dinge freier und gleichmüthiger als wir, ganze Culturepochen haben ähnlich gedacht, wir sind also nicht befugt, an das Individuum einer fremden Nationalität den Maßstab unserer subjectiven Meinung zu legen. Unsere jungen Wittwen, die sich nach Ablauf des Trauerjahres höchst vergnüglich zum zweiten Male verheirathen, erscheinen dem Inder als der Ausbund sittenloser Entartung, und wer weiß, ob die wahre Ethik für diese Auffassung nicht mehr Anhaltspunkte darböte, als für Manches, was der gebildete Europäer moralwidrig findet. Kurz, die Grisette von Einst war just keine Heilige, aber doch nach französischen Begriffen ein ganz reputirliches Frauenzimmer. Leider gehören solche Exemplare neuerdings zu den Ausnahmen; aber sie sind keineswegs, wie die Boulevardsblätter behaupten, vollständig ausgestorben. Noch jetzt begegnet man der seltenen Species in der Rue de Buci und im Jardin du Luxembourg, wie sie lustig am Arm ihres flotten Ritters einherschreitet, frisch, blühend, einfach aber geschmackvoll gekleidet, und von unverwüstlicher Heiterkeit.

Gehört die Grisette zu den types qui s’en vont, wie der Franzose sagt, zu den Typen, die allmählich verschwinden, so erhalten sich zwei andere Erscheinungen des Pariser Straßenpflasters, der Marchand de coco und die Plaisir-Verkäuferin, mit unausrottbarer Zähigkeit.

Der Marchand de coco verkauft eine Art Süßholzwasser, das er in einem seltsam ausstaffirten Blechapparat auf dem Rücken trägt und aus einer Röhre zapft, die unter seinem Arm hervorgeht. An heißen Tagen hört man unaufhörlich sein monotones Geklingel, durch das er die Vorübergehenden zum Genuß des kühlenden, für unseren Geschmack aber höchst widerwärtigen Trankes einladet.

Die Plaisir-Verkäuferin bietet in einer großen Blechkapsel ein oblatenartiges Gebäck, „Plaisir“, feil. Wie der Cocohändler durch die Schelle, so macht sie sich durch eine hölzerne Klapper und durch ein ohrenzerreißendes Plärren bemerklich.„Voilà l’plaisir, Mesdames, ré-ga-lez-vous, Mesdames! Voilà le plaisiiiir!“ So tönt es unaufhörlich von den runzligen Lippen. Die Plaisir-Verkäuferin ist nämlich stets alt und häßlich. Die unschöne Kleidung und der schleppende Gang steigert den unerquicklichen Eindruck. Nur Eine kannte ich, die etwas Majestätisches

[864]

Pariser Straßentypen. Originalskizzen von H. Vogel.

Mehlträger. Im Kaffeehause. Straßenjungen. Student und Grisette.
Omnibuspersonal. Barmherzige Schwestern. Coco-Zapfer und Plaisir-Verkäuferin. Lumpensammler.

[865] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [866] hatte, das Hünenweib vom Boulevard Saint-Michel; wenn diese unvergleichliche Dame klappernd und schreiend am Luxembourg-Garten vorüberwallte, so klirrte das Gitter.

Auch der Pariser Straßenjunge ist typisch. Unbekümmert um den Lärm und das Gedränge der Passanten betreibt er sein dolce far niente, wo immer sich eine Rampe oder ein Prellstein oder eine öffentliche Bank ihm darbietet. Läßt sich auf dem Trottoir der minder belebten Straßen der nöthige Raum erobern, so improvisirt er sein Lieblingsspiel: er wirft mit Soustücken nach einem gleichfalls durch Soustücke markirten Ziel, und bestrebt sich, den Mitspielern die Wurfgeschosse abzugewinnen. Neidisch und sehnsüchtig blickt der Laufbursche des Pâissiers, der mit seinen Kuchen- und Confecttrommeln vorüberkömmt, auf diesen köstlichen Zeitvertreib. Wehmüthig gönnt sich der Setzerjunge einen Augenblick Rast, um einen „Gang“ des interessanten Spiels zu beobachten. Beide können von Glück sagen, wenn sie zu all ihrer Wehmut nicht obendrein gehöhnt, geneckt oder gar mit Ohrfeigen regalirt werden. Aus dem Pariser Straßenjungen, diesem kecken, gescheiten, aber nur allzu oft nichtsnutzigen Bengel, entwickelt sich im Lauf der Jahre die „weiße Blouse“, die in politisch aufgeregten Zeiten haufenweise über die Boulevards schreitet und „A Berlin!“ brüllt. Auch der gerechte und vollkommene Petroleux war in der Regel ein ausgezeichneter Souwerfer.

Zum Schluß eine düstere Nachtgestalt. Wenn die Sonne längst hinter dem Arc de triomphe zur Ruhe gegangen, wenn das großstädtische Leben merklich zu ebben beginnt, dann kriecht aus seinen Winkeln in der Rue Saint Jacques und dem Quartier Mouffetard der Lumpensammler, chiffonnier auf dem Rücken den mächtigen Korb, in der Hand den Stock mit dem Haken, vermittelst dessen er aus den Kehrichthaufen, die man Abends aus allen Häusern auf den Straßendamm schüttet, die irgend verwendbaren Fetzen und Lappen mit wunderbarer Gewandtheit über die Achsel in den großen Behälter schleudert. Der Lumpensammler und die Lumpensammlerin – denn auch eine große Anzahl von Frauen liegt diesem Berufe ob – gewähren äußerlich ein unerfreuliches, mitleiderweckendes Bild, aber man täuscht sich, wenn man den Chiffonnier für einen besonders schwer überlasteten Dulder hält. Es giebt Chiffonniers, die während der drei oder vier Stunden ihrer Berufsthätigkeit vier bis fünf Franken verdienen, das heißt also genau ebenso viel, wie mancher fleißige Arbeiter während des Tages. Da der Chiffonnier überdies nicht zu repräsentiren braucht, sondern in Lumpen läuft, so kann er von dem Ertrag seiner Arbeit manchen klingenden Sou für den „Luxus“ verwenden. In der That giebt es unweit der Barriere eigene Bälle für Lumpensammler, wo es hoch hergehen soll bei Cognac und kräftigem Macon. Hier wie in der moralischen Welt besteht die alte Wahrheit zu Rechte: wer sich nicht scheut, seinen Unterhalt im Kehricht zu suchen, der kommt häufig besser fort als der „Vorurtheilsvolle“, der auf Ehre und Anstand hält. Jeder nach seinem Geschmack!



Eine ärztliche Gala-Consultation in Japan.

