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Die Gartenlaube (1874)/Heft 15

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[235]

No. 15.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die zweite Frau.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Von E. Marlitt.


(Fortsetzung.)


„Es ist wahr – der Psycholog hat Recht, wenn er die kälteste Grausamkeit in diejenigen Frauenköpfe verlegt, die den blonden Glorienschein über der Stirn tragen.“ Das kam fast zischend von seinen Lippen. – „Sie sind klug, gnädige Frau, und hochmüthig, wie selten eine aristokratisch Geborene, die Fürstenblut in ihren Adern weiß – mit einer einzigen Wendung Ihres schönen Hauptes meinen Sie sich über ‚das Gesindel‘ zu stellen, das in den Staub gehört. Mag es Ihnen bei Anderen gelingen – bei mir nicht. Ich folge Ihnen Schritt um Schritt; ich hänge mich an Ihre Fersen – nicht um eine Linie ziehe ich die Hand zurück, die ich einmal nach Ihnen ausgestreckt habe, und sollte ich sie dabei verlieren! Schlagen Sie nach mir, treten Sie mich mit Füßen – ich werde Alles dulden, schweigend, ohne Gegenwehr; aber abschütteln werden Sie mich nicht. … Meine Kirche verlangt von ihrem Priester, daß er wache und faste, daß er in rastloser Thätigkeit hier wie ein Maulwurf den Boden unterminire und dort eine Brücke durch die Lüfte schlage – wie ganz anders noch wird mich diese fanatische Hingebung an das Ziel beseelen, bis – Sie mein sind!“ –

Ungekannte Schauer überliefen sie. Jetzt wußte sie, daß er nicht um ihre Seele für seine Kirche ringe – der eidbrüchige Priester liebte das Weib in ihr. Diese Entdeckung machte ihr fast das Blut gerinnen – sie schüttelte sich vor Entsetzen, und doch, wie die Sünde berückend sein kann, so wirkte diese energische Beredsamkeit, die in erschütternden Lauten alle Kampfe, Stürme und Leiden der Seele bloßlegte, halb abstoßend, halb magnetisch auf die junge Frau – sie hatte ja noch nie die unverstellte Sprache tiefer, Alles vergessender Leidenschaft von Männerlippen gehört. … Las er dieses Gemisch von Grauen und augenblicklichem, halb unbewußtem Hinlauschen in dem verstörten Ausdrucke, mit welchem sie das liebliche, tieferblaßte Antlitz ihm zuwandte? Er trat plötzlich unter einem leidenschaftlichen Zurückwerfen des Kopfes auf sie zu und breitete niedersinkend beide Arme aus, um die Kniee der jungen Frau flehend zu umfassen – das grüne Lampenlicht floß grell über das marmorartige Oval seines Gesichts, über den leblos weißen Fleck inmitten der dunkellockigen Haarmassen – ihr war, als zeige ein unsichtbarer Finger auf diesen Fleck als auf ein Kainszeichen – sie floh, während ihre schönen Hände wild nach dem knieenden Manne stießen. „Fälscher!“ stieß sie heiser und tonlos aus. „Eher will ich drüben im See ertrinken, als daß ich auch nur mein Kleid von Ihren Fingerspitzen berühren lasse.“ – Die Hände angstvoll auf die Brust drückend, zog sie die schmiegsamen Schultern eng zusammen, wie ein Kind, das eine entsetzliche Berührung fürchtet und sich doch nicht von der Stelle traut. Sie durfte nicht gehen, so lange sie das Document in seinen Händen wußte – sie hatte unverantwortlich kopflos ihre Mitwissenschaft verrathen.

Der Hofprediger erhob sich langsam. In die plötzlich eintretende athembeklemmende Stille klang heranbrausendes Rädergeroll, und gleich darauf knirschte drunten der Kies unter den Hufen der Apfelschimmel; Mainau kam schon zurück – er mußte wie toll gefahren sein. Bei diesem Geräusche stampfte der Hofprediger mit dem Fuße auf und wandte in sprachlosem Grimme den Kopf nach den verhüllten Fenstern – man sah, er hätte am liebsten den ersten besten schweren Gegenstand ergreifen und zermalmend auf die Equipage und ihren Insassen hinabschleudern mögen.

Die junge Frau schöpfte tief Athem – es war kein Augenblick zu verlieren. „Ich muß Sie bitten, Hochwürden, das Papier wieder an seinen Platz zu legen,“ sagte sie, vergeblich bemüht, ihrer Stimme Klang und Festigkeit zu geben.

„Trauen Sie mir das wirklich zu, gnädige Frau? Eine so – stupide Gutmüthigkeit?“ rief er heiser auflachend. „Sie meinen, ihr todwundes Opfer habe nicht die Kraft mehr, sich zu wehren? O, ich kann noch denken. Ich will Ihnen sagen, wie Sie rechnen. Sie sind hier heraufgekommen, um sich des wichtigen Geheimnisses zu bemächtigen – mit dem Mikroskope in der Hand werden Sie Ihrem Gemahle und dem Hofmarschalle beweisen, daß im Hause Mainau ein abscheulicher Betrug, respective eine Erbschleicherei verübt worden ist. Man läßt Sie selbstverständlich mit diesem Geheimnisse nicht nach Rudisdorf zurückkehren und bittet Sie, zu bleiben. … Was aber erringen Sie damit? Baron Mainau liebt Sie nicht, wird Sie nie lieben, schöne Frau – sein Herz gehört trotz alledem und alledem der Herzogin. Jetzt sind Sie ihm noch vollkommen gleichgültig – nach der Entdeckung aber wird er Sie hassen, und – sehen Sie, wie selbstlos meine Liebe ist – das will ich verhindern. “

Ehe sie sich dessen versah, hatte er auch den rosenfarbenen Brief der Gräfin Trachenberg ergriffen und stand mittelst weniger Sätze am Kaminfeuer. Es half ihr nichts, daß sie aufschreiend nachflog und ihre Hände um den Arm des Mannes, der sie nie berühren sollte, selbstvergessend klammerte – Document und Brief lagen inmitten eines Flammenmeeres und sanken eben zu Aschenstäubchen in sich zusammen.

„So, nun klagen Sie mich an, gnädige Frau! Wer nach [236] dem Zettel sucht, wird auch den Brief der Gräfin Trachenberg vermissen, und daß ich ihn verbrannt habe, wird Ihnen Niemand glauben.“ Er hielt noch die hochgehobene Linke abwehrend vor die Kaminöffnung, obgleich auch nicht der kleinste verkohlte Rest der Papiere liegen geblieben war.

Die junge Frau ließ schlaff ihre Hände von seinem Arme niedersinken – ihr von den Flammen hell angestrahltes Gesicht zeigte eine namenlose schmerzliche Bestürzung. Dem ränkevollen Geiste des Priesters war diese zwar starke, aber zu reine unschuldvolle Mädchenseele freilich nicht gewachsen, und wie sie dastand, so blumenhaft zart und schlank, so hülflos, mit erschrockenen Augen in die Gluth starrend und die sammetweiche Schläfe unbewußt nahe an die Schulter des Mannes geneigt, da sah es aus, als bedürfe es nur einer seiner energischen Bewegungen, um sich ihrer zu bemächtigen – es war wie eine Lähmung über sie gekommen – nur ein tiefer zitternder Seufzer kam wie ein Hauch von ihren Lippen – er streifte die Wange des Geistlichen.

„Gnädige Frau, noch ist es Zeit,“ rief er – alles Blut war ihm bei der Berührung aus dem Gesichte gewichen. – „Seien Sie mild und barmherzig gegen mich, und ich gehe sofort zu den Herren von Schönwerth, um zu bekennen.“

Sie trat stolz zurück und maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen. „Das ist einzig und allein Ihre Sache – handeln Sie, wie Ihnen beliebt!“ sagte sie – ihre Stimme klang schneidend, vernichtend. „Ich habe allerdings innig gewünscht, Gabriel zu retten – ich würde mich vielleicht sogar zu einem Fußfalle vor – der Herzogin, um des guten Zweckes willen, haben hinreißen lassen; aber in Gemeinschaft mit einem – Jesuiten zu handeln, das vermag ich nicht. … Ich kann dem Knaben nicht mehr helfen – mag sich sein grausames Geschick erfüllen. … Aber, wahrlich, Deutschland ist im Rechte, wenn es diese Gesellschaft Jesu von seinem Boden verjagt, wenn es endlich die Ruthe aufnimmt, um die grimmigsten Feinde des patriotischen Sinnes, der geistigen Entwickelung und des confessionellen Friedens in das Gesicht zu schlagen. … Das war mein letztes Wort an Sie, Hochwürden. Und nun gehen Sie, um die ‚Briefintrigue‘ gegen mich einzufädeln – fein, aber mit unvergleichlicher Sicherheit – wie es dem Jünger Loyola’s ziemt!“

Sie wandte ihm den Rücken und wollte mit raschen Schritten den Saal verlassen, da wurde seitwärts eine Thür geöffnet, und der Hofmarschall, auf seinen Krückstock gestützt, sah herein.

„Wo bleiben Sie denn, verehrter Freund?“ rief er – seine Augen fuhren suchend durch den Salon. „Mein Gott, braucht es denn so lange Zeit, einen Schlüssel abzuziehen?“

Die junge Frau war bei seinem Erscheinen stehen geblieben und wandte ihm voll das Gesicht zu, während der Hofprediger in seiner Stellung am Kamine verharrte und nur seine weißen, vollen Hände gegen die Flammen hielt, als friere er.

Der Hofmarschall stelzte herein; er vergaß, die Thür hinter sich zu schließen, so sehr frappirte ihn die Situation.

„Ei, meine Gnädigste, Sie auch schon hier?“ sagte er, den Krückstock vor sich auf das Parquet stemmend. „Oder wie – Sie können doch unmöglich die ganze lange Zeit über in dem halbdunklen Salon verblieben sein – undenkbar bei Ihrer Gewohnheit, jede Secunde spießbürgerlicher Weise thätig auszunutzen.“

Urplötzlich, als dämmere eine Ahnung in ihm auf, wandte er den Kopf nach dem Schreibtische mit den Raritätenkästen – das verhängnißvolle Schubfach war noch so weit aufgezogen, daß man meinen konnte, es falle im nächsten Moment aus den Fugen.

Ein langgezogenes „Ah!“ kam von den Lippen des alten Herrn. „Wie, meine Gnädigste, Sie haben – gekramt?“ fragte er unter einen grausamen Lächeln fast sanft, wie ein gewiegter Untersuchungsrichter, der einen gewandten Angeklagten eben den letzten Stützpunkt verlieren sieht. Er wiegte bedächtig den feinen Kopf. „Impossible – was sagte ich? Diese schönen Hände, diese aristokratischen Hände einer Dame, die so glücklich ist, sich die Enkelin einer Prinzessin von Thurgau nennen zu dürfen, ich sage, solch hochgeborene Hände können sich doch unmöglich so weit herablassen in dem Eigenthume anderer Leute herumzustören – fi donc – Verzeihung, meine Gnädigste! Ich habe unpassend gescherzt.“

Er humpelte nach dem Schreibtische, sah in den Kasten, und sich mit der Linken mühsam auf den Stock stützend, warf er suchend die Papiere durcheinander.

Liane kreuzte die Arme krampfhaft fest unter dem Busen – sie sah Furchtbares kommen. Dort der Mann im langen schwarzen Rocke bog sich so angelegentlich nach den Flammen hin, als höre er nicht ein Wort von Dem, was hinter seinem Rücken vorgehe – er war wohl bereits fertig mit seinem Feldzugsplane.

Der Hofmarschall drehte sich um. „Sie haben auch gescherzt, meine Gnädigste,“ rief er und zeigte lachend sein schneeweißes Gesicht. „Sie haben mir einen kleinen Schabernack zufügen wollen. Nicht mehr als billig – ich bin heute der Frau Herzogin gegenüber ein wenig indiscret gewesen – aber ich will künftig artiger sein – ich verspreche es Ihnen. Und nun, bitte, bitte, geben Sie mir mein reizendes Billetdoux zurück, an welchem mein ganzes Herz hängt, wie Sie wissen! – Wie, Sie weigern sich? … Ich wollte drauf schwören, ich sähe dort aus Ihrer Kleidertasche ein herziges, rosenfarbenes Briefeckchen gucken. – Nein? – Wo ist der Brief der Gräfin Trachenberg, frage ich?“ fügte er plötzlich mit völlig veränderter, zornig knurrender Stimme hinzu – im Uebermaße seiner hervorbrechenden Wuth vergaß er sich so weit, den Krückstock drohend zu heben.

„Fragen Sie den Herrn Hofprediger!“ antwortete die junge Frau mit todtenbleichen Wangen.

„Den Herrn Hofprediger? Ist die Gräfin Trachenberg seine Mutter? … Hm ja, möglicher Weise hat er – den kühnen Eingriff belauscht, und Sie appelliren nun an seine Ritterlichkeit und christliche Milde, respective an seine rettende Hand – aber das hilft Ihnen nichts, schöne Frau. Ich will direct aus Ihrem Munde hören, wo der Brief ist.“

Die junge Frau zeigte nach dem Kamine. „Er ist verbrannt,“ sagte sie in klanglosem, aber festem Tone. In diesem Augenblicke wandte der Hofprediger zum ersten Male den Kopf ein wenig – er warf einen verstörten, halb wahnwitzigen Seitenblick nach der Sprechenden, der es nicht einfiel, zu dem einzigen Mittel, dem Leugnen, zu greifen.

Der Hofmarschall stieß einen heisern Wuthschrei aus und sank, unfähig, sich länger auf seinen kranken Füßen zu halten, in den nächsten Lehnstuhl.

„Und Sie sind Zeuge gewesen, Hochwürden? Sie haben diese Infamie ruhig geschehen lassen?“ preßte er zwischen den Zähnen heraus.

„Ich kann Ihnen in diesem Momente nicht darauf antworten, Herr Hofmarschall – Sie müssen erst ruhiger werden. Die Sache liegt doch anders, als Sie annehmen mögen,“ versetzte der Hofprediger ausweichend. Er trat vom Kamine weg und kam mit zögernden Schritten näher.

„Nun wahrhaftig, es hat noch gefehlt, daß auch Sie ablenken. Macht denn der ketzerische Geist dort unter den rothen Flechten alle Männerköpfe rebellisch? Raoul traue ich schon längst nicht mehr“ – er biß sich auf die Lippen; die letzten Worte waren ihm offenbar wider Willen herausgefahren – auf den Hofprediger aber wirkten sie wie ein unerwarteter Schlag in das Gesicht; mit einem Blicke voll zornigen Schreckens nach der Zuhörerin hob er rasch die Hand, als wolle er sie auf den unvorsichtigen Mund des alten Herrn legen.

„Ich verstehe Sie nicht, Herr Hofmarschall,“ sagte er, in drohendem Warnungstone jedes Wort markirend.

„Mein Gott, ich sprach in Bezug auf seinen gut katholischen Glauben,“ rief der Hofmarschall ärgerlich.

Der Mann, um dessen „Glauben“ es sich eben handelte, kam in diesem Moment die große, mit den byzantinischen Teppichen belegte Haupttreppe herauf. Liane stand der noch immer offenen Thür gegenüber – der stark beleuchtete Gang, welchen sie übersehen konnte, mündete in dem Treppenhause, das auch in einem förmlichen Lichtmeere schwamm. Auf der obersten Stufe blieb Mainau, noch in seinen dunklen Regenmantel gehüllt, einen Moment stehen. Sah er die hell gekleidete Gestalt seiner Frau inmitten des dämmernden Salons? Er war jedenfalls im Begriffe gewesen, nach seinen Zimmern zu gehen – jetzt lenkte er sofort in den Gang ein.

„Aha, da kommt er ja! Sehr gelegen!“ sagte der Hofmarschall sichtlich frohlockend bei den sich rasch nähernden, wohlbekannten Schritten – er richtete sich kampffertig im Stuhle auf und rieb kichernd die dürren, trockenen Hände aneinander.

[237] „Herr Hofmarschall, ich muß Sie dringend bitten, vorläufig noch zu schweigen,“ rief der Hofprediger in seltsam gebietendem, halbem Flüsterton, dem man aber doch die Angst anhörte.

