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Die Gartenlaube (1868)/Heft 22

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1868
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[337]

No. 22.   1868.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich bis 2 Bogen.0 Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Vetter Gabriel.
Von Paul Heyse.
(Schluß.)


Drinnen in seiner Wohnung aber sollte Gabriel erst vollends unheimlich zu Muthe werden. Denn in der Hoffnung, nächster Tage mit Cornelie und ihren Eltern dieses Haus zu betreten, um das Fest der Weinlese zugleich mit seiner Verlobung zu feiern, hatte er fast in jedem Zimmer eine Ueberraschung für das Bäschen vorbereitet, hier den Flügel, den er ihr schenken wollte, dort einen großen vergoldeten Käfig mit ihren Lieblingsvögeln, eine hübsche Handbibliothek der besten Dichter, deutscher und englischer, in einem zierlich geschnitzten Schrank, ein kleines Cabinet ganz mit hellblauer Seide tapezirt und möblirt, da sie noch auf jenem letzten Ball davon gesprochen, in ihr Boudoir dürfe keine andere Farbe kommen, und endlich in seinem eigenen Zimmer, wie eine Weihnachtsbescheerung auf einem Tischchen aufgebaut, all’ die kleinen Geschenke, die er im Lauf der Jahre von ihr erhalten, von dem ersten Serviettenband aus blauen Perlen gestickt bis zu einem schönen zweiarmigen Leuchter aus grüner Bronze, den er wie ein Heiligthum auf allen Reisen mit sich geführt hatte, in der Hoffnung, daß er einst sein häusliches Glück beleuchten werde. Wie er dies Alles wiedersah, fuhr ihm ein Krampf an’s Herz, daß er in einen Sessel zurückfiel und eine Weile in tödtlicher Beklemmung dalag, bis die unselige Angst und Ohnmacht sich in einen Strom von Thränen auflöste.

Als sie endlich zu fließen aufhörten, fühlte er, daß er es sich selber schuldig sei, ein für alle Mal einen Strich unter die Vergangenheit zu machen. Er räumte zunächst mit seinen Erinnerungszeichen auf, verschloß das blaue Cabinet und ließ die Vogelhecke, unter dem Vorwande, sie schmetterten ihm zu laut, von der Verwalterin in ein Hintergebäude übersiedeln. Dann stellte er sich im Wohnzimmer vor das Bücherschränkchen, nahm ein Buch nach dem andern heraus, blätterte darin und stellte es wieder zurück. Warum soll sie mit der Zeit nicht auch daran Gefallen finden? sagte er vor sich hin. Und wenn nicht, was schadet’s? Haben nicht Jahrhunderte und Jahrtausende sich ganz wohl befunden, ohne etwas von Goethe und Shakespeare zu wissen? Leben wir denn nur von Lesen und Schreiben, und ist ein unverfälschtes Naturgefühl nicht tausend Mal beglückender als die sogenannte Bildung, die im besten Fall nur eben auf glänzende Formeln bringt, was sich für ein gesundes Menschenwesen von selbst versteht? Natur – Natur ist Alles! Wenn ich auf einer Robinsonsinsel hauste, was läge mir daran, ob meine Frau eine Beethoven’sche Sonate herunterstümpern könnte? Und was hindert mich, hier auf meinem Grund und Boden mich so einzurichten, daß ich nach keinem Menschen zu fragen brauche, und um mein häusliches Glück einen Zaun zu ziehen, den keiner von diesen überfeinerten Weltmenschen durchbrechen kann? So will ich es machen! schloß er seinen Monolog. Und es müßte wunderlich zugehen, wenn dieses liebenswürdige gute junge Geschöpf mir nicht endlich mehr werth werden sollte, als Alles was ich früher für ein Lebensbedürfniß angesehen habe!

Nach dieser unter solchen Umständen sehr zweckmäßigen Moralisirung seines eigenen Innern wurde es still und fast heiter in ihm. Er ging in die Weinberge hinaus, sah überall nach dem Rechten, redete noch freundlicher als sonst mit den Arbeitern und legte sich am Abend todmüde zu Bette, um neun Stunden zu schlafen. Nicht schlimmer ging es auch die folgenden Tage. Er rief sich jede ihrer Geberden, jedes ihrer Worte in’s Gedächtniß zurück, und fing an ein Verlangen zu fühlen, ihren Kopf wieder zwischen seine Hände zu nehmen und ihre unschuldigen Lippen zu küssen. Besonders zwischen den Reben überkam ihn ordentlich eine Art Bräutigamsstimmung. Wie artig müßte sie sich hier ausnehmen, Trauben abschneidend oder mit ihren flinken Händen die edelsten Beeren abpflückend für den Auslesewein! Natur! seufzte er vor sich hin; Natur ist das Erste und Letzte! – Dabei trank er ungewöhnlich viel Most und war so gesprächig, daß sich die Frau des Verwalters anfing Sorgen zu machen, er habe wohl gar etwas im Kopf; ihr Mann tröstete sie, deutete auf’s Herz und sagte: „Wenn er was hat, so hat er es hier'!“

Endlich am vierten Tag kam ein Brief, der dem neugierigen Ehepaar zu rathen aufgab, da die übrigens ganz richtige Adresse nach einer unbehülflichen Kinderhand aussah, auch Papier und Siegel eher einen Bettelbrief vermuthen ließen. Unter dieser kopfschüttelnden Bezeichnung überreichte ihn der Verwalter seinem Herrn und erstaunte nicht wenig, als dieser ihm den Brief hastig aus der Hand riß, in sein Zimmer eilte und die Thür hinter sich abschloß. Dort aber konnte er noch eine ganze Weile sich nicht entschließen, das Siegel zu brechen. Er zündete sich eine Cigarre an, ging heftig dampfend im Kreise um den Tisch herum, auf welchem dieser erste Liebesbrief neben einer Broschüre über die Traubenkrankheit lag, und mußte sich künstlich durch die Erinnerung an jenen Mondscheinabend am Brunnen Muth einflößen, um endlich, den Brief in der Hand, sich auf den Divan zu strecken und das Couvert zu öffnen.

Da las er, in derselben kindisch verlegenen Handschrift wie die Adresse, Folgendes:

[338]
„Hochedelgeborner Herr!
Werthgeschätzter Herr Bräutigam!

„Obgleich es noch nicht lange her ist, daß ich mich Ihres Umgangs zu erfreuen habe, so hat mir doch derselbe Gelegenheit verschafft, mich von Ihren vortrefflichen Eigenschaften vollkommen zu überzeugen. Ihr holdseliges Wesen machte, als ich das erste Mal in Ihrer Gesellschaft war, sogleich einen bezaubernden Eindruck auf mein Herz, und Ihren süßen, schmachtenden Augen, sowie den nachtigallähnlichen Flötentönen Ihrer Stimme konnte ich, ach, nicht widerstehen. Dahin ist es nunmehr gekommen, Liebenswürdigster der Sterblichen, daß an meinem Himmel ewige Mitternacht ist, wenn die Pollarsterne (sic) Deiner („braunen“ war ausgestrichen und „blauen“ darüber geschrieben) Augen mir nicht zulächeln. Ich habe also das Geständniß meiner innigsten Neigung für Sie offen dargelegt. Aber Liebe ohne Gegenliebe ist Höllenpein. O stoßen Sie mich nicht, unempfindlich gegen die Ergießungen eines jungfräulichen Herzens, von sich weg! Schon einige Worte des Trostes werden mich unendlich beglücken. Und wie der Dichter sagt:

Wandle auf Rosen und Vergißmeinnicht,
Der Kranz, den uns die Liebe flicht,
Soll blühen, bis das Auge bricht,

so schließe ich mit dem Gefühle dankbarer Verehrung und Zärtlichkeit

Ihre geliebte Braut               
Gertrud Wendelin.“

Er hatte in einer Art Betäubung halblaut bis zu Ende gelesen; erst als er den Namen aussprach, schien das Bewußtsein zu erwachen: das Alles sei an ihn gerichtet. Eine Weile erlag er dem vernichtenden Eindruck. Dann befreite ein Lachkrampf sein gepreßtes Herz. Er schleuderte den Brief weit von sich, wälzte sich auf dem Divan und lachte, bis ihn die Seiten schmerzten und die Thränen ihm über das Gesicht liefen. Noch in diesem verzweifelten Humor sprang er plötzlich auf, rannte zu einem Schrank, wo er allerlei Kram verwahrte, und zog aus einem Fach ein Büchlein hervor, sehr vergilbt und zerlesen, in dem er eifrig zu blättern begann. Es war ein uralter „Briefsteller für Liebende“, den ihm lustige Cameraden, um ihn mit seiner Unempfindlichkeit gegen das schöne Geschlecht zu hänseln, vor Jahren verehrt hatten. Nicht lange brauchte er zu suchen, als er richtig in gedruckten Lettern die zärtliche Herzensergießung fand, die er soeben in unbehülflich großen geschriebenen Buchstaben gelesen hatte. Von Neuem schlug er ein fieberhaftes Gelächter auf, brach aber plötzlich ab, hob den weggeworfenen Brief vom Boden auf und fing an ihn in ganz kleine Stücke zu zerpflücken. Die warf er eins nach dein andern, mit einer Bedachtsamkeit, als wenn ihm dies Geschäft eine große Befriedigung gewährte, in seinen Aschenbecher und zündete das Häuflein an. Als das letzte Fünkchen verglommen war, fiel ihm ein, daß noch das Couvert vorhanden sei. Wie er es aber aufhob, fand er noch einen Zettel darin, den er erst übersehen hatte. Darauf standen von derselben Hand, aber in sichtbarer Eile und sehr unorthographisch, während der eigentliche Brief in diesem Punkte nichts zu wünschen übrig ließ, die folgenden Zeilen:

„Ich hab’ nun doch in das Haus müssen, wo ich mich vermietet hab’, aber nur auf ein paar Tag’ und Sie werden mir gewiß nicht böse sein, wenn Sie den Grund erfahren, den ich Ihnen sagen werde, wenn wir uns sehen und das ist am Sonntag, wenn Sie Wort halten, und ich bin die Sie liebende und hochschätzende Traud.“ – „Nachschrift. Das Hausnummro ist Nummer 27 in der Rheinstraß’, falls Sie mich lieber dort aufsuchen wollten, als wo wir abgeredt haben. Es ist ein vornehmes Haus und Sie brauchen wegen meiner nicht zu sorgen, daß ich schlecht gehalten würde. Ich bin nur um das Fräulein hier, Fräulein Cornelie heißt sie, und sie ist krank, und darum konnt’ ich’s nicht abschlagen, wenigstens auf eine Woche einzutreten, weil sonst keine dagewesen wär’ zur Pfleg’, und nun wissen Sie’s und werden gewiß nichts dagegen haben. Leben Sie recht wohl und denken an Ihren Schatz.“

Er sprang in die Höhe und rannte wie ein Unsinniger, sein Haar zerwühlend, in heller Verzweiflung durch das Zimmer. Das war zu viel der Schicksalstücken auf Einmal, und das Lächerliche zu dicht an das Tragische gerückt, um noch seiner Sinne Herr zu bleiben. Er glaubte vor Beschämung und Kummer ersticken zu müssen, stürzte auf die Terrasse’ hinaus, und als es ihn auch dort nicht duldete, rannte er in den Stall hinunter, sattelte sich selbst sein Pferd und sprengte, barhaupt wie er ging und stand, auf die Landstraße hinunter, die dort in großen Windungen neben dem Flusse hinläuft.

Der Verwalter, der ihm seinen Strohhut nachbringen wollte, kam zu spät und sah seinen Herrn nur gerade noch um die nächste Ecke verschwinden. Noch mehr hatte er Ursache den Kopf zu schütteln, als er den Tag überhaupt nicht wiederkam, am folgenden Tage statt seiner nur ein Briefchen mit dem Mittagsdampfer, man solle ihn nicht erwarten, er wisse selbst nicht, wie lange er ausbleibe, – und dann vier bis fünf Tage nichts mehr, da doch seine Anwesenheit während der Lese besonders nöthig gewesen wäre. Endlich am sechsten Tage – der Frühnebel lag noch dicht und zähe über Fluß und Hügeln, und die Sonne schien ihn heute nicht bezwingen zu können – erklang Hufschlag am Terrassenthor, und die Winzer sahen den jungen Gutsherrn langsam heraufreiten, Roß und Reiter sichtbar ermüdet und der Pflege bedürftig. Aber auch jetzt noch erhielt der besorgt sich erkundigende Verwalter keine Auskunft. Als er die Briefe überreichte, die inzwischen eingelaufen, glaubte er zu bemerken, daß der Herr mit einer gewissen Angst die Adressen überflog, ob keine von jener geheimnißvollen Hand darunter sei, und zufrieden aufathmete, da es nur Geschäftsbriefe waren. Dann mußte er den Herrn allein lassen, der auch sogleich sich an seinen Schreibtisch setzte, um einen Brief zu schreiben, über dessen Fassung er nun lange genug gebrütet hatte.

Er hatte aber kaum die Anrede geschrieben „Liebe Gertrud!“ und wollte eben anfangen, alles Herzliche und doch so Schmerzliche, was er ihr zu sagen hatte, auf’s Papier zu bringen, als der Verwalter an die verschlossene Thür pochte und hineinrief, der Herr möge entschuldigen, aber es sei ein junges Mädchen draußen, das durchaus mit ihm sprechen müsse; sie sage, der Herr kenne sie schon, und sie sei eben mit dem Dampfschiff gekommen, um ihm etwas Wichtiges mitzutheilen.

Mit zitternder Hand schloß er auf und sah richtig draußen im Flur die Traud, reisefertig angethan, in Tuch und Strohhütchen, ein schmales Bündel unterm Arm. „Ist’s erlaubt?“ sagte sie und trat ohne seine Antwort abzuwarten in sein Zimmer, dessen Thür er hastig zuwarf; doch schloß er nicht ab; man sollte nichts Nachtheiliges von dem Mädchen denken.

„Traud,“ sagte er, als sie mitten im Zimmer einander gegenüberstanden, „Du bist selbst gekommen? Siehst Du, ich war eben dabei, Dir zu schreiben.“

Sie antwortete nicht, als ob sie nicht wisse, wo sie anfangen solle. Sie sah ihn nicht an, sondern zum Fenster hinaus in den Nebel, dessen obere Schicht die Sonne eben zu vergolden begann. Er aber spähte mit gespannter Unruhe auf ihrem blassen Gesichtchen nach einer Miene, die ihre Stimmung verriethe.

„Traud,“ sagte er wieder, „soll ich Dir ein Glas Wein bringen lassen und einen Imbiß? Willst Du Dich nicht setzen? Du wirst müde sein.“

„Ich dank’ Ihnen,“ sagte sie in ihrem gleichmüthig freundlichen Ton. „Ich hab’ auf dem Schiff gesessen und will auch nicht lange bleiben. Ich bin nur gekommen –“

„Da sieh,“ unterbrach er sie und hielt ihr das Blatt hin, auf dem er eben ihren Namen geschrieben hatte, „das wäre heute Abend in Deinen Händen gewesen, wenn Du mir nicht zuvorgekommen wärst.“

„Es ist so besser,“ erwiderte sie. „Es hätte doch nicht mehr gepaßt, ich meine: mich hätte es doch nicht mehr gefreut, wenn Sie mir auch endlich einen Liebesbrief geschrieben hätten. Sie lieben ja doch eine Andere, die es auch mehr verdient, und so waren wir doch alle Zwei unglücklich geworden.“

„Wer hat Dir gesagt -?“ rief er in höchstem Erstaunen.

„Gesagt hat mir’s eigentlich erst die Lisbeth, aber geschwant hat mir’s schon von selber. Ich hab’ auch Ihren Ring nicht ansehen können, ohne ganz traurig zu werden, denn es schien mir immer, als sei er doch für ein Bauernkind tausend Mal zu schön. Aber dann dacht’ ich wieder an all’ Ihre guten Worte und Ihr gutes Gesicht und sagte mir: am Ende ist es doch Gottes Wille. Wie ich dann der Frau Pathe erklärt hab’, ich wollt’ nicht aus dem Haus, war sie’s ganz zufrieden, und ging gleich zu der Herrschaft, zu bitten, daß sie mich losgeben möchten, und den [339] Miethsgulden zurückzubringen. Es wär’ auch wohl gegangen, nur daß das Fräulein plötzlich krank geworden war – Sie können ganz ruhig sein, jetzt ist sie wieder auf der Besserung – und da wollten die Eltern ein recht braves und verlässiges Mädchen, wofür sie mich hielten, keine so hergelaufene, die sie nur aus Noth hätten nehmen müssen. Ich mußt’ also hin und hab’s Ihnen ja auch geschrieben. Ich dank’ Gott, daß es so gekommen ist; sonst wußt’ ich wohl noch heute nicht, woran ich bin. Die ersten zwei Tag hab’ ich freilich noch nichts gemerkt; Fräulein Cornelie lag ganz still zu Bette, und wenn gegen Abend das Fieber kam und sie so wirre Sachen sagte, würd’ ich daraus nicht klüger. Nur, daß sie einen geheimen Kummer haben müßte, dahinter kam ich bald, denn auch in den guten Stunden war sie sterbensbetrübt, dabei wie ein Engel zu mir und zu allen Leuten, und faßte ein solches Vertrauen gegen mich, daß sie mir einmal in der Nacht sagte: ‚Wenn ich sterben sollte, Traud, so versprich nur, den Brief, der da zu oberst in meiner Schreibmappe liegt, auf die Post zu tragen und Keinem was davon zu sagen. Ich weiß, daß Du mich nicht verrathen wirst?’ - Das versprach ich ihr denn und dachte mir nichts dabei und das war vorgestern, gerade als es am schlimmsten mit ihr war. Und noch spät am Abend kam der Doctor und verschrieb ihr was Neues, und ich mußte mit dem Recept in die Apotheke laufen. Wie ich’s eben heimtrage, begegnet mir die Lisbeth, die vor mir da gedient hatte, und ich kannt’ sie ein bisle, und darum hatte sie mich auch in das Haus empfohlen. Nun, sie hatte auch gehört, daß unser Fräulein krank war, und fragte, wie es stehe, und ich sagt’ es ihr, so und so.

