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Die Gartenlaube (1868)/Heft 37

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1868
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 37.   1868.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.
Wöchentlich bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Süden und Norden.
Eine bairische Dorfgeschichte von 1866.
Von Herman Schmid.


1. Luttrische Leut’.

„He, Tonerl wo steckst? Bring’ mir noch einen Laib heraus. Wenn die Ehhalten vom Heuwenden herein kommen, werden sie tüchtig Hunger haben!“ rief die Bäuerin des Funkenhauser-Hofes, die auf der Bank neben der Hausthür saß, eine mächtige irdene Schüssel im Schooße, in welche sie den Rest eines runden Brodlaibes zu kleinen Scheiben aufschnitt. „Na, was ist’s?“ wiederholte sie nach einer Weile, als der Vorrath beinahe zu Ende war, ohne daß Jemand sich eingefunden oder auf den Ruf gemeldet hätte. „Wie lang’ soll ich denn noch warten? Sitz’st auf den Ohren oder bist gar eing’schlafen am hellen lichten Tag?“

„Gleich, Mutter, gleich!“ antwortete jetzt eine frische Stimme, der man die Jugend und ihre Freudigkeit in jedem Tone anhörte, wenn sie auch weit entfernt klang und wie aus den innersten Räumen des Hauses kommend.

„Wo sie nur wieder sein muß!“ fuhr die Bäuerin kopfschüttelnd für sich fort. „Es laut’ als wenn sie drunten im Keller wär’ oder gar droben in dem höchsten Dachstübel …“

Nach einigen Augenblicken erschien die Gerufene in dem Hausgang und blieb auf der Thürschwelle stehen; es war eine große kräftige und dennoch schmeidig und schlank gebaute Mädchengestalt, mit wohlgeformtem Angesicht von frischer klarer Farbe, zu welcher das reiche braune Haar trefflich stand und in seinem echten Kastanienglanze nur von dem mildem Schimmer der gleichfarbigen Augen erreicht ward. Es war in zierlichen Doppelzöpfen um die heitere verständige Stirne geschlungen; der lebhaft geröthete Mund war zu schalkhaftem Lächeln geöffnet und ließ ein Paar kleiner festgeschlossener Zahnreihen erblicken, deren blendendes Weiß die Farbe des Elfenbeins übertraf. Sie war nach dem Brauche des Miesbacher Gaus bäurisch gekleidet, aber ohne allen Schmuck und häuslich einfach; ein lose um den Hals geschlungenes Seidentuch hing mit bunten Zipfeln auf das leichte schwarze Zeugmieder herab, das den Leib zum Umspannen knapp und doch bequem umschloß; die nur bis zum Ellenbogen reichenden Hemdärmel wie die vorgebundene Schürze aus grobem ungebleichten Leinen ließen erkennen, daß die Trägerin von der Arbeit kam, doch verriethen die feinen, durch nichts verunstalteten Hände, daß sie die Tochter eines reichen Hauses war und trotz aller Thätigkeit sich zu schonen verstand.

„Da bin ich, Mutter!“ rief sie der Bäuerin von der Schwelle aus zu, indem sie ein stattliches rundes Brod mit beiden Händen wie einen Ball schwenkte. „Heb’ die Händ’ auf und fang’ … ich schutz’ Dir das Brodlaibel zu!“

„Ob Du gleich aufhören wirst, Du unmüßige Dingin Du!“ eiferte die Bäuerin halb unmuthig, halb wider Willen lachend. „Gieb mir den Laib ordentlich her und treib’ kein solches Gespiel mit der Gab’ Gottes …“ Aber das Mädchen hörte und folgte nicht; anmuthig fuhr sie fort, das Brod hin und her zu schwenken, wie Jemand, der sich eines sichern Wurfes vergewissern will, und wollte die Bäuerin nicht Gefahr laufen, es auf den Boden kollern oder die Schüssel davon zertrümmert zu sehen, so mußte sie wohl oder übel auf den Scherz eingehen und den endlich heranfliegenden Laib mit den Händen auffangen.

„Du machst ja Deine Sach’ prächtig, Mutter,“ sagte das Mädchen, indem es herantrat und sich lachend neben die Bäuerin setzte, „kannst Dich alle ’Bot verdingen, wenn s’ drüben in der Prälatenkuchel zu Tegernsee wieder einmal wen brauchen zum Küchel-Auffangen!“

„Und Du kannst Dich um ein Plätzl bei der Schneckenpost umschau’n!“ erwiderte die Alte. „Ist ja schier net zu erleben, bis Du kommst! Ich hab’ Dir zwei Mal geschrie’n; wo bist Du nur gewesen?“

„Geht’s Dir zu langsam?“ rief Toni lachend. „Hab’ alleweil gemeint, ich wär’ fein lüftig und es ging’ mir recht rundig aus der Hand – aber wenn’s gar so pressirt, dann ließ ich mir den Geometer von Miesbach hereinkommen und ließ mir eine Eisenbahn bau’n, mitten durch den Funkenhauserhof! Wo werd’ ich gewesen sein! Droben in der guten Stube, hab’ ein Bissel nach den Betten geschaut und nach den Vorhängen und hab’ die Fenster aufgemacht, daß es ein wengel auslüftet … es ist ganz dämmig und dumpfig droben und Spinnweben sind in allen Ecken, groß wie ein Kramerstand: man muß schon bald anfangen und auf’s Herrichten denken …“

„Auf’s Herrichten?“ fragte die Mutter verwundert. „Auf was willst herrichten, Tonerl? Willst mir etwan gar die Freud’ machen und thun, um was ich Dich schon so oft gedrängt hab’ … Willst anfangen, zu der Hochzeit herrichten . . ?“

„Na, Mutter!“ rief das Mädchen mit lautem Lachen, indem es wie abwehrend die beiden Hände erhob, und das Lachen klang so frisch und natürlich, daß man nicht zweifeln konnte, daß es frei und ungezwungen aus dem Herzen kam. „Mit der Hochzeit hat’s noch eine gute Weil’ Zeit … komm’ ich Dir denn schon gar so alt und schiech vor, Mutter, daß Du mich mit aller Gewalt unter die Hauben bringen willst?“

„Aber der Ambros …“ wollte die Frau erwidern, doch Tonerl ließ sie nicht ausreden.

„Der Ambros!“ rief sie und zog die Oberlippe etwas geringschätzig [578] in die Höhe. „Der Ambros ist mein Vetter und ist so weit ein ganz guter und handsamer Mensch – ich hab’ nichts einzuwenden wider ihn, und wenn’s Gottes Willen ist und der Deinige, Mutterl, so kann’s ja wohl geschehen, daß wir ein Paarl werden, aber nöthen und drangsaliren lass’ ich mich net! Glaub’ schon, daß er lieber heut’ als morgen Funkenhauser-Bauer werden möcht’, aber bei mir hat’s kein Eil’ … ich bin noch jung und will erst noch was haben von meiner Jugend … Also sei gut, Mutter, und tratz mich net mit der Hochzeit … Ich hab’ was ganz Andres gemeint mit dem Herrichten! Denkst gar net dran? Haben wir net übermorgen nur mehr drei Wochen auf Johanni? Ist denn das net die Zeit, um die alle Mal unsere Sommergäst’ kommen?“

„Deswegen also?“ sagte die Bäuerin enttäuscht mit gedehntem Tone. „Damit brauchst Dich gerad’ so wenig zu eilen, wie mit der Hochzeit! Die Frau von Schulze hat’s freilich beim Abreisen gesagt, sie wollten heuer wieder kommen – aber das steht noch im weiten Feld, und eh’ man das Haus umkehrt und mit dem Herrichten anfangt, muß man doch erst gewiß wissen, daß sie kommen!“

„O, sie kommen schon!“ rief Toni rasch. „Ich weiß es gewiß, er hat es auch gesagt …“

„Er? Was für ein Er?“ fragte die Funkenhäuserin, indem sie Laib und Messer sinken ließ und ihre Tochter verwundert betrachtete.

„Nun – die Frau von Schulze halt!“ erwiderte mit leichter Verwirrung das Mädchen. „Und dann ihre Tochter, die Fräul’n Wine …“

„Das sind ja aber lauter Weiberleut’ und kein Er …“ sagte die Bäuerin noch mehr verwundert.

„Nun – er hat es halt auch gesagt … der Sohn, der Herr Günther, mein’ ich …“

„So, so … also das ist der Er?“ rief die Bäueriu, die sich von ihrem Staunen noch immer nicht zu erholen vermochte. „Der junge Herr hat’s gesagt, und deswegen, meinst Du, müßt’ es schon gewiß sein … Freilich, wenn’s von ihm abhängen thät, könnt’s wohl sein, daß er sich net lang besinnen thät zu der Recration, aber die Mutter, die Frau von Schulze, die den Geldbeutel hat, wird auch ein Wört’l drein reden, und so denk’ ich, wenn Du keinen bessern Verspruch hast, als den von dem jungen Loder, dann haben unsere Spinnweben in der guten Stuben eine gute Ruh!“

„Warum?“ sagte das Mädchen, indem es die Mutter lächelnd ansah und sich wie neckend fester an sie drängte. „Er ist doch das Kind und sie die Mutter, und wenn er sie recht schön darum bittet, wird sie nicht Nein sagen … Zu was haben denn die Kinder eine Mutter, als daß sie ihr manchmal ’was abschmeicheln können?“

„Bleib’ mir vom Leib’, Du Schmeichelkatz’,“ sagte die Bäuerin und konnte sich doch ebenfalls des Lachens nicht erwehren. „Bei der Frau von Schulze schmeichelt sich nichts, das ist eine gar gescheidte Frau, die in ihre Kinder net hineinschaut, wie in einen Spiegel, wie eine gewisse Andere …“

„Das macht nichts – die gewisse Andere ist doch noch viel gescheidter, und wenn sie auch nicht in Berlin daheim ist …“

Die Bäuerin schlug die Hände zusammen. „O mein Dirnl’,“ rief sie, „wann wirst etwan Du einmal gescheidt werden! Ich fürcht’, bei Dir geht’s wie bei den Schwaben, es wird net eher einschnappen, bis der Vierziger da ist, wenn Du’s net am End’ schon ganz und gar überhört hast! Es ist kein richtiges Wort zu reden mit Dir … aber mit der obern Stuben brauchst’ Dich auf kein’ Fall zu eilen: die Frau von Schulze hat uns noch jedes Jahr geschrieben, wenn sie’s im Sinn gehabt hat, zu kommen, sie wird also heuer auch keine Ausnahm’ machen – also wart’ Du nur, bis ein Briefel kommt – in anderthalb Tagen ist doch Alles in Ordnung … Es wird wohl das Meiste drauf ankommen, wie’s dem Fräul’n geht …“

„Das glaub’ ich kaum,“ entgegnete Tonerl rasch, „bei dem Zustand, den die arme Fräul’n hat, wird’s ihr auf alle Fäll’ gut thun, wenn sie zu uns kommt – es ist ihr ja verrathen worden, daß es gar nichts Besseres giebt für ihre kranke Brust, als den guten Geruch von unsere Tannenbäum’, und da mein’ ich halt, wenn’s ihr schlechter ging’, thät sich’s von selbst versteh’n, daß sie kommt, und geht’s ihr besser, dann muß sie erst recht kommen, damit ihr Gesund’ wieder recht fest wird …“

„Es ist völlig aus mit Dir, Tonerl,“ rief die Bäuerin. „Du red’st ja ganz doctormäßig daher!“

„Na ja,“ sagte das Mädchen etwas innehaltend, „das kann sich ja ein Jedes selber zusammen setzen, und er hat es auch gesagt …“

„Schon wieder der Er? Das ist wohl wieder der Sohn, der Günther oder wie er heißt? … Madel, Madel, ich will net hoffen, daß Du mir Dummheiten machst und daß hinter dem Hinauszögern mit der Hochzeit gar ’was Anderes steckt! Bis jetzt hast’ das Gered’ von den Mannerleuten für das genommen, was es ist – für ein Gered’ … wirst doch bei dem wildfremden, hergelaufenen Bürschl kein’ Ausnahm’ machen?“

„Ich? Wo denkst’ hin, Mutter!“ entgegnete Toni mit Lachen, aber diesmal klang es, wenn auch ebenso munter, doch nicht so ganz frei wie zuvor.

Das mochte auch der Bäuerin nicht entgehen, denn sie ließ ihr Geschäft völlig ruhen und wandte sich ganz gegen das Mädchen hin. „So ’was ist leicht gered’t,“ sagte sie dann, „aber ich muß das schon gewiß wissen … Du hast mich in Dein’ Leben noch nie angelogen, Madel … schau’ mir einmal g’rad’ und ehrlich in’s Gesicht und sag’ Nein, wenn Du kannst … ich mein’, ich müßt’ Dir’s in den Augen ablesen, wenn Du mir die erste Lug’ sagen wollt’st … Na, wie ist’s?“ fuhr sie fort, da Tonerl einen Augenblick zu zögern schien. „Kannst’ mich net anschau’n?“

„O ja, Mutter, ich kann …“ erwiderte diese herzlich, indem sie die Rechte der Frau zwischen ihre beiden Hände faßte und herzlich drückte.

„Ich brauch’ mich also net zu ängstigen wegen Deiner?“ fragte diese entgegen. „Du hast nichts mit dem jungen Menschen? Hast Dir net das Maul machen lassen von ihm, denn das versteh’n sie dort, wo er daheim ist! Bis Unsereiner sich besinnt, was er sagen soll, reden sie uns in ein Mausloch hinein und auch wieder heraus! Er hat Dir nichts vorgeschwatzt?“

„Nein, Mutter, wahrhaftig net!“ rief Tonerl. „Ich thät’s sagen, wenn’s so wär’. Er ist alleweil freundlich mit mir und grüßt mich, wenn er mir begegnet … da muß ich ihn doch auch grüßen und kann nit entgegen grandig sein mit ihm! Und diemalen … da schwatzen wir halt miteinander, von allem Möglichen … es ist ihm gut zuhören, weil es ihm so flink von der Zung’ geht, und hat doch Alles, was er sagt, Hand und Fuß, wie sich’s gehört, und er – er unterhalt’t sich auch gern mit mir, er sagt, ich wär’ …“

„Nun, was wärst’ denn?“

„Er sagt …“ fuhr Tonerl stockend fort, „… ich wär’ so brav …“

„Das brauchst’ Dir net von dem jungen Windreißer sagen zu lassen! Was versteht der davon! Sei zufrieden, wann Dir’s Dein Gewissen sagt … Aber das ist doch gewiß nicht Alles?“

„O nein … er sagt auch, er hätt’s in sein’ Leben net für möglich gehalten, daß er sich mit einem Bauermädel so gut unterhalten könnt’ und – und …“

„Und? nur frisch heraus damit!“

„… Und daß, wer mich reden hört, in Ewigkeit net glauben sollt’, daß ich auf dem Land aufgewachsen wär’!“

„Da haben wir’s!“ rief die Bäuerin und schlug wieder die Hände zusammen, aber diesmal nicht im Scherze, sondern mit dem Anflug eines wirklichen Schreckens. „Also, daß Du so brav bist, hat er Dir gesagt? Und so gescheidt? Und so sauber auch? Sag’s nur, ich errath es doch …“

„Nein, nein …“ rief Tonerl, mit dunklem Roth übergossen … „das hat er mir nie gesagt …“

„Das net? Aber wohl ’was Anderes, das gerad’ so laut’t? … Besteh’ mir’s nur ein, Tonerl – jetzt muß ich Alles wissen, jetzt geht’s in einem Aufwaschen hin! Was hat er also gesagt, der preußische Er?“

„Aber, Mutter, wie kommst’ mir denn vor?“ rief Tonerl, welche auf einmal alle Befangenheit von sich warf und ganz ihren früheren heiter neckischen Ton wieder fand. „Du nimmst mich ja in’s Verhör, als wenn ich vor dem Schwurgericht steh’n thät’! Kennst’ mich denn erst seit gestern? Wenn Du so genau wissen willst, was er gesagt hat, warum fragst’ net auch um das, was ich geantwort’t hab’? Das wissen alle Burschen in der G’meind’, daß die Funkenhauser-Tonerl die dumme Dirn’ net ist, die sich [579] anplauschen laßt mit ein paar schöne Wörteln! Er hat wohl ein paar Mal anfangen wollen, von meiner Schönheit zu reden und von meine nußbraune Augen, aber ich hab’ ihm nichts drauf gegeben und hab’ ihn ausgelacht und hab’ ihm gesagt, er sollt’ seine Geckereien und Spergamenter aufsparen, bis er wieder heim kommt zu seine Berlinerinnen.“

„Na, ich muß’s wohl glauben, wenn Du so red’st,“ sagte sichtlich beruhigter die Bäuerin, „aber es ist mir justament net zuwider, daß unsere Sommergäst’ heuer ausbleiben, wie’s scheint – um die Zeit ist sonst allemal schon ein Briefel dagewesen als Quartiermacher. Für alle Fäll’, Tonerl, bleib’ bei Deiner Gesinnung und denk’, daß es mit Euch Zwei doch nie ’was Richtig’s werden könnt’, und zu ’was Unrichtigem – das weiß ich – ist sich die Funkenhauser-Tonerl viel zu gut und zu stolz!“

„Recht hast, Mutter,“ rief diese entschieden, „ich hab’ nichts mit ihm und will nichts von ihm haben … aber gut bin ich ihm, das leugn’ ich gar net, und warum sollt’ ich ihm das net in allen Ehren sein – Du glaubst net, was er für ein g’schmacher herziger Bue ist …“

„Ich glaub’s, o ich glaub’s übrig …“ sagte die Bäuerin, „aber ich bin schon zufrieden, wenn’s so bleibt! Für alle Fäll’ … ich sag’s nochmal … denk’ daran, daß er net Deines Gleichen ist – er ist aus einem weitentfernten, fremden Land – er hat einen anderen Brauch, eine andere Sprach’ und vor Allem – einen anderen Glauben, er ist ein Luttrischer … er ist ein Stadtherr, Du bist ein Bauernkind, und das ein richtig’s, und sollst ein richtig’s Bauernkind bleiben … Dein’ Bravheit, Dein’ Schönheit und Dein’ G’scheidtheit thäten net auslangen, wenn Du über den Bauernstand hinaus gehen wolltest aber für den Funkenhauserhof, für den Ambros und für mich, da hast gerad’ das richtige Maß!“

Mit dem letzten Grunde schien Tonerl nicht ganz einverstanden zu sein, aber sie kam nicht zur Erwiderung, weil die Bäuerin, die ihre Arbeit beendet hatte, aufstehend ihre Geräthschaften zusammenraffte. „Geh’ in die Kuchel, Tonerl,“ sagte sie, „und gieß’ die Suppen an, ich mein’ ich hör’ die Leut’ schon heimkommen, weil der Hund, der Sult’l gar so rebellt … Richtig, da ist ja der Ambros schon!“

Das Mädchen hatte die Brodschüssel ergriffen und wollte durch die Thür, an dem ihr entgegenkommenden Burschen vorüber, indem sie ihm zu flüchtigem Gruße zunickte.