Aber da stand Mainau schon auf der Schwelle. „Soll ich’s nicht wissen, Hochwürden?“ fragte er schneidend – sein scharfes, argwöhnisches Ohr hatte den Zuruf erfangen. Durchbohrend glitt sein flammender Blick von dem Geistlichen hinweg auf das Gesicht der jungen Frau. „Ein Geheimniß also – ein Geheimniß zwischen dem Herrn Hofprediger und – meiner Frau, das Du nicht verrathen sollst, Onkel?“ setzte er mit langsamem Nachdruck hinzu. „Ich muß gestehen, das könnte mich lebhaft interessiren. Ein Geheimniß zwischen einem streng katholischen Priester und einer ‚Ketzerin‘ – wie pikant! … Rathe ich recht, interessante Bekehrungsversuche, Onkel?“

„Denke nicht d’ran, Raoul – unser Hofprediger ist viel zu klug und verstandesüberlegen, um sich nicht zu sagen, daß da Hopfen und Malz verloren ist – die Frau Baronin ist ja nicht einmal protestantisch. … Nein, mein Freund, das Geheimniß gehört der Gnädigen ganz allein, und der Hofprediger, der es unfreiwillig belauscht, ist so ritterlich und christlich, sie nicht compromittiren zu wollen. … Auch ich würde geschwiegen haben – mein Gott, man ist und bleibt ja doch Cavalier – aber was soll ich Dir nun sagen? Mein Kopf ist viel zu unbeholfen und auch zu alt, um rasch ein Märchen zu erfinden –“

„Zur Sache, Onkel!“ rief Mainau mit harter, gepreßter Stimme – sein Gesicht mit den krampfhaft nach innen gezogenen Lippen und den wie im Fieber glimmenden Augen war furchtbar anzusehen.

„Nun ja doch – es ist rasch erzählt. Du hast den Schlüssel am Schreibtisch stecken lassen, just an dem Kasten, in welchem der Brief der Gräfin Trachenberg lag. Ich muß mich freilich anklagen, die Frau Baronin allzuhäufig mit dem kleinen, interessanten Actenstück geneckt zu haben, und da hat sie wohl gemeint, es sei doch besser, wenn es eines schönen Tages für immer verschwinde. … Sie war allein hier im Salon, hat den günstigen Zufall benutzt und meinen kleinen Liebling, das hübsche, rosenrothe Briefchen in – das Kaminfeuer geworfen – eh, was sagst Du dazu? … Es war nur sehr fatal, daß ich kurz vorher das Fehlen des Schlüssels bemerken mußte – der Herr Hofprediger erbot sich, ihn zu holen, und so hat ihn seine Gefälligkeit zum unfreiwilligen Zeugen des Autodafés gemacht. Als ich, über sein allzulanges Ausbleiben beunruhigt, hier plötzlich eintrat, da stand mein verehrter Freund in sichtlicher Bestürzung noch am Kamin, und die Frau Baronin machte zu spät den Versuch, vor mir zu fliehen. … Sieh’ hin! Das offene Schubfach sagt genug.“

Die junge Frau, die den kommenden Sturm nun völlig entfesselt auf sich losstürzen sah, ließ jetzt das Taschentuch sinken, das sie an ihre Lippen gepreßt hatte, und trat mit entfärbtem, fast wachsweißem Gesichte ihrem Mann einen Schritt näher.

„Lasse das, Juliane!“ sagte er kalt wie Eis, indem er zurückwich und die Rechte, Schweigen gebietend, erhob. „Der Onkel beurtheilt die Sachlage von seinem vorurtheilsvollen kurzen Gesichtspunkte aus – Du hast das Papier nicht berührt – ich weiß es, und wehe dem, der es wagt, diese gemeine Beschuldigung zu wiederholen! … Dagegen muß ich mein Befremden aussprechen, Dich zu dieser Zeit hier zu sehen –“

„Aha – wir gehen von ein und demselben Punkte aus,“ lachte der Hofmarschall kurz auf.

„Die Theestunde ist noch fern –“ fuhr Mainau fort, ohne den Einwurf zu beachten – „bei dieser armseligen Beleuchtung kannst Du unmöglich gestickt haben – ich sehe auch weder Deinen Arbeitskorb, noch ein Buch, das auf irgendeine Beschäftigung schließen ließe – Du bist ferner stets die Erste, die geht und sich in ihre Appartements zurückzieht, und die Letzte beim Wiedererscheinen Aller. Ich wiederhole, aus allen diesen Gründen befremdet mich Deine Anwesenheit hier höchlichst, und ich kann sie mir nur so erklären: Es ist irgend eine Aufforderung an Dich ergangen, hierher zu kommen, und – Du bist ihr gefolgt. Juliane – der Vogel hat also doch den Kopf in die Schlinge gesteckt, und ich gebe ihn verloren, unrettbar verloren. Du bist an die Hand gefesselt, die, sicher ohne Deine Billigung und wohl auch zu Deinem eigenen Schrecken Dir den Liebesdienst erwiesen hat, den compromittirenden Brief zu verbrennen. … Gefallen bist Du noch nicht, aber verloren dennoch – warum bist Du gekommen!“

„Was soll denn das heißen, Raoul? Was sprichst Du da für tolles Zeug?“ rief der Hofmarschall ganz verblüfft.

Mainau lachte auf so bitter und so schallend, daß es von den Wänden wiedergellte. „Lasse Dir’s vom Herrn Hofprediger übersetzen, Onkel! – Er hat so lange die fetten Karpfen in das große römische Fischernetz getrieben, daß es ihm nicht zu verdenken ist, wenn er auch einmal auf eigene Faust fischt und ein schönes, schlankes Goldfischlein für sich behalten will. … Hochwürden, Ihr heiliger Orden leugnet zwar in neuester Zeit den oft citirten Grundsatz ‚der Zweck heiligt die Mittel.‘ Möglich, daß er aus Vorsicht niemals niedergeschrieben worden ist – desto energischer wirkt er als zugeflüstertes Losungswort, und ich mache Ihnen mein Compliment darüber, wie Sie diese kostbare Abfindung mit dem Gewissen auch im Privatinteresse zu verwerthen wissen – oder sollen wirklich die schönen Lippen dort lediglich den Rosenkranz beten?“

„Ich muß gestehen, ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, Herr Baron,“ versetzte der Hofprediger vollkommen unbefangen. Er hatte Zeit gefunden, eine imponirend ruhige, ja herausfordernde Haltung anzunehmen, wenn auch die rachefunkelnden Augen in dem fahlgewordenen Gesicht durchaus nicht auf inneren Gleichmuth schließen ließen.

„Possen – ich verstehe absolut nicht, wo Du hinaus willst, Raoul,“ sagte der alte Herr, ungeduldig auf seinem Stuhl hin- und herrückend.

„Ich weiß es, Mainau,“ murmelte die junge Frau wie vernichtet – dann streckte sie plötzlich mit einer stummen Geberde die Arme gegen den Himmel – ihr war, als stürze mit der Erkenntniß verzehrendes Feuer auf sie herab.

„Komödie!“ sagte der Hofmarschall mit seiner schnarrenden Stimme und wandte indignirt den Kopf auf die Seite – aber der Hofprediger trat mit dröhnenden Schritten vor ihn hin.

„Versündigen Sie sich nicht, Herr Hofmarschall!“ warnte er streng und gebieterisch. „Diese arme, gequälte junge Dame steht unter meinem Schutze. Ich leide nicht, daß man die himmlische Reinheit ihrer Seele –“

„Kein Wort weiter, Herr Hofprediger!“ rief Liane empört mit flammenden Augen. „Sie wissen doch, daß ich mich ‚mit einer einzigen Wendung meines Hauptes über das Gesindel stelle, das in den Staub gehört –‘ Sie wissen, daß ich ‚hochmüthig bin, wie kaum eine aristokratisch Geborene, die Fürstenblut in ihren Adern weiß‘ – Ihre eigenen Worte von vorhin, Herr Hofprediger! – Und dennoch wagen Sie es, unaufgefordert sich zu meinem Vertheidiger aufzuwerfen? Sagen Sie sich nicht selbst, daß die Gräfin Trachenberg eine solche Aufdringlichkeit nicht duldet, sondern gebührend zurückweist? … Da steht der Schauspieler, der Komödiant ohne Gleichen, Herr Hofmarschall!“ – sie streckte die Hand gegen den Geistlichen aus – „Werden Sie mit ihm fertig – lassen Sie sich von ihm die Vorgänge hier im Salon erklären, wie es ihm und Ihnen am bequemsten ist! Ich halte es für verlorene Mühe und auch meiner selbst nicht würdig, Ihnen gegenüber zu meiner Vertheidigung auch nur die Lippen zu öffnen.“

Sie wandte sich rasch ab und blieb vor ihrem Manne stehen – sie standen Auge in Auge. „Ich gehe, Mainau,“ sagte sie – so energisch und fest sie eben noch gesprochen, jetzt mischte sich eine Art von Schluchzen in die Töne. „Vor wenig Tagen noch hätte ich Schönwerth verlassen können, ohne auch Dir gegenüber ein Wort zu meiner Ehrenrettung zu verlieren – heute ist das anders – seit ich einen tieferen Blick in Deinen Geist gethan, bin ich ihm näher getreten; ich achte ihn, wenn ich mich auch in diesem Augenblicke wieder zu meinem Schmerze überzeugen muß, wie schwach und verblendet Du sein kannst, und wie vergiftet Deine Anschauungsweise ist, daß Du nicht mehr an den Abscheu vor der Sünde in der Seele Anderer zu glauben vermagst. … Ich selbst kann Dir freilich den wahren Sachverhalt weder sagen noch schreiben – aber ich habe ja Geschwister – durch sie sollst Du von mir hören.“

Sie schritt durch den Saal nach dem Ausgange.

„Um Gotteswillen, keinen Scandal, Raoul! – Du wirst doch dieser abgefeimten Intriguantin nicht glauben? – Bei dem Andenken Deines Vaters beschwöre ich Dich, lasse Dich nicht [238] hinreißen gegen den bewährten treuen Freund unseres Hauses! O Gott – Liebster, bester Hofprediger, führen Sie mich fort – schnell – in mein Schlafzimmer! Mir ist sehr unwohl,“ hörte die junge Frau den Hofmarschall angstvoll und gellend aufschreien, als die Thür hinter ihr zugefallen war.

In der That, da war ein Komödiant des anderen würdig! Dieses fingirte Unwohlsein war die Flagge, unter welcher der Herr Hofmarschall seinen Freund, seinen Vertrauten vor einem Zusammenstoß mit dem aufgeregten Neffen in sein Schlafzimmer rettete.




21.


Bitter lächelnd und die emporquellenden Thränen gewaltsam niederkämpfend, stieg die junge Frau die Treppe hinab. Die Drei, die sie da oben zurückließ, blieben vielleicht einige Tage lang auf gespanntem Fuße, dann aber nivellirten Zeit und Etiquette die aufgerüttelten feindlichen Elemente, und über dem Opfer, das bei der Katastrophe in die aufgerissene Kluft stürzen mußte, schloß sich der Boden – wer dachte dann noch an die geschiedene Frau? – In der vornehmen Welt wächst das Gras unglaublich schnell über unliebsame Vorfälle.

Vor dem großen Spiegel im Ankleidezimmer brannten die Lampen – Hanna hatte jedenfalls vorausgesetzt, ihre Dame werde noch vor dem Thee die leichte Sommertoilette mit einem warmen Hauskleid vertauschen – es war ja abscheulich feucht und kalt geworden. Der weiße Porcellanofen, der ausnahmsweise in dieser Jahreszeit geheizt worden war, strömte behagliche Wärme aus und ließ durch die Oeffnung der blanken Messingthür den rothglühenden Schein des Kohlenfeuers über den Fußteppich spielen. Und in dieses behagliche Heim, das sie still und traulich umfing, trat die junge Frau mit fieberisch kreisendem Blut und umflorten Blicken zum letzten Mal, um sich zum Weggehen zu rüsten. … Sie schickte die Kammerjungfer zum Abendbrod in das Domestikenzimmer und verschloß hinter ihr die Thür, die nach dem Säulengange führte.

Vor allen Fenstern lagen bereits die Läden, nur im blauen Boudoir standen noch beide Fensterflügel weit offen – Liane schloß sie stets selbst, aus Besorgniß, ihre schönen Azaleenbäume könnten durch fremde, ungeschickte Hände beschädigt werden. … Wie das draußen unermüdlich rauschte und niederschoß vom dämmernden Himmel! Und wie feuchtschwer die Luft hereinschlug und mit triefendem Athem die gleißenden Atlaswände behauchte! In längeren Pausen stöhnte der Sturm noch immer grollend auf – dann trommelte und schüttete es mit doppelter Vehemenz auf den schwimmenden Kies nieder; in den Windharfen wurden die Accorde lebendig und zogen, halb getragen vom Sturm, halb erstickt durch die stürzenden Wassermassen, ersterbend über die Gärten hin.

Liane stand einen Augenblick am offenen Fenster – sie schüttelte sich unwillkürlich – in dieses Unwetter, in die einbrechende Nacht mußte sie hinaus, und zwar – wandernd. Sie wollte Schönwerth so still und geräuschlos verlassen, daß Niemand sagen konnte, wann sie gegangen. … Unter dem Dache Dessen, der sie der Hinneigung zur Treulosigkeit beschuldigt, der sie für unrettbar verloren erklärt hatte, durfte sie auch nicht eine Nacht mehr bleiben – man hatte so viel ehrverletzende Anklagen auf ihr Haupt gehäuft, und durch die perfide Handlungsweise des Hofpredigers war sie so vollkommen aller Beweismittel beraubt worden, daß sich nur eine in eigenen Ränken und Hinterlisten geübte Frauenseele der Situation gewachsen zeigen konnte – ihr, der durch ihre Seelenreinheit Hülflosen, blieb eben nur der Ausweg, zu den Geschwistern zu flüchten und in deren Hände ihre Vertheidigung zu legen.

Sie schloß das Fenster und ließ das Rouleau nieder – da kamen plötzlich rasche Schritte durch das anstoßende Vorzimmer, und eine ungestüme Hand ergriff das Thürschloß, aber das blaue Boudoir war verschlossen. … Liane preßte beide Hände auf ihr wild schlagendes Herz – Mainau stand draußen und begehrte Einlaß. … Nein, um keinen Preis wollte sie ihm noch einmal gegenüberstehen. – Er hatte all’ und jedes Entgegenkommen ihrerseits verwirkt.

Mit hartem Finger klopfte er an die Thür. – „Juliane, öffne!“ rief er gebieterisch.

Sie stand wie zu Stein erstarrt – auch nicht der leiseste Athemzug säuselte von den Lippen, nur die Augen glitten angstvoll am Kleide nieder, daß auch nicht das schwächste Rauschen einer Falte ihre Anwesenheit verrathe.

Zweimal wiederholte er seinen Anruf, wobei er heftig an der Thür rüttelte; dann hörte sie ihn zurückschreiten und die große Ausgangsthür nach dem Säulengang öffnen – sie bemerkte, daß der Flügel nicht wieder geschlossen wurde; Mainau war offenbar in heftiger, zorniger Aufregung fortgestürmt.