,Ha’, sagte sie und lachte dazu, ,mit so Tränkle und Apothekerzeugs ist die Krankheit nicht zu curiren. Man muß erst wissen, woher sie das Fieber hat, und das weiß ich ganz genau,’ sagte sie.

,Wenn Du so gescheid bist,’ sag’ ich, ,warum hältst Du mit Deiner Weisheit hinterm Berg?’

,Ja,’ sagt sie, ,da könnt’ ich mir schön das Maul verbrennen, und übrigens geschieht’s ihr auch ganz recht. Mich hat sie nicht länger um sich leiden wollen, weil ich mir gern ein bisle die Cour schneiden lasse, und sie selbst hat ihren Liebsten kurz halten wollen, und wie der keinen Spaß verstanden, sondern ihr den Laufpaß gegeben hat, da ist’s ihr wieder leid geworden und nun mag sie’s haben,’ sagte sie, ‚sterben wird sie nicht gleich davon.’

Nun fragt’ ich sie, woher sie’s denn wisse, und da erzählte sie mir, eines Abends sei er gekommen, sie habe ihn nicht weiter gekannt, aber es sei ein ganz schmucker junger Herr gewesen und habe das Fräulein Bäschen genannt, und sie ihn Vetter. Und da habe sie durch die Thür die ganze Unterredung mit angehört, und erzählte sie mir, so viel sie noch wußte, und hernach, wie der Vetter fortgewesen sei, und auch der andere Herr, der Franzose, da sei sie wieder in den Salon gekommen und habe das Fräulein im Sopha liegen sehen, ihr Sacktuch vorm Gesicht, und das sei naß gewesen zum Ausringen.“

Hier hielt die Traud einen Augenblick inne und sah mitleidig zu Gabriel hinüber, der sich in einen Stuhl geworfen hatte und von ihr abgewendet zu Boden starrte. „Nehmen Sie sich’s nicht so zu Herzen,“ sagte sie, „es ist ja nun Alles überstanden. An jenem Abend freilich war’s noch recht schlimm, und wie ich nach Hause kam, fand ich das Fräulein im hitzigsten Fieber. Aber auf die Medicin wurde es besser, und um Mitternacht ging der Arzt und sagte, die ,Gries’ sei eingetreten, womit er wohl den Schweiß meinte, und sie schlafe jetzt in die Gesundheit hinein. Alles ging zu Bett im Hause, nur ich blieb auf, und da konnt’ ich nicht widerstehen nicht aus Neugier, sondern weil ich dacht’, am Ende kann es nützlich sein, wenn man dem Vetter nur so einen Wink giebt – und gehe ganz sacht an ihren Schreibtisch und mache die Mappe auf. Da lag richtig der Brief im versiegelten Couvert; wie ich ihn aber umdreh’, um die Adresse zu sehen, ich meinte, der Blitz schlage bei mir ein, so erschrak ich, als ich Ihren Namen las. Da auf einmal wurde mir Alles klar, und wie es gekommen war, daß Sie sich so rasch an die Erste Beste gehängt hallen, nur um einen Trost zu finden für Ihren Liebesschmerz, und nun sah ich wohl ein, warum Sie mir auf meinen Brief nicht haben antworten können, weil Sie doch immer noch die alte Lieb’ im Herzen haben und mir nicht gern eine Lüge schreiben wollten.“

Da sprang er auf, ergriff ihre Hände und sah ihr mit überströmenden Augen in’s Gesicht. „Traud,“ sagte er, „Du hast das beste goldenste Herz unter der Sonne, und wenn ich Dir damals sagte, daß ich Dich von Herzen lieb hätte, – Gott weiß, ich brauche es auch heute nicht zurückzunehmen. Und Du hast Recht: Dich zu betrügen wäre ich nicht im Stande gewesen. Auf dem Papier da hättest Du es zu lesen bekommen, daß ich eine Andere noch lieber habe, als Dich, und Dich darum bäte, mir’s nicht nachzutragen, wenn ich mein Wort zurückforderte, denn Zwei, die sich heirathen, sollen Niemand anders im Herzen haben, als einander selbst. Nun hast Du mir’s entgegengebracht und mich nur um so mehr beschämt.“

Er drückte ihre Hände ein Mal über das andere und wandte sich dann ab, seine Erschütterung zu verbergen.

„Da ist nichts zu schämen,“ sagte sie. „Liebe macht den Klügsten zum Narren, heißt’s im Sprüchwort. Sie haben mir auch gar nichts zu Leide gethan; denn obwohl ich Sie recht gern gehabt hab’, ich sterb’ eben nicht daran, daß ich Sie nicht krieg’. Ich hab’ schon einmal einen Schatz gehabt, und wie der eine Andere genommen hat, nur um’s Geld, hab’ ich gemeint, es bringt mich um, und hernach ist mir das Leben doch wieder lieb geworden. Nun aber machen Sie nur, daß das Fräulein bald wieder ganz gesund wird; denn deshalb bin ich hergekommen. Gleich gestern wußt’ ich, was ich zu thun hätt’, und hab’ freilich eine Nothlüge sagen müssen, nämlich meine Mutter hätt’ mir geschrieben, ich müßt’ auf der Stell’ zu ihr kommen, sie hätt’ wegen einer Erbschaft mit mir zu reden. Lieber Gott, von Erbschaften ist bei uns nicht die Rede, aber mir fiel gerade nichts Anderes ein. Da hab’ ich denn heute früh Erlaubniß bekommen, auf drei Tage nach Hause zu gehen; daß ich nie wieder das Haus betreten würde, dachten sie freilich nicht, als ich Abschied nahm. Aber wenn das Fräulein gesund ist und eine Braut, wer wird da an ein armes Mädle denken, ob sie da ist oder nicht! Ich geh’ nur eine halbe Stunde weit zu einer Base in F., da bleib’ ich bis morgen, und dann fahr’ ich vollends nach Hause, und Sie brauchen weiter keine Sorge um mich zu haben, die Mutter sperrt mir ihre Thür nicht zu, sie hat längst gewollt, ich soll sie einmal besuchen. So! und nun bin ich fertig. Und da und sie zog etwas in Papier Gewickeltes aus der Tasche und legte es auf den Tisch – da ist auch der Ring. Geben Sie mir den meinen zurück; ich sehe, Sie haben ihn auch nicht tragen mögen.“

„Laß ihn mir noch,“ sagte er. „Ich schicke ihn Dir ganz gewiß, und schreibe Dir dabei Alles, was ich Dir in diesem Augenblick nicht sagen kann. Und glaube mir, Traud, Du sollst es nicht zu bereuen haben, daß Alles so gekommen ist. Wenn Du einen Bräutigam verloren hast, hast Du einen Bruder dafür gewonnen, der sein Leben lang Dich nicht im Stich lassen wird. Ich kann jetzt nicht mehr sagen, es würde Dich auch kränken, als wollt’ ich Dir einen Ersatz anbieten. Ich rede Dir auch nicht zu, hier zu bleiben,“ sagte er, als sie sich zum Gehen wandte. „Mir selbst eilt es, dahin zu kommen, wo ich jetzt am nöthigsten bin. Ich schreibe Dir aber schon morgen, wie Alles steht, und nun behüt’ Dich Gott, liebstes Kind, und gebe Dir noch einmal ein rechtes Glück, liebe Schwester, daß wir, wenn wir alt und grau geworden sind, von alle dem sprechen können, wie von einer Geschichte, die mehr zum Lachen als zum Weinen war, und Gott danken, daß sie so ausgegangen ist.“

Er drückte ihre Hand, dann küßte er sie mit brüderlicher Herzlichkeit auf den Mund und stand am Fenster, ihr nachzusehen, wie sie mit flinken, zierlichen Schritten auf der Landstraße hinwanderte, noch einmal umsah und mit einem Gesicht zurückwinkte, das schon wieder von aufglimmender Heiterkeit geröthet war.




Die Lese war längst vorüber, die letzten braunen Blätter von den Reben abgeweht, die Tage des Jahres herangekommen, die Niemand gefallen, außer glücklichen Liebesleuten, die nach Wind und Wetter nicht fragen, weil sie sich selber Regen und Sonnenschein machen. In dem Kamin des uns wohlbekannten Salons in der Rheinstraße Nr. 27 brannte ein helles Feuer, aber die Balconthüren standen noch offen und die beiden Palmen waren nur ein wenig tiefer in’s Innere zurückverpflanzt. Wieder war es gegen Abend und wieder saßen Gabriel und sein Bäschen beisammen, diesmal aber nicht fremd und förmlich sich gegenüber, sondern unter der grünen Landschaft mit der Schafheerde einträchtig [340] Hand in Hand auf dem Sopha, damit beschäftigt, einen ganzen Berg von glückwünschenden Briefen zu öffnen, der sich im Laufe des Tages angesammelt hatte. Es ist nicht zu leugnen, daß es viele Korrespondenzen giebt, die inhaltsreicher und mannigfaltiger sind; aber ebenso ist es Erfahrungssache, daß wenige Briefe von den Empfängern mit größerer Befriedigung gelesen werden.

Plötzlich zog Cornelie einen Brief aus der Menge hervor, der sehr von den anderen abstach. „Sieh nur, Gabriel,“ sagte sie, „da ist ein Bettelbrief, der die gute Gelegenheit benutzt hat, sich hier einzuschmuggeln, weil man weiß, daß zwei glückliche Menschen keine Bitte abschlagen können. ,An das hochedelgeborene Fräulein Cornelie –’ eine Hand, die mir ganz unbekannt ist, und die wohl schwerlich mehr als zwei Briefe im ganzen Jahre schreibt.“

Sie hielt ihrem Verlobten lachend den Brief hin, ohne es zu beachten, daß er in ihre Heiterkeit nicht einstimmte, sondern nach einem flüchtigen Blick auf die Schrift aufstand, als sei ihm plötzlich zu warm geworden. Und freilich konnte ihm diese Handschrift das Blut nach dem Kopfe treiben. Denn seit jenem unseligen Tage, wo er sie zum ersten Male gesehen, war sie ihm ganz aus den Augen gekommen. Er hatte zwar pünktlich am Tage nach dem Wiedersehen mit dem guten Mädchen ihr einen langen, gar herzlichen Brief geschrieben. Als der aber ohne Antwort blieb, hatte sich seine brüderliche Liebe dabei beruhigt, das brave Kind sei ja gut aufgehoben und werde ihn nicht weiter vermissen, da sie nicht einmal antworte. Auch nahm ihn seine alte Flamme so ausschließlich in Beschlag, erst die Zeit ihrer Genesung, hernach das Glück des Sichwiederfindens nach aller Gefahr des Verlierens, daß er nicht dazu kam, wie er vorhatte, selbst nachzusehen, wie die Traud lebe und ob er ihr irgend hülfreich sein könne. Er stand jetzt am Flügel und sah in großer Verwirrung in den Abendhimmel.

„Höre nur, Gabriel, das ist allerliebst,“ sagte jetzt Cornelie, die den Brief überflogen hatte, „Du mußt nämlich wissen, gerade wie ich krank war, kam ein neues Mädchen in’s Haus, in das ich mich, so übel mir zu Muth war, gleich in der ersten Stunde verliebte; das flinkste, bescheidenste, reizendste Landkind, das mir je vorgekommen, und um mich bemüht wie eine Milchschwester. Ich hätte sie nimmermehr fortgelassen und es sogar darauf gewagt, daß sie auch Dir gefährlich werden möchte. Aber das wunderliche Ding, plötzlich kam sie und bat, nach Hause reisen zu dürfen zu ihrer Mutter, nur auf ein paar Tage. Wir schlugen es ihr nicht ab, gerade weil sie uns so lieb war, aber statt daß sie Wort gehalten hätte, kam ihre Pathe, die Frau eines hiesigen Weinwirths, und entschuldigte sie, die Mutter lasse sie nicht wieder in die Stadt, und wir konnten nicht recht dahinter kommen, was sie so plötzlich fortgetrieben. Nun merk’ ich’s wohl, obgleich sie es nicht eingesteht, es steckt eine alte Liebe dahinter. Höre nur, was sie schreibt:

,Liebes gnädig Fräulein!’ – die Orthographie ist nicht ihre starke Seite – ,ich hab’ in der Zeitung gelesen, daß Sie sich verlobt haben, und weil Sie so gut zu mir gewesen und ich auch nur ungern von Ihnen gegangen bin, nun so hab’ ich gedacht, gnädig Fräulein werden es nicht übel nehmen, wenn ich schreib’ und meine unterthänig herzlichsten Glückwünsch’ und daß Sie mit Ihrem Herrn Bräutigam recht viel Glück und Segen vom Himmel beschert bekommen, Ihnen wünsch’. Ich hör’ ja, der Herr Bräutigam soll ein so braver und auch recht studirter Herr sein und Sie sollen ihn schon lange kennen. Nun, das ist ja wohl das Beste; und wenn man sich lange kennt, kann man sich besser ineinander schicken. Und so muß ich gnädig Fräulein auch erzählen, daß ich mich am heiligen Dreikönigstag verheirathen werd’ mit Einem, den ich auch schon lang kenne, der nämlich schon eine Frau gehabt hat, und sie ist ihm gleich wieder gestorben, und das arme Würmle, das sie ihm geboren, hat nun keine Mutter, und weil wir uns früher gut gewesen sind und er die Andere, die Geld hatte, nur seinem Vater zu Lieb’ genommen hat, hat er mich gefragt, ob ich noch jetzt ihn haben wollt’, und ich hab’ Ja gesagt, denn er hat sein gutes Auskommen und alte Liebe rostet nicht, und auch das herzig klein Würmle hat mich gedauert, das ein Jahr alt ist und den ganzen Kopf voll blonder Härchen hat und heißt Franz. Nun leben Sie recht wohl, und auch meine Mutter empfiehlt sich Ihnen, und daß ich damals weggeblieben bin, wahrhaftig, es ist mir hart angekommen, es ging aber nicht anders. Und denken Sie manchmal an Ihre, die Sie nie vergessen wird,

ergebene Dienerin               
Gertraud Wendelin.

Ns. An Ihren Herrn Bräutigam unbekannt mich zu empfehlen, bitt’ ich Sie auch noch, wenn Sie’s nicht für allzu dreist halten.’“

Das schöne Mädchen hatte den Brief wieder zusammengefaltet und schien zu warten, was ihr Geliebter dazu sagen würde.

„Nun?“ fragte sie endlich. „Du scheinst wenig Interesse für meine kleine Pflegerin zu haben. Wenn Du sie nur gesehen hättest! Schreiben ist eben nicht ihr Talent. Sie ist ein rechtes Naturkind.“

„Cornelie,“ sagte er, und wandte sich jetzt zu ihr um, „dieses Naturkind hat Dich angeführt. Sie ist feiner und diplomatischer, als Du denkst.“

„Wie das, Gabriel?“

„Sie läßt mich unbekannter Weise grüßen, die kleine Heuchlerin? Und wir sind uns doch nur zu gut bekannt! Aber auch das macht ihr alle Ehre, und wenn ihr Briefstil nicht der glänzendste ist: was sie sagen und was verschweigen muß, weiß sie ganz genau. Komm, geliebtes Herz! Es ist hier gerade dunkel genug, daß ich Dir beichten kann, ohne mein schamrothes Gesicht dabei sehen zu lassen.“

Er setzte sich zu ihr, zog sie fest an sich und drückte ihren Kopf an seine Schulter, daß sie ihm nicht in die Augen sehen sollte.

So erzählte er ihr Alles.

Ob sie dem Sünder eine strenge Buße auferlegte, davon ist uns nichts bekannt. Wir wissen nur, daß drei Tage später eine große Kiste mit den mannigfaltigsten Hochzeitsgeschenken, wie sie auf’s Land passen, an die Adresse der glücklichen Braut abging, und obenauf in einem Schächtelchen lagen zwei Briefe voll herzlicher Grüße und Wünsche und in einem zarten Seidenpapier zwei Ringe, einer von Cornelie, den sie selbst früher getragen, zum Andenken, daneben ein unscheinbarer schmaler Goldreif mit kleinen Granaten, und ein Zettel dabei: „Meinem lieben Schwesterchen ihr brüderlich gesinnter Freund Gabriel“.





Ein neuer Bühnendichter.

Die meisten unserer Leser werden bereits aus den Zeitungen von einem neuen Trauerspiel „Phädra“ erfahren haben, das kürzlich im Berliner Schauspielhause unter der gespanntesten und theilnahmvollsten Aufmerksamkeit eines zahlreichen Publicums über die Bühne gegangen ist. Die Kritik der Hauptstadt sprach sich fast durchgängig in anerkennendster Weise über die neue Schöpfung aus. Sie machte diesen und jenen Einwand in Betreff des antiken Stoffes und der Composition, aber sie hob zugleich in voller Uebereinstimmung mit dem Urtheil des Publicums hervor, daß eine so melodische Anmuth der Sprache, ein so macht- und gedankenvoller Schwung der Diction, daß eine so durchgebildete Reife und Tiefe edelster Anschauung und Gestaltung, wie sie dieses Werk bekunde, nicht das Product eines Neulings und Dilettanten, nicht die Leistung eines alltäglichen Talentes sei.