„Hoho,“ sagte er, ihr leicht den Weg vertretend, „ist es gar so eilig jetzt auf einmal? So viel Zeit wirst doch haben, daß Du mein’ guten Morgen mitnehmen kannst?“

„Auch so viel, Ambros,“ entgegnete sie kurz und wollte weiter, aber Ambros, dessen Gesicht immer trotziger wurde, gab seine Stellung nicht so leichten Kaufes auf.

„Ist das Alles?“ sagte er. „Ich denk’, wie wir Zwei zu einander stehen, wär’s net zu viel, wenn Du Dir net jedes Wort so abkaufen ließest!“

„… Wie wir Zwei mit einander stehen?“ fragte Tonerl und wandte sich ihm zu. „Ja, wie stehen wir denn eigentlich mit einander? Für Vetter und Basel ist der Grüß-Dich-Gott wohl genug, und alles Andere ist noch in weitem Feld, mein’ ich!“

„Aha, ich merk’s wohl,“ rief Ambros spöttisch und ärgerlich, „Du bist heut’ wieder mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden! Vielleicht machst ein freundlicheres Gesicht, wenn ich Dir eine Neuigkeit bring’! Wie wir vorhin unten an der Straß’ gearbeit’ haben, ist der Postbot’ vorbei’gangen und hat mir ein Briefl gegeben für Dich!“

„Für mich? Von wem denn?“ fragte das Mädchen, indem sie das Briefchen verwundert zwischen den Fingern drehte. „Der kommt ja aus der Münchnerstadt, wenn ich mich anders in dem Zeichen recht auskenn’… Wer ist denn in der Stadt, der an mich schreiben sollt’?“

„Ha, närrische Dingin,“ rief die Bäuerin, die ebenfalls neugierig näher getreten, „ich thät den Brief halt aufmachen, da wird’s wohl drinnen stehen!“

Tonerl that es, faltete ein zierlich beschriebenes Blatt auseinander und sah zuerst nach der Unterschrift. „Windacher …“ las sie. „Ich kenn’ Keinen, der sich so schreibt …“

„Windacher? Sonst nichts?“

„Ja, da unten steht noch ’was im Eck,“ rief Toni und buchstabirte etwas mühsam einen Rechnungscommissär heraus. „Rechnungscommissär Windacher,“ fuhr sie kopfschüttelnd fort, „wenn unser Herrgott das Mannsbild net besser kennt, als ich, dann geht’s ihm einmal schlecht in der Ewigkeit!“

„Windacher?“ sagte bedächtig die Bäuerin und legte nachdenkend den Finger an die Nase. „Es ist mir doch, als wenn ich den Namen schon einmal gehört hätt’ … Richtig, es ist schon so! Der junge Herr, der im vorigen Jahr ein paar Mal zu uns heraufgekommen ist, der drunten gewohnt hat auf der Schweig’ bei der Hohenleutnerin, der, mein’ ich, hat einen solchen Namen gehab t… Aber was ist’s denn nachher mit ihm? Was will denn der Herr Commissari von Dir?“

Das Mädchen las: ,Geehrtes Fräulein’ … „Ah, das ist lustig,“ unterbrach sie sich lachend, „geht das an mich? Ich werd’ mich wohl in der Aufschrift verschaut haben! Aber nein, da steht ganz deutlich mein Nam’ … Antonia Funkenhauser … es muß doch wohl mich angehen …“

Unter allseitiger Spannung wurde der Brief zu Ende gelesen; er enthielt einen Heirathsantrag in aller Form. Der junge Mann schrieb und schilderte, wie er Tonerl gesehen und kennen gelernt und wie er nun, da er endlich die längst erhoffte Anstellung als Rechnungscommissär bekommen, das Glück seines Lebens darin zu finden glaube, wenn sie sich entschließen könnte, ihm ihre Hand zu reichen. Der Brief war in der Hauptsache recht klar und bündig geschrieben, es war nicht zu verkennen, daß der Schreibende nach Beruf und Art eine berechnende Natur war, aber mitunter fehlte es nicht an Bildern und überschwenglichen Redensarten, die gegen die Nüchternheit des übrigen Inhalts um so mehr abstachen, als man ihnen ansah, daß sie wie ein gesuchter Schmuck blos äußerlich angeheftet waren. Ein länger ausgeführtes Bild verglich die Schönheit des Haares der Erwählten mit der Kastanie, ihre Augen mit braunen Haselnüssen; ihre Lippen waren als rothe Kirschen und die Wangen vollends als zarte Pfirsiche gepriesen.

Ambros unterbrach ungeduldig die letzten Zeilen der Vorlesung durch lautes Spottgelächter. „Nun weiß ich freilich,“ rief er, „warum das Tonerl auf einmal gar so hoffärtig und kurz angebunden ist! Da wird das Fräulein wohl mit beiden Händen einschlagen, wenn sie eine gnädige Madam’ werden kann, mit einem Federhut und einem Schlepp und einem Reifrock dazu! Das ist freilich ein anderes Korn, als ein armseliger Bauernbursch! Der Commissari muß ein ganzer Kerl sein! Der versteht’s, wie man den Weibeten schön thun muß – der macht gleich einen ganzen Obstgarten aus Dir!“

Das Mädchen öffnete schon den Mund, um in gleichem Tone zu antworten, aber sie hielt inne und begnügte sich die Achseln zu zucken. „Jedenfalls,“ sagte sie, „ist es besser, als wenn er mich für ein Ackerland anschaut, von dem er die Ernt’ kaum erwarten kann … Nimm das Briefel, Mutter, heb’s auf und laß dem Herrn durch den Schullehrer schreiben … einen schönen Gruß von der Funkenhauser-Tonerl, und mit uns Zwei ist es nichts … Aber das siehst doch, Mutter,“ fuhr sie, der Bäuerin auf die Schultern klopfend, fort, „daß es kein Bauer ist, der angeklopft hat … Es muß das Maß doch ein bissel hinaus langen über den Funkenhauserhof!“

Sie ging; Ambros hatte sich an den Thürpfosten gelehnt und sah ihr mit brennenden Blicken nach, bis sie in der Küche verschwand. Es war ihm auch nicht zu verargen, wenn er die Augen von der anmuthigen Gestalt nicht loszubringen vermochte, die so sicher und mit so ruhigem Ebenmaße den Gang dahin schritt. Aber auch der Bursche konnte sich unbedenklich neben ihr sehen lassen; als Mann mindestens ebenso groß, war er zwar keine ansehnliche Erscheinung, weil er sehnig und beinahe hager gebaut war, aber in dem ganzen Körper lag ein angenehmes Verhältniß, aus seiner Haltung sprach Gelenkigkeit, aus seinem ganzen Gebahren das Bewußtsein überlegener Kraft. Damit stimmte auch die breite niedrige, von schwarzem Kraushaar umgebene Stirn, sowie das Paar dunkler Augen überein, aus denen Muth und Entschlossenheit funkelten, wenn auch unverkennbar mit heftigem Wesen und auflodernder Wildheit gepaart.

„Was war das für eine Red’, Bas’?“ wandte er sich nun fragend an die Bäuerin. „Was hat das heißen sollen von wegen dem Maß?“

„Wer wird darnach fragen!“ erwiderte diese ausweichend. „Weißt ja, was sie für allerhand Flausen im Kopf hat!“

„Das weiß ich freilich, aber eben deswegen sollt’ ihr’s die [580] Bas’ net angehen lassen … sie soll ihr die Flausen net leiden und soll ihr sagen, daß sie mit mir sein soll, wie sich’s gehört, und net so kurz und so voll Stacheln, wie ein Igel, von dem man net weiß, wo man ihn anrühren soll!“

„Laß mich damit in Ruh’, Ambros,“ rief die Bäuerin entgegen, „in so was misch’ ich mich net hinein! Du bist mir lieb und werth und bist mein nächster Gefreundeter, es ist mir also ganz recht, wenn Du auf den Hof einheirathen und Funkenhauser werden willst – aber einreden thu’ ich dem Madel nichts! Sie muß einmal mit Dir leben, sie muß Dich also mögen und muß Dich freiwillig nehmen… Thätst Dich net schämen, wenn Dich ein Weib Deinem Schatz erst aufdisputiren müßt’? Bist sonst überall voran, wirst wohl so viel Schneid’ haben, daß Du einem Madel unterm Brustfleck so warm machen kannst, daß es nimmer von Dir lassen will …“

Der Bursche erwiderte nichts, sondern biß sich auf die Lippen. Eben traten die Knechte und Mägde durch die hintere Thüre in’s Haus, sich die sonnenheißen Gesichter trocknend und der kühlen Wohnstube zueilend, in welcher bereits, von Tonerl aufgetragen, die Suppenschüssel auf dem großen Eßtisch dampfte. Das von dem Oberknechte vorgesprochene und von Allen ebenso eintönig wiederholte Gebet war bald zu Ende, aber Ambros lehnte noch immer am Thürgerüst; die Bäuerin, es gewahrend, blieb wie wartend stehen, und eben trat Tonerl wieder aus der Stube.

„Willst Du net hineingeh’n zur Morgensuppe?“ rief sie ihm flüchtig zu.

„Nein,“ antwortete er, „mir ist der Appetit vergangen …“

Ohne sich daran zu kehren, ging das Mädchen den Gang entlang; eine Magd, die sich etwas verspätet haben mochte, kam ihr fragend entgegen. „Wie ist’s,“ sagte sie, „soll das Herrenstübel heut’ noch ausgeräumt werden oder hat’s damit Zeit bis morgen?“

Eh’ eine Antwort erfolgen konnte, hatte Ambros sich hastig aufgerafft und stand neben ihnen. „Was ist’s mit dem Herrenstübel?“ rief er. „Warum soll mein Stübel ausgeräumt werden?“

„Ich weiß nicht davon,“ sagte die Bäuerin, „ich hab’s nicht angeschafft …“

„Ich hab’ es angeschafft,“ unterbrach sie Tonerl; „Du weißt ja, daß es jedes Jahr geschieht, wenn die Sommergäst’ kommen; in dem Stübel schlaft der Herr Günther …“

„So?“ rief Ambros, der bis in die Lippen hinein kreidenweiß wurde, „und wo soll ich denn schlafen?“

„Wo Du noch jedes Jahr während der Zeit geschlafen hast,“ entgegnete Tonerl, ohne seine Erregung zu beachten. „Drüben in der vorderen Kammer im Heustock …“

„Bei den Knechten?“ stieß Ambros grimmig hervor. „Freilich! Warum denn nicht? Ich bin ja auch nichts Anderes als ein Knecht … Aber ein Knecht hat auch das zu fordern, was ihm versprochen ist, und noch bin ich, so viel ich weiß, bei der Funkenhauser-Bäuerin im Dienst und net bei ihrer Tochter. Ist das der Bas’ recht? Leid’t das die Bäuerin?“

„Was ist da viel zu leiden!“ sagte diese gelassen. „Es ist alle Jahr’ so gewesen und ist nichts Besonderes dahinter. Es ist nur eine Voreiligkeit von der Tonerl, denn es ist ja noch gar net gewiß, ob unsere Gäste heuer kommen oder nicht!“

„Und wenn sie auch kommen,“ rief Ambros wild, „ich will ihnen net alle Mal Platz machen, denen hochmüthigen Leuten, die Einen immer über die Achsel ansehen, als wenn man schlechter wär’ als sie, weil man die Reden net so spitzig setzen kann! Das Herrenstübl ist einmal mein und ich seh’ net ein, warum das Preußigen, das siebengescheidte, nit auch einmal drüben im Heustock schlafen kann!“

„Siehst das net ein?“ fragte die Bäuerin und stemmte die Arme in die Hüften, „dann will ich Dir ein Licht aufstecken, daß Du besser siehst. Wenn die Fremden kommen, ziehst Du wieder in den Heustock hinüber, das sag’ ich Dir, weil ich, wie Du selber sagst, noch die Funkenhauser-Bäuerin bin und weil in meinem Haus’ Alles tanzen muß, wie ich’s will. Hast Du es jetzt verstanden?“

„Freilich wohl,“ sagte Ambros grimmig, „es ist ja deutlich genug! Jetzt seh’ ich gut, wie’s steht, und kann mich darnach richten … Na, wenn’s in dem Haus keinen Platz mehr für mich giebt, dann kann ich ja auch ganz und gar gehen!“

Tonerl hatte inzwischen die Thür zur Wohnstube zugezogen, damit die Dienstboten das immer lauter werdende Gespräch nicht hören sollten; jetzt trat sie wieder hinzu und hielt Ambros, der rasch enteilen wollte, mit kräftiger Hand an der Schulter fest.

„So?“ sagte sie und sah ihm fest und ruhig in das zornbebende Gesicht. „Du willst fortgehen wegen dem? So geh’ zu, aber merk’ Dir Eins, Ambros … bist draußen, so giebt’s für Dich keinen Gangsteig, der wieder auf den Hof führt! Ich halt’ Dich nicht auf; einem bockbeinigen Menschen, der wie Du seinen Trutzkopf aufsetzt wegen nichts und wider nichts, dem wird kein Hahn nachkrähen!“

Er wollte sprechen, sie ließ ihn aber nicht zu Worte kommen. „Du willst Funkenhauser werden?“ rief sie wieder. „Willst, daß ich Dich heirathen soll? Da mußt Du es schon anders anstellen, Du geschmerzter Bub’; auf die Manier wirst es kaum zuwegen bringen. Ich nimm’ kein’ Mann, wegen dem man sich schämen müßt’, weil er daher redt, wie ein klein’s Kind, das noch kein’ Verstand hat! Red’ jetzt, wenn Du einen vernünftigen Grund hast – sag’s, warum Du Dein Stübl nicht herlassen willst, wie alle Jahr’ …“

„Weil ich die Fremden net leiden kann,“ sagte Ambros stockend und mit Widerstreben, „weil es ein zuwideres Volk ist, das Einen über Alles ausfratschelt und dem man’s über’s Gesicht ansieht, daß sie nichts im Sinn haben, als sich lustig zu machen und über uns dumme Menschen zu spötteln! Weil ihnen hinten und vornen nichts recht ist und weil sie doch jedes Jahr wiederkommen wie die Maikäfer! … Und kurz und gut … ich hab’s gesagt und ich bleib’ dabei, wenn ich auf dem Funkenhauser-Hof nur noch so viel gelt’, als das Schwarze unter’m Nagel ausmacht, so kommt die preußische Sippschaft heuer nimmer in’s Haus!“

„Wie er sich anstellt!“ sagte die Bäuerin. „Wie er thut, wenn er die Leut’ alle miteinander net aussteh’n könnt’, und wenn sie da sind, ist er doch die Freundlichkeit und die gute Stund’ selber mit ihnen! Wie oft hast Du stundenlang die Fräul’n ’rumgeführt, – ich glaub’, Du hätt’st sie stundenweit getragen, wenn’s hätt’ sein müssen, und bist auf das höchste Gewänd’ am Kogel hinaufgestiegen, blos weil sie sich eingebildet hat, sie möcht’ einmal ein ganz frisches Edelweiß haben …“

„Ja die Fränl’n,“ sagte er, um Vieles milder, „bei der ist es was anders – die ist krank, mit der muß man Erbarmniß haben …“

„Das ist mir eine schöne Erbarmniß, die Du mit ihr hast!“ rief Touerl darein. „Du weißt, wie krank sie ist und daß sie nirgends gesund werden kann, als da bei uns, und aus lauter Erbarmniß willst Du sie nimmer in’s Haus lassen? Oder soll sie vielleicht allein bis aus Preußen zu uns herreisen? Oder …“ fuhr sie etwas langsamer fort, indem sie ihm mit den Augen in’s Herz zu bohren schien, „hast Du vielleicht einen andern Grund, den Du selber nicht eingestehen magst?“

Ambros sah schweigend zu Boden; er kämpfte mit sich selbst, ein Wort nieder zu ringen, das sich ihm wieder und wieder auf die Zunge drängen wollte – es gelang ihm; er blickte ruhiger auf und gewann es über sich, in gelassenem Tone zu antworten. „Kannst Recht haben, Tonerl,“ sagte er, „ich will nachgeben; aber wer ist denn schuld daran, wenn mir die Geduld reißt und die Gall’ übergeht? Niemand als Du! Warum vergönnst Du mir nicht einmal ein kleinleiziges Wörtel zum guten Morgen und nickst mir nur so von der Seiten zu, wie einem landfremden Menschen? Warum bist Du alleweil so auf der Höh’ mit mir und weißt doch, daß Du mich um den Finger wickeln kannst mit einem einzigen freundlichen Wort?“

„Na, wenn Du weiter nichts verlangst,“ rief Toni lachend, „das kannst Du haben, und eine Hand dazu! Willst hernach,“ fuhr sie fort und streckte ihm die Rechte entgegen, „Dein Stübl ausräumen und die Preußen, wann sie kommen, net hinauswerfen aus dem Hof?“

„Auf dem Buckel will ich sie herein tragen!“ rief er und schlug fröhlich ein. „Heut’ noch richt’ ich mir selber die Liegerstatt auf dem Heustock ein!“

„So ist’s recht!“ entgegnete Tonerl. „So könntest Du mir bald anfangen zu gefallen! Siehst Du’s, Mutter, so muß er sein; also red’ ihm zu, wenn Du haben willst, daß es bald eine Hochzeit giebt … Wer weiß, was im Herbst geschieht, wenn der Sommer gut vorübergeht!“

(Fortsetzung folgt.)
[581]

Der neue Hofmeister.
Nach einem Oelgemälde von C. Franz.