Während meines mehrjährigen Aufenthaltes in Japan fehlte es mir neben meiner medicinisch-chirurgischen Lehrthätigkeit an der Akademie in Tokio (Yedo) nicht an Gelegenheiten, bei welchen deutsche und amerikanische Bewohner der Fremdencolonie, mitunter selbst Patienten in dem benachbarten Yokohama, sich an meine Hülfe wandten. Der deutsche Arzt, besonders wenn er nicht blos auf gut Glück „hinauskommt“, sondern in irgend einer Form berufen wird, hat das Renommée einer gründlichen Vorbildung und größeren Gewissenhaftigkeit fast in allen überseeischen Colonien auf seiner Seite. So bleibt es nicht aus, daß die deutschen Landsleute bald einen Stamm der Patienten bilden, an den sich Amerikaner, Franzosen, Italiener, Russen, Holländer etc. – seltener Engländer – in buntem Wechsel anlehnen. Trotz dieser relativen Gewöhnung daran, Klagen in fremden Zungen zu vernehmen, sich den Bedürfnissen und Gewohnheiten der Kranken erst vorsichtig anpassen zu müssen, machte es einen eigenthümlichen Eindruck auf mich, als ich zuerst an das Lager eines vornehmen Japaners berufen wurde. Im Hospital, von Bett zu Bett gehend, von einem Schwarm deutschredender und deutschverstehender Assistenten umgeben, die nicht nur zu dolmetschen, sondern auch jedes Wort und jeden Wink auszuführen verstanden, dazu Kranken gegenüber, welche auf die an ihnen zu machenden Untersuchungen von dem Wartepersonal förmlich gedrillt wurden, konnte ich vor Mißverständnissen ungleich sicherer sein, als in einer derartigen Privatpraxis. Glücklicherweise hatte der Zufall wenigstens für eine Art von Erleichterung gesorgt: der Bruder des Kranken, welcher um den Besuch gebeten hatte, war als ehemaliger Militärbevollmächtigter an einem europäischen Hofe des Französischen vollkommen mächtig und hatte sich erboten, als Dolmetscher bei der Consultation gegenwärtig und behülflich zu sein. Trotzdem sah ich dieser Consultation, welche bei dem Ansehen und der Verbreitung der Familie, um die es sich gerade handelte, von einigem Einfluß auf mein Renommée sein konnte, mit einer gewissen Spannung und einem leisen Mißbehagen entgegen.

Um drei Uhr Nachmittags entstand auf dem Vorplatze meines Hauses ein lautes Rufen und ungewohnte Bewegung. Zwei elegante Jinrikshas (wie man die von Kulis gezogenen, auf zwei Rädern laufenden Fahrstühle nennt, welche allgemein die Stelle der Droschken vertreten) fuhren vor. Höchst ungewöhnlicher Weise waren sie nicht mit einem oder zweien, sondern je mit drei Kulis bespannt. Die eine war leer; der andern entstieg ein gesetzter ältlicher Mann in der faltigen würdigen Tracht eines mittleren Beamten, mit der ein moderner europäischer Filzhut seltsam contrastirte, um mich in wohlgesetzter Rede zu einer Consultation und zum Besteigen des leeren Gefährtes einzuladen. Wie im Wirbelwind bewegten sich, nachdem wir kaum Platz genommen, die Fahrzeuge einen steilen Hügelabhang zur Stadt hinab, und diese Schnelligkeit verminderte sich nicht im mindesten auf der gegen drei Viertelstunden langen Fahrt. Im stundenlangen Laufen leisten diese Jinriksha-Kulis geradezu Unglaubliches; man kann sicher sein, mit doppelter Bespannung und Verheißung eines etwas höheren Lohnes jeden in gewöhnlicher Fahrgeschwindigkeit dahinrollenden „Pferdewagen“ einzuholen. Und diese Geschwindigkeit ist erwünscht genug in einer Stadt, welche in ihren einstöckigen kleinen Häusern eine Bevölkerung von nahezu einer Million beherbergt und deren längste Durchmesser denen Londons sehr nahe kommen. Hier mußte eine ganz besondere Veranlassung zum schnellsten Lauf vorliegen, und die athemlose, tolle Fahrt durch die langgestreckten macadamisirten Gassen erweckte die Vorstellung, als handle es sich um Leben und Tod.

Endlich langten wir an. Ich hatte damals nur wenige japanische „Paläste“ gesehen und fühlte mich hinsichtlich der Vornehmheit meines Patienten stark enttäuscht. Der „Palast“ lag vor mir, eine mäßig lange Front eines hölzernen, stallähnlichen Gebäudes, schwarz mit Holzteer gestrichen, mehrfach durchbrochen von hölzernen Fenstergattern, hinter welchen die mit Papier beklebten Fensterrahmen sichtbar werden; an der mit der Straße durch eine Plankenüberlage verbundenen Stelle befand sich ein großes Hofthor mit mächtigen kupferbeschlagenen Flügeln. Sie öffnen sich; die Fahrstühle sausen in den Hof, so schnell, daß wir kaum den Thorhüter (Momban) mit seiner tiefen Verbeugung wahrnehmen können. An der kleinen Holztreppe, auf der mein Begleiter seine stelzenartigen Holzschuhe stehen läßt, in der Vorhalle, auf den Gängen, hinter jeder sich aufschiebenden Thür erwarten uns auf die Matten sich niederwerfende oder sich unendlich tief verbeugende, dabei die Luft mit einem unnachahmlichen Schlürfen der Ehrerbietung einziehende Männer und Jünglinge: die zahlreiche Dienerschaft eines distinguirten Hauses.

Endlich machen wir in einem Raume Halt, der trotz seines sonst echt japanischen Aussehens seine heutige besondere Bestimmung nicht verleugnen kann. Die feine Matte des Fußbodens ist mit einem Brüsseler Teppich belegt, und auf diesem befinden sich europäische Möbel: ein runder lackirter Tisch, vier bis fünf Stühle von einer sonderbar unsicheren, zu stetem Knacken Anlaß gebenden Construction, deren Rohrsitzen man sich nur ungern anvertraut. Es ist das für die heutige Consultation besonders hergerichtete Empfangszimmer. Einer der Stühle ist mit einer sehr bunten Reisedecke belegt; er stellt den Ehrenplatz dar, den nur der vornehmste [867] aus der Dienerschaft durch nicht mißzuverstehende Geberden als Sitz anweist, um sich dann unter wiederholtem Seufzen und Schlürfen in den Kreis seiner Genossen zurückzuziehen, die, drei bis vier an der Zahl, in hockender Stellung auf dem Boden dicht an der Eingangsthür Platz genommen haben.

Mir begann gerade in diesem Kreise schweigender fremdartiger Wesen etwas unheimlich zu werden, als die gegenüberliegende Wand sich aufschob und mein „Major“, die einzig fühlende Brust für mich, unter tiefen Bücklingen in voller europäisch-moderner Uniform, aber ohne Stiefel, hereinspazierte. Auch mir hätte man, wie ich nachträglich erfuhr, die Trennung von diesem für unser sicheres Auftreten im öffentlichen Leben so wichtigen Kleidungsstück zugemuthet (um den seinen Matten, welche das Kostbarste des Hauses ausmachen, nicht zu schaden), wenn nicht kurz vorher für fremden Besuch die Erleichterung erfunden wäre, die Matten vor den Füßen des bestiefelten Europäers durch Läuferteppiche zu schützen. Beiläufig bemerkt: diese Erfindung bewahrt jetzt auch im kaiserlichen Palast vor dem Ausziehen der Stiefel.

Mein Gegenüber begann die Consultation mit der Bemerkung: „er freue sich sehr, daß ich trotz des schönen Wetters in sein niedriges Haus gekommen sei.“ Glücklicher Weise hatte ich schon erfahren, daß hierauf die Erwiderung gebühre: „der Arzt werde das schöne Wetter erst dann zur Erholung benutzen, wenn er dem Kranken geholfen habe.“ Bei schlechtem Wetter hätte der Hausherr sich ebenso gefreut, aber deshalb, weil ich trotz desselben mich nicht gescheut, den weiten Weg zu machen. Der Arzt erwidert dann, „daß kein noch so schlechtes Wetter ihn an Krankenbesuchen verhindern könne.“ Man steht auf, macht sich eine Verbeugung und setzt sich wieder auf die knackenden Stühle. Nach einer kurzen Pause klatscht der Hausherr in die Hände, es öffnet sich irgendwo die Wand, und zwei niedliche Japanerinnen im Festtagscostüme treten ein, die eine den Thee, die andere das Rauchzeug tragend. Sie setzen sich mit einer graziösen Bewegung vor uns auf die Fersen und präsentiren Beides. Während das etwas fad-aromatische Getränk, welches die japanische Theepflanze liefert, geschlürft wird, erkundige ich mich im Allgemeinen nach dem Kranken, den ich nach der Eile meiner Herbeförderung in bedenklichem Zustande vermuthe. Man erwidert ganz gelassen: „er sei auf den Besuch des Arztes vorbereitet und hoffe von dessen Weisheit das Beste.“ Dieselbe ruhige ceremonielle Antwort hörte ich später oft auch dann, wenn wirklich Gefahr im Verzuge war.