Der Verfasser war auf dem Zettel nicht genannt, aber die gebildeten Kreise Berlins waren nicht überrascht, als man sich erzählte, daß es der – Prinz Georg von Preußen sei. Wußten sie doch längst von dem ausdauernden Ernste und der schöpferischen Innigkeit des Bundes, den dieses jüngere Mitglied des königlichen Hauses seit seinem zartesten Lebensalter mit den Künsten und Wissenschaften geschlossen hat. Im Uebrigen war „Phädra“ nicht zum ersten Male auf einem Theater erschienen, schon vor einigen Jahren ist vielmehr die Tragödie unter der Leitung von Gustav von Puttlitz wiederholt in Schwerin aufgeführt

[341]

Prinz Georg.

und damals günstig in der Presse besprochen worden. Auch ist das Stück nicht die einzige dramatische Arbeit des Prinzen Georg. Seiner Feder ist auch Elektra, jenes nach der Idee des Euripides gestaltete, durch bewegenden Gehalt und hohe Formenschönheit sich auszeichnende Nachspiel zu Goethe’s Iphigenie, entflossen, das sich erst vor wenigen Monaten auf dem königlichen Theater einen unzweideutigen Beifall erworben hat.

Außerdem wissen Eingeweihte auch von modernen und romantischen Stoffen, an denen die aus innerstem Dränge schaffende poetische Kraft des Prinzen sich versucht habe. Es werden die Tragödien „Katharina Voisin“ (die berüchtigte Giftmischerin), „Yolanthe“ und „Don Sylvio“ genannt, und Kunstkenner versichern, daß es für diese drei Stücke nur eines künstlerisch gebildeten Schauspielerpersonals bedürfte, um sie vollständig bühnengerecht und wirksam zu machen. Leider freilich ist die Stellung eines Mitgliedes des königlichen Hauses für ein derartiges Heraustreten ein Hinderniß, denn die Oeffentlichkeit und die Bühne sind ihm eigentlich nicht erlaubt und jedenfalls abhängig von einer Genehmigung des herrschenden Oberhauptes der Familie. Einer eingehenderen Besprechung entziehen sich aus diesem Grunde auch die sonstigen literarischen Arbeiten des Prinzen. Dagegen wird ein flüchtiger Blick auf seinen Charakter und eigenthümlichen Bildungsgang gestattet und den Lesern der Gartenlaube in Betracht der Seltenheit und mannigfachen Bedeutsamkeit der Erscheinung nicht unwillkommen sein.

Man wird der Gartenlaube sicher den Vorwurf nicht machen können, daß sie ihr Augenmerk besonders auf fürstliche Persönlichkeiten richtet, allein das Talent dieses neuen dramatischen Dichters erscheint doch von so ungewöhnlicher Art, daß wir es uns als Unterlassungssünde anrechnen müßten, wollten wir unsern Lesern nicht eine kurze Schilderung vom Leben und Streben des kunstliebenden und kunstübenden Prinzen geben. Geboren am 12. Februar 1826, als zweiter Sohn des vielgenannten Prinzen Friedrich von Preußen und der Prinzessin Louise von Anhalt-Bernburg, als Enkel der schönen Königin Friederike von Hannover, zeigte Prinz Georg frühzeitig hervorragende Geistesanlagen. Die ersten Jugendjahre verlebte er in Düsseldorf, wo sein Vater sich vielfach an der regen Geselligkeit der Künstler und Gelehrten betheiligte und namentlich die Notabilitäten derselben an seinen Hof zog. Immermann leitete damals das Theater in Düsseldorf, und Uechtritz ließ seine antiken Tragödien unter dem Beistande des Freundes dort darstellen. Sein Alexander und Darius haben vielleicht zuerst in die kindliche Phantasie des Prinzen die Keime zu den ernsten historischen Stoffen seiner Muse gelegt. Die Feste am Hofe des Prinzen Friedrich hatten jedenfalls immer einen künstlerischen Boden, und der fürstliche Knabe empfing davon fruchtbringende Anregungen; mit zwölf Jahren spielte er selbst schon Komödie in einem französischen Drama „le roi, roi“. Er stellte Ludwig den Vierzehnten als Kind und Bohnenkönig dar und erntete so großen Beifall, daß seine lebhafte Phantasie von dem Augenblick an für theatralische Erfolge schwärmte. Sein vorherrschendes Talent war damals jedoch das musikalische, und um es auszubilden, hauptsächlich aber um einem drohenden Brustleiden vorzubeugen, wurde der Prinz, kaum dem Knabenalter entwachsen, nach Italien geschickt. Dort lernte er wohl zuerst die ganze Schönheit der Antike kennen und genoß mit den Anschauungen seines [342] Lieblingsdichters, Goethe, das Land der Poesie und der Kunst. In die nordische Heimath zurückgekehrt, verkehrte er viel mit den musikalischen und literarischen Größen damaliger Zeit, mit Gräfin Rossi-Sontag, Jenny Lind, Bettina von Arnim, der Gräfin Hahn-Hahn, Spontini, Meyerbeer, Tieck, Varnhagen.

Eine Bekanntschaft aber, die er etwas später machte, führte ihn entschieden der dramatischen Dichtkunst in die Arme, die Bekanntschaft mit Rachel Felix, der großen französischen Tragödin, die selbst den steifen, gespreizten Alexandriner mit einem Hauch antiker Schönheit zu umziehen wußte. Sie war es auch, die seine Künstlernatur erkannte und ihn selbst zuerst darauf hinlenkte, als Autor sich zu versuchen. Gleichsam als Verkörperung seiner Muse hat er ihrer Marmorbüste in verschiedenen Stellungen in seinem Arbeitscabinet Altäre errichtet und bewahrt, und unter dem Siegel strengster Discretion auch eine hochinteressante Briefsammlung der großen Tragödin. Eine andere Autorität der Vergangenheit, welcher der Prinz huldigt, ist Rahel Levin, die berühmte Gattin Varnhagen’s, die geistreichste Frau des Jahrhunderts, deren Eigenthümlichkeit von der raschlebenden Gegenwart unverzeihlicher Weise fast schon vergessen worden ist. Der Prinz-Autor hat ein wahrhaft liebevolles Gedächtniß für alle die schlagkräftigen Sentenzen dieses großen Frauengeistes, er kann sie auswendig und hat sie häufig als Wahlsprüche auf seinen Werken verzeichnet. Das „Ewig-Weibliche“, dem Goethe eine so hohe Bedeutung beigelegt hat, ist von unverkennbarem Einfluß auf die poetische Geistesentwickelung des Prinzen gewesen; es bewahrheitet sich an ihm die Aristotelische Lehre, daß ein Dichter die empfängliche Seele des Weibes sich aneignen muß, um schaffen zu können.

Die jetzt so plötzlich bekannt gewordene Autorschaft des Prinzen hat seine ohnehin große Popularität nur noch vermehrt; man kennt und grüßt ihn überall mit mehr als höflicher Aufmerksamkeit. Er besucht gern gelehrte Gesellschaften und verkehrt mit geistreichen Leuten, ohne jemals die Forderungen der Etikette geltend zu machen. Als Wohlthäter der Armen bringt er viele und bedeutende Opfer und giebt nicht blos Almosen, sondern stellt sich die Aufgabe, gründlich zu helfen durch Unterstützungen mit Rath und That. Durch eine seit seinen ersten Jugendjahren andauernde Kränklichkeit ist er übrigens gezwungen alle körperlichen Anstrengungen zu vermeiden und in dem lautem Berlin still zu leben. Die Sommermonate bringt er abwechselnd in Ems und Wiesbaden oder auf seinem Schlosse am Rhein zu.

L.





Ein heimlicher Hausfeind.

Von Otto Hermes.

In der Christnacht des Jahres 1715 hatten sich drei Männer in einem Häuschen der Weinberge Jenas versammelt. Von der Stadt tönten die Schläge der Mitternachtsstunde heraus. Die Leute waren in der Absicht zusammengekommen, Geister zu beschwören, einen Schatz zu heben und sich einen Heckethaler zu verschaffen.

Es herrschte bittere Kälte, draußen und in dem engen Raume, dessen Fenster und Thüren man sorgfältig verschlossen. Sie wollte auch nicht weichen, nachdem man ein Kohlenfeuer angezündet, dessen bläuliche Flamme zu der geheimnißvollen Arbeit unumgänglich nothwendig erachtet wurde.

Die Beschwörung begann. Ein Student der Gottesgelahrtheit zog ein altes wunderbar verschnörkeltes Buch unter dem Brustkleide hervor, schlug die vorher vermerkte Seite auf und fing an, über das trüb leuchtende Feuer gebeugt, murmelnd zu lesen, mehr und mehr seine Stimme steigernd. Die Anderen lauschten bänglich schweigend.

Noch hatte der Frevler die erste Seite nicht vollendet, als sich eine seltsame Veränderung an ihm bemerklich machte. Sein rothes, gedunsenes Gesicht wurde blaß, seine Stimme, die sich bald bis zum höchsten Pathos aufgeschwungen, immer leiser. Bald fühlte er sich nicht mehr fähig, zu stehen; seine Sinne schwanden und, ehe die dritte Beschwörung zu Ende war, stürzte er besinnungslos zu Boden. Seine Begleiter, zwei Bauern, waren eingeschlafen und von der Bank, auf welcher sie Platz genommen, heruntergefallen. Einer von ihnen erwachte noch einmal, war aber so betäubt, daß er nicht aufstehen konnte.

Am nächsten Tage wurde die Behörde von diesem Vorfall unterrichtet. Die von ihr zur Untersuchung geschickten Personen fanden den Studenten dicht an der Thür ohne Bewegung liegend; die beiden Bauern waren todt. Der Student wurde in die Stadt gebracht und hier durch die Anwendung zweckmäßiger Mittel wieder in’s Bewußtsein zurückgerufen. Die Körper der todten Bauern ließ man in dem Häuschen bis zum nächsten Tage liegen. Drei Wächter blieben bei ihnen. Der Kälte wegen zündeten diese in der Nacht ein Kohlenfeuer an. Bald wurden sie müde und betäubt, so daß sie sich niederlegten und einschliefen. Tags darauf fand man auch diese auf dem Boden liegend; zwei waren todt, der dritte wurde mit genauer Noth gerettet.

Die untersuchenden Aerzte erkannten die Todesursache nicht; sie hielten ängstlich mit ihrem Urtheile zurück. Die Herren Geistlichen aber, welche eben gar keine Ahnung von der Wirkung giftiger Stoffe auf den menschlichen Körper hatten, wußten trotz der auffallenden Erscheinungen, unter denen der Tod erfolgt, trotz der erstickenden Atmosphäre in dem engen Raume, ganz genau, daß der – ††† Teufel diese Leute umgebracht habe. Sie ruhten nicht eher, als bis die Körper der Verstorbenen dem Henker übergeben wurden, der sie wie die gemeiner Mörder hinausschleppte und verscharrte.

Als Fr. Hoffmann, der vorstehenden für die Geschichte des Kohlendunstes so interessanten Vorfall uns überliefert, in einer kleinen Schrift gegen diesen Unfug zu Felde zog und nachwies, daß der Kohlendunst die Ursache des Todes gewesen, erhob sich in der gelehrten Welt über diesen Gegenstand ein erbitterter Streit. Und, merkwürdig genug, ergriff gerade ein Arzt in Jena, Namens Andreä, mit allem Eifer die Partei des Teufels. Der Streit endete, nachdem die medizinische Facultät in Leipzig, von der man ein Gutachten einholte, zu Gunsten Hoffmann’s entschieden hatte.

Der Teufel hatte die vier Leute allerdings umgebracht, aber diesem Teufel fehlten der Pferdefuß und die Hörner – der Teufel der Herren Geistlichen, welcher manchem gelehrten Herrn heute noch in dieser Gestalt erschienen sein soll: er war in Gestalt eines Giftgases in die Leute gefahren. Just derselbige Teufel hat erst noch in dem letzten Winter zweiundsechszig Personen in Berlin seine Aufwartung gemacht und manche davon umgebracht!

Um so räthselhafter klingt dieser im achtzehnten Jahrhundert zu Jena vorgekommene Fall, als schon den Alten die Thatsache bekannt war, daß der Dunst, welcher von glühenden Kohlen ausgehaucht wird, auf Menschen und Thiere tödtlich wirken kann. Plutarch und Florus erzählen uns, daß schon im Jahre 87 vor Christi Geburt der Kohlendunst zum Selbstmord angewendet worden: Lutatius Catulus, den der grausame Marius tödten lassen wollte, entleibte sich durch Einathmen von Kohlendunst. Der Kaiser Jovian starb in Folge einer Kohlendunstvergiftung und sein Vorgänger Julian würde dasselbe Schicksal gehabt haben, wenn er sich nicht sogleich, als Erbrechen und Umnebelung der Sinne eintrat, an die freie Luft begeben hätte.

In den letzten Jahren haben die durch Kohlendunst erzeugten Vergiftungsfälle in so außerordentlichem Grade zugenommen, daß man mit Recht behaupten kann: es herrscht ein allgemeiner Nothstand. Die Ursache desselben, den Kohlendunst, wollen wir seiner Quelle und seinem Wesen nach zunächst kennen lernen.

Verbrennt ein organischer Körper an der Luft, so ist dies ein chemischer Vorgang, bei welchem sich der Sauerstoff der Luft mit dem Kohlenstoff und dem Wasserstoff des Körpers verbindet. Es bildet sich Kohlensäure, eine Verbindung des Kohlenstoffs mit Sauerstoff, und Wasser, eine Verbindung des Wasserstoffs mit Sauerstoff. Ist bei einer Verbrennung der Sauerstoff nicht in ausreichender Menge vorhanden, so entsteht an Stelle der Kohlensäure das Kohlenoxydgas, eine Verbindung, welche weniger Sauerstoff enthält, als die Kohlensäure. Fehlt also z. B. in einem Ofen, in welchem man Holz oder Kohle angezündet, die zum vollständigen [343] Verbrennen dieser Stoffe nothwendige Luft, was der Fall ist, wenn die Ofenklappe geschlossen oder der Ofen oder Schornstein verrußt ist, so füllt sich zunächst der Ofen mit den theils vollständig, theils unvollständig erfolgten Verbrennungsproducten, dem das Kohlenoxyd enthaltenden Kohlendunste, der dann aus den Oeffnungen des Ofens in die Umgebung dringt. Der Kohlendunst ist also das Erzeugniß einer unvollkommenen Verbrennung. Ueberall da, wo diese vor sich geht, ist die Quelle des Kohlendunstes zu suchen. Bei den Kohlenbecken, die so gerne zur Heizung großer Räume oder zum Austrocknen von neuem Mauerwerke angewendet werden, beim Verkohlen von Dielen, Möbeln oder Kleidungsstücken, beim Glimmen von Dochten oder von Papier und anderen Körpern bilden sich Gase, welche man mit dem Namen „Kohlendunst“ oder „Kohlendampf“ bezeichnet. Wie er aber auch entstanden sein mag, Belege von seiner vernichtenden Wirkung können wir bei allen Arten beibringen. Mehr vereinzelt sind die Fälle der Vergiftung bei dem auf die zuletzt angegebene Weise entstandenen Kohlendunste; daß aber selbst der Rauch eines ausgelöschten Talglichtes oder einer Lampe tödtlich wirken kann, mag folgender Fall lehren.

Am 12. Mai 1650 feierten die Schmiede in Leipzig ihr sogenanntes Quartal. In demselben Raume war ein Kind von zwölf Jahren aus Müdigkeit eingeschlafen. Aus reinem Muthwillen hielt man dem Kinde ein halbverlöschtes Licht unter die Nase; es erwachte, schlief jedoch bald wieder ein, worauf die Schmiede ihre Spielerei mit dem Kinde eine halbe Stunde lang fortsetzten. Kurz darauf bekam das Kind Athemnoth und starb endlich nach drei Tagen.

Die chemische Analyse giebt uns Aufklärung über die Stoffe, welche in dem Kohlendunste enthalten sind, von denen uns besonders diejenigen interessiren, auf welchen die Wirkung des Kohlendunstes beruht. Im Durchschnitt kann man annehmen, daß derselbe vierundzwanzig Procent Kohlensäure, zwei und einen halben Procent Kohlenoxydgas und geringe Mengen von Kohlenwasserstoff enthält. Der gefährlichste dieser Stoffe ist das Kohlenoxydgas, welches zwar in geringerer Menge als die Kohlensäure in dem Kohlendunste vorhanden ist, jedoch bei den Vergiftungen die wesentlichere Rolle spielt. Am leichtesten erhält man es aus der Oxalsäure, welche zu diesem Ende für sich oder mit Schwefelsäure erwärmt werden muß. Neben dem Kohlenoxydgase bildet sich hierbei Kohlensäure, welche man entfernt, indem man Kohlenoxydgas und Kohlensäure durch Kalkwasser oder Kalilauge leitet. Von diesen Körpern wird die Kohlensäure aufgenommen, während das Kohlenoxydgas in mit Wasser angefüllten gläsernen Cylindern aufgefangen werden kann.

Das so erhaltene reine Kohlenoxydgas hat weder Farbe, noch Geruch, noch Geschmack; es ist etwas leichter als die atmosphärische Luft und brennt mit blaßblauer Farbe. Die blauen Flämmchen des Kohlenfeuers sind brennendes Kohlenoxydgas. Thiere, in dies Gas gebracht, sterben fast augenblicklich; sie sterben sogar schnell, wenn man sie in eine Luft bringt, die nur einige Procente des Kohlenoxydgases enthält. Ist in der Athmungsluft nur ein halbes Procent Kohlenoxyd vorhanden, so stellt sich bei den Thieren schon nach wenigen Athemzügen ein ängstliches Benehmen und schnelleres Athmen ein. Nach einem kurzen Zeitraum der Beruhigung folgt eine reichliche Absonderung der Thränenflüssigkeit, des Nasenschleims und des Speichels; willkürliche Bewegungen hören auf. Das Thier schwankt, taumelt und sinkt um, häufig unter Krämpfen. Die Athemzüge werden tiefer und langsamer, dann unregelmäßig, bis sie ganz aufhören. Athmen Menschen das Kohlenoxydgas ein, so fangen sie zunächst wie Betrunkene an zu schwanken, und stürzen dann meist unter Zuckungen besinnungslos zu Boden.