Der Höhenmesser in der Tasche.
Skizze aus den Salzburger Alpen.       Von Wilhelm Seyfferth.

Bei meinen öfteren Reisen nach der Schweiz und Tirol führe ich ein Aneroïdbarometer und ein Thermometer bei mir, um die Steigungsverhältnisse der Eisenbahnen und die Höhen der Gebirge, die ich besuche, zu messen und die erlangten Resultate mit den Angaben der Reisehandbücher zu vergleichen. Der wesentlichste Theil eines solchen Aneroïdbarometers besteht in einer luftleer (griechisch anaërios – daher der Name) gemachten dünnwandigen Metallkapsel. Diese elastisch federnde Kapsel wird bei Veränderungen des von außen auf ihr lastenden Luftdruckes in ihrer Form verändert, und um diese Veränderungen recht groß zu machen, giebt man ihr eine hierzu möglichst geeignete Gestalt, z. B. die einer Spirale. Durch ein kleines Hebelwerk werden alsdann diese Veränderungen auf einen Zeiger übertragen, der sich auf einem getheilten Gradbogen bewegt und hierdurch eine Messung der Druckveränderungen gestattet. Der große Vorzug dieser Art von Barometern vor den gewöhnlichen, bei welchen bekanntlich die Größe des Luftdruckes durch die Höhe einer Quecksilbersäule gemessen wird, besteht in ihrem außerordentlich kleinen Umfang und der dadurch bedingten Möglichkeit, sie ähnlich einer Taschenuhr stets bei sich zu führen.

Befinden wir uns in der Ebene, gleichsam auf dem Grunde des gewaltigen Luftmeeres, welches unsere Erde von allen Seiten bis zu einer gewissen Höhe umgiebt, so muß offenbar der Druck der Luft auf die Metallkapsel des Aneroïdbarometers ein größerer sein als auf dem Gipfel eines Berges; denn hier sind wir gewissermaßen der Oberfläche jenes Meeres näher, und es ist folglich die Luftsäule, welche auf der Metallkapsel lastet, eine um so viel kürzere, als der Gipfel des Berges jener Oberfläche näher ist als sein Fuß. Wäre nun die Luft nicht elastisch und würde daher durch ihr eigenes Gewicht nicht zusammengedrückt, so müßte sie auf dem Gipfel des Berges ebenso dicht als am Fuße sein, und dann würde man aus der am Barometer beobachteten Druckdifferenz [582] durch eine sehr einfache Rechnung sofort die Höhendifferenz finden können. Da diese Gleichheit der Dichtigkeit aber bekanntlich nicht stattfindet, so ist die Berechnungsart keine so einfache und erfordert die Anwendung von mathematischen Formeln, in welchen auch die Temperatur der Luft berücksichtigt wird. Natürlich kann diese Art von Höhenbestimmungen nur unter der Voraussetzung annähernd genaue Resultate liefern, daß sich der atmosphärische Druck während der Zeit, welche man gebraucht, um einen gewissen Höhenunterschied zu erreichen, nicht verändert.

Die früheren Instrumente dieser Art, wenn man von ihnen eine genügende Genauigkeit verlangte, waren oft ihrer Größe wegen unbequem und wurden im wirklichen Hochgebirge bei acht- bis zehntausend Fuß unzuverlässig. Auf Piz Ot in Graubünden, bekanntlich zehntausend Fuß hoch, ist mir der Mechanismus eines kleinen Aneroïd ganz untauglich geworden. Einer meiner Freunde, mit dem ich darüber gesprochen hatte, fand nun auf der Pariser Ausstellung ein von J. und R. Beck in London ausgestelltes Aneroïd in Uhrform, welches in Bezug auf die Vortrefflichkeit seiner Construction, wie auch auf das Zweckmäßige der Theilung, die ein directes Ablesen der Höhendifferenzen gestattet, für die angegebene Gebrauchssphäre wenig zu wünschen übrig läßt. Er schickte mir ein solches Instrument nach Gastein, wo ich meine Sommerferien verbrachte, und natürlich trat ich sofort mehrere Wanderungen mit demselben an.

Das mit einem silbernen Gehäuse versehene Instrument hat einen Durchmesser von fünfzig Millimetern, eine Dicke von vierzehn Millimetern, ist also von demselben Volumen wie eine etwas starke Ankeruhr und ganz bequem mit seinem Futteral in der Westentasche zu tragen. Unabhängig von dem Werke, dessen Einrichtung denen aller andern Aneroïden entspricht, ist das Zifferblatt, welches die Scala trägt, um seinen Mittelpunkt drehbar, und es geschieht die Einstellung auf die Höhe eines Normalquecksilberbarometers für den jedesmaligen Beobachtungsort nicht wie gewöhnlich durch Anziehen oder Lösen einer Stellschraube, welche direct auf die hohle Metallröhre wirkt, sondern durch Verschieben der Scala selbst. Daraus erwächst freilich eine Fehlerquelle, insofern nämlich demselben Extensionswinkel der Röhre unter sonst gleichen Umständen Scalentheile von verschiedener Länge als Maßstab untergelegt werden, indessen ist der Fehler nicht von größerer Bedeutung, als ihn die schon erwähnte andere Correctionsweise durch die Schraube auch darbietet, ja er könnte sogar bei dem Beck’schen Aneroïd, falls die Aneroïde überhaupt zu streng wissenschaftlichen Beobachtungen in allen Fällen geeignet, leicht durch die Rechnung beseitigt werden.

Die Marke, welche den Stand des Aneroïds zur spätern Vergleichung mit der spielenden Nadel dauernd notirt, ist an dem das über dem Zifferblatt befindliche Glas tragenden Ringe angebracht und mit diesem beweglich. Die Scala endlich ist eine doppelte, ein Mal den Barometerstand in englischen Zoll anzeigend und das andere Mal die diesem Barometerstande entsprechende Erhebungshöhe über dem Meeresspiegel angebend. Die letztgenannte Theilung befindet sich am äußern Rande des Zifferblattes, die erstgenannte in einem concentrischen Kreise dem Mittelpunkte zu. Beide sind in Zehntel, die Theilung in Zolle noch in Zwanzigstel abgetheilt, so daß man die Höhenangabe direct bis auf hundert Fuß Höhendifferenz angezeigt findet, durch Schätzung aber, und zumal wenn man sich daran gewöhnt, die daran stoßende Zollscala als Nonius (Gradtheiler) zu benutzen, leicht noch hiervon den zehnten Theil ablesen und also Höhenangaben bis zu zehn Fuß genau mit Hülfe des Beck’schen Instrumentes ausführen kann. Was die von der Ausführung des Mechanismus abhängige Empfindlichkeit anbelangt, so leistet dasselbe wohl ebensoviel wie die ungleich größeren Instrumente, die man bisher zu derartigen Beobachtungen allein zur Verfügung hatte. Es läßt sich nicht leugnen, daß bei einem so kleinen Instrument der Wärmeeinfluß, besonders wenn man es in der Westentasche trägt, leicht stören kann, daß man also die Nadel immer erst im Freien sich setzen lassen muß, sowie daß überhaupt ganz correcte Messungen schwieriger werden als mit einer größeren getheilteren Scala, daß es also mehr zum Vergnügen und zur Unterhaltung des Touristen dient, welcher schnell wissen will, wie hoch er gestiegen ist, in welcher Höhe die Schneeregion anfängt, in welcher Baum- und Pflanzenwuchs sich verändern, in welcher besondere Gebirgspflanzen vorkommen etc. Hierzu genügt aber das Beck’sche Instrument vollkommen, und wirkliche Messungen werden auch bis zu einer befriedigenden Genauigkeit gelingen, wenn man beständiges Wetter hat und das Instrument bei jedem längern Ruhepunkt sorgfältig wieder stellt. Ich glaube daher, den Apparat im allgemeinen Interesse den Freunden von Gebirgstouren warm empfehlen zu dürfen. – Zunächst stellte ich in der Nähe von Gastein, dem bekannten Wildbade im Salzburgischen, einige kleinere Versuche damit an und sobald ich die Brauchbarkeit des Instrumentes erkannt hatte, beschloß ich, es auf einem der höchsten Berge der Gegend, dem Ankogl, zu erproben. Die Partie wird von Gastein aus selten gemacht, obschon sie sehr lohnend und nicht mit ungewöhnlichen Schwierigkeiten verbunden ist. Sie bietet, wie aus der nachstehenden Beschreibung hervorgeht, des großartig Schönen und Interessanten so viel, daß es wohl der Mühe werth ist die rüstigen Bergsteiger darauf aufmerksam zu machen.

Wenn uns der Salzburger Lohnkutscher mit dem unvermeidlichen Vorspann von Lend den steilen Hang hinaufgeführt hat in die wunderschöne Klamm, wo die Ache sich schäumend ihr Bett tief unter uns gegraben hat und die Straße sich hoch am Felsen hin nach dem Gasteiner Thale senkt, sieht man von den letzten Höhen vor dem Marktflecken Hofgastein den Ankogl mit seinen Gletschern liegen; bald aber, wo der Weg hinüberführt nach der Schweizerhütte, einem Vergnügungsort der Gasteiner Badewelt, auf das linke Ufer der Ache, verschwindet der höchste Gipfel des Gasteiner Gebirges, gedeckt vom Gamskahr, Graukogl und dem Rathhausberge, die das Wildbad unmittelbar umgeben.

Von einem alten Sägemüller in der Nähe, der früher selbst ein tüchtiger Bergsteiger gewesen, war mir ein ehemaliger Bergknappe und jetziger Zimmermann, Namens Joseph Rick, als Führer empfohlen worden. Es war ein strammer Bursche, und mit ihm besprach ich, daß er, wenn das Wetter schön bliebe, mit zwei Trägern nebst den erforderlichen Stricken, Steigeisen und Kraksen (Tragen) bei mir eintreffen solle. Das Wetter hielt aus; ein lieber Freund, der mich begleiten wollte, ordnete mit mir, was wir von Proviant, Decken und sonst mitzunehmen gedachten, unsere Mannschaft erschien, theilte sich in die Last, und Nachmittag drei Uhr wanderten wir fröhlich im Böcksteiner Thale hin, dem Anlaufthale zu, in dessen Kessel die Radeckhütten liegen, wo wir heut übernachten wollten.

Schmal beim Eintritt in dasselbe, öffnet sich das Anlaufthal bald zu einer breiten Wiese, von hohen Felswänden und fichtenbewaldeten Hängen umgeben. Am südlichen Hange kommt der Hienkahrbach als schäumender Wasserfall herunter, wo der Weg über die lange Wand nach Kärnthen führt, dann tritt man in lichte Fichtenwaldung, in der kleine Wiesen zur Ruhe laden. Bald beginnt das Thal sich zu heben, der Triftweg wird steinig, die Thalhänge rücken näher zusammen und der Anlaufbach drängt sich durch Felsen schäumend an uns vorüber. Schärfer bergan geht der Weg über eine Brücke nach dem rechten Ufer, und hoch vom Felsen herunter stürzt ein anderer Wasserfall, den der Traunbach da bildet, wo ein anderer Weg, von den Hirten der Römersteig genannt, am Todtenstein hinauf nach dem Mallnitzthale führt. Noch einige hundert Schritte weiter, und um einen Felsenvorsprung biegend sieht man den Ankogl vor sich, den Kessel des Thales schließend. Ein kahler, schroffer Felsenkegel, von Gletschern und Schneefeldern umgeben, erhebt er sich aus dem Gebirgsrücken, der zu beiden Seiten noch ähnliche niedrigere Kuppen bildet.

Bei den obersten Radeckhütten, wo der Felsenkessel des Ankogl, ein starres Bild der Einsamkeit, dicht vor uns liegt, erwartete uns ein österreichischer Alpenfreund, um Tags darauf die Partie mitzumachen; er hatte den bekannten Bergführer und Botaniker Freiberger nebst einem Träger für das Gepäck mitgebracht. Die untergehende Sonne warf ihren röthlichen Glanz auf den Gipfel des Berges und ein fernes Wetterleuchten zuckte über die Höhen als Vorbote des nahenden Gewitters. Wir theilten uns mit den Führern in die beiden Hütten, indem wir ihnen die ein paar hundert Schritte tiefer liegende allein überließen, und richteten ein Heulager im Kuhstalle her, der, von der Heerde verlassen, weil sie zu der Zeit im Freien übernachtet, ein famoses Schlafzimmer abgab. Der bekannte Straubinger Platz im Wildbad liegt dreitausend dreihundert und fünfzehn Fuß über Meeresfläche, das Aneroïd gab die Höhendifferenz von da bis zur Hütte mit zweitausend einhundert Fuß an, daher Höhenlage der Hütte über Meeresspiegel fünftausend vierhundert und fünfzehn Fuß. Die Sennerin hatte kochendes Wasser am Heerde geschafft [583] zum Thee, den wir in einem Häfele – Kochtopf – brauten, frische Butter gab es auch, Brod und kaltes Fleisch hatten wir mitgebracht, das Souper ließ also nichts zu wünschen übrig, nur die schwarzen Wolken, welche von Böckstein heraufzogen, waren störend. Bald auch rollte und donnerte es um uns herum, der Regen fiel in Strömen, und während der Rauch sich mühsam einen Ausweg aus unserem Salon am Heerde suchte, fanden die Regentropfen leichten Eingang durch die morschen Schindeln der Hütte.

In sehr gedrückter Stimmung und mit wenig Hoffnung für den nächsten Morgen, suchten wir unser Heulager auf. Zu meiner großen Freude aber sah ich, gegen zwei Uhr erwachend, Sternenlicht durch die Ritzen der Stallthür schimmern. Die Morgentoilette war bald gemacht, ich trat in’s Freie, und über mir wölbte sich ein reiner, heller Himmel, in dessen dunklem Blau die Sterne so lustig funkelten, als ob gestern Abend gar kein Gewitter gewesen wäre.

Schon rauchte der Heerd der Sennerin zum Kaffeekochen; ich weckte die Anderen. Dunkle Gestalten kamen den Hang herauf, es waren die Führer und Träger aus der unteren Hütte, und kurz vor drei Uhr, noch im Dunkeln, setzte sich unsere kleine Karawane in Bewegung. Ich hatte natürlich die bewegliche Marke am Aneroïd correct gestellt; das Thermometer zeigte + fünf Grad Réaumur.

Als wir über spärlich berastes Gestein am nördlichen Hange des Gebirgs hinaufstiegen, graute der Morgen und die ersten Strahlen der Sonne beleuchteten die Spitzen der Berge. Etwa eintausend einhundert Fuß über der Hütte, also bei sechstausend fünfhundert und fünfzehn Fuß Meereshöhe zeigten sich noch einzelne Pflanzen; wenig höher verlor sich alle Vegetation, und es begann ein Klettern über loses Geröll von Schiefern, die im wildesten Durcheinander, groß und klein, locker geschichtet die ganze Fläche des Hanges bedeckten. Wenn man nicht sorgfältig festen Fnß faßt, geräth das Gestein in Bewegung und poltert in Sätzen den Hang hinunter. Rippenartige Erhöhungen, wie alte Moränen, lassen es wahrscheinlich erscheinen, daß der Hang vergletschert gewesen ist; die Schiefer sind von grünlicher und brauner Farbe mit weißen Quarzadern, Glimmer und kleinen Bergkrystallen durchsprengt, nach denen die Führer emsig suchten.