Für Erfrischungen, die auf dem Tische stehen – Früchte, Zuckerwerk, Kuchen – und ebenfalls angeboten werden, ist es Sitte zu danken. Der Hausherr gab einem der noch immer umherkauernden Diener einen Wink; dieser verschwindet und führt die japanischen Aerzte ein. Sie nahen sich ebenfalls stiefellos und unter tiefen Verbeugungen. Nur der Oberarzt nimmt mit uns Platz; seine Assistenten hocken auf dem Boden. Jetzt beginnt die Vorlesung der Krankengeschichte, wie immer mit dem ersten Lebensjahre anhebend und monoton wiederholend, daß der Kranke dann und dann an dieser und jener Krankheit gelitten und nach genau angegebenen Zeiträumen seine Gesundheit wieder erlangt hätte. Ich durfte mir gratuliren, daß mein damaliger erster Patient nur siebenzehn Jahre alt war. Selbst später, als ich meistens einen routinirten, medicinisch gebildeten Dolmetscher zur Hand hatte, haben die fünfzig oder sechszig Jahre älteren Matronen bei dieser Art von Krankheitsgeschichten meine Geduld auf gar harte Proben gestellt. Die neueste Krankheit schilderte einer der Unterärzte und ihn übersetzend der Major in der Eigenschaft des Augenzeugen, der Oberarzt präsentirte Temperaturtabellen und die Zusammenstellung der Pulszählungen und nannte unter vielen Vorbehalten und Complimenten seine Diagnose. Die Ouvertüre war beendigt; ich athmete auf.

Der Kranke wird nochmals vorbereitet, damit er nicht erschrecke. Dann bewegen wir uns unter Vortritt des Hausherrn durch ganze Systeme von Corridoren, Gemächern, oft auch kleinen Innengärten – endlich ein kurzer Halt; die Wände werden aufgeschoben, wir sind im Krankenzimmer angelangt. Zwei überraschende Arrangements: der Kranke liegt nicht im Bett, sondern auf dem Fußboden, auf der Matte. Die reichen seidenen Unterkleider, welche ihn umhüllen, die Stickerei der Unterlagen, der kostbare Stoff, aus welchem die Decke gefertigt ist, lassen unschwer erkennen, daß die Verhältnisse des Hauses den Luxus einer Bettstelle sicher gestatten würden. Aber der Japaner kennt weder dieses noch andere Möbel; er schläft, kränkelt und stirbt ohne Bettstelle von Alters her; schwer nur würden sich auch seine Angehörigen bei der Krankenpflege mit diesem Geräth abfinden. Als zweite Sonderbarkeit berührt uns die Versammlung von Personen verschiedenen Alters und Geschlechts, die etwas entfernt im Grunde des großen Raumes in hockender Stellung Platz genommen haben. Die Consultation eines europäischen Arztes ist ein Familienereigniß, das äußerst ceremoniös abgemacht sein will; die ganze Verwandtschaft findet sich dazu ein; sie haben Alle ihre Feierkleider angelegt und grüßen a tempo mit einer tiefen Verneigung zur Erde. Die Untersuchung beginnt nach einigen tröstlichen Versicherungen, die man dem Kranken verdolmetschen läßt. Mit tiefem Schweigen und der höchsten Aufmerksamkeit folgten die Familienmitglieder des an einer Lungenentzündung erkrankten jungen Mannes allen meinen Bewegungen. Sie schienen den Puls mitzuzählen, jeden Schlag des Percussionshammers mit gespanntem Ohre aufzunehmen; sie athmeten selbst tief, wenn ich den Kranken dazu aufforderte, sie hielten, während ich auscultirte, den Athem an und streckten hülfreich die Arme aus, als ich ihn ausrichten ließ. Einige Fragen nach Schmerzen und allerlei Nebensymptomen, eine bestimmt ermunternde Aeußerung für den Kranken, ein knieendes Mädchen, das kupfernes Waschgeräth und ein farbiges Handtuch präsentirte, eine tiefe Verbeugung – und die Eingangscoulisse des Krankenzimmers schließt sich lautlos.

Nach der Rückkehr in das Empfangszimmer ziehen die Unterärzte lange Rollen Papier aus ihren Aermeln und beginnen auf’s Eifrigste mit ihren handlichen Schreibpinseln niederzuschreiben was ihnen der Hausherr aus meinem Munde verdolmetscht: die Krankheitsdiagnose, die Begründung derselben, den wahrscheinlichen Ausgang, die etwa drohenden besonderen Gefahren, die Zeichen, welche diese ankündigen; dann die Behandlung und zwar: Lage, Nahrung, Getränk, innere Mittel, äußere Mittel, Wechsel und Aufhören derselben etc. Alles wird auf’s Genaueste doppelt protokollirt; der Oberarzt thut hin und wieder eine Frage oder hört aufmerksam zu. In diesem ersten Falle war mit der Versicherung, daß ich wegen Mangels an Zeit jede weitere Aufmerksamkeit ablehnen müsse, die Consultation geschlossen; das im schnellsten Trabe dahinsausende Dreigespann führte mich nach Hause zurück, den Kranken sah ich nur noch einmal in Begleitung seines Bruders wieder, als er, nach Verlauf von vierzehn Tagen genesen, in geeigneter Weise seinen Dank abstattete.

In späteren Fällen knüpfte sich an den aus meinem Munde stets erwarteten Schlußsatz: „der Arzt könne nach dieser Untersuchung nun nichts mehr weiter bestimmen,“ immer eine Einladung zu einem feierlichen Essen, welches in den wenigen Fällen, in denen Neugier mich zur Annahme bewog, aus einigen zwanzig Gängen der schon vielfach geschilderten japanischen Küche bestand und reichlich zwei Stunden dauerte. Lehnte ich es jedoch, wie meistens, ab (der einzig als höflich anerkannte Grund hierzu ist, daß noch mehrere schwere Kranke auf den Arzt warten), so erfolgte die Ceremonie des „Geschenkes“, wie die Japaner sagen. Der Hausherr verschwand auf kurze Zeit und betrat das Empfangszimmer wieder, einen Knaben hinter sich, der auf einem lackirten Theebrett zwei künstlich gefaltete Papierpäckchen trug. Beide waren mit einheimischen Schriftzeichen bemalt, das größere mit der Angabe: „dies sei ein Geschenk des N. an den europäischen Arzt und zwar 10 bis 15 Rio“; „das andere legitimirte sich als ein Geschenk an den Dolmetscher“ und bestand „aus 2 bis 3 Rio“. Ein Rio ist gleich vier Mark. Die Ueberreichungsceremonie beschränkte sich auf einige Verbeugungen.