Tiefaufseufzend ging sie nach dem Ankleidezimmer zurück – warum weinte sie? – Sie schämte sich dieser Thränen. Giebt es auf Gottes weiter Erde etwas Inconsequenteres, Räthselvolleres, als das Frauenherz? Drohte es nicht in diesem Augenblicke zu brechen in stummer Qual? … Sie verbarg das Gesicht in den Händen, als könne ein höhnender Blick in die Wandelung ihrer Seele eindringen – mit dem Selbstbelügen war es vorbei. Wäre er jetzt eingetreten, sie wäre wohl schwach genug gewesen, ihm zu sagen: „Ich gehe zwar, aber ich weiß, daß ich Dich nie vergessen werde.“ … Welcher Triumph für diesen dämonischen Charakter! Ihm widerstand also wirklich kein Weib. Selbst die Gemißhandelte, die er, in beleidigend reservirter Haltung und sich ernstlich gegen jede Annäherung ihrerseits verwahrend, dennoch neben sich gerissen, um seine Rache an einer anderen, immer noch Heißgeliebten zu kühlen – diese Frau, der er wohl seinen Namen, in Wirklichkeit aber nur die Stellung einer Gouvernante in seinem Hause zugestanden, selbst sie warf die Waffen des Stolzes, der mädchenhaften Würde von sich, um ihm zuzurufen: „Ich werde Dich nie vergessen.“ … Nein – Gott sei Dank, er war fort. Er sah diesen Sieg nicht. – er erfuhr ihn nie. Ein harter, fremder Zug grub sich um ihre Lippen. Sie sah im Geiste die Apfelschimmel vor dem Portale des herzoglichen Schlosses halten; sie sah den kühnen Lenker im dunkeln Mantel am Schlage stehen, und die höchstgestellte, stolzeste Frau des Landes, von seinem Arme gehalten, den Wagen verlassen – vielleicht war diese Heimfahrt entscheidend für Beide gewesen – die junge Frau war jetzt verbittert und mißtrauisch genug, um zu vermuthen, Mainau habe sie droben absichtlich und gegen seine Ueberzeugung der Treulosigkeit beschuldigt, um – die Trennung zu beschleunigen. … Ach Gott, wozu denn dieses schmerzliche Grübeln! – Liebe war es ja noch lange nicht, was sie empfand, ganz gewiß nicht – davor bewahrte sie denn doch – ihr Trachenbergischer Familienstolz – sie konnte sich nur des seltsam warmen Wunsches, seine Freundschaft zu besitzen, augenblicklich nicht erwehren; aber, war sie nur erst wieder daheim, da lernte sie rasch überwinden. …

Sie schloß den Schmuckkoffer auf und verglich noch einmal seinen Inhalt mit dem Verzeichnisse; ebenso überzählte sie die Geldrollen im Schreibtische – sie hatte nie eine derselben berührt. Sodann versiegelte sie die beiden Schlüssel in einem Couverte, das sie an Mainau adressirte und auf dem Schreibtische liegen ließ. Die Gegenstände, die sie nicht von fremden Händen betastet wissen mochte, packte sie in einen kleinen Koffer; alles Andere überließ sie zur Nachsendung der Kammerjungfer.

Während dieser Vorbereitungen waren nahezu zwei Stunden verstrichen. Sie hob das Rouleau im blauen Boudoir; es war sehr dunkel draußen geworden; der Schein der hinter ihr stehenden Lampe streckte sich über den Kiesplatz hin und zeigte große, trübe Wasserlachen in jener tummelnden Bewegung, wie sie leichtniederplätschernde Tropfen erregen – der Regen hatte nachgelassen, aber der Sturm kam eben wieder um die Ecke, so wild und johlend, als habe er sich in all’ den Höfen und Höfchen und offenen Säulengängen des ungeheuren Schlosses verirrt und brause nun, neu ausathmend und befreit, über die weiten Gärten hin.

Jetzt war es Zeit, zu gehen. Liane vertauschte ihr helles Kleid mit einer dunkeln Robe, warf einen schwarzen Sammetmantel um und zog die Kapuze über den Kopf. Schmerzlich aufweinend trat sie in Leo’s Schlafzimmer und legte die Wange auf das Kissen, neben welchem sie bisher jeden Abend wachend und behütend gesessen, bis dem tief und behaglich hingeschmiegten wilden Lieblinge die glänzenden Augen im süßen Schlummer zugefallen waren. Er saß jetzt oben beim Großpapa und ahnte nicht, daß ihre Thränen auf sein Schlummerkissen fielen, daß sie, an der sein ganzes unbändiges Knabenherz vergötternd hing, in stürmischer Nacht das Schloß verlasse, um nie zurückzukehren.


(Fortsetzung folgt.)


[239]

Das Wappen des Frühlings.
Zusammengestellt und nach der Natur gezeichnet von Emil Schmidt.

[240]

Des Lenzes Wappen.

 Mit Abbildung.

Holla, Menschlein, aufgeschaut!
Seht das Wunder wieder,
Wie der warme Himmel thaut
Auf die Welt hernieder!

5
Stand der graue Weidenstrunk

Gestern noch verdrossen, –
Heute hat vom Himmelstrunk
Selig er genossen.

Gestern fiel noch aus der Höh’

10
Manches weiße Flöckchen, –

Heute blühen, Osterschnee,
Alle deine Glöckchen.

Um die Eiche necken sich
Rings im Kreis die Veilchen,

15
Nur sie selber lächelt: Ich

Warte noch ein Weilchen!

Wie zum Strauße Flur und Hain
Bieten Perl’ um Perle:
Maßlieb, Primel, Waldröslein,

20
Birke, Ulm’ und Erle.


Holla, Menschlein! Führt heraus
Lenzeslust die Sonne,
Wird die ganze Welt ein Strauß
Sel’ger Blumenwonne.

25
Blumen, Laubwerk, Wiesengrün –

Alles bricht in Masse
Neuem Liebeleben kühn
Eine freie Gasse.

Denn, wo auch des Straußes Bild

30
Uns entgegen glänze:

Frischer Liebe ist’s der Schild,
Wappen ist’s dem Lenze.

Bring’, o Strauß, dein junges Glück,
Bring’ es auch den Alten,

35
Daß sie immer noch ein Stück

Lenz für sich behalten!

Drückt man mir den letzten Strauß
In die kalten Hände,
Dann erst sei mein Frühling aus

40
Und mein Lied am Ende!


 Friedrich Hofmann.




Frauen der französischen Revolution.
Von Rudolf Gottschall.
1. Madame Tallien.
(Schluß.)

Die Rede wurde vom Convent den Comités des Unterrichts und der öffentlichen Wohlfahrt mit ehrenvoller Erwähnung zugesendet. Doch Therese sollte keine barmherzige Schwester werden; der Haß Robespierre’s bewahrte sie vor diesem Wirken, das sie selbst mit solcher Begeisterung gepriesen hat. Robespierre haßte die Sirenen und Circen, die verführerischen Schönheiten, die im politischen Leben eine Rolle zu spielen suchten. Hatte er doch selbst eine Manon Roland auf das Schaffot geschickt. Er haßte überdies Tallien, dem er weder seinen Ehrgeiz und seine wachsende Bedeutung, noch seine zur Schau gestellten Liebesabenteuer verzieh. Auf einen Befehl des Wohlfahrtsausschusses wurde Therese verhaftet. Sie selbst erzählt, es sei dies auf ihrem Schlosse Fontenay-aux-Roses geschehen, bei einem Feste, dem anfangs auch Robespierre beiwohnte. Sie erinnerte ihn daran, welche Rolle sie als die Göttin des Erbarmens in Bordeaux gespielt habe; er war bis zu Thränen gerührt und verhieß, daß alle Gefängnisse bald sich öffnen würden. Man träumte sich in Arkadien. Der Advocat von Arras, ein Freund der Musen, gab manches Madrigal zum Besten und sog den Duft seines Blumenbouquets ein, das er stets bei sich trug, im Wohlfahrtsausschuß wie später bei dem Feste des höchsten Wesens. Er verließ die Gesellschaft frühzeitig, indem er galant der schönen Wirthin sein Bouquet zum Abschied überreichte. Therese sprach zu Tallien: „Sieh, wie man ihn verleumdet hat – er ist der gerechteste aller Menschen!“ Man tanzte und amüsirte sich noch eine geraume Zeit – da traten plötzlich Gensd’armen in den Saal, drängten sich unter die tanzenden Frauen, stießen sie bei Seite und ergriffen Madame de Fontenay. Tallien wollte die Eindringlinge entwaffnen, doch die Uebermacht war zu groß. Der Verhaftsbefehl trug die Unterschrift Robespierre’s.

Therese wurde zuerst in das Gefängniß de la Force gebracht, wo es Tallien gelang, ihre Lage zu erleichtern, und wo er mit ihr correspondirte durch Briefe an Steine gebunden, die er von einem benachbarten Dachfenster in den Gefängnißhof warf. Dann wurde sie in das Gefängniß der Carmeliter geführt; hier bewohnte sie mit andern einen gemeinsamen Kerker. Man zerstreute sich, indem man mit dem Tode sein Spiel trieb. Man parodirte das Revolutionstribunal, ja selbst die Guillotine, und erschien dann als Gespenst im Leichentuch. Hier saß Therese zusammen mit Josephine Beauharnais, deren Gatte enthauptet worden war, weil er als General der Republik am Rhein unglücklich gewesen war. Dieses Gefängniß barg die Zukunft Frankreichs – den Sturz der Schreckensherrschaft und die Kaiserkrone.

Die Haft und Lebensgefahr der Geliebten drängten Tallien zu raschem Entschluß. Enger schlossen sich die Gegner Robespierre’s zusammen, der nach dem Feste des höchsten Wesens immer lauter des Strebens nach der Dictatur beschuldigt wurde. Eines Tages erhielt Tallien in geheimnißvoller Weise einen Dolch.

Man wußte nicht, wer ihn gebracht hatte; er fand ihn auf seinem Tische. – Er erkannte den Dolch; er war ein spanisches Erbstück von Therese Cabarrus. Es war eine stumme, aber beredte Mahnung. Der Tyrann mußte gestürzt werden – oder der Dolch war der letzte Gruß seines Opfers.

Und über Robespierre, der sich wochenlang thatlos aus dem Convent und aus den Ausschüssen ferngehalten, welcher nur bei seinen geliebten Jacobinern bisweilen die Macht seiner Beredsamkeit erprobte, welcher gerade jetzt geneigt schien, in milderen Formen die Ideale Rousseau’s zu verwirklichen, brach das Verhängniß herein. An dem gluthheißen Tage des 9. Thermidor wagte der bisher lautlose Convent den Sturm auf den Dictator. Und es war ein furchtbarer Sturm, wie ihn selten eine Versammlung von Gesetzgebern erlebt hat; denn es war der gewaltige Losbruch aller lange durch Furcht gefesselten Leidenschaften. „Nieder der Tyrann!“ erscholl es von den Bänken des Convents, als Robespierre das Wort ergreifen wollte. Tallien hatte in einer glühenden Rede ihn zu Boden geschmettert und den Dolch der Therese Cabarrus in der Hand, schwang er sich wieder auf die Tribüne mit den Worten: „Ich habe mich mit diesem Dolche bewaffnet, um den neuen Cromwell zu durchbohren, wenn der Convent nicht den Muth hat, ihn in Anklagestand zu setzen. Es geschieht; Robespierre wird verhaftet. Noch einmal schwebt Frankreichs Schicksal auf der Schneide des Schwertes; denn das Volk von Paris befreit seinen Liebling; die Commune greift zu den Waffen; die Kanonen des betrunkenen Henriot richten sich gegen den Convent. Doch die Truppen des Convents sind siegreich; Robespierre wird auf dem Stadthaus abermals gefangen genommen. Er besteigt das Schaffot.

Der Dolch der Therese Cabarrus hat seine Schuldigkeit gethan. Seit jener Zeit heißt sie „Notredame de Thermidor“, und nur ihre Feinde nannten sie, unter Anspielung auf Tallien’s Betheiligung an den Septembermorden, die er selbst stets in Abrede gestellt hatte, „Notredame de Septembre“.

Therese wurde Madame Tallien und blieb, so lange die Herrschaft der Thermidoristen dauerte, ein Jahr hindurch, die Königin von Frankreich. Kaum hatte sich dieses Land von dem Druck der Schreckensherrschaft etwas erholt, so fing es schon wieder an auf dem Vulcan zu tanzen. Noch immer war die Guillotine in voller Arbeit; denn die Reaction hat ihre Schrecken wie die Revolution – und schon eröffnete Madame Tallien ihren Salon. Es war ein bahnbrechender, ein erobernder Salon, der sich mitten hineinschob in den Schutt und die Trümmer der Schreckensherrschaft – und darin besteht seine Bedeutung. Das Reich der Künste und der Mode, der Grazie und der Musen fand seine Priesterin in jener Aristokratin, welche wie eine Armide den Schreckensmann gebändigt hatte und jetzt an seiner Seite des höchsten Ansehens genoß, so lange der Sturz Robespierre’s als ein Sieg der wahren Freiheit gefeiert wurde. Noch bei dem Jahresfest des 9. Thermidor war Tallien der Held und spielte [241] dieselbe Rolle, welche Robespierre bei dem Feste des höchsten Wesens spielte. Er vereinigte alle Parteien bei einem großen Festmahl; sie drohten übereinander herzufallen. Da war es wiederum die Königin des Festes, Notredame de Thermidor, welche das Glas erhob und einen Toast ausbrachte darauf, daß alle Irrthümer vergessen, alle Beleidigungen vergeben sein sollten. Man umarmte sich und trank auf das Wohl der schönen Sprecherin.

Es kam die Zeit des Directoriums, die Zeit des „Rococo“ der Revolution, die sich selbst auf einmal auszulachen schien. Die Moden wurden Carricatur; den blutigen Römern folgten burleske Athener, und schöne Griechinnen in leicht verschleierter olympischer Herrlichkeit bevölkerten die Salons. Tallien war kein Mitglied des Directoriums; seine Rolle war ausgespielt. Er hatte revolutionäre Gluth und parlamentarische Gewandtheit; er war der Mann der großen Krisen, und die Tribünen mochten ihm zujubeln, so lange er im Convent erschien. Doch als die Entwickelung Frankreichs in ruhigere Bahnen einlenkte, da wurde er bei Seite geschoben; denn er war ein politischer Autodidakt, ihm fehlte jede tiefere staatsmännische Bildung. Und die Zeit ging über die Vertreter der Schreckensepoche zur Tagesordnung über. Seltsame Ironie – seine Frau wurde sein Schicksal; sie half die Reaction heraufbeschwören, die ihren Gatten gänzlich in den Schatten stellte. Es wird erzählt, daß Madame Tallien den Muth hatte, in Begleitung von Freron und Merlin de Thionville die Thür des Jacobinerlocals abzuschließen. Pitt sagte damals: „diese Frau wäre fähig, die Pforten der Hölle abzuschließen.“ Sie wollte damit ihren Gatten rächen, den die letzten grollenden Anhänger Robespierre’s aus dem Club gestoßen hatten; aber sie ahnte nicht, daß sie damit auch Tallien’s Zukunft abschloß. Denn dieser war ein Jacobiner von Haus aus und mit dem Club, dem Herd des revolutionären Feuers, erlosch auch der Glanz seiner eigenen Bedeutung.

Doch – le roi est mort, vive la reine! Madame Tallien war die gefeiertste Schönheit, die Modedame des Directoriums, und mit Recht nannte sie ein Geschichtschreiber desselben „die Pompadour, die so vielen Lykurgen auf dem Fuße folgte“. Sie gründete ein Versailles um sich; sie lehrte Frankreich, sich der Todesschauer zu entwöhnen und wieder an das Leben zu glauben. Musik, Tanz, jede Art von Luxus kam wieder auf die Tagesordnung; die unverwüstliche Galanterie der Franzosen trat in ihre alten Rechte. Frankreich hatte wieder seinen Hof – und dieser Hof war der Salon der Madame Tallien.

Versetzen wir uns einmal in diesen Salon; die Zeichnungen eines Charles Vernet und Debucourt werden unserer Phantasie zu Hülfe kommen. Da bilden die Statisten die Vertreter der „goldenen Jugend“ Freron’s, welche in Straßenschlägereien mit den Jacobinern die Revolution zu Tode geprügelt hatte und zur Erinnerung daran die vergoldeten Knotenstöcke trug. Welche wunderbaren Zöpfe, welche Berloques und Lorgnons, welche unwahrscheinlichen Röcke – und diese flatternden riesigen Halstücher, diese cravates de guillotinés, die Nankinghosen mit Bändern, diese weißen, rosaschimmernden Westen und grünen Handschuhe, die gestreiften Strümpfe, die romantischen Stiefeln – alle diese Republikaner, die den Fächer tragen, und diese Sansculotten, die mit den Lorgnons spielen – aus welcher Schachtel sind diese wunderbaren Zappelmänner gekrochen, diese „Merveilleux“ und „Impossibles“? Und daneben der Damenflor! Welche Fluth von Bändern, welche Wolken von Gaze umschweben leicht die schönen Gestalten! Da frisirt man sich au repentir; man läßt die Haare von einer Seite auf die Schultern herabfallen, oder das Gelock bedeckt die Stirn und kräuselt sich über die Augen herab, deren Glanz dadurch gewinnt. Der Shawl à la victime – die Mode war witzig; sie verspottete die Herrschaft des Schreckens – wird um den Hals geschlungen, um die Schönheit des Nackens und der Büste nicht zu beeinträchtigen. Ein Ring von Cameen ziert das schöngeformte Bein, das aus dem Gewande hervortritt; antike Sandalen zeigen den Fuß, dessen Zehen prachtvolle Ringe schmücken. Ueber diesen Blumenflor neigen sich die Vertreter der „goldenen Jugend“, diese seltsamen Schmetterlinge – und ein Geflüster von Liebesabenteuern geht durch den Kreis. Alles lauscht – Frau Tallien schlägt die Harfe. Ihre vollen, schönen Arme, ihre melodische Stimme entzücken die Hörer. Dann singt Garat, jener Orpheus, dem sie, wie so vielen Anderen, das Leben gerettet; Cherubini und Mehul begleiten ihn.