Drei Stunden waren wir unterwegs, als wir das erste Schneefeld erreichten – das Aneroïd zeigte Differenz von der Hütte zweitausend siebenhundert fünfunddreißig Fuß, wir waren also, mit Hinzurechnung der Hüttenhöhe von fünftausend vierhundert und fünfzehn Fuß, bereits achttausend einhundert und fünfzig Fuß über der Meeresfläche und marschirten, nachdem wir die Steigeisen angelegt hatten, auf dem noch harten Schnee wie auf Parquet, im Vergleich zu dem mühsamen Klettern im Geröll, bequem aufwärts.

Mit geringer Unterbrechung konnten wir bis zur Kärnthner Schneide Schneefelder benutzen, die bei ihrer wenig steilen Lage es uns möglich machten, in etwa einer Stunde diesen Rücken zu erreichen. Von dem Gletscher, den wir nach der Angabe früherer Besteiger passiren sollten, war nichts mehr zu finden. Auf dem festen Firn des Rückens machten wir Rast, lagerten uns bei einer wundervollen Temperatur von + vierzehn Grad Réaumur und erleichterten die Träger um einige Flaschen Rothwein und sonstigen Mundvorrath. Das Aneroïd zeigte von der Hütte eine Höhendifferenz von dreitausendachthundertfünfundsechszig Fuß; mithin einschließlich der Hüttenhöhe von fünftausendvierhundertfünfzehn Fuß lagerten wir neuntausendzweihundertachtzig Fuß über der Meeresfläche.

Schon während des häufigen Rastens auf dem Hange waren uns im Norden und Westen die Pinzgauer und Kärnthner Hochgebirge aufgetaucht, das Wießbachhorn, der Venediger, der Großglockner, hohe Aar und Schareck. Jetzt, nachdem wir auf der niedrigsten Einsattelung den Gebirgskamm erreicht hatten, der sich vom Mallnitzer Tauern nach dem Ankogl hinzieht, bildete dessen Felsengrat einen herrlichen Vordergrund dieser Umsicht, und auf der andern Seite lag das grüne Mallnitzer Thal unter uns, auf das wir über die Firnfelder und Gletscher des südlichen Hanges hinabsahen. Im Osten stand die hohe Felsenpyramide des Ankogl vor uns, die wir auf dem schmalen Grate, welcher die Gletscher des Berges trennt, erreichen wollten.

Nur schwindelfreie Steiger können diesen Grat, der höchstens drei Fuß breit ist, gefahrlos passiren, denn ist auch auf der einen Seite, nach dem Anlaufthale zu, die steile Wand des Grates nur fünfzig bis achtzig Fuß, so gähnt nach dem Mallnitzerthale zu ein Abgrund von Tausenden.

Wir brauchten zwanzig Minuten, um diesen gefährlichen Rücken vorsichtig, zum Theil mit Benutzung des Seiles zu passiren, was besonders deshalb räthlich war, weil die Schieferplatten hier zwar größer als auf dem Hange sind, aber doch auch nicht fest liegen, leicht in’s Rutschen kommen und dann in lustigen Sätzen in die Tiefe stürzen. Näher dem Ankogl reicht der Firn seines Gletschers auf den Gebirgsrücken herauf, und da wird er dann auch breiter und leicht zu passiren. Am Fuße des eigentlichen Kogls selbst, den wir eintausend Fuß schätzten, beginnt die Kletterpartie nach dem Gipfel; Führer Rick ging recognoscirend voran. Man glaubt kaum, daß es möglich sei, die durcheinander geworfenen Felsblöcke, welche sich steil aufthürmen, zu überwinden, und dennoch findet der Fuß von Stein zu Stein Raum sich festzustemmen. Immer höher und höher klimmend, standen wir endlich glücklich auf dem Gipfel des Riesen.

Es war halb elf Uhr geworden, wir hatten also von der Hütte sechs und eine halbe Stunde gebraucht, allerdings mit häufiger Rast und Umschau. – Der Gipfel ist ein von West nach Osten gekrümmter schmaler Rücken, etwa vierzig Fuß lang und abwechselnd zwei bis sechs Fuß breit, nach der Tiefe steil abfallend. Man erkennt an ihm die zersetzende Thätigkeit der Natur, denn von allen Seiten sind Abrutschungen bemerkbar; das zerklüftete Gestein bewegt sich fast bei jedem Fußtritt, und nirgends steht fester Fels zu Tage.

Von unserem Lagerplatze auf der Kärnthner Schneide gab das Aneroïd bis zum Gipfel eine Höhendifferenz von neunhundertfünfzig Fuß an – hierzu Differenz von der Hütte dreitausendachthundertfünfundsechszig Fuß und die Radeckhüttenhöhe fünftausendvierhundertfünfzehn Fuß macht ein Total von zehntausendzweihundertdreißig Fuß über der Meeresfläche. Die mir bekannten Angaben über die Höhe des Ankogl schwanken zwischen zehntausendzweihundertfünfzehn und zehntausendzweihundertneunzig Fuß, die Messung kann daher als hinreichend genau betrachtet werden. Sie war allerdings dadurch in hohem Grade begünstigt, daß das Wetter von früh drei Uhr, wo wir die Radeckhütten verließen, gleich schön und der Himmel wolkenfrei geblieben war. Das Thermometer zeigte vierzehn Grad Réaumur im Schatten und sechsundzwanzig in der Sonne; es regte sich kein Lüftchen und eine so milde sommerliche Temperatur herrschte, wie man sie selten in einer solchen Höhe findet.

Die Umschau war wunderbar schön und großartig; wie eine Landkarte lagen die Gebirge und Thäler zu unseren Füßen. Viele der großen Herren, die, vom Thale gesehen, uns als höchste Gipfel erschienen wären, sind niedrige Hügel geworden, auf die wir hinabsehen wie auf ein Basrelief, welches in einer Schaubude gezeigt wird, nur daß der Ausrufer mit dem Bambusstöckchen fehlt, um auf die einzelnen Gipfel zu zeigen und sie zu nennen; aber die Stubayer und Oetzschthaler Firnen in Tirol, deren Gipfel von ein- bis dreitausend Fuß höher sind als der Ankogl, auf dem wir stehen, treten aus dem Meere von Bergen, welches nach Tirol zu vor uns liegt, wie zwei hohe Felseninseln mit ihren schneebedeckten Häuptern hervor, Alles überragend, ein eigenthümlicher großartiger Anblick. – Im Norden liegen die Berge des Salzkammergutes, der Ewige Schnee, das Tännengebirge, dann die Pinzgauer, denen sich die Berge von Kärnthen und die des Naßfeldes anschließen.

Ein kleines Stück der grünen Gastein mit dem Markte Hofgastein und seinem Kirchthurme ist zwischen dem Rathhausberge und Gamskahrkogl sichtbar; dasselbe Stück, von wo aus man bei der Fahrt nach dem Wildbade den Ankogl sieht. In seiner ganzen Länge aber liegt das schöne Anlaufthal vor uns, winzig klein unter uns die Radeckhütten, wo wir übernachtet haben. Nach Westen hin zieht sich der Gebirgsrücken, aus dem der Ankogl aufsteigt, bis zum Mallnitzer Tauern; an dessen Fuße liegt das Städtchen Mallnitz im freundlichen Thale. Im Süden uns dicht gegenüber erhebt sich majestätisch der schneebedeckte hohe Saulek, seine Gletscher begegnen sich im Thalkessel, den beide Berge bilden, mit dem des Ankogl, dem Elendskahr, der am südlichen Hange in’s Thal reicht und dem sich nach Osten hin der Tischlerkahr von der Höllenthorspitz im Lötschachthal anschließt.

Die Führer hatten Schieferplatten zu Tisch und Bänken zusammen [584] getragen, auf denen wir uns lagerten und unseren Vorrath von Proviant ausbreiteten.

Mittlerweile suchte Freiberger nach Flaschen und Karten früherer Besteiger, fand aber nur Scherben, was natürlich ist, weil sich die einzelnen Schieferplatten des Gipfels so gesetzt und bewegt haben müssen, daß das als Signal aufgerichtete Steinmännl die Flaschen zerdrückt hat. Dennoch senkten wir, wie üblich, unsere Karten in eine der leeren Flaschen, verewigten darauf mit Bleistift auch die Namen unserer Führer und Träger und vertrauten wohlverkorkt die Flasche dem Steinmännl an, zum Gruß an die künftigen nächsten Besteiger des Berges. Als Flaggenstock diente der längste unserer Alpenstöcke, an dem Rick eine Jacke festgebunden hatte, denn die Luft blieb so mild und unbewegt, daß wir die Röcke nicht vertragen konnten.

Allmählich ward indeß der Druck der Sonnenstrahlen in der dünnen Luft, trotz der Schirme, unerträglich; wir empfanden fast Alle mehr oder weniger eine gewisse Mattigkeit und rüsteten uns daher nach einem Verweilen von etwa zwei Stunden zum Aufbruch. Zwei unserer Träger sandten wir zunächst voran, um beim Heruntersteigen die ganz losen Schieferstücken abzurollen und uns auf diese Weise einen festeren Steig zu schaffen; dann traten wir selbst in größeren Entfernungen den Rückmarsch an, um durch rollendes Gestein uns nicht gegenseitig überraschen zu lassen. So gelangten wir bald und bequemer, als wir es erwartet hatten, an den Fuß des Kegels, schlugen aber hier, den schmalen Grat vermeidend, den nähern Weg über den Firn und die damit in Verbindung stehenden Schneefelder des Ankoglgletschers ein. Zum Theil auf dem weichgewordenen Schnee gleitend, vom Alpstock gestützt, erreichten wir das Ende der Schneeregion schneller, als dies über die Kärthnerschneide möglich gewesen wäre.

Dabei hatte ich Gelegenheit, eine Folge der Gletscherbewegung zu beobachten, wie ich sie bisher noch nirgends wahrgenommen hatte. Wir wurden nämlich auf den Schneefeldern, die wir passirten, von einzelnen rollenden Schieferstücken belästigt; sie kamen von der Moräne des an den steilen Hängen des Ankogl und zum Theil auf der Abdachung der Kärnthnerschneide liegenden Gletschers, dessen oberes Firnfeld wir überschritten hatten. Er zieht sich etwa dreitausend Fuß lang in einer abwechselnden Breite von zwei bis dreihundert Fuß in steiler Lage nach dem Thale hinunter, seine Oberfläche ist vom Schiefergeröll, welches der Ankogl ihm sendet, schmutzig grau und in seiner Moräne ein fortwährendes Poltern und Rollen der Schiefer bemerkbar. Die sehr schräge Lage des Gletschers und die ungemein warme Temperatur schienen das ungewöhnlich rasche Bewegen des Eises zu verursachen, die lockeren Schiefer seiner Moräne wurden von ihm geschoben und stürzten zu beiden Seiten krachend und zerschellend in’s Thal. Es war höchst interessant, diesem fortwährenden Steintanze zuzusehen, mit dem sich der Gletscher jeden näheren Besuch ernstlich zu verbitten schien. Thalwärts war er zum Theil völlig geborsten, und große Eisblöcke hatten sich von ihm getrennt, die natürlich im Schmelzen begriffen waren.

Hiernach scheinen die Nordhänge des Ankogl allmählich gänzlich gletscherfrei zu werden, denn auch dieser noch allein übrige Gletscher des Hanges befindet sich auf raschem Rückzuge.

In vier und einer halben Stunde, vom Gipfel gerechnet, sahen wir die Radeckhütten wieder vor uns und fanden den Kaffee, den die Sennerin uns bereitete, vortrefflich, obschon er eigentlich mit dem Mokka nicht viel gemein hatte. Der Rückweg durch das reizende Anlaufthal erschien uns wie eine Erholung; am Tauernfall, wo der Ankogl verschwindet, nahmen wir Abschied von ihm, und kurz nach sieben Uhr saßen wir am Gehöft des sogenannten Patschke-Bauer, zehn Minuten vom Wildbad entfernt, beim Sanct-Johanner-Biere, welches die Bäuerin frisch vom Fasse zapfte.




Aus dem Leben eines Verbannten.
Von Daniel von Kászony.

Zu den Männern und Führern in großen Völkerbewegungen, welche von den verschiedenen Parteien entweder mit Koth beworfen, oder bis über die Wolken erhoben worden sind, gehört auch Ludwig Kossuth, der ehemalige Gouverneur Ungarns. Es kann nicht meine Absicht sein, den Lesern eine Biographie Kossuth’s darzubieten, ist doch dessen Wirken und namentlich die Rolle, welche er in den Märztagen von 1848 gespielt hat, allgemein bekannt. Auch enthalte ich mich jedes Urtheils über Kossuth’s neuere und neueste politische Agitationen, ich will nichts weiter als, wie es ja die Ueberschrift der Skizze darthut, einige Züge aus dem Leben des Verbannten zeichnen, wie ich solche zum großen Theile als Augen- und Ohrenzeuge wahrzunehmen Gelegenheit hatte.

Nach der Waffenstreckung Görgey’s bei Világos am 13. August 1849 floh Kossuth nach der Türkei, wo er zwei Jahre zu Kjutahia in Kleinasien internirt blieb. Seine Gattin folgte ihm dahin ebenfalls; seine Mutter, seine Kinder und seine Schwestern blieben zeitweilig gefangen in Ungarn. Im October 1851 kam Kossuth nach England und reiste von da nach Nordamerika. Nach seiner Rückkehr im Spätsommer 1852 ließ er sich in London häuslich nieder.

Hier hatte ich selbst oftmals Veranlassung, mit ihm zusammen zu treffen, ich diente ihm sogar im Jahre 1858 als Secretär, zur Zeit des Demokratencongresses zu London. Er benutzte mich hierzu wegen meiner ausgebreiteteren Sprachkenntniß und weil er meiner Discretion sicher war.

Kossuth arbeitete täglich von Morgen sechs Uhr bis spät in die Nacht hinein; er stand in Briefwechsel mit Victor Hugo, mit dem nordamerikanischen General Caß, mit den französischen Generalen Bedeau, Leflos und dem Obersten Charras in Brüssel, mit Nicolaus Kiß, seinem politischen Agenten in Paris, mit dem Oberst Bangya in Tscherkessien und anderen Häuptern der Volkspartei. An Freitagen ließ er Niemanden vor, weil dies der Tag der Correspondenz mit den Amerikanern war. Es war überhaupt nicht leicht, Zutritt zu ihm zu erlangen, eine ihn umdrängende Camarilla wußte den Eingang zu erschweren. Zuweilen traf man ihn im Kensingtongarten oder im Regentspark, und da war’s eigentlich allein möglich, offen mit ihm zu sprechen.

Kossuth’s Tisch war ebenso einfach wie seine Kleidung. Er trug stets dunkle Röcke und Beinkleider und einen niedrigen sogenannten Kossuthhut, wie dieser während seines Aufenthaltes in New-York zur Mode geworden war. Auch seine Gattin trug sich sehr einfach, gewöhnlich ganz schwarz, nur für Vilma’s, der Tochter, Toilette sorgten ihre Eltern besser; sie war stets nach der neuesten Mode und sehr geschmackvoll gekleidet.

Von den drei Kindern Kossuth’s war Vilma unstreitig das talentvollste und stets ein munteres, liebenswürdiges, anspruchloses Mädchen. Vilma, nebenbei bemerkt, eine wahrhafte Virtuosin am Piano, war eine kleine schlanke Brünette, mit funkelnden Augen, hatte ein kurzes, schmales Näschen und blutrothe etwas aufgeworfene Lippen mit wunderschönen weißen Zähnen. Sie war keine blendende Schönheit, doch konnte man sie nicht sehen, ohne von ihrer Anmuth eingenommen zu sein. Dazu besaß sie die schöne, klangvolle Stimme ihres Vaters und auch ganz sein Gemüth, nur ohne die Anwandlungen von Melancholie, zu welcher die Schicksalsschläge diesen oft herabstimmten. Wie sie sein Leibtöchterchen war, so schmiegte auch sie sich ihm besonders zärtlich an, während die beiden Söhne, wenn sie ein Anliegen an die Eltern hatten, sich eher an die Mutter wandten. Vilma hatte, wie es die Aerzte zu nennen pflegen, einen habitus phthisicus, d. h. ihre Körperbeschaffenheit neigte sich der Schwindsucht zu, und ihr junges Leben blühte auch bald ab.

Von den beiden Söhnen war der ältere, Franz, ein bescheidener Jüngling, der etwas schwerer lernte als Ludwig, jedoch die gelernten Gegenstände besser im Gedächtnisse behielt, als der mit einem schnelleren Fassungsvermögen begabte jüngere Bruder.