Die Wirkung des Kohlendunstes auf den Menschen ist eine ähnliche; natürlich treten die Erscheinungen langsamer ein, da das Kohlenoxydgas meist nur in geringen Mengen in der Athmungsluft enthalten ist. Zuerst stellt sich schnell sehr heftig werdender Kopfschmerz ein, dann Schwindel, Schläfrigkeit, Umnebelung und Abstumpfung der Sinnesthätigkeit, bis schließlich vollständige Besinnungslosigkeit eintritt. Der Taumel, in dem die Vergifteten sich befinden, ist so groß, daß sie, wenn sie auch aus diesem erwachen, doch nicht die Kraft besitzen, den gefährlichen Ort zu verlassen. Doch sind die Erscheinungen nicht gleichmäßig; oft schwindet das Bewußtsein ganz plötzlich, mitunter stellt sich Uebelkeit und Erbrechen ein, dem ein Gefühl von Ohnmacht oder Schläfrigkeit folgt. Auch kommen in dem Zustande der Betäubung häufig krampfhafte Zuckungen vor und auf dem gedunsenen Gesichte zeigen sich violette oder hochrothe Flecken. Verläuft die Vergiftung tödtlich, so erfolgt der Tod meist ruhig und immer ohne vorherige Wiederkehr des Bewußtseins. Bei nicht tödtlichem Ausgange bleiben oft ganze Theile des Körpers auf Lebenszeit gelähmt.

Wir erkennen aus den Erscheinungen, welche die Vergiftung begleiten, daß der Kohlendunst einer der gefährlichsten Feinde des thierischen Lebens ist. Gewöhnlich geht dieser heimtückische Geist des Nachts an seine Verderben bringende Arbeit; ohne sich durch ein Geräusch oder durch den Geruch zu verrathen, ohne irgend ein warnendes Zeichen für die nahende Gefahr zu geben, zieht er ein in den Körper:

„Dem Menschen tausendfältige Gefahr
Von allen Enden her bereitend.“

Den guten Geist des Blutes, den Sauerstoff, überwältigend, verdrängt er ihn aus dem Blute – ganz allmählich bis zur völligen Vernichtung aller Lebensgeister.

Tausende von Menschen haben ihr Leben eingebüßt, weil sie die Macht des heimtückischen Feindes unterschätzten, oder weil sie es nicht der Mühe werth hielten, ihn seinem Wesen nach kennen zu lernen. Wohl warnt die Polizei vor ihm: „Hütet euch, daß er euch nicht umbringe.“ Was aber helfen solche Warnungen, wenn sie nicht beachtet, ja nicht einmal gelesen werden? Wir könnten in Hunderten von Fällen das entsetzliche Elend schildern, das aus reiner Nachlässigkeit über ganze Familien hereingebrochen. Ein Blick in die Zeitungen genügt, uns zu überzeugen, daß hier zwei Kinder, dort eine ganze Familie, dort eine Anzahl Soldaten in ihren Wohnungen vergiftet gefunden worden. In den Berichten über den Volksgesundheitszustand im russischen Kaiserreiche für das Jahr 1856 heißt es: „unter den verschiedenen Arten von Vergiftung war die durch Kohlendunst am häufigsten“. Statistische Angaben über die Anzahl der jährlich vorkommenden Vergiftungsfälle sind unseres Wissens leider nirgends zu finden; dieselben würden aber in mancher Hinsicht von so großem Werthe sein, daß die Statistik verpflichtet wäre, nicht länger damit zu zögern. In Preußen sind die Aerzte unseres Wissens nur dann verpflichtet, der Behörde von einer Kohlendunstvergiftung Anzeige zu machen, wenn dieselbe einen tödtlichen Verlauf genommen. Wie bei der Cholera müßte diese Verpflichtung der Aerzte auf alle, auch die leichteren Fälle ausgedehnt werden. Durch eine Zusammenstellung aller in den beiden Jahren bei der Polizei angemeldeten Vergiftungsfälle in Berlin fanden wir, daß im Jahre 1857 neunzehn, im Jahre 1867 zweiundsechszig Personen durch Kohlendunst vergiftet worden sind. Mit Ausnahme einiger Fälle lauten fast alle Berichte übereinstimmend über die Ursache: „Der Ofen war mit Steinkohlen geheizt und die Ofenklappe zu zeitig geschlossen.“

Die Anzahl der Kohlendunstvergiftungen hat sich, wie der Vergleich der beiden Jahre in Berlin ergiebt, in erheblicher Weise gesteigert; doch nicht Berlin allein, das ganze nördliche Europa krankt mehr an diesem Uebel, seitdem die Steinkohle in den Haushaltungen zum Heizen eine ausgedehntere Anwendung gefunden. Daß diese die Quelle des Kohlendunstes nicht allein bildet, haben wir oben schon erörtert: jedes Brennmaterial erzeugt, bei mangelhaftem Luftzuge verbrannt, Kohlendunst, so daß, wird die Ofenklappe bei Holzfeuerung zu früh geschlossen, ebenso gefährliche Wirkungen entstehen können und häufig auch erfolgen.

Holz, Torf, Braunkohlen etc. verbrennen aber in viel kürzerer Zeit, als die Steinkohlen. In der Asche der letzteren kann man häufig noch nach vielen Stunden glühende Kohlen entdecken, besonders dann, wenn der Schornstein verrußt ist oder Witterungsursachen störend einwirken.

Viele, die Gefahr nicht kennend, schließen die Ofenklappe, auch wenn noch glimmende Kohlen vorhanden sind. Eine besonders die deutsche Hausfrau auszeichnende Tugend, die Sparsamkeit, ist oft die Veranlassung, daß durch das „rechtzeitige“ Schließen der Ofenklappe, welches meist ohne Kenntniß der Gefahr mit peinlichster Gewissenhaftigkeit geschieht, der vernichtende Geist der Kohle heraufbeschworen wird.

Wenn ein Mensch von ihm trunken oder besinnungslos gemacht ist, so sorge man vor allen Dingen dadurch für frische Luft, daß mau ihn in ein anderes Zimmer bringt oder durch Oeffnen von Fenstern und Thüren einen Luftstrom erzeugt. Die eng anliegenden [344] Kleidungsstücke müssen schnell beseitigt und Brust und Füße bis zur Ankunft des Arztes gerieben werden. Sollte dieser, dessen Hülse, wenn er wenigstens kein Homöopath ist, unter allen Umständen dringend erforderlich, nicht gleich zur Stelle sein, so kann man versuchen, dem Vergifteten starken, schwarzen Kaffee einzuflößen. – Wie kann man sich nun gegen die Kohlendunstvergiftung schützen?

In früherer Zeit glaubte man, daß die giftigen Ausdünstungen der Kohlen durch Uebergießen derselben mit Wein aufgehoben werden könnten. Aus demselben Grunde legte man später ein Stück Eisen unter die Kohlen, oder man bestreute sie mit Seesalz, oder zündele etwas Schießpulver in dem Zimmer an. Erstere Methode soll sogar heute noch beim Landvolke in Italien gebräuchlich sein. Das Bestreuen der Kohlen mit Salz geschieht vereinzelt in Deutschland heute noch. Ein eigentliches Schutzmittel gegen die Vergiftung durch Kohlendunst giebt es indessen nicht. Das wirksamste Schutzmittel besteht in der Vermeidung derjenigen Ursachen, welche den Kohlendunst erzeugen können.

Die Medicinalpolizei hat aus diesem Grunde in einigen Staaten Warnungen erlassen, die zugleich eine mehr oder weniger, umfangreiche Belehrung über den Kohlendunst enthalten. Gelesen werden diese Warnungen um so weniger, als sie nur selten und dann meist an einer versteckten Stelle einiger größerer Zeitungen erscheinen, und beachtet werden sie noch seltener. Thatsache wenigstens ist, daß sie in Preußen, insbesondere in Berlin, eine Abnahme der Vergiftungen durch Kohlendunst nicht bewirkt haben. Ob etwa in anderen Ländern oder Städten, entzieht sich unserer Beurtheilung. Wir fürchten, daß das Verhältniß nicht günstiger sein wird, denn immer häufiger melden die Zeitungen aller Orte solche Unglücksfälle. Die Erfahrung ist nicht neu, daß ein großer Theil des Publicums, wenigstens des ungebildeten, sich nicht belehren läßt. Die Ergebnisse der Wissenschaft werden nicht beachtet; man macht diese zur Glaubenssache. Fragte mich doch kürzlich noch ein Schlächtermeister, ob ich denn wirklich an die Trichinen glaube? Er mit seiner Familie kehre sich nicht an den Virchow’schen Trichinenschwindel.

In Fällen, wo es sich um Menschenleben handelt, hat jeder Gebildete die Verpflichtung, mitzuhelfen an der Beseitigung von Vorurtheilen und mangelhaften Zuständen.

Der Uebel größtes aber ist diesfalls die Ofenklappe. Mit deren Verbesserung oder Beseitigung würde die große Anzahl der Vergiftungen durch Kohlendunst auf eine kleine Summe zusammenschmelzen. Verbessern kann man sie dadurch sehr leicht, daß man einige Löcher von Größe eines Zweigroschenstückes in dieselbe bohren läßt, durch welche, ist das Brennmaterial noch nicht völlig verkohlt, der gefährliche Dunst entweichen kann. Noch wirksamer würde die völlige Beseitigung der Ofenklappe sein. Als Ersatz dafür empfehlen sich die in vielen Haushaltungen schon eingebürgerten luftdicht schließenden Ofenthüren. Die Ofenklappe sowohl, wie auch die luftdichte Ofenthür haben den Zweck, den Luftstrom, welcher vom Zimmer aus durch Ofen und Schornstein geht, abzuschneiden und dadurch die schnelle Ausgleichung der erwärmten mit der kälteren Luft zu verhindern. Daher darf auch die luftdichte Ofenthür nicht früher geschlossen werden, als dies bei der Ofenklappe geschehen ist. Erstere beseitigt zugleich die Gefahr, und aus diesem Grunde sollte die Anbringung der Ofenklappe bei Neubauten z. B. gar nicht mehr statthaft sein.

Schließlich wollen wir noch einem ziemlich verbreiteten Irrthum entgegentreten, nämlich dem, daß die Oefen durch die luftdichten Thüren leiden. Nicht jedoch durch die Thüren, sondern durch das zu frühe Schließen derselben leiden die Oefen. Erst wenn das Feuer völlig niedergebrannt ist, schließe man die luftdichten Thüren, dann wird der Ofen, davon halte man sich überzeugt, nicht mehr und nicht weniger leiden, als bei den verhängnißvollen Ofenklappen.

Die Unglücklichen, welche dem giftigen Gase zum Opfer gefallen sind, hatten gegen die ewigen Gesetze der Natur gefehlt, die Jeden unbarmherzig zermalmen, der sich wider ihre Gebote auflehnt. Die Natur gehorcht uns nur da und nicht eines Haares Breite weiter, als wir ihr ihre Gesetze abgelauscht haben.

Wir haben nun das Gesetz kennen gelernt, daß jeder unvollkommene Verbrennungsproceß den giftigen Kohlendunst erzeugt; wir wissen, daß zu geringer Luftzutritt die unvollkommene Verbrennung bewirkt, wir haben es tausendfach gehört und gelesen, daß zu frühe Schließung der Ofenklappen das Leben der Menschen diesem Gifte preisgiebt: nun, so müssen wir uns fragen, wollen wir nicht durch die Beseitigung der Ofenklappen diesen Feind aus unserem Hause verbannen?





Oesterreichische Berühmtheiten.[1]

Von Sigmund Kolisch.
1. Eine Unterhaltung mit Herrn v. Beust.

Aus einem Stücke ist der Mann nicht, welchen, ungeachtet derselbe ein „Ausländer“ und ein Protestant ist, Kaiser Franz Joseph 1866 an die Spitze der österreichischen Staatsgeschäfte berufen. Der Dualismus herrscht, wie in dem letzten politischen Werk, so in dem Leben des Ministers. Herr v. Beust ist Sachse und Oesterreicher. In Dresden hat er von 1849 an das Seinige zum Rückgang der Dinge beigetragen; seitdem er in Wien thätig ist, drängt er die Verhältnisse vorwärts mit seltenem Geschick, mit Muth und auch mit Erfolg.

„Zwei Menschen waren, ach, in meiner Brust,“ kann der Reichskanzler mit Faust rufen. Einen Vorwurf mag man übrigens dem Staatsmann aus seiner Wandlung nicht machen, da dieselbe als eine Wendung zum Besseren, vom Dunkel zum Lichte sich darstellt und, verschieden von den vielen Wandlungen in unseren Tagen, einen Fortschritt bezeichnet. Von einem sehr geistreichen Manne wurde Herr v. Beust treffend „der umgekehrte Bach“ genannt. Schmeichelhafteres kann dem Minister wohl nicht gesagt werden.

Patriotische Sachsen, welchen es einfallen könnte, den Besitz des zu großer Berühmtheit emporgelangten Ministers für ihr Land in Anspruch zu nehmen und welche mir etwa das Recht streitig machen wollten, den Reichskanzler unter die Oesterreicher zu reihen, halte ich die Erklärung entgegen, welche Herr v. Beust selbst in der Sitzung des Ministerraths vom 14. November 1867 über diesen Gegenstand abgegeben: „Ein Mann,“ sagte er, „den der Kaiser auf diesen Platz gestellt, den eine nicht geringe Anzahl österreichischer Städte zu ihrem Ehrenbürger ernannt, den eine böhmische Handelskammer in den böhmischen Landtag geschickt und dem dieser Landtag die Ehre erwiesen hat, ihn in den Reichsrath zu senden, der, glaube ich, hat den Anspruch darauf, nicht als ein eingewanderter Fremder, sondern als ein eingebürgerter Bürger betrachtet zu werden.“ (Allgemeiner Beifall.)

Wie leicht begreiflich, giebt es hier in Oesterreich, dem Lande der gesunkenen Hoffnung und des Mißtrauens, eine Anzahl von Trostlosen, welche an der Aufrichtigkeit des Staatskanzlers zweifeln und seinen Liberalismus für eine Maske halten, die ihm eher lästig als angenehm sei und die er zu gelegener Zeit abzulegen nicht anstehen würde. Unbillig wäre es, den oft Getäuschten diesen Argwohn zu verdenken, ihn zu theilen aber vermögen wir nicht, wenn wir das von dem Reichskanzler bereits Vollbrachte, wenn wir sein Streben, wenn wir die Mittel in’s Auge fassen, die er in seiner neuen Stellung anwendete. Diesen Argwohn [345] theilen können wir ganz besonders nicht, seitdem wir Gelegenheit gefunden, uns persönlich und ohne Zeugen mit dem Minister über die verschiedenen Fragen des Augenblicks zu unterhalten. Sitzt die liberale Neigung nicht in seinem Herzen, in seinem Blute, so sitzt die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer freiheitlichen Politik in dem Kopfe des Ministers. Wenn er die Freiheit nicht liebt, so beugt er sich vor ihrer gewonnenen Allgewalt. Wie Athalia „sieht“ er, „weiß“ er, „glaubt“ er. Als ich im Verlaufe des Gespräches die Bemerkung hinwarf, daß ein Mensch, wie er auch erzogen und gesinnt sein, wie er über die Bedürfnisse der Neuzeit auch denken mag, heutzutage jedenfalls die Macht des liberalen Grundsatzes anerkennen muß, gab der Minister seine Uebereinstimmung mit einem Nachdruck zu erkennen, dem das Gepräge der Echtheit nicht abzusprechen ist.

Wir haben eine zu gute Meinung von dem politischen Verstande des österreichischen Staatskanzlers, um nicht zu denken, daß er auf dem eingeschlagenen Wege fortschreiten wird, so lange es geht, weil er erkennen muß und sicher erkennt, daß Oesterreich durch eine freiheitliche Entwickelung oder gar nicht zu retten sei. Wie lange der Minister können wird, was er zu müssen einsieht, wie lange er den im Finstern schleichenden Kräften wird Stand halten können, ist eine andere Frage, die von den Propheten, je nach den Gläsern, durch welche sie in die Zukunft blicken, verschieden beantwortet wird. Eine Umkehr zum Verderblichen von Seiten des Staatskanzlers steht unseres Erachtens nicht zu befürchten.

Die Persönlichkeit des Herrn v. Beust ist eine gefällige, gewinnende. Obgleich dem Staatsmann nicht mehr als ein Jahr zu den Sechszigen fehlt, zeigt an seinem Wesen sich eine jugendliche Frische und Lebendigkeit, die der Zeit noch lange Trotz zu bieten versprechen. Er ist mehr als höflich, er ist freundlich, er macht es dem an ihn Herankommenden gleich nach dem ersten Austausch von Worten äußerst bequem, man fühlt sich bei dem Minister zu Hause, à son aise, wie der Franzose sich ausdrückt. Ein feines Lächeln, das fast immer um die Lippen spielt, wenn er spricht, wirkt um so angenehmer, als der Minister auch den ernsten Gedanken in eine leichte, heitere Form kleidet, und folglich die Harmonie der Kundgebung erhalten bleibt. Das Lächeln behält selbst, wenn es ab und zu einen sarkastischen Zug annimmt, seine Gutmüthigkeit, und verletzt daher nie. Im Gespräche mit Herrn v. Beust hört man gar nicht auf sich über die liebenswürdige Offenheit zu wundern, mit welcher der Minister über die wichtigsten Fragen und Staatsangelegenheiten sich ausläßt. Er verschmäht die Geheimnißthuerei, hinter welcher andere Diplomaten ihre Nichtigkeit und Geistesarmuth zu verbergen pflegen. Ohne Anstand glaubte ich seiner Versicherung, daß er über seine politisch-diplomatischen Entwürfe niemals etwas Unrichtiges, Unwahres zu verbreiten sucht; ich hielt es für den Ausdruck seiner Ueberzeugung, als er sagte, daß die Anwendung von Lügen und Winkelzügen in der Diplomatie nicht länger als zwanzig Jahre zu leben habe, und dann hinzufügte: „Die Diplomatie ist ein ehrliches Handwerk wie ein anderes.“ „Ja, Excellenz,“ versetzte ich, „eine Diplomatie, wie man sie sonst getrieben, wie sie jetzt noch von dem Kaiser der Franzosen verstanden und gepflogen wird, lebt auch jetzt nicht mehr; sie besteht nur noch.“

Der Minister nickte bestätigend.