Bald ändert sich die Scene. Die drei Grazien des Directoriums, Madame Tallien, Madame de Beauharnais, jene anmuthige Creolin, welche Tallien ebenfalls aus dem Kerker befreit hatte, und Madame Recamier, die glänzende Nebenbuhlerin, deren Salon eine fast noch größere Berühmtheit erlangt hatte, erschienen, sobald die Violine das Signal gegeben hatte, den Schleier auf dem Arme, um mit großer Anmuth den Schleiertanz auszuführen. Sie drapirten sich damit in wechselnden Stellungen. Bald verbarg sich hinter ihm die Erregtheit der Liebe, bald war es das leichte Gewölk der Willis, bald ein Gürtel, der Gürtel der Venus, den die Hand der Grazie schlang und die Hand der Liebe löste. Der Tanz war eine wandelnde Poesie und die Kunst bestand darin, seine stumme Beredsamkeit zu voller Geltung zu bringen.

Eine strenge Frauengestalt sah ernst sinnend dem verlockenden Schauspiel zu; es war die Tochter Necker’s, Frau von Staël; hier fand sie die Farben für das Bild ihrer Corinna. Neben dem General Barras mit dem stolz wehenden Federbusch und dem rasselnden Säbel, einem Machthaber Frankreichs und Mitglied des Directoriums, der als ein König en miniature sein kleines Privat-Versailles hatte, stand ein unscheinbarer Officier mit kalten, marmornen Zügen. Sein Ruhm war von jungem Datum. Er hatte sich vor Toulon ausgezeichnet und die Royalisten in Paris niederkartätscht. Daß ihm neben Barras die Oberleitung in diesem Kampfe anvertraut wurde, verdankte er dem Einfluß der Frau Tallien. So reichte ihre Hand bis zum Cäsarenthum der Zukunft; denn dieser Officier war der General Bonaparte, für den auch die sanfte Josephine Beauharnais, eine Generalswittwe, lebhafte Neigung hegte. Bonaparte hat, wenn er bei Laune war, in diesen Kreisen oft den Wahrsager gespielt. Ob er schon damals in seinen hochfliegenden Träumen an die Herrschaft in Frankreich dachte und sie mit Madame Tallien theilen wollte? Sophie Gay behauptet es, doch wer las in der Seele des merkwürdigen Mannes? Die schöne Therese blieb ihm eine Gönnerin, aber sie zeigte keine Liebe für ihn; die reizende Josephine wurde seine Gattin.

Und vor dem eisernen Tritte dieses Mannes zerstob der Spuk der Merveilleux und Incroyables; doch auch die Glanzzeit Therese’s ging vorüber. Tallien verkam; er begleitete als Journalist die ägyptische Expedition; er war eine Zeitlang Consul in Alicante. Später lebte er in Dürftigkeit in Paris; er verkaufte seine Bücher auf dem Quai Voltaire, um zu leben, und wies ein Geldanerbieten seiner längst von ihm geschiedenen Frau zurück. Wohl aber nahm er das Asyl an, das sie ihm in der Chaumière in der Allée des Veuves anbot, an jener Stätte, wo Beide einst eine so glänzende Rolle gespielt hatten.

Und Therese? Sie war seit 1805 die Gattin Joseph’s von Caraman, eines frühern Emigranten, welcher nach seiner Rückkehr Prinz von Chimay geworden war. Als Frau eines Grandseigneurs huldigte sie auf ihrem herrlichen Schlosse den Künsten, der schönen Natur, ihrer Familie und ihren Erinnerungen. So lebte sie dreißig Jahre als eine vornehme Dame; aber der niederländische Hof verzieh ihr nicht, daß sie vorher die Gattin eines Königsmörders gewesen war, und es gehörte zu ihren schwersten Kränkungen, daß sie, trotz der hohen Stellung des Gatten, an den Höfen nicht Zutritt fand.

Es war nicht leicht, die schlanke Amazone, die anmuthige Tänzerin des Directoriums wiederzuerkennen in einer Gestalt, welche die volleren Formen eines Rubens angenommen hatte. Und die flamländische Schönheit wurde noch außerdem durch die Moden der Restauration entstellt, durch die Puffärmel und Pyramidenfrisur. Doch die Grazie ihrer Züge und ihrer Seele blieb unverändert. Höchst anziehend waren die Schilderungen ihres Lebens, seiner rührenden Begebenheiten und denkwürdigen Wendungen, mit denen sie die Freundinnen unterhielt. Einer ihrer Söhne, Joseph Fürst von Chimay, ist ein bekannter Diplomat geworden. Eine Schönheit blieb sie bis zu ihrem Tode 1835, und wenn sie mit ihren drei Töchtern in der Loge der Italienischen Oper in Paris erschien, frug man sich, welche der vier Schwestern die schönste sei?

Ein so wechselvolles Leben führte die spanische Banquierstochter, die Siegesgöttin von Bordeaux, die dolchbewehrte Rachegöttin des neunten Thermidor, die Grazie des Directoriums, die niederländische Fürstin!





[242]
Unsere „schlechten Dienstboten“.


„Giebt es denn wirklich keine guten Dienstboten mehr? Und woher kommt das?“

Diese Fragen fielen als Brandraketen in einen größeren Kreis von Damen aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands, welche der Hochsommer in dem reizenden Berchtesgaden vereinigt hatte. Es war einer der vielen Regennachmittage des gesegneten Septembers, und statt wieder einmal, wie schon seit acht Tagen auf der obern Straße in triefenden Regenmänteln zu wandeln und in die wolkenverhüllten Thäler nach gutem Wetter zu spähen, hatte man beschlossen, heute einen gemüthlichen Kaffee zu arrangiren mit gänzlicher Ignorirung des undankbaren Wetters und in der stillen Hoffnung, durch diese entgegengesetzte Behandlungsweise vielleicht einen Umschlag zum Besseren zu erzielen. Alles war heiter und friedlich abgelaufen, bis zu dem Augenblick, wo die oben angeführte Frage eine plötzliche Wallung der Gemüther veranlasste.

„Das will ich Ihnen sagen, meine Liebe,“ nahm Frau Präsidentin von Breda das Wort, indem sie mit einer heftigen Bewegung das Haubenband unter dem Kinn lockerte. „Das kommt Alles von den neumodischen und unchristlichen Anschauungen, die ja jetzt mit Gewalt unter den Arbeitern und Dienstboten verbreitet werden. Seit die Köchinnen Hüte tragen und in den Arbeiterbildungsverein laufen, seitdem ist es fertig mit der guten alten Zeit. Es wäre zum Lachen, wenn man sich nicht darüber todt ärgern müßte. Einer Frau von meinem Alter kann es am Ende gleichgültig sein, denn ich erlebe es nicht mehr, aber Sie werden vielleicht noch alle an mich denken, wenn Sie einmal für Geld und gute Worte Niemanden mehr finden, der sich herbeiläßt, Ihre Hausarbeit zu thun.“

Und die Stricknadeln der alten Dame klapperten heftiger, als zuvor.

„Erlauben Sie, Frau Präsidentin,“ begann etwas gereizt eine lebhafte kleine Schwäbin, die Frau des Redacteurs Michaelis, „der Arbeiterbildungsverein trägt die geringste Schuld an der ‚Verschlechterung der Dienstboten‘, die ich übrigens gar nicht so himmelschreiend finde. Die früheren werden auch nicht lauter Ideale gewesen sein, und ‚gute Herrschaft, gutes Gesinde‘ heißt es schon im Sprüchworte. Ich sprach einmal mit einer sehr ausgezeichneten Frau über die Idee eines Vereins zur Besserung der weiblichen Dienstboten. Meine Rike horchte aufmerksam von der Küche her zu und sagte dann zu mir, als jene fort war: ‚Das ischt recht schön mit dem Besserungsverein, aber wäger, mer müsset au glei en Madamenbesserungsverein gründe.‘“

Die Damen lachten, nur Frau von Breda sagte verächtlich: „Auf diese Rede hätte ich die Person sofort aus dem Dienste gejagt.“

„Warum?“ versetzte die unverbesserliche Redacteurin. „Ich hatte keine Ursache, mich getroffen zu fühlen.“

„Aber liebe Frau Michaelis,“ begann nun Frau Dr. Langsdorff, eine zarte, etwas leidende Blondine, „Sie können mir glauben, auch mit der besten Behandlung sind Sie nicht im Stande, sich treue und anhängliche Dienstboten zu verschaffen. Ich habe meine Mädchen vom Anfange unserer Ehe so gütig und schonend behandelt, wie mir möglich war. Wir wechselten unsere erste Wohnung, weil mir Therese, ein Mädchen mit dem ich sehr zufrieden war, erklärt hatte, sie könne das Wasser nicht drei Treppen hoch tragen, und ich nahm eine Gehülfin für die grobe Arbeit, weil Eduard auch meinte, man dürfe das junge Mädchen nicht mit Waschen und Putzen belasten. Sie war denn auch im Anfange sehr tüchtig, sorgte für Alles und pflegte mich, wenn ich mich leidend fühlte. Dagegen gab ich mir alle Mühe, den Charakter des Mädchens zu ergründen und sie bildend zu mir heranzuziehen. Ich kann wohl sagen, sie war gehalten wie ein Kind vom Hause; bekam viele Geschenke und nie ein strenges Wort zu hören; Eduard, der sehr viel für Volksbildung wirkt, gab ihr gute Bücher und wünschte, daß ich ihr bestimmte Stunden festsetze, damit sie darin lesen könne. Aber schon nach einem halben Jahre fing sie an, mitunter einen ungezogenen schnippischen Ton anzunehmen, den ich ihr umsonst in Güte zu verweisen suchte; sie wurde immer anspruchsvoller, dachte nur noch an Putz und Ausgehen und vernachlässigte ihre Pflichten, während meine täglichen Ausgaben wuchsen, ohne daß ich doch genau nachweisen konnte, wodurch. Zuletzt machten wir denn zufällig die Entdeckung, daß sie ein in jeder Beziehung unwürdiges Geschöpf geworden war, und mußten sie plötzlich entlassen. Es hat uns Beiden diese Erfahrung, die leider nicht die einzige blieb, einen tiefen Eindruck gemacht. Sie werden vielleicht sagen: Das war ein vereinzelter Fall. Allein ich kann Sie versichern, ein wie großes Vertrauen ich auch einem Mädchen entgegengebracht, nie hat es mir den Lohn der Treue von ihrer Seite eingetragen. Es ist das sehr traurig.“ Und die arme Leidende sank in den Fauteuil zurück, das Occhi-Schiffchen nachlässig zwischen den schlanken blassen Fingern weiter bewegend.

„Nehmen Sie mir’s nicht übel, liebe Frau Doctor, aber ich habe fast lachen müssen über Ihre Geschichte.“

Die so sprach, war eine tüchtige runde Mama von heiterem Gesichtsausdrucke. „Wenn Sie durchaus hätten schlechte Dienstboten haben wollen, hätten Sie’s gar nicht praktischer anstellen können. Allen Respect vor Ihrem guten, warmen Herzen, aber hier hat es Ihnen einen tüchtigen Streich gespielt. Das kann ich Sie versichern: wenn mir die Therese gekommen wäre, sie könne das Wasser nicht tragen, so hätte ich ihr ohne Umstände erwidert: ‚dann trägt es morgen eine Andere‘, und glauben Sie mir, sie hätte ihren Eimer ruhig zur Hand genommen. Nein, mit der Güte allein ist’s nicht gethan; man muß auch daneben gehörig fest sein und Strenge zeigen, ehe es Noth thut.“

„Da haben Sie wohl Recht, Frau Meier,“ erklangen die etwas scharfen Töne des Fräuleins Dernburg, „das ist auch meine Erfahrung. Streng behandelt wollen diese Leute sein, sonst werden sie übermüthig. Man muß sich nur ja keine Illusionen über sie machen; sie betrachten uns als ihre natürlichen Feinde, denen sie nur nothgedrungen dienen, und so ist es ja wohl am besten, das Verhältniß ganz nüchtern aufzufassen und seine Rechte streng zu wahren. Ich führe nun schon seit Jahren meines Vaters Haushalt und habe mich bei diesem Grundsatze immer gut befunden. Allerdings mußte ich die Dienstboten viel wechseln, allein was liegt im Grunde daran? Man hat den Vortheil, keine Mißbräuche einreißen zu lassen, und kann die Leute so sparsam halten, wie es in diesen theuern Zeiten nöthig ist. In meinem Haushalte muß über jeden Tropfen Milch und jedes alte Stückchen Fleisch Rechenschaft abgelegt werden, und es fiel mir nicht ein, das, was für uns auf den Tisch kommt, Alles wieder in die Küche wandern zu lassen. Auf diese Weise behalte ich alle feineren Reste zum Thee Abends und führe mit verhältnißmäßig wenig Mitteln einen hübschen Haushalt.“

„Haben Sie aber bei diesen Grundsätzen jemals von Seiten Ihrer Leute Anhänglichkeit an Ihre Person und Ihr Haus erlebt?“ fragte jetzt eine Frau, die bis dahin schweigend zugehört hatte. Sie war nicht mehr jung, aber ihre schönen Augen hatten einen verständnißvollen Blick, welcher Nachdenken über eigene und fremde Schicksale verrieth.

„Erlebt die überhaupt Jemand heutzutage?“ fragte das Fräulein dagegen, indem ihre dünne Nase sich forschend im ganzen Kreise umherwandte.

„Ich nicht,“ sagte mit einem leisen Seufzer die leidende Blondine.

„Nein, wahrhaftig,“ pflichtete ihr Frau von Breda aus tiefstem Herzen bei, „Anhänglichkeit findet man in unserer Zeit bei den Dienstboten nicht mehr. Früher hatte man seine Mädchen acht bis zehn Jahre, aber jetzt? Du lieber Gott, jetzt heißt es schon ‚lange‘, wenn sie ein Jahr da sind.“

„Das kommt darauf an,“ meinte Frau Michaelis. „Man muß eben nur die alten patriarchalischen Ideen fahren lassen. Die Leute haben begriffen, daß sie keine Sclaven sind, und ziehen natürlich unter zwei Plätzen den einträglicheren und leichteren vor. Alle anderen Gesellschaftsclassen sehen ja auch nur auf ihren Vortheil. Warum sollen es denn Die nicht thun, die es gerade am nöthigsten haben?“

„Nun, mehr braucht man wahrhaftig nicht zu hören,“ rief eifrig die dicke Präsidentin. „Da sprechen Sie es ja selbst aus, daß wir geradezu auf die amerikanischen Zustände lossteuern, wo man keinen Fleck wegputzt, ohne contractlich dazu engagirt zu sein.“

[243] „Das wäre noch nicht das Schlimmste,“ beharrte unerschütterlich die fortschrittliche Redacteurin, aber hier erhob sich auch von Seite derjenigen stillen Seelen, die bisher, nur mit Strickstrumpf und Kuchen beschäftigt, andachtsvoll zugehört hatten, ein Sturm gegen sie, dessen Wellen bald hoch gingen. Jenes anziehende Stadium eines Disputes, während welches Alle sprechen und Keiner hört, hatte schon längere Zeit gedauert, und Frau Michaelis verlor im Gedränge so viel Terrain, daß sie ihre nahe Niederlage voraussah. In dieser Noth beschloß sie, eine Ablenkung zu machen, und rief plötzlich:

„Ich berufe mich auf Frau Heyne; sie ist sicherlich auf meiner Seite. Und Sie werden zugeben, meine Damen, daß eine Frau von ihrer Art in solchen Sachen urtheilsfähig ist.“

„Ja,“ rief ein ganz junges Frauchen mit einem lustigen Kindergesicht, „Frau Heyne soll sprechen. Denn sie ist nicht nur eine ausgezeichnete Hausfrau mit beneidenswerth langjährigen Dienstboten, sondern auch – na, wir wissen ja Alle, daß man drucken kann, was sie denkt und schreibt.“

„Ja, ja,“ hieß es von allen Seiten, „Frau Heyne soll die Sache entscheiden!“

Nicht ohne einiges Zögern überschaute die Frau mit den geistvollen Augen, an deren Person ein gewisser Nimbus stummer Schriftstellerei haftete, den plötzlich schweigsam gewordenen Kreis. „Warum sollte gerade ich hierin ein entscheidendes Urtheil haben?“ fragte sie dann.

