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Die Gartenlaube (1874)/Heft 16

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[251]

No. 16.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die zweite Frau.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Von E. Marlitt.


(Fortsetzung.)


Geräuschlos schob die junge Frau den Riegel an der Thür des blauen Boudoirs weg und trat hinaus, aber bestürzt und geblendet wich sie zurück – sie hatte gemeint, in das tiefdunkle Vorzimmer zu treten, und da brannte nun die große Hängelampe am Plafond, und durch die weit zurückgeschlagenen Flügel der Hauptthür quoll das grelle Gaslicht des Säulenganges herein. … Sie setzte den Fuß nicht weiter – in athemlosem Schrecken stand sie da – von Licht überschüttet, hob sich ihr zartes, bleiches Gesicht in feenhafter Lieblichkeit aus den schwarzen Sammethüllen – aber der harte, fremde Zug, der sich vorhin um ihre Lippen geschlichen hatte, trat verschärft hervor, während die stahlfarbenen Augen, halb verwirrt, halb trotzig zurückweisend, seitwärts die Fensternische streiften, in welcher Mainau mit verschränkten Armen stand.

„Du hast mich lange warten lassen, Juliane,“ sagte er ruhig, fast eintönig, als handele es sich um eine verabredete gemeinschaftliche Fahrt ins Concert oder Theater. Dabei schritt er rasch nach der offenen Thür und schlug beide Flügel zu – es war klar, er hatte sie so weit geöffnet, um den Säulengang übersehen und so das Entweichen der jungen Frau auch vom Ankleidezimmer aus verhindern zu können.

„Du willst noch eine Promenade machen?“ – Er sagte das, vor sie hintretend, mit dem an ihm gefürchteten Sarkasmus, in seinem Blicke aber glomm ein unheimlicher Funke.

„Wie Du siehst,“ versetzte sie kalt – sie bog seitwärts aus, um unbeirrt nach der Thür zu schreiten.

„Ein wunderlicher Einfall bei dem Wetter – hörst Du, wie der Sturm heult. Er läßt Dich nicht bis an das erste Rasenrondel des Gartens kommen; darauf verlasse Dich! Die Wege schwimmen – ich warne Dich, Juliane! … Diese kleine Caprice wird Dir Schnupfen und Rheumatismus einbringen.“

„Wozu diese Komödie?“ sagte sie stehenbleibend vollkommen gelassen. „Du weißt sehr gut, daß es sich nicht um ‚eine kleine Laune‘ handelt – ich habe Dir oben gesagt, daß ich gehe, und Du siehst mich auf dem Wege.“

„Wirklich? Du willst so, wie Du da bist, im Sammetmantel und den Regenschirm in der Hand, bis – nach Rudisdorf promeniren?“

Sie lächelte schwach. „Nur bis zur Residenz – der Zug geht um zehn Uhr ab.“

„Ach so! Köstlich! Schönwerth hat die Ställe voll Pferde, und in den Remisen steht eine lange Reihe bequemer und hübscher Wagen. Aber die Frau Baronin zieht es vor, per pedes das Haus zu verlassen, weil –“

„In dem Moment, wo ich droben den Saal verließ mit dem Entschlusse, heute noch zu gehen, hörte ich auf, ein Familienglied des Hauses zu sein, und entäußerte mich selbst des Rechtes, hier noch Etwas zu verfügen –“

„Weil es“ – fuhr er unbeirrt und den Einwurf kalt belächelnd mit erhobener Stimme fort – „doch gar so herzerschütternd und todestraurig klingen würde, wenn man sich morgen früh in der Residenz erzählte: ‚Die arme, junge Frau von Mainau! Man hat sie in Schönwerth dergestalt mißhandelt, daß sie in die Nacht hinaus geflohen ist; vom rasenden Sturme gegen die Stämme des Waldes geschleudert, ist sie bewußtlos am Wege des Waldes liegen geblieben, das bleiche Duldergesicht und die prachtvollen Goldflechten von Blut überrieselt‘“ – er vertrat ihr den Weg; denn sie hatte, tief empört, mit einem Ausrufe des Unwillens eine rasche Bewegung nach der Thür gemacht.

„Bei einem so starken, gereiften Geiste, bei einer so gesunden, klaren Anschauung der Dinge eine solch unglaubliche Naivetät, Juliane!“ fuhr er fort. Der Spott war wie weggewischt aus seinen Zügen, von seiner Stimme. „Du denkst wie ein Mann und handelst urplötzlich wie ein erschrecktes Kind. Wenn es gilt, die Wahrheit zu sagen oder Anderen zu nützen, bist Du heldenhaft und hast die scharfe Schneide eines Dolches in der Zunge – aber der Selbstvertheidigung gehst Du aus dem Wege, wie der Vogel Strauß, der den Kopf versteckt. – Du fühlst Dich schuldlos und fliehst dennoch? … Weißt Du nicht, daß Du mit diesem Schritte das Urtheil der ganzen Welt gegen Dich herausforderst? – Eine Frau, die bei Nacht und Nebel das Haus ihres Mannes allein, auf Nimmerwiederkehr verläßt, ist und bleibt – eine Entlaufene! Das klingt stark und beleidigend für Dein zartes Empfinden, nicht wahr? … Allein ich kann es Dir nicht ersparen.“

Er griff nach ihrer Hand, die bereits auf dem Thürgriff lag, aber ihre Finger umklammerten ihn fest – nur mit rauher Gewalt hätte er sie herabzureißen vermocht. Ein Ausdruck erschien plötzlich auf seinem Gesichte, so eigenthümlich gespannt und dabei so wild zornig, daß sie erschrak – dennoch sagte sie gefaßt und gelassen: „Vergiß nicht, daß ich Dir vor zwei Zeugen Lebewohl gesagt und Dich von meinem Weggange unterrichtet habe – von einem ‚Entlaufen‘ oder böswilligen Verlassen Deines Hauses kann mithin nicht die Rede sein. … Und wenn die bösen [252] Zungen über mich herfallen? Mögen sie es doch. … Mein Gott, welche Bedeutung hat denn meine Person für die Welt? Ich bin nicht eitel genug, um vorauszusetzen, sie werde sich andauernd mit mir beschäftigen – sie könnte es auch beim besten Willen nicht, denn ich verschwinde vom Schauplatze. … Und nun bitte ich Dich, gieb mir den Weg frei! Lebewohl sage ich Dir nicht noch einmal – wir sind Beide nicht sentimental.“

„Nein – nur ich armer Gesell habe so ein dummes, störrisches Etwas in der Brust, das aufschreit.“ … Er trat einen Schritt von der Thür weg. „Der Weg ist frei, Juliane – das heißt: er ist frei für uns Beide. Du wirst doch nicht denken, daß ich Dich allein vor den Richter treten lasse, der noch dazu Partei nimmt für die Klägerin? Du willst die Auseinandersetzung mit mir in die Hände Deiner Geschwister legen – gut – ich will aber auch dabei sein. … Ich werde den Wagen bestellen, denn ich begleite Dich – Ulrike, die Verständige, die Weise, soll entscheiden.“

„Mainau, das wolltest Du wagen?“ rief sie erschreckt – bei der heftigen Bewegung, mit der sie emporfuhr, glitt der Capuchon von ihrem Kopfe; das halbgelöste Haar quoll wogend, in schweren, glänzenden Ringeln auf den schwarzen Sammet – der Regenschirm fiel zu Boden. – Sie verschränkte die Hände und drückte sie gegen die Brust. „Es ist mir viel Weh zugefügt worden in Deinem Hause, und dennoch möchte ich Dich nie und nimmer vor Ulrikens streng richtenden Blicken stehen sehen, ich – ertrüge es nicht. … Was willst Du antworten, wenn sie Dich fragt, aus welchem Grunde Du die Hand ihrer Schwester verlangt hast? Du wirst sagen müssen: ‚Aus Rache gegen eine Andere – ich habe die Verlobung mit der Gräfin Trachenberg einzig deshalb in Scene gesetzt, um angesichts des ganzen Hofes der Herzogin einen Dolch in die Brust zu stoßen.‘“

Er stand vor ihr mit aschbleichem Gesichte – langsam, mechanisch hob er die Rechte, um sie auf der Brust in den halb zugeknöpften Rock zu stecken – sein Schweigen und diese Haltung gaben ihm das Aussehen eines Mannes, der sehr gut weiß, daß er verloren ist, und mit gemachter Ruhe den Verlauf erwartet. – „Und wie dann weiter, Mainau?“ fragte sie unerbittlich. „Du wirst fortfahren müssen: ‚Darauf habe ich die unglückliche Statistin, die sich anstandshalber nicht so rasch wieder abschütteln ließ, mit Schmuck und kostbaren Stoffen beladen, in mein Haus geführt und ihr ein Verhaltungsprogramm aufgestellt, so ungefähr, wie man eine Uhr aufzieht, und von ihr verlangt, daß sie auf der vorgeschriebenen Zeitbahn ihr einförmiges Ticktack pflichtschuldigst abarbeite. … Ich habe gewußt, daß die Seele meines Hauses ein alter, kranker, verbitterter Mann ist; ich habe gewußt, daß gerade ihm gegenüber das Festhalten an meiner Vorschrift eine Riesenaufgabe sein mußte, daß dazu eine beispiellose Selbstverleugnung, ein völliger Mangel an empfindlichen Nerven, an stolzaufwallendem Blut nöthig sei – o, das verstand sich von selber bei der Puppe, die meinen Namen trug, an meinem Tische aß und das Dach meines Schlosses über dem Haupte hatte.‘“ – Sie verstummte – athemlos, die Lippen geöffnet, warf sie den Kopf in den Nacken, wie befreit von einer unglaublichen Last, wie erlöst von dem heißen Schmerz, der ihr viele Wochen lang die Kehle zugeschnürt, das Herz zusammengekrampft hatte.

„Bist Du zu Ende, Juliane? Und willst Du mir vergönnen, Ulriken zu antworten?“ fragte er tonlos, mit einer unbeschreiblichen Sanftheit in der Stimme, jener Stimme, vor welcher bisher die Damen „wie die Lämmer gezittert“.

„Noch nicht,“ sagte die junge Frau hart – jetzt hatte sie genippt an der Rache; sie fühlte zum ersten Male, daß es süß sei, Wiedervergeltung zu üben, Kälte gegen Kälte, Verachtung gegen Mißachtung zu setzen – es riß sie hin, das berauschende Gift weiterzuschlürfen; sie ahnte nicht, daß gerade dieses heiße Rachegefühl auf eine andere tiefe, hoffnungslose Leidenschaft schließen ließ. – „Dieser arme Automat mit den ewig stickenden Händen und den Vocabeln auf den Lippen beging bei allem guten Willen dennoch eine Tactlosigkeit – er kürzte sein Debüt im Hause Mainau nicht rasch genug ab,“ fuhr sie bitter fort. „Er verpaßte den richtigen Moment, wo er sich mit Anstand zurückziehen konnte, und da mußte er es sich gefallen lassen, daß man zu dem raschesten Mittel, zu ehrverletzenden Anklagen griff, um – rasch mit ihm fertig zu werden.“

„Juliane!“ – Er bog sich über ihr Gesicht und sah in die weit geöffneten Augen, die ihm in der unheimlichen Starrheit höchster Nervenaufregung begegneten. „Wie traurig, daß sich Dein reiner Sinn in den Abgrund eines so häßlichen Mißtrauens verirren konnte! Aber ich bin schuld – ich ließ Dich zu lange allein, und wenn ich Alles vor Ulriken verantworten will, das kann ich nicht … Juliane, sieh mich nicht so starr an!“ bat er, ihre Hände gegen sich ziehend; „diese furchtbare Aufregung muß Dich krank machen –“

„Darum lasse mich allein – Du kannst keinen kranken Menschen sehen.“ Sie entzog ihm ihre Hände – ihre Lippen zuckten in trotzigem Weh.

Er wandte sich entmuthigt ab. Wohin er sich auch wenden mochte, sie hielt ihm grausam einen Spiegel vor, aus welchem ihm sein Charakterbild in häßlichen, unheimlich genauen Strichen entgegentrat; sie hatte jeden seiner herzlosen Aussprüche sorgsam notirt. Er konnte so glänzend Conversation machen; – für ihn gab es keine Klippe, keine Kluft in der Gesellschaft – er schlug über Alles die leichte Brücke des geißelnden Spottes, des funkelnden Witzes – und hier, im Conflict mit einer ehrlichen, aber durch sein Verschulden herb gewordenen weiblichen Natur, litt er kläglich Schiffbruch, der brillante, weltgewandte Cavalier. Schweigend wollte er die Hand nach dem Klingelzug ausstrecken, um zu schellen, aber die junge Frau wußte es durch eine rasche Bewegung zu verhindern. „Thue das nicht, Mainau! Ich fahre nicht mit Dir,“ erklärte sie entschieden, mit finsterem Ernst. „Wozu den häßlichen Streit nach Rudisdorf tragen? Das dürfte ich schon meinem lieben, scheuen Magnus nicht anthun – er würde unter dem rauhen, lauten Conflict schwer leiden. Und die Mama? … Mit ihr habe ich einen harten Kampf zu bestehen, wenn ich zurückkehre – das verhehle ich mir nicht; aber ich will ihn doch tausendmal lieber allein auf mich nehmen, als Dich dabei sehen. Sie wird sich sofort auf Deine Seite stellen – in ihren Augen werde ich bis in alle Ewigkeit die Schuldige sein; Du bist der gefeierte, vielbeneidete Cavalier, der Herr von Schönwerth, Wolkershausen etc. und ich bin das verarmte Mädchen, das kaum Anspruch an eine Stiftspfründe hat – was liegt da näher, als daß ich nicht verstanden habe, mich in die Verhältnisse zu schicken und meine beneidenswerthe Stellung würdig einzunehmen?“ – welch ein bitteres, herzzerreißendes Lächeln flog um ihre Lippen! – „Aber aus eben diesen Gründen wird Mama auch Alles aufbieten, die völlige Trennung zu verhindern, und dagegen verwahren wir uns doch Beide –“

„In der That, Juliane?“ – Er lachte zornig auf. – „Widerstrebte es mir nicht, da rauh und gebieterisch zu nehmen, wo man mir durchaus nicht geben will, da könnte ich allerdings nichts Besseres thun, als die Entscheidung in die Hände der Mama zu legen – so aber muß und soll Ulrike die höchste Instanz bleiben. … Ich werde nicht ein Jota von meiner großen Schuld leugnen. Ich werde ihr erzählen, wie die fürstliche Coquette mit mir gespielt, wie sie mich durch ihren Treubruch zu Dem gemacht hat, was ich geworden bin – zum frivolen Spötter, zum gewissenlosen Frauenverächter, zu einem zerfahrenen, ruhelosen Flüchtling, den die ungesühnte tiefe Demüthigung seines Mannesstolzes in den Taumel unwürdiger Genüsse gehetzt hat. Ulrike soll wissen, daß ich, wenn auch längst keinen Funken von Neigung mehr für die Treulose hegend, dennoch unausgesetzt nach einer eclatanten Genugthuung gelechzt habe – vielleicht vermag sie besser als Du sich in die Seele eines tiefgereizten und gekränkten Mannes zu versenken. … Ich werde ihr sagen: ‚Es ist wahr, Ulrike, ich habe Deine Schwester in der That heimgeführt, um die Herzogin zu züchtigen und meine Rache zu kühlen, aber auch, um der wahnsinnigen Leidenschaft dieser Frau für mich, die mich anwiderte, Schranken zu setzen.‘“

Er schwieg für einige Secunden, als hoffe er auf ein ermuthigendes Wort, aber die Lippen der jungen Frau bewegten sich nicht – sah es doch fast aus, als erstarre sie gegenüber diesen Enthüllungen.

„‚Das junge Mädchen, das ich beim ersten Begegnen kaum mit einem halben Blicke angesehen, war mir gleichgültig,‘“ fuhr er mit bewegter Stimme fort. „‚Hätte ich damals den Eindruck der Schönheit, des Geistes empfangen – ich wäre sofort zurückgetreten – ich wollte keine innere Fessel wieder auf mich nehmen [253] und suchte nur einen sanften, weiblichen Charakter mit dem Wunsche, daß er sich als repräsentirende Hausfrau, als geduldige Pflegerin des grilligen Onkels und meines Knaben in die gegebenen Verhältnisse hineinleben möge – ich war ein grausamer Egoist. … Der Reisetrieb erwachte auf’s Neue in mir – ich sehnte mich hinaus nach Abenteuern aller Art, auch nach denen mit – schönen, pikanten Frauen – ich war wie mit Blindheit geschlagen. … Die weiße Rose aus Rudisdorf zeigte mir allerdings schon am ersten Tage einen scharfen Dorn, der mich erschreckte – ich stieß auf einen unbändigen Stolz. … Aber sie war auch klug und mir an Geistesschärfe weit überlegen – sie verstand es, ihre körperliche Schönheit, ihren hochgebildeten Geist in die Nonnentracht der strengsten Zurückhaltung zu hüllen – es fiel ihr nicht ein, auch nur einen Finger zu rühren, um den Mann zu gewinnen, der sie verschmäht, mißachtet hatte. … Und so ging ich neben ihr, kalt, spöttisch, über sie hinwegsehend, und nur manchmal durch einen aufsprühenden Blitz erschreckt. … Ich müßte über den Humor der Nemesis lachen, wäre er nicht so entsetzlich bitter. … Ist es nicht kläglich, Ulrike, daß der Mann, der in unverzeihlichem Dünkel sagen konnte: ‚Liebe kann ich ihr nicht geben‘ – nun das Knie vor Deiner Schwester beugen und sie um Verzeihung bitten will? Ist es nicht jammervoll, daß er nun wirbt und fleht um Das, was er zuerst schnöde und achtlos weggeworfen? … Sie will mich verlassen – von gerechtem Mißtrauen gegen mich erfüllt, versteht sie mich absolut nicht. Ein anderes, geübteres Frauenauge hätte längst erkannt, wie es um mich steht, und milde verzeihend und schonend dem Frevler das schwere Eingeständniß seiner totalen Niederlage erspart – aber sie schreitet unbeirrt weiter, ohne zu erwägen, was sie dabei zertritt, und so bleibt mir nichts übrig, als in klaren Worten auszusprechen, daß ich – geistig und moralisch den Tod erleide, wenn Juliane von mir geht.‘“ –

Er war schon bei Beginn seiner Beichte einmal rasch nach dem Fenster zugeschritten – dort stand er noch – kein Blick war auf die junge Frau gefallen. Jetzt wandte er den Kopf nach ihr. Mit der Rechten die Augen bedeckend, tastete sie nach dem neben ihr stehenden Sessel – sie schien vor Bestürzung in sich zusammensinken zu wollen.