Eine Abendgesellschaft im Hause Kossuth’s war etwas sehr Seltenes; Kossuth entschloß sich schwer zu dergleichen, nicht aus Menschenscheu oder Ungeselligkeit, sondern weil schon die Vorbereitungen dazu ihn aus seiner Ruhe, aus seinen Gewohnheiten störten und weil Frau von Kossuth bei solchen Gelegenheiten frühzeitig [585] im ganzen Hause das Oberste zum Untersten kehrte. Alle Zimmer wurden dann gelüftet, damit der Tabaksdampf sich verflüchtige, denn Kossuth war ein starker Raucher; die Cigarre oder die Pfeife kam nicht aus seinem Munde, er konnte nur schreiben, wenn er dabei rauchte. Bei solchen Gelegenheiten verließ er in Begleitung seines Flügeladjutanten sein Haus, und Beide kamen erst zum Mittagsmahl zurück, um hierauf das Haus Nachmittags wieder zu verlassen und erst zur Soirée heimzukehren. Bei diesen Gesellschaften mußten sich die Kinder einer Art Prüfung unterziehen, Gedichte in englischer, ungarischer, französischer oder italienischer Sprache declamiren, und Vilma trug ihre neuesten Stücke am Piano vor. Außer den täglichen Gästen Kossuth’s kam jedoch selten ein Ungar zu diesen Abendgesellschaften.

In London gab es drei Parteien in der ungarischen Emigration; die eine, die Clique Pulszky, die geringste an Zahl, Bildung und Namen, bestand aus Menschen, welche für die von Pulszky hingeworfenen Brosamen ihn vergötterten und sich nie anmaßten, eine eigene Meinung zu haben. Die stärkste Partei war diejenige, welche mit allen Mitteln, jedoch vergeblich, Versöhnung zwischen Kossuth und der Emigration herbeizuführen suchte; zu ihr gehörten viele warme Patrioten, die in Kossuth den einzig möglichen Bannerträger für das Wiederaufleben Ungarns erblickten. Die dritte Partei endlich glänzte mit bedeutenden Namen, wie diejenigen Moritz Perczel’s, des Grafen Casimir Batthyány, des ehemaligen Premierministers Bartholomäus von Szemere, der Bischöfe Michael von Horváth und Hyacinth von Rónai und des Ministers Sabbas von Vukovics; sie hielt sich fern von Kossuth und war ihm in der Emigration ebenso feind, wie sie während der Revolution sein Wirken möglichst abgeschwächt hatte und ihn auch jetzt noch dem Volke zu entfremden sucht. Hätte sich Kossuth dem allgemein geäußerten Wunsche der ungarischen Emigration willfährig gezeigt und Pulszky von seiner Seite entfernt, so würde die letzterwähnte der drei Parteien ganz isolirt von der Emigration gestanden haben. Kossuth war indeß schwach genug, Pulszky nicht zu durchschauen, und so umgab derselbe ihn mit Leuten, die ihn später verriethen, seinen Namen im Auslande compromittirten und die sehr bedeutenden Unterstützungsgelder in nichtswürdigster Weise vergeudeten.

„Wem soll ich trauen,“ sagte Kossuth damals zu mir, „wenn meine ältesten Freunde, wie Pulszky, mich verrathen?“

„Man marschirt besser allein als in schlechter Begleitung,“ erwiderte ich. Wirklich verringerte sich auch Pulszky’s Einfluß seit jener Zeit bei Kossuth, leider war es aber zu spät, denn diesem schädlichen Einflüsse ist das Zerwürfniß Kossuth’s mit der Emigration zuzuschreiben.

Als Kossuth Ungarn verließ, hatte er kaum dreihundert Ducaten in Gold, und dieses Geld war beinahe verzehrt, als er und ein Theil der ungarischen Emigration zu Kjutahia internirt wurden; hier jedoch erhielt er monatlich achtzehntausend Piaster, wovon er seinen Haushalt anderthalb Jahr hindurch bestritt. Da aber sein Gefolge ein sehr zahlreiches war, so genügte diese Summe kaum.

Franz von Pulszky erhielt in England dreizehntausend Pfund Sterling zur Unterstützung hilfsbedürftiger ungarischer Emigranten. Als die Zahl derselben am stärksten war, genügten monatlich zweihundert fünfundzwanzig Pfund Sterling; mithin würde die obige Summe fünf Jahre hindurch ausgereicht haben, sie dauerte indeß nur siebenzehn Monate. Jeder der Emigranten wußte, wie stark die Einnahme, wie groß die Ausgabe sei, und es ist heute der schnelle Verbrauch einer so bedeutenden Summe noch nicht aufgeklärt.

Gegen das Ende des Jahres 1853 wurde Kossuth von der Redaction der „Sunday Times“ aufgefordert, derselben Artikel zu liefern. Er nahm den Antrag an und erhielt jeden seiner Artikel mit zwanzig Guineen honorirt. Damit war jedoch sein Haushalt erst zur Hälfte gedeckt; dies genügte also nicht, und er nahm später den Antrag einer anderen Redaction, der des „Atlas“, mit monatlich einhundert und zwanzig Guineen an; das Blatt erhielt sich jedoch nicht, und folglich waren die Geldquellen von dieser Seite her bald wieder versiecht.

Als Kossuth aus Nordamerika nach London zurückkam, wurde ihm ein gewisser Pöhnisch, ein ehemaliger Kaufmann aus Dresden, gebürtig aus Gera, der sich später in London niederließ, von Pulszky empfohlen, um seine in New-York emittirten Banknoten, denen als Basis die nach einer Revolutionirung Ungarns aus diesem Lande zu beziehenden Staatseinkünfte, dienen sollten, in baares Geld umzusetzen. Das Unternehmen begann. Die Kossuthnoten wurden auf der Londoner Börse von falschen Käufern um Baargeld in vollem Werthe gekauft, dann wieder insgeheim eingelöst. Bald wurde die Nachfrage bei allen Londoner Bankiers nach Kossuthnoten eine ziemlich starke, so daß sich wirkliche Käufer für sie fanden. Namentlich soll der Bankier Spielmann in der Lombard Street derartige Papiere im Nennwerthe von achttausend vierhundert Pfund Sterling angekauft haben, die ihm jedoch später auf dem Halse blieben, Kossuth selbst sah wenig von dem baaren Gelde, das meiste davon wurde von Pöhnisch auf die Regie und auf die Erhaltung und Besoldung der Wechselagenten verrechnet. Kossuth wurde sogar verleitet, einige Wechsel zu acccptiren, denn sowohl Pöhnisch als Pulszky redeten ihm ein, er werde aus seinen Banknoten das Geld in Massen beziehen. Als die Zahlungstermine kamen und Kossuth die von ihm acceptirten Wechsel nicht decken konnte, wurde er durch den Bankier Sieveking, der statt seiner die Wechsel einlöste, aus einer argen Verlegenheit gerettet. Sieveking erhielt sein Geld erst nach mehreren Jahren von Kossuth zurück und zwar zu einer Zeit, wo ihm diese Rückzahlung vortrefflich zu statten kam, denn Sieveking hatte mittlerweile, und zwar in Folge der durch den Frieden zu Villafranca erfolgten Hausse, seine Zahlungen einstellen und Bankerott machen müssen.

Sehr eigenthümlich war die Stellung Kossuth’s zu Napoleon dem Dritten. Letzterer versuchte es zu wiederholten Malen, mit Kossuth in Verbindung zu treten, namentlich im Jahre 1855, während des Krimkrieges, wo er Kossuth in einer ähnlichen Weise benutzen wollte, wie er es später im Jahre 1859 in Italien that, um Oesterreich aus seiner Neutralität heraus zu zwingen. Persigny war zu jener Zeit Gesandter in London; er ließ Kossuth durch einen geheimen Agenten, den Vicomte de Laguéronnière, zu sich bitten. Ich sprach mit Kossuth darüber, dieser aber wollte nichts von einem Bündnis; mit Napoleon wissen. „Napoleon wandelt einen anderen Weg, als ich,“ sagte er zu mir. „Uebrigens,“ setzte er dazu, „will Persigny durchaus mit mir sprechen, so ist es von Albert-Gate um keinen Schritt weiter nach Alpharoad (der Wohnung Kossuth’s), als von hier nach Albert-Gate; fürchtet Persigny, sich zu compromittiren, wenn er zu mir kommt, so habe ich dies noch mehr zu befürchten als er, denn er ist nichts, als der Lakai eines Despoten, während ich der selbstständige Repräsentant eines großen Principes bin.“

Persigny ist damals dennoch mit Kossuth zusammengetroffen, hat aber auf seine Anträge einen Korb erhalten.

Im Jahre 1856 empfing Kossuth aus vielen der größten Städte Einladungen zu Meetings, und er nahm dieselben an. Diese Reisen brachten ihm bedeutende Summen ein; man zahlte die Eintrittskarten zu den Versammlungen mit fünf Schilling, ja sogar höher, und die Meetingssäle waren stets zum Erdrücken voll. Er war ein unübertrefflicher Redner. In Ungarn begeisterte er seine Landsleute, in der Türkei die rohen Natursöhne, in Marseille die Franzosen, in New-York die Yankees, in London die Engländer, und Alle in ihrer Sprache.

Wie sehr Kossuth, wenn er sprach, Alles hinriß, nahm ich, der ich ihn viele Male sprechen hörte, stets wahr. Die Ungarn sind eine leicht entzündliche Nation, doch nicht so die kalten und bedächtigen Engländer, die nebenbei so sehr für ihre eigenen Redner eingenommen sind, daß sie diese über alle anderen der Welt stellen.

Eines Abends befand ich mich mit zweien meiner Freunde, dem Grafen Ladislaus Vay und dem Obersten Emerich Szabó, in Gesellschaft mehrerer englischer Garde-Officiere. Wir sprachen unter Anderem auch über Kossuth und seine Reden; einer der Engländer, ein Gentleman aus einem Vollblut-Toryhause, spöttelte über Kossuth und seine Anmaßung, sich noch immer Gouverneur nennen zu lassen.

„Sie würden anders von Kossuth sprechen,“ meinte der Graf Vay, „wenn Sie eine seiner Reden hörten.“

„Ich glaube kaum; ich bin kein Freund der orientalischen Redefloskeln, mir ist vielmehr eine Rede, wie man sie in unserem Unterhause hört, zum Beispiel eine Disraeli’s, voll kaustischen Witzes, lieber, als all’ der französische und magyarische Redeschwulst.“

[586] „Kommen Sie mit uns in’s Meeting,“ drang Vay in ihn, „dann urtheilen Sie.“

„Gut, ich will kommen. Wo ist es?“

„In einer Halle des City-Road.“

Wir gingen dann zusammen hin. Der Ort der Versammlung war ehemals eine Kornhalle, ein ungeheurer Saal, mit kahlen weißgetünchten Wänden, schlechter Beleuchtung, harten Bänken, die Halle voll von Proletariern, denn es ist ein chartistisches Local und das Ganze war ein Chartistenmeeting. Bedeutende Redner verschiedener Nationalitäten traten auf; nach der in englischer Sprache gehaltenen Rede des Vorstandes hielt Herzen, dann Arnold Ruge, später Louis Blanc und Felix Pyat, die ersteren in deutscher, die beiden letzteren in französischer Sprache, Reden; auf sie folgte Kossuth.

Die vier ersten Redner wurden vom größten Theil der Zuhörer nicht verstanden, eben weil sie in fremden Idiomen sprachen, der Applaus war demnach kein so großer, wie sie es vielleicht erwartet und verdient hätten. Kossuth sprach englisch. Ich stand zwischen den beiden englischen Garde-Officieren, die uns hierher begleitet hatten. Alle Augenblicke hörte ich aus Eines oder des Anderen Munde „very nice“ (sehr hübsch), „that's true“ (es ist wahr) etc. Als er seine Rede, welche wohl über eine halbe Stunde gedauert haben mochte, beendet hatte, rief ihm Niemand im Saale ein so herzliches „Cheer“ zu, wie die beiden Officiere. Der Beifall schien nicht enden zu wollen; die Officiere und auch andere Zuhörer warfen in ihrer Ekstase die Mützen und Hüte in die Höhe, zumal der torystische Officier war ganz exaltirt. Ich fragte ihn jetzt, ob Kossuth wohl einen Vergleich mit Disraeli aushielt. „Ach was, Disraeli; das ist ein Piephuhn im Vergleich mit ihm!“ meinte er und versäumte fortan niemals ein Meeting, wo er Gelegenheit fand, Kossuth sprechen zu hören.

Kossuth kannte die Bedeutung des Neujahrsempfanges, welcher am 1. Januar 1859 dem Baron Hübner in den Tuilerien zu Theil wurde. „Ah, er beißt an,“ sagte er zu einigen seiner Vertrauten. „Er muß sich seinen Thron auf einige Jahre weiter sichern; man wird nöthigenfalls mit ihm gehen, so lange er in derselben Richtung wandelt, wie wir.“

„Jetzt wird wohl eine Allianz zwischen Ihnen, Herr Gouverneur, und ihm zu Stande kommen,“ wagte ich zu bemerken.

„Wenn er die nöthigen Bürgschaften für die Unabhängigkeit meines Vaterlandes leistet, dann kann es wohl sein, daß ich mich zu einem Bündnisse mit ihm entschließe,“ war seine Antwort.

„Werden Sie den ersten Schritt thun?“ fragte ich.

„Auf keinen Fall. Eine solche Demüthigung könnte nicht einmal mein Vaterland von mir verlangen, und ich werde mich sehr bedenken, mich mit ihm in einen Vertrag einzulassen, denn so gut er Mazzini sein Wort brach, wird er es vielleicht auch mit mir thun wollen. Dieser traut ihm nicht mehr, wie würde ich es thun!“

Vier Monate später marschirte Gyulay über den Ticino. Was Jeder von uns ahnte, geschah: Napoleon machte Kossuth Anträge, und zwar durch den ungarischen Obersten Nicolaus Kiß.

Eines Morgens begegnete ich Kiß, der von Paris wieder angekommen war, auf der Straße.

„Du kommst wahrscheinlich im Auftrag Napoleon’s und willst nach der Gower Street (der Wohnung Kossuth’s) gehen?“ fragte ich ihn.

„Ihr wißt davon? Und was sagt Kossuth dazu?“

„Daß er für Euch nicht zu haben sei.“

„Dann werde ich ihm einen Namen nennen, durch welchen ich ihn banne.“

Moritz Perczel?“

„Allerdings.“

„Ein braver Patriot, ein ziemlich geschickter General, doch ein Pechvogel und nicht ganz rein von Verdächtigung geblieben. In Ungarn kann man nur mit einem makellosen Namen durchgreifen. Einen solchen besitzt nur Kossuth. Kossuth’s Name ist Millionen werth.“

„Diese werden bereit stehen, wenn er zugreift.“

„Teufel! Also Bestechung? Und wie hoch beläuft sich die Summe?“

„Drei Millionen Francs, nöthigenfalls auch mehr.“

„Geh’ hin, versuche Dein Glück.“

„Adieu, auf Wiedersehen in Italien.“

Am nächsten Tage lasen wir in der Times unter dem Artikel (Geldmarkt) die Bedingungen, unter welchen sich Kossuth zu einem Bündnisse mit Napoleon herbeiließ. Dieser Artikel wurde durch Rothschild in die Times eingerückt, da ihm die Sache durch Fould, welcher das Geld herbeischaffte, gesteckt wurde. Waren bisher Kossuth die meisten ungarischen Emigranten ausgewichen, so kamen sie nun in Massen herbei. Alle suchten Versöhnung mit ihm, seine erbittertsten Gegner, namentlich der Minister Vukovics, der Bischof Rónay, die Generale Perczel und Vetter, antichambrirten bei ihm und baten vorgelassen zu werden. Ich war gegenwärtig, als Perczel bei ihm eintrat.

„Kannst Du mir verzeihen? Willst Du wieder mein Freund werden?“ sprach Perczel mit Thränen in den Augen.

„Nicht ich habe Dich verstoßen, Du verließest mich,“ entgegnete Kossuth. „Meine Arme standen Dir stets offen.“

Perczel warf sich an die Brust Kossuth’s, und sein Schluchzen hinderte ihn am Sprechen.

„Blos Euch zu Lieb’ verbinde ich mich mit Napoleon,“ sagte Kossuth, „es geschieht gegen meine bessere Ueberzeugung, denn Napoleon wird uns beseitigen, sobald er uns nicht mehr braucht; wir werden eine lächerliche Rolle vor der Welt und namentlich vor Ungarn spielen, wir dienen als Gespenster gegen Oesterreich. Ihr könnt das Opfer ermessen, welches ich Euch bringe, doch ein guter Patriot schuldet seinem Vaterlande Alles, selbst seine Ehre.“

Als Perczel wegging und ich mit Kossuth allein blieb, seufzte dieser und sagte: „Wenn das Geld, das er und die Uebrigen erhalten, verzehrt ist, sind sie wieder Alle meine Feinde.“

Kossuth reiste bald ab; er hatte mit Napoleon eine Unterredung zu Paris und folgte ihm in Begleitung des Senators Pietri nach Italien. Viele von den ungarischen Emigranten reisten ebenfalls dahin, einige jedoch blieben zurück, namentlich Pulszky; dieser witzelte über die abenteuerliche Expedition und sagte unter Anderm: „Im Monat Mai schickt man die Esel in’s Heu.“ Ein in Oesterreich übliches Sprüchwort, ähnlich dem vom „in den April schicken“.