„Nun, wir haben einmal jetzt das Vertrauen zu Ihnen,“ rief die kleine Frau von Berg. „Also sagen Sie uns geschwind, ob Sie auch für die amerikanischen Zustände sind, wie Frau Michaelis.“

„Das könnte ich nicht sagen, wenigstens nicht unbedingt,“ nahm Frau Heyne das Wort. „Es schiene mir sehr traurig, wenn die gegenseitige Neigung und Rücksicht, welche in vielen guten deutschen Familien heute noch Herrschaft und Dienstboten verbindet, gänzlich abhanden kommen sollte. Eine der schönen Seiten des deutschen Familienlebens wäre damit verloren.“

„Ja, aber bis jetzt wenigstens ging es damit mehr und mehr abwärts,“ rief Fräulein Dernburg etwas scharf dazwischen.

„Wir leben hierin, wie in so manchem Andern, in einem Uebergangszustande,“ nahm Frau Heyne ruhig wieder das Wort, „und müssen seine Schattenseiten ertragen. Aber ich habe die sichere Hoffnung, daß mit der steigenden Bildung der dienenden Classen, sowie der Frauen selbst, auch wieder Lichtseiten zum Vorschein kommen, von welchen unsere Mütter ebenfalls so wenig eine Ahnung hatten, wie von den vielberufenen Uebelständen unserer Zeit.“

„Aber das können Sie doch nicht in Abrede stellen, daß man früher bessere Dienstboten hatte,“ sagte Frau von Breda fast schwermüthig.

„Andere, Frau Präsidentin, bessere schwerlich. Abgesehen davon, daß die Klagen über schlechtes Gesinde in Romanen und Lustspielen des vorigen Jahrhunderts häufig genug vorkommen, glaube ich versichern zu können, daß wir die Dienstboten von ehemals einfach heute nicht mehr ertragen könnten. Stellen Sie sich eine solche bäuerische Magd in Rock und Jacke vor, die in der Regel mit zur Familie gerechnet wurde, Abends nach dem Nachtessen sich mit dem Strickstrumpfe herein in’s allgemeine Familienzimmer setzen mußte, ‚um Holz und Licht zu sparen‘, auf die ungenirteste Weise die Angelegenheiten des Hauses mitbesprach, die Töchter, wenn es hoch kam, ‚Jungfer Line‘ oder ‚Jungfer Mine‘ hieß und mit den Söhnen zeitlebens auf ‚Du‘ stand. Das könnten Sie nicht mehr ertragen und befinden sich sehr wohl bei der schweigenden Zurückhaltung, mit der heute Ihr nettgekleidetes Mädchen ins Zimmer tritt, um geräuschlos ihren Dienst zu thun. Daß aber dieses Mädchen, wenn es ausgeht, auch mit einer gewissen Zierlichkeit gekleidet sein will und in Folge dessen etwas Zeit zu ihrer Toilette braucht, das kommt Ihnen im Vergleiche gegen die ‚gute alte Zeit‘ als Prätension vor.“ –

„Nun, darüber ließe sich allerhand sagen,“ warf hier Frau Meier ein. „Sie werden doch nicht in Abrede stellen wollen, daß gerade in diesem Punkte noch sehr viel zu verbessern wäre?“

„Es wäre in allen Punkten noch viel zu verbessern, liebe Frau Meier,“ erwiderte Frau Heyne, „und ich möchte nur alle Frauen auffordern, einmüthig zu diesen Verbesserungen die Hand zu bieten; es würden sich die Zustände bald viel angenehmer gestalten. Wenn Sie eine kurze Geduld haben wollen, so möchte ich Ihnen die Hauptpunkte herausheben, um die es sich nach meiner Ansicht handelt. – Zunächst werden wir einsehen müssen, daß der gewaltige Umschwung unserer Zeit auch in die häuslichen Verhältnisse eingreift, daß es also nur natürlich ist, wenn unsere Dienstboten einen bedeutend höheren Lohn verlangen als früher. Ihnen diesen freiwillig zu gewähren, halte ich für ein Gebot der Klugheit, ebenso, wie sie in Beziehung auf Kost, Schlafstelle, Ausgang etc. so günstig zu stellen, wie es nach den Verhältnissen der Familie nur möglich ist. Ehe die Anhänglichkeit an die Herrschaft sich entwickeln kann, bindet das Gefühl der angenehmen Existenz die Leute an’s Haus, und nun, nachdem für ihre materiellen Bedürfnisse gut gesorgt ist, kann man auch eine tüchtige Arbeitsleistung von ihnen verlangen. In einem gut eingerichteten Haushalte, wo Jeder sein fest angewiesenes Theil Arbeit täglich in derselben Weise zu versehen hat, wo eine tüchtige Hand die Zügel führt und ein helles Auge über Allem wacht, gab und giebt es noch immer gute Dienstboten, denn dem Geiste eines solchen Hauses fügt sich auch ein anfangs widerstrebendes Element, und trotz aller ‚neuen Anschauungen‘ beherrscht die feste Autorität einer tüchtigen und charakterfesten Frau heute wie ehemals ihre ganze Umgebung.

Aber da kommt nun der Hauptpunkt, über den ich gar nicht sprechen würde, wenn sich die Frage ohne ihn abhandeln ließe. In hundert und aber hundert Fällen hat sich mir die Wahrnehmung immer wieder aufgedrängt: Es fehlt größtentheils an den Frauen, auch sie befinden sich in einem Uebergangszustande von der praktischen Tüchtigkeit ihrer Großmütter zu der gediegenen Bildung kommender Generationen. Was wir aber jetzt vor uns sehen, ist in so vielen Fällen Halbheit, Oberflächlichkeit und untüchtiges Wesen, daß es mit Wundern zugehen müßte, wenn die Dienerinnen solcher Herrinnen etwas Besonderes leisteten.“

„Sie sind sehr – aufrichtig, beste Frau Doctorin,“ brachte Frau von Breda etwas mühsam heraus.

„Ich rechne auf Ihre allseitige Klugheit und Güte, gnädige Frau. Der redliche Wunsch, etwas zur Besserung unserer häuslichen Verhältnisse beizutragen, hat mich schon öfter in dieser Weise sprechen und schreiben lassen – daß ich keine persönlichen Absichten dabei verfolge, wissen Sie Alle gewiß.

An den Frauen wäre es also vor allen Dingen, ihr Haus so zu ordnen, daß es Mann, Kindern und Gesinde wohl darin sein kann. Dies läßt sich durch vernünftige Eintheilung der Arbeit in kleinen wie in großen Verhältnissen erreichen. Aber dazu gehört vor allen Dingen, daß die Frau mit ganzer Seele sich den Pflichten des Haushaltes widmet, jede Arbeit selbst versteht und sie im Nothfalle selbst mustergültig thun kann. Es ist unglaublich, wie rasch die Dienstboten den sachverständigen Tadel von dem unbestimmten zu unterscheiden wissen, wie sie gegen den ersteren schweigen und gegen den letzteren grob werden.

Dann entspringt aber noch ein anderer großer Vortheil aus diesem Selbstkönnen und Wissen: eine solche Frau wird niemals ihr Dienstmädchen mit übertriebenen Forderungen belasten. Wer selbst die Erfahrung hat, wie viel Zeit es braucht, ein Geschäft richtig zu thun, wird es nie in der Hälfte dieser Zeit verlangen. Ich bin oft erstaunt über unsere jungen Frauen: je untüchtiger sie selbst zu jeder Arbeit sind, je mehr dem Innern ihres Hauses entfremdet, um so anspruchsvoller werden sie gegen die Einzige, welcher sie sowohl grobe als feine Arbeit zumuthen, ganz uneingedenk des sehr wahren Wortes: ‚Du hast an Deiner Magd keine Sclavin, sondern eine Gehülfin‘. Die ‚Gehülfin‘ aber setzt eben eigene Thätigkeit voraus.“

„Sie haben in Vielem Recht,“ versetzte nun Frau Meier, „es würde Vieles, so namentlich auch die Erziehung der Kinder, besser stehen, wenn die Frauen selbst vernünftiger wären. Aber alles Uebel läßt sich damit nicht wegschaffen. Die Dienstboten von heutzutage sind, sogut wie die Arbeiter, fauler, widerspenstiger und genußsüchtiger, als sie es früher waren. Es ist für mittlere und kleinere Verhältnisse kaum mehr möglich, eine ordentliche Person zu bekommen oder zu behalten. Wie viele von uns haben diese Erfahrung gemacht und zuletzt Muth und Lust verloren!“

[244] „Ich kann auf diesen sehr begründeten Einwand nur antworten, daß er den großen, socialen Umschwung berührt, welcher in allen Lebensgebieten sich mächtig fühlbar macht. Für einzelne Classen der Gesellschaft ist es eine harte, eiserne Zeit, und wir, als die Generation des Uebergangs, leiden am meisten davon. Aber sehen Sie um sich: das Jagen nach materiellem Genuß, nach raschem Reichthum bei möglichst wenig Anstrengung – ist ja allgemein; sollten die Dienenden allein von dem Fieber nicht ergriffen werden? Und wäre es nicht an uns, hier mit gutem Beispiel ihnen voranzugehen, statt den Luxus zu pflegen und dann nur plötzlich wieder an den Dienstboten sparen zu wollen? Allerdings werden die kleinen Beamten- und Rentiersfamilien die Concurrenz um tüchtig geschulte Dienstboten nicht mehr mitmachen können, aber dafür ist die Haushaltungsarbeit durch die Hülfsmittel unserer modernen Zustände so vereinfacht, daß die Töchter eines solchen Hauses sie mit leichter Mühe und vielleicht einer Hülfe für die gröbste Arbeit selbst versehen können. Dabei müßten sie freilich jenen mühsam gewahrten Schein der ‚Damenhaftigkeit‘ aufgeben, der ohnedies in keiner Weise zu solchen Zuständen paßt.“

„Oder aber selbst Etwas erwerben,“ sagte Frau Michaelis, „wenn sie den Standeshochmuth bei Seite setzen und bedenken wollen, daß heutzutage mit Verdienen mehr zu machen ist, als mit Sparen.“

„Wir kommen weit von unserem eigentlichen Thema ab,“ warf Fräulein Dernburg ein. „Die Frau Doctorin ist uns das eigentliche Recept, aus schlechten Dienstboten gute zu machen, noch schuldig. Ich wäre Ihnen für einige specielle Winke in dieser Beziehung, wie ich ehrlich gestehen muß, sehr dankbar, denn mit dem allgemeinen Klagen über die Unvernunft der Frauen ist im Grunde wenig geleistet.“

„Das ‚Recept‘,“ sagte Frau Heyne mit einem ernsthaften Blick nach ihrem Gegenüber, „ist dasselbe, wie zum friedlichen Umgang mit allen anderen Mitmenschen auch: Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Menschenliebe, nebst unbeugsamer Consequenz im Festhalten des einmal für recht Erkannten. Eine Frau, welche diese Eigenschaften, die Resultate einer tüchtigen Erziehung, in ihrem täglichen Leben bethätigt, wird nie über schlechtes Gesinde klagen, denn wenn sie auch die Schlechte und Gemeine abweisen muß, so wird sie im Stande sein, durch den Eindruck ihrer eigenen Persönlichkeit mit Strenge und Güte aus der Schlechterzogenen, aber noch Gutartigen etwas Tüchtiges zu bilden, während dasselbe Mädchen bei einer anderen Frau vollends verderben würde.“

„Das ist leicht gesagt,“ lachte das Fräulein etwas spöttisch. „Man kann doch wahrhaftig nicht verlangen, daß eine Frau, die ohnedies alle Hände voll zu thun hat, sich auch noch um das ‚Innere‘ ihrer Dienstboten kümmern soll. Da heißt es: Jeder ist sich selbst der Nächste. So lange sie ordentlich arbeiten, behandelt man sie ja gut, ist dies nicht mehr der Fall – fort, ohne lange Umstände! Zu bessern ist in den meisten Fällen Nichts mehr daran, man muß nur die Rohheit dieser Leute kennen.“

„Glauben Sie,“ fragte Frau Heyne, „daß die meisten Mädchen so roh und verwahrlost wären, wenn ihre erste Frau sich die Mühe genommen hätte, in dem jungen unwissenden Geschöpf das Bewußtsein seiner eigenen Menschenwürde und das Pflichtgefühl zu erwecken, wenn sie strenge gegen Lüge und Unsittlichkeit, dagegen mild gegen die allgemeinen Jugendfehler gewesen wäre? Gewöhnlich geschieht das Umgekehrte: man rügt im heftigsten Ton dieselben Zerstreutheiten an der Magd, welche bei der Tochter des Hauses mit einem lächelnden ‚Das kommt eben nicht vor den Jahren‘ entschuldigt werden.“

„Ja, das ist aber auch etwas ganz Anderes!“ rief hier eine der bis dahin Schweigenden. „Es geht ja gleich die ganze Haushaltung verkehrt, wenn man sich nicht gegen die Unordnungen und Vergeßlichkeiten der Personen wahrt. Mit solchen Duldungen könnte man weit kommen!“

„Es ist auch nicht meine Ansicht, daß man Unordnungen dulden soll; ich glaube ganz im Gegentheile, daß man viel öfter, als es geschieht, die erste Nachlässigkeit, das erste schnippische Wort fest und bestimmt rügen soll, damit die zweite nicht sobald folgt. Die stricteste Ordnung im Hause zu handhaben, ist ja das eigentliche Amt jeder tüchtigen Frau. Aber wenn sie auch äußerlich tadeln muß, soll sie innerlich der Stimme der Billigkeit Gehör geben und sich nicht selbst in Entrüstung und Zorn hineinstürzen gegen ein junges mangelhaft erzogenes Geschöpf. Sie soll bedenken, welch harte, unerfreuliche Existenz diese Menschen auch im besten Haushalte führen. Wir haben im geselligen Verkehre, in den vielen Vergnügungen die Mittel, uns jeden häuslichen Verdruß wieder rasch von der Seele zu spülen; sie stecken den ganzen Tag in dem ewigen Einerlei der groben ermüdenden Arbeit und haben nicht die Möglichkeit, sich einmal nachzugeben, wenn sie sich müde fühlen. Glauben Sie nicht, daß die Leute davon keine Empfindung haben! Sie vergleichen ihr Loos mit dem unsrigen und saugen viel Bitterkeit daraus. Darum ist es an uns, mit Güte und Theilnahme die Kluft zu überbrücken und uns stets zu erinnern, daß es Menschenseelen sind, die hier im Schutze unseres Hauses leben, und daß die Einwirkung einer Menschenseele auf die andere allen ‚modernen Verhältnissen‘ zum Trotze ewig dieselbe bleibt.“

„Das hört sich Alles recht schön an,“ meinte kopfschüttelnd die vorige Sprecherin; „aber ich sollte denken, Sie müßten auch wissen, daß in einem häuslichen Verdrusse und den dummen, ungezogenen Reden einer erbosten Köchin gegenüber keine solche sanften Mittel anschlagen können. Da geht es eben gewöhnlich zum Bruche.“

„Ja,“ sagte Frau Heyne lächelnd, „welche Hausfrau kennt sie nicht, die Tage, wo Alles mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden zu sein scheint und Alles verkehrt geht, wo die Oefen rauchen, Geschirre zerbrechen, das Essen anbrennt, der Gemahl brummt und die Kinder unartig sind, bis zuguterletzt noch ein großer Zank zwischen Frau und Köchin dem Ganzen die Krone aufsetzt? Ich habe solche Tage bei Anderen beobachtet und im eigenen Hause erlebt und kann Sie versichern, es wirkt Wunder, gerade dann an sich zu halten und in gutem Tone zu sagen: ‚Heute haben wir einen heißen Tag, Babette oder Katharine; aber er wird auch vorübergehen, und morgen ist’s wieder anders. Wenn Sie nicht mit Allem fertig werden können, so lassen Sie Dies oder Jenes!‘ Neunmal unter zehn Fällen wird sich die also Angeredete besinnen und bessere Saiten aufziehen. Tragen aber die Kinder durch Unart oder Bosheit eine Schuld bei der Sache, so erscheint es mir nur billig und gerecht, sie unbedingt zur Abbitte zu zwingen.“

„Nun, ich sehe schon,“ sagte Frau von Breda, „wir armen Frauen kommen schlimm bei Ihnen weg. Aber ich wäre doch neugierig, was Sie mit denjenigen Dienstmädchen anfangen wollen, die es nach Ihrem eigenen Geständnisse doch auch giebt, mit den ganz gemeinen und unverbesserlichen?“

„Mit Solchen würde ich gar nichts anfangen, sondern sie in kürzester Frist wegschicken, wie ich denn überhaupt jede Verbindung mit solchen absolut unbrauchbaren und unwürdigen Personen abbrechen würde. Glücklicher Weise sind die Gewohnheitslügnerinnen, die Diebinnen und verlorenen Mädchen, wenigstens hier in Süddeutschland, noch sehr in der Minorität. Gerade aber als wirksamen Schutz gegen solch verdorbene Elemente könnte man ein sehr einfaches Mittel vorschlagen, das auch auf die Uebrigen seine heilsame Wirkung haben würde.“

„Nun, da wäre ich denn doch begierig,“ rief Fräulein Dernburg.