„Soll der Wagen vorfahren?“ fragte er, näher an sie herantretend, mit entfärbten Lippen, in athemloser Spannung. „Oder hat Juliane mich gehört und will selbst entscheiden?“

Sie verschlang krampfhaft die Finger ineinander und ließ die Hände sinken – stürzte nicht die Decke auf sie nieder bei diesem jähen Umschwunge?

„Nur ein Ja oder Nein – mache der Qual ein Ende! – Du bleibst bei mir, Juliane?“

„Ja.“ – Dieses „Ja“ kam freilich wie ein zitternder Hauch von ihren Lippen, und doch übte es eine wahrhaft berauschende Wirkung auf den Mann. Mit einem stummen Aufblicke, als werde die Marter einer tödtlichen Angst von ihm genommen, hielt er die bebende Frau in den Armen – dann löste er den Reisemantel von ihren Schultern und schleuderte ihn weithin auf den Boden.

Er küßte sie auf den Mund. „Das ist die Verlobung, Juliane – ich werbe um Dich in tiefer, inniger Liebe,“ sagte er feierlich ernst. „Nun mache aus mir, was Du willst! Du sollst Zeit und Gelegenheit haben, Dich zu prüfen, ob Du mich dereinst auch wirst lieben lernen, die Du jetzt nur in echt weiblicher Milde und Barmherzigkeit verzeihst. … Wer mir noch vor einem halben Jahre gesagt hätte, daß ein Frauencharakter mich bezwingen würde! … Nun, Gott sei Dank, noch bin ich jung genug, um mein Lebensschiff zu wenden und glücklich zu werden! Sieh, so wie ich Deine schmiegsame Gestalt jetzt halte, wie sie mich nicht mehr zurückweist mit Händen und Augen, so hingebend bist Du nun auch meine – Liane.“

Er führte sie in das blaue Boudoir. „Himmel, wie magisch!“ rief er. Sein Blick flog über die glänzenden Wände, um dann wie trunken auf dem lieblichen Antlitze seiner jungen Frau zu ruhen. „Ist das wirklich das verhaßte Zimmer mit den penetranten, erstickenden Jasmindüften und den Polstern der Faulheit?“

Auf dem Tische brannte nur eine Lampe unter rothem Schleier – ein rosiger Schein färbte schwach die Atlasfalten. Mainau hatte dieses Zimmer früher ganz anders, ja feenhaft beleuchtet gesehen – Liane wußte von Leo, daß die Appartements der „ersten Mama“ stets in einem Lichtmeer geschwommen hatten. Mit stürmisch klopfendem Herzen sagte sie sich, daß es nur die Morgenröthe der neuen Glückseligkeit sei, die dem Mann an ihrer Seite plötzlich Alles verkläre. War ihr doch auch, als flimmere es magisch um jeden weißen Azaleenkelch in der dunkelnden Fensternische, ja, als müsse ein Flüstern von dort ausgehen, ein seliges Flüstern der kleinen Blumenseelen, die sie, umstürmt von Kämpfen aller Art, dennoch treu gepflegt, und die nun ihr verschämt schweigendes Glück sehen konnten, besser als er, der sich noch ungeliebt glaubte.

„Und nun die einzige und letzte Frage, bezüglich des Vergangenen, Liane!“ sagte er, in leidenschaftlicher Bitte ihre Hände an seine Brust ziehend. „Du weißt nun, was mich vorhin droben im Salon so hart, so wahnwitzig ungerecht gegen Dich gemacht hat; Du weißt auch, daß ich in Wirklichkeit an eine Schuld Deinerseits nie geglaubt – stünde ich sonst hier? … Der vergiftende Hauch des verhaßten Schwarzrockes hat Dich nicht berühren dürfen – darauf will ich schwören, und doch – ich kann nicht ruhig werden, Liane! … Ich habe das Gefühl, als würde mir der Hals zugeschnürt, wenn ich mir, inmitten meines Glücktaumels, den räthselhaften Augenblick vergegenwärtige, wo ich Dich mit erschrecktem Gesicht in der halben Dämmerung stehen sah und seine Stimme hörte, die dem Onkel Schweigen auferlegen wollte. … Was führte Dich zu so ungewohnter Stunde in den halbdunklen Salon?“ …

Und sie erzählte ihm mit fliegendem Athem, aber klar und besonnen, Alles. Sie beschrieb ihm, wie sie die Fälschung, die sie auf den Wink der Löhn hin vermuthet, entdeckt hatte. Bei der Schilderung dieses abscheulichen Betruges, den er unfreiwillig jahrelang begünstigt, stand Mainau wie eine Bildsäule, keines Wortes mächtig – er war auf schamlose Weise dupirt worden; der intriguante Jesuit hatte ihn spielend am Gängelband geführt, und er hatte agiren müssen, wie es diesem schlauen Kopf beliebte. Und der arme Knabe, den jener Zettel kurz und bündig als Bastard von niedrigster Herkunft bezeichnet und verstoßen, er hatte unter dem furchtbarsten Druck, unter allseitiger Verachtung und Schmähung seine schönsten Kinderjahre hinschleppen müssen; er war getreten und in den Ecken umhergestoßen worden, in den Ecken des Schlosses, das dem Manne gehört, dessen einziges Kind er gewesen. … Liane meinte, das Knirschen der Zähne zu hören, ein so gewaltsam verbissener Grimm entstellte Mainau’s Gesicht – es war aber auch ein allzu jähes Aufrütteln aus dem blindesten Glauben und Vertrauen.

Nun kam sie an jenen Moment, wo der Hofprediger Brief und Zettel in das Kaminfeuer geworfen. Schamhaft vermied sie, ihre Lippen mit der Wiederholung seiner leidenschaftlichen Bitten und Klagen zu beflecken; sie deutete kaum die Motive seiner verbrecherischen Handlungsweise an, und doch war es um Mainau’s Selbstbeherrschung geschehen. Er stürmte wie ein Rasender im anstoßenden Salon auf und ab – dann kam er plötzlich herüber und zog die junge Frau in seine Arme. „Und ich ließ Dich allein in den Klauen des Tigers, während ich jenes verachtete Weib schützend heimgeleitete!“ klagte er.

Sie redete ihm sanft und beschwichtigend zu, und mit diesem Moment begann ihre Mission als Frau, als treue Gefährtin und Beratherin. Doppelt süß klang diese besänftigende Frauenstimme gerade in den Räumen, die einst Zeugen heftiger ehelicher Auftritte gewesen waren. Wie keusch zurückhaltend und doch wie mild stand diese zweite Frau unter dem blau atlassenen Wolkenhimmel, der auch auf jenes launenhafte, verzogene Wesen niedergesehen, wenn es bald wie eine kleine Katze geschmeidig zusammengerollt, nichts denkend und träumend, halbe Tage lang zwischen den Polstern geruht, bald als graciöser, schöner, aber bitterböser Engel umhergeflattert war, um Blumen unter dem kleinen Absatz zu zertreten, oder mißliebige weibliche Dienerschaft mit höchsteigenen, aristokratischen Händen zu züchtigen. … Das mochte wohl Alles durch Mainau’s Seele gleiten – er gab sich dem neuen Zauber überwältigt hin und wurde ruhiger.

„Vorhin noch hatte ich nur den einen Gedanken, Dich und Leo sofort nach Wolkershausen zu bringen und dann hierher zurückzukehren, um Schönwerth für immer von dem unreinen Geist zu säubern,“ sagte er – freilich diese Töne trugen noch die Spuren des inneren Kampfes mit der leidenschaftlichsten [254] Erbitterung. – „Mir kocht das Blut, wenn ich mir denke, daß dieser Schurke beschützt und gehätschelt droben im Schlafzimmer des Onkels sitzt, während er doch ohne Weiteres über die Schwelle, in Sturm und Nacht hinausgestoßen werden müßte. … Aber ich muß mir selbst sagen, es nützt nichts, wenn die rächende Faust des empörten ehrlichen Mannes in diese Fuchsgesellschaft niederfährt; sie stiebt auseinander, um sich im nächsten Augenblick erstickend über ihm zu schließen; er ist der Verlorene, und wenn ihm alle Gesetzbücher der Welt zur Seite stehen. … Sieh’, mein holdes Weib, die erste eclatante Wirkung Deines Einflusses – ich will mich mäßigen; aber diese Mäßigung soll dem Schwarzrock theuer zu stehen kommen. – Auge um Auge, Zahn um Zahn, mein Herr Hofprediger! Ich will auch einmal den Fuchskopf aufsetzen, um Onkel Gisbert’s willen, an dessen Kind ich mich schwer versündigt habe … Der Onkel Hofmarschall ist mit dem Zettel genau so dupirt worden, wie ich – er, mit seinen klugen, scharfen Höflingsaugen, – darin liegt ein ganz klein wenig Trost für mich.“ – Sein Glaube an die Rechtlichkeit des alten, kranken Mannes war unerschütterlich. Liane zitterte, denn in dem Augenblicke, wo er sich Gabriel’s annahm, fiel auch der Riegel vor Frau Löhn’s Lippen – welch schwere, bittere Enttäuschung stand ihm bevor – „Wollte ich ihm aber den wahren Sachverhalt mittheilen, er würde mich einfach auslachen und die vollgültigsten Beweise fordern,“ fuhr Mainau fort. „Nun werde ich die Sache umkehren. … Liane, so schwer es mir auch wird, wir müssen noch nebeneinander gehen wie bisher. Kannst Du Dich überwinden, morgen Deine Hausfrauenpflichten wieder aufzunehmen, als sei Nichts vorgefallen?“

„Ich will es versuchen – ich bin ja Dein treuer Camerad.“

„O nein! Mit der Cameradschaft ist’s vorbei – der Pact, den wir am ersten Tag geschlossen, ist längst null und nichtig, zerrissen, verweht in alle vier Winde. Unter guten Cameraden gilt eine gewisse Toleranz; aber ich bin ein merkwürdig mißgünstiger Gesell geworden – in dem Falle dulde und gestatte ich nicht. Selbst Leo gegenüber kämpfe ich mit feindseligen Regungen, wenn er so selbstverständlich ‚meine Mama‘ sagt, und die Namen ‚Magnus‘ und ‚Ulrike‘ kann ich von Deinen Lippen nicht hören, ohne den häßlichsten Neid zu fühlen – ich glaube, ich kann ihnen nie gut werden, diesen Namen. … Uebrigens sei ohne Sorge – ich wache über Dich, wie es Dein Schutzgeist nicht besser vermöchte; nicht auf Secunden werde ich Dich verlassen, bis die Luft rein ist von dem Raubvogel, der über meinem schlanken Reh kreist.“

Die Dienerschaft, die ihm wenige Minuten darauf in den Gängen des Schlosses begegnete, ahnte nicht, daß auf seinen strenggeschlossenen Lippen die Verlobungsküsse fortbrannten, und daß eben die bemitleidete zweite Frau zur Herrscherin über „Alles was sein“ geworden war. … Und als der Hofprediger eine halbe Stunde später trotz Sturmestoben und Regen das Schloß umkreiste, da sah er Mainau’s Schatten im hellerleuchteten Arbeitszimmer auf- und abwandeln, und drunten im Salon saß die junge Frau am Schreibtische – diese zwei Menschen hatten also nicht das Bedürfniß nach gegenseitigem Aussprechen gehabt – der Herr Hofprediger, der wie ein scheues, aber beharrlich lauerndes Raubthier mit heißem Blicke immer wieder das rothgoldene Haargewoge hinter dem leichtklaffenden Fensterladen suchte, er behielt das Heft in der Hand. …




22.


Der Sturm, der sich gestern im Verlaufe des Abends zum Orkan gesteigert, hatte bis nach Mitternacht fortgetobt. Von den Schloßleuten waren nur wenige zu Bett gegangen. Man hatte selbst den schweren Mosaikdächern des Schlosses nicht getraut und gefürchtet, der heulende Wütherich werde sie herabstoßen – kein Wunder, daß da das schwache Bambusdach des indischen Hauses in Stücke zerpflückt worden war.

Nun breitete sich der Morgenhimmel so schuldlos klar und glänzend über die gemißhandelte Erde, und die zerzausten Bäume standen beruhigt und kerzengerade; sie verschmerzten die entrissenen Aeste, die abgeschüttelten, alten, weithin verstreuten Vogelnester, die sie treulich geschirmt, und ließen versöhnend ihre Blätter mit dem schmeichelnden Windhauche spielen, zu welchem sich der Unhold gesänftigt hatte. … In der Schloßküche aber standen die Leute zusammen und erzählten sich, die Löhn sähe aus wie ein Gespenst – selbst diesem derben Weibe, das sich doch durch nichts in der Welt aus der Fassung bringen ließe, sei der Spuk zu toll geworden; sie habe die Nacht hindurch in dem indischen Hause gewacht, da sei ihr das Dach buchstäblich über dem Kopfe weggerissen worden; die Sterne am Himmel hätten durch große Löcher in der Zimmerdecke hereingesehen, und das sei bis zum anbrechenden Morgen die einzige Beleuchtung gewesen, denn der Sturm habe keine Lichtflamme aufkommen lassen. Und nun könne man den angerichteten Schaden nicht einmal ausbessern, denn das gäbe Lärm, und – die Indierin läge ja im Sterben. … Die Strenggläubigen des Hauses meinten, da brauche man sich freilich über das unerhörte Toben und Stürmen nicht mehr zu verwundern – wenn solch eine ungetaufte Seele „geholt“ werde, da gäbe es immer Kampf.

Liane hatte auch bis gegen Morgen gewacht. Der Sturm hätte sie wohl schlafen lassen, aber durch ihre Seele war es wie ein Fieber gegangen – es war doch eine nicht zu beschreibende Glückseligkeit, sich so geliebt zu wissen. … Wie schnell hatte sie den kleinen Koffer wieder ausgepackt und jeden Gegenstand an seinen Platz zurückgelegt, den er fortan behaupten sollte, wie die zweite Frau den ihrigen am Herzen des theuren Mannes! Ebenso waren die beiden Schlüssel eiligst ihrer Haft entlassen und das an Mainau adressirte Couvert verbrannt worden – es sollte Niemand mehr auch nur ahnen, daß sie bereits auf der Flucht gewesen. … Dann hatte sie an Ulrike geschrieben, mit fliegender Feder alle Stadien ihrer Leiden und Anfechtungen durchlaufend, bis – zum glückseligen Ausgange.

Der darauf folgende Schlaf in den Morgenstunden hatte sie unbeschreiblich erquickt, und als die Jungfer die Vorhänge auseinanderschlug und die Fensterflügel öffnete, da meinte die junge Frau, der Himmel habe noch nie in solch krystallenem Blau über ihrem Leben gestanden, die Morgenluft nie so balsamisch ihr Gesicht umschmeichelt, selbst nicht in Rudisdorf, wo sie die frühen Tagesstunden stets allein mit den theuren Geschwistern verbracht hatte. … Mit Vorbedacht legte sie ein veilchenfarbenes Kleid an, von welchem Ulrike gesagt, daß es ihr gut stehe – o, sie war coquett geworden. Sie wollte Mainau gefallen.

Wie gewöhnlich Leo an der Hand führend, trat sie in den Frühstückssaal. Sie wußte, daß ihr gehässige Demüthigungen von Seiten des Hofmarschalls bevorstanden, denn sie hatte ihm gestern verachtend den Rücken gewendet, und nun kam sie, ihm seine Morgenchocolade zu credenzen. Es galt, die Zähne zusammenzubeißen und einen gewissen stoischen Muth herauszukehren. … Wie der Hofprediger gestern Abend im Schlafzimmer des alten Herrn die Karten gemischt, um sich selbst aus der Affaire zu ziehen, das war ihr freilich dunkel. Hanna hatte ihr in der neunten Stunde Leo gebracht – er war ja bis dahin auch im Schlafzimmer des Großpapa gewesen; aber aus Allem, was er plauderte, mußte sie schließen, daß es keineswegs laut und leidenschaftlich zwischen den beiden Herren zugegangen war; ja, sie hatten sogar Schach gespielt.