Vollkommen übereinstimmend mit dem Wesen ist der Kopf des Staatskanzlers; die Züge des Gesichtes sind zart, lebhaft, beweglich und machen einen humoristischen Eindruck. Die Nase, zierlich ausgearbeitet, neigt zu einem spöttischen Rümpfen, das die Pedanterie erschrecken muß. Blaue Aeuglein blicken klug und nicht ohne einen Anstrich von Treuherzigkeit unter Brauen hervor, die nahe an die Backe gerückt sind. Zwischen der Stirn und dem Scheitel bestehen Grenzstreitigkeiten, welche schwer beizulegen sind, und an den spärlichen Haaren kämpft das Grau den siegreichen Kampf mit dem Blond. Die Gestalt des Ministers ist schlank und zeigt nicht die geringste Anlage zu der Verunstaltung, die das Alter durch den Ansatz von Fett herbeizuführen pflegt. Die Beine ruhen stramm auf dem Boden und zeigen sich minder leicht verrückbar, als man von dem Sinn des Ministers voraussetzen möchte, und enden mit aristokratisch kleinen Füßen, die, in vornehme Glanzstiefeln gesteckt, sich einer besonderen Sorgfalt zu erfreuen scheinen.

Im Fluge der Unterhaltung wurden die verschiedensten Gegenstände berührt; über jeden derselben hatte der Staatsminister sich eine bestimmte Ansicht gebildet, die er ohne allen Rückhalt aussprach. Mein bisheriger Aufenthalt in dem Lande jenseits des Rheins führte das Gespräch auf den Verfall des zweiten Kaiserreichs, auf die Lage der bonapartischen Regierung, überhaupt auf die französischen Verhältnisse. Ich wies auf die Trostlosigkeit ernster besonnener Franzosen hin, welche der Meinung sind, daß sich ihr Vaterland nie wieder aus der Gesunkenheit emporraffen werde, zu der es seit dem 2. December 1851 sich selber verurtheilt. Ich äußerte die Meinung, daß an Frankreich vermöge seiner beispiellosen Elasticität niemals ganz zu verzweifeln sei, und daß eine Nation, welche die Verwüstung unter der Regentschaft überwunden, welche von den Verderbnissen unter Ludwig XV. sich frei gemacht, auch dem Gift des zweiten Kaiserreiches widerstehen werde. Bisher, fügte ich hinzu, habe ich das Ende der gegenwärtigen Wirthschaft in Frankreich nicht abgesehen. Nach der Wendung jedoch, welche die Dinge daselbst seit einigen Wochen genommen haben, hielte ich es für undenkbar, daß der Bonapartismus noch zwei Jahre die Herrschaft behaupte.

Der Minister jedoch bezeichnete zunächst die Klagen über den Verfall Frankreichs als eine Uebertreibung und zur Begründung seines milderen Urtheils führte er die außerordentliche Tapferkeit der französischen Soldaten an, von der sie so glänzende Proben in der Krim, in Italien und an anderen Orten abgelegt. Und was die Regierung Napoleon’s anbelangt, meinte Herr v. Beust, werde dieselbe den zerstörenden Elementen noch lange widerstehen, weil sie zum Unterschied von der Restauration und der Juliherrschaft die Gefahr, von welcher sie bedroht ist, kennt und sich vor Augen hält. „Die Regierungen Karl des Zehnten und Ludwig Philipp’s,“ sagte Herr v. Beust, „wiegten sich in einer Sicherheit, welche sie jeder Vorsicht vergessen ließ. Die Regierung des dritten Napoleon dagegen ist unausgesetzt mit dem Gedanken ihres möglichen Unterganges beschäftigt und auf ihre Erhaltung bedacht. Sie lavirt, sie trägt jedem Wechsel der Verhältnisse Rechnung.“ Wir wollen oder vielmehr wir müssen es den Ereignissen zu zeigen überlassen, ob diese Folgerung des Reichskanzlers richtig ist.

Von großem Interesse war es mir, die Meinung des österreichischen Staatskanzlers über Cavour und Bismarck zu hören, an die ihn wohlwollende Anhänger als Dritten zu reihen geneigt sind. Vortheilhaft sprach der Minister sich über die beiden Gestalten aus, welche in der Geschichte unserer Tage einen so hervorragenden Platz einnehmen; aber sein Lob schien kaum einen Unterschied zu machen zwischen den beiden Staatsmännern, von denen der eine seine großen Entwürfe mit dem Gesetz, der andere zum Theil gegen das Gesetz in Ausführung brachte. An Cavour bewundert Herr v. Beust die Kühnheit, das „Toupé“, wie er mit einem französischen Volksausdruck es nannte. „Der Graf Cavour kam mir wie Jemand vor,“ äußerte der Staatskanzler, „der bei einem Wettrennen, statt in dem vorgezeichneten Kreise mit den Andern zu laufen, von der Bahn und von der Regel abweicht, quer durchbricht und am Ziele früher als die Andern anlangt. Die Schwäche und Unbehülflichkeit der Gegner kam der Politik des Italieners sehr zu statten.“ Herrn von Bismarck erkennt der Reichskanzler einen hohen Grad von Festigkeit des Charakters zu, und er betonte die Versicherung, daß er auch nicht eine Regung des Uebelwollens gegen das Berliner Cabinet in seine neue Stellung hinüber gebracht habe, daß er im Gegentheile Alles auf’s Sorgfältigste vermeide, was auf das gute Einvernehmen zwischen Oesterreich und Preußen von störender Wirkung sein könnte. „Wir hätten,“ fügte er hinzu, „durch ein Verbot der Getreideausfuhr Preußen in diesem Jahre Verdruß machen, ernste Verlegenheiten bereiten können, ohne daß es für ein feindseliges Auftreten hätte angesehen werden können; wir unterließen die Maßregel, weil wir eben auch keinen geheimen Groll gegen den norddeutschen Großstaat hegen.“

Das Gesicht des Ministers verfinsterte sich ein wenig, sein Lächeln gewann einen leisen Ansatz von Bitterkeit, als er, wie einem innern Anstoß nachgebend, auf seine frühere Wirksamkeit und namentlich auf die Vorwürfe zu sprechen kam, welche derselben gemacht werden. „Ist eine Ansicht einmal lancirt,“ sagte der Reichskanzler mit einem gewissen Ernst, „dann rollt sie unaufhaltsam weiter und findet auch ohne gültigen Geleitschein Eingang in die Köpfe. So ist es eine angenommene Sache, daß ich die Reaction in Sachsen gefördert. Das Gegentheil dieser Beschuldigung ist [346] wahr. Als die Bewegung auszuschreiten sich anschickte, habe ich die Führer derselben redlich gewarnt und zur Mäßigung gemahnt. Es war umsonst; und als in Folge der eingetretenen Ziellosigkeit der Leidenschaften der von mir vorhergesehene Gegenschlag erfolgte, habe ich nach Kräften die Heftigkeit des Rückschritts gemäßigt. Ich habe zur Befreiung Röckel’s das Meinige beigetragen; auch habe ich den Verfasser der Schrift ‚Sachsens Erhebung und das Zuchthaus zu Waldheim’, der sich nun hier in Wien befindet, darüber zur Rede gestellt, daß er in dem Büchlein so viele Unrichtigkeiten und Entstellungen vorgebracht. Er konnte oder wollte darauf nichts erwidern. Die Maierhebung mußte niedergeworfen werden im Interesse des Landes, wo Alles aus Rand und Band gerathen war und Vereine ohne Zahl ihr Unwesen trieben. Selbst wenn ich den Willen gehabt hätte, den Rückgang der Dinge zu verhindern, ich wäre es nimmermehr im Stande gewesen. Ein Anderer von weniger Milde und Schonung, als ich, wäre an meine Stelle gekommen, und ich hätte das Uebel gefördert statt ihm abzuhelfen. Mir dankt Röckel, mir danken andere wegen politischer Vergehen Verhaftete ihre Befreiung.“

Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, um ja kein Wörtchen zu verlieren, horchte ich auf die Rechtfertigung aus dem Munde des Ministers. Diesem muß jedoch die Wirkung seiner letzten Worte, wie sie etwa auf meinem Gesicht sich aussprach, nicht sonderlich gefallen haben, und ich konnte eine leichte Verstimmung an ihm bemerken; da ich meinen Gefühlen und Gedanken den freiesten Verkehr mit den Zügen meines Gesichtes gestatte, mögen wohl meine inneren Zweifel, nicht etwa an der Wahrheit des Erzählten, aber an der Richtigkeit der Betrachtung zu Tage getreten sein. Ich hielt, es für angemessen, über den Gegenstand zu schweigen und mich zu empfehlen. Uebrigens liegt in dem Bestreben des Herrn v. Beust, für seine Vergangenheit Ablaß zu erhalten, ein Zugeständnis an die öffentliche Meinung, die Anerkennung einer richterlichen Gewalt, die man bisher in den Vorzimmern der fürstlichen Paläste verachten zu dürfen geglaubt.

Fern ist es von unserer Gewohnheit, Excellenzen, welchen Staatsruder anvertraut sind, zu besingen. Gern überlassen wir das Geschäft Anderen, welche zu demselben mehr Lust und Geschick haben. Unserer Natur und unserem Geschmack entspricht es mehr, das Verdienst irgend eines still Wirkenden, von der „launigsten Göttin“ abseits in der Studirstube Vergessenen zu preisen, als unser Blümchen zu den reichen Kränzen zu legen, die das Leben den Vielbegünstigten windet. Unsere Theilnahme und Zuneigung gehören eher dem angeschmiedeten Feuerhascher mit den Geierbissen, als dem „Donnernden“ mit den unsterblichen Locken, der in unvergänglicher Heiterkeit fortlebte und fortgenoß, allein für die geistige Spannkraft des Staatskanzlers wird es uns schwer, unsere Bewunderung zurückzuhalten. Zunächst verdient der gewaltige Sprung einiges Lob, den der Staatsmann von der Leitung eines Kleinstaates zur Leitung eines welthistorischen Reiches ausführte, ohne einen Augenblick das Gleichgewicht oder den Athem zu verlieren, ohne das leiseste Symptom von Schwindel blicken zu lassen. Aber noch weit höher anzuschlagen, als diese plötzliche Ausdehnung des Gesichtskreises, als dieses rasche Hineinwachsen in neue Verhältnisse, ist die seltene Energie, mit welcher Freiherr v. Beust die Voreingenommenheiten seines Standes überwunden und die altgewohnte, mit der Muttermilch eingesogene Abneigung niedergekämpft, um Plebejer für das Cabinet anzuwerben, die das Vertrauen des Volkes empfohlen. Daß der Staatsmann über des Centrums lockende Willfährigkeit leichten Fußes hinwegschritt, um auf den Bänken der vorgerücktesten Meinungen und entschiedensten Ueberzeugungen seine Helfershelfer sich auszusuchen, ist ein politischer Meisterzug, der ihn in die Reihe der bedeutendsten Minister stellt und zu der Hoffnung berechtigt, daß er den schwierigen Kampf, den er wegen des Fanatismus des Rückschrittes unternommen, auszufechten wissen werde.

Durch Einführung der Grundrechte, mehr noch durch das Decret, welches den Herren von der Gesellschaft Jesu drei Lehranstalten, die Gymnasien von Linz, Feldkirch und Ragusa entzieht, durch ihren energischen Kampf gegen das Concordat, haben Herr v. Beust und seine Amtsgenossen gezeigt, Laß sie nicht nur freiheitlich zu plänkeln, sondern einen Vernichtungskrieg gegen geistigen Druck zu führen entschlössen sind. Wer Licht und Aufklärung wünscht, wird ihnen beistehen müssen. Der Reichskanzler ist sehr rührig, unternehmend und unausgesetzt thätig; aber nicht in dem Sinne eines Kanzleimenschen, sondern mit Verstand, wie es von dem obersten Leiter eines constitutionellen Staates zu verlangen ist. Die Detailarbeiten überläßt er untergeordneten Kräften. Er verfügt, unterhandelt, gleicht aus; wo eine ernste Schwierigkeit entsteht, ist er zur Hand und auf deren Beseitigung bedacht. In richtiger Auffassung seines Berufes empfängt er viel und sucht er den Gedankenaustausch und die Verständigung mit mehr oder weniger einflußreichen Personen. Noch spät Abends tummelt er sich in der Welt umher, wodurch ihm natürlich Gelegenheit geboten wird, Erfahrungen zu sammeln, die verschiedenen Elemente der Wiener Gesellschaft kennen zu lernen und sogar zu benützen.

Gründliche Leute werfen dem Reichskanzler ein ungenügendes Eingehen, auf die Einzelnheiten der verschiedenen Fragen vor. Diese Herren wünschten wohl, daß der Staatsmann von früh Morgens bis spät in die Nacht in seiner Kanzlei säße und, die Brille auf der Nase, amtliche Schriften durchläse, als ob ein Actenstoß der Standpunct wäre, von welchem aus ein constitutioneller Minister Menschen und Dinge zu beurtheilen und zu leiten vermöchte. Es wird lange dauern, bis in Oesterreich das bureaukratische Vorurtheil der besseren Ueberzeugung weicht. Herr v. Beust hat von jeher viel gearbeitet; er erzählt nicht ohne einige Genugthuung, wie fleißig er als Student auf der hohen Schule zu Göttingen die Vorlesungen besucht, und wie er mit seinem Tagewerk unzufrieden war, wenn er nicht wenigstens sechs Collegien im Leibe hatte. Als laudator temporis acti meint Herr v. Beust, daß man es jetzt auf den Universitäten mit dem Lernen nicht so ernst nehme wie zu seiner Zeit. Darin irrt der Minister offenbar. Die Ergebnisse der Wissenschaft zeigen, daß der Deutsche von seiner Nationaltugend der Redlichkeit und der Ausdauer in der Arbeit, dein Himmel sei es gedankt, nichts eingebüßt habe.

Die Beredsamkeit gehört keineswegs zu den Vorzügen des Herrn v. Beust. Seine parlamentarischen Auseinandersetzungen sind weder glänzend, wie die der französischen, noch kurz und schlagend, wie die der englischen Redner. Aber er spricht leicht geistreich und vor Allem ohne Emphase, ohne jene Ueberhäufung von Metaphern, welche als Erbübel der Oesterreicher zu bezeichnen ist, Ein gemüthlicher Humor ist über die Worte des Staatskanzlers gehaucht und giebt ihnen das gewinnende, familiäre Gepräge, das die Reden des Briten Palmerston und des Italieners Cavour so anziehend, so wirksam machte. Herr v. Beust hat parlamentarischen Tact, bringt den rechten parlamentarischen Ton auf die Tribüne, den Herr v. Schmerling nie getroffen und der den anderen Ministern als Muster dienen kann. Er versteht anzugreifen und abzuwehren, ohne durch Anmaßung oder Uebermuth zu verletzen; er wendet den Spott an, aber nur so weit er in guter Gesellschaft zulässig ist; er respectirt die Würde des Gegners wie die eigene. So lange Oesterreich constitutionell bleibt, wird es wohl schwerlich den Reichskanzler des Amtes entsetzen.




Aus der Zeit der weichgeschaffenen Seelen.

„Ihr weichgeschaffnen Seelen, ihr könnt nicht lange fehlen,“ singt Ramler – und zwar in Bezug auf den reuigen Petrus! – im „Tod Jesu“, und dies Wort ist für die Menschen der deutschen Bildungskreise jener ganzen Epoche, welcher dies empfindsame Oratorium von der geistlichen Passion angehört, zur treffendsten Bezeichnung geworden. In unserer schönen Literatur wurde nämlich um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts eine Manier Herr, welche traurige Zeugnisse tiefster Schwäche hervorbrachte, indem sie in süßlicher weibischer Gefühlszerflossenheit vor den verschnörkelten Altären ihrer höchsten Göttinnen, Freundschaft, Liebe und Poesie, einen Götzendienst trieb, der nur möglich war und verziehen werden kann, weil die Geister jener Zeit dem erhebenden Boden eines gesunden, nach ernsten Zielen ringenden öffentlichen Lebens vollständig entrückt waren. Die Wurzeln dieser Weichseligkeit liegen sicher weit zurück, noch in der Verwüstung unseres Landes und Volkes durch den dreißigjährigen Krieg, in dem Elend, der allgemeinen Gebrochenheit der Nationalkraft, welche er verschuldete. Das ehemals so mannhafte, trotzig rüstige Wesen der Deutschen war [347] geknickt für lange, und ein großes Interesse, an dem sich ein neues Geschlecht hätte in Begeisterung ausrichten können, blieb noch ein Jahrhundert lang danach unserm Volk versagt. Aus dem Elend der Wirklichkeit suchten seine tiefern Geister die ideale Rettung im eigenen Gemüth, unmächtig, wie sie es waren, zur praktischen, bessernden Umgestaltung. Der Pietismus wurde deren erste Frucht. Eine solche fortgesetzte Seelenschau und Selbstbetrachtung führt nothwendig zur Entnervung, Eitelkeit und inneren Unwahrheit. Man sah mit froher Genugthuung die Thränen dem eigenen Auge entfließen in andächtiger Entzückung und gläubiger Rührung, und man gewöhnte sich daran, sie so oft wie möglich fließen zu machen, und im Bewußtsein der so erwiesenen Herzensweichheit und Gottseligkeit zu schwelgen. Der ursprüngliche, ausschließlich bewegende Grund dieser Thränen und schmerzlichen Freuden, das fromme Sündenbewußtsein der Pietisten, hatte freilich um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts längst andern Erregern und andern Gegenständen der Empfindung weichen müssen, welche nun die schönen Seelen der Gebildeten erfüllten, aber die Wirkung und Aeußerung war fast dieselbe geblieben. Auf den Flügeln hochgesteigerter Empfindungen versuchte man sich über die Enge und Armseligkeit der nahen Umgebung hinauszuschwingen, im Träumen und Dichten ihrer zu vergessen, seltner sie darin anzufeinden und zu höhnen.