„Sollten Sie nicht selbst schon in dieser Zeit der Associationen an eine Frauenverbindung in diesem Sinne gedacht haben? Wenn in jeder Stadt ein möglichst großer Kreis Frauen zusammenträte, mit dem festen gegenseitigen Versprechen, wahrheitsgetreue Zeugnisse auszustellen, was bekanntlich nie geschieht, und eine Person nicht aufzunehmen, deren Zeugnißbuch nicht das Wort ‚Ehrlichkeit‘ aufweist, wenn man einen für die verschiedenen Leistungen normirten Durchschnittslohn festsetzte und sich nicht gegenseitig durch Ueberbieten die Mädchen wegkaperte, wenn die so zusammenstehenden Frauen zugleich die Tüchtigsten und Angesehensten wären, so daß ein gutes Zeugniß von ihnen die wirksamste Empfehlung für ein braves Dienstmädchen abgäbe – wäre da nicht schon Vielem abgeholfen? Man könnte auch, ohne in Phantasterei zu verfallen, sich gemeinsame Küchen für eben die kleinen dienstbotenlosen Haushalte denken, wo unter Leitung tüchtiger älterer Mädchen gute Dienstboten systematisch herangebildet würden. Alles Das ist möglich, und jedenfalls wird [245] die steigende Schulbildung der unteren Classen dazu beitragen, Pflichtgefühl und Gesittung in unseren ‚Arbeitsgehülfen‘ so zu entwickeln, daß dieselben ihre Thätigkeit nicht mehr als eine Kette von Mühsal und Plage, sondern als eine Leistung im Dienste des Ganzen betrachten und eine Ehre darein setzen werden, richtig und tüchtig zu arbeiten. Wir Alle befinden uns in einer starkem Strömung; rückwärts zu wollen, ist nutzlos; also heißt es: Vorwärts mit hellen Augen und entschlossenem Willen! Dann wird das Kommende anders, aber gewiß nicht schlechter sein als das Alte, sondern besser und schöner.“

Frau Heyne hatte diese letzten Worte mit etwas erhobener Stimme und glänzenden Augen gesprochen, und nun trat eine kleine Pause ein. Jede der Anwesenden war mit ihren Gedanken beschäftigt. Da rief plötzlich das junge Frauchen:

„Die Sonne! Die Sonne bricht durch die Wolken! Und welches Abendroth!“

Nun war kein Halten mehr. Alles stürzte hinaus, sich des lange entbehrten Anblickes zu erfreuen, und Viele waren herzlich froh, den theoretischen Auseinandersetzungen der „gelehrten Frau“ entronnen zu sein.

„Na, Liebste,“ sprach Frau von Breda zu Fräulein Dernburg, „haben Sie je in Ihrem Leben solche Ansichten gehört? Gott behüte uns vor. solchen modernen Ideen!“

Und Du, liebe Leserin, was sagst Du zu der Sache?




Photographische Abenteuer in der Eisregion.


Die Landschaftsphotographen sind hinter dem himmelstürmenden Drange des Jahrhunderts nicht zurückgeblieben und in die Gegenden der Erstarrung emporgedrungen. Von solchen halsbrecherischen Gebirgstouren haben die Photographen Bilder mit herabgebracht, durch welche Leute, die zu bequem sind, einen Hügel zu ersteigen, in den Stand gesetzt werden, sich einen zutreffenden Begriff von der Zerrissenheit der Grate, dem Aussehen der Geröll- und Trümmerhaufen, den halb verwehten Eisspalten und ähnlichen Schrecknissen zu machen. Ja, von der stillen Stube aus sogar in die Unermeßlichkeit der weiten Welt zu schauen, ist ihnen hierdurch ermöglicht worden. Denn die Photographen haben Panoramen geliefert, in welchen zahllose Gipfel aufragen und der Horizont vom Eise weiß aufleuchtet.

Solche photographische Unternehmungen bieten schon in niedrigen Regionen viele Schwierigkeiten. Das Mitschleppen des Zeltes, in dessen Dunkel das Silberbad bereitet und das Bild „hervorgerufen“ wird, die Last der Camera und insbesondere des dreifüßigen Stativs sind dabei das Geringste. Schwieriger erscheinen die Hindernisse, welche Hitze und Kälte dem geeigneten Zusammenwirken der Chemikalien, Staub, Insecten und andere kleine Teufeleien, die sich auf die feuchte Collodiumschicht der Platte stürzen, dem Manne, der im Schweiße seines Angesichts arbeitet, bereiten. Mit jedem Hundert Meter über der Meeresfläche vermindern sich die Aussichten des Gelingens. Maulthiere oder Träger können an den Werkzeugen etwas verderben; der Wind kann das aufgeschlagene Zelt bedrohen, geeignetes Wasser schwer zu finden sein, im wichtigsten Augenblicke sich Nebel vor das Objectiv legen, die Platten und Kasten können zertrümmert werden – und wie die Störungen, die einer fortgesetzten Reihe von chemischen Experimenten drohen können, alle heißen mögen.

Nach diesen Bemerkungen gehe ich zur Schilderung eines Spaziergangs über, den ich am 17. October 1873 unternommen.

Die Zugspitze in Oberbaiern ist 2974 Meter oder 10123 bairische Fuß hoch. Im Umfange des dermaligen deutschen Reiches bildet sie die höchste Erhebung über das Meer, ein Umstand, der Manchem für diesen erhabenen Giebel besondere Theilnahme beibringen möchte. Die Wände des Stockes, dessen höchste Erhebung die Zugspitze bildet, fallen gegen Baiern und Tirol ab. Die Grenzlinie zieht sich durch ihre Schneewüsten. Während von der bairischen Seite her, von Partenkirchen oder Garmisch aus, Hunderte den Gipfel erstiegen haben, sind es nur sehr Wenige, die vom ersten Tiroler Dorfe, von Ehrwald, aus sich an die Erklimmung der furchtbaren Schrofen gewagt haben, in welchen sich hier das Gebirge gegen den Eibsee streckt. Ich machte die Tour in Begleitung des den Gartenlauben-Lesern bekannten Malers Sundblad und des Photographen Johannes, von dessen Bemühungen, die deutsche Bergewelt in großen Bildern darzustellen, in diesen Blättern schon öfter gesprochen wurde.

Johannes hatte wenige Tage zuvor von einer Höhe aus, die etwa neuntausend Fuß über dem Meere liegt, mehrere Bilder der um ihn gelagerten gewaltigen Natur-Scenerien aufgenommen. Die Absicht, in welcher er uns heute begleitete, war keine andere, als uns den Weg zu zeigen, auf welchem er damals zur Durchführung seiner künstlerischen Absicht vorgedrungen war, und uns angesichts der großartigen Natur die Erlebnisse seines photographischen Höhengangs zu schildern. Sundblad ging mit, um durch den Augenschein sich zu einer zeichnerischen Darstellung der Fährlichkeiten jenes Ganges vorzubereiten, und ich wollte durch die Feder Das ergänzen lernen, was der Letztere durch den Stift festzuhalten trachtete. So traten wir Drei, von dem kühnsten Führer Ehrwalds, Franz Rauch, begleitet, unsere Wanderung an.

Während wir in der Frühstunde – die Sonne lag noch hinter dem Zugspitzgebirge versteckt – durch die abscheulich verwüsteten Wälder den Felsen und ihren Schneemulden entgegen stiegen, flogen lichte Wolken über die Grate dem Norden zu. Der Südwind tobte um die Spitzen, desto wärmer, je höher wir hinauf kamen. Oben, wo die letzten grauen Baumleichen stehen, kurz vor einer kleinen, mit spärlichem Grase bedeckten Mulde, die „Das Tiefet“ genannt wird, war es ein heißer Sturm. Schon dieser allein ließ uns die Schwierigkeiten ahnen, mit welchen beim Hervorbringen von Photographien in den hohen Einöden gekämpft werden muß. Denn ein Zelt, das die Dunkelkammer vorstellt, mußte von ihm im ersten Augenblicke niedergeweht werden.

Der Blick in die Gründe des Thales, in welchem die Loisach fließt, gewährt einen erhabenen Eindruck. Die Wissenschaft berichtet uns von dem ehemaligen Vorhandensein eines Loisachgletschers, der den Zwischenraum zwischen diesen Bergen ausfüllte und sich weit in das Flachland hinaus, bis dahin ausbreitete, wo jetzt blühende Städte stehen, in deren Nähe heute noch die von ihm fortgeschobenen Felsblöcke seine alten Moränen andeuten. Und eben ein solcher Gletscher lag jetzt unter uns, aber nicht von Eis, sondern von dichtem Nebel gebildet, von oben herab in seiner flockigen Oberfläche silbern beleuchtet. In seiner zusammengeballten Masse zeigten sich Wellen, Brüche, Anschwellungen, Einsenkungen und Klüfte. Es war das wolkige Gegenspiel eines Firnmeeres, Das Thal lag, während wir uns der Sonne erfreuten, in feuchtem winterlichem Grau.

Dort, jenseits des „Tiefet“, wo das letzte Krummholz zwischen weißen Riffen kriecht, begann für uns der Weg der Gefahr. Die wenigen, bereits herbstrothen Gräser bebten im Winde. Die Kniee zitterten mir, während ich hinter den gewandteren Gefährten hinschritt. Bewegungslos lag die Welt da. Unten die gleißende Hülle starr zwischen Bergen, bei uns hier oben manchmal der rasche Schatten eines Steinhuhnes, das piepend, uns unsichtbar, irgendwo an den Wänden hinstrich. Wenn ein Stein von unseren Schritten in die Tiefe rasselte, bemaß ich bangend die lange Zeit, nach welcher sein Aufschlag von unten heraufscholl. Unter manchem überhängenden Vorsprunge mußte hindurch gekrochen werden. Wehe uns, wenn wir in die „Ludergrube“ und den Eibsee, der lothrecht über viertausend Fuß unter uns lag und durch die Nebelhülle dunkelte, hinab geblickt hätten! Der Schwindel hätte uns sicher ergriffen und hinabgestürzt. So wanden wir uns vom „Tiefet“ ab fast zwei Stunden an den sich ausbeugenden oder einwärtssenkenden Felsen hin, zur Linken die glänzende Tiefe, zur Rechten die Wände, an denen oft die Hand sich nicht halten konnte, die Füße auf einem Boden, dessen Breite meist nicht mehr als vier oder fünf Handflächen betrug.

Unter solchen Umständen begrüßten wir mit Freude das Ziel unserer heutigen Wanderung, das „Schneekar“, eine kleine [246] Mulde, in welcher sich ein winziger Gletscher angesiedelt hat. Sie bot, seit wir das „Tiefet“ verlassen hatten, uns zum ersten Male die Möglichkeit zum Ausruhen. Während wir im Angesichte der Staffeln, die sich jenseits des Schnees bis zum Zugspitzgrat übereinanderthürmen, von den überstandenen Mühen ausruhten, begann Johannes seine Erzählung. Sie bot, mit Rücksicht darauf, daß sie über den Wolken, die das Flachland verdüsterten, gegeben wurde und der vorzüglichste Schauplatz derselben gerade vor uns lag, einen Reiz, den ich in meiner Schilderung nicht wiedergeben zu können bedauere.

Aufgang über der „Ludergrube“.
Nach der Natur aufgenommen von G. Sundblad.

Johannes begann seine Erzählung, indem er mittheilte, er habe den Gipfel der Zugspitze auf dem Wege über die Knorrhütte schon sechszehnmal erstiegen und daher bei seinem neulichen Versuche den viel kürzeren, aber auch um so viel halsbrecherischen Weg von Ehrwald aus eingeschlagen. Auf diesem die Instrumente nach dem Grat zu schaffen, ist ein Ding der Unmöglichkeit – hatten ja doch wir Mühe gehabt, die unbepackten Leiber an den Wänden glücklich vorbei zu schieben. So waren also die Träger wieder auf dem gewöhnlichen Wege nach der Knorrhütte geschickt worden, wo sie Johannes zu erwarten hatten. Dieser aber brach zu dem verhängnißvollen Gange von Ehrwald an einem Septembertage dieses Jahres um Mittag auf.

Dem Photographen hatten sich kühn die Herren Albert Reiser aus Partenkirchen, Emil Rauscher aus Württemberg und Ungelehrt aus Nürnberg angeschlossen. Vom Aufbruch an leuchtete nur eine fahle Sonne. Ein starker Westwind jagte die Wolken, und die Färbung des Himmels wie der Berge deutete auf schlechtes Wetter. Johannes gedachte noch an demselben Tage über den Zugspitzgrat hinweg die Knorrhütte zu erreichen, um am nächsten Morgen mit dem Apparat, der dorthin für ihn hinaufgeschafft worden war, die Gläser einem Gesichtskreise zuzuwenden, der den Böhmerwald wie die Bernina, die württembergische Rauhe Alp wie die Salzburger Berge umfaßt.

Bis zum Schneekar, wo Johannes uns jetzt seinen Vortrag hielt, war trotz des Weststurmes und der immer bedenklicher sich gestaltenden Wetterzeichen Alles gut gegangen. Man kümmerte sich nicht viel um das Pfeifen in den Klippen, um den blauschwarzen Hauch, der die Berge, und um den nächtlichen Farbenton, der den Eibsee überzog. Die Fährlichkeiten der Abstürze über der „Ludergrube“ (so genannt, weil in deren Tiefe oft Aas, „Luder“, von zerschmetterten Gemsen etc. gefunden wird), die Vorsprünge über den fahlen Wänden waren überwunden. Man war im Schneekar angekommen und rastete guten Muthes.