Beim Eintritte in den Saal mußte sie an den ersten Morgen denken, den sie in Schönwerth verlebt. Der Hofmarschall saß am Kaminfeuer, und Frau Löhn, die allem Anscheine nach eben erst eingetreten, stand einige Schritte von ihm entfernt. Ohne die ungeschlachte Verbeugung der Beschließerin zu beachten, stemmte er beide Hände auf die Armlehnen seines Stuhles, und den Oberkörper ein wenig emporhebend, bog er sich blinzelnd vor, als traue er seinen Augen nicht.

„Ei, da sind Sie ja, meine Gnädigste!“ rief er. „Dachte ich mir doch gleich, als Sie uns gestern Abend so – so brüsk verließen und Ihren längst beabsichtigten Besuch in der Heimath zu einer so ungewöhnlichen Zeit antreten wollten, daß Sie sich bei kälterem Blute dem doch anders besinnen würden. … Freilich, bei dem Sturme aber auch! Und dann haben Sie sich doch wohl auch ein wenig überlegt, daß ein solch plötzliches freiwilliges Verlassen unseres Hauses bei einer etwaigen gerichtlichen Entscheidung schwer in die Wagschale fallen und – die Abfindungssumme bedeutend schmälern dürfte – klug genug sind Sie ja, kleine Frau.“

Sie war im Begriffe, wieder hinauszugehen; sie fühlte sich der Aufgabe nicht gewachsen. Wo war Mainau? Er hatte ihr versprochen, sie nie allein zu lassen. … Leo bemerkte erstaunt ihr Zögern – das Kind begriff ja nicht, welche Beleidigungen

[255]

Ein siebenbürgisch-sächsischer Dorfrichter in Amtsthätigkeit.
Nach einer Photographie des Professor C. Koller zu Bistritz in Siebenbürgen.

[256] der Mama als Morgengruß in das Gesicht geworfen wurden. Mit seinen beiden kräftigen Händchen ihre Rechte umklammernd, zog er sie lachend tiefer in den Saal herein.

„Recht so, mein Junge!“ lachte auch der Hofmarschall heiter auf. „Führe die Mama zum Frühstückstische und bitte für den Großpapa um eine Tasse Chocolade. Er nimmt sie ja doch am liebsten aus ihren Händen, und sollten auch diese schönen Hände einen leichten Duft von – verbranntem Papiere ausströmen. … Na, Löhn,“ wandte er sich rasch an die Beschließerin, als wolle er jede Replik auf den Lippen der gemarterten jungen Frau verhindern – „ist’s wahr? Der Sturm soll ja in dieser Nacht das Dach des indischen Hauses zertrümmert haben.“

„Ja, gnädiger Herr – wie es geht und steht, hat er’s weggefegt.“

„Auch der Plafond ist beschädigt?“

„Voller Löcher – ein Regen darf nicht kommen.“

„Sehr fatal! … Aber erneuert oder ausgebessert wird im indischen Garten absolut nichts – je früher diese Spielerei zerfällt, desto besser! … Sorgen Sie dafür, daß die Kranke in den kleinen, runden Pavillon gebracht wird –“

Liane sah bei diesem Befehle nach der Beschließerin – die Leute hatten Recht, „das derbe Weib“ sah aus wie ein Gespenst. Dem feinen Ohre der jungen Frau entging es nicht, daß sie die Antworten nur so kurz und rauh herauspolterte, um ein Brechen der Stimme zu verhindern.

„Ist nicht vonnöthen, gnädiger Herr – die Frau geht von selber,“ antwortete sie auf den Befehl hin, mit einer eigenthümlichen Starrheit im Blicke.

„Wie – was! Sind Sie toll?“ fuhr der Hofmarschall herum – zum ersten Male sah Liane dieses greisenhafte Gesicht in tiefer, dunkler Röthe aufflammen. „Dummheit! Wollen Sie mir weismachen, daß sie sich je wieder erheben, oder gar – ihre gelähmte Zunge zu gebrauchen im Stande sein würde?“

„Nein, gnädiger Herr, was todt ist, das ist und bleibt todt, und – das Uebrige, das löscht heute auch noch aus, ehe die Sonne untergeht.“ Die Frau sagte das eintönig, und doch klang es erschütternd, herzzerschneidend.

Der Hofmarschall wandte den Kopf weg und sah in die Kaminflammen. „So – ist’s so weit?“ warf er mit gepreßter Stimme hin.


(Fortsetzung folgt.)




Von unsern sächsischen Landsleuten im Osten.


1. Der Dorfrichter in Amtsthätigkeit.


Es giebt Landstriche, welche, obgleich fast mitten in Europa gelegen, doch selbst für das wissensfrohe deutsche Publicum in weiteren Kreisen weniger bekannt sind, als manches weitentlegene Gebiet fremder Erdtheile. Zu ihnen gehört Siebenbürgen, das nur gelegentlich die Aufmerksamkeit deutscher Reisender angezogen und noch keinen veranlaßt hat, seinen Eigenthümlichkeiten in Natur, Cultur und Geschichte mehr zu widmen als etwa einige Feuilletonartikel oder einen Vortrag in einer geschlossenen Gesellschaft. Während der Franzose de Gerando und die Engländer Paget und vorzüglich Charles Bones ihren Landsleuten in eingehenden Werken die Erfahrungen und Eindrücke mitgetheilt haben, welche sie in jenem Lande empfangen, begnügt sich Deutschland noch bis zum Augenblicke mit Uebersetzungen dieser fremden Darstellungen, die doch vielfach gerade das nicht bieten, was dem Deutschen nach seiner Art das Bemerkenswertheste sein müßte, tiefere Einblicke in die Aeußerungen des bunten Volkslebens,*[1] das hier, an der Berührungslinie des Orientes und des Occidentes, seit alten Zeiten sich entfaltet hat.

Die Wiener Weltausstellung hat in dem siebenbürgisch-sächsischen und dem szekler Bauernhause, sowie in den Zusammenstellungen der sächsischen, szekler und walachischen Hausindustrie, endlich in den mit dem höchsten Preise ausgezeichneten photographischen Genrebildern des akademischen Malers und früheren Zeichenlehrers am evangelisch sächsischen Gymnasium in Bistritz Carl Koller weitesten Kreisen Gelegenheit geboten, ihr Augenmerk auch der imposanten Naturfeste der Ostkarpaten zuzuwenden. Das Bild, zu welchem diese Zeilen geschrieben wurden, führt eine Scene aus dem Leben desjenigen Theiles der Bevölkerung Siebenbürgens vor, der durch Abstammung und Sitte, sowie durch seine in einem vielhundertjährigen Martyrium nicht gebrochene Treue zum Deutschthum der Beachtung unserer Leser vorzüglich werth ist.

„Ein siebenbürgisch-sächsischer Dorfrichter in Amtsthätigkeit“, so hat der Künstler sein Bild selbst bezeichnet, und da es, um psychologisch verstanden zu werden, keiner Erklärung bedarf, so wollen diese Begleitworte mehr den culturgeschichtlichen Hintergrund zeichnen, von welchem das naturgetreue Bild selbst sich lebendig und kräftig abhebt.

Die älteste germanische Wanderung nach Siebenbürgen ist in den Fluthen der Völkerwanderung fast spurlos vorübergerauscht. Durch die vom ungarischen König Geisa dem Zweiten veranlaßte Einwanderung wurde die Zahl der deutschen Bewohner Siebenbürgens ungemein gesteigert. Zweck ihrer Ansiedlung war Sicherung des vom Mittelpunkte des Reiches weitentlegenen Gebietes gegen feindliche Nachbarvölker, nicht blos den kaum gegründeten eignen Herd zu schützen, sondern auch dem Reiche zu dienen. Die neuen Colonisten waren Bauern und Kriegsleute zugleich.

Nicht nur der Kampf um das leibliche Dasein ist den flandrischen, sächsischen und niederrheinischen Colonisten in Siebenbürgen nicht erspart geblieben; nicht nur hatten sie sich von Anfang an der Angriffe der auf ihre besondere politische und kirchliche Stellung neidischen königlichen Beamten und geistlichen Würdenträger zu erwehren – auch der Streit im Innern entbrannte schon früh zwischen den reicher und mächtiger gewordenen „Geschlechtern“, die an dem magyarischen Adel bald Sippen und Freunde fanden, und den Gemeinfreien. Mehr als zwei Jahrhunderte hat dieser Streit hier gedauert, bis er sich im Reformationszeitalter zu Gunsten der Letzteren entschied, so daß es auf Sachsenboden einen bevorrechteten Adel nicht geben durfte, und so schroff schlossen zeitweilig die Gegensätze sich aus, daß in manchen Gemeinden ein Adeliger geradezu für unfähig zu einem Amte erklärt wurde.

Aus solchem äußeren und inneren Kampfe und der harten Arbeit des Lebens, worin das deutsche Volk von den mitwohnenden Stämmen selten Freundschaft erfuhr und seinen Schutz fast ausschließlich nur bei sich selbst und der wechselnden und in der Regel theuer erkauften Gunst der Könige fand, erwuchs die harte, herbe, ernste, abgeschlossene Bauernnatur dieses Volkes, die dem Fremden leicht unliebenswürdig und egoistisch erscheint, auf der aber der Fortbestand seiner Nationalität wesentlich mit beruht. Wer so viele Jahrhunderte lang ununterbrochen auf Vorposten gestanden für persönliche Freiheit, für das Recht des Eigenthums und die politische und kirchliche Gleichberechtigung, Der verliert die Anmuth der Erscheinung, die nur im Sonnenstrahle des Behagens gedeiht, und wird leicht mißtrauisch auch da, wo der Begegnende auf Vertrauen Anspruch zu haben meint. Als der jetzt regierende Kaiser und König sich zum ersten Male in Siebenbürgen befand, wurde er in einer sächsischen Dorfgemeinde von dem Dorfrichter mit den treuherzigen, einfachen Worten begrüßt:

„Willkommen, Herr Kaiser, in unserem Lande!“

Der Fürst – es war damals in der Blüthezeit des Absolutismus – erwiderte: „Ich denke, das Land ist mein Land.“

Der Bauer, schnell gefaßt, antwortete darauf: „Um Vergebung, Herr Kaiser, dieses Land hat der König Geisa unseren Vorfahren verliehen.“

Und als Jemand aus der Suite darauf, allerdings dem Sachsen gegenüber unpassend genug, einwandte: „Aber wir haben’s erobert,“ da spielte Jener den Trumpf aus:

„Ich weiß es; mein Sohn war auch dabei.“

Es liegt ein gewisses starres Rechtsbewußtsein in der Natur [257] des Sachsen und besonders des sächsischen Bauern im Verkehre mit andern Gewalten des öffentlichen Lebens, das wohl zum Schweigen gebracht werden kann, aber immer wieder hervorbricht, das geduldig wartet, bis, wie er sich ausdrückt, „Recht wieder Recht wird“. Unter der Kaiserin Maria Theresia galt der Uebertritt zur katholischen Kirche für ein Mittel, auch wohl einen sonst verzweifelten Proceß zu gewinnen. So hatte eine magyarische Gemeinde, wie die Sachsen glaubten, einen Grenzproceß gegen eine sächsische dadurch gewonnen, daß ein Theil ihrer Bewohner katholisch wurde. Als Joseph der Zweite auf seiner Reise durch Siebenbürgen in die Nähe jener Gemeinde kam und ihre Bewohner zu seiner Begrüßung herbeieilten, drehte sich der Sachse, der ihn fuhr, im Sattel um und sagte: „Herr Kaiser, dies sind die schlechten Leute, die, um einen Busch zu bekommen, katholisch geworden sind.“

Und als der Kaiser erwiderte: „Sie werden ihn auch behalten,“ fiel der Bauer rasch ein: „Oho, das lassen unsere Herren nicht zu.“

Wo das Recht auf friedlichem Wege nicht zu erwarten war oder zu lange ausblieb, da trat auch wohl die Selbsthülfe in rohester Gewaltthat in Wirksamkeit. 1277 verbrannte der Sohn des Richters Alard von Salzburg, welches damals eine sächsische Gemeinde war, mit seiner Freundschaft die Domkirche von Weißenburg mit nahe an zweitausend Menschen, welche sich in dieselbe geflüchtet hatten, mit Reliquien, Kreuzen, geistlichen Gewändern und sonstigen Kirchenschätzen, weil der Bischof im Bunde mit einigen Domherren seinen Vater hatte ermorden lassen. – Als ein szekler Graf dicht an der Grenze der sächsischen Gemeinde Tartlau eine Burg erbaute, lud er zur Einweihung derselben auch die sächsischen Nachbarn ein. Beim lauten Mahle wurde der Burgherr gefragt, wie die Feste heißen werde. „Zwingburzenland“ (Burzenland heißt der Gau, zu dem Tartlau gehört) war die höhnende Antwort. Da erhebt sich der Richter von Tartlau und ruft: „Heißt sie denn Zwingburzenland, so wird sie auch zerstören unsere Hand“ und verläßt mit seinen Genossen die ungastliche Stätte. In einer der nächsten stürmischen Nächte reitet die Sachsengemeinde vor das drohende Schloß, das an folgenden Morgen nur ein wüster Trümmerhaufen mehr ist. Die Schloßthür nahmen sie mit und zeigen sie dem Fremden heute noch in der eigenen „Burg“.

Neueren Datums und mehr sagenhaft ist Folgendes. Eine sächsische Gemeinde hatte viel zu leiden von der bösen Nachbarschaft einer walachischen und sah in fortwährenden Feuersbrünsten, deren Entstehung sie dieser zuschrieb, ihre Habe verzehrt. Vergebens war Warnung und Drohung und unsicher die Aussicht auf gerichtlichen Schutz, da die Nachbargemeinde nicht auf Sachsenboden lag. Da brennt es an einem stürmischen Abend wieder einmal. Das Feuer wird gelöscht. Aber der Richter „warnt“, das heißt beruft die Geschworenen. Die Rosse werden gesattelt, von der Brandstätte nehmen die ernsten Reiter die glühenden Brände, und fort geht’s im nächtlichen Sturme zur Nachbargemeinde, die, an allen Ecken und Enden angezündet, in wenig Augenblicken in Asche sinkt. Seither hat die Sachsengemeinde lange Zeit Ruhe gehabt.

Dieses Selbstgefühl in der Bauerngemeinde fand seine Nahrung in der politischen Verfassung der Ansiedler, deren Grundzüge so alt sind, wie die Einwanderung, und die, von Ungarns Königen und Oesterreichs Kaisern, wenn auch nicht ohne Einschränkungen, behütet, dem magyarischen „Parlamentarismus“ ein Dorn im Auge geworden, so daß er jetzt eben den kühnen Versuch macht, die Liebe zum gemeinsamen Vaterlande für die nichtmagyarischen Nationalitäten aus der Asche alles dessen zu destilliren, was ihnen bisher werth und dem Staate nützlich gewesen. Der Richter der Dorfgemeinde hatte seinen Sitz in der Gauversammlung neben dem „Königsgrafen“, und im Stuhle gehörten zum Stuhlamte außer den gelehrten Herren, die am Vororte saßen, die „Stuhlgeschworenen“ oder „Stuhlherren“ aus den bedeutenderen freien Bauerngemeinden, welche zuweilen so gewaltig waren, daß, wenn sie heimritten, der Königsrichter sich nicht geschmäht fühlte, ihnen in den Sattel zu helfen.

Wie der hohen Aristokratie, so ist es dem freien Bauern von Haus aus eigen, die Formen des äußeren Umganges strenger zu ordnen und zäher festzuhalten. Wo beides sich lockert, da ist es ein Zeichen einer in ihrer rechten, guten Bauernart herabkommenden Gemeinde. Die Form hält hier oft allein noch das Wesen empor. Die „aufgeklärten“ Leute nennen das zuweilen altfränkisch; wer tiefer sieht, erkennt unter der starren Rinde einen wohlbehüteten gesunden Kern. Der siebenbürgisch-sächsische Bauer redet seines Gleichen mit „Ihr“ an; die selbstständigen Gemeindeglieder sind „Bürger“, nicht „Leute“; der Gemeindeausschuß wird „Herren“ titulirt; der Dorfvorsteher (in Deutschland Schulze oder Bürgermeister, hier „Honn“, „Graf“ oder „Richter“ genannt) heißt „ihre Weisheit“; die Communität, das Amt und die Geschworenen (d. h. Beisitzer des Gemeindeamtes) nennt man „ehrsam“. Wer unverheirathet ist und keinen eigenen Hausstand führt, wird geduzt, gehört zum „jungen Volke oder Gesinde“ und der Einzelne heißt noch gut altdeutsch „Knecht“ oder „Magd“, auch wenn er in keinem fremden Dienstverhältnisse steht. Der „Borger“ ist das Executivorgan des Richters und führt – wie der Richter selbst – einen oft geschälten Haselstab als Zeichen des Amtes. Er „warnt“ die „Zehntschaften“, in welche die politische Gemeinde sich gliedert, wie die kirchliche in Nachbarschaften, und an deren Spitze die Zehntmänner stehen, und besorgt den ehrlichen Trunk, von welchem, häufiger als gut thut, die Arbeit des Amtes und der Communität begleitet oder geschlossen wird. Ganz wie in Tacitus’ Erzählung versammeln sie sich langsam; dann aber sitzen sie bewundernswerth fest auf den harten Holzbänken, mit ernsten Mienen, oft scheinbar theilnahmlos, während Richter und Schreiber den Gegenstand den „Herren“ „vorgeben“, oder ein Kläger, der zuvor seine „Zunge gelöst“ haben muß (d. h. durch Erlegung eines kleinen Geldbetrages das Recht zu sprechen sich erwirkte), sein Begehren vorbringt. Darauf langes Schweigen, denn schnell zur Sache sprechen ist unschicklich; endlich eine kurze Frage und rascher Spruch. Nur wo das „Recht“ oder, wie überall in der Welt, der persönliche Vortheil in’s Spiel kommt, werden der Worte mehr und gehen die Wogen von Rede und Gegenrede höher, bis endlich die Entscheidung fällt, die der diplomatische Vorsitzer häufig so lange hinausschiebt, bis die Kämpfer müde und die Kehlen durstig geworden und Niemand mehr Lust hat, den Beschluß anzufechten, wenn auch so, wie ihn der Vorsitzer endlich verkündigt, die Mehrheit für ihn vielleicht mehr als zweifelhaft schien.