Besonders hohe fürstliche Familien gingen auch von dem alten Brauche nicht ab, neben dem Geldhonorar ein Geschenk an Lebensmitteln zu überreichen. In meinem später für die Praxis angeschafften Wagen fand ich alsdann, vorsichtig auf den Sitz gelegt, ein mäßiges Paket vor. Es enthielt in einem schwerseidenen Stoffe, der mit dem Wappen der Familie durchwirkt war, fünf Stücke eines eigenthümlichen, nicht übel gebackenen Sandkuchens, wie sie den Aerzten höchsten Ranges, wenn sie ein Haus betreten, von Alters her gebühren. Zuweilen wurde die Geschenksceremonie auch in der Weise erledigt, daß an einem der nächsten Tage der oberste Diener des Patienten in meiner Wohnung erschien und auf einem ausgebreiteten Fächer [868] die Geldscheine, einfach nebeneinander gezählt, überreichte. Seltener wurde der Dolmetscher mit der Zahlung betraut.

Höchst fremdartig war für unsere Begriffe die stumme Zuschauerschaft, welche zuweilen bis auf fünfzehn und mehr Personen stieg. Doch wirkte dieselbe, nachdem man sich einmal mit dem etwas theatralischen Charakter des Vorganges abgefunden hatte, nie störend. Frauen, Kinder und Greise gaben nichts zu erkennen als die eben geschilderte Spannung, selbst bei verzweifelten Fällen, in denen meine Zuziehung erst in der zwölften Stunde stattgefunden hatte, beherrschte sie jeden Gefühlsausbruch und verhielten sich still und förmlich. Auch die Kranken machen durch ihr stilles Dulden, ihren Gehorsam und durch die Selbstbeherrschung, mit der sie große Schmerzensäußerungen, stürmische Appellationen an den Arzt etc. unterdrücken, den Verkehr mit ihnen leicht und angenehm.

Dr. A. W.


Blätter und Blüthen.


Aus der Jugend eines Sängerfürsten. Es war in dem Jahre des Heils 1848. Die großen Tage der französischen Revolution schienen auch für unser friedliches Vaterland gekommen zu sein, überall, wohin man blickte, gab es Unruhe, Toben, Aufgeregtheit, an einzelnen Stellen war schon Blut geflossen. Man pflegt zu sagen, daß vom Erhabenen bis zum Lächerlichen nur ein Schritt sei, nicht leicht hat Jemand so sehr Gelegenheit gehabt diese Erfahrung zu machen, wie die Zeitgenossen der Sturm- und Drangtage von 1848. Wer jene große Zeit in einer der größeren Städte wie Frankfurt oder Berlin verlebt hat, wird vorwiegend das Großartige, Hochtragische, was die ganze Erscheinung bot, in der Erinnerung behalten haben. In den kleineren Städten und auf dem platten Lande trat dagegen die große Bewegung doch auch häufig ihrer komischen Seite nach hervor.

So auch in Erxleben, dem großen,wohlhabenden Dorfe auf der Grenze der Altmark und der Börde. Auch dorthin war nachgerade der neue Geist gedrungen, und wenn es auch dort keine Barrikaden, keine Leichen, kein Blut gab, so zeigte sich doch der hohe Sinn für die beglückende allgemeine Wehrpflicht auch unter den Bauern Erxlebens in bewundernswerther Größe.

Eine fürchterlich grimmige Miliz war es, die ein vergnügter Feuereifer für Uniformen und Waffengerassel aus dem Boden stampfte. Ja, „der König rief – nicht, und Alle, Alle kamen,“ der ehrsame Schuster und der tapfere Schneider, der grobe Gastwirth und der geschmeidige Müller, alle angethan mit den Waffen, welche die Ahnen einst getragen, oder – welche die jetzigen Besitzer billig vom Juden erstanden hatten. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß diese Elite-Truppe des Dorfes einen erhebenden Eindruck machte, wenn sie durch die breite Hauptstraße Erxlebens zog, und daß das ganze Dorf, bestehend aus Greisen, Weibern und Kindern – die Männer waren hoffentlich bescheiden genug, sich nicht selbst zu bewundern – mit gerechtfertigtem Stolze auf sie blicken durfte.

Gerade in dieser unruhigen Zeit hatte in Erxleben der Vater des nunmehr bei Jung und Alt bekannten, überall hochgerühmten Sängers Albert Niemann – dort war derselbe geboren und aufgewachsen – es über sich gewonnen, das Dorf durch ein neues Wirthshaus zu verschönern. Der ehrliche Wirth, ein wahres Enakskind, gerieth eines schönen Tages mit einem widerhaarigen Knechte arg an einander; ein grobes Wort gab das andere – denn fein konnte man den alten Niemann beim besten Willen nicht nennen, zumal wenn er in seinem harzer Dialekte zu wettern anfing – und die gegenseitigen Differenzen gediehen schließlich zu dem Grade, daß Niemann, endlich die Geduld verlierend, den widerbellenden Burschen beim Kragen ergriff und ihn in echt patriarchalischer Weise mit höchsteigenen Händen durchprügelte. Aber bald sollte er erfahren, daß die seligen Zeiten, in denen eine solche Handlungsweise ungestraft vorüber ging, vorbei waren; stolz erschien der in seiner Freiheit gekränkte Bursch vor dem hohen Dorftribunal und forderte stürmisch sein Recht.

Das war nun ein Fall, der so recht in die unruhigen Zeiten hineinpaßte. Einen freien Menschen schlagen, nein, das war unerhört, das hieß ja denselben in gleichen Rang mit dem Vieh stellen und die vorsündfluthliche Epoche wieder einführen, nein, „das dürfe,“ versicherten die wütendsten Schreier, „dem Thäter nicht ungeahndet dahingehen, das müsse blutig gerächt werden.“ Noch vor wenigen Monaten würde man die Handlungsweise des alten Niemann vollkommen recht und billig gefunden und den für verrückt gehalten haben, der gewagt hätte, an dem Rechte der Faust nur zu zweifeln. Aber freilich: jetzt war das anders. In der Schenke ging es bald toll her.

„Datt is so üm de Kränk to krig’n,“ näselte der Schneider, „abber wenn ich den schabbigen Kärl, den Niemann, mal in de Mack (Mache) krieg, denn is sin End’ dao. Dat is so gewiß, as t’ Amen in der Kärk“ (Kirche).

Die Uebrigen lachten bei diesen Drohungen des dünnen Männchens auf, als sie an den baumstarken Niemann dachten.

„Aebber de Snider seggt ganz recht, mit sönn’ Kärl is ken Verdrag; wi schall dat nich liden,“ fuhr ein Anderer fort, „wi muß bi enanner stan und bei schall dat betaollen (bezahlen), segg’ ich, an daobi blifs’t, un daomit Holla!“

„De Jöchen hat Recht,“ sagte ein Dritter, „un wer dat oak glov’t, de kimm’ med!“

„So denk’ ick oak, ick oak,“ tönte es ringsum, und bald befand sich der stattliche Haufen auf der Straße.

Man stand vor dem Hause des Uebelthäters, wo die Haltung des Pöbels, der sich bereits dort eingefunden hatte, von Minute zu Minute drohender wurde. Aller Orten hörte man Flüche, und da man keinen anderen würdigeren Gegenstand besaß, an dem man seinen Enthusiasmus für Freiheit und Gleichheit und seine Erbitterung gegen die Knechtschaft beweisen konnte, so versuchte man sich endlich an den Fensterscheiben des Niemann’schen Hauses; ein Stein flog nach dem andern, eine Scheibe klirrte nach der andern zu Boden, endlich war das große Werk vollbracht, und den edelen Republikanern Erxlebens war es, als wenn der große Polterabend der Freiheit gekommen wäre. Zum ersten Male sah man auch hier in seiner vollen Größe den Vortheil der allgemeinen Volksbewaffnung, und die stolze Bürgergarde des Dorfes prangte in ihrer ganzen Glorie. Anstatt, wie man doch hätte erwarten sollen, das Eigenthum ihres Mitbürgers zu schützen, war sie es gerade, die sich am eifrigsten bei dem Steinbombardement betheiligte.