Doch war das Aussehen der Umgebung damals ein völlig anderes. Die Tiefe bedeckte nicht ein unbewegliches, glänzendes starres Meer wie jetzt, sondern es zogen Wolkenungethüme mit gewaltiger Schnelle, dem Zuge der Walküren und des Wütenheeres vergleichbar, durch die dem Scheine nach so nahen schlehfarbenen Bergengen. Ueber das Schneekar hatte sich bereits Nebel herabgesenkt – es war nicht möglich, die grauen, mächtigen Staffeln zu sehen, die sich von ihm aus bis zum Kreuze der Spitze übereinander thürmen. Da die Zeit drängte, stieg man nach kurzem Verweilen über den kleinen Gletscher des Schneekars aufwärts. An seinem oberen Ende angekommen, bemerkten die Wanderer, was ihnen bis jetzt der dichte Nebel verhüllt hatte, daß die Randkluft, durch welche der Firnschnee vom Felsen abstand, zu breit und zu tief sich gestaltet hatte, als daß sie hätte überschritten werden können. Man mußte sich deshalb von dem Gletscher wieder entfernen und seitwärts eine steile, steinerfüllte Rinne im Kalkgewände, einen sogenannten „Kamin“, aufsuchen. Jenseits dieses Kamins begann man mit dem Hinaufseilen, denn von nun an wurden, wie wir deutlich sahen, die Absätze so steil und hoch, daß es nur einem Franz Rauch und Johann Koser gelingt, hinaufzuklettern. Die Anderen müssen sich das Seil herablangen und sich hinaufziehen lassen. Nur Johannes machte von diesen eine Ausnahme. Er stieg mit den beiden Führern hinauf und verstärkte die Kraft der Ziehenden. Zuletzt wurden die Bergstöcke und Rucksäcke auf diese Weise in die Höhe geschafft.

Die Scenerie hatte sich völlig verändert. Es begann in großen nassen Flocken zu schneien. Die Sonne, ihrem Untergange nahe, blendete unheimlich roth durch schwarzes Gewölke und weißes Gestöber. Ein höllisches Licht flirrte ringsum in Luft und Schnee. Die Führer und Johannes hatten ihre Schuhe wegen der Glätte und Steilheit der Felsen ausziehen müssen. Sie zogen die Uebrigen am Seil hinauf, während sie mit den Strümpfen in jenem eisigen Brei standen, der sich rasch bildet, wenn ein mächtiges, nasses Gestöber von starkem Winde auf den Felsen gejagt wird.

Bei der fortgesetzten Wanderung wiederholte sich mehrfach das Hinaufseilen. Von einem jähen Kamin ging es in den anderen. Gegen die Höhe hin verwandelte sich der West- in einen eisigen Nordsturm. Beim „bösen Ort“, etwa eine Stunde unter dem Grat, war es ein Orkan, der die Nahenden wie mit Nadeln blendete. Die Dämmerung begann. Die gute Laune war entschwunden, und Ahnungen der Gefahr tauchten auf. Koser und Johannes kletterten voran. Rauch blieb mit den Uebrigen zurück. Plötzlich wurde

[247]

Das Hinaufseilen auf den Kamin. Nach der Natur aufgenommen von G. Sundblad.

[248] Koser buchstäblich von einem Stoß des Orkans in die Höhe, Johannes aber auf die Seite geworfen. In dieser Lage, aus welcher er sich erst nach einer Weile wieder aufrichtete, sah er unter sich in der Dämmerung die Genossen sich an den übereisten Felsen abmühen und manchmal zwischen ihren Gestalten eine Nebelbank durchjagen, aus welcher es röthlich vom letzten braunrothen Wiedersehen des westlichen Sturmhimmels flimmerte.

Johannes hatte kurze Beinkleider an, wie sie von den Holzknechten und Jägern unserer Berge getragen werden. Seine Weste hatte er, des bequemeren Steigens halber, in dem Gepäck gelassen, welches die durch das Rainthal vorausgesandten Träger nach der Knorrhütte gebracht hatten. So drangen ihm die aufgejagten Eisnadeln, vom Wüthen des Sturmes in die Höhe gehoben, unten in die Kniehosen ein und schoben sich bis zu den Hüften innerhalb der weit anliegenden Beinkleider hinauf, so daß er die weichen Massen dort mit den Fingern herausheben konnte. Der Körper begann zu erstarren; die Erschöpfung nahm zu, und weder er noch Koser hofften auf ein Entrinnen aus den Schrecknissen.

Als sie auf dem Grat ankamen, war es beinahe schon Nacht geworden. Sie befanden sich nun nahezu zehntausend Fuß über dem Meer. Niemand hätte vermocht, hier aufrecht zu stehen, so raste der Wind über die wilden Zacken. Die schmale Schneide des Grates war von Schnee überweht, von sogenannten „Gachwinden“, gebogen überhängenden Schneedächern, überdeckt.

In jedem Reisehandbuche ist zu lesen, daß der Grat links steil gegen den Eibsee etwa sechstausend Fuß, rechts ebenfalls mehrere tausend Fuß gegen den Schneeferner abstürzt und daß man schwindelfrei sein muß, wenn man denselben begehen will. Man stelle sich diesen Grat bei Nacht und von einem Sturm umwettert vor, der das Ohr betäubt, das Auge blendet und den Athem hemmt, und dazu die gefährliche Erweiterung durch die in’s Leere hinaus hängenden Schneedächer: da wird man begreifen, daß er von den halb Erstarrten auf allen Vieren durch langsames Kriechen zurückgelegt werden mußte.

Vom Grat bis zur nächsten bösen Stelle, der „Nase“, nennt man den Felsen „Schneeferner-Seite“. Hier schöpfte Johannes wieder Hoffnung auf Erhaltung des Lebens, denn sie befanden sich nunmehr wieder in Oertlichkeiten, die ihnen von früheren Besteigungen her bekannt waren, und außerdem hatten sich die wackeren Führer selbst in den Schrecknissen der Wände auf der Ehrwalder Seite so über alles Lob erhaben bewährt, daß man mit einiger Zuversicht in die wilde Schneenacht hinein bergab schreiten konnte.

Nur wegen der „Nase“ hegte Johannes noch Besorgnisse. Dies ist eine steil geneigte Felsplatte, unten in lothrechte Wände, welche zum Schneeferner abstürzen, ausgehend. Sie muß quer überschritten werden. Der locker darüber hingehäufte durchfeuchtete Schnee konnte das in der Dunkelheit zu einer gefährlichen Unternehmung machen. Aber sie gelang, und damit wuchs das Selbstvertrauen der nächtlichen Wanderer. Unterhalb der „Nase“ legte sich auch der erstarrende Nordwest; dagegen begann ein kalter Ost aus dem Rainthal heraufzuwehen. Eine andere gefürchtete Stelle, der „Kamin“, ein röhrenförmiger, steiler, mit lockeren Steinen angefüllter Abstieg, war heute leichter als sonst zu durchklettern, da er mit Schnee angeweht war. Wenn man gleich knietief darin einsank, so bot der Schnee den Füßen doch festeren Halt, als die lockeren Steine, die unter ihm den Felsboden bedecken. Ebenso glücklich wurde die steile „Sandreiße“ zurückgelegt.

Nun stand man auf dem Schneeferner. Hier wurde Rath gehalten, in welcher Weise man den Gletscher überschreiten sollte. Die Einen waren dafür, entfernt von den Wänden über ihn hinwegzugehen, um vor den Lawinen sicher zu sein, die in Folge des Schneefalles herabstürzen mußten. Die Anderen wiesen auf die Klüfte hin, die den Schneeferner durchzogen, und betonten die Nothwendigkeit, sich am Rande zu halten und die kleinere Gefahr vorzuziehen. Letztere Ansicht behielt die Oberhand. Der Ferner wurde in dichtem Dunkel an den Wänden hin überschritten, während die Wanderer vor den Graupeln, die ihnen in die Augen rieselten, die eigene Hand nicht sehen konnten. Der Führer Koser sowie Reiser brachen in Klüfte ein, wurden aber herausgezogen. Beim Schneefernereck beginnt das „Weiße Thal“, eine rauhe Geröllmulde. Hier hörte der Schnee auf und begann ein eisiger Staubregen.

Während dieser Zeit saßen die auf der Partenkirchener Seite durch’s Rainthal heraufgekommenen Führer ruhig in der Knorrhütte. Keiner dachte mehr daran, daß die Gesellschaft noch anlangen würde. Rauch’s Bruder, einer der erfahrensten Führer, sagte:

„Entweder sind sie, das nahende Unwetter verspürend, gar nicht von Ehrwald fortgegangen, oder sie sind in ihm zu Grunde gegangen. Vom Kommen ist keine Rede mehr.“

Aber sie kamen doch. Vom Weißen Thale aus rannte Johannes voraus, um durch Geschrei Leute aus der Hütte zu locken, damit sie den hinter ihm Nachschreitenden mit Laternen entgegengingen. Als nach vielem vergeblichem Rufen endlich die Leute aus der Hütte herauskamen, erschraken sie, denn ihr erster Gedanke war der an ein großes Unglück.

„Um ’s Himmels willen, was ist geschehen?“ redete Johann, Koser’s Bruder, den herannahenden Johannes an. Und dieser war fürwahr eine seltsame Erscheinung. Die gefrorene Joppe stand weit von seinem Körper ab; der Rucksack war einen halben Schuh hoch mit Eis und Schnee bedeckt; die Haare glichen weißen Drähten – die ganze Gestalt war mit Glatteis überzogen.

Ich übergehe die Schilderung des Punschabends in der Hütte und der Freude aller Anwesenden über die fast wunderbare Rettung, und komme zu der Unternehmung des nächsten Tages.

Johannes war wie gelähmt, doch unterließ er, um die großen Opfer nicht umsonst gebracht zu haben, es nicht, während der Nacht die Chemikalien zu wärmen, um mit dem Frühesten seine Arbeit beginnen zu können. Auf die Sturmnacht folgte ein frostklarer Morgen. Nun ging es, obwohl dem unternehmenden Photographen alle Glieder wie zerschlagen waren und ihn die Muskeln schmerzten, abermals dem gestern auf so entsetzliche Weise überkletterten Grate zu. Die Luft war rein, wie sie Johannes niemals gesehen hatte. Der Großglockner und der Ortler standen greifbar über dem Gewoge der ewigen Alpen.

Die Absicht, ein Bild von den Wänden aufzunehmen, die gegen den Eibsee abfallen, gelang nicht, weil der Wind auf dem Grate die Aufstellung des Zeltes nicht zuließ. Erst nachdem man einen Schneedamm als Schutzwehr gegen den Wind aufgeführt hatte, war es möglich, das Zelt in einer Nische unter dem Grate aufzurichten. Am Morgen erschienen wegen des entgegengesetzten Standes der beleuchtenden Sonne die West-, am Nachmittage die Ostalpen reiner. So stellte der jetzt von quälenden Schmerzen heimgesuchte Photograph ein prächtiges Bild jener unermeßlichen Bergwelt her, die vom Brenner bis tief in die Schweiz hinein in Giebeln aufragt und in Firnmeeren gleißt. Die Kälte, welche der chemischen Wirkung Eintrag thut und die Niederschläge krystallisiren läßt, hinderte bald den Strebsamen. Es konnten nur wenige Aufnahmen gemacht werden. Abermals durchfroren, kehrte Johannes zur Knorrhütte zurück mit dem Vorsatze, Leben und Gesundheit nie wieder seiner Kunst zu lieb auf’s Spiel zu setzen. Ich für meinen Theil bezweifle, daß er diesem Vorsatze treu bleiben wird.

Der Führer Koser war achtzig Mal auf der Zugspitze. Nach seinem Geständnisse hat er aber nie größere Gefahren bestanden als bei dieser photographischen Expedition, und hofft von seinem Schicksale, daß es ihn fortan vor einem ähnlichen Gange bewahre.




Mit Hassan beim Scheikh Ali.


(Schluß.)


Mit einem der Führer an der Spitze setzte sich der Zug in Bewegung. Hassan ging, kleinmüthig, ohne sein Gewehr, hinterdrein. Wir bogen von der Wüste ab in die Sümpfe hinein, wo uns ein wenig betretener Pfad bald an sumpfigen, schilfbewachsenen Seen, bald an grasüberwucherten Flächen vorüberführte, die früher einmal in Cultur gewesen waren. Wir [249] ließen ungestört die Reiher, Kraniche und Sumpfvögel ihre Nahrung suchen. Weit in der Ferne hob sich wie ein eckiger Fels eine Höhe aus der endlosen Fläche; das war das Dorf, das uns aufnehmen sollte, ein zu entferntes Ziel, als daß wir durch Jagd unsere Reise hätten unterbrechen können. Wir langten nach längerer Wanderung an.

Von allen Seiten war das Dorf mit Wasser umgeben, nur ein Damm führte steil ansteigend hinein. Die Häuser, von Lehm gebaut, wurden von einzelnen hohen Palmen überragt. Taubenhäuser in großer Zahl sahen wohnlicher aus als die Lehmbaracken der Menschen, aus denen der Rauch nicht zum Schornstein heraus – den gab es nicht –, sondern aus allen Oeffnungen drang. Auf einer Seite des Dorfes, jenseits des Wassers, zog sich langgedehnt ein Palmenwald hin, unter dem saftig graues Gras wucherte. Wir machten an dem Damme Halt und schickten einen Führer zum Scheikh mit einem Gruß und der Bitte um Aufnahme. Neugierig waren Männer und Kinder zu uns gelaufen und befühlten erstaunt unsere Flinten, Revolver und Messer. Wir harrten in einiger Spannung der Antwort. Es mußte uns viel daran liegen, im Hause des Scheikhs zu nächtigen. Im Palmenwalde hätten uns andere Räuber als die Spießgesellen Hassan’s, – die Bewohner des Dorfes – bestohlen.

„Scheikh Ali grüßt die Fremdlinge und bittet sie, die Schwelle seines Hauses zu überschreiten,“ so lautete die Antwort, die uns der Bote brachte.

Wir ritten an das Thor, das zum Vorhofe seines Palastes führte, und traten ein. Der „Palast“ war einstöckig, nur von Lehm gebaut. Die buntbemalten Pfosten an Thür und Fenstern und die hübschgedrechselten Muschrabien (Holzgitter, das die Fensterscheiben ersetzt) zeichneten ihn vor den übrigen Häusern aus. Auf einem breiten Sitze von Strohgeflecht saß der Scheikh in seinem Hofe und rauchte seine Narghile, umgeben von den Großen seines Reiches, – schmutzigen braunen Kerls. Er erhob sich zu unserer Begrüßung und lud uns ein, eine Tasse Kaffee zu trinken – das war herzlich wenig!

„Wir sind einflußreiche Leute aus den mächtigsten Ländern des westlichen Europas,“ begann der Spanier das Gespräch. „Der Ruhm Scheikh Ali’s ist zu uns gedrungen, und wir bringen ihm unsere Huldigung dar.“

Das war zum Mindesten höflich und der Scheikh schien nicht unempfindlich; er lächelte gnädig und strich mit seinen dicken braunen Fingern über den grauen Bart. Diener setzten uns Narghiles vor und servirten den Kaffee. Ihre einfache Kleidung bestand aus einem weißen Turbane.

Der Scheikh fragte, ob wir Prussiani wären. Ich war so glücklich, es bejahen zu können; von Spanien hatte er nie ein Wort vernommen.

„Der große preußische Feldherr heißt Bismarck,“ sagte er mit überlegenem Lächeln, und wir beeilten uns, ihm unsere Bewunderung über seine eminenten Kenntnisse auszudrücken. Endlich schien er Gefallen an uns gefunden zu haben; er forderte uns auf, seine Gäste zu bleiben.

Der Sieg war unser; spöttisch blickten wir auf Hassan, der wie ein armer Sünder in einer Ecke des Hofes saß, und wiederholten immer von Neuem dem Scheikh, daß wahre Herrschertugenden Tapferkeit und Höflichkeit gegen Fremde seien; daß er sich ersterer befleißigte, hätten wir schon in Europa vernommen; daß er auch die zweite übte, würde uns jetzt offenbar.

Während die Frauen des Wirthes das Mahl für unsere hungrigen Magen bereiteten, durchstreiften wir das Dorf und den naheliegenden Palmwald. Die Knaben des Ortes folgten uns neugierig, und schmutzige Weiber in langen blauen Hemden blickten verstohlen aus den engen Thüren der Lehmhütten. Zahllose Adler und Geier hielten sich in den Kronen der Palmen auf und kehrten sich wenig oder gar nicht an unsere Schüsse. Die Eingeborenen geben sich nicht die Mühe, sie zu schießen; sie jagen edleres Wild – den nachbarlichen Beduinen.