Das Präsidialrecht ist groß; auf dem „Herrn“, dem „Honnen“ ruht die schwere Verantwortlichkeit für Feld und Gemeinde, und so läßt man es hingehen, wenn er zuweilen nach dem auch altmagyarischen Grundsatze die Stimme nicht zählt, sondern wägt. Vieles ordnet er auch selbstständig; doch weiß er, daß es bedenklich wäre, die Communität übermäßig lange nicht zu berufen. Die Gemeinde würde darin eine „Verschätzung“ sehen und bei der nächsten Wahl den Schuldtragenden es entgelten lassen. Daß er recht und gerecht regiere und ohne Furcht vor der Rache des Bestraften, dafür versichert die Gemeinde ihm Stall und Scheune gegen Brandschaden und sieht es in der Regel lieber, wenn er die Zügel zu straff als zu locker führt. Vor seinem Hause errichtet sie den Pferch, in den auf verbotener Weide betretenes Vieh gesperrt wird, bis der Eigenthümer es mit Strafe „löst“. Seiner vielen Mühe bester Lohn ist die Ehre; denn der Gehalt, den er in Baargeld bezieht, ist kaum nennenswerth, und das „Loos“ und das „Freithum“, das er genießt, d. h. bei jeder Auftheilung von Gemeindeeigenthum, besonders Wald und Wiese, ein Doppeltheil und die Befreiung von allen Gemeindelasten, sind auch nur eine geringe Vergütung für viel Mühe und Aergerniß und die in der Regel damit verbundene Vernachlässigung der eigenen Wirthschaft. Die größte Gefahr für ihn liegt in der allzu häufigen Gelegenheit zum Trinken; denn in Siebenbürgen wird im Bauernleben schlechthin Alles, Kauf und Verkauf, Geburt und Begräbniß, Recht und Unrecht, trinkend vollendet, und es braucht eine „starke Natur“, hier ohne Schaden mitzuthun oder zu widerstehen. Ernst, wie die Arbeit auf dem Felde und wie das Wort in der Rathsstube, nimmt der sächsische Bauer im Amte auch das Trinken. Wie die alten Senatoren Roms auf ihren Prunksesseln bei dem Eindrange der Gallier, so sitzen diese Bauern nach beendetem Rathe auf ihren Plätzen und empfangen nach Alter und Würde der Reihe nach das Glas aus der Hand des credenzenden „Borgers“, des Verwalters über die irdene Eimerkanne. Auszutrinken gilt für unanständig; aber die Summe der einzelnen Züge läßt nichts zu wünschen übrig, und es ist gut, daß in der [258] Regel erst nach gefaßten Beschlüssen die „Wirthschaft“ ihren Anfang nimmt.

So spinnt in schwerer Arbeit und kargem, zweifelhaftem Genusse auch das öffentliche Leben des sächsischen Bauern in seiner Gemeinde sich ab. Ob es ein Leben der Freiheit sei, darüber zu entscheiden, steht kaum Jemandem anders zu als ihm selbst. Jedenfalls aber ist es dieser Bauer gewesen, der im Lande die stattlichsten Dörfer gebaut, seine Kinder ausnahmslos zur Schule geschickt, dem Staate der pünktlichste Steuerzahler gewesen, die wenigsten seiner Söhne der Wehrpflicht durch die Flucht entzogen und, wo König und Vaterland gerufen, allezeit seine Treue zu Beiden auch durch mehr noch als die bloße Schuldigkeit erwiesen, obwohl er schon seit lange wenig Dank dafür zu ernten gewohnt ist.




Pariser Bilder und Geschichten.


Allerlei sonderbare Erwerbsquellen und Geschäfte.


Von Ludwig Kalisch.


Tausende und aber Tausende sehen in Paris die Sonne untergehen, ohne zu wissen, wo sie ein Nachtlager finden werden; und Viele von denen die sich endlich eine Ruhestätte verschafft, wissen nicht, auf welche Weise sie beim Sonnenaufgang zu einem Frühstücke gelangen können. Der knurrende Magen will befriedigt sein und er läßt sich nur auf einige Stunden befriedigen. Wer arbeiten will und arbeiten kann, findet am Ende doch sein Brod; allein es giebt in Paris unzählige Leute, die zu träge, um ernstlich arbeiten zu wollen, doch ehrlich genug sind, um sich nicht mit der Justiz zu überwerfen. Diese erfinden sich einen Erwerb, der keine Anstrengung erfordert, der in müßiger Thätigkeit oder in thätigem Müßiggang besteht. Ich beginne mit der Erwähnung eines Erwerbszweiges, der im eigentlichen Sinne darin besteht, die Zeit todt zu schlagen.

Meine Leser wissen, daß man in Paris vor den Theatern Queue macht. Bei gewöhnlichen Vorstellungen, bei wenig beliebten Stücken bilden sich diese Queues ungefähr eine Stunde vor der Eröffnung des Hauses und sind eben nicht von beträchtlicher Länge. Findet aber die Vorstellung einer neuen Oper oder eines neuen Stückes von einem berühmten Autor statt, so bilden sich die Queues schon in den ersten Nachmittagsstunden und dehnen sich allmählich zu einer solch kometenartigen Länge aus, daß die Spätankommenden keine Hoffnung hegen dürfen, ihre Schaugier zu befriedigen; denn der Platz, den man im Queue einnimmt, wird als ein unverletzliches Recht von Jedermann geachtet, und wer Miene macht, seinen Vordermann zu verdrängen, wird sogleich durch den allgemeinen Ruf „A la Queue!“ genöthigt, auf seinem Platze zu verharren. Die ersten Reihen der Queues sind natürlich die beneidenswerthesten. Dieselben werden nun zum Theil von Individuen gebildet, die aus dem einfachsten Grunde von der Welt gar nicht daran denken, ihre hungrige Schaugierde im Theater zu befriedigen. Sie haben nämlich bei dem größten Ueberfluß an Zeit den allergrößten Mangel an Geld. Nun giebt es aber gar viele Leute, die mehr Geld als Zeit haben und erst kurz vor der Eröffnung des Theaters sich vor demselben einfinden. Sie wollen sich nicht an’s äußerste Ende der langen Queues stellen, oder unverrichteter Sache nach Hause gehen; sie sind daher froh, wenn ihnen einer der Lungerer, der bereits drei Stunden in den ersten Reihen der Queue steht, für Geld und gute Worte den Platz abtritt. Zuweilen verkauft ein solcher Pflastertreter zwei Queue-Plätze an einem und demselben Tage. Findet nämlich die Unterzeichnung auf eine Staats- oder Stadtanleihe, oder die Auszahlung von Coupons statt, so pflanzt er sich, noch bevor die rosenfingerige Eos den Osten küßt, vor der Thür des betreffenden Hauses auf und verkauft dann seinen Platz an den Ersten, Besten, den es drängt, seinen Namen auf das Anleihen zu zeichnen, oder seine Coupons in klingende Münze zu verwandeln. Diese queuemachenden Hungerleider bilden nicht selten eine kleine Societät, die den Gewinn mit einander theilt.

Sprechen wir jetzt von einer andern sonderbaren Erwerbsquelle! Es fehlt in Paris nicht an Damen, die mit der Tugend auf gespanntem Fuße leben und denen es nicht einfällt, sich mit derselben wieder auszusöhnen. Diese Töchter Eva’s besuchen gern die öffentlichen Belustigungsplätze. Nun giebt es aber unter diesen mehrere, in welche keine Dame ohne Begleiter zugelassen wird. Eine solche isolirte Dame wendet sich daher an irgend Jemand aus dem starken Geschlechte, der gegen ein angemessenes Honorar ihr den Arm giebt. Man nennt einen solchen Menschen einen „Cavalier de dames seules“. Diese Ritter ohne Furcht und voll Tadel bilden in Paris keine unbeträchtliche Zahl. –

Es giebt Leute in Paris, die von der Reclamenmacherei leben. Sie besitzen nämlich eine große Fertigkeit im Verfassen von Anzeigen aller Art. Diese Fertigkeit findet sich nicht so häufig, wie man glaubt; denn mit den schmetternden Trompetenstößen, mit dem betäubenden Paukengerassel und den grellen Tamtamschlägen allein ist es noch nicht abgethan. Der Reclamenmacher, der aufgesucht sein will, muß eine gefällige Harmonie in seine Janitscharenmusik bringen. Die Reclame muß pikant sein und das Publicum zum Lesen derselben aufmuntern. Sie muß auch kurz und bündig sein, da man sie sonst nicht durchlesen und ihre Veröffentlichung auch zu viel kosten würde. Ein gewandter Reclamenmacher verdient daher sehr erkleckliche Summen. Er macht seinen Preis und läßt im Bewußtsein seines Talentes nicht mit sich handeln. Léo Lespès, der unter dem Namen Timothée Trimm eine Reihe von Jahren tagtäglich dem Petit Journal einen Artikel lieferte und die außerordentliche Verbreitung dieses Blättchens verursachte, Léo Lespès war der gewandteste aller Reclamenfabrikanten. Finanzmänner, Industrielle, Speculanten aller Art wendeten sich an ihn und er forderte ein Honorar, daß gar Manchem von ihnen sich das Haar zu Berg sträubte. Allein er blieb unerbittlich. Es wurde ihm nicht selten eine Reclame mit tausend Franken bezahlt.

Die Zeugenschaft bildet in Paris ebenfalls einen Erwerbzweig. Auf den Mairien bedarf man jeden Augenblick, wie bei Anzeigen von Geburts- und Sterbefällen, zweier Zeugen. Es halten sich in der Nähe der zwanzig Pariser Mairien immer Individuen auf, welche gegen eine gewisse Gebühr die Zeugenschaft verrichten.

Auf dem Gebiete der dramatischen Literatur grünt in Paris auch gar Mancher Erwerbszweig, von dem sich die deutsche Philosophie nichts träumen läßt. So giebt es hier Leute, die ein glückliches Sujet für ein Theaterstück besitzen, aber weder Zeit noch Lust, weder Talent noch Verbindungen haben, um ein Stück zu Stande und auf die Bühne zu bringen. Sie verkaufen daher dieses Sujet, das Rohmaterial, an einen bühnengewandten Schriftsteller, der es, je nach Umständen, zu einem komischen oder tragischen Werke verarbeitet. Häufiger werden die schon angearbeiteten dramatischen Rohmaterialien, die sogenannten „Scenarios“ verkauft. Dieses Wort, welchem das Wörterbuch der französischen Akademie kein Obdach verliehen, bezeichnet den ausführlichen scenischen Entwurf eines dramatischen Werkes. Die Exposition, die Schürzung und Lösung des Knotens sind genau angegeben; es fehlt nur noch die Hauptsache, der Dialog. Wer nun einen lebhaften Dialog zu schreiben weiß, aber keinen Erfindungsgeist besitzt, kauft das Scenario, versieht es mit dem nöthigen Füllsel und sucht es auf die Bretter zu bringen, welche, wie man behauptet, die Welt bedeuten. Der Besitzer eines guten Scenarios ist immer sicher, dasselbe an den Mann zu bringen. Ist es ihm nicht blos um das Geld zu thun, will er auch etwas Lorbeerduft einathmen, so verbindet er sich mit einem dramatischen Schriftsteller und hat dann die Genugthuung, neben dem Namen desselben seinen eigenen Namen auf dem Theaterzettel zu sehen. Man sieht, daß wie in den Fabriken auch bei den dramatischen Hervorbringungen eine Theilung der Arbeit stattfindet. Solche dramatische Musenkinder, die sich zweier oder gar dreier Väter erfreuen, sind nicht nur nicht selten, sondern bilden sogar die große Mehrheit unter [259] den Pariser Bühenerzeugnissen, und wenn ihnen diese doppelte und dreifache Vaterschaft auch nicht den Erfolg sichert, so verhindert sie denselben keineswegs, wie das Repertoire aller europäischen Schaubühnen hinlänglich beweist.

Geschieht es nun, daß sich ein Verkäufer des Sujets oder des Scenarios mit dem Geldpreise begnügt und bescheiden in der Anonymität bleibt, so sieht man nicht selten auf dem Theaterzettel den Namen eines Mitautors, der zur Vaterschaft des Stückes nicht mehr beigetragen als der Lampenputzer, der nach dem Schlusse desselben im Tempel der Thalia die ägyptische Finsterniß verbreitet. Wie ist dies zu erklären? Ganz einfach dadurch, daß es in Paris Leute giebt, die sich nicht damit begnügen, von Renten leben zu können, sondern auch nach Ehre und Ruhm geizen. Ein solcher reicher, von chronischem Unsterblichkeitskitzel gequälter Mann wendet sich an einen dramatischen Schriftsteller und erwirkt gegen eine bestimmte Summe das Recht, als Mitverfasser eines von dessen Stücken genannt zu werden und den Erfolg mit ihm zu theilen. Wenn aber das Stück durchfällt? So hält ihn die Niederlage durchaus nicht ab, die Coupons ferner abzuschneiden und wie der wirkliche Autor auf das Publicum als auf ein vielköpfiges Ungeheuer zu schimpfen, das kein wahres Kunstwerk zu schätzen wisse, oder über Intriguen zu klagen, welche das Fiasco herbeigeführt. Jedenfalls genießt er die Befriedigung, seinen Namen in den Blättern zu lesen und seine Mitarbeiterschaft von seinen näheren Bekannten weniger bezweifelt zu sehen, als wenn das Stück mit Beifall aufgenommen worden wäre.

Ich brauche nicht erst besonders zu bemerken, daß es eben so selten Talente unter den Millionären giebt, wie Millionäre unter den Talenten; merkwürdig ist es aber, daß die reichen Leute, die gewöhnlich mit einem gewissen Mitleiden auf die Talente herabsehen, doch selbst als Talente gelten möchten. Es giebt Rentner, die sich als Maler, Andere, die sich als Musiker, wiederum Andere, die sich als Schriftsteller einen Namen erwerben wollen. Sie lassen sich ihr Farbengeklecks von einem befreundeten Maler, ihre Arien von einem Tonkünstler, ihre Verse mit den verwachsenen Füßen von einem Dichter ausbessern, und ihre Namen prangen dann in den Katalogen der Kunstausstellungen, auf Concertprogrammen und in Gedichtsammlungen. Ich kenne einen Millionär, der die Musen liebt, ohne von ihnen geliebt zu werden, und da sie bei ihm nicht freiwillig einkehren, so zieht er sie bei den Haaren herbei. Er ist nicht damit zufrieden, sein Clavier vom frühen Morgen bis spät am Abend so zu quälen, daß es vor Schmerz und Zorn ein Zetergeschrei erhebt und die Ohren der Nachbarschaft zerfleischt, er will auch als Operncomponist mit Meyerbeer um die Palme ringen. Da nun kein Theaterdirector sich dazu verstehen mag, die Werke des reichen Musenliebhabers in Scene zu setzen, so bezahlt dieser außer den beträchtlichen Kosten der Aufführung noch obendrein dem Director und der Claque eine bedeutende Summe und hat dann das Vergnügen, mit dem einfältigen Kinde seiner musikalischen Laune das Publicum einen oder zwei Tage gähnen zu machen.

Ich kenne einen Andern, der an der Börse ein großes Vermögen erworben und jetzt in seiner Zurückgezogenheit durchaus als Gelehrter gelten will. Er giebt jungen Gelehrten große Diners, läßt sich von Einigen derselben die Notizen sammeln, von den Anderen die einzelnen Capitel ausarbeiten und schickt unter seinem Namen das zusammengestoppelte Buch in die Welt. Es fehlt dann auch nicht an Recensenten, welche sich die Straßburger Gänseleberpasteten, die getrüffelten Feldhühner, den Château Laffitte und die Havannacigarren vortrefflich schmecken lassen und aus Dankbarkeit das Werk loben, das nicht seinen Meister lobt.

