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Die Gartenlaube (1858)/Heft 35

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 35. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Blätter aus der Krisis.
Von Ludwig Rein.
Nr. 2.  Meisterbrod.
(Schluß.)


„So muß der Meister benutzen die Krisis,“ fuhr lächelnd der Jude nun fort; „ist die Krisis benutzt doch worden von Vielen. Meister Friedel hat noch einige Außenstände, – müssen eingezogen werden in den Beutel, – das Stück Feld, der Garten, das Haus ist zugeschrieben der Frau, und so ist’s glatt, da wird übrig bleiben und gerettet werden das Meiste, wenn Herr Friedel es macht, wie Andere, – wenn er anzeigt seine Insolvenz, so er nicht leidlich verkauft in Braunschweig.“

„Insolvenz?“ fragte heimlich und tief erschrocken der Gesell, „und ich soll dazu rathen? O nein, nein, Herr Wurm,“ setzte er bittend hinzu, „geben Sie einen anderen Rath, denken Sie an den ehrlichen Meister, an die Frau Meisterin, – das thun diese ehrlichen Menschen nicht, – ich kann’s auch nicht –“

„So bezahlt, bezahlt Alles ehrlich! bezahlt die Wolle, die Spinnerei, die Farbe, die Appretur, – alle Rechnungen,“ eiferte still der Jude und nahm schnell von Neuem das Goldstück aus dem Beutel. „Hier, hier, Herr Tuchknapp’, hab’ doch für Sie bestimmt den Friedrichsd’or, – nehmen Sie, will nicht bleiben in Schulden, – und wär’s gewesen doch besser, wenn ich hätte geschwiegen.“

Er wollte fort, aber der Gesell ließ ihn nicht, nahm auch das Goldstück nicht, sondern blickte den Juden erschrocken und mit feuchten Augen an, – er wollte reden und vermochte es nicht, ergriff nur die Hände des Juden und hielt sie fest, wie ein Rettungsseil.

Auch der Jude schwieg. Eine tiefere Bewegung, als man glauben möchte, ging durch sein Gewissen, durch sein Gemüth. – Endlich sagte er:

„Wenn die Tuche nicht abgesetzt werden in Braunschweig und wenn Sie, lieber Glogauer, nicht befolgen wollen den guten Rath, so kommen Sie mit den Tuchen nach Breslau, – wollen sehen, was sich läßt thun damit, – könnte sein, daß es ginge, wenn ich selbst dort bin.“

Er gab dem Gesellen die Adresse für Breslau, und als er ihm vergeblich noch einmal das Goldstück aufgenöthigt hatte, erklärte er, er bleibe Schuldner, – er wolle den Friedrichsd’or aufheben.

Auch wickelte er wirklich das Goldstück in ein Papier und steckte es in seine Brieftasche. Dann reichte er dem Gesellen die Hand zum Abschied, indem er sagte:

„Wollen uns nicht vergessen, – wollen Beide immer bleiben brav.“

„Und haben Sie den Rath, welchen Sie mir gaben, auch den ehrlichen Meistersleuten angedeutet?“ fragte heimlich der Gesell.

Der Jude schüttelte verneinend den Kopf mit den Worten:

„Ueberlass’ ich das ganz doch Ihnen, – und haben Sie doch Zeit zu rechnen und zu überlegen, bis gewonnen sein wird ein Meßresultat in Braunschweig.“

Damit wendete er sich und verließ das Haus. Draußen klopfte er an’s Fenster, den Meistersleuten ein flüchtiges Lebewohl sagend.

Der Gesell stand noch im Hausflur, hatte nicht Lust, sofort in die Stube zu treten, wollte nochmals hinauf in die Bodenkammer, einige Minuten noch allein sein. Ehe er jedoch die erste Treppenstufe erreichte, klinkte Meister Friedel die Thür auf.

„Dafür belohne Sie Gott!“ sprach er gerührt; „o, lieber Glogauer, nun denken Sie ja nicht mehr daran, daß Sie –“ er drückte ihm die Hand und setzte leise hinzu: „daß Sie fort wollen. Nun werden wir ja wieder arbeiten können, der Jude wird uns gewiß auch wieder Wolle ablassen auf Credit, – verzeih’ es uns Gott, daß wir den Mann zuweilen den Wollwurm nannten. In unserm Hause, lieber Glogauer, soll’s nicht wieder geschehen.“

„Gewiß nicht,“ antwortete zerstreut der Gesell, da jetzt die Meisterin herauskam.

„Bernhard, wir danken Ihnen,“ sagte sie mit Innigkeit, indem sie dem Gesellen die Hand gab.

„Könnte ich doch mehr thun,“ erwiderte ruhig der Erröthende und schlug die Augen nieder.

„Vielleicht glückt es mir nun auch in Braunschweig,“ fuhr die Meisterin fort.

„Vielleicht,“ wiederholte der Gesell.

„Das walte Gott,“ schloß Meister Friedel und griff nach der Thürklinke.




In der Stube gingen alle Drei an ihre Arbeit. Niemand äußerte es, – und doch suchten Alle das vorhin Versäumte reichlich wieder einzubringen.

Die freudige Erhebung des Gemüthes aber, welche Alle durch den veränderten Sinn des Wolljuden gewonnen hatten, fing an, mehr und mehr sich abzuschwächen. War doch nur eine Sorge gewichen, – und nicht einmal gewichen für immer, nur hinausgeschoben mit ihrer Gefahr auf zwei Monate. Und gab es doch [498] noch andere Sorgen, andere Rechnungen, und darunter eine Rechnung, gegen deren Ziffern und Zahlen der Arzt durch Thee und Pulver, das treue, besorgte Weib aber durch Pflege und Gebet ankämpfte.

So war es still nicht in der Gedankenwelt unserer Arbeiter, – auch still nicht in der Tuchmacherstube. Meister Friedel hustete öfter, der Gesell wirkte und webte, und da draußen auch die Abenddämmerung dunkler und dunkler ihre Fäden in die Werfte des Januartages schoß, so trug die Meisterin Licht hinein; auch der Gesell zündete hinter dem Stuhle seine Arbeitslampe an. Dann ging die Meisterin, um die Fensterläden zu schließen.

Da klang es laut durch die Gasse wie Musik und Gesang. Mitunter ein Ruf, eine aufjauchzende Stimme. Und bald kam’s näher, immer die Gasse herein, bis hin vor unser Haus, Hier blieb der Schwarm stehen, während Einzelne riefen:

„Leb’ wohl, Bruder Glogauer!“

Es war eine Menge Tuchmachergesellen, auch getroffen von der Krisis, – denn sie hatten Feierabend bekommen in Folge des schlechten Geschäftsganges, mußten wandern aus der Stadt, eine neue Werkstatt suchen und durften sich nicht sagen, daß sie bald eine solche finden würden. Am nächsten Morgen gedachten sie auszurücken. Darum kamen sie jetzt, um bei ihren Mitgesellen, denen die Arbeit nicht gekündigt war, Abschied zu nehmen, den sogenannten Zehrgroschen zu holen und dann nach der Herberge zu ziehen und den Valetkrug zu leeren in Gemeinschaft mit den Bleibenden.

„Zieh den Rock an, Bruder Glogauer, begleite uns mit zur Herberge,“ sagten, nachdem sie höflich die Meistersleute gegrüßt, die eingetretenen Deputirten, während draußen von den Uebrigen ein Vivat auf den Meister Friedel ausgebracht wurde.

„Mitgehen will ich nicht, Ihr guten Jungen,“ erklärte der Glogauer, „mein Meister ist kränklich, kann nicht hinter dem Stuhle arbeiten, ich selbst aber hatte heut’ viel Abhaltung, also nehmet es nicht übel, wenn ich dableibe, ich will noch einige Stunden arbeiten.“

„Wenn Sie Lust haben, Bernhard, so gehen Sie doch mit,“ sprach freundlich die Meisterin, als die Stube mehr und mehr sich füllte von Abschiednehmenden und unter diesen einige gute Freunde Bernhards sich befanden, denen er unter herzlicher Umarmung das Lebewohl sagte, während er den Anderen zum Abschied nur die Hand schüttelte.

„Weiß ich doch, daß es beim Valetkruge auf der Herberge bis zum frühen Morgen dauern wird, – ich verderbe mir den kommenden Tag und das Stück muß morgen vom Stuhle, ich muß fertig werden damit, muß es abwirken,“ erwiderte der Gesell.

Meister Friedel ward froh darüber, – denn die herzliche Umarmung, welche der Gesell einigen Freunden gab, hatte in ihm die Furcht aufsteigen lassen, der Glogauer könne auf der Herberge wohl gar noch Lust bekommen, auch mit zu wandern. Er steckte daher, wie dies auch der Glogauer that, gern und reichlich in die Zehrgroschenbüchse, die der eine der Deputirten ihnen hinhielt.

„Mögen Sie Alle bald Arbeit finden!“ wünschte die junge Meisterin und schob ebenfalls ein Scherflein in die Blechbüchse.

„Im Namen Aller unsern Dank!“ rief der Deputirte, welcher die Casse trug.

„Hast wahrhaftig die schönste Meisterin in der ganzen Stadt, Bruder Glogauer!“ behauptete laut ein Anderer.

„Wirst nicht fortkommen aus dem Städtel –“

„Auguste will ihn haben, die Gerberstochter.“

„Das Zweitausendthalermädel! Ja, ja, Auguste läuft immer an seinem Fenster vorbei!“

So sprach’s und rief’s durcheinander, und Meister Friedel nickte und gab sein Wort dazu, – und der Glogauer eilte zur Thüre, ging hinaus zu den Mitgesellen und nahm Abschied von den Wanderburschen.

Nun kamen auch die Uebrigen aus der Stube. Der Cassenträger schwang schüttelnd die Büchse und auf dieses Zeichen, das man gar wohl verstand, ertönte unter Begleitung einer Zugharmonika das schöne bekannte Lied:

„Wohlauf denn getrunken den funkelnden Wein!
Ade nun, ihr Brüder, geschieden muß sein!
Ade nun, ihr Berge, du väterlich Haus!
Uns treibt in die Ferne die Krisis hinaus!“

Die Burschen sangen so ruhig, so rein und innig, daß die letzte Zeile, welche mit ihrer Abänderung eigentlich an’s Komische zu streifen scheint, doch einen tiefen, wehmüthigen Eindruck machte. Mancher der Vorübergehenden steckte noch etwas in die Zehrgroschenbüchse, – manche Bürgerstochter guckte zum Fenster heraus, – manches Dienstmädchen setzte auf der Straße die Wasserkannen nieder und wischte sich eine Thräne aus den Augen und wartete, bis der Zug vorüberkam. Da wurde denn noch eine Hand gereicht, – ein Abschiedskuß gegeben, – ein Versprechen gethan, – doch das Bündel war geschnürt, es mußte Alles überstanden werden.

O, daß man nicht glaube, in solcher Gesellschaft herrsche nur Raschheit, Leichtsinn, Oberflächlichkeit! Gerade das Herz des jungen, kräftigen Arbeiters ist oft so empfänglich für die tiefere Leidenschaft der Liebe, – er fragt nicht danach, ob Täuschung oder Erfüllung, ob Glück oder Unglück erfolgen werde, – die Liebe selbst ist ihm genug, – er gibt sie nicht hin, er hält sie fest als den einzigen süßen Strauß, den blühend das Schicksal ihm zugeworfen hat.

Unter Gesang und unter den Klängen der Zugharmonika schritten die Arbeiter noch durch Straßen und Gassen und Gäßchen, – dann ging’s hinein in die Tuchmacherherberge.

Werfen wir noch einen Blick in die Tuchmacherstube.

Es ist spät. Meister Friedel sitzt noch am Sortirtische. Die Wollscheere hält er noch in der rechten, ein Wollflöckchen in der linken Hand, – aber die Scheere greift nicht mehr in das Flöckchen, der Meister ist eingeschlafen. – Die junge Frau sortirt fleißig fort, sie gönnt dem Manne den Schlaf und als der Husten ihn aufweckt, spricht sie bittend:

„Gehe zu Bett, lieber Mann, – Du bist ja fleißig gewesen, – ich werde nun auch bald gehen.“

Als aber Meister Friedel hinaus war in die Schlafkammer, ging die Meisterin noch nicht. Sie holte Buch und Rechnungen herbei, schob den Docht der Lampe weiter heraus und setzte sich wieder. Sie las nun, sie schrieb, sie verglich, – that es allein, – trug die schmerzliche Ueberzeugung allein, daß es blieb, wie es war. – Sie klagte nicht laut, – das innere Seufzen hörte Niemand.

Und dennoch, – wenn er’s auch nicht hörte, – der Gesell, der noch eifrig den Schützen durch die Werfte schnellen ließ, er verstand, er theilte das Seufzen.

Auch hörte er die wenigen Worte, welche leise die Meisterin sprach, indem sie Buch und Rechnungen wieder forttrug, die Worte:

„Herr Wurm ist nicht gegen Braunschweig, – o, daß ich von dort Hülfe brächte!“

„Vielleicht, vielleicht,“ antwortete der Gesell, und die Meisterin vernahm diese Antwort.

„Und wollen Sie nun nicht auch zu Bett?“ fragte sie nach der Werfte hin.

„Nein, nein,“ entgegnete der Gesell, „bringe ich morgen das Stück vom Stuhl, so kann es noch mit nach Braunschweig gehen.“

„Das wäre wohl gut,“ sprach die Meisterin sanft, „auch mein Mann wird sich freuen.“

Tiefer zog sie den Docht in die Lampe ein, aus der Flamme ward ein mattes Flämmchen. Mit dem Gruße: „gute Nacht, Bernhard,“ ging die junge Meisterin hinauf in die Schlafkammer, – und „gute Nacht, Frau Meisterin,“ sendete kaum hörbar der Gesell ihr nach.

Durch den kleinen weißen Vorhang des kleinen Kammerfensters leuchtet noch das Flämmchen der Lampe. Das bedrängte junge Weib denkt nicht daran, sich geheimnißvoll zu schmücken für ein geheimnißvolles Fest des Herzens, – und doch ist das einfache Nachtzeug für das junge Tuchmacherweib ein geheimnißvoller Schmuck – ein Schmuck in Reiz und Fülle.

Es ist gut, Gesell, daß Du den Schmuck nicht siehst, es ist gut, daß Du arbeitest und nur dann und wann Deinen Blick nach dem matten Lampenscheine wendest.

Jetzt verlischt das Flämmchen, heimlich sprichst Du noch ein Mal: „gute Nacht,“ – – und nun arbeitest Du fort Stunde für Stunde, bis in der Nachbarschaft die Hähne krähen.

Du bist zufrieden, das Stück ist tüchtig gewachsen, – da lässest Du ruhen den Schützen, den Tritt, die Lade, – Du stützest Dein müdes Haupt in die müde Hand, – Du schläfst – – Du träumst. – Nun ist es still, ganz still; über dem Haupte des Träumenden knistert nur die matt brennende Arbeitslampe.

O Werkstätte, still oder lärmend,
O Werkstätte, groß oder klein:
Schwer stellt sich in deinen vier Wänden
Die Nahrungssorge oft ein.

[499]

O Werkstätte, still oder lärmend,
Und schaffst du das tägliche Brod:
Der Arbeiter trägt doch im Herzen
Oft and’re Sorge und Noth.

O Werkstätte, still oder lärmend,
Bleib’ stets ein heiliger Raum!
Und träumt man in dir oft von Liebe,
Selbst heilig dann webe der Traum!




Der Fleischer war gekommen, hatte dreißig Thaler gezahlt und das Schwein fortgetrieben.

Das war gut, denn die junge Meisterin besaß nun Geld, – Reisegeld nach Braunschweig, wohin sie seit einigen Tagen theils auf dem Postwagen, theils auf der Eisenbahn sicher und wohlbehalten gelangt war. Neunzehn Stück Tuche hatte sie mit sich zur Messe geführt, – das eine Stück, an welchem der Gesell in jener Nacht so fleißig arbeitete, war noch dazugekommen.

Auch jetzt arbeitete der Gesell fleißig. Aber nicht hinter dem Webstuhle, – er schafft im Hause, säubert, legt Holz in den Ofen, läuft in die Apotheke mit den vom Arzte geschriebenen Recepten, – kommt wieder und setzt sich an’s Bett und gibt dem Kranken Medicin nach Vorschrift, wie’s auf der Flasche steht.

Der Kranke ist Meister Friedel. Kurz vor der Abreise seiner Frau traten in seiner Krankheit bedenkliche Zustände ein. Dieselben gingen nicht, wie der Arzt es hoffte, vorüber, sondern traten nach der Abreise der Meisterin weit drohender auf.

Gerade jetzt will der Husten den armen Meister wieder ersticken. Es ist gegen Abend, – der Arzt kommt. – Nach zehn Uhr kommt er noch einmal, verspricht auch, am nächsten Morgen schon zeitig da sein zu wollen, – und der Glogauer weicht nicht vom Bett seines Meisters. – Ehe aber der Morgen und der Arzt kommt, ist der Meister gestorben.

Nun stellen sich die Nachbarn und Verwandten ein und berathen, ob die Meisterin zurückzurufen sei oder ob das Meßgeschäft ungestört seinen Fortgang haben solle. Man beschließt das Letztere, – die Frau erfährt nichts von dem Tode des Mannes, – und der Todte wird begraben.

Treuer Gesell, was geht Alles durch Deine Seele, indem Du weinend hinter dem Sarge Deines Meisters gehst! – Durch Deine Thränen dämmert ein Hoffnungsstrahl, – – – hoffe nicht zu viel!

Nach dem Begräbniß stellt sich der Vater Augustens ein, der wohlhabende Gerber. Er meint, Du werdest nun nicht bleiben können, werdest das Haus verlassen, – und wenn Du Dich daher selbstständig machen wolltest, – wenn Du Neigung hättest für seine Tochter Auguste, – –

Du aber sprichst still: „nein, nein,“ – Du erröthest und schlägst die Augen nieder, – und der Gerber verläßt Dich.

Kaum ist dieser hinaus, da tritt der Briefträger in die Stube.

„Ein Brief aus Braunschweig an den Meister,“ erklärt er und übergibt dem Gesellen den Brief. „Da der Meister todt ist, werden Sie den Brief wohl lesen müssen, – er scheint ohnedies nur von der Frau Meisterin zu sein.“

Der Briefträger ging, – der Gesell erbrach den Brief und in demselben stand:

 Mein lieber, theurer Mann!
Vor allen Dingen möge es besser gehen mit Deiner Gesundheit. Das ist und bleibt ja die Hauptsache. Sei nur getrost, lieber Mann, und verzage nicht, wenn auch die Messe schlecht geht. Den guten Bernhard grüße herzlich und sage ihm, ich würde sogleich von hier aus mit den Tuchen nach Breslau gehen und an Herrn Wurm mich wenden. Dort wird uns schon Brod werden, lieber Mann, ich habe Hoffnung, und so sei recht heiter, wie ich es bin, da ich ja weiß, daß Bernhard bei Dir ist. Also über Breslau kommt zurück Deine treue
Lisette.“

„Treu, treu, beim Himmel, das bist Du!“ sprach der Gesell, indem er den Brief zusammenschlug und an sein Herz drückte. „Mit blutender Seele hast Du geschrieben, – und doch – wie, wie geschrieben!

„Also nicht verkauft, – und sie will selbst nach Breslau, will die Tuche sogleich mit dorthin nehmen –“

Er setzte sich an den Sortirtisch und sann. Nach wenigen Augenblicken sprach er weiter:

„Was könnte ich auch Besseres thun? Selbst bei der Todesnachricht, welche ich ihr dort geben muß, wird der Jude mir und ihr beistehen, – wird das Richtige rathen in Allem, was nun geschehen muß.“

Eine Verwandte des verstorbenen Meisters stellte er einstweilen für das Haus ein, – eine Hand voll Thaler, den früher ersparten Gesellenlohn, steckte er zu sich, – zwei Stunden später reiste er ab nach Breslau.

Wollen wir die Gespräche hören, welche er führt im Postwagen und auf der Eisenbahn? Er ist Neuling im Reisen, – spricht nur wenig mit Andern, viel mit seinem Herzen. – Die Andern aber sprachen von der schlechten Braunschweiger Messe, von der Krisis, von der geklemmten Gegenwart und von der gefährlichen Zukunft.




Am Abend des dritten Tages sehen wir den Gesellen an der Seite des Juden durch eine der Straßen Breslau’s kommen. Der Gesell hat dem Juden den Brief mitgetheilt, hat daran alles Weitere geknüpft, – sein ganzes Fühlen, Denken, Verhalten gegen die Meisterin. – Der Jude erkannte vollkommen nicht nur den Gemüthszustand des jungen Mannes, sondern auch die ganze Lage der Dinge. Er war theilnehmend, er versprach, zu rathen, zu helfen, Wolle zu geben auf neuen Credit, sobald durch eine Erklärung, daß der Meister insolvent gestorben sei, die Sachlage sich einigermaßen regulirt haben würde. Die Erklärung der Insolvenz hielt er jetzt, wenn irgend noch geholfen werden sollte, für unabweislich. – Und das war’s, was den jungen Menschen niederbeugte, – darum ging er so still, so blaß an den erleuchteten Häusern hin, – es schien ihm nicht möglich, daß er – daß sie auf solchem Grunde ein neues Glück bauen könne.

Jude und Gesell gelangten jetzt an den Bahnhof. Der Zug kam, – die Meisterin war nicht zu sehen, – so sicher und scharf der Blick des Gesellen auch suchte und musterte, so laut auch sein Herz dabei schlug: die junge Wittwe fehlte.

„Kann’s doch noch dauern einen Tag, zwei Tage, ehe sie kömmt,“ sprach der Jude lächelnd, „müssen uns gedulden, – für heute ist’s nichts, – wir wollen gehen auf ein Kaffeehaus, junger Freund.“

Weit lieber wäre der Gesell in sein Quartier gegangen, aber der Jude stellte ihm vor, es sei besser, auf ein Kaffeehaus zu gehen und sich dort zu zerstreuen, als unter Sorgen und Mißmuth im engen Quartier zu sitzen. So folgte denn Bernhard seinem Führer. Unter dem Leuchten der Gaslaternen durchschritten sie einige Straßen, – sie kamen auf das Kaffeehaus.

Der Anblick des großstädtischen Lebens, der ganze Eindruck, welchen der Gesell in diesen erleuchteten, bewegten Räumen gewann, stimmte ihn nicht heiterer. Er war froh, als der Jude, der sich häufig, aber still mit einem der Kellner unterhalten, schon nach einer Viertelstunde wieder zu ihm trat und zum Aufbruch winkte. Sie gingen.

Draußen im Vorsaal erklärte der Jude mit leiser Stimme, es werde hier wöchentlich einige Mal eine geheime Spielbank aufgeschlagen, – es treffe sich gut, heut sei sie gerade im Gange. Daran knüpfte er die Frage, ob der Gesell schon einmal an solch einer Bank gespielt habe, und als dies Bernhard verneinte, auch nicht Lust bezeigte, heute zu spielen, faßte der Jude ihn an der Hand und sprach:

„Warum wollen Sie’s nicht versuchen in Ihrer Lager? Können Sie doch haben Glück, können viel Geld gewinnen, – viel, so viel, daß es würde ausreichen zu Allem, auch zur glücklichen Heirath!“

Das durchzuckte den Gesellen, – er griff unwillkürlich in die Tasche, als wolle er die Zahl seiner wenigen Thaler prüfen. –

„Wird’s jetzt nicht passen, daß ich ausgleiche meine Schuld? Da fällt mir’s ein, daß ich noch habe Ihren Friedrichsd’or, lieber Glogauer, den Sie ehrlich verdienten auf dem Rathskeller,“ redete der Jude weiter, und hatte in demselben Augenblick schon die Brieftasche in der Hand, und hielt dem Glogauer den einpapierten Friedrichsd’or hin.

„Herr Wurm, o ich weiß nicht, lassen Sie das!“ rief heimlich, aber im Innersten bewegt, der Jüngling.

„Werd’ ich Sie zwingen, wenn Sie wollen!“ rief Jener. „Aber glauben Sie mir, lieber Glogauer, daß ich’s meinte sehr gut, – junge Leute haben oft Glück, – könnten Sie’s nicht auch haben?“

Er sah, daß der Gesell in einem Kampfe mit sich lag. Von [500] Neuem hielt er ihm daher das Goldstück hin, streifte von demselben das Papier ab, und sagte lächelnd:

„Wie es glänzt! Kann nicht so blank und blanker noch Ihr Glück glänzen in dieser Stunde? – Kommen Sie, lieber Glogauer, Sie sollen nur wagen diesen Friedrichsd’or, sollen nur aussetzen ein einziges Mal, – schlägt’s fehl, dann wollen wir’s lassen, wollen gehen nach Haus, – greifen Sie zu, Glogauer.“

Und der Gesell griff zu.

Sie schritten jetzt zwei Treppen höher, schritten hinter in einen schwach erleuchteten Gang, wo ein hütender Kellner sich zeigte. Diesem gab der Jude eine Marke, – nach wenigen Augenblicken standen sie im Bankzimmer.

Der Gesell mußte den Friedrichsd’or aussetzen, – er gewann, – gewann wieder und wieder. – Dem jungen Spieler zitterten die Hände, die Füße, das Herz, – aber der Jude wich nicht von seiner Seite, er ordnete den Aussatz, zog den Gewinn ein, ließ den Aussatz höher und höher steigen, – zu Glück ging’s Schlag auf Schlag. –

„O, fort nun, fort,“ sagte heimlich der zitternde, blasse Gesell, „ich bitte Sie, Herr Wurm, ich vermag’s nicht mehr.“

Ter Jude erkannte den aufgeregten Zustand des bleichem Spielers, – er wollte wenigstens eine Pause eintreten lassen, – sie entfernten sich von der Bank, gingen hinaus, und der Jude zeigte ihm den Gewinn und lächelte freudig:

„Bis jetzt zweihundert und vierzehn Friedrichsd’or, – wie wird sich doch freuen die Meisterin!“

„O Gott, o Gott, wie schön ist das! Dieses Glück, Herr Wurm, dieses Glück!“ rief der Jüngling bebend, und warf sich weinend an des Mannes Brust. „Und das Alles für die Meisterin, – das Alles ist Dein, – Dein, Lisette!“

„Ruhig, ruhig,“ mahnte Wurm erschrocken, „wird’s doch nur sein ein Krampf, der bald vorübergeht!“

Ruhig war nun wohl auch der glückliche Spieler, aber seine Glieder zuckten, sein Gesicht verzerrte sich. Der Jude bat den Kellner, ein Brausepulver zu bringen, und dieser erklärte, er könne seinen Posten nicht so lange verlassen, die Apotheke sei zu weit, – er sei jedoch bereit, den jungen Mann mit hinabzuführen.

Darum bat nun der Jude, und so führten sie den Gesellen hinab. In einer Droschke fuhr der Jude mit ihm fort zu einem Arzte. –

„Das ist ein Schlaganfall, ein starker,“ erklärte der beschränkte Arzt, „darum einen starken Aderlaß!“

Ein solcher wurde nun unglücklicher Weise auch sogleich vollzogen. – – –

„Meister Friedel, ich komme, – – Lisette, Lisette!“

Das waren fast die einzigen Worte, welche der fiebernde Gesell in den Armen des Arztes und des Juden jetzt sprach.

Der Kranke blieb in der Wohnung des Arztes, der Jude fuhr weinend nach Hause.

Am nächsten Morgen kam die Meisterin mit den Tuchen. – Der erschütterte Jude vermochte es nicht, einen Umschweif zu machen. Er nahm abermals eine Droschke, man fuhr zum Arzt. Unterwegs erzählte er, – also fuhr man eigentlich nicht zum Arzt, sondern zum todtkranken Gesellen. –

Unterwegs weinte die Meisterin gar sehr. Von dem gewonnenen Geld aber erzählte der Jude jetzt noch nichts. Er ahnte den Stand der Dinge, er freuete sich solcher Liebe, solcher Liebe und Treue in der Noth. Daher ließ er auch die Meisterin allein eintreten in das Krankenzimmer, während er selbst lm Vorsaal wartete. Auch den Arzt bat er dann, jetzt nicht einzutreten, jetzt nicht zu stören.

Und es war gut so. Drinnen gab’s heilige Minuten.

Als die Meisterin eintrat, weinte sie nicht mehr laut, sie drängte die Thränen zurück; sie lächelte, und stellte sich leise zu Häupten des Kranken, und grüßte und tröstete.

Und der Kranke richtete sich schnell empor. Durch Blick und Stimme der Theuren kam er zum klaren Bewußtsein – wie ein aus dem Schlaf erwachendes Kind an den Augensternen der Mutter. – Und er lächelte nun auch, – aber seine Augen glänzten dabei feucht und wunderbar, und er sprach:

Frau Meisterin, ich werde sterben, ich fühle es, nur wenige Minuten sind noch mein, – darf ich etwas bekennen? – O, ich darf es, – und ich muß es, – muß mein ganzes Herz“ –

Er hielt inne, – er streckte ihr seine Hände entgegen, – dann setzte er tiefbewegt und mit zitternder Stimme die wenigen Worte hinzu:

„Wie hab’ ich Dich so lieb gehabt, ach, so lieb, so lieb!“

Und in diesen wenigen Worten lag Alles. –

Da konnte die Meisterin die Thränen nicht länger zurückdrängen. Sie neigte sich nieder zu dem Kranken, ihr schönes Haar fiel auf sein Gesicht, sie küßte innig, so innig seine Lippen, und schluchzte und sagte:

„Wie schwer ist mir oft mein Schweigen geworden!“

Nun setzte sie sich an sein Bett, und so saßen sie, Hand in Hand, und der ganze volle Frühling der Liebe schoß auf ein Mal in die Blüthe, – um bald mit Eins dem Herbststurm Raum zu geben – dem Herbststurm ohne vorhergegangenen Sommer. –

Und leise öffnete sich die Thür. Der Jude trat ein. Er wischte sich die Augen, er legte die zweihundert und vierzehn Friedrichsd’or auf den Tisch, und gedachte dabei gerührt und mit wenigen Worten des gethanen Gewinnes.

„Lisette,“ sprach lächelnd der Tuchknapp, „Lisette, da es denn sein muß, so sterbe ich nun doch ruhig, es ist äußerlich nun gesorgt für Dich, – Lisette, und o, ich sterbe ja schön, ich sterbe im Glanz Deiner Liebe!“

Die junge Wittwe konnte nicht sprechen. Und abermals neigte sie sich nieder, und ihre heißen Thränen und heißen Küsse bedeckten den Sterbenden, auf dessen Angesicht Licht und Lächeln lag. –




Als der treue Tuchknapp begraben war, ordnete sich Alles schnell mit den Tuchen, mit der Wolle, – denn es war ja Geld vorhanden. – Nur der Schmerz der jungen Wittwe ordnete sich nicht schnell. Eine Hand voll Erde holte sie sich noch vom Grabe des Todten, dann reiste sie heim.

Und als sie heim war, weinten Viele mit ihr, – weinten um den Meister und um den Gesellen.

Und Eine kam, die sagte:

„Ach, wie habe ich ihn lieb gehabt! Wie gern bin ich vorbeigegangen an seinem Fenster, – konnte ich mehr thun? – Ich wußte, daß es vergebens war, und doch liebte ich ihn!“

Und die Meisterin dachte und fühlte still die Worte durch:