Die Sonne ging blutroth nieder, wie am verflossenen Abende. Aus der strahlenden Wasserfläche hob sich dunkel das palmenüberragte Dorf. Arbeiter kehrten aus den Baumwollenfeldern heim, Esel vor sich den Damm hinauftreibend. Ein Araber sang, an einen Stamm gelehnt, ein eigenthümlich klagendes Lied. Die friedliche Stimmung des Bildes führte die Gedanken dem fernen heimathlichen Dorfe zu.

Ein Abgesandter des Scheikhs forderte uns auf, das Mahl einzunehmen, und mit Vergnügen folgten wir der Einladung. In einem großen Gemache, zu dem eine hölzerne wacklige Treppe hinaufführte, war das Essen aufgetragen. Ein kleiner Tisch in der Höhe eines Stuhles stand in der Mitte. Wir kreuzten die Beine und ließen uns mit Scheikh Ali davor nieder, der erst nach vielen Complimenten dazu zu bewegen war. Ob die „Christenhunde“ oder das vornehme Gebahren seiner Gäste daran schuld war, weiß ich nicht zu beurtheilen.

Deutsche Hausfrauen! Zum leuchtenden Vorbilde sei Euch die Schilderung des Mahles geweiht! Porcellan in Tellerform war als überflüssig erkannt worden und einfache Holzbrettchen ersetzten den Mangel. Messer und Gabel suchte man vergebens; diesen Luxus kennt nur der verweichlichte Europäer. Ein Holzlöffel allein fand sich vor, und der lange Stiel erleichterte das Schöpfen aus der gemeinsamen Suppenschüssel. Der Scheikh sah mit Wohlbehagen auf den Tisch; er griff zu einer Citrone, die neben seinem Brettchen lag, und riß dieselbe auseinander. Ich fand diese Art, sich die Finger zu reinigen, nicht hübsch, die Operation jedoch nothwendig. Leider beruhte meine Ansicht auf Täuschung; der Saft sollte die Hammelbrühe würzen. Die Suppe schmeckte nicht schlecht – sehr aromatisch. Ein Sclave trug das Gemüse auf: Reis mit Tomaten und Pfeffer. Wir häuften auf unsere Brettchen davon und verfolgten die Bewegungen des Scheikhs, um essen zu lernen.

Die rechte Hand ruhte in der Oeffnung des Hemdes auf der Brust, mit dem Daumen, zweiten und dritten Finger der Linken wurde die Speise zum Munde geführt. Die Rechte vertritt ausschließlich das Taschentuch, die Linke das Besteck. Auch der Reis schmeckte nicht schlecht, wenn auch der Pfeffer die Thränen in die Augen trieb.

Die Unterhaltung wurde lebhaft geführt. Der Scheikh entwickelte in großen Zügen seine politischen Ansichten. Er ging davon aus, daß der Sultan Weltherrscher, der Khedive sein erster und Scheikh Ali sein zweiter Vasall sei. Die Scharmützel zwischen Frankreich und Deutschland machten dem Sultan mehr Spaß als Sorge. Er für seine Person sei davon durchdrungen, daß das große Feldherrntalent Bismarck’s niemals den Sultan in seinen Rechten schädigen könnte. Großes Interesse erregte meine Schilderung von Bismarck’s Kriegsgewand. Die weiße, mit Silber gestickte Uniform erregte seinen Neid. Er wurde nachdenkend und trägt gewiß heute ein weißes Hemd statt des bunten.

Unterdessen war der Braten aufgetragen worden – eine herrliche Hammelkeule. Der Scheikh ergriff dieselbe und erhob sie wie einen Tomahawk zum Schlage. Er riß das Fleisch in langen Fasern von dem Knochen los und häufte es vor sich auf sein Brett, die unvermeidliche Citrone wurde in den fettigen Fingern darüber ausgepreßt und mit liebenswürdigem Lächeln thürmte er die besten Stücke auf unser Brettchen. Trotz mächtigen Hungers begann sich in mir etwas zu regen, was man ungefähr mit Uebelkeit bezeichnen könnte; die Kniee fingen an, mir empfindlich weh zu thun, und ich veränderte, mich räuspernd, meine Stellung. Der Spanier griff frisch zu, und auch bei mir wich der Ekel allmählich dem Hunger. Gierig schlang ich große Stücke hinunter. So recht von Herzen gierig kann nur der hungrige Jagdhund sein und der Mensch, wenn er mit den Fingern ißt. In Fett geröstete Bananen bildeten den würdigen Abschluß des reichen Mahles. Sclaven brachten die Schale, den Wasserkrug und das Handtuch zum Reinigen der Finger, und mit Behagen nahmen wir auf dem breiten Divan Platz, wo uns Kaffee und Narghile gespendet wurde.

Während des Mahles schon traten nacheinander wohl zwanzig eigenthümliche Gestalten in das Gemach. Sie verbeugten sich schweigend bis zur Erde, nahmen schweigend nebeneinander an dem Fußboden Platz, rauchten schweigend ihre Pfeifen, und die Etiquette verbot uns hochstehenden Scheikhs, Notiz von ihnen zu nehmen. Meine Blicke wurden mehr als einmal durch das Abenteuerliche der Erscheinungen gefesselt. Da war ein alter, fast schwarzer Beduine mit langem, weißem Barte, in tadellos weißer Kleidung; die lebhaften Augen und der aufrechte, sichere Gang sprachen von der ungeschwächten Kraft des Alten.

Ein junger Mann, dem eben erst der Bart die Oberlippe deckte, fiel mir seines regelmäßig schönen Gesichtes und der [250] prächtigen Zähne wegen auf. Wie alle Uebrigen, so verleugnete auch er in seinen Zügen die mit dem Stamme Israel gemeinsame Herkunft von Abraham nicht; aber die Wildheit des Ausdrucks der Söhne Hagar’s, die phantastische Kleidung lassen einen Vergleich mit den Söhnen Sarah’s an der Börse nicht zu.

Ich hatte eben erfahren, daß jene Männer die Häupter der nächstwohnenden, dem Scheikh Ali untergebenen Beduinen seien, die hierher entboten waren, um durch ihre Gegenwart unsere Anwesenheit zu ehren, als eine neue Gestalt eintrat, die durch den wilden, fast diabolischen Blick meine Befürchtungen zu rechtfertigen schien, daß die prächtige Gesellschaft mehr dazu da sei, uns zu plündern, als uns zu dienen. Der Spanier versicherte jedoch feierlich, daß wir seit der gemeinsam genossenen Mahlzeit unverletzlich seien, und ich mußte mich beruhigen. Der Anblick des zuletzt eingetretenen Kriegers hatte meine Neugierde auf’s Höchste gespannt. Ich setzte alle Etiquette aus den Augen und erhob mich, die Anwesenden zu begrüßen. Sie schienen sichtlich erfreut, und zeigten bereitwillig ihre Waffen, die ich zu sehen wünschte. Der wilde Krieger, dessen fanatischer Ausdruck dem Antlitz des Propheten Ehre gemacht hätte, besaß ein reich mit Gold eingelegtes englisches Gewehr und gute Ausrüstung. Er wollte es zum Geschenk erhalten haben. – Gott weiß, wo die Gebeine des rechtmäßigen Besitzers bleichen. Die Bewaffnung der Uebrigen war weniger gefährlich, wenn auch vielleicht glänzender. Die langen Flinten mit Feuerschloß konnte nicht allzu bedenklich werden.

Der Mond stand bereits hoch am Himmel, als die abenteuerliche Gesellschaft die wiehernden Rosse im Vorhof bestieg und nach allen Richtungen hinaus den heimathlichen Zelte zueilte.

Der Scheikh wünschte uns eine gesegnete Nachtruhe und erklärte feierlich, er hätte keine Jagd uns vorzuführen. Ich glaube, er traute seinen Vasallen nicht, und ich beruhigte mich in der Aussicht, wieder einmal unter Dach und Fach zu schlafen. Das hatte aber gute Wege. Das Dorf konnte sich nicht über die Christen beruhigen, die in seinen Mauern Quartier genommen hatten. Im hellen Mondschein umkreisten unaufhörlich weiße Gestalten den „Palast“ des Scheikh. Hassan saß, Rache brütend, in der Ecke, und die beiden Führer, deren Einer vor der Thür, der Andere neben dem Divan lag, das Gewehr in der Hand, schienen sowohl mir, wie dem unsicher gewordenen Spanier nicht genügend für einen plötzlichen Ueberfall. Wir hatten unsere Büchsen gespannt neben uns, den Revolver in der Hand. Zu alle Dem umkreisten Unheil verkündend zahllose schreiende Eulen und Käuzchen das Haus.

Die Nacht war recht dazu angethan, Grauen einzuflößen. Hin und wieder stand ich auf, einen Blick zum Fenster hinaus zu werfen. Von dem hochgelegenen Gemach blickte man weit hinaus in das Sumpfland, durchzogen von den glitzernden Silberstreifen des Mondes auf den Wasserflächen. In dem nahen Palmenwalde schien sich hin und wieder etwas zu regen, und die Phantasie ließ immer neue Gestalten aus den Büschen hervorwachsen. Es nahte die zwölfte Stunde, die letzte des Jahres – am Sylvester hatten wir Scheikh Ali kennen lernen. Ich dachte der Heimath, der Familie, die in traulichem Beisammensein das neue Jahr erwartet; ich überlegte meine Situation, die Gefahr, der ich soeben entgangen – und verwünschte für immer jedwedes Abenteuer.

Doch die arabische Gastfreundschaft bewährte sich vortrefflich. Der Morgen des neuen Jahres erschien, ohne daß uns der Hals abgeschnitten worden wäre. Der Scheikh mit seinem mildfreundlichen Lächeln erschien und fragte nach unserm Begehren. Mit Bereitwilligkeit gestand er uns eine Escorte bis Fayûm zu, und die Abschiedsceremonien begannen. Wir theilten Trinkgelder unter die Diener aus, und erhielten als Freundschaftsgabe vom Scheikh Jeder einen hübschen Dolch. Ich hatte nichts ihm zu geben und war einigermaßen in Verlegenheit, bis mir einfiel, daß er am Tage vorher mein Taschenmesser bewundert hatte. Ich zog es hervor und überreichte ihm die bescheidene Gabe mit einigen Worten der Entschuldigung, die ich mir hätte sparen können. Die Wirkung des Geschenkes war eine frappante. Sein Antlitz strahlte vor Glück und mit Hintenansetzung jeglicher Würde und Etiquette zeigte er das Kunstwerk seiner Umgebung. Das Messer hatte zwei Klingen und einen Pfropfenzieher; es kostete mir in Berlin zwanzig Silbergroschen. Man darf den Werth solcher Gegenstände nicht unterschätzen.

Wir versprachen Scheikh Ali, seinen Ruhm in den kleinen osmanischen Provinzen Deutschland und Spanien zu verbreiten, und schieden von ihm mit dem Bewußtsein, einen höchst angenehmen Eindruck hinterlassen zu haben. Unsere aus fünf Beduinen bestehende Escorte machte sich bald durch Bettelei unnütz, bald versuchte sie durch das Schauspiel einer Fantasia unsere Herzen zu rühren. Die kleinen Pferde wurden gewaltig angestrengt.

Von Hassan’s verrätherischen Absichten war nichts mehr zu bemerken. Er hatte sich in das Unvermeidliche gefügt und versuchte durch ausgezeichnete Höflichkeit die Prügel von sich abzulenken, die er nach seiner Meinung, und vielleicht nicht ganz mit Unrecht, auf unser Geheiß in Cairo zu erwarten hatte. Von den ägyptischen Gerichten war in diesem Falle nichts zu erwarten.

Ich war zu ergrimmt, um auf seine Liebenswürdigkeiten einzugehen. Der Spanier hatte sich allmählich wieder durch Erzählungen bestechen lassen. Er verstieg sich sogar so weit, mir von Neuem einen Vorschlag zu machen, im Sudan Löwen zu jagen, Hassan hatte ihm mit glühenden Farben eine Belagerung geschildert, die er von dreizehn Löwen auszustehen gehabt, nachdem er sich mitten in der Wüste mit einer Dornenhecke umgeben hatte. Das war mir zu viel. Beinahe wäre ich mit dem Unterthan der osmanischen Provinz Spanien in Streit gerathen.

Am Abende des zweiten Tages langten wir wieder in Fayûm an. Der einzige Europäer der Stadt, ein Franzose, nahm uns mit größter Liebenswürdigkeit auf. Auf herrlichen Teppichen brachten wir eine erquickliche Nacht zu. Beim gemüthlichen Frühstück am nächsten Morgen gaben wir unsere Erlebnisse zum Besten.

„Bei Scheikh Ali haben Sie genächtigt?“ rief unser Wirth erstaunt. „Da sind Sie in schlimmer Gesellschaft gewesen. Der alte Kerl hat mehr als einen Mord auf dem Gewissen; ja, es steht ziemlich fest, daß er vor zwei Jahren aus Rache eine Frau mit ihrem Kinde in der Wüste umgebracht hat. Der alte Fuchs ist schlau und hat sich allen Anschuldigungen zu entziehen gewußt. Das Gouvernement hat ihn seit einem Jahre zum Scheikh des Arrondissements gemacht, eine gewiß weise Maßregel, da er in seiner officiellen einflußreichen Stellung nicht mehr im Stande ist, gemeinen Mord zu begehen. Sie sind in der Höhle des Löwen gewesen. Danken Sie Gott, daß Sie mit heiler Haut seinen Krallen entronnen sind!“

P. v. E.



Kleiner Briefkasten.


Dr. med. Andreas Adam in Chicago (Nr. 810, Süd-Halstedt-Str.) schreibt uns, daß er dort mit dem in der Gartenlaube (1870, S. 756) gesuchte Chemiker gleichen Namens aus Pappenheim in Baiern verwechselt werde, daß man ihn eben deshalb verdächtige, Weib und Kinder in Deutschland verlassen zu haben, und daß Bosheit und Neid die dortige Presse sogar zur Ausbreitung dieser Lüge mißbrauche, um ihn in der Ausübung seines Berufs zu schädigen. Bei einigem guten Willen dazu hätte man dort durch unsern Artikel Nach neunzehn Jahren in Nr. 38 der Gartenlaube von 1871, über den Lebenslauf des vermißten Adam belehrt sein müssen. Daß dies dennoch nicht geschehe, sondern Herr Dr. Adam fortwährend über die fortgesetzte Verleumdung zu klagen hat, beweist, daß dieselbe nicht von der Dummheit ihrer Verbreiter allein ausgeht. Darum bezeugen wir Herrn Dr. Adam in Chicago, daß er, der in Schwaben Geborene, nicht der Chemiker Adam aus Franken und daß er auch zu jung ist, als daß er unter den deutschen Rebellen von 1848 schon hätte eine Rolle spielen und als Gatte und Vater zweier nun vier- bis fünfundzwanzigjähriger Kinder hätte entfliehen können.

Zur Nachricht den Verwandten. Friedrich Koch aus Zeitz, ein in Amerika Vermißter, stand, wie ein Herr B. Haentzschel in St. Louis uns schreibt, mit Diesem in derselben Compagnie E des 3. Missouri-Infanterie-Regiments, erhielt in der Schlucht bei Resaon, Staat Georgia, von einem feindlichen Scharfschützen eine schwere Verwundung im Oberschenkel und starb nach ein paar Tagen im Feldlazareth.

Collegienrath H. K. in Wladikaukas. Ihr Schreiben über die Kirchen- und Schulnoth Ihrer deutschen evangelischen Gemeinde haben wir dem Vorsitzenden des „Centralvorstandes der Gustav-Adolf-Stiftung“, Herrn Geheimen Kirchenrath Dr. E. F. Hoffmann in Leipzig, zugesendet.

Herrn H. Wachtler in Bozen und Turnlehrer Hohlfeld in – –. Auf Ihre Aufrage diene Ihnen zur Nachricht, daß es uns zwar bekannt war, daß ein Aufsatz über den beregten Gegenstand aus der Feder desselben Verfassers bereits in einem kleinen norddeutschen Localblatte zum Abdrucke gekommen; daß derselbe aber auch in größere Blätter übergegangen, war uns völlig unbekannt. Der von uns gebrachte Artikel ist übrigens in jedem Worte ein Originalbeitrag.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.