„Namen thun nichts zur Sache“, sagt das deutsche Sprüchwort. Das deutsche Sprüchwort sagt aber auch: „Jedes Kind muß einen Namen haben“. Nun giebt es aber Kinder, die durch gewisse Umstände verhindert sind, den Namen ihres Vaters zu tragen. Man wendet sich in einem solchen kritischen Falle, besonders wenn er sich in angesehenen Familien ereignet, an irgend Jemanden, der einen stolzen Namen trägt und sich gegen eine erkleckliche Summe dazu versteht, ihn dem Neugeborenen zu geben. Ein unter dem zweiten Empire viel genannter Staatsmann hat einen solchen Namen getragen. Es kommt auch wohl vor, daß eine Dame in die Lage kommt, sich in aller Eile zu verheirathen. Man wendet sich dann an einen hochbetagten Mann, der niemals ein Ehejoch getragen, und er läßt sich gegen eine mehr oder minder bedeutende Geldsumme verheirathen. Er sieht seine Zukünftige, der er seinen Namen giebt, nur einmal, um sie niemals wiederzusehen; oder man weiß es so einzurichten, daß er sie auch nicht ein einziges Mal sieht. Ist er rücksichtsvoll genug, schnell das Zeitliche zu segnen, so tritt seine Wittwe zum zweiten Male in die Ehe, diesmal aber alles Ernstes und ohne erst den Gatten ein züchtig Jahr zu betrauern.

Steigen wir nun in die alleruntersten Schichten der Gesellschaft, wo auch häufig sehr sonderbare Geschäfte gemacht werden.

Jedermann weiß, daß es in Paris Lumpensammler giebt, die während der Nacht, mit einer Butte auf dem Rücken, mit einer kleinen Laterne in der Linken und einem Haken in der Rechten, die Straßen durchwandeln und aus jedem Kehrichthaufen mit geübter Hand das Brauchbare an den Haken spießen und in die Butte werfen. Unter diesen Chiffonniers sind nicht nur beide Geschlechter, sondern auch jedes Alter vertreten; doch sind sie nicht Alle an Intelligenz und Manieren gleich. Es giebt unter ihnen Individuen, die sich in den Vierteln, wo sie des Nachts ihr Sammlertalent ausüben, so beliebt zu machen wissen, daß das Hausgesinde ihnen den Abhub aufbewahrt. In reicheren Stadtvierteln hat natürlich auch der Kehricht vor der Thür mehr Werth und der Gewinn des Chiffonniers ist dort bedeutender. Will nun ein solch aristokratischer Chiffonnier sich zur Ruhe setzen oder in einem anderen Stadttheile sein nächtliches Gewerbe ausüben, so verkauft er seinen Fonds an einen andern Lumpensammler, den er als einen schätzbaren Nachfolger mit warmen Empfehlungen ausstattet.

Die Individuen, welche sich durch Begünstigung das Recht erworben, vor den Kirchen die Wagen der Ankommenden zu öffnen, haben sich auch nicht zu beklagen. Bei Hochzeits-, Geburts- und Sterbefällen, an Sonn- und Feiertagen fehlt es nicht an Gästen und Andächtigen, die in glänzenden Equipagen anlangen und dem Oeffner des Kutschenschlages ein Trinkgeld verabreichen. Das Individuum, das in der Kirche dem Eintretenden den Weihwedel überreicht, leistet diesen unverlangten Dienst ebenfalls nicht umsonst und gewinnt sein reichliches Auskommen; wie denn überhaupt Alles, was zu dem Kirchenwesen in Beziehung steht, nichts um Gottes willen zu thun pflegt. Auch diese Leute verkaufen nicht selten ihre Stellen, sobald sie ihr Schäfchen im Trocknen haben.

Ich muß noch einer sonderbaren Erwerbsquelle erwähnen, derjenigen der sogenannten „Compères“ oder Helfershelfer. Es giebt in Paris gewisse Geschäfte und Thätigkeiten, die der Compères durchaus nicht entrathen können. Der Compère ist ein schützender Genius, der vor Gefahren warnt. Wenn nämlich Einer seine Waaren auf der Straße feil bietet, wo der Verkauf nicht gestattet ist, oder wenn er solche Waaren feil bietet, welche die Sittlichkeit beleidigen, so ist er fortwährend ausgesetzt, von den Dienern der öffentlichen Sicherheit ertappt und der strengen Themis überliefert zu werden. Ein Compère hält sich deshalb in der Nähe, und sobald sein geübtes Auge einen Polizeiagenten in Uniform oder in Civilkleidern entdeckt, giebt er ein Zeichen, worauf sein Patron sich rasch entfernt, um an einer anderen Stelle seine Waaren an den Mann zu bringen.

Bei schöner Witterung, wenn die Pariser Straßen und Plätze sehr belebt sind, sieht man unzählige Individuen, gewöhnlich junge Leute, die mit einem großen Aufwand von Beredsamkeit allerlei Tand zu einem in der That spottbilligen Preise feilbieten. Uhrketten, Halsketten, Spangen, Ringe und Ohrringe blitzen und glitzern in ihren Händen. Von den Vorübergehenden bleiben manche stehen, bilden einen Kreis um den Verkäufer, bewundern den Glanz seiner Waare und sein oratorisches Talent, das er in seinem „Boniment“ entfaltet. Dieses rothwälsche Wort bezeichnet die hochtrabenden geschwollenen Phrasen, mit welchen ein Quacksalber oder Marktschreier seine Kunst und seinen Kram anpreist. Das Boniment verräth nicht selten mehr Geist und Witz, mehr Phantasie und Humor als die Rede manches Deputirten. Aber was hilft das Boniment, wenn Niemand in den Seckel greift? Da tritt endlich Jemand aus dem Kreise, betrachtet und mustert einige Augenblicke mit stillem Wohlgefallen einen der Gegenstände, bezahlt den Preis dafür und geht bescheiden und schweigend von dannen. Dieser [260] Kunde war ein Compère, der die Kauflust des Publicums anregen wollte. Die Kunst des Compère besteht natürlich darin, seine Rolle nicht zu verrathen. Wer aber das Pariser Straßenleben kennt, weiß den harmlosen Kunden von dem Compère leicht zu unterscheiden.

Es giebt in Paris Leute, die ein Gewerbe aus ihrer Liebenswürdigkeit machen. Sie sind von jedem politischen, literarischen und artistischen Klatsch unterrichtet und wissen vortrefflich zu erzählen. Man sieht sie daher gern bei Tische, und sie leben von der Gastfreundschaft. Diese Leute gehören indessen zur zahlreichen Classe der Schmarotzer, von denen ich ein anderes Mal die Leser der Gartenlaube zu unterhalten gedenke.




Aus der Welt des Geldes.


Das Geld ist flüssig wie Wasser, weshalb es auch so leicht zu Wasser wird. Nein, noch viel flüssiger und stiller. Diebes- und feuerfest verschlossen, steigt und fällt es mit der Fluth und der Ebbe des „Geld-Weltmarktes“, gewinnt und verliert es an „Kaufkraft“. Die Ueberschwemmung Deutschlands mit mehr als Tausend Millionen Thalern aus Frankreich verwandelte jeden ehrlichen deutschen Thaler in einen sehr fraglichen halben, obgleich er vielleicht just deshalb lange für einen „Heckethaler“ gehalten ward. Was gebar er? Nichts. Oft fraß er sich sogar noch selbst auf. Unzählige andere eingeschwemmte Thaler flossen durch die Weltmarktscanäle davon, sogar nach Frankreich zurück.

Es ging uns beinahe wie den Weintrinkern in Auerbach’s Keller, als der zapfende Teufel auf der Tonne davon geritten war – welche Pleite! „Mir däuchte doch, ich tränke Wein!“

Ja, wenn wir damals schon gewußt hätten, was „Geldmarkt“ heißt, schon das englische Buch gelesen hätten, welches zum ersten Male die Geheimnisse dieses Marktes verrieth!

Die Engländer selbst, sonst erfahrungsreiche Geldmenschen, wußten’s auch nicht und kauften das Buch binnen weniger Monate in vier Auflagen weg. Der englische Titel lautet: „Lombard Street. A Description of the Money Market. By Walter Bagehot.“ (Lombard-Straße. Eine Schilderung des Geldmarktes. Von Walter Bagehot.) Mit Leben und Literatur Englands vertraute Männer, wie Professor F. von Holtzendorff, entdeckten bald die Wichtigkeit dieses Werkes auch für Deutschland. Auf dessen Veranlassung und mit einem Vorworte von ihm, erscheint es denn nun auch bald deutsch (bei Hartung und Sohn), so daß jetzt auch wir die unverbrüchlichen Gesetze, durch welche diese eigenthümliche kosmopolitische Flüssigkeit, Geld genannt, bewegt wird, ganz genau, zum ersten Male genau kennen und anwenden lernen können. Wir eröffnen hier vorläufig die Vorhalle zu diesen Geheimnissen und zwar meist mit des Verfassers eigenen Worten.

Es herrscht die Meinung, der Geldmarkt sei etwas so Unfaßbares, daß man ihn nur mit allgemeinen Worten beschreiben könne und Bücher darüber stets ungemein schwierig seien. Aber ich behaupte, daß der Geldmarkt eben so concret und wirklich sei, wie irgend etwas Anderes, in einfachen Worten geschildert und so erklärt werden könne.

Am kürzesten und wahrsten läßt sich Lombardstreet, die Bank- und Geldmarktstraße in der City von London, als die größte Verbindung ökonomischer Kraft mit ökonomischer Delicatesse, welche die Welt je sah, bezeichnen. An der Größe dieser Macht wird Niemand zweifeln. Geld ist eine ökonomische Macht. Jeder weiß, daß England das größte Geldland der Welt ist; Jeder giebt zu, daß es mehr unmittelbar disponibles baares Geld, als jedes andere Land habe. Aber nur Wenige wissen, wie viel größer diese fertig liegende Bilanz – die flüssigen Fonds, die Jedem für jeden Zweck geliehen werden können – in England als irgendwo in der Welt sind. Zeigen wir dies durch einige Zahlen. Die bekannt gewordenen Depositen der Banken, welche Berichte veröffentlichten, waren am Ende des Jahres 1872 und zu Anfang 1873 so:

London (31. Dec. 1872) 120,000,000  Pfund.
Paris (27. Febr. 1873) 13,000,000  
New-York (Febr. 1873) 40,000,000  
Deutsches Reich (31. Jan. 1873) 8,000,000  “ (Nur? D. R.)

Und die unbekannten Depositen in Banken, welche keine Uebersichten veröffentlichen, sind zudem in London viel größer als in irgend einer dieser Städte. Depositen bei Banquiers in London sind vielmals größer als die irgend einer andern Stadt – die von England vielmals größer als die eines andern Landes. Allerdings sind diese Bank-Depositen kein genauer Maßstab für die Quellen eines Geldmarktes. Im Gegentheil giebt es außerhalb der Banken Frankreichs und Deutschlands und aller nicht „bankenden“ Länder viel mehr baares Geld, als in England und Schottland mit einem entwickelten Bankwesen. Aber dieses baare Geld ist nicht sogenanntes „Geldmarkt-Geld“: es ist nicht zu bekommen. Aber das englische Geld ist verborgbares Geld. Wir sind kühner mit Benutzung unseres Geldes als irgend eine Nation des Continents, und die bloße Thatsache, daß unser Geld in Banken deponirt ist, macht es viel leichter zugänglich. Eine Million in den Händen eines einzigen Banquiers ist eine große Macht; er kann sie sofort beliebig verleihen, und Leute, die Geld brauchen, können ohne Weiteres zu ihm gehen. Aber dieselbe Summe ist, wenn zehn- bis fünfzigfach durch eine ganze Nation verstreut, überhaupt keine Macht; Niemand weiß, wie er sie finden und wen er darum angehen kann. Concentration des Geldes in Banken ist die Hauptursache, weshalb der englische Geldmarkt so beispiellos reich geworden ist.

Man sieht die Wirkung beständig. Wir verleihen ungeheure Summen, die anderswo zu bekommen unmöglich sein würde. Man sagt zuweilen, daß jedes beliebige Ausland für einen Preis Geld in Lombardstreet borgen könne, einige billiger, andere theurer, also Jeder, wenn er nur genug dafür bezahle. Mit Unternehmungen zu Hause ist’s ebenso. Wir haben ganz die Vorstellung verloren, daß irgend ein gewinnversprechendes Unternehmen aus Mangel an Geld unausführbar sei. Ein Ort nun wie Lombardstreet, wo man, mit höchst seltenen Ausnahmen, gegen gute Sicherheit für jeden anständigen, Gewinn versprechenden Zweck Geld haben kann, ist deshalb ein Luxus, dessen sich kein Land je vorher erfreut hat.

Der englische Verkehr wird in einer Ausdehnung, von welcher Ausländer kaum eine Vorstellung haben, mit geborgtem Capital betrieben. In jedem District giebt es kleine Gewerbtreibende, welche ihre Wechsel tüchtig discontiren und mit dem so geborgten Capital den alten Capitalisten bedrängen oder wohl gar vertreiben. Dieser neue Gewerbtreibende hat offenbar einen ungeheuren Vortheil in dem Verkehrswettkampfe. Wenn ein Kaufmann mit 50,000 Pfund eigenem Gelde zehn Procent gewinnen will, muß er 5000 Pfund jährlich damit verdienen und für seine Waaren demgemäß fordern; aber wenn ein Anderer zu seinen nur 10,000 Pfund sich, wie dies jetzt nicht mehr ungewöhnlich ist, noch 40,000 durch Discontos borgt, hat er dasselbe Capital viel billiger und kann viel billiger verkaufen. Hat er zu fünf Procent geborgt, muß er 2000 Pfund Zinsen zahlen, und wenn er, wie der alte Gewerbsmann, 5000 Pfund jährlich verdient, hat er nach Zahlung der Zinsen noch 3000 Pfund oder dreißig Procent von seinen eigenen 10,000 Pfund. Da nun die meisten Kaufleute mit viel weniger Gewinn zufrieden sind, so kann er mit etwas weniger Profit den Preis seiner Waare erniedrigen und den alten mit blos eigenem Capital arbeitenden Concurrenten vom Markte drängen. So giebt’s im modernen englischen Geschäft wegen der Sicherheit, Geld durch Discontirung von Wechseln oder sonst wie gegen mäßige Zinsen zu bekommen, eine sichere Prämie auf Arbeit mit geborgtem Capital und eine beständige Entmuthigung der Einschränkung auf eigenes Capital.

Die zunehmend demokratische Structur des englischen Verkehrs ist in manchen Kreisen sehr unpopulär und deren Wirkung allerdings sehr gemischter Art. Einerseits wird dadurch die Dauer großer Familien von Kaufmannsfürsten wie einst in Venedig und Genua, diese Vereinigung großen Reichthums mit aristokratischem Geschmacke, verhütet. Sie werden sozusagen von dem schmutzigen Haufen kleiner Leute verdrängt und ziehen sich nach ein oder zwei Menschenaltern in müßigen Luxus zurück.

Aber diese Fehler der Verkehrs-Demokratie werden durch einen großen Vorzug ausgeglichen. Kein Land mit großem ererbtem [261] Verkehrsruhm war in Europa je so wenig schläfrig, wie England, keines stets so frisch bei der Hand, um neue Vortheile sofort zu benutzen. Ein Land mit großen Kaufmannsfürsten ist nie so prompt; ihr Verkehr schlüpft immer mehr und mehr in Routine. Ein Mann mit großem Vermögen, wenn auch noch intelligent, denkt immer: „ich habe ein großes Einkommen und will es mir erhalten. Wenn Alles so bleibt, wie es ist, bin ich sicher, aber Veränderungen könnten dieses Einkommen gefährden.“ Deshalb ist ihm jede Aenderung der Verhältnisse ärgerlich, und er denkt so wenig als möglich daran. Aber ein neuer Mann, der sich noch emporarbeiten muß, weiß, daß solche Aenderungen zu günstigen Gelegenheiten für ihn werden können. Er sieht sich immer danach um, und so wie er eine findet, benutzt er sie. Die rohe und gemeine Structur des englischen Verkehrs ist das Geheimniß seines Lebens; denn sie enthält die „Geneigtheit zur Variation“, welche im menschlichen, wie im Thierbereiche das Princip des Fortschrittes ist.

Bei diesen beständigen Verborgungen ist Lombardstreet die große Vermittlerin, eine Art von beständigem Makler zwischen ruhig sparenden und thätig arbeitenden Districten. Politische Oekonomisten sagen, daß das Capital sich den gewinnreichsten Gewerben zuwende und sich schnell von weniger gewinnreichen Gewerben zurückziehe. Aber in gewöhnlichen Ländern ist dies ein langsamer Proceß, und Einige, die ihn mit Augen sehen wollen, um sich von einer abstracten Wahrheit zu überzeugen, zweifeln daran. Doch in England wäre der Proceß sichtbar genug, wenn man nur die Bücher der Banquiers und Wechselmakler besichtigen könnte. Ihre Wechselportefeuilles sind in der Regel voll von Wechseln, die in den gewinnreichsten Gewerben gezogen wurden, und vergleichungsweise leer an solchen aus weniger gewinnreichen. So läuft englisches Capital ebenso sicher und augenblicklich nach Orten des größten Bedarfs und Gewinnes, wie Wasser, um sein Gleichgewicht herzustellen.