Immer höher stiegen die Wogen des Tumultes, und man hätte schon längst einen Sturm auf das Haus gewagt, wenn man nicht die Drohung Niemann’s gefürchtet hätte, daß er jedem, der ihm zu nahe käme, den Kopf einschlagen würde.

Endlich beruhigte der Commandeur der tapferen Bürgergarde, der damalige Kreisrichter, das Volk damit, daß er öffentlich erklärte, er werde selbst den Frevler dem rächenden Arme der Gerechtigkeit überliefern, damit dieselbe für immer ein warnendes Exempel statuire. Es verlief sich denn auch allmählich die tobende Menge. Mancher freilich etwas niedergeschlagen, wenn er an die Lorbeeren dachte, die er sich sicher, wenn der Kampf ausgebrochen wäre, in demselben erworben haben würde. Alle jedoch mit der Genugthuung, daß der Gerechtigkeit Genüge geschehen würde, ohne daß Einigen vorher die Hirnschale eingeschlagen wäre.

Den alten Niemann entführte in der That bald nachher der Arm der Gerechtigkeit seinem Heimwesen und lenkte seine Schritte einem Gebäude zu, das für gewöhnlich verlorenen Söhnen der Landstraße ein stilles Heim bot; mit Heine zu reden:

„Nach frommer Häscher Sitte,
Nahm man still ihn in die Mitte,
Und das Wachthaus, heilig groß,
Nahm ihn auf in Mutterschooß.“

Daheim ging jetzt beim Baue Alles drunter und drüber, das erkannte Keiner besser, als der junge Albert Niemann, der damals bereits von Magdeburg, wo er das Maschinenbaufach erlernen sollte, wieder nach Erxleben zurückgekehrt war und seinem vielbeschäftigten Vater zur Hand ging.

Albert sah die Unordnung und den Krebsgang der Wirthschaft eine Weile mit an, dann erklärte er seiner Mutter kurz und kategorisch, „der Vater müsse wieder frei werden, möge kommen, was da wolle“. Damit verließ er das Haus und begab sich geraden Weges zur Gerichtsbehörde des Dorfes. Mit kurzen eindringlichen Worten erzählte er dort, wie es zu Hause stände, und daß es ohne den Vater nicht weiter ginge, wenn die beleidigte Gerechtigkeit des Dorfes nun einmal eines Opfers bedürfe, so böte er sich selbst als Geisel für seinen Vater an.

Die Herren von der Justiz sahen sich eine Weile verwundert an, schüttelten die Köpfe, lächelten und sahen sich wieder an; endlich fühlten sie ein menschliches Rühren und beschlossen, den Vorschlag des vierzehnjährigen Jungen anzunehmen. Bald öffneten sich die Pforten des Gefängnisses für den alten Niemann, um sich hinter seinem Sohne zu schließen.

Indeß Niemann’s Gefängniß muß kein hartes gewesen sein, da er den Tag über in dem angrenzenden Garten sein Wesen treiben konnte, und Langeweile sollte ihn auch nicht plagen, da er einen Leidensgefährten hatte. Und was war das für Einer! Wahrlich wie geschaffen für den jungen romantisch angelegten Albert. Dieser Leidensgefährte büßte nämlich hier schwere politische Verbrechen ab. Der junge Bursche hatte sich das eigenthümliche Vergnügen gemacht, Pasquille in die Welt hinauszustreuen, deren Spitzen den damaligen Rector von Erxleben verwunden sollten, und als Platz für seine feurigen Thesen hatte er sich die Läden der Apotheke ausersehen. „Doch der Gassenvogt ihm grollte“; er paßte dem Burschen auf und ertappte ihn auf der That. So wurde er, der sich doch nur aus einem etwas ungewöhnlichen Wege literarisch ausgezeichnet hatte, der Märtyrer seiner kritischen Feder.

Die beiden jungen Leute verstanden sich bald, zumal der Pasquillenmacher etwas nähere Kenntniß vom Theater besaß, während Niemann’s Interesse für die dramatische Kunst noch von Aschersleben her, wo eine Schauspielertruppe ihr Asyl aufgeschlagen hatte, ein sehr reges war. Kurz und gut, bald kamen die hoffnungsvollen Jünglinge auf die kühne Idee, sich die Zeit mit Ausübung der dramatischen Kunst zu vertreiben. Das Gefängniß ward zum Musentempel, der Garten bildete die Bretter, welche die Welt bedeuten, und die Leistungen der jungen Musensöhne gingen im lieben Sonnenscheine vor sich. Es müssen wunderliche Aufführungen gewesen sein, in denen der große Niemann dort zum ersten Male debütirte, denn der damalige Rector G., der dazu verdammt war, von seinem Fenster ihnen zuschauen zu müssen, war zuerst höchst verblüfft über das unmenschliche Gebahren dieser Jünger der Kunst. Als er aber endlich über ihre Absichten klar wurde und merkte, wo sie hinaus wollten,

[869] ergriff er laut lachend ein Buch und warf es den agirenden Jungen mit den Worten hinab:

„Bengels, wenn Ihr denn durchaus Theater spielen wollt, dann spielt wenigstens daraus!“

Die beiden Künstler waren zwar zuerst etwas verblüfft über diese sonderbare Unterbrechung und daß so plötzlich „der Segen von oben“ kam, dann aber griffen sie neugierig zu – es war Shakespeare’s „Heinrich der Vierte“, und von nun an probten sie Shakespeare.

Bald nachdem Albert das Gefängniß verlassen hatte, hieß es, er wolle Schauspieler werden, und ein wenig später, er träte in Aschersleben zum ersten Male auf. Die weitere Laufbahn unseres anerkannt ersten Heldentenors kennt die Welt. Lange ist auch schon in das Haus der hochbetagten, biedern Mutter Niemann’s der Ruf ihres großen Sohnes gedrungen, und mit mütterlichem Stolze zeigt sie, wenn einmal alte Bekannte von ehemals aus Berlin sie besuchen, das Bild desselben und hört dann verwundert oft genug die abwehrende Antwort: „Lassen Sie nur, liebe Frau Niemann, den kennen wir schon; er steht in Berlin ja in jedem Bilderladen.“


Die künstliche Darstellung des Indigo. Zur Beruhigung aller Derjenigen, welche bereits zu fürchten begannen, daß die Erfinder sämmtlich nach Amerika ausgewandert seien, können wir mittheilen, daß vor Kurzem in Deutschland wieder eine jener Entdeckungen gemacht worden ist, die eine bedeutende Zukunft haben: die Darstellung des Indigoblaues auf synthetischem Wege, durch Professor Baeyer, den Nachfolger Justus Liebig’s in München. Das Indigoblau, welches trotz aller neuen und blendenden Errungenschaften der modernen Farbenchemie unverrückbar den vornehmsten Platz in der Reihe der blauen Farbstoffe behauptet, ist ein lange sehnsüchtig umworbenes Räthsel der zusammensetzenden Chemie geblieben, und mehr als einmal bereits sind wir durch voreilige Botschaften über das Gelingen des großen Wurfes seiner Herstellung im Laboratorium getäuscht worden, seit einigen Monaten aber ist der künstliche Indigo eine Thatsache.