Beinahe einzig der eine deutsche Mann unter den Heroen unserer großen Literaturperiode, Lessing, blieb fest und unberührt von der allgemeinen Versessenheit und schaute der Wirklichkeit klar in’s Auge, statt ihr zu entfliehen. Sonst verleugnet keiner der Andern, noch eines der in dieser Aufgangszeit jener Periode erwachsenen Werke das Gepräge solcher Stimmung. Selbst der größte unter den Meistern der Dichtung, welche den Deutschen das mangelnde politische Band wenigstens durch das eines gemeinsamen geistig-künstlerischen Interesses ersetzten, hat in seinem gewaltigen Erstlingswerk, den „Leiden des jungen Werther“, jene beherrschende Stimmung, jene Art des Empfindens und inneren Lebens in der reinsten Kunstgestalt verkörpert und sich damit gründlich selbst befreit von solcher Herrschaft. Der Werther markirt den letzten Höhenpunkt und ist der vollkommene künstlerische Ausdruck der Zeit der schönen und weichgeschaffenen Seelen.

An der bloßen Beobachtung und Wartung ihrer Herzensangelegenheiten aber war es jenen Empfindsamen keineswegs genug. Die dabei gewonnenen Erfahrungen mußten fixirt und gleichsam gebucht werden, wie es die zahllosen reflectirenden Tagebücher jener Zeit bekunden, sowie das massenhafte briefliche Ausströmen der Gefühle der Freundschaft und Liebe, das Schildern der Herzenserlebnisse der verwandten Seelen. Dabei konnte es dann nicht ausbleiben, daß die Erlebnisse erfunden, die Gefühle gemacht wurden, um das gewohnte Bedürfniß der Correspondenz zu erfüllen.

Es bildeten sich in deutschen Landen gewisse Mittelpunkte, von welchen nach allen Seiten hin bis in die Schweiz und Frankreich hinein die Anregungen zu solcher Arbeit in der Empfindsamkeit ausstrahlten und zu welchen als Erwiderung alle jene Ergüsse schöner Seelen zurückströmten. Solch ein Mittelpunkt war das Haus des Vater Gleim zu Halberstadt, der es freilich verstand, den Freundschafts- und Liebesgluthen seiner zahlreichen Dichterfreunde noch eine realere und wirksamere Nahrung zu geben, als den unversiechlichen Zufluß empfindsamer und überschwänglicher Briefe; nämlich directe, thatsächliche Unterstützung und Förderung durch Geld und Gunst. Ein anderer, mehr auf Süddeutschland hin wirksamer Mittelpunkt aber lag am Fuß des Ehrenbreitenstein im gastlichen Hause der liebenswürdigsten Frau und gefeierten Dichterin, Sophie Laroche. Die über ganz Deutschland verbreitete sentimentale Gemeinde von Poeten, schönen Seelen und empfindsamen Frauen gab sich von Zeit zu Zeit an solchen für sie geheiligten gastlichen Stätten Zusammenkünfte, ihre „sentimentalen Congresse“, wie Goethe sie bezeichnet. Man belebte und erfrischte den Eindruck, welchen man gegenseitig aus der Correspondenz gewonnen, durch die persönliche Gegenwart und Anschauung – freilich auf die Gefahr hin, den ersteren dadurch auch wohl gründlich zu erkälten oder zu vernichten.

Auf solchen Congressen spielten dann zuweilen die zur allgemeinen Mittheilung mitgebrachten Briefschaften und Tagebücher von nicht erschienenen gefeierten Größen der Gemeinde eine wichtige Rolle. Einer der unermüdlichsten Träger solcher Schätze war jener Leuchsenring, den Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ so ergötzlich schilderte, immer „mehrere Schatullen bei sich führend welche den vertrauten Briefwechsel mit mehreren Freunden enthielten.“ Ein solcher Congreß fand am 12. Mai 1771 statt, und ist Gegenstand unseres Bildes.

Vor allen war nämlich Sophie Laroche die heißverehrte Gottheit vieler jener weichgeschaffenen Seelen. Die Tochter des Arztes Gutermann, zwei Jahre vor ihrem Vetter Wieland zu Kaufbeuren geboren, wurde sie mit diesem in ihrem neunzehnten Jahre im Hause ihrer Großeltern zu Biberach bekannt, und in dem damals einer frommen religiösen Schwärmerei hingegebenen Jüngling entzündete ihre Schönheit, Anmuth, Seelenhaftigkeit eine tiefe und zärtliche und, merkwürdig genug, sich in einem hochgestimmten geistigen Verkehr mit der Angebeteten zunächst freiwillig, später gezwungen, befriedigende Liebe. Gezwungen, – denn die Treue, welche der Jüngling ihr in seinen endlosen überschwenglichen Episteln immer von neuem zuschwor, schien nicht ganz nach dem Geschmack der jungen Dame zu sein. Bereits 1753 im December empfing er die Anzeige ihrer erfolgten Verlobung mit dem Herrn von Laroche, dem vertrauten Secretär des Grafen Stadion, von letzterem erzogen und unter anderem auch dazu herangebildet, seines Herrn vielseitige Liebescorrespondenz an dessen Statt zu führen, wie Goethe ausführlich und amüsant erzählt. Daß die Nachricht den jugendlichen Verehrer erschütternd treffen mußte, war natürlich. Schmerzlich erinnert er die Ungetreue daran, „daß wir uns tausend Mal im Angesicht Gottes zugesagt haben, uns so lange zu lieben, als wir die Tugend lieben würden, und wir meinten damals, das sei soviel als ewig“. Aber er findet auch schnell genug den Trost, daß es unmöglich sei, daß „diese Verbindung die zärtliche Zuneigung unseres Seelen, die sich auf die wahre Liebe des Guten und Schönen gründet, hinwegnehme.“

So erträgt er denn auch die Nachricht ihrer Vermählung mit getröstetem, wenn auch wehmüthig gefärbtem Anstand. Die ideale geistige Ehe zwischen ihm und der „werthen Abtrünnigen“ kann durch dies irdische Band, das sie an den Andern fesselt, nicht gelöst werden, konnte es selbst nicht durch alle tiefgreifenden Wandelungen seines Innern, seiner Weltanschauung und Denkweise, welche den seraphischen Sänger und den frommen Verächter der Sinnlichkeit, der Grazie, der „heiteren Sünden“ des Griechenthums und seiner Poeten zum weltklugen ironischen Skeptiker, zum Dichter der Grazien, zum Schüler der Griechen, zum beredten Propheten der reizenden und verführerischen Sinnlichkeit – wenigstens in der Theorie, umformten; konnte selbst nicht durch die spätere „hohe Liebe“ zu Julie Bondeli, noch durch seine eigene, zwar etwas äußerliche, aber nach eigener Versicherung durchaus glückliche Heirath mit einer „lieben kleinen Frau“ beeinträchtigt werden.

Während langer Jahre dauert der intimste briefliche Verkehr mit Sophie fort, in welchem die vollständigste Sammlung der Bekenntnisse des Menschen und Poeten Wieland niedergelegt ist, und wurde besonders lebhaft, als 1761 ein Aufenthalt in seiner Heimath Biberach ihn auf das Schloß Warthausen führte, wo die Geliebte mit ihrem Gatten in der Umgebung des Grafen Stadion ein den Jugendfreund vollständig berückendes, nach seinen Schilderungen ideales Dasein führte. „Warthausen ist der Mittelpunkt der Welt, die ich kenne, und ich würde es dem Aufenthalt in allen bezauberten Schlössern Ariost’s und Tasso’s vorziehen.“

Acht Jahre später sind diese neu entfachten Flammen noch so wenig abgekühlt, daß er in demselben (wie die meisten dieser Correspondenz französisch geschriebenen) Briefe, in welchem er von seiner jungen mit ihm vier Jahre verheiratheten Frau sagt: „Sue fährt fort, das beste der Geschöpfe zu sein,“ die „Göttin“ unterrichtet, daß er ihrem Bilde einen Altar errichtet habe, zu dem er „oftmals treten würde, seine Seele an dem Anblick zu nähren, der ihm der theuerste sei;“ „die besten Gefühle meines Herzens und manchmal eine meiner und Ihrer würdige Thräne werden das Opfer sein, das ich darauf bringe.“

In demselben Jahr tritt die so glühend Verehrte als Schriftstellerin auf und entzückt mit ihrem Roman, dem ‚Fräulein von Sternheim’, alle Seelen der empfindsamen Gemeinde. Größer aber und wirksamer, als der Zauber ihrer für uns etwas zweifelhaften dichterischen Kunst und Kraft, muß jedenfalls der ihrer Persönlichkeit gewesen sein; darin widersprechen sich die zahlreichen Zeugnisse der Mitlebenden keineswegs. Das glänzendste darunter [348]

Wieland’s Ankunft zum sentimentalen Congreß.
Wieland.     Herr von La Roche.     Sophie La Roche.     Maximiliane La Roche.     Fritz Jacobi.
Leuchsenring.


und zugleich das lebensvollste feinste Bild dieser Persönlichkeit haben wir wieder bei dem großen Menschenzeichner, bei Goethe, zu suchen: „Sie war die wunderbarste Frau, und ich wüßte ihr keine andere zu vergleichen. Schlank und zart gebaut, eher groß als klein, hatte sie bis in ihre höheren Jahre eine gewisse Eleganz der Gestalt sowohl als des Betragens zu erhalten gewußt, die zwischen dem Benehmen einer Edeldame und einer würdigen bürgerlichen Frau gar anmuthig schwebte. Im Anzuge war sie sich

[349] mehrere Jahre gleich geblieben. Ein nettes Flügelhäubchen stand dem kleinen Kopf und dem feinen Gesichte gar wohl, und die braune oder graue Kleidung gab ihrer Gegenwart Ruhe und Würde. Sie sprach gut und wußte dem, was sie sagte, durch Empfindung immer Bedeutung zu geben. Ihr Betragen war gegen Jedermann vollkommen gleich. Allein durch dieses Alles ist noch nicht das Eigenste ihres Wesens ausgesprochen; es zu bezeichnen ist schwer. Sie schien an Allem Theil zu nehmen, aber im Grunde wirkte nichts auf sie. Sie war mild gegen Alles und konnte Alles dulden, ohne zu leiden; den Scherz ihres Mannes, die Zärtlichkeit ihrer Freunde, die Anmuth ihrer Kinder, Alles erwiderte sie auf gleiche Weise, und so blieb sie immer sie selbst, ohne daß ihr in der Welt durch Gutes und Böses, oder in der Literatur durch Vortreffliches und Schwaches wäre beizukommen gewesen.“

So geartet lebte diese Dichterfreundin in dem reichen glänzend ausgestatteten Hause zu Coblenz, „wenig erhöht über dem Fluß gelegen“, mit dem klugen, feinsinnigen, heitern, jeder Sentimentalität spottenden „Welt- und Geschäftsmann“, ihrem Gatten, als glückliche Mutter der schönsten jungen Töchter und Söhne in einem Glück und harmonischen Behagen, das auf Alles, was mit ihr in Berührung trat, wohlthuend ausgestrahlt haben muß. Unter den Kindern wird in mehr als einer Hinsicht besonders die älteste Tochter, der Liebling des Vaters, Maximiliane, wichtig: „Eher klein als groß von Gestalt, niedlich gebaut, eine freie anmuthige Bildung, die schwärzesten Augen und eine Gesichtsfarbe, die nicht reiner und blühender gedacht werden konnte.“

Goethe hat damals nicht ungestraft in diese ebenso weichen und sanften als feurigen und schalkhaften, großen schwarzen Augen geschaut. Auch nachdem sie des reichen Großhändlers und Wittwers Herrn Brentano reizende Gattin geworden war, dauerten die intimen Beziehungen aus poetischeren Jugendzeiten her zwischen ihr und dem bewunderten und begehrten schönen Frankfurter Doctor juris ungestört fort und bildeten ihren einzigen Trost über die Häringstonnen und Käse und die langweiligen Gespräche der dicken Kaufleute, in deren Gesellschaft diese Heirath sie bannte. Uebrigens sind dieser anscheinend so prosaischen Ehe nichtsdestoweniger zwei Kinder erwachsen, welche an poetischer Mitgift für’s Leben eher zu viel als zu wenig erhielten: Bettina und Clemens Brentano.

Doch zurück zum Hause der Eltern und der Zeit, wo die schöne Maie noch der heitere jugendliche Schmuck desselben war; zurück zu jenem Maitag, wo dieses Haus den werthesten Gast erwartete, den mutteralten Freund und Anbeter, Wieland. Außer ihm und Leuchsenring fanden sich zu diesem Fest der Empfindsamkeit noch die Gebrüder Georg und Friedrich Jacobi ein, in ihrer damaligen Gestalt fast unter Allen die echtesten und vollständigsten Repräsentanten der ganzen Gattung. Besonders gilt dies von dem älteren, Georg. Ihm war durch seine Bekanntschaft mit Vater Gleim in Halberstadt auch das letzte Mark in dem weichen Gefüge seines geistigen Knochengerüstes aufgelöst worden. Wenn nun aber auch jener jüngere Bruder es nicht zu einer solchen Höhe der Meisterschaft in der Sentimentalität gebracht hatte, wie der ältere, immerhin leistete er Anerkennenswerthes genug darin für einen reichen, tüchtigen Kaufmann, gesunden, schönen Achtundzwanziger und Gatten einer liebenswürdigen Frau, jener Betty von Clermont, in welcher Goethe das weibliche Ideal des Rubens in seiner schönsten Vollendung verkörpert fand. Seinem berühmt gewordenen Berichte über jene sentimentale Congreßfahrt nach Coblenz, die er mit dem Bruder Georg Tags zuvor von seinem Wohnsitz Düsseldorf aus antrat, ist der Moment, den unsere Zeichnung darstellt, entlehnt, und es bedarf des Wortlautes der bezüglichen Stellen desselben, um Stellungen und Mienen zu rechtfertigen, welche dem Geschlecht jener weichgeschaffenen Seelen so natürlich und in der Ordnung waren und erschienen, wie sie uns Heutigen unwahr und unglaublich dünken müssen.

Schon auf der Fahrt, den Rhein hinauf, wird eine Verschwendung mit „zärtlichen Rührungen“, mit Umarmungen, „sanften Händedrücken“, „seligen Thränen der ruhigen Empfindung“ und „heiligen Küssen der Freundschaft“ unter den Brüdern getrieben, womit eine liebende Seele unseres Jahrhunderts für das ganze Leben alle Anforderungen decken würde, welche Freundschaft und Liebe in diesem Punkte an sie stellen könnten. Endlich langen sie vor dem Hause an, der „empfindsame Leuchsenring“ fällt ihnen in die Augen. Gleich darauf sehen sie Wieland im Wagen ankommen. Und nun lassen wir Fr. Jacobi selbst erzählen.

„Herr von Laroche lief die Treppe herunter, ihm entgegen, ich ihm ungeduldig nach. Wieland war bewegt und etwas betäubt. Während wir ihn bewillkommneten, kam Frau von Laroche die Treppe herunter. Wieland hatte eben mit einer Art von Unruhe sich nach ihr erkundigt und schien äußerst ungeduldig, sie zu sehen; auf einmal erblickte er sie – ich sah ihn deutlich zurückschauern. Darauf kehrte er sich zur Seite, warf mit einer zitternden und zugleich heftigen Bewegung seinen Hut hinter sich auf die Erde und schwankte zu Sophien hin. Alles dies ward von einem so außerordentlichen Ausdruck in Wieland’s ganzer Person begleitet, daß ich mich in allen Nerven davon erschüttert fühlte … Sophie ging ihrem Freund mit ausgebreiteten Armen entgegen, er aber, anstatt ihre Umarmung anzunehmen, ergriff ihre Hände und bückte sich, um sein Gesicht darin zu bergen. Sophie neigte mit einer himmlischen Miene sich über ihn und sagte in einem Ton, den keine Clairon nachzuahmen fähig ist: ,Wieland–? Ja, Sie sind es, Sie sind noch immer mein lieber Wieland!’ Wieland, von dieser rührenden Stimme geweckt, richtete sich etwas in die Höhe, blickte in die weinenden Augen seiner Freundin und ließ dann sein Gesicht auf ihren Arm zurücksinken. Keiner von den Umstehenden konnte sich der Thränen enthalten, mir strömten sie die Wangen hinunter, ich schluchzte, ich war außer mir und ich wüßte bis auf den heutigen Tag noch nicht zu sagen, wie sich diese Scene geendet und wie wir hinauf in den Saal gekommen sind … Noch nie hatte ich mich in dem Grade glücklich gefühlt; nunmehr schien mir mein ganzes voriges Leben Tand und die unbedeutende Erinnerung davon hätte ich ohne Widerwillen aus meinem Gedächtniß vertilgen können.“ –

Wahrlich, es bedurfte wohl einer harten Cur durch die Geschichte, um ein so empfindsames Geschlecht wieder zu Männern umzuprägen. Sie ist ihm nicht erspart geblieben. Auch ihm hätte ein prophetischer Dichter sagen können: „Und wie die Erze vom Hammer, so wird das lockre Geschlecht gehau’n sein von Noth und Jammer zu festem Eisen recht.“ Und Noth und Jammer, sie sind gekommen und wie ein Bergstrom über Deutschland hereingestürzt, wegschwemmend und vernichtend viel Schwaches, Weiches und Faules, und in dem Weltbrand erst haben die weichen Seelen sich wieder gehärtet, aus der Tiefe der Verzweiflung erst ist die eiserne Manneskraft wieder geboren und in heiliger, todesmuthiger Begeisterung für „der Menschheit große Gegenstände“, für Freiheit und Vaterland gereift, die Manneskraft, welche unserm Volk wenigstens – die Möglichkeit eroberte, diese verlorenen beiden Güter, deren Mangel alle ästhetische Cultur, alle Bildungsschätze nicht ersetzen, in stetiger, ausdauernder, politischer Arbeit sich selbst zu erwerben.