Diese wirksame, stets flüssige Organisation giebt uns einen ungemeinen Vortheil im Wettstreite mit im Creditwesen weniger vorgerückten Staaten. Englisches Capital steht fähigen und sachverständigen Personen für ein neues Gewerbe immer sofort zur Verfügung. In Ländern, wo es wenig Geld zu verleihen giebt und dieses zögernd und widerstrebend verliehen wird, werden unternehmende Geschäftsleute lange zurückgehalten, weil sie nicht zugleich das Capital borgen können, ohne welches Geschicklichkeit und Kenntniß nutzlos sind. Alle plötzlichen Unternehmungen kommen nach England und enttäuschen dabei oft rationelle Wahrscheinlichkeit und die Prophezeiungen von Philosophen.

Diese „unbewußte Organisation des Capitals“ macht die Engländer nicht nur besonders lebhaft im Vergleich zu ihren Nachbarn auf dem Continente, um sich neuer mercantiler Begünstigungen zu bemächtigen, sondern auch fähig und kräftig, jedes Geschäft, dessen sie sich einmal regelmäßig bemächtigt haben, festzuhalten. Wie schon gezeigt, kann ein Neuling mit wenig eignem und viel geborgtem Capitale einen reichen Concurrenten, der blos mit seinem eigenen Gelde arbeitet, unterbieten, billiger verkaufen. Nun hat England eine ganz besondere Maschinerie, um neue Kräfte, welche sich mit niedrigen Preisen begnügen, in’s Geschäftsleben hineinzuziehen, und diese Maschinerie wird wahrscheinlich unseren weiteren Erfolg sichern, denn kein anderes Land wird so leicht darin mit Erfolg wetteifern können.

Die Hauptsache ist ganz klar, nämlich daß der englische Verkehr wesentlich mit geborgtem Capitale getrieben wird und wir nur durch die Verfeinerung unseres Banksystems befähigt sind, diesen Verkehr in dieser Massenhaftigkeit zu bewältigen. Aber genau im Verhältnisse zu dieser Macht steht dessen Empfindlichkeit, ich könnte wohl sagen, dessen Gefahr. Blos unsere Vertrautheit damit blendet uns für die merkwürdige Natur dieses Systems. Niemals war so viel geborgtes Geld in der Welt beisammen, wie jetzt in London. Von den vielen Millionen in Lombardstreet besitzen bei Weitem den größten Theil unsere Banquiers oder Andere auf kurze Frist oder gegen Zahlung bei Sicht, das heißt die Eigenthümer des Geldes könnten es jeden beliebigen Tag zurückfordern. In einer Panik*[2] thun es denn auch Manche, Würden sie plötzlich viel zurückfordern, so wäre unser Bank- und Industriesystem zugleich in großer Gefahr.

Einige dieser Depositen sind außerdem eigenthümlichen und sehr bestimmten Charakters. Seit dem deutsch-französischen Kriege sind wir in viel bedeutenderer Ausdehnung die Banquiers Europas geworden. Eine sehr bedeutende Summe ausländischen Geldes ist für verschiedene Zwecke hier in London niedergelegt worden. An einer anderen Stelle weist der Verfasser nach, daß das deutsche Reich während der Zahlungen aus Frankreich öfter zwischen zwanzig und dreißig Millionen Thaler in Lombardstreet gut gehabt und es, falls Alles auf einmal gefordert worden wäre, die Bank von England gesprengt haben würde.

Man könnte erwidern, daß dafür auch unsere jetzigen Mittel viel bedeutender seien; aber im Gegentheile giebt es und gab es niemals ein Land, in welchem das Verhältniß des reservirten baaren Geldes so gering war und ist, wie jetzt in England. Dafür giebt es ganz schlagende Beweise, aus welchen hervorgeht, daß wir, weit entfernt, uns auf die verhältnißmäßige Menge disponibeln Geldes in unseren Händen verlassen zu können, so ungeheuer wenig davon besitzen, daß ein Unbetheiligter von außen beinahe zittert, wenn er diese geringe Summe mit der Unermeßlichkeit des darauf gegründeten Credits vergleicht.

Die Ansammlung dieser unermeßlichen Summen in einem Orte und in wenigen Händen ist durchaus neu. Die Passiva unserer vier großen Londoner Actienbanken waren 1844 noch 10,637,000 und sind jetzt auf mehr als 60,000,000 Pfund gestiegen, die Privatdepositen der Bank von England von 9,000,000 auf 18,000,000 Pfund. Damals existirte nur ein ganz kleiner Theil des jetzigen ungeheuren Depositengeschäfts. Wir können uns deshalb für den Beweis der Sicherheit unseres Systems nicht auf lange Erfahrung berufen, denn die jetzige Größe dieses Systems ist durchaus neu. Offenbar mag ein System fähig sein, einige wenige Millionen zu reguliren, aber durchaus nicht so vielen Millionen gewachsen sein. So mag es denn auch mit Lombardstreet sein, so schnell war ihr Wachsthum und so ohne alles Beispiel ihr Wesen und Wirken. –

Die Gegenstände, welche man in Lombardstreet und rings um diese Geldwelt gruppirt sieht, sind die Bank von England, die Privatbanken, die Actienbanken und die Wechselmakler. Ehe wir jedoch diese einzeln schildern, müssen wir uns ansehen, was sie mit einander gemein und welches Verhältniß sie zu einander haben.

Die besondere Arbeit des Banquiers beginnt nach Ricardo, sobald er das Geld Anderer gebraucht; so lange er sich auf sein eigenes Geld beschränkt, ist er blos Capitalist. Demgemäß haben alle Banken in Lombardstreet (und Wechselhändler sind hier bloß eine Art von Banquiers) viel Geld, welches Anderen gehört, auf laufende Rechnung und in Depot. In continentaler Sprache ist Lombardstreet eine Organisation des Credits, und wir müssen sehen, ob es in ihrer Art eine gute oder schlechte Organisation ist.

Credit heißt, daß ein gewisses Vertrauen geschenkt und ein gewisser Glaube dafür gegeben wird. Ist dieser Glaube gerechtfertigt? Und ist dieses Vertrauen weise? Das sind die Hauptfragen. Um es einfacher auszudrücken, so ist Credit eine Reihe von Versprechungen, zu bezahlen. Werden diese Versprechungen gehalten werden? Nun ist beim „Banken“ (wie wir es der Kürze wegen nach englischem Muster auch zeitwörtlich brauchen wollen) die jederzeitige Fähigkeit, Verpflichtungen zu erfüllen, die Cardinaltugend, da hier Verpflichtungen oder Versprechungen zu zahlen, so groß und die Frist für diese Zahlungen, wenn’s verlangt wird, so kurz ist.

Alles, was ein Banquier seinen Gläubigern zu zahlen braucht, ist eine hinreichende Menge der gesetzlichen Tender (wie wir auch statt „Zahlungsmittel im Lande“ sagen werden), wobei es ganz gleichgültig ist, woraus dieser gesetzliche Tender bestehe. Wie viel davon hält nun die Bank von England? Gewöhnlich, aber nicht gesetzlich, ein Drittel. Und die anderen Banken? Nichts oder so viel wie Nichts.

Keine derselben hält irgend einen substantiellen Betrag über das tägliche Bedürfniß hinaus. Alle Londoner Banken verwahren ihre Hauptreserve als Depot in dem Bankdepartement der Bank von England. Das ist bei Weitem der leichteste und sicherste Platz für sie. So hat die Bank von England die Verantwortlichkeit [262] für Aufbewahrung dieser Reserven. Dieselben Gründe, welche eine Privatperson veranlassen, sich einen Banquier zu halten, bewegen auch jeden Banquier in Bezug auf seine Reserve, wenn er es mit Sicherheit kann, bei einem anderen Banquier zu banken. Die Bewachung großer Summen, solider Casse verursacht viel Sorge und einige Kosten; Jeder wünscht diese Anderen zuzuschieben, wenn er es ohne Nachtheil kann. Alle anderen Londoner Banquiers benutzen daher wegen des vollkommenen Vertrauens in die Bank von England dieselbe zur Aufbewahrung ihrer Reserven. Die Wechselmakler machen’s vielfach ebenso. Diese sind eigentlich eine besondere Art von Banquiers, welche tägliche Zinsen auf deponirte Gelder bewilligen und meist für ihr Geld Sicherheit geben. Sie verleihen den größten Theil ihres Geldes und deponiren den Rest entweder in der Bank von England oder bei einem der Londoner Banquiers. Letztere verleihen auch beliebig viel und lassen den Rest in der Bank von England, Wir kommen zuletzt immer wieder auf die Bank von England zurück.

Aber die, welche große Summen bei einem Banquier halten, gewinnen eine Bequemlichkeit auf Kosten einer Gefahr. Sie können ihr Geld verlieren, wenn die Bank bricht. Da nun alle anderen Banquiers ihre Reserven in der Bank von England haben, so sind sie alle der Gefahr des Bankerotts ausgesetzt, wenn diese Bankerott macht. Sie sind von der Verwaltung der Bank von England abhängig und zwar gerade in Zeiten einer Krisis für das reservirte Geld, welches sie halten, um einer Schwierigkeit, einer Krisis zu begegnen. Und darin liegt sicherlich eine beträchtliche Gefahr. Die Bank von England konnte bereits dreimal (seit 1844) nur durch Gesetzesbruch und Staatsgewalt vor Bankerott gerettet werden.

Aber die Gefahr für die Depositenbanken in nicht die einzige der hauptsächlichsten Folgen von dieser Methode, die Londoner Reserven aufzubewahren. Die Hauptwirkung ist, daß die Reserven viel kleiner im Verhältniß zu den Verpflichtungen gehalten werden, als es sonst der Fall sein würde. Die Reserven der Londoner Banken befinden sich im Depot der Bank von England, und diese verleiht immer einen Haupttheil davon. Nehmen wir den günstigen Fall, daß dieses Bankdepartement mehr als zwei Fünftel ihrer Verpflichtungen in Casse besitze, drei Fünftel von ihren Depositen verleihe und blos zwei Fünftel in Reserve behalte. Beträgt nun das Depositencapital der Banquiers 5,000,000, so werden 3,000,000 von dem Bankdepartement verliehen und nur 2,000,000 zurückbehalten. Folglich sind diese 2,000,000 Alles, was die Bank von England an wirklicher Casse gegenüber den Verpflichtungen der Depositenbanken besitzt. Wenn Lombardstreet plötzlich zur Liquidation gezwungen würde und so viel zahlen müßte, als es sofort im Stande wäre, so würden diese 2,000,000 Alles sein, was die Bank von England diesen Depositenbanken geben könnte, und folglich würden diese Banken den Personen, welche bei ihnen deponirt haben, nur ebenso viel, höchstens mit Hinzufügung der kleinen Summen für das Tagesgeschäft, zahlen können.

Wir sehen also, daß die Reserven der Bank von England – neuerdings durchschnittlich 10,000,000 und früher viel weniger – Alles sind, was gegen die Verpflichtungen von Lombardstreet festgehalten wird. Wäre dies Alles, so könnten wir wohl über die ungeheuerliche Entwickelung unseres Creditsystems erstaunt sein – erstaunt über die unermeßliche Höhe unserer Schulden, zahlbar bei Sicht, und die geringfügige Summe wirklichen Geldes, welches wir halten, um gleich auf Verlangen zu bezahlen. Aber es kommt noch mehr. Lombardstreet ist nicht blos ein Ort, der verlangt, daß Reserven für ihn gehalten werden, es ist selbst ein Ort, wo Reserven gehalten werden. Alle Provinzialbanquiers lassen ihre Reserven in London aufbewahren. Sie behalten in ihrer Provinzialstadt möglichst wenig baaren Geldes für die laufenden Geschäfte dieser Stadt zurück. Sie schicken ihr Geld nach London, legen einen Theil in Sicherheiten an und halten den Rest bei Londoner Banquiers und Wechselmaklern. Schottische und irische Banquiers machen’s ungefähr ebenso. All’ ihr überflüssiges Geld ist in London und angelegt wie alles andere Geld in London. Deshalb sind die Reserven im Bankdepartement der Bank in England nicht blos die dieser Bank, sondern von ganz London, und nicht blos von ganz London, sondern von England, Schottland und Irland dazu.

Neuerdings sind unsere Verpflichtungen noch weiter und höher gestiegen. Wir können sagen, daß wir seit dem deutsch-französischen Kriege auch die Reserven von Europa in Verwahrung haben. Bankdepots sind auf dem Continente so gering, daß keine großen Reserven für dieselben gehalten zu werden brauchen. Aber alle großen Gemeindeverbände haben zuweilen große Summen baar zu zahlen, und diese müssen irgendwo vorräthig gehalten werden. Solcher Vorrathskammern gab es früher zwei in Europa, die Bank von Frankreich und die Bank von England. Aber seit Suspendirung der Speciezahlungen durch erstere ist sie kein Reservoir mehr dafür. In Folge davon ist die ganze Verpflichtung für solche internationale Baarzahlungen der Bank von England zugefallen. Nun können Ausländer ohne Zweifel uns unser Geld nicht nehmen; sie müssen „Werth“ in einer oder der anderen Form für Alles, was sie wegnehmen, schicken. Sie brauchen aber nicht baares Geld zu senden; sie mögen gute Wechsel in Lombardstreet präsentiren und sie discontiren lassen und dafür jeden Theil des Werthes oder den ganzen baar entnehmen. Mit anderen Worten heißt dies nur, daß sich alle Wechseloperationen mehr und mehr in London concentriren. Früher war Paris für viele Geldgeschäfte ein europäisches Abrechnungshaus; jetzt ist es das nicht mehr. London ist deshalb das einzige große Abrechnungshaus für europäische Wechselgeschäfte geworden. Und diesen Vorzug wird es wahrscheinlich behaupten; aber die damit verbundenen Gefahren schildert der Verfasser als so groß, so sachverständig durchsichtig, daß alle Personen, die irgendwie mit Wechseln zu thun haben, mit geborgtem Gelde arbeiten oder verliehenes beschäftigen, nichts Vortheilhafteres thun können, als sich durch genaues Lesen seines Buches mit der Größe und Bedrohlichkeit dieser Gefahren vertraut zu machen. Giebt er doch zugleich auch die sichersten Mittel an, wie England und jeder Einzelne sich dagegen schützen müsse, um nicht „reinzufallen“.

Dr. H. Beta.




Oxford und Cambridge auf der Themse.


Von Dr. Karl Damian.


„Oxford oder Cambridge! dunkelblau oder hellblau!“ dies waren die Gegensätze, die in den verwichenen drei Wochen die britische Hauptstadt in zwei gewaltige Heerlager spalteten. Die Wettruderfahrt der beiden großen Landesuniversitäten war auf Sonnabend den 28. März anberaumt; die betreffenden Auserkorenen rüsteten sich zu dem Turnier in täglichen Uebungsfahrten auf der Themse; die fashionable Welt setzte ihre Spazierritte nach Rotten-Row eine Weile aus, um zwischen Putney und Mortlake zu Wagen und zu Pferde dem Spiele zuzuschauen und die Chancen beider gegeneinander abzuwägen, und das ganze übrige London verfolgte tagtäglich mit verhaltenem Athem die Berichte der Tagespresse, welche alle Bewegungen der Preisruderer mit Argusaugen überwachte und mit der Genauigkeit und Langweiligkeit eines mittelalterlichen Chronisten zu Papier brachte.

Der Engländer gewöhnlichen Schlags ist von Natur ein mundfauler Geselle. Zwar ist jene Species, welche auf dem Continente vor dreißig Jahren unter der Bezeichnung der „zahmen Engländer“ gang und gebe war, die in gelben Nanking-Unaussprechlichen und carrirtem Shawl steckte und deren Unterhaltung hauptsächlich aus den drei Worten „Yes“, „No“ und „Indeed“ bestand – diese Species ist längst ausgestorben. Aber der Ideenkreis John Bull’s von heute ist nach wie vor beschränkt, und wenn wir nach den Hauptinteressen fragen, die den geborenen Londoner nach Untergang der Hahnenkämpfe und Preisboxer in größere Aufregung versetzen, so ist es besagte Wettruderei, das große Derby-Rennen, irgend ein Cricketspiel und im Herbste die Frage, ob Ramsgate oder Margate der dem Beutel und dem Stande angemessenste Ausfluchtsort sei; für die

[263]

Der russische Tanz Horowod.
Nach der Natur aufgenommen von Dmitrieff-Orenburgskoy.

[264] letzten sieben Jahre könnte man mit vollem Rechte noch den dicken Tichborne hinzusetzen. Diese Ereignisse aber, so gering auch ihre Zahl, werden mit lobenswerthem Eifer discutirt; zumal hat die Universitätsbootfahrt sich in den letzten Jahren zu einer stetig wachsenden Popularität emporgeschwungen und sogar eine gesellschaftliche Krankheit erzeugt. Sie heißt „das blaue Fieber“.

„Hellblau oder dunkelblau?“ fragt Dich der Freund auf der Straße beim Händeschütteln.

„Wie können Sie für das häßliche Dunkelblau sein?“ schmollt die semmelblonde Miß, der das lichte Blau vortrefflich zu Gesichte steht.