Was eine solche Entdeckung für die Industrie und den Nationalwohlstand bedeutet, möge ein Blick auf einen Vorläufer des Indigo, auf das künstliche Alizarin, den Farbstoff der für die Türkisch-Roth-Färberei bis dahin benützten Färberröthe oder Krappwurzel darthun, dessen künstliche Darstellung im Jahre 1868 den Berliner Chemikern Gräbe und Liebermann zuerst gelang. Schon im Jahre 1874 erreichte die Menge des jährlich gewonnenen künstlichen Alizarins den Vierth von circa sieben Millionen Thalern, von denen Zweidrittel in Deutschland blieben, und heute ist diese Zahl gewiss noch bedeutend höher. Der Krappbau, welcher sonst dem Getreide- und Gemüseanbau eine Menge Land wegnahm, hat seitdem beinahe gänzlich aufgehört; fast alles in der Türkisch-Roth-Färberei Verwendung findende Alizarin wird nunmehr aus einem Abfallprodukt der Gas-Industrie, dem Anthracen gewonnen. Von Neuem richteten sich seitdem die sehnsüchtigen Blicke der Chemiker auf den Indigo, der ja noch viel geschätzter ist, als die Krappwurzel. Die chemische Synthese, das heißt die künstliche Zusammensetzung der chemischen Verbindungen und besonders der in der Natur fertig gebildet vorkommenden anorganischen und organischen Stoffe, hat, wie wir in dem Artikel über die künstlichen Edelsteine (S. 228 dieses Jahrgangs) erfuhren, in der Neuzeit namentlich durch die Berliner Chemiker-Schule einen hohen Grad von Leistungsfähigkeit erlangt, und selbst die in den lebenden Pflanzen und Thieren gebildeten Verbindungen verfallen eine nach der andern der Synthese, die in der Regel nicht mehr lange auf sich warten läßt, wenn man nur erst weiß, zu welcher chemischen „Familie“ der betreffende Körper gehört.

Die organischen Verbindungen bilden namlich große Gruppen, deren Zugehörige sich von gewissen einfachen Grundverbindungen, die der Gruppe den Namen geben, herleiten lassen, und gleichsam als deren Abkömmlinge betrachtet werden können. So ist beispielsweise das Coniin, der giftige Stoff des fleckigen Schierlings, ein künstlich herstellbarer Abkömmling der im Butterfett vertretenen und darnach benannten Buthy-Gruppe. Zu welcher Familie nun der Indigo gehört, wußte man trotz aller darüber aufgestellten Vermuthungen keineswegs sicher, und Professor Baeyer kam erst zur Gewißheit, indem er ein von ihm erfundenes Verfahren anwendete, welches man, dem obigen Gedankengang entsprechend, die chemische Ahnenprobe nennen konnte. Sie besteht in einer Erhitzung des fraglichen Körpers mit einem Ueberschusse von Zinkstaub, der die vergänglicheren Bestandtheile an sich zu reißen und die zusammengehöre Verbindung auf die meist beständigere Grundform zu reduciren pflegt.

Als Gräbe und Liebermann das seit Jahrzehnten allen Bemühungen der Chemiker trotzende Alizarin mit Zinkstaub erhitzten, destillirte daraus eine Art Steinkohlenkampher, das Anthracen, aus dem es jetzt in großen Massen gewonnen wird, und indem Baeyer den Indigo ebenso auf seine Abstammung prüfte, gelangte er zu einer wohlbekannten und leicht darstellbaren Verbindung, der sogenannten Phenylessigsäure. Damit war Etwas, aber nicht Alles erreicht, denn von diesem Endproduct der rückschreitenden Analyse galt es nun wieder vorwärts aufzubauen, und in der That gelang es ihm, wenn auch auf einem ziemlich umständlichen Wege, aus der Phenylessigsäure erst die näheren Zersetzungsproducte des Indigos, das sogenannte Oxindol und Isatin und aus diesen, auf einem von ihm früher erkannten Wege, das Indigoblau selbst zu gewinnen. Vorläufig dürfte der Process allerdings noch zu umständlich sein, um sogleich industriell ausgebeutet zu werden, aber es ist kaum zu bezweifeln, daß man nun sehr bald jenen altehrwürdigen Farbstoff, den die Römer nach seinem indischen Heimathslande Indicum nannten, auch im Großen künstlich herstellen wird, und daß das Land Indien alsdann für die Krone Englands verschiedene Millionen weniger werth sein wird.



Nothzustand in der Ferne. Aus Amerika, dessen deutsche Bevölkerungen sich stets hülfsbereit jeder Noth ihrer alten Heimath erinnert und namentlich in unseren letzten Erhebungskriege so treu und opferwillig zu uns gestanden haben, dringt seit längerer Zeit ein recht herber Schmerzensschrei zu uns herüber: die Kunde von den Verheerungen, welche das gelbe Fieber in den südlichen Theilen der Vereinigten Staaten angerichtet hat. Zwar ist die Wuth der entsetzlichen Seuche jetzt durch den Eintritt der kühleren Jahreszeit gebändigt, aber die Folgen zeigen sich in einem namenlosen Unglück. Unzähligen Familien sind ihre Ernährer dahingerafft, Tausende von Wittwen und Waisen, denen nicht weniger als Alles fehlt, verkommen in stillem Darben oder strecken jammernd ihre Hände um Beistand und Rettung aus. Außerordentlich stark ist besonders die ohnedies seit dem letzten Bürgerkriege schwer in ihrem Wohlstande geschädigte Stadt New-Orleans von dem Verhängniß heimgesucht worden. Hier ist in der That als Nachwirkung der Epidemie unter der meist aus deutschen Arbeitern und Handelsleuten bestehenden ärmeren Classe ein Massenelend ausgebrochen, das jeder Beschreibung spottet und gegen welches alle locale Hülfe sich ohnmächtig erweist.

Schon ist Kaiser Wilhelm seiner Nation mit dem Beispiele seiner Theilnahme vorangegangen, indem er aus eigener Schatulle dreitausend Mark zur Unterstützung jener Hülfsbedürftigen gespendet hat. Die deutsche Nation aber war seit dem Frühling dieses Jahres durch eine Aufeinanderfolge verschiedenster Schreck- und Wirrnisse so unablässig in Anspruch genommen, daß es fast erklärlich ist, wenn sie in dieser schlimmen Zeit nach außen hin einer schweren Versäumniß sich schuldig gemacht hat. Während von England und Frankreich bereits imposante Unterstützungssummen nach jenen Stätten des Hungers und Kummers gewandert sind, ist von dem großen deutschen Volke aus, das so viele Landsleute unter den Nothleidenden weiß, in dieser Hinsicht noch gar nichts gethan worden. Darf man sich wundern, daß diese Unterlassung drüben nicht unbemerkt geblieben ist? Deutsche Zeitungen in New-Orleans ergeben sich bereits in den allerbittersten Ausfällen wider unser Vaterland, und wenn man auch über die vorschnelle Grobheit, den plumpen und hämischen Ton dieser Angriffe den Kopf schüttelt, so muß man doch leider zugeben, daß der Vorwurf an sich selber ein begründeter und durchaus für uns beschämender ist.