L. P.




Im Hause der Bonaparte.

Historische Erzählung von Max Ring.
(Fortsetzung.)


„Endlich, nach achttägigem Leiden,“ erzählte die Prinzessin weiter, „war Louis so weit hergestellt, um ohne Gefahr das Bett verlassen zu können. Hortense dankte persönlich dem General, von dem sie auf ihr Ansuchen noch einen Passirschein für sich und einen Bedienten erhielt, dessen Livrée der kaum Genesene anziehen mußte. So verließen sie glücklich und unerkannt Ancona, indem sie bei Antibes die französische Grenze überschritten und zum ersten Male seit ihrer Abreise in Cannes übernachteten, wo einst der Kaiser bei seiner Rückkehr von der Insel Elba gelandet war.“

„Das sind traurige Erinnerungen!“ seufzte die Gräfin von Survilliers.

„Von hier aus wollte Louis an den jetzigen König von Frankreich einen Brief abschicken, worin er denselben bat, das ungerechte Exil aufzuheben und ihm zu gestatten, in die französische Armee [350] als Soldat eintreten zu dürfen. Aber Hortense mahnte von dem gewagten Schritte ab und hielt das Schreiben zurück. Beide setzten demnach ungehindert ihren Weg fort. Sie gingen über Fontaineblau, wo Hortense einst als Königin geweilt, und durchwanderten unerkannt die Säle des Schlosses, den herrlichen Park, unter dessen Schatten sie einst die glücklichsten Tage verlebt. Als eine Verbannte kam sie nach Paris, aber ihrem edlen Sinn widerstrebte selbst die erzwungene Lüge. Sie wollte nicht als Abenteurerin, als eine Intriguantin erscheinen und ließ deshalb durch einen früheren Freund Louis Philipp ihre Ankunft wissen, indem sie ihn um eine geheime Audienz ersuchte.“

„Ich kann mir die Verlegenheit des Bürgerkönigs denken, sein langes Birngesicht wird noch länger geworden sein,“ spottete die witzige Juliette.

„Sein Benehmen bei dieser Gelegenheit,“ versetzte die Prinzessin, „verdient unsere höchste Anerkennung. Er schickte sogleich seinen Minister Casimir Perier zu der Herzogin und ließ ihr durch ihn jeden möglichen Schutz zusichern. Eingedenk der ihm und seiner Familie erwiesenen Wohlthaten, empfing er sie im Geheimen in seinem Privatcabinet, wo er sie der Königin Adelaide vorstellte, die ihr die herzlichste Theilnahme an ihrem traurigen Geschick bewies. Der König versprach ihr nicht nur, ihre gerechten Forderungen an den Staatsschatz zu bewilligen, sondern auch ihr und Louis die Rückkehr nach Frankreich für spätere Zeiten zu gestatten. Getröstet verließ sie ihn, aber wider Willen verzögerte sich ihre Abreise, da Louis von Neuem erkrankte. Trotzdem sie in tiefster Verborgenheit lebte, erweckte dieser Umstand das kaum eingeschlafene Mißtrauen, so daß Hortense von Casimir Perier die Weisung erhielt, ohne Aufenthalt Paris zu verlassen. Von Neuem vertrieben, ergriff sie wieder den Wanderstab, bis sie endlich in England die ersehnte Ruhe fand.“

„Und will die Herzogin für immer in England bleiben?“ fragte Frau von Villeneuve.

„Sie sehnt sich nach der Schweiz, nach ihrem Arenenberg zurück und hat sich deshalb durch den französischen Gesandten noch einmal an Louis Philipp gewendet. Derselbe hat jedoch seine Erlaubniß an die Bedingung geknüpft, daß sie erst nach den Julitagen, nach der Jahresfeier seiner Thronbesteigung, ihre Rückkehr antreten darf.“

„Er fürchtet sich vor seiner eigenen Größe. Ist es denn wahr, daß Casimir Perier Louis zugemuthet hat, seinen Namen abzulegen, wenn er jemals nach Frankreich zurückkehren und in die Armee eintreten wolle?“

„Louis hat ein solches Ansinnen mit der höchsten Entrüstung zurückgewiesen. Der Name Bonaparte ist ja Alles, was ihm und uns übrig geblieben ist.“

Es folgte ein trauriges Stillschweigen, welches durch den Eintritt Robert’s unterbrochen wurde, der die Prinzessin in ihrem Schmerze nicht verlassen wollte und mehr als je zu den Freunden des Hauses sich zählen durfte. Jetzt erschien er in Begleitung eines Dieners, der ein verhülltes Bild trug und auf seinen Wink in dem Salon vor den Damen hinstellte.

Er selbst entfernte die Decke; aus dem goldenen Rahmen blickte das wohlgelungene Portrait des Prinzen Napoleon, seines todten Freundes. Ein Schrei der Bewunderung begrüßte die Gabe des Malers, während die Prinzessin ihm mit Thränen in den Augen für diesen neuen Beweis seiner Liebe dankte.

„Welche wunderbare Ähnlichkeit!“ sagte sie tief erschüttert. „Nur die Hand und der Geist des Freundes vermochte so treu die Züge eines geliebten Todten wiederzugeben. So kann nur das Auge der Liebe erfassen, ein edles, für alles Gute und Schöne empfängliches Herz eine so schwierige Aufgabe in solcher Vollendung lösen.“

„Ich fühle mich glücklich, wenn das Bild Ihren Beifall hat,“ versetzte der bescheidene Künstler.

„Aber wie war es Ihnen möglich aus der Erinnerung allein ein so gelungenes und ähnliches Meisterwerk zu schaffen?“

„Sie vergessen das kleine Miniaturbild des verstorbenen Prinzen, das ich mir von Ihnen auf einige Tage erbeten habe.“

„Ich hatte keine Ahnung, daß Sie es zu diesem Zweck von mir forderten, da Sie vorgaben, daß Sie nur die verblichenen Farben wiederherstellen wollten. Wie kann ich Ihnen für dieses zugleich so freudige und schmerzliche Geschenk lohnen? Ich vermag Ihnen Nichts zu bieten, als diesen Ring, den einst der Todte selbst an seiner Hand getragen hat. Bewahren Sie ihn zu seinem und meinem Angedenken.“

Von Neuem sah sich Robert angezogen und gefesselt von der hohen Frau, die ihn durch ihre Huld und angeborne Liebenswürdigkeit nur zu leicht den Unterschied des Standes, die Beide trennende Kluft vergessen ließ. Die gemeinschaftliche Trauer um den geliebten und verehrten Todten, die vielfachen Dienste, die er ihr leistete, die mannigfachen Beweise ihrer Freundschaft waren nur zu sehr geeignet, auch die letzte Schranke zu beseitigen.

Der Schmerz der Prinzessin machte sie nur um so empfänglicher für seinen milden Trost, für die wohlthuende Zerstreuung, die ihr sein Umgang, der Verkehr mit dem durch Geist und Gemüth gleich ausgezeichneten Künstler gewährte, während die entgegenkommende Freundlichkeit der Prinzessin, ihre durch das Leid verklärte Schönheit den alten Zauber auf sein Herz ausübten.

Die kaum bekämpfte Neigung erwachte wieder mit der ganzen früheren Leidenschaft, um so mächtiger, da sie ihm jetzt weniger strafbar schien, seitdem Charlottens Gatte nicht mehr lebte. Beide ahnten nicht die drohende Gefahr und überließen sich unbefangen einer Vertraulichkeit, die unter der unschuldigen Maske der Freundschaft sie über ihre wahren Empfindungen täuschte.

Wie früher in Rom, so war Robert auch jetzt fast ein täglicher Gast in dem Palaste seiner Freundin, gehörte er nach wie vor zu dem engsten Familienkreise während ihres Trauerjahrs um einen geliebten Todten, indem er ihren Schmerz wie ihre Unterhaltung theilte. Diese stillen Abende in der Gesellschaft der Damen erhielten bald durch das geistvoll anregende Gespräch, bald durch das Vorlesen eines classischen Dichters und die an dessen Person oder Werke sich anknüpfenden Betrachtungen einen unwiderstehlichen Reiz im gegenseitigen Austausch der Gedanken und Empfindungen.

Die Prinzessin interessirte sich besonders seit einiger Zeit lebhaft für die neuere italienische Literatur, vorzugsweise für den bekannten Dichter Alfieri, der in Florenz gelebt hatte und daselbst erst im Jahre 1803 gestorben war. Da sie öfters den Wunsch äußerte, das Grab des berühmten Schriftstellers in der Kirche Santa Croce zu besuchen, so erbot sich Robert, sie dahin zu begleiten, was sie auch ohne Bedenken annahm.

An seiner Seite betrat sie die ehrwürdigen Hallen dieses italienischen Westminsters, wo die großen Todten vergangener Jahrhunderte, die erhabensten Denker, Dichter und Künstler Italiens an geweihter Stätte ruhn; neben dem titanenhaften Maler und Bildhauer Michel Angelo der seine geniale Politiker Macchiavelli, zwischen denen sich das Denkmal Alfieri’s von Canova’s Meisterhand erhebt, ein trauernder Genius aus steinernem Sarkophag, der ihn und seine Geliebte, die Gräfin Albany, die Gattin des englischen Prätendenten, des letzten Stuart’s, bedeckt. Ergriffen von der Heiligkeit des Ortes, von dem Schauer der Ewigkeit, erfüllt von dem erhabenen Cultus des Genius, standen Robert und die Prinzessin an dem Grabe der Liebenden, lautlos stumm, in Gedanken versunken, während um sie das Schweigen des Todes herrschte, die letzten Strahlen der untergehenden Sonne gleichsam mit einer Glorie die Erinnerung der Unsterblichen umgaben.

„Glücklicher, beneidenswerther Dichter!“ rief Robert unwillkürlich, indem er die goldene Inschrift an dem Denkmal Alfieri’s las.

„Warum beneidenswerth?“ fragte die Prinzessin verwundert.

„Weil ihn der Tod mit der Geliebten seines Herzens vereinigt hat.“

„Und sie dankt der Liebe ihres Dichters ihre Unsterblichkeit,“ versetzte sie, hingerissen von ihren Gefühlen.

„Sie war seine Muse, der verkörperte Genius der Poesie; die Göttin, welche ihn zu seinen schönsten Schöpfungen, zu seinen erhabensten Dichtungen begeisterte.“

„Und doch verdammte sie die Welt,“ bemerkte die Prinzessin mit bebender Stimme.

Ein leiser Seufzer entrang sich ihrer Brust und verrieth wider Willen die geheimsten Gedanken ihrer Seele, die sie sich selbst nicht zu gestehen, die Robert nicht zu hoffen wagte. Beide verfielen in ein gefährliches Schweigen, als fürchteten sie, die Geister der Liebenden heraufzubeschwören, die Ruhe der Todten, oder vielmehr ihre eigene Ruhe zu stören.

„Kommen Sie,“ sagte die Prinzessin, nachdem sie sich zuerst gefaßt hatte. „Es wird bereits kühl in der Kirche. Man erwartet uns zu Hause.“

[351] Tief bewegt verließen sie das Grab des Dichters, an dem sie unbewußt den geheimen Bund des Lebens und der Liebe geschlossen hatten. Kein Wort, kein Laut entweihte die gehobene und doch zugleich befangene Stimmung, als ahnten sie die neuen, sie bereits erwartenden Kämpfe mit der sie umgebenden Welt.

So traten sie den Rückweg nach dem alten Palaste an, wo sie zur gewohnten Stunde die bereits bekannte Gesellschaft erwartete, in der sich heute außer dem Herzog von St. Leu noch der Graf von Ganay, ein alter Freund der Familie und eifriger Verehrer der Kunst und der Literatur, befand.

Wie ich so eben gehört habe,“ sagte er, die Prinzessin begrüßend, „kommen Ihre Hoheit von dem Grabe Alfieri’s. Wenn ich nun Ihre Wallfahrt gewußt hätte, so würde ich mit Vergnügen mich Ihnen angeschlossen haben, da ich den Dichter und die Gräfin von Albany persönlich gekannt habe und vielfach mit Beiden in Berührung gekommen bin.“

„Es muß ein seltsames Paar gewesen sein,“ bemerkte der Herzog von St. Leu, der Schwiegervater der Prinzessin.

„Im höchsten Grade interessant,“ erwiderte der Graf. „Ich habe nie wieder zwei Menschen kennen gelernt, die so kühn sich über das Urtheil der Welt hinwegsetzten, so rücksichtslos alle Schranken der Gesellschaft durchbrachen.“

„Ich kann diese Extravaganzen nicht gut heißen,“ versetzte der strenge Herzog.

„Und am wenigsten kann ich einer Frau eine solche Verachtung der Sitte und des Anstandes verzeihen,“ fügte die Gräfin von Survilliers hinzu.

„Sie vergessen, gnädige Frau,“ entschuldigte der Graf, „daß die Gräfin von Albany Wittwe war, nachdem sie Jahre lang die unwürdigste Behandlung von ihrem brutalen Gatten erfahren hatte.“

„Aber dieser Gatte, wie er auch gewesen sein mochte, stammte von dem erlauchten Hause der Stuarts ab. Wenn auch nicht ihm, so war sie seinem Namen die höchste Achtung schuldig. Indem sie einem Dichter ihre Liebe schenkte, hat sie sich nach meiner Meinung tief erniedrigt, ist sie von ihrer Höhe herabgestiegen.“

„Das Herz fragt nicht nach Rang und Stand,“ entgegnete die geistvolle Juliette, indem sie ihrem Verlobten zulächelte.

„Solche Grundsätze liest man zwar in Romanen,“ sagte Frau von Villeneuve, „aber sie passen nicht für die Wirklichkeit. Unsere Geburt, unsere Stellung legt uns Verpflichtungen auf, die wir nicht ungestraft verletzen dürfen.“

„Sie haben mir ganz aus der Seele gesprochen,“ bekräftigte der Herzog. „Ich weiß am besten, wie der Kaiser in dieser Beziehung gedacht hat, und wenn ich auch sonst nicht immer mit seinen Ansichten übereinstimmen konnte, so muß ich ihm doch in diesem Punkte Recht geben.“

„Ich selbst,“ setzte die Gräfin von Survilliers hinzu, „habe am meisten von der Strenge des Kaisers leiden müssen. Er hat es Joseph nie verziehen, daß er gegen seinen Willen sich mit der Tochter des Seidenhändlers Clary aus Marseille vermählte. Aus eigner Erfahrung habe ich all’ die Kämpfe und Widerwärtigkeiten einer solchen Mesallianz kennen gelernt, weshalb ich sie meinen Kindern ersparen wollte.“

„Und was ist Deine Meinung, Charlotte?“ sagte das Fräulein von Villeneuve.

„O,“ stotterte die Prinzessin verlegen, wie aus einem tiefen Traum erwachend. „Ich weiß kaum, wovon gesprochen wird, da ich mich in der Kirche wahrscheinlich erkältet habe und jetzt die heftigsten Kopfschmerzen fühle.“

„Das kommt davon,“ scherzte Juliette, „wenn man das Grab eines Dichters besucht. Noch im Tode verwirren sie uns das Köpfchen.“

Der Witz des Fräulein von Villeneuve gab dem ernsten Gespräch eine unerwartet heitere Wendung, ohne jedoch gänzlich die dadurch hervorgerufene Mißstimmung zu verwischen, so daß die Gesellschaft sich zeitiger als gewöhnlich trennte.

Während Robert, von den mannigfachsten Gefühlen bestürmt, den Weg nach seiner Wohnung einschlug, suchte die Prinzessin vergebens den Schlummer, der heute ihre Augen floh. Vor ihrer Seele stand die bedeutungsreiche Scene in der Kirche Santa-Croce an dem Grabe Alfieri’s. Unwillkürlich dachte sie jetzt an das Schicksal der Gräfin Albany, die der Liebe zu einem Dichter Rang, Stand und selbst ihren Ruf geopfert hatte.

Die Prinzessin wußte erst seit wenigen Stunden, daß sie den Maler Robert liebte. Sein unerwartetes Geständnis? in der Kirche, und noch mehr das darauf folgende Gespräch ihrer Angehörigen hatte plötzlich die Binde von ihren Augen gerissen. Gleich einer Nachtwandlerin, wenn man ihren Namen ruft, war sie aus ihrem Traum geweckt worden, sah sie den Abgrund zu ihren Füßen.

Nach und nach hatte sich diese Neigung in ihr’ Herz geschlichen, unter der Maske der Freundschaft sie und ihn verlockt, schwesterliche Zärtlichkeit geheuchelt, um sie desto sicherer zu bestricken. War sie doch nur ein halbes Kind gewesen, als sie dem Prinzen ihre Hand reichte, weil ihre Familie es wünschte, weil sie ihn, als ihren nächsten Verwandten, zu lieben glaubte. Seine Gutmüthigkeit, seine geistigen Vorzüge, sein edler Charakter machten ihre Ehe zu einer glücklichen, so daß nicht der leiseste unerlaubte Wunsch ihre reine Seele befleckte.

Erst die Eifersucht auf den Einfluß ihres Schwagers und die heimliche Flucht des Prinzen trübten ihr bisheriges Glück und ließen sie schmerzlich den Mangel seines Vertrauens empfinden. Unwillkürlich blieb ein Mißton in ihrem Herzen zurück, der jedoch vor den nachfolgenden traurigen Ereignissen verschwinden mußte. Der große Versöhner Tod halte in ihren Augen die schwere Schuld gesühnt und das Bild des Prinzen von allen jenen Flecken gereinigt.

Sie betrauerte ihn aufrichtig und reiche Thränen flössen seinem Andenken, wobei ihr Robert als der treueste Freund mit seinem Trost zur Seite stand. In diesen schreckensvollen Tagen hatte er sich von Neuem ihr bewährt, mehr als je die Fülle seines reichen Gemüthes, die unerschöpflichen Tiefen seiner Seele, seines Herzens ihr erschlossen. Mit jedem Tage war er ihr theurer und unentbehrlicher geworden, so daß sie nicht mehr den Gedanken fassen konnte, sich jemals von ihm zu trennen.