Und diese Bläue schleicht sich in alle Verhältnisse des Londoner Lebens hinein. Blaue Cravatten und Orden bei den Herren, blaue Pantoffel, Haarnetze und Mieder bei den Damen bezeichnen den Beginn der Blausucht; während aber Jene gewöhnlich es bei diesen beiden Symptomen bewähren lassen, nimmt beim weiblichen Geschlechte die Manie immer mehr zu, je näher die Fahrt herankommt, bis endlich der Tag der Entscheidung sie von oben bis unten in einer einzigen blauen Umhüllung erblickt. Sogar die weiße Wäsche hat sich in Folge intensiverer Stärkung zu Ehren des Festes etwas verblaut, und Diejenige, der die Natur die „blauen Veilchen der Aeugelein“ verliehen, ist sicher, die Bewunderer auf ihrer Seite zu haben. Der Liebesgott aber ärgert sich, da die Liebesseufzer in dieser blautollen Zeit auf blauem und nicht auf rosenrothem Papiere niedergeschrieben werden; und wer sich sonst noch über die bis zur Seekrankheit wiederkehrende Farbe ärgert, der möchte mit Heine singen:

„Sie haben mich gequälet,
Geärgert blau und blaß!“

Und der Wettergott selbst nahm an der Verschwörung Theil, indem er das schönste Himmelszelt, das die rauchige Metropole seit October geschaut, über der Themse ausspannte.

Wie viele neugierige Augen am 28. März von den beiden Themseufern und den Flußbrücken auf die zwei Kähne hinschauten, ich weiß es nicht. Nach meiner nicht hochgreifenden Berechnung waren es wenigstens so viele, wie Xerxes bei seinem Einfalle in Griechenland über den Hellespont führte. Wenn sich der große Riese, London genannt, einmal zu einem Feiertagsausfluge reckt und streckt, so darf man nur nach Hunderttausenden rechnen. Die ganze Strecke zwischen Putney und Mortlake, dem Anfangs- und Ausgangspunkte der Wettfahrt, bot den Anblick eines gefüllten Amphitheaters dar, dessen höchste Sitze die Häuser im Hintergrunde und eine Wagenburg bildeten; die mittleren Sitze, der Landstrich zwischen den Wagen und dem Flusse, wird von Schaulustigen zu Fuße eingenommen, und das Parterre bildete die Themse selbst, die von einer Einfassung von Kähnen, Nachen, Barken, Canoes, Gondeln und wie die vielen Fahrzeuge der ruderlustigen Engländer auch heißen mögen, hüben und drüben bedeckt war. Die verschiedenen Brücken über dem Fluß sahen aus, als hätte sich ein schwarzer Ameisenhaufen auf ihnen niedergelassen, so starrte Kopf an Kopf; Alles drängte, stieß, schrie und schimpfte. Am vortheilhaftesten und bequemsten – wenn man nicht zufällig einen Platz auf den vier die Wettruderer begleitenden Dampfern erhielt – gestaltete sich die Aussicht auf der Eisenbahnbrücke von Barnes, wo der Zug von Waterloo-Station die Passagiere gegen die Summe von fünfzehn Schilling, gleich fünf Thalern, absetzte, um sie nach Verlauf von anderthalb Stunden wieder abzuholen.

Emsig fuhren in der freigelassenen Fahrgasse die Boote der Themsepolizei hin und her, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Roughs und Rowdies der Londoner Straßencrawalle, für die der Ausdruck Pöbel eine zu schmeichelhafte Bezeichnung wäre, zeigten sich auch unter den Insassen der Gondeln vertreten, und trotz Zuruf und Zurede wagten sich allenthalben freche Subjecte aus der Fahrlinie hinaus, bespritzten durch malitiöse Ruderschläge die damenbesetzten Kähne mit Ladungen von Themsewasser und suchten dann, von der Polizei verfolgt, schleunigst das Weite. Am Ufer entlang erscholl Gesang und Musik; Drehorgeln und Ziehharmonikas spielten den Verschwörungschor und den Walzer aus Lecocq’s „Fille de Madame Angot“; schwarze Minstrels sangen Negerlieder und Gassentroubadours gaben komische Gesänge, die letzten Producte der hauptstädtischen Musenhallen, zum Besten; selbst die komische Muse war durch das Puppentheater von Punch und Judy repräsentirt.

In dem Gewühle entdeckte ich auch meinen alten Bekannten, einen bejahrten Hornbläser, der einsam und allein an den Straßenecken der Hauptstadt melancholische Weisen lustig und lustige Weisen melancholisch vorzutragen pflegt. Er gehört zu jener Classe, die Dickens „schäbig-nobel“ nennt, weil sie den Bettlermantel mit dem Anstande eines Königs tragen und unter ihren Lumpen immer noch der Gentleman hervorschaut. Der Meinige hat unzweifelhaft bessere Tage gesehen, liebt es, seinen Worten lateinische Brocken, die Reminiscenzen einer höheren Schulbildung, beizumischen, und läßt die ihm angebotenen Geldstücke wie etwas Nebensächliches, ohne zu danken, in die Taschen seines weiten Havelocks verschwinden. Er hatte eben das Lied vom Prinzen von Wales beendet und putzte das Mundstück seines riesigen Horns ab, als ich ihm auf die Schulter klopfte.

„Quid agis, dulcissima rerum?“ (Was machst Du, mein gutes Ding?) redete ich ihn an; „Wie steht’s, old boy? Wie geht’s mit dem Geschäfte?“

„Ich meinerseits wünschte, es wäre alle Tage Wettfahrt!“ antwortete er und wies auf seine mit Kupfer gefüllte Tasche. „Quaerenda pecunia primum,“ fügte er, sich wegen seiner ungewöhnlichen Geldgier entschuldigend, hinzu; „zuerst Geld! Denn ohne Geld plebs eris, bleibt man ein Lump. Ich fürchte nur, ich werde zeitlebens ein Lump bleiben! Sie haben doch nicht etwa auf Oxford gewettet?“

Ich hatte ein Veilchen im Knopfloch.

„Jawohl,“ entgegnete ich.

„Sie könnten ebensogut beim Derby-Rennen auf eine lahme Stute wetten. Oxford ist verloren. Ich machte vorigen Montag eine Kunstreise“ – er blickte lächelnd auf sein riesiges Instrument – „nach Putney und sah die Dunkelblauen rudern. Mehercle, eine geflicktere Lehrlingsbande habe ich selten am Riemen ziehen sehen. Ihr Stroke (der zunächst beim Steuermann sitzende, nach dessen Ruderschlag sich die Andern richten sollen) war erträglich, aber die übrigen Gründlinge arbeiteten jeder auf eigene Rechnung und das Boot flog bei glattem Wasserspiegel wie auf einer Schaukel auf und nieder. Und dazu haben sie ein weit besseres Fahrzeug, während die Cantabs das ihrige schon dreimal in diesem Jahre gewechselt und noch kein gutes haben. Ich rathe Ihnen, wetten Sie noch schnell den gleichen Betrag auf Cambridge.“ Und damit steckte er das Horn wieder an den Mund und blies das Frühlingslied aus ‚Babil and Bijou‘.

Der Alte hatte mit seinem Urtheile über die dunkelblaue Universität Recht. Die Oxforder waren ihren Gegnern an Körpergewicht und physischer Kraft unterlegen, waren durch einige neuerdings im Personal erfolgte Veränderungen nicht an einander gewöhnt, und da sie eine Woche später auf der Themse zu den Probefahrten erschienen, besaßen sie die so unentbehrliche Kenntniß des Terrains weit weniger gründlich als die Cambridger. Die öffentliche Meinung erklärte sich daher auch bald gegen sie, und wer auf ihre trügerische Karte eine Wette einging, galt wenigstens für einen sonderbaren Menschen. Trotzdem stand ich bei Oxford, obgleich ich nicht zu der letzteren Kategorie gehörte. Einmal, weil ich für diese Hochschule eine besondere Verehrung habe, weil unser Landsmann, Max Müller, dort docirt und – Nein, seien wir aufrichtig. Ein kleiner, hübscher englischer Backfisch mit hellblauen Augen saß mir bei Tische gegenüber und bot schalkhaft Wetten für Cambridge aus, und da ich an den Händchen des hübschen Mädchens gerne ein Paar Glacés, von meinem Gelde gekauft, sehen möchte, so nahm ich die Wette um ein Paar echter „French Kid-gloves“ an, unter der Bedingung, sie ihr selbst anziehen zu dürfen.

„Um so besser!“ lachte sie; „nichts widerlicher als das erste Hineinkriechen!“

Spaßvögel am Ufer hatten sich unterdeß mehrere Male den Spaß erlaubt, falschen Alarm zu machen, als seien die Preisruderer schon in Sicht. Aller Hälse reckten sich, die Gegenstände des Neides für die männlichen und der maßlosen Bewunderung für die weiblichen Beschauer zu Gesichte zu bekommen. „Arme Kerle!“ dachte ich bei mir, „ich beneide euch nicht.“ Monatelang sich einer anstrengenden und langweiligen Dressur auszusetzen, eine bis in’s Einzelnste vorgeschriebene Diät zu befolgen, sich des Weins und des Tabaks zu enthalten, geistige Arbeiten nach Kräften einzuschränken und sich zu einem modernen Gladiator auszubilden, blos um der unterhaltungsbedürftigen Hauptstadt [265] für eine Weile als Gesprächsstoff zu dienen und von einer Million neugieriger Augen eine Weile auf dem Flusse angeglotzt zu werden. Und das Schlimmste kommt hinten nach: chronisches Herzklopfen, Herzfehler aller Art, nervöse Zufälle, das sind die Folge der unnatürlichen Ueberanstrengung der körperlichen Organe, und Viele wandeln im Mannesalter als entnervte Greise einher, die in der Jugend den Preis des Athletenthums errangen. An warnenden Stimmen hat es wahrlich nicht gefehlt. Statistische Untersuchungen haben dargethan, wie gering der Procentsatz ist, der von den Preis-Rennern, -Boxern und -Ruderern ein hohes Alter erreicht.

Plötzlich kam Bewegung in die Masse, und – da waren sie. Ein Freudengeheul von tausend und aber tausend Stimmen, das sich am Flusse wie eine brandende Meereswelle fortpflanzte, kündigte die Ersehnten an, und bald kamen sie an der Flußbiegung heraus, zwei lange Boote mit je neun Insassen, sich dem Blicke stetig vergrößernd und pfeilschnell vorwärtseilend. Die Menge bewegte sich wie ein Aehrenfeld unter dem Hauche des Westwindes; Taschentücher flatterten, Hüte wurden geschwenkt, und als die Ruderer an uns vorbeischossen – „O weh, die Handschuhe!“ dachte ich – die blaubeflaggten Oxforder waren um eine halbe Bootslänge voraus.

„Oxford! Oxford! Gut gerudert, Oxford! Du gewinnst, Oxford!“ tönte es um mich her, tönte es von den Wagen, tönte es vom Flusse, wälzte es sich am Ufer lawinenartig fort.

So hatte ich denn trotz der Voraussagung des Hornbläsers aller Wahrscheinlichkeit nach gewonnen, und trübselig überlegte ich in meinem Herzen, was angenehmer sei, Handschuhe einer hübschen fremden Hand anzuziehen, oder von hübscher Hand behandschuht zu werden, als ein Themseferge neben mir mich aus meiner Ungewißheit erlöste.

„Wenn Oxford gewinnt, so werd’ ich Lord Mayor im nächsten Jahre. Sie haben jetzt die günstige Flußseite; in Kurzem wird sich das ändern; überdies sind sie schon vollständig ermüdet, und ehe sie Barnes-Bridge erreichen, ist’s aus mit ihnen. Ich würde keinen Heller auf sie wetten. Sie, Herr?“

Die Boote waren bald dem Auge entschwunden, und nicht lange mehr konnte das Resultat verborgen bleiben. Die ganze Fahrt beträgt gewöhnlich nur zwanzig Minuten – die diesjährige nahm des widrigen Windes wegen zweiundzwanzig in Anspruch – und erstreckt sich über einen vier und ein Viertel englische Meilen langen Schauplatz. Von Putney nimmt sie ihren Ausgang. Dort hatten sich am Morgen um elf Uhr die Wettruderer, zum Kampfe bereit, eingefunden; in ihrer Nähe hielten zwei Dampfer mit Vertretern von Oxford und Cambridge, der Preßdampfer und der des Schiedsrichters mit dem Prinzen von Wales und dem Herzoge von Edinburgh an Bord.

Als die Zeit der Abfahrt nahe war, entledigten sich die achtzehn Kämpfer ihrer Hüte und Jacken, die an Bord des Schiedsrichterdampfers gebracht wurden, und setzten sich in Positur. Elf Uhr fünfzehn Minuten ward die übliche Frage gestellt: „Seid Ihr Alle bereit, Gentlemen?“ und als sie bejaht wurde, erfolgte das Losungswort „Vorwärts!“ und sofort ließen die Männer, welche die beiden Boote von festgeankerten Schaluppen aus am Steuerknopfe festhielten, die Hände los, und die Jagd war eröffnet. Cambridge begann mit vierzig Ruderschlägen in der Minute, während Oxford, ganz im Gegensatze zu seiner im vorigen Jahre beobachteten Politik, sich auf sechsunddreißig beschränkte. Es dauerte nicht lange, so waren die Hellblauen an der Spitze, und bei Rose Bank hatten sie schon drei Viertel Länge voraus. Vor Hammersmith aber ermannten die Oxforder sich und holten den Verzug theilweise ein; beim Durchfahren unter der dortigen Brücke waren die Schiffsschnäbel wieder gleich, wie beim Anfange der Fahrt; bald sah man beim Bathing Place, daß die Dunkeln ihre Gegner um eine volle halbe Bootslänge hinter sich gelassen. Die Schuld lag weniger an einer neuen Kraftanstrengung der Einen oder Ermattung der Anderen, sondern an dem Winde, der hier mit großer Kraft einfiel, das Wasser rauh und stürmisch machte und dadurch dem Cambridger Boote unverhoffte Schwierigkeiten in den Weg legte, während das vortrefflich gebaute Boot der Gegner mit graciöser Leichtigkeit durch die Wellen schnitt. Dieser Triumph der Dunkelblauen fand überall die größte Sympathie, besonders bei dem Volke an den Ufern, das sich gern auf Seite der fünfmal nacheinander Besiegten stellte. Auch auf den Dampfern, welche die Wettboote in nächster Nähe begleiteten, herrschte freudige Aufregung; nur auf dem Dampfer, der die Cambridger Studenten und bemoosten Häupter trug, so wie bei Allen, die hohe Wetten auf die Hochschule an dem Cam gemacht, wogen bange Besorgnisse vor. Aber nur für kurze Zeit. Der plötzliche Vorstoß Oxfords war das letzte Aufflackern einer in regellosen Anstrengungen verzettelten Kraft.

Als die Boote die Brücke von Barnes passirt hatten, flogen sofort mehrere Brieftauben in die Luft, um der Hauptstadt zu verkünden, daß die Oxforder eine halbe Länge zurück und desorganisirt seien und Cambridge ohne Zweifel siegen werde. Und so ging’s in Erfüllung. Die Entfernung zwischen den beiden Kielen vergrößerte sich mit jeder Secunde, und als sie am Ziele anlangten, hatte Cambridge mit drei vollen Bootlängen den Preis, das blaue Band der Themse – das sechste Mal nacheinander –, gewonnen.

Nachdem die beiden Mannschaften wieder nach Putney zurückgerudert und ihre Rudercostüme mit einem fashionablen Anzuge vertauscht, begaben sie sich, nicht wie bisher zum Bankett des Lord Mayor, mit dem die Oxforder sich überworfen, sondern in das „Criterion“, die neueste Schöpfung der Allerweltsgastwirthe Spiers und Ponds, ein Conglomerat von Bierhaus, Café, Musikhalle, Theater und Speisehaus, in Piccadilly, tranken dort bei einem fröhlichen Diner ihre gegenseitige Gesundheit, und hielten die in England unerläßlichen, nie endenden Nachtischreden, bei denen Jeder im Besonderen als der Superlativ irgend einer Tugend hingestellt wurde.

Nicht minder lustig ging’s unterdessen in den türkischen und griechischen Cafés des Haymarket zu, zumal nach Mitternacht, als Alhambra, Argyll-Rooms und die übrigen Ressorts der weiblichen Demi-Monde ihre Gäste vor die Thür gesetzt. Die Blauseuche grassirte hier in souveräner Stärke und zwar entschieden in der helleren Nüancirung. Wehe dem dunkelblau Decorirten, der in diese Forts der Universität Cambridge einzutreten wagte! „An die Luft mit ihm! Hinaus!“ erscholl’s von allen Seiten, und als der Wirth sich auf die Seite des Armen stellte, wurden Kaffeetassen, Gläser und Spiegel zertrümmert, Tische umgeworfen und ein wahres Indianergeheul ausgestoßen, bis die Polizisten des Districts in Reih und Glied aufzogen und den Platz säuberten.

Ich aber zog am andern Tag dem kleinen Backfische die Handschuhe Nr. 5¾ an, eine Procedur, bei der ich mich nicht im Geringsten beeilte.




Blätter und Blüthen.