Der Friede von Villafranca war für Viele ein Schlag, aber Kossuth traf er am härtesten. Als er nach London zurückkam, stand er wieder allein und verlassen da, nur der Oberst Daniel Ihász blieb bei ihm, und außer Figyelmesy, dem Bildhauer Alexy und mir besuchte ihn keiner der Emigranten. Die drei Millionen waren unter die Ungarn, welche nach Italien gegangen waren, vertheilt worden. Moritz Perczel, Klapka, Kiß, Ezetz und Vetter hatten Jeder achtzehn bis zwanzigtausend Francs, die Obersten Emerich und Stefan Szabó Jeder zwölftausend Francs etc. erhalten; für Kossuth waren siebenzigtausend Francs entfallen. Napoleon soll ihm noch hunderttausend Francs angeboten, Kossuth aber die Annähme dieser Summe verweigert haben.

Niemals, nicht einmal in Arad am 9. August des Jahres 1849, am Tage, wo er seine Gouverneurswürde niederlegte und Görgey zum Dictator ernannte, sah ich ihn so niedergeschlagen, wie jetzt bei seiner Rückkehr aus Italien.

Ein Jahr hindurch kam in Kossuth’s Hause Politik nicht mehr zur Sprache; ich besuchte ihn nun öfters als früher. Abends pflegte er mit Ihász und mit mir Tarok zu spielen; er lebte einzig und allein seiner Familie und den wenigen ihm treu gebliebenen Freunden, zu welchen Pulszky damals nicht mehr gehörte.

Zur Zeit der Protestantenbewegung in Ungarn (im Jahre 1860) fing er an sich wieder für die Angelegenheiten unseres Vaterlandes lebhafter zu interessiren; die moralische Stärke, welche die Protestanten Ungarns, namentlich zu Miskólez und Debreczin, bewiesen, machte ihn glauben, daß bei seinen Landsleuten noch nicht alle Energie geschwunden sei. Namentlich machte das Benehmen des Barons Nicolaus Vay, nachherigen ungarischen Hofkanzlers, und des Hofrathes Eduard Zsedényi, welcher für seine Rede eingesperrt wurde, einen angenehmen Eindruck auf ihn. [587] Als der österreichische General dem Baron Bay, dem Vorstande der Protestanten-Synode, bedeutete, er würde mit Bajonneten und Kanonen das Abhalten der Sitzung verhindern, und einer der Synodalassessoren, Gedeon von Nagy, sich dahin äußerte, man müsse der rohen Gewalt weichen, sagte Bay: „Wer feig genug ist, sein Leben höher anzuschlagen, als seine Ehre und seinen Glauben, der mag zurückbleiben, ich werde gehen!“ Und Alle folgten ihm.

„Woher diese Energie nach einer zwölfjährigen Knechtung und Unterdrückung?“ rief Kossuth aus.

„Die Ungarn haben, wie man in Wien zu sagen pflegt, den Oesterreichern das neue Jahr abgewonnen und halten sich an den Ausspruch Börne’s: ‚Das Geheimniß jeder Macht besteht in dem Bewußtsein, daß Andere noch feiger sind als wir,‘“ sagte ich.

„Sie mögen Recht haben,“ entgegnete Kossuth, „und jetzt wäre es sehr angezeigt, wenn ich Jemanden in Ungarn hätte, der mir über Alles Bericht erstattete. Sie wären der Mann dazu. In Wien haben Sie mir gute Dienste geleistet; ich erinnere Sie an Ihr mir zu Parndorf geleistetes Versprechen, als Sie mich baten, Sie überallhin zu senden, wo es Gefahr giebt. Doch bin ich nicht reich, ich kann Ihnen wenig geben.“

„Glauben Sie, daß es in Ungarn losgehen wird?“

„Das Silberagio steht zu einhundertsiebenundfünfzig Gulden fünfundsiebenzig Kreuzer.“

„Und die Börsenleute haben eine gute Witterung?“

„Die sicherste.“

„Wohlan, ich werde nach Ungarn reisen; ich habe mir etwas zusammengespart, ich kann die Reise wagen, ohne Ihre Börse in Anspruch zu nehmen.“

„Ich gebe Ihnen weder mündliche noch schriftliche Instructionen. Schicke den Verständigen und sage ihm wenig.“

Ich schrieb ihm einige Briefe über die Stimmung und die derzeitig leitenden Persönlichkeiten in Ungarn zuerst nach London, später aber, als er nach dem Banknotenproceß England verließ und sich in Italien ansiedelte, dorthin. Er beantwortete meine Briefe nicht direct, doch die Proclamationen, welche er erließ, zeigen, daß er sie würdigte. In der ersten Proclamation, die er im Jahre 1861 nach Ungarn entsendete, sagte er es gerade heraus: „daß Ungarn vom Auslande nichts zu erwarten und nur zwischen zwei Alternativen zu wählen habe, um seine ehemalige Verfassung zurück zu erlangen, zwischen einer Revolution und einer Aussöhnung mit der Dynastie, doch nur unter der Bedingung der Wiedereinführung der 1848er Gesetze ohne eine Revision derselben.“

Wie sehr auch jetzt noch, trotz der überwiegenden Majorität der Rechten am Reichstage, Kossuth im Lande selbst verehrt wird, dafür spricht die Thatsache, daß er in mehreren Wahlbezirken Ungarns zum Vertreter gewählt wurde.

Augenblicklich lebt Kossuth mit seinen beiden Söhnen in Turin, nachdem ihm der Tod seine Gattin und seine Tochter Vilma genommen hat. Beide ruhen im Friedhofe von San Benigno zu Genua.

Ob Kossuth noch eine Zukunft hat, ob er berufen ist, wie ehemals Rienzi, zum zweiten Male eine hervorragende Rolle in der Weltgeschichte zu spielen, darüber sind die Meinungen getheilt. Da das Land selbst zwei gänzlich von einander geschiedene Parteien bildet, so daß man füglich behaupten kann, es gebe zwei Ungarn, und zwar das Kossuth-Ungarn, welches die übergroße Mehrzahl der niederen Stände, das ganze Landvolk, den Landadel und die Linke am Reichstage, deren Führer Ladislaus Böszörményi, der Redacteur des „Magyar Ujság“, ist, und das Deák-Ungarn, welches die ungarische Regierung, die Beamten der Comitate und die Rechte am Reichstage für sich hat: so muß eben die Zukunft es zeigen, welche von beiden Parteimächten die überwiegende ist, oder ob Ereignisse eintreten, die stärker sind, als beide.




Land und Leute.
Nr. 28. Eine Bergpredigt in Franken.


Je landschaftlich interessanter ein Terrain, desto reicher gestaltet sich das Bild, welches sich dem Auge darbietet; da nun aber das Auge nicht in todter Weise das Gebotene aufnimmt, sondern durch dieses Organ ein gemüthlicher und seelischer Proceß vermittelt wird, so ist es nur natürlich, wenn der Gebirgsbauer ein reicheres Gemüthsleben besitzt, als sein Nachbar auf der Ebene, während ihn immerhin die auf das Praktische gerichtete und zugleich mühsame Thätigkeit genügend vor romantischer Sentimentalität bewahrt. Der fränkische Jura insbesondere, jenes zwischen der Altmühl und dem Maine, etwa von Eichstädt im Süden bis gegen Baireuth im Norden streichende Kalkgebirge, mit seiner mannigfaltigen Scenerie, den zerklüfteten Felsen, den wechselnden Waldbeständen und durchschnitten von lieblichen Thälern, giebt dem Gemüth mannigfache Anregungen, die sich auch, dem Gesagten entsprechend, in dem äußeren Leben der Bewohner farbiger widerspiegeln, als dies in der Ebene der Fall ist, und hin und wieder eine Blüthe treiben, welche uns durch ihre Eigenartigkeit überrascht.

Solche Blüthen sind die vielen Bergfeste, Bergkirchweihen, Bergpredigten, welche sich über das ganze Gebirge vom Hessel- bis zum Staffelberge, in katholischen wie in protestantischen Gegenden, verbreiten und auch an Höhen haften, auf welchen die Capelle, die einst den Anlaß dazugegeben, längst zerstört oder in Trümmer zerfallen ist. Im protestantischen, ehemals Nürnberger Lande der Hersbruck-Altorfer Jurabucht sind es besonders das Arzloher Bergfest auf der Hubirg, wo der Geistliche von Pommelsbrunn in den Ruinen einer Capelle Predigt hält, und vor Allem die sogenannte Keilberger Kirchweih auf einer Höhe zwischen Altorf und Hersbruck, welche das schöne Thal von Henfenfeld bis Offenhausen abschließt. Hier ist, obschon von der Capelle selbst, die im sechszehnten Jahrhundert abbrannte, nur noch der Thurm stehen blieb, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmäßig am Sonntag nach Kilian Gottesdienst gehalten worden. Da nun aber bei jeder Capelle ein Wirthshaus stehen muß und nach löblich deutschem Brauch kein Ding von Bedacht ohne einen Trunk vorgenommen werden kann, so fließt neben der Quelle geistlicher Erquickung die Quelle braunen Gerstensaftes, und an ihrem Ufer wachsen allerhand liebliche Früchte, die wir uns jetzt näher besehen wollen.

Rüsten wir uns denn zur Bergfahrt, um, von Nürnberg ausgehend, an dem ländlichen Feste Theil zu nehmen. Der wolkenlose Himmel verspricht einen herrlichen Tag, und so eilen wir mit dem ersten Frühzug der Ostbahn dem lieblichen Ottensoos zu, das sich im Glanz der Morgensonne erfrischend vom Hintergrund duftiger Berge abhebt. Durch Wälder, funkelnd im Lichte der Morgensonne, über Hutungen, bestanden mit mächtigen Eichen, führt uns der Fußpfad einen mäßigen Rücken hinunter nach Engelthal, und kurz vor diesem Orte auf die gute Districtsstraße, der zur Seite zwischen Erlengebüsch ein munterer Forellenbach rauscht. Bewaldete Berge ziehen sich auf beiden Seilen hin, und malerisch breitet sich quer dazwischen hinein das genannte Engelthal, vor der Reformation ein reiches Nonnenkloster. Thore vermitteln den Ein- und Austritt, und unter der Linde vor dem Wirthshause, umspielt von Kindern und von Hühnern umgackert, sitzt es sich nach anstrengendem Marsche gar behaglich. Doch wir wollen für jetzt ohne Aufenthalt dem Ziele unserer Wanderung zustreben. Haben sich uns schon vorher Landleute zugesellt, welche ein Gleiches beabsichtigen, so mehrt sich nun deren Zahl. Von den Bergen herab und über die Wiesen schimmern die Hemdärmel der Männer und Frauen, welche zu ihrer Erleichterung Rock oder Kittel an Stöcken und über den Arm tragen. Manch’ Fuhrwerk rollt staubaufwirbelnd und bringt den stolzen Bauer oder den Bürger des Städtchens, denn es ist heute Alles auf den Beinen. Indem wir uns so dem Dorfe Offenhausen nähern, läuten die Glocken der Ortskirche, und ein Mann, welcher sich uns beigesellt, bemerkt erläuternd, daß dies das erste Zeichen für den bevorstehenden Berggottesdienst sei. Mit möglichster Beredsamkeit schildert er die Freuden des Keilberges und schließt seine Lobrede mit Aeußerungen des Entzückens über die dort herrschende Ordnung.

[588] So steigen wir mählich den Berg hinan, von dessen bewaldeter Höhe der Thurm freundlich heruntergrüßt. Oben angelangt, erblicken wir flüchtig eine Reihe Buden, dann weiterhin unter schattigen Linden aufgeschlagene Tische und Bänke, wenden uns jedoch sogleich nach links, wo hohe Fichten und Föhren eine kleine Bergwiese umschließen. Hier steht das Thürmchen, an dessen Außenseite eine schön geschnitzte Kanzel angebracht ist, welche, zum Schutze gegen die Unbilden von Wind und Wetter sorgsam in Bretter verpackt, nur dies eine Mal im Jahre aus ihrer Umhüllung herausgeschält wird. Mittels hölzerner Böcke und übergelegter Bretter ist eine Anzahl von Sitzplätzen geschaffen, auf welchen dichtgedrängt das schöne Geschlecht vom Lande bereits Platz genommen hat. Welch’ eine Fülle von schwarzen Moirébändern am stattlichen Sonntagsputz einer gerechten, stolzen Bauersfrau, breit herniederwallend von der spitzen Haube über Schulter und Rücken bis auf den enggefalteten dunkeln Wollenrock; das sitzt hier Kopf bei Kopf, wallt und flattert in rabenschwarzem Glanz und nimmt sich zwar sehr stattlich, aber auch etwas schwerfällig aus. Sorgsam wählt die protestantische Bäuerin dunkle Farben für ihren Anzug und nur die hemdärmeligen Dirnen tragen etwas freundlichere Farben zur Schau. Anstatt der Hauben legen diese ein buntes Tuch schmal um die Stirn und lassen die Zipfel über den Rücken fallen, während die Haare in einem Kränzchen etwas über dem Wirbel liegen. Die Männer tragen den Langrock von dunkler Farbe in zuweilen noch sehr alterthümlichem Schnitt oder die Jacke mit zwei Reihen großer, blanker Knöpfe, den „Schalk“; die Lederhose und den Wadenstiefel hat hin und wieder schon der Pantalon verdrängt. Die wesentliche Beigabe, um einen ganzen Mann zu machen, fehlt jedoch keinem der Anwesenden. Es ist dies die gleich einer Schreibfeder hinter das Ohr gesteckte „Schmecken“ (Blume), und zwar je nach der Jahreszeit ein „Nägelein“ (Nelke), Hollerbüschel oder „Josefssteft“ (Narcisse); kecken Sinn, Unternehmungsgeist, Elasticität scheint diese Blumensprache ausdrücken zu sollen.

Zunächst dem Thurm hat sich der Cantor von Offenhausen mit der dortigen männlichen Schuljugend zur Stütze des Choralgesanges postirt, die große Mehrzahl der Anwesenden aber gruppirt sich, wie es dem Einzelnen gerade ansteht, auf dem unebenen Rasen, und so gestaltet sich dem Auge des erstaunten Fremden ein höchst malerisches und anziehendes Bild. Nun vernimmt man das Knallen einer Peitsche, und bald zeigt sich, von zwei Rossen gezogen, die Kutsche, welche den Pfarrer von Offenhausen, einen ehrwürdigen, weißhäuptigen Greis, zuführt, gelenkt von dem lederbehosten Knecht im knappen Wamms. Suchen wir uns denn auch einen Lagerplatz, der sich bald bei einer Gruppe von Stadtleuten findet, welche es sich auf einer Felsenterrasse bequem gemacht haben. Es sind Altorfer und liebe Freunde, da giebt es ein frohes Begegnen, und dazu blickt man an dieser Stelle so weit über das schöne Thal nach den jenseitigen Höhen hinüber, frisch und kräftigend umweht uns Bergesluft, und hoch oben kreist ein Falke, unten im Dorfe aber verklingen die Glocken, und vollstimmig ertönt nun der Choral; es sind bedeutende Eindrücke für das Gemüth, vereint thätig in diesem Moment.

Ueber den weiteren Verlauf des Gottesdienstes sei nur in Kürze bemerkt, daß die Predigt kurz und gut war, das Glöcklein des Klingelbeutels sich fleißig nach Kupfermünze umthat und daß wir uns, dem Beispiele Vieler folgend, bei den letzten Worten des Geistlichen leise davon machten, um unter den Linden noch zu einem guten Platze zu kommen. Bald hat sich auch die große Menge, gleich einem Bienenschwarm durcheinander summend und wogend, hier niedergelassen und laute Lust und Fröhlichkeit, die so lange zurückgehalten waren, machen sich geltend, wozu das treffliche Hersbrucker Lagerbier das Seinige beiträgt. Glücklich, wer im Besitze eines Steinkrugs zur Quelle des Nationalgetränks, welches gleich vom Wagen herab ausgeschenkt wird, pilgern kann, so oft es ihm beliebt. „Wer den Maßkrug sich errungen, stimm’ in unsren Jubel ein,“ das scheinen dir Hunderte fröhlicher Gesichter zuzunicken. Da ist ein Zutrinken, Grüßen und Händeschütteln, ein Scherzen und Necken, ein Drängen und Treiben voller Lust und Leben.

Jetzt aber macht knurrend unser Magen seine Ansprüche an etwas Consistentes geltend, und siehe da, geleitet von dem Feingefühl unseres Geruchsorgans, entdecken wir einen großen Heerd von Erde, an den Seiten bedeckt mit Fichtenzweigen, darüber einen eisernen Rost, auf welchem lieblich duftende Bratwürste schmoren. Manch’ hundert Dutzend ihrer Gattung harrt noch der Feuerprobe, und Landmädchen in schneeweißen Schürzen, den fächelnden Flederwisch in der Hand, bedienen den Heerd. Welch’ angenehmes Bild und wie ermuthigend zu kühnem Vorgehen gegen ein halbes Dutzend Würstchen, die auch gar bald schön gebräunt auf unserem Teller liegen!

Nebenan kegelt man auf zwei Bahnen um die Wette das Blaue vom Himmel herunter. Bahnen, welch’ stolze Bezeichnung für die Fichtenbretter, an deren einem Ende sich der Kegeljunge vergebens bemüht, eine gewisse symmetrische Aufstellung der neun wackeligen hölzernen Gesellen zu Stande zu bringen! Indeß die Kugeln sind doch annähernd rund und rollen, und Freunde des edlen Kegelspiels finden sich in Menge ein, um theils activ, theils in Rath und Meinung ihr Interesse hierfür zu bethätigen.

Vorüber an den beiden Gensd’armen und dem Herrn Brigadier, welche gähnend und Bier vertilgend zuschauen, zu jenen einfachen Verkaufsständen dort, zwischen denen sich das Volk prüfend und feilschend hin- und herbewegt. Vorher fesselt unsere Aufmerksamkeit noch der unvermeidliche Mann, welcher ein verehrungswürdiges Publicum in irgend einer Form verlockt, gegen ein paar Kreuzer Frau Fortunas Gunst herauszufordern. Dieser hier läßt mit eisernen Ringen nach Messern werfen, welche jedoch niemals getroffen werden. Eine Trophäe von kleinen Gewinngegenständen, welche dabei aufgerichtet ist, wird zu beiden Seiten von zwei Geschirren flankirt, von denen man den discretesten Gebrauch zu machen pflegt. – Nun, ländlich! sittlich! Daneben hat sich der Mann mit dem bekannten Türkenkopf etablirt, durch dessen langen gewundenen Hals die Kugel des Glücks unaufhörlich rollt. Gönnen wir den glücklichen Gewinnern ihre Salzfäßchen von gelbem Glas oder ihre bemalten Tassen und sehen wir, was auf dem reelleren Wege des Kaufs jene Bäuerin ihrem Handkorbe einverleibt. Ein buntcattunenes Halstuch legt sie zu einem Stellspiegel in roth- und goldpapiernem Rahmen, und ein Zuckerherz mit einem aufgeklebten schönen Spruch scheint bestimmt, als „Mitbringets“ dem Kleinen zu Hause einen süßen Augenblick zu bereiten, während der muthmaßliche Gatte, eine neue Sense in der einen Hand, den soeben erworbenen Wetzstein in der Tasche, noch ein Paar Hosenträger erhandelt und sich dabei viel mit seinem ledernen Geldbeutel zu schaffen macht, an welchem die Otternköpfchen (Kaurimuscheln) prangen. Feuerschwamm und Seilerwaaren, Schaufeln, Wagenketten, bunt bemalte hölzerne Haus- und Küchengeräthe etc. finden bereitwillige Abnehmer und werden vergnügt nach Hause getragen.

Von den Linden her ertönt indeß mancherlei Sing-Sang, meist in Fisteltönen, denn das gilt unseren Bauern für schön und kunstgerecht. So mancher hat sich auch schon an dem Quell „Cerevisia“ über Durst gelabt, und wenngleich sich keinerlei Rohheit bemerklich macht, so dürfte es doch als zweckmäßige Einrichtung betrachtet werden, daß nicht über eine gewisse Anzahl von Eimern Bieres verzapft wird. Am frühen Nachmittag geht mit diesem Naß auch das Fest zu Neige, und das genügsame Völkchen seiner Besucher zerstreut sich nach den vier Winden.

„Hat’s Ihnen gefallen?“ fragte der Bauer von heute früh, sich beim Hinabgehen zu uns gesellend. „Ja, schöner ist’s auf dem Keilberg, als auf irgend einer anderen Bergkirchweihe,“ meinte er auf meine ihn befriedigende Antwort, „und was das Schönste ist, die Ordnung! die Ordnung!“ – Ich mußte ihm Recht geben, und sollte es mir gelungen sein, dem freundlichen Leser der Gartenlaube ein gleiches Interesse für dieses schlichte Volksfest in einem verborgenen, aber reizenden Winkel des theuren großen Vaterlandes abzugewinnen, so möge er es nicht versäumen, im nächsten schönen Monat Juli, am Sonntag nach Kilian, falls ihn sein Weg in unsere Gegend führt, den Keilberg zu besteigen.



[589]

Die Keilberger Kirchweih.
Nach der Natur aufgenommen von Rud. Geißler.

[590]

Der Bienenfinder.

Charakterbild[WS 1] aus dem amerikanischen Westen.

Nach den Ueberlieferungen, wie sie unter den Indianerstämmen im fernen Westen der großen Union fortleben, ist die Honigbiene erst mit den puritanischen Ansiedlern in der neuen Welt heimisch geworden und somit anzunehmen, daß dieselbe mit der Civilisation den Weg über’s Meer nahm und mit dieser von Osten nach Westen gewandert ist. Lange zuvor, ehe der Fuß des weißen Mannes die Ufer des Mississippi betrat, soll ein Krieger des Shawnee-Stammes, welcher einen Schwarm der ihm fremden Insecten in einem hohlen Baume entdeckte, seinen Brüdern voraus gesagt haben, daß ihren Jagdgründen ein feindlicher Einfall drohe. Sei dem nun wie ihm wolle, heute schwärmt die Honigbiene auf der großen ausgedehnten Prairie in ungeheueren Massen und vertraut die Erzeugnisse ihres Fleißes den Riesen der hundertjährigen Waldungen in solchem Umfange an, daß die Hinterwäldler einen Handelsartikel daraus machen, der, wenn er sie auch nicht immer für die aufgewandte Mühe lohnt, ihnen doch neben den Erträgnissen der Jagd eine willkommene Baareinnahme sichert. Anders als der Jäger, welcher die Wechselplätze des Hirsches aufsucht oder dem Bären nachstellt, ist der Hinterwäldler, der dem Flug der Biene folgt, von einer sanfteren, friedlicheren Gemüthsart, aber mit nicht minder scharfen Sinnesorganen ausgerüstet; er liebt die Natur, liebt die Blumen – wenn auch vielleicht nicht als Botaniker oder Naturkenner. Seinem Charakter nach gleicht er dem Angler, und seine Geduld darf diesem nicht nachstehen. Dabei ist er still und schweigsam, wie der Wald um ihn her, in welchem er jeden Fußbreit Boden kennt, und selbst das unzeitige Zirpen eines Vogels oder das Picken eines Spechts an einem dürren Baum erregt seine Aufmerksamkeit und stört ihn in seiner Ruhe.

Der Bienenjäger von Profession errichtet seine Hütte meistens an einem schiffbaren Strome, bebaut ein oder zwei Acker Land mit Gemüsen, Fleisch liefert ihm seine gute Büchse und im Uebrigen verläßt er sich auf sein Geschick, die süßen Schätze der wilden Bienen aufzufinden. Hat er dann drei oder vier Fässer mit denselben gefüllt, so rollt er dieselben zum Ufer herab, ladet sie in sein Canoe und fährt damit zur nächsten Ansiedelung, um Mehl, Pulver, Blei und andere Bedürfnisse dagegen einzutauschen. Steht sein Blockhaus an einem der größeren Ströme, die mit Dampfbooten befahren werden, so setzt er sich wohl der Zeitersparniß wegen mit dem Führer eines solchen in Verbindung, wenn er demselben auch, damit dieser in New-Orleans oder St. Louis einen Verdienst dabei machen kann, einen Preisabschlag einräumen muß. Der gewöhnliche Preis, den er erhält, pflegt ein Viertel Dollar für die Gallone zu sein, und da einzelne Bäume ihm acht bis zehn, auch wohl zwölf Gallonen liefern, so ist sein Geschäft immer ein ziemlich lohnendes. Wer je die westlichen Staaten Amerikas besucht und Gelegenheit gehabt hat, in die entlegenen Jagdgründe der Bienenjäger vorzudringen, wird, wenn er mit einem derselben Bekanntschaft gemacht hat, den Mann und seines Gleichen unter hundert anderen Hinterwäldlern wieder herauskennen.

In seinem Erwerb durchaus auf seine geistigen Fähigkeiten angewiesen, verachtet er jeden äußeren Prunk. Ein alter zerdrückter Filzhut, dessen breite Krempe seine Augen beschattet, schmückt sein Haupt; ein blau- und weißgestreiftes Flanellhemd hängt lose und aller beengenden Knöpfe bar, nachlässig auf den breiten Schultern; Rock und Weste kommen gar nicht in Frage, und seine Unaussprechlichen sind, wenn sie aus Hirschleder bestehen, mit einer dichten, aus Honig und Schmutz gebildeten Kruste überzogen, während, wenn sie aus Zwillich oder einem andern weniger dauerhaften Stoffe gemacht sind, die zahllosen Flicken auf denselben den Beweis liefern, wie oft deren Träger, unbekümmert um Dornen und Gestrüpp, mit unverwandtem Blick eine Biene zum „Neste“ geleitete. Es ist wahrhaft wunderbar, zu welcher Fertigkeit der Bienenjäger es hierin bringt und auf welche Ferne sein geübtes Auge dem Flug der heimkehrenden Biene folgen kann.

Nach dem im fernen Westen bestehenden Rechte der Gewohnheit ist der Entdecker eines „Honigbaumes“ stets dessen Eigenthümer, wenn er denselben durch Abschälen eines Streifens Rinde gezeichnet hat, und wer einen so gezeichneten Baum dennoch fällt, um sich in Besitz des Honigs zu setzen, wird ebensowohl als ein Dieb angesehen, als wenn er seines Nachbarn Tasche ausräumt. Zur Ehre der Tausende von Hinterwäldlern muß ich aber bekennen, daß mir nie ein Fall zu Ohren kam, wo dies Gesetz verletzt wurde.

„Wie viel Honigbäume habt Ihr in diesem Sommer angehauen, Pompy?“ fragte ich einst im nördlichen Louisiana einen alten Neger, von dem man mir gesagt hatte, daß er alle seine Feiertage auf der Honigjagd verbringe.

„Vierundsechszig,“ entgegnete er mit einem gewissen Selbstgefühl, „denk’ wohl, werd’ mir eine ‚Hülfe‘ nehmen müssen, um sie vor Weihnacht’ alle schlagen zu können.“

Und diese Bäume waren sämmtlich in der unmittelbaren Nähe der Pflanzung, zu der er gehörte, und wenn Pompy dieselben aller Wahrscheinlichkeit nach wohl kaum alle wiederfinden würde, so konnte er dennoch sicher sein, daß sein Eigenthum unberührt sei, wenn er später zum zweiten Male darauf stieß. Den Hottentotten in Afrika dient der sogenannte Honigvogel als sicherer Führer zu dem Bienenbau, indem er dem Jäger durch sein schrilles Schreien, mit welchem er den heimkehrenden Bienen folgt, den Weg dorthin zeigt. In Amerika dagegen hat der Jäger keine solche Hülfe, sondern muß sich ganz auf sich selbst verlassen und jeden Baum, den er nicht durch Zufall findet, in der Weise suchen, wie es Tony Sneed, ein Bienenjäger, thut, dessen Revier ich oberhalb Memphis in Tennessee besuchte.

Es war ein schöner Herbstmorgen, als ich mich von dem Capitän des Dampfers Waterlily oberhalb Colonel Nixon’s Pflanzung an’s Land setzen ließ, wo mir Tony, den ich wenige Tage vorher in Memphis kennen gelernt hatte, ein Rendez-vous geben wollte. Auf seine Axt gestützt und von seinem Sohne, einem großen, ungeschlachten Burschen von siebenzehn Jahren, begleitet, der ebenfalls eine scharfgeschliffene Axt sowie zwei leichte Eimer trug, empfing mich der biedere Hinterwäldler wie einen langjährigen Freund.

„Schöner Morgen, heute,“ sagte er mit der beliebten Begrüßungsformel des Westens; „wenn Sie schon etwas für Ihren inneren Menschen gethan haben, so wollen wir gleich an’s Geschäft gehen.“

Ich sah, daß er für dies Geschäft genügend ausgerüstet war, denn ein Seitenblick in die Eimer seines langbeinigen Sohnes hatte mich ein kleines Blechbüchschen mit Honig, eine blaue irdene Untertasse, ein Glas und ein Fläschchen mit Schwefelblüthe erkennen lassen – Gegenstände, die, so einfach sie schienen, mir als unumgänglich nothwendig bezeichnet wurden. Tony und Sohn führten mich auf eine ungefähr eine halbe Stunde vom Flusse entfernte ausgedehnte Klärung. Die letzten Kinder des Herbstes, blaue, gelbe und rothe Blumen, prangten hier im vollen Farbenschmucke, und zwischen denselben summte und surrte es von fleißigen Bienen. Zuweilen ließen sich vier oder fünf auf einer Blüthe nieder.

„Die sind meistens aus demselben Bau,“ sagte Tony, als er bemerkte, daß dies meine Aufmerksamkeit erregte; „ich suche nach einzelnen Bienen, um Linie und Winkel zu bekommen.“

Mir waren diese Bezeichnungen nicht recht verständlich und ich fragte ihn deshalb, was er mit Winkel und Linie meine.

„Abwarten,“ entgegnete er, seinen Hut tiefer in die Augen drückend; „auf der Honigsuche muß man mit den Augen arbeiten, nicht mit dem Munde.“

Ich wußte somit, daß man der Gewohnheit des Städters, über Alles, was er Ungewöhnliches hört oder sieht, sich alsbald orientiren zu müssen, am Mississippi nicht immer Rechnung trägt, und beschränkte mich daher darauf, ihm zuzuschauen. Einer Geberde seines Alten folgend, setzte nun der jüngere Tony einen der mitgebrachten Eimer umgekehrt auf den Boden, stellte die Untertasse darauf, nachdem er ungefähr einen halben Theelöffel voll Honig hineingethan hatte, und trat dann mit uns einige Schritte zurück. Schon wenige Secunden darauf ließ sich eine von dem Honig angezogene Biene auf der Tasse nieder, ihr folgte eine zweite und dritte, und binnen Kurzem waren deren fünf emsig beschäftigt, sich nach Möglichkeit mit dem süßen Stoffe zu beladen. Vorsichtig Zoll um Zoll vorrückend, näherte sich jetzt Tony mit [591] dem Glase in der Hand, stellte dasselbe plötzlich mit einer geschickten Handbewegung über die Bienen und deckte dann seinen Hut darüber.

„Sie arbeiten besser im Dunkeln,“ sagte er mit einem Seitenblick auf mich.

Nach einigen Minuten geduldigen Harrens nahm er seinen Sombrero vom Glase ab, betrachtete seine Gefangenen mit Aufmerksamkeit und bemerkte sodann mit befriedigendem Kopfnicken: „Sie haben schwer geladen.“ Hierauf schüttete er aus dem Fläschchen, welches das Schwefelpulver enthielt, eine Prise auf die innere Seite seines rechten Daumens, nahm das Glas soweit ab, daß eine Biene hervorkriechen konnte, und blies dieselbe, als sie sich zum Fortfliegen erhob, mit Schwefel an.

„Da giebt’s Lärm unterm Dache, wenn die nach Hause kommt,“ sagte er lächelnd, „sie fliegt in derselben Richtung ab, wie die erste, die sich bei unserer Ankunft hob.“

Nachdem er den Flug des kleinen Insects eine Weile verfolgt hatte, entließ er ein anderes in gleicher Weise der Gefangenschaft und sah mit Befriedigung, daß auch dies den gleichen Weg einschlug. Dann wurde ein drittes befreit, das aber, wenigstens meinen Blicken, in entgegengesetzter Richtung verschwand und von Tony als zu einem andern Stocke gehörig erklärt wurde. Während mir indeß die Bienen schon auf eine Entfernung von vielleicht zweihundert Schritt unsichtbar wurden, behauptete Tony auch nach mehreren Minuten später sie noch sehen zu können – ein Beweis, wie ungemein die Uebung sein Gesicht geschärft hatte.

Die beiden andern nicht vollen Bienen trieb Tony jetzt von der Tasse fort, winkte seinem Sohne, die Geräthschaften aufzunehmen, und stellte sich ungefähr zweihundert Schritte entfernter wieder mit denselben auf, um das frühere Experiment zu wiederholen. Jetzt wußte ich aus der Anschauung, was er unter Linie und Winkel verstand, und auch meine Leser werden sich darüber klar geworden sein, daß die erste Procedur geschah, um die Linie zu finden, welche die Biene, auf geradem Weg zum Stocke zurückkehrend, nimmt. Der Stock kann aber möglicher Weise eine oder zwei englische Meilen weit im Holze entfernt sein. Um denselben nun aufzufinden, muß der Bienenjäger, wie Tony es that, von einer anderen Stelle aus durch andere Bienen den Punkt beobachten, wo sich die von denselben gemachten Linien kreuzen, und kann danach mit ziemlicher Gewißheit auf den Ort schließen, wo er nach dem Baume zu suchen hat, in dem sich der Schwarm befindet. Uebung macht sicherlich auch hierin den Meister, und ich bin gewiß, daß Tony den einzuschlagenden Weg in kürzerer Zeit bestimmt hatte, als diese Erklärung erforderte, denn kaum hatte er seine bestäubten Bienen in der entsprechenden Richtung fliegen sehen, als er auch seine Geräthschaften zusammenraffte und dem Walde zuschritt.

Es dauerte kaum eine Viertelstunde, bis er in die Nähe des gesuchten Honigbaums kam, und ein deutliches, lautes Summen, welches er schon längere Zeit gehört haben wollte und das auch mir jetzt vernehmlich wurde, belehrte mich nunmehr über den Nutzen der Anwendung des Schwefels. Die heimgekehrten bestäubten Bienen hatten in der That, wie der Bienenjäger vorhergesagt hatte, den ganzen Stock in Aufruhr versetzt, wozu der den Bewohnern jedenfalls sehr mißliebige Anstrich der Gefährtinnen die Veranlassung gab.

Der Baum, in dem nach Tony’s Angabe der Lohn seiner Arbeit enthalten sein sollte, war einer der schönsten und kräftigsten in der Runde. Unzweifelhaft hatte derselbe seinen stolzen Gipfel schon während zweier Jahrhunderte zum Himmel erhoben, und unter seinem schützenden Laubdache, noch ehe Tony’s Großvater geboren war, manch junges Leben erstehen sehen. Jetzt sollte die Axt an seine Wurzel gelegt werden, und während von Tony’s kräftigem Arm geführt das blanke Werkzeug in seine Rinde fuhr, hallten auf der andern Seite die Hiebe seines Sohnes klar und hell durch den stillen Wald. So lange der Riese nicht schwankte, ahnete das unter seinem Schutze angesiedelte Völkchen der Bienen wohl kaum die ihm drohende Gefahr; von dem Augenblicke aber, wo sie die Natur des Angriffs verstanden, rüsteten sie sich zum Angriff. Aber das Fell des Bienenjägers ist nicht so empfindlich, daß er einiger Stiche achten sollte, und erst als dieselben zu dicht und heftig wurden, legten die Männer die Axt nieder und sammelten dürres Reis und Moos, um ein Feuer anzuzünden, dessen Rauch die Bienen schnell zum Rückzug zwang und die Beendigung der Arbeit gestattete. Mit lautem Krachen stürzte der Baum.

Sneed’s geübter Blick fand bald die Oeffnung, welche zum Stocke führte, und mit Hülfe seines Sohnes suchte er dann auf’s Neue eine genügende Masse Moos zusammen, das zu beiden Seiten des Astes, in dem der Honig enthalten war, auf vier oder fünf Fuß Entfernung in Haufen gebracht und angezündet wurde, um die Bienen „auszuräuchern“.

Während dieser Proceß vor sich ging, trat Tony zu mir, der ich mich weise vom Kampfplatz fern gehalten hatte, zog seine geschwärzte Thonpfeife hervor und füllte dieselbe mit „Kentuckys duftigem Kraut“, einem Stoff, der vollständig genügte, um jeden Versuch der Bienen, uns zu belästigen, unmöglich zu machen.

„Es würde unrecht und gegen mein eigenes Interesse sein, wenn ich die Thierchen tödtete,“ sagte er dampfend wie ein Türke, „sie suchen sich und finden auch bald ein anderes Unterkommen, und vielleicht sehen wir uns in kurzer Zeit wieder; der Rauch betäubt sie nur und nachher sind sie wieder so munter wie die Grashüpfer.“

Nachdem der Rauch sich verzogen hatte, wurde der Honig durch behutsames Abhauen der Rinde zu Tage befördert und in die Eimer gefüllt. Daß die in den köstlichen Stoff eingetauchten Zwiebacke, die ich mitgebracht hatte, uns einen Imbiß gewährten, um den uns Mancher beneiden wird, brauche ich wohl kaum zu erwähnen, denn der Honig der wilden Bienen ist nicht allein ebenso süß wie der bei uns gewonnene, sondern übertrifft denselben wesentlich an Aroma.

Die Sinnesschärfe des Bienenjägers ist es namentlich, was ich an demselben bewundern muß, und hat mich unwillkürlich an das feine Gefühl erinnert, das wir an den meisten Blinden kennen. Das leiseste Geräusch in der Luft, in den Blättern oder auf dem Boden, das an gewöhnlichen Menschenkindern unbeachtet vorübergeht, erregt seine Aufmerksamkeit. Dieser Instinct, wenn ich es so nennen kann, den er von dem rothen Mann erworben hat, leitet ihn auf der Jagd und auf dem Kriegspfad, wenn er denselben zu seinem Schutze zu betreten gezwungen ist. Aber auch nur mit diesem Instinct und durch denselben ist es ihm möglich, seine Existenz zu sichern; Ruhe und ein wachsames Auge führen ihn über alle Schwierigkeiten hinweg, die ihm in den Weg treten können.
F. v. Wickede.


Blätter und Blüthen.

Schiller’s Gedichte. Der Buchhändler Hempel in Berlin, der eine sogenannte „Nationalbibliothek sämmtlicher deutscher Classiker“ herausgiebt, kündigt auf dem Umschlag des sechsundfünfzigsten Heftes an: „es gebe mehrere hundert Schiller’scher Gedichte, die sich in keiner Ausgabe fänden, die er aber für zwei und einen halben Silbergroschen mittheilen werde“. Es ist wahr, es giebt viele Schiller’sche Gedichte, welche in allen bisherigen Ausgaben fehlen, obgleich sie bekannt genug sind. Sie fehlen eben in den Ausgaben der Schiller’schen Gedichte, weil der Dichter selbst, Schiller, sie nicht anerkannt und somit verworfen hat. Dem Dichter allein und ausschließlich muß jedenfalls das Recht zustehen, sowohl diejenigen seiner Gedichte auszuwählen, welche auch der Nachwelt vorgelegt werden sollen, als jene auszuschließen, welche er seines Namens nicht für würdig hält. Niemand wird einem Dichter dieses Recht absprechen, nur Herr Hempel thut es. Er läßt eine Sammlung von Gedichten drucken und wählt vorzugsweise solche aus, die Schiller nach reiflicher Ueberlegung ausschied. Diese Sammlung kündigt er nicht etwa als „von Schiller verworfene Gedichte“, sondern einfach als „Schiller’s Gedichte“ an, weil – er ein gutes Geschäft damit zu machen hofft. Aber es handelt sich hier um mehr als um ein Geschäft, es handelt sich um einen guten Namen, ja um einen der glänzendsten deutschen Namen. Auch Herr Hempel wird wissen, daß Schiller bisher vorzugsweise für den Dichter der Jugend galt, weil er der keuscheste und reinste war, da die Menge den Schmutz und die Rohheiten nicht kannte, womit Schiller in der Jugend, in der Zeit, als er „die Räuber“ schrieb, seine Feder befleckte und die nun Herr Hempel so sorgsam gesammelt hat. Auch jener Glorienschein von Reinheit und Keuschheit mußte um des Geschäfts willen vernichtet werden! Warum nicht? Hat es doch zu jeder Zeit Herostrate gegeben! Die Tempel werden ja neu aufgebaut und der Glorienschein wird glänzender wieder hergestellt.

Wer aber heilt nun den Schaden, der jungen Herzen angethan wurde? Herr Hempel hat seine Speculation darauf gebaut, daß von allen deutschen Büchern keines mehr und mit mehr Andacht und Begeisterung gelesen wird, als Schiller’s Gedichte. Wenn nun der Schmutz, den Herr [592] Hempel unter Schiller’s hochverehrtem Namen wohlfeil verkauft, auch nur in einem unschuldigen jungen Herzen unreine Gedanken weckt, so trifft die Schuld den Verleger, wie die Bibel sagt: „Wehe dem, von welchem Aergerniß kommt“. Herr Hempel giebt viel und Vielen Aergerniß und den Schaden, den er anrichtet, kann er nicht gut machen, selbst wenn er der Stiftung, welche Schiller’s Namen trägt, zehntausend Thaler als Buße zahlt. Seine Ausgabe von „Schiller’s Gedichten“ darf man der Jugend nicht in die Hand geben, und es wäre sehr zu wünschen, daß derselben der Eingang in jedes deutsche Haus, in jede deutsche Familie gewehrt werde, ja, daß das ganze deutsche Volk laut und öffentlich mit Entrüstung seinen „Schiller“ zurückwiese, denn es ist nicht der, welchen dasselbe an seinem hundertsten Geburtstage mit Jubel gefeiert hat – „so weit die deutsche Zunge klingt.“

Ich nenne die schlimmen und die schlimmsten Gedichte nicht. Hält aber Herr Hempel meine Worte für zu stark, so lade er zehn ehrbare, gebildete deutsche Frauen in sein Haus und lege diesen die Frage zur Entscheidung vor. Einem solchen Ausspruche unterwerfe auch ich mich.

A. Diezmann.




Das Hans-Sachs-Denkmal in Nürnberg kommt, nachdem die störende Hitze nachgelassen, im Thonmodell seiner Vollendung immer näher. Dagegen ist der Theilnahme an dem Unternehmen etwas mehr Wärme zu wünschen. Der Aufruf der Gartenlaube hat bis jetzt nur bei den Liedertafeln gezündet. Nürnberg ging mit gutem Beispiel voran und ersang für seinen Hans Sachs dreihundert Gulden; ihm folgte Augsburg nach mit zweihundert dreiundvierzig Gulden, dann kommen Rathenow, Pillnitz, Frankenthal, Edenkoben, Landstuhl mit entsprechenden Summen.

Von den deutschen Bühnen jedoch hat bis jetzt nur das Theater von Steyer eine Vorstellung zum Besten des Denkmals gegeben und Weimar ein Benefiz zugesagt; außerdem herrscht überall kaltes Schweigen.

Ebendarum erscheint es nicht ganz unnöthig, die Herren und Lenker, sowie die Freunde und Unterhalter der deutschen Bühnen auf die Bedeutung aufmerksam zu machen, welche unser Hans Sachs für die Entwickelung einer nationalen dramatischen Kunst in Deutschland anzusprechen hat. Wir müssen sie vor Allem auf Goethe’s hohe Achtung vor ihm und auf den Einfluß hinweisen, den dieser selbst (in „Wahrheit und Dichtung“) den dramatischen Werken des Nürnberger Meisters auf sich zuschreibt, ganz abgesehen von der Weihe, welche er in seinem Gedicht „Hans Sachsens poetische Sendung“ über ihn ausgießt. Uns gestattet hier der Raum nicht, das zu wiederholen, was besonders Gervinus über die Verdienste des Mannes um das deutsche Drama Anerkennendes und Treffliches gesprochen; dies Alles möchten wir den obengenannten Herren der Bühne recht dringend an das Herz legen. Der Nürnberger Denkmal-Ausschuß wird sehr gern über jedes Hans-Sachs-Benefiz der deutschen Bühnen gewissenhaft öffentliche Kunde geben, und die Presse wird nicht säumen, die Namen der Theaterstädte, welche sich durch eine solche Betheiligung an dem Denkmalunternehmen selbst geehrt, weiter zu tragen.




Ein Curirschwindel en gros. „Wenn Sie bereit sind, mir den bestimmten Preis zu senden, so sollen Sie sogleich die Mittel nebst Ordonnancen bekommen. Der Preis der schriftlichen Konsultationen (zwei Mal wöchentlich) nebst den Mitteln für einen Monat ist zehntausend Franken.“ So schreibt der durch die Behandlung des preußischen Botschafters in Paris bekannt gewordene Herr Dr. van Smitt in Paris an einen Kranken, der am Mastdarmkrebs litt und bald nach Empfang des Briefes starb. Trotzdem nun, daß ein solches Uebel stets tödtlich abläuft, versichert Herr Dr. van Smitt in seinem Briefe doch, daß dasselbe für ihn heilbar, indeß mit vielen Schwierigkeiten verbunden sei. Nebenbei wünscht der Krebsheiler eine Photographie des Patienten, um, wie er sagt, die Constitution desselben kennen zu lernen, oder, wie der Verfasser dieser Zeilen glaubt, um später ein Album von Conterfeien solcher Personen herausgeben zu können, welche ihre Erben leichtsinniger Weise um zehntausend Franken brachten.

Bock.




Ein Erinnerungsblatt an Theodor von Kobbe. In Oldenburg weiß man sich noch manchen schönen, originellen Zug aus dem leider zu kurzen Leben des im Jahre 1845 dort verstorbenen Dichters Theodor von Kobbe zu erzählen. So theilte mir ein Freund desselben nachstehende zwei Züge mit, die für Kobbe’s Wesen und Richtung sehr charakteristisch und dabei so anziehend sind, daß sie auch in den weitesten Kreisen interessiren werden.

Das weiche, edle Gemüth des Dichters, damaligen Landgerichtsassessors in Oldenburg, der zu Karl Immermann nahe freundschaftliche Beziehungen hatte, war so zart besaitet, daß jedes Ereigniß, welches einen Eindruck auf dasselbe zu üben geeignet war, ihn, wo er auch sein mochte, augenblicklich zu poetischen Ergüssen hinriß. Als er im Jahre 1842 in der Gerichtssitzung die Nachricht erhielt, der König von Preußen habe Ferdinand Freiligrath ein Jahrgehalt verliehen, gab er dem Eindruck, welchen die Nachricht auf ihn machte, augenblicklich in folgenden Versen Ausdruck, die er, nachdem sie als interessantes Intermezzo bei den Gerichtsmitgliedern circulirt, noch aus derselben Sitzung an Freiligrath zur Post befördern ließ:

Karl Immermann war freilich Rath,
Doch ohne Pension;
Traun! was der Vater noch nicht hat,
Das überkommt den Sohn.
Die Zeit, sie eilt, sie lohnt die That –
Wenn Deine was gewann,
So denke: Du bist Freiligrath
Doch sei auch immer Mann!

Bei einer Gerichtsvisitation wurden von den Visitatoren recht viele Fragen gethan, die unverkennbar die vielleicht etwas geniale Geschäftsbehandlung des guten von Kobbe berührten und diesen sehr aufmerksam und ernst stimmten. Als sein benachbarter College ihm einen Papierstreifen hinschob, auf dem die Worte: „Machen Sie ein Impromptu!“ standen, schob Kobbe denselben wiederholt unwillig zurück. Endlich, als der College bei seinem Verlangen beharrte, nahm er hastig das Papier und schrieb schnell folgende Verse als Antwort nieder:

Ein Impromptu paßt für den Dichter,
In promptu sein paßt für den Richter,
Damit, wenn man ihn visitirt,
Man keine Poesie verspürt. –
D’rum, Muse, pack’ dich augenblicklich!
Was thust du überhaupt auf Erden?
Man kann durch dich zwar selig, glücklich,
Doch nie Geheimer Hofrath werden.

A. Schwartz.




Der neue Hofmeister. (S. Abbildung auf S. 581.) Der Künstler, von dessen Leistungen wir diesmal unseren Lesern eine Probe darbieten dürfen, C. Franz in Dresden, gehört zu der Anzahl unserer modernen Maler, die, hauptsächlich nach dem Vorgange Carl Hübner’s in Düsseldorf, in ihre Bilder Tendenz zu legen suchen, d. h. ihre Darstellungen, wenn diese auch anderen Perioden entlehnt sind, mit dem Gedankengange unserer Zeit, mit einem Ausdrucke unserer Bestrebungen, unserer Kämpfe und Errungenschaften füllen. Als ein solches Bild fassen wir wenigstens den „Neuen Hofmeister“ auf, welcher uns in jene glücklich überwundenen Tage des Rococo zurückführt, wo der Lehrer in den vornehmen Familien nichts war, als ein Bedienter, und nicht einmal der erste des Hauses, denn Kammerdiener und Jäger pflegten hochnäsig auf den armen Schlucker im abgetragenen schwarzen Rocke herabzusehen, ein Bedienter, welcher vor dem „gnädigen Herrn“ in Unterthänigkeit ersterben, allen Launen und Tyranneien der „gnädigen Frau“ in Dienstbeflissenheit zu Willen sein, von den verzogenen jungen Herren und Fräulein sich jede mögliche Bosheit, jeden erdenklichen Eigensinn und Widerstand gefallen lassen, oftmals mit den Domestiken in der Küche speisen und schließlich, um zum Gipfelpunkte seiner höchsten Wünsche, der vom hochmögenden Patron zu vergebenden mageren Pfarrstelle, zu gelangen, die Wittwe des verstorbenen Pastors oder auch wohl – das unmöglich gewordene Kammermädchen der Frau Baronin heiraten mußte.

Einen Hofmeister jener „guten alten Zeit“ zeigt uns das Gemälde von Franz, noch dazu einen Hofmeister, der erst einer werden will, der voller Demuth und Unbehülflichkeit der gestrengen Gnädigen sich vorstellt, welche ihn mit hochmüthigem Seitenblicke mustert, auf die im Ganzen recht acceptable äußere Erscheinung des Aspiranten indeß bereits allerlei Speculationen (zur Ausfüllung müßiger Stunden) zu gründen scheint – denn auch derlei war eben eine Signatur der Zeit.

Wir haben also in den beiden Hauptfiguren des Bildes die ganze Jämmerlichkeit und zugleich Frivolität der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gewissermaßen verkörpert vor uns, in wenigen Umrissen ein anschauliches Bild jener Periode, welche die große französische Revolution zeitigte und naturgemäß zeitigen mußte.

S.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Chatakterbild