Wir würden unsere deutschen Leser zu beleidigen glauben, wenn wir ihnen im Angesichte der betreffenden Angelegenheit erst vorstellen wollten, daß es sich dabei ebensowohl um eine Mahnung des Volksgewissens und eine dringende Pflicht der nationalen Ehre handelt, wie um ein unabweisliches Gebot der internationalen Humanität und Nächstenliebe. Wir sollen, können und dürfen, wenn wir unser unmenschliches Gefühl nicht in Frage stellen und unseren guten Namen nicht mit einem unverwischlichen Flecken behaften wollen, diesem Acte der Mildthätigkeit nicht fern bleiben. Und was geschehen soll, das muß in entsprechendem Maße, es muß vor Allem schleunig und ohne Säumen geschehen. Jede Entschuldigung, daß man von dem Umfange und der haarsträubenden Art des Leidens nicht unterrichtet sei und daß die Sache noch nirgends in die Hand genommen sei, ist hinfällig geworden. Bereits im Laufe des November hat sich in Berlin ein Central-Ausschuß gebildet, der sofort einen von hochangesehenen Namen, auch von den Abgeordneten Kapp und Loewe (Calbe) unterzeichneten Aufruf zur Anregung einer deutschen Beisteuer für die bezeichneten Nothleidenden in Amerika erlassen und versandt hat. Den Zweck dieses Aufrufs nachdrücklich zu fordern, ist die Absicht unserer Zeilen. Man darf erwarten, daß einer solchen Ansprache die Erfolge nicht fehlen und aus allen Kreisen die größeren und kleineren Gaben reichlich fließen werden. Gilt es doch, Thränen zu trocknen und ein grausames Geschick zu lindern, unter dessen Schlägen schon viele unserer deutschen Brüder und Schwestern auf fremder Erde hülflos zusammengebrochen sind. Für Diejenigen, denen der bezeichnete Aufruf nicht zu Gesicht kommen sollte, sei nur noch erwähnt, daß der Schatzmeister des Ausschusses, Herr Generaldirektor Hermann Rose in Berlin (Leipziger Platz 12), zur Annahme der Unterstützungsbeiträge sich bereit erklärt hat. Bericht über Ergebniß und Verwendung der Sammlung wird demnächst von Berlin aus erstattet werden.


Große Eier kleiner Vögel. Wir fühlen uns verpflichtet, vor dem Abscheiden des alten Jahres unseren Lesern Aufschluß über einen gegen die „Gartenlaube“ gerichteten öffentlichen Angriff zu geben. In einem unter der Ueberschrift „Die Insel Niuafou“ auf Seite 718 dieses Jahrgangs der „Gartenlaube“ erschienenen Artikel wurde unter Anderem von einer merkwürdigen Art Vogel, die zur Familie der Hühner gehören, erzählt: daß sie so groß wie Rebhühner seien und in Gesellschaft von zwanzig bis dreißig Genossen ihre Eier, deren jeder Vogel in der Brutzeit nur eines von Enteneier-Größe lege, in eine Grube von Lava-Asche zusammentragen, um dieselben dort von der Sonnen- und Erdwärme ausbrüten zu lassen. Diese Angabe ist von einem anonymen, uns aber keineswegs verborgenen Mitarbeiter der Wiener „Neuen Freien Presse“ herausgegriffen worden, nicht etwa um sein Pubicum eines Bessern über die angeführte Naturerscheinung zu belehren, sondern in der unverkennbaren Absicht, im Tone spöttischer Ueberlegenheit über die gegenwärtige Redaction der „Gartenlaube“ herzufallen und ihren Ruf in den Augen der Oeffentlichkeit zu schädigen. Die Mittheilung von den großen Eiern der kleinen Hühner auf der Insel Niuafou ist ihm eine besonders starke „Räubergeschichte“, und er bemerkt, daß es „schlimm mit den Elementarkenntnissen in den Realien bei der unkundigen Redaction der ‚Gartenlaube‘ stehe“, die „neuerdings stärker an die Langmuth ihrer Leser, als an jede andere Empfindung appellire“.

Eine der wesentlichsten Traditionen unseres Blattes fordert, daß der Raum desselben nur seinen Lesern gehöre und daß keine Zeile zu Auseinandersetzungen in rein persönlichem Interesse verwendet werde. Es würde deshalb auch von dem in jener Journalnotiz gegen uns gerichteten

[870] Angriff an dieser Stelle niemals die Rede gewesen sein, wenn dabei nicht ein sachliches Interesse unseres Publicums in Frage käme. Das Publicum hat ein Recht, Aufklärung von uns zu verlangen, ob wir ihm in der That eine lächerliche Fabel aufgebunden haben, als wir die betreffende Mittheilung über eine interessante Naturerscheinung zum Abdruck brachten; denn wenn auch das Ansinnen, unfehlbar zu sein, im Ernst Niemand an eine Redaction stellen wird: Thatsachen von so auffallender Natur ungeprüft den Lesern zu bieten, das würde immerhin ein starkes Stück redactioneller Leichtfertigkeit sein.

Wir haben nun, um nicht in eigner Sache zu plaidiren, den Angriff des Anonymus in der „Neuen Freien Presse“ drei Autoritäten auf dem Gebiete der Ornithologie zur Begutachtung unterbreitet, und wir legen deren Angaben über die wunderbaren Vögel von Niuafou hiermit zu unserer Rechtfertigung den Lesern vor.

Dr. E. Baldamus[1] in Coburg: „Ihr harmloser Reisender hat richtig gesehen oder gehört: alle Ornithologen, welche die eine oder die andere Art der Familie der Großfußhühner (Megapodidae) in ihrer Heimath beobachtet oder mehrere von ihnen – man kennt jetzt 14 oder 15 Arten – sammt ihren Eiern in europäischen Museen gesehen haben, sind erstaunt über die verhältnißmäßig ungeheuere Größe dieser Eier. Und welche Namen, die an Ort und Stelle die Fortpflanzungsweise dieser merkwürdigen Hühnerfamilie zu beobachten das Glück hatten: Gould, Wallace, Sir Georges Grey, Dr. Bennett, Baron Rosenberg, Dr. Graeffe und Andere!

Der in Rede stehende Vogel mißt 16 Zoll (engl.), die Eier aber, von denen ich selbst 4 Stück besitze, sind 3 Zoll 5 Linien lang und 2 Zoll 3 Linien breit, nach Gilbert’s Angabe (The Birds of Australia, by John Gould Esqu., London 1848, oder die Uebersetzung dieses Buches von Ludwig Reichenbach, S. 73 bis 77). Um das Größenverhältniß zwischen Vogel und Ei schließlich ganz klar zu machen, erlaube ich mir die Reduction der betreffenden Maße auf Millimeter beizufügen:

Die ganze Länge des Megapodius (Tumulus Gould)    
von der Schnabelspitze bis zur Schwanzspitze 405,28 Millimeter.
Länge seines Eies (nach Gilbert) 86,54
Breite seines Eies (nach Gilbert) 57,00
Länge eines größten Hausenteneis 66,80
Breite eines solchen 44,20

Dabei ist noch zu bemerken, daß die Eier der Großfußhühner fast walzenförmig, das heißt an beiden Enden ziemlich gleichmäßig abgerundet sind, was bei den Enteneiern nicht der Fall ist. Sie wiegen deshalb, mit Wasser gefüllt: das erste 163 Gramm, das Entenei 71,8 Gramm; das erstere hat also mehr als das doppelte Volumen des zweiten. Und nun lese man Gould, Wallace, die ‚Proceedings of the London Soc.‘, den ‚Ibis‘ etc. und der Uneingeweihte wird noch ‚unbegreiflichere Wunder‘ über diese Vögel kennen lernen.“

Ein zweiter wissenschaftlicher Zeuge für die Richtigkeit unserer Angaben ist Dr. E. Rey, der Besitzer und Chef einer bekannten Naturalienhandlung in Leipzig. Der Inhalt seiner Mittheilungen, die namentlich über die wunderbare Fortpflanzungsweise dieser Vögel sich verbreiten, stimmt mit denen des Dr. Baldamus so vollständig überein, daß der Abdruck derselben eine Wiederholung des bereits Gesagten sein würde. Dagegen muß eine Stelle seiner Zuschrift an uns hier Platz finden. Er schreibt uns:

„Ich gebe hier die Maße von Vogel und Ei nach Exemplaren meiner Sammlungen von Niuafou: Der Balg des Vogels mißt 30 Centimeter, das cylindrische, an beiden Enden gleichmäßig abgerundete Ei ist 7,3 Centimeter lang und 4,5 Centimeter breit, während unser Rebhuhn im Durchschnitt 28 Centimeter erreicht und die allbekannten Eier der Hausente durchschnittlich nur 5,8 Centimeter Länge und 4,3 Breite haben.“

Ferner tritt als wissenschaftlicher Fachmann für uns Dr. Karl Ruß ein, der Herausgeber der bekannten ornithologischen Zeitschrift „Die gefiederte Welt“. Er sagt unter anderem: „Die Annahme, daß der in dem Aufsatz ‚Die Insel Niuafou‘ (Nr. 43) beiläufig erwähnte Vogel zu den Großfußhühnern oder Wallnistern gehören müsse, ist entschieden richtig; ebenso, daß eine Art derselben, das Talegallahuhn, in mehreren zoologischen Gärten Europas vorhanden ist und hier bereits seine seltsame Vermehrungsweise, die in der Hauptsache mit jener kurzen Schilderung übereinstimmt, gezeigt hat. Wenn nun jemand in einer weitverbreiteten Zeitung seine Verwunderung darüber ausspricht, daß ein Vogel von Rebhuhngröße ein Ei im Umfange eines gewöhnlichen Enteneies legen soll, so hat er eben gar keine Vorstellung von der Thatsächlichkeit. Abgesehen davon, daß die unverhältnißmäßig großen Eier mancher einheimischen Sumpfvögel, so z. B. der Schnepfen, doch wohl Jedem bekannt sein sollten, der sich mit solchen Dingen beschäftigt oder gar seine Meinung öffentlich auszusprechen wagt, so hätte der Betreffende ja nur in Gould’s ‚The Birds of Australia‘ oder in einer der neueren deutschen Naturgeschichten nachzulesen brauchen, daß darin nichts weniger als ein ‚unbegreifliches Wunder‘ oder gar ‚eine starke Seeräubergeschichte‘ liege. Das Talegallahuhn hat etwa die Größe des Haushuhns und doch legt es nach Gould’s Angabe Eier von 33/4 Zoll Länge und 21/2 Zoll Breite; die im zoologischen Garten von Berlin gefundenen zeigten die Größe von Storcheiern.“

Der anonyme Herr Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse“ weist in seinem Angriffe auch auf Brehm’s „Thierleben“ hin. Wir folgen seinem Winke. Auf S. 489 des 4. Bandes (der ersten Ausgabe) lesen wir: „Großfußhühner oder Wallnister (Megapodiinae) nennt man einige Scharrvögel, welche Oceanien und insbesondere Australien bewohnen und sich durch das Brutgeschäft nicht blos von allen ihren Verwandten, sondern von allen Vögeln der Erde unterscheiden. – – Alle Wallnister bringen ihre ungewöhnlich großen Eier in einem etc. Nesthügel unter.“ Und S. 499: „Eingeborene erzählten Gilbert, daß die Vögel nur ein einziges Ei in eine Höhle legen etc. Die Länge der Eier beträgt 31/2, ihre Breite 21/2 Zoll.“

Schließlich richten wir an den so seltsam naturkundigen Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse“ noch die Bitte: in dem schönen Wiener Museum Vögel und Eier in natura anzusehen und sich bei dem freundlichen und gelehrten Director von Pelzeln zu erkundigen, seit wie lange diese Thatsachen bereits bekannt sind.

So steht es mit der Anzweiflung unseres Artikels durch den Verfasser der erwähnten Notiz, und es läßt sich hiernach der Werth aller angreifenden und absprechenden Bemerkungen ermessen, welche er an seine Ansicht von der Unmöglichkeit des von uns mitgetheilten Factums geknüpft hat.

Die Redaction.     



  1. Aus der Feder dieses hervorragenden Ornithologen ist uns ein eingehender Artikel über die fragliche Hühnerfamilie zugesagt. Weil derselbe aber erst im nächsten Jahrgang der „Gartenlaube“ erscheinen kann, so haben wir diese vorläufige kurze Besprechung des Gegenstandes für nothwendig erachtet. D. Red.     

Kleiner Briefkasten.

A. G. in L. Sie möchten wissen, ob der „gesetzliche Schutz der Erfindung“, welchen das von uns in Nr. 38 erwähnte Flugblatt über die Winter’schen Gichtketten nennt, sich auf ein dem „Erfinder“ ertheiltes Patent bezieht und ob das Zeugniß des Herrn Dr. Heß, der sich „gerichtlich vereideter Chemiker und wissenschaftlicher Untersucher und Sachverständiger für medicinische, pharmaceutische und Gesundheitspräparate aller Art“ unterzeichnet, worauf das L. S. hindeute, ein amtliches sei, etwa vom kaiserlichen Gesundheitsamt ausgestellt? – Der gesetzliche Schutz bezieht sich nur auf die Fabrikationsmarke, es fehlte auch noch, daß solche Dinge bei uns patentirt würden! Das Zeugniß des Dr. Heß ist, wie alle derartigen Zeugnisse, ein reines Privatgutachten; der Aussteller gehört mit den Collegen Professor von Kletzinsky, Medicinalrath Joh. Müller, Dr. (??) Theobald Werner, Professor X. Landerer und Anderen zu jenen Persönlichkeiten, die anscheinend die günstige Begutachtung von Geheimmitteln als Geschäft betreiben. Man begegnet ihren stets günstigen Zeugnissen so allgemein bei diesen Mitteln, daß es längst als größte Empfehlung für eine neue Waare dient, wenigstens nicht von diesen Herren empfohlen zu werden.

W. in Berlin. G. Bernhardt: „Die Käfer. Eine Anleitung zur Kenntniß des Käfers im Allgemeinen, wie auch zu zweckmäßiger Einrichtung von Käfersammlungen. Mit 72 illuminirten Abbildungen. Fünfte verbesserte Auflage, 1876. Halle, Hendel. 1 Mark.“

R. S. 2 in Berlin. Zu umfangreich.

A. W. Wenden Sie sich an Herrn Emil Schmidt, Zeichenlehrer an der Gewerbeschule für Mädchen in Hamburg!



Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt der sechsundzwanzigste Jahrgang unserer Zeitschrift, und beginnt mit nächster Nummer der

siebenundzwanzigste Jahrgang

Indem wir die geehrten Abonnenten ersuchen, ihre Bestellungen auf das erste Quartal 1879 schleunigst aufzugeben, bringen wir denselben gleichzeitig zur Kenntniß, daß wir unsern Lesern in dem neuen Jahrgange unter anderm folgende interessante Erzählungen darbieten werden:

Irrende Sterne. Von Georg Horn. - Im Schillingshof. Von E. Marlitt.

Das Haus in der Schlucht. Von Balduin Möllhausen. – Der Hiob von Unterach. Von K. E. Franzos.

Felix. Von K. Th. Schultz. – Verheirathet. Von H. Wild.

Die Postabonnenten machen wir noch besonders auf eine Verordnung des kaiserlichen General-Postamts aufmerksam, laut welcher der Preis bei Bestellungen, welche nach Neujahr aufgegeben werden, sich pro Quartal um 10 Pfennig erhöht (das Exemplar kostet also in diesem Falle 1 Mark 70 Pfennig statt 1 Mark 60 Pfennig). Auch wird bei derartigen verspäteten Bestellungen die Nachlieferung der bereits erschienenen Nummern eine unsichere.

Die Verlagshandlung von Ernst Keil in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Diese und ff. nicht lesbaren Textstellen nach –Lumpenmüllers Lieschen. Roman. Ernst Keil, Leipzig 1879 Internet Archive- ergänzt und korrigiert