Ein russischer Nationaltanz. (Mit Abbildung, S. 263.) In einem russischem Dorfe vergeht kein Sonntag ohne Tanzvergnügungen. Obschon die Auswahl der Tänze nicht groß ist, weil die russischen Bauern und Bäuerinnen bis jetzt noch keine Ahnung von den verschiedenen Tänzen haben, wie Walzer, Polka, Galopp, Française, Cotillon, so finden sie doch großes Vergnügen an ihren eigenen Nationaltänzen und hauptsächlich an einem Tanz, Horowod genannt, welcher von allen russischen Landleuten gekannt und mit Liebe jeden Sonn- und Festtag getanzt wird. Der Name Horowod ist hergeleitet aus zwei Wörtern hor und wodity, das heißt Chor-führen; dieser Tanz oder dieses Spiel, wie es die Bauern nennen, besteht darin, daß die jungen Leute einen Rundkreis bilden, sich an den Händen festhalten, im Kreise drehen und mit lauter Stimme Volkslieder singen, wobei besonders die jungen Mädchen sehr laut und wie aus einem Munde zu singen pflegen. Es giebt hierzu mehrere Volkslieder, die nur zu diesem Zwecke gedichtet sind. Zwei junge Leute gehen dann in den Kreis hinein und machen die Bewegungen, welche zu dem Inhalt des Liedes passen; sie wählen aus dem Kreise zwei junge Mädchen; dieselben tanzen mit ihnen und machen sehr graziöse Bewegungen mit den Schultern, langsam oder schnell, drehen sich dann um die jungen Leute herum, lassen dieselben vorbeiziehen und bedecken ihr Gesicht recht schelmisch mit ihren breiten weißen Hemdärmeln; dann legen sie sich auf die Schultern des jungen Mannes und sehen ihm in’s Gesicht. Dieses Spiel ist sehr reich an verschiedenen Touren, Stellungen und Bewegungen. In unserer heutigen Abbildung ist eine Tour dargestellt, welche darin besteht, daß die jungen Mädchen ihre Taschentücher nehmen, dieselben an zwei Ecken halten und sie graziös auf den Hals ihrer Tänzer werfen, welche gewissermaßen dadurch ihre Gefangenen werden. Diese lassen sich alsdann an dem improvisirten Seile willenlos herumführen und hinziehen, wohin es den Tänzerinnen gefällt. Unsere Aufmerksamkeit wird zunächst gefesselt durch die beiden Tänzer, die steif dastehen wie ein paar Baumstämme, was sehr charakteristisch nach der Natur aufgefaßt ist. Ueberhaupt fehlt den jungen Leuten, den jungen Mädchen gegenüber, jegliche Gewandtheit [266] und Liebenswürdigkeit; dennoch wissen sie den jungen Mädchen zu gefallen, wahrscheinlich dadurch, daß sie meist alle begabt sind mit großem Scharfsinn, natürlicher Heiterkeit und blühender Gesundheit. Das Bild zeigt uns den Tanz Horowod in einem Dorfe einer Fabrikgegend; man erkennt dies sofort an den Anzügen und an den Dächern der Häuser, welche in der Ferne zu sehen sind. Das russische National-Costüm ist im höchsten Grade eigenthümlich, malerisch, reich bis zum Märchenhaften und dem harten Klima ganz angepaßt. Mitunter wird mit dem Costüm großer Luxus getrieben. So kaufte auf der Messe in Nishni-Nowgorod ein schmutziger, ärmlich gekleideter Bauer zur Mitgift für seine Tochter für sechstausend Rubel echte Perlen. Wenn man nun noch in Betracht zieht, daß die Kopfbedeckung aus Sammet, mit Perlen bestickt, und einem seidenen Tuch, welches mit Gold und Silber ausgenäht ist, besteht, daß Mieder und Rock aus seidenem Stoff gemacht, mit Gold- und Silberblumen durchwirkt sind und dreißig bis vierzig silberdurchbrochene Knöpfe von der Größe einer Nuß tragen, so kann man die Kostbarkeit eines solchen Anzuges annähernd ermessen.

Solche Costüme werden freilich nur an Sonn- und Festtagen angezogen und in den meisten Fällen auf Kind und Kindeskind vererbt. Die Hauptrolle spielt bei einem russischen Frauencostüm ein langes Kleid, unten sehr weit und oben sehr eng zugeschnitten; ganz ohne Aermel, wird es nur durch Achselbänder gehalten; dieses Kleid heißt auf Russisch „Sarafan“. Es wird aus selbstgewebtem Zeuge genäht, oder auch aus Kattun oder sogar aus jenem oben erwähnten golddurchwirkten Stoff, je nachdem es der Zweck erfordert und die Mittel dazu da sind; auf diesen „Sarafan“ wird eine Schürze gebunden. Auf unserem Bilde tragen die im Kreise stehenden Mädchen, die das Tuch dem jungen Manne überwerfen, und zwei rechts zuletztstehende Frauenfiguren ein solches Kleid; die übrigen Frauen haben entweder Mieder über ihren Sarafan oder Letzteres zu einem europäischen Kleide zugeschnitten, welches sie dem Einflusse der Fabriken und der Städte verdanken. Die Kopfbedeckung, ausgenommen die der Nationaltracht, besteht aus Kopftüchern. Die jungen Mädchen binden sie so, wie es in dem Kreise zu sehen ist, und die Frauen so, wie die drei vorletzten rechtsstehenden Figuren es zeigen. Von den Männern ist nur Einer – er sitzt auf den umgehauenen Baumstämmen – im altrussischen Costüm. Er trägt einen hohen Hut. Die Füße sind mit Lappen umwickelt und mit Kordeln umbunden, ähnlich wie bei den Italienern; die Schuhe sind aus Bast geflochten. Auch Mützen und hohe Stiefeln kommen vor, wie unser Bild zeigt.

Der Zeichner des Bildes sieht sich veranlaßt, schließlich noch hinzuzufügen, daß russische Zeichnungen und Motive bisher immer nur von Fremden nach Beschreibungen und Erzählungen, nicht aber von einem sachkundigen russischen Künstler angefertigt wurden; daher mangelte ihnen immer der echt russische, charakteristische und nationale Typus, worin doch eigentlich das Interessante besteht. Die von uns dargebrachte Zeichnung ist von einem russischen Genremaler gezeichnet und von ihm durch die obigen Mittheilungen erklärt, derselbe hat viele Studienreisen in Rußland gemacht und ist daher im Besitze von reichen Materialien und Motiven aus dem russischen Nationalleben.




Der Abstimmungstelegraph. Von der bekannten Firma Siemens und Halske in Berlin ist, wie auch die Tagesblätter bereits gemeldet haben, dem preußischen Abgeordnetenhaus ein Abstimmungstelegraph vorgeschlagen. Ueber die sinnreiche Erfindung danken wir der Liebenswürdigkeit der genannten Firma folgendes Nähere. Der Zweck des Apparats ist ein doppelter: Einmal soll er auf drei Zählerwerken die Gesammtzahl der Abstimmenden, die Zahl der mit „Ja“ und diejenige der mit „Nein“ Stimmenden unzweifelhaft angeben. Die Controle der Richtigkeit dieser Angaben besteht darin, daß die Summe der Ja- und Nein-Stimmen mit den Angaben des Summenzählers übereinstimmen muß. Das andere Mal soll der Apparat auf einem Papierbande, welches mit den Namen sämmtlicher Abgeordneten bedruckt ist, neben dem Namen eines jeden, der seine Stimme abgegeben hat, mit Oelfarbe deutlich vermerken, ob derselbe mit Ja oder Nein gestimmt hat. Die Ausführung geschieht dadurch, daß auf die Aufforderung des Präsidenten jeder Abgeordnete sich auf seinen Platz begiebt und seinen Abstimmungshebel nach rechts oder links dreht, je nachdem er mit Ja oder Nein stimmen will. Um dies nur dem betreffenden Abgeordneten und keinem anderen möglich zu machen, kann diese Drehung des Abstimmungshebels einzig durch einen Schlüssel bewirkt werden, welcher nur zu dem betreffenden Platze paßt und der dem Inhaber desselben übergeben wird. Hat der Präsident die Ueberzeugung gewonnen, daß alle Abstimmenden ihren Hebel eingestellt haben, so läßt er durch einen Diener die Kurbel des Magnetinductors so lange herumdrehen, bis sie fest steht. Hierdurch wird eine Reihe wechselnder Ströme erzeugt und gleichzeitig ein Contacthebel gedreht, der nacheinander alle Abstimmungshebel in den Stromkreis einschaltet. Alle mit Ja bezeichneten Contacte auf den Plätzen stehen mit den Umwindungen eines Elektromagneten, alle Nein-Contacte mit denen eines anderen Elektromagneten in Verbindung und der Stromlauf ist so geordnet, daß, je nachdem der Hebel auf Ja oder Nein gestellt ist, bei vorerwähnter Drehung der Kurbel der Anker des einen oder anderen Elektromagneten zum Anzug gebracht wird. An jedem Anker ist ein Schreibrädchen nach Art unserer Morsefarbschreiber befestigt; es entsteht also auf dem entsprechend fortbewegten Papierstreifen bei jedem Ankerabzug ein farbiger Punkt, und da die Schreibrädchen der beiden Elektromagnete nebeneinander liegen, ist aus der Stellung des Punktes auf dem Papierstreifen die Stellung des betreffenden Abstimmungshebels zu erkennen. Außerdem sind die Anker dieser beiden Elektromagneten so wie der eines dritten, in den gemeinschaftlichen Rückleitungsdraht eingeschalteten Elektromagneten noch mit Sperrfedern versehen, womit sie auf drei kleinere Zählerwerke mechanisch einwirken und so die Zählung der Abstimmenden in der vorerwähnten Weise ermöglichen.

Wir bemerken übrigens noch, daß die Herren Siemens und Halske bereits im Jahre 1859 dem Abgeordnetenhaus die Anlage eines solchen Abstimmungstelegraphen empfohlen hatten. Damals wurde der Vorschlag aber bis zur Fertigstellung des neuen Parlamentsgebäudes verschoben. Seitdem ist in Nord-Amerika (1869) ein ähnlicher Apparat zur Anwendung gekommen, der sich aber nach erhaltenen Mittheilungen darauf beschränken soll, daß jeder Abgeordnete durch Drücken eines Ja- oder Neinknopfes ein bleibendes Signal giebt, welches dem Präsidenten die Möglichkeit gewährt, die Stimmen nachträglich zu zählen. Durch den obenbeschriebenen Siemens und Halske’schen Apparat wird die Zeit einer namentlichen Abstimmung, die jetzt mindestens eine halbe Stunde in Anspruch nimmt, auf eine halbe Minute reducirt und gleichzeitig ein unzweifelhaftes Document der Abstimmung erworben, welches sich leicht und schnell direct vervielfältigen läßt, so daß jedem Abgeordneten und jedem Berichterstatter noch vor Schluß der Sitzung ein Exemplar ausgehändigt werden kann. Wir sind der Ueberzeugung, daß der Siemens und Halske’sche Abstimmungstelegraph bald den Weg in alle anderen Parlamente finden wird.




Ein Verein und sein Jahrbuch. Ein stattlicher Band, wie er in unserer Zeit der zierlichen Formate nur selten die Neugier des Bücherfreundes erregt, über 34 Bogen, 538 hohe, breite, elegant gedruckte Seiten, auf denen sich in bunter Mischung eine Fülle der Gaben findet: Verse, Erzählungen, literarische und wissenschaftliche Abhandlungen von nicht weniger als vierundsechzig Autoren. Und nun gar erst die Zahl der Herausgeber! Als solche werden uns 35,227 Personen bezeichnet. Mögen unsere Leser nicht ungläubig lächeln, die Sache hat ihre Richtigkeit. Aus 35,227 Mitgliedern besteht jetzt der erste allgemeine Beamten-Verein der österreichisch-ungarischen Monarchie, ein Institut wirksamer Selbsthülfe einzig in seiner Art; wir wüßten nicht, daß irgend ein anderes Land ein ähnliches aufzuweisen hat. Mehr als jede andere Bevölkerungsclasse ist der meistens so unbarmherzig karg gehaltene Beamtenstand darauf hingewiesen, sich durch Vereinigung selber zu helfen und sein Leben freundlicher, seine Zukunft sorgenloser zu gestalten. Wie sehr hier auch die einzelnen Zweige und Berufsarten auseinander liegen mögen, gleiche Lagen und Interessen bieten doch der Hauptmasse der besoldeten Menschen einen lebendigen Mittelpunkt der Einigung. Es ist erstaunlich, daß die aller Orten mit Recht klagenden Beamten nicht überall schon darauf gekommen sind; in Oesterreich haben sie es erkannt. Wir können nicht sagen, wo und in welchem Kreise dort zuerst der glückliche Gedanke entstanden ist, der Beamten-Verein steht aber als eine Thatsache da und erfreut sich eines blühenden und segensreichen Gedeihens.

Sein Zweck ist Nahrung und Forderung der materiellen, geistigen und socialen Interessen des Beamtenstandes nach den Grundsätzen der Gegenseitigkeit und Selbsthülfe. Zu diesem Zwecke bietet er seinen Angehörigen Versicherung von Krankengeldern und ärztlicher Pflege, von Capitalien und Renten auf den Lebens- und Todesfall, auch von Invalidenpensionen. Damit aber ist sein Wirken noch nicht erschöpft. Es erstreckt sich auch auf Spar- und Vorschußgeschäfte, auf Beschaffung von Dienst-Cautionen und Vermittelung von Dienststellen, Stipendienvertheilung für Töchter und Waisen mittelloser Beamten, Unterstützung von Unglück betroffener Standesgenossen, sowie auch Vertretung des gesammten Beamtenstandes in seinen bürgerlichen und dienstlichen Interessen. Zur Mitgliedschaft ist nicht blos diese oder jene Beamtenkategorie berechtigt. Sämmtliche Staats-, Landes-, Gemeinde-, Industrie-, Verkehrs- und Herrschaftsbeamten der Monarchie, auch die Officiere, Geistlichen, Advocaten, Lehrer, Notare und Aerzte können beitreten. Alle Functionen sind Ehrenämter und werden unentgeltlich verrichtet. Der Sitz des Vereins ist in Wien, wo er ein großes Vereinshaus besitzt, dessen Werth auf siebenhunderttausend Gulden veranschlagt wird. In seinem Dienste wirken 1719 Vereinsärzte, Bevollmächtigte und Agenten; die Summe seiner in Kraft stehenden Versicherungen belief sich Ende 1873 auf neunzehn Millionen Gulden. Ferner rechnet er zu den Ergebnissen seiner Thätigkeit die Erwirkung einer neuen Rang- und Gehaltsregulirung der österreichischen Staatsbeamten, die Herausgabe einer Zeitschrift zur Vertretung der Beamten-Interessen, sowie jenes „Literarischen Jahrbuchs“, dessen dritter Jahrgang hier in so stattlicher Erscheinung vor uns liegt.

Das im Selbstverlage des Vereins erschienene Buch führt den Titel „Die Dioskuren“, und es soll der Reinertrag den mannigfachen Segnungen, welche die Genossenschaft ihren Mitgliedern bietet, eine neue hinzufügen: die Errichtung einer höheren Töchterschule. Führen wir das an, so wollen wir damit keineswegs sagen, daß das Buch zu seiner Empfehlung eines Hinweises auf seinen wohlthätigen Zweck bedarf. Es hat in der That an sich selber einen ganz eigenthümlichen Reiz und Werth. Daß unter einer so großen Zahl von Producten auch Mittelmäßiges sich findet, ist nun einmal das unvermeidliche Schicksal aller solcher aus „Liebesgaben“ errichteten Sammelwerke. Wir glauben, die Prüfungs- und Sichtungsarbeit der Redaction ist ohnedies eine sehr große und schwierige gewesen. Rechnet man aber jene minder bedeutenden Beiträge ab, so bleibt doch eine überwiegende Menge von herrlichen Blüthen aus dem Bereiche der Dichtung wie des reflectirenden Gedankens. Die Gaben sind aus den verschiedenen Theilen der Monarchie geflossen, und darin liegt für uns in Deutschland die Anziehungskraft des Ganzen. Sein Grundcharakter ist deutsch wie die Sprache aller einzelnen Artikel. Aber aus dem unterhaltenden Wechsel ihrer vielfach so ganz verwandtschaftlich uns anheimelnden Reihenfolge tönt und duftet uns doch auch jene besondere Art deutsch-österreichischen Geistes entgegen, der in dauernder Berührung mit slavischen und orientalischen Einflüssen eine eigenthümlich reizvolle Färbung erhält und diese in der Sphäre deutscher Bildung zu läutern weiß. Das ist nicht blos pikant und genußreich, es hat auch für die ernstere Betrachtung ein cultur- und völkergeschichtliches Interesse. Auf Einzelnes einzugehen kann hier nicht unsere Aufgabe sein. Hervorheben wollen wir nur, daß neben vielen anderen namhaften Autoren auch Anastasius Grün eine größere Dichtung „Im Veldes“ geliefert hat, die an die frischeste Jugendzeit des verehrten Dichters erinnert.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. * Diesem Volksleben droht im gegenwärtigen Augenblicke eine schwere Gefahr, über welche unsere Leser in einer unserer nächsten Nummern eingehendere Mittheilungen erhalten werden.
    D. Red.
  2. * „Panik“, creditlose, geldgefährliche Zeit, entsteht in England meist, wenn die einzige Bankreserve des Landes in der Bank von England unter ein Drittel der Passiva, der Geldverpflichtungen, des darin deponirten und wieder verborgten Geldes sinkt oder nur zu sinken droht.