Jetzt erst wußte sie, daß sie ihn liebte, die Tochter der Napoleoniden den zwar berühmten, aber ihr nicht ebenbürtigen Maler. Die plötzlich hereinbrechende Helle erschreckte sie und ließ ihr keinen Zweifel über die wahre Natur ihrer gegenseitigen Gefühle.

Zugleich erkannte sie die unübersteiglichen Hindernisse, die sich ihrer Neigung entgegenstellten. Hatte sie doch an dem heutigen Abend die Ansicht der Welt, das Urtheil der Gesellschaft, die Meinung ihrer nächsten Verwandten über jede derartige Verbindung wider Willen hören müssen. Wenn sie auch selbst erhaben über eine solche Beschränktheit stand und sich durch die Liebe eines edlen Mannes, eines großen Künstlers hoch geehrt fühlte, so konnte sie sich doch nicht die unausbleiblichen Folgen einer von allen Seilen angefeindeten Neigung verschweigen.

Sie selbst war ihrer Familie die gebotene Rücksicht schuldig. Durfte sie eine zärtlich geliebte, noch dazu durch das Geschick schwer gebeugte Mutter noch mehr betrüben, so nahe Verwandte durch einen so gewagten Schritt beleidigen, das Andenken ihres verstorbenen Gatten noch im Grabe durch eine neue Liebe beflecken, ihren bisher so reinen Ruf der böswilligen Verleumdung, dem Gespötte der Welt preisgeben?

(Fortsetzung folgt.)




Blätter und Blüthen.

Rossini. Seit Rossini wieder in Paris lebt, ist er der Gegenstand eines wahren Cultus. Der Pariser sowohl als auch die vielen Fremden, welche die Hauptstadt Frankreichs besuchen, geben sich alle nur erdenkliche Mühe, um bei dem Compositeur des Barbiers von Sevilla eingeführt zu werden und ihm die Complimente zu machen, die er schon Millionen Male gehört hat. Der greise Maestro wohnt während des Winters in der Rue de la Chaussée d’Antin Nr. 2, an der Ecke des Boulevard des Italiens, und bringt die schöne Jahreszeit in seiner Villa zu, die er sich vor einigen Jahren in dem benachbarten Passy, hat bauen lassen. Es kommt kein ausgezeichneter Musiker nach Paris, ohne sich ihm vorzustellen und sich in seinen Salons hören zu lassen. Rossini giebt jeden Sonnabend eine Soirée, der ein Diner für die näheren Freunde vorausgeht. Bekanntlich ist Rossini ein großer Feinschmecker. Niemand ist in culinarischen Angelegenheiten besser bewandert als er. Er ist aber nicht nur ein Feinschmecker, sondern auch ein vortrefflicher Gastronom, der vielleicht mit größerer Begeisterung ein neues Gericht als eine Arie componirt. Er giebt sich sogar den Anschein, als ob er die Kochkunst höher als die Tonkunst schätze. Seine Lieblingsschüssel sind die Macaroni. Dieses italienische Nationalgericht fehlt niemals auf seinem Tische und Niemand verräth dabei einen solch’ vernichtenden Appetit wie er. Nach dem Diner stellen sich die Besuche ein, und bald [352] sind die Appartements gedrängt voll von den Berühmtheiten der Kunst, der Literatur, der Diplomatie und der Finanzen. Daß in solchen Soiréen viel Musik getrieben wird, versteht sich von selbst. Die größten Virtuosen, die beliebtesten Sänger und Sängerinnen rechnen sich’s zur höchsten Ehre an, vor dem Schwan von Pesaro ihr Licht leuchten zu lassen. Der Schwan hört bei dieser Gelegenheit fast ausschließlich seine eigenen Tondichtungen. Zuweilen setzt er sich selbst an’s Clavier und läßt eine seiner neuesten Compositionen hören. Daß ihm dabei der Applaus nicht fehlt, kann man sich leicht denken. Rossini stellt sich zwar sehr gleichgültig gegen den Beifall, der ihm gezollt wird; man weiß aber recht gut, daß der Weihrauch, mit dem seine Bewunderer ihn umqualmen, ihm kein sonderliches Unbehagen erregt. Seinen Gästen gegenüber benimmt er sich sehr ungenirt. Wenn ihm der Gesang oder das Spiel irgend eines Tenoristen, irgend eines Pianisten nicht gefällt, zieht er sich in sein Cabinet zurück und läßt sich erst wieder sehen, nachdem die Production vorüber.

In den Rossini’schen Soiréen werden keine Erfrischungen gereicht. Wenn eine Prima-Donna sich trocken gesungen, läßt sie sich in der Küche ein Glas Zuckerwasser geben. Es kommt wohl zuweilen vor, daß einer der vertrautern Freunde Rossini’s die Lust nach einer Erfrischung verspürt und dies dem Maestro mittheilt. Dieser läßt dann lächelnd ein Fenster öffnen und empfiehlt ihm, den Kopf in die frische Luft zu stecken.

Die Hauptrolle an diesen Empfangsabenden spielt die Gattin Rossini’s. Sie war früher eine seltene Schönheit und hat ihrem langjährigen Freunde Horace Vernet als Modell für die Judith in seinem bekennten Bilde „Judith und Holofernes“ gedient. Madame Rossini ist eine derbe Natur. Sie hält nicht gern mit ihren Aeußerungen zurück. Wer sich ihrer Sympathien nicht erfreut, dem sagt sie es auf’s Schonungsloseste in’s Gesicht und schreckt ihn von ferneren Besuchen ab. Madame Rossini treibt die Sparsamkeit sehr weit, ja viel zu weit, und es ist schon vorgekommen, daß sie einem Tischgaste seinen starken Appetit vorgeworfen. Was die ungebetenen Gäste betrifft, nämlich solche, die, ohne eingeführt worden zu sein, sich in den Soiréen einfinden, so hat sie mehrere derselben ohne Weiteres vor die Thür gesetzt.

Rossini steht jeden Morgen um acht Uhr auf und arbeitet ziemlich fleißig. Zwischen drei und vier Uhr Nachmittags macht er einen Spaziergang auf den Boulevards. Seit undenklichen Zeiten trägt er einen langen braunen Ueberrock mit einem verschossenen Sammetkragen. Der Schneider der dieses Prachtstück verfertigt hat, ist gewiß schon längst zu seinen Vätern versammelt worden. Auch der Hut des Altmeisters sieht schäbig und altfränkisch genug aus und mag noch von der Juliregierung her datiren. Rossini hat niemals auf Eleganz in seinem Anzuge gehalten. Er hat mehrere Perrücken, von denen eine ruppiger als die andere ist. Im Sommer, wenn es ihm zu heiß wird, nimmt er während der Unterhaltung seine Perrücke ab und zeigt dann seinen nackten, gewaltigen Schädel, der in der That ein großes Genie verräth. Rossini’s Kopf erinnert an Cuvier und Goethe zugleich. Sein Gesicht ist schön und sein dunkelbraunes Auge äußerst lebhaft. Rossini gehört zu den witzigsten Menschen. Seine Bemerkungen sind sehr kaustisch und er zeigt sich mit denselben nichts weniger als geizig. Der Cynismus, den er gern zur Schau trägt, ist nicht ganz aufrichtig. So kalt er sich auch stellt, so bricht doch die heißglühende Künstlernatur oft bei ihm hervor, besonders wenn er sich unter Künstlern von Talent befindet. Seine Bewunderung vor Mozart ist grenzenlos. Er hält ihn nicht nur für seinen Meister, sondern für den Meister aller anderen Operncomponisten.

Rossini, dessen Selbsterhaltungstrieb beispiellos ist, reist niemals mit der Eisenbahn, aus Furcht vor einem Unfall; aber selbst bevor er sich in eine Droschke setzen will, überzeugt er sich auf’s Genaueste, ob die Pferde altersschwach und abgehetzt genug sind, um nicht mit ihm durchzugehen. Während der Fahrt unterläßt er es nicht, den Kutscher zu ermahnen, hübsch langsam zu fahren und die Gäule nicht zu reizen.

Seit einigen Monaten ist Rossini leidend und macht den Aerzten sehr viel zu schaffen, da er von Diät nicht reden hören mag. Er hat einstweilen, zum Bedauern der Pariser feinen Welt, seine Empfangsabende eingestellt; den Musen hat er jedoch nicht entsagt. Er componirt täglich mehrere Stunden. Seine Hervorbringungen werden von Madame Rossini sogleich unter sicheren Verschluß gebracht und sollen erst nach dem Ableben des Meisters in die Oeffentlichkeit gelangen.




Ein großes nordamerikanisches Sängerfest. welches im nächsten Jahre stattfinden soll, hat Veranlassung zu einem Preiswettkampf für Tondichter gegeben, zu welchem der betreffende Festausschuß unsere deutschen Componisten durch die Gartenlaube aufzufordern bittet. Wir kommen diesem Wunsche gern nach, indem wir die Aufforderung des Festausschusses selbst der uns zugänglichen Oeffentlichkeit hiermit mittheilen, wobei wir allerdings nicht verschweigen können, daß uns weder der ausgesetzte Preis (denn auch für einen Text hat der Componist mit zu sorgen) noch die Bestimmung, welche sämmtliche eingesandten Compositionen ohne Weiteres für Eigenthum des Baltimore-Sängerbundes erklärt, geeignet erscheinen, für das Unternehmen Kräfte von Ruf und Bedeutung zu gewinnen.

An die geehrten Componisten.
Einladung zu Preiscompositionen.

Der Festausschuß für das im Sommer 1869 zu Baltimore zu feiernde eilfte allgemeine Sängerfest des „Nordöstlichen Sängerbundes von Amerika“ erläßt hiermit an die Herren Componisten die freundliche Einladung, sich durch Einsendung von Original-Compositionen um die von besagtem Festausschuß ausgesetzten Preise zu bewerben. Indem der Festausschuß dem Componisten über die Wahl des Charakters der Composition im Allgemeinen freie Hand läßt, wünscht er nur, daß folgenden Punkten Rechnung getragen werde: Die Composition soll für Männerstimmen mit voller Orchesterbegleitung geschrieben sein und mögen darin Chöre mit Quartett und Solosätzen nach Belieben des Componisten abwechseln; ihre Ausführung soll ungefähr zehn Minuten Zeit in Anspruch nehmen, und braucht der Inhalt nicht gerade kirchlichen Stils zu sein. Jede Composition muß mit einem Motto versehen und von einem mit dem gleichen Motto überschriebenen versiegelten Couvert, die Adresse des Componisten enthaltend, begleitet sein. Componisten in den Vereinigten Staaten senden ihre Arbeiten vor dem 15. October 1868 an den correspondirenden Secretär des Festausschusses ein unter der Adresse: „Henry Vees, North West corner of Lombard & South Street, Baltimore, Md Componisten in Europa dagegen adressiren an „Herrn Johannes Heckemann in Bremen“, welcher sodann sämmtliche bei ihm vor dem 1. October 1868 eingegangenen Arbeiten an den genannten Secretär übermacht. Spätere Einsendungen können keine Berücksichtigung finden. Am 1. November laufenden Jahres werden sodann sämmtliche eingelaufenen Arbeiten einem Preisgericht, bestehend aus fünf anerkannt tüchtigen, persönlich nicht interessirten Musikern, deren Namen innerhalb zwei Monaten zur öffentlichen Kenntniß gebracht werden, zur Entscheidung vorgelegt. Dem Urtheil dieses Preisgerichts gemäß wird dann der besten Composition ein Preis von einhundert Dollars in Gold und der zweitbesten ein Preis von fünfzig Dollars, ebenfalls in Gold, zuerkannt, worauf die Couverte geöffnet und die Namen der betreffenden Componisten veröffentlicht werden. Beide Preiscompositionen sollen während des erwähnten Festes zur Aufführung gebracht werden. Alle eingesandten Compositionen bleiben Eigenthum des Baltimore-Sängerbundes, die Componisten behalten jedoch das Verlagsrecht.

Der Festausschuß hofft auf eine rege Betheiligung amerikanischer sowohl, als europäischer Componisten um so mehr, als eine Einladung zum Feste an sämmtliche Gesangvereine Amerikas und Deutschlands ergehen wird, dasselbe durch allseitige Betheiligung zu einem wirklich internationalen Gesangsfeste zu gestalten.

Im Auftrage des Festausschusses
Henry Vees, Gev. P. Steinbach,
Corr. Secr. Präsident.





Als Druckfehler, die in einem Theil der Auflage sich in die „Skizzen aus dem Zollparlament“ der vorigen Nummer eingeschlichen haben, bitten wir Folgendes zu berichtigen: Statt Bundescommissäre setze man: Bundesräthe; auf der äußersten Rechten sitzen die Würtemberger und die specifischen Baiern; auf den Hintern Bänken der Linken die nationalliberalen Vertreter Badens. Rothschild ist in’s Centrum, zu den Altliberalen, ausgewandert. Was die Tribünen betrifft, so steht Loge c (genannt Tribüne D) dem Bundesrath, b Tribüne C den Abgeordneten zur Verfügung. Die Tribüne der Zeitungscorrespondenten ist sehr bedeutend erweitert, während „d kleine Loge zur Verfügung des Präsidenten“ ganz weggefallen ist.




Für die Verwundeten und die Hinterlassenen der Gefallenen

gingen noch ein: Aus Sonneberg, nachträglicher Ertrag einer Sammlung in einer Gesellschaft 10 Thlr.; C. B. in Thornfields in Irland 5 Thlr. John Doll in Philadelphia 10 Thlr.; Frau S. K. aus O. 2 Thlr.; Elgees in Breslau 5 Thlr.; eine Verehrerin der Gartenlaube 1 Thlr.; G. W. in Roermond 5 Thlr. 5 Sgr.; L. in Lancaster 5 Thlr. 18 Sgr.; aus Heidelberg 1 Thlr.; St. in Orell 5 Thlr.; aus Delmenhorst 5 Thlr.; gesammelt beim Stiftungsfest des landwirthschaftlichen Vereins in Wetzdorf 5 Thlr. 18 Sgr. 5 Pf.; C. F. in St. 2 Thlr.; vom Ohmthal-Sängerbund durch den Redacteur der „Neuen Sängerhalle“ 19 Thlr. 5 Sgr.; ? 10 Thlr. 15 Sgr.; auf dem Privat-Maskenballs in Limbach gesammelt 4 Thlr. 10 Sgr.; Joh. Ronner in Grönheim 4 fl. (2 Thlr. 8 Sgr.); Fräul. H. F. L. in Neu-Wittenberg 1 kleines goldenes Kreuz; Phr. in Meißen 1 Ohrring, 1 Broche, Verbandzeug; aus Dresden 1 Collier; aus Würzburg 3 Armbänder, 1 Paar Ohrringe, 1 Broche; ein armes Mädchen 1 Ring; aus Schloß Chemnitz 2 Weißstickereien; Motto: „Der Himmel erhalte uns Frieden“ 1 Ring; aus Homberg 1 Armband.


Unsere gesammte Einnahme zur Unterstützung der Verwundeten und der Hinterlassenen der Gefallenen aus dem Kriege 1866 betrug 9117 Thlr. 10 Sgr. 8 Pf., wovon wir 4000 Thlr. nach Berlin, 1500 Thlr. nach Dresden, 1000 Thlr. nach Wien gesandt; 100 Thlr. gaben wir an das damalige preußische Commando in Leipzig; für 158 Thlr. 8 Sgr. 4 Pf. sind Kleidungsstücke, Schuhe etc. für die Lazarethe beschafft und 1714 Thlr. 9 Sgr. 5 Pf. an einzelne direct und persönlich bei uns Hülfesuchende vertheilt worden, worüber die Quittungen vorliegen. Den Restbestand von 644 Thlrn. 22 Sgr. 9 Pf. halten wir vorläufig noch zur Disposition, da von Zeit zu Zeit noch immer Bittgesuche von Invaliden und Angehörigen Gebliebener bei uns eingehen.

Die Redaction.




Inhalt: Vetter Gabriel. Von Paul Heyse. (Schluß.) – Ein neuer Bühnendichter. Mit Portrait. – Ein heimlicher Hausfeind. Bon Otto Hermes. – Oesterreichische Berühmtheiten. Von Sigmund Kolisch. I. Eine Unterhaltung mit Herrn v. Beust. – Aus der Zeit der weichgeschaffenen Seelen. Mit Abbildung. – Im Hause der Bonaparte. Historische Erzählung von Max Ring. (Fortsetzung.) – Blätter und Blüthen: Rossini. – Ein großes nordamerikanisches Sängerfest. – Druckfehlerberichtigung. – Für die Verwundeten und die Hinterlassenen der Gefallenen.


  1. Unter diesem Titel lassen wir eine Reihe Charakteristiken österreichischer Persönlichkeiten folgen, welche in der jüngsten politischen Volkslebens-Entwickelung eine hervorragende Rolle spielen. Wie sehr just Sigmund Kolisch in der Darstellung von dergleichen Miniaturbildern durch Meisterschaft glänzt, ist den Lesern der Gartenlaube längst bekannt; einen größeren neuen Beweis der Vorzüge seiner Schilderungen und vor Allem ihrer lebendigen Anschaulichkeit, gestützt auf scharfe, gewissenhafte Beobachtung, liefert er in seinem Buche „Auf dem Vulcan“ (Pariser Schilderungen, die soeben bei Rieger in Stuttgart erschienen sind), dem umfassendsten Bilde des Lebens und Treibens der vom Kaiserreich des dritten Napoleon geschaffenen Gesellschaft und ihrer Zustände voll nun offenkundiger Fäulniß. Was indeß die Charakteristik des Herrn v. Beust anlangt, so erlaubt uns wohl der geehrte Verfasser, bei einigen Behauptungen ganz im Geheimen ein kleines Fragezeichen zu machen.
    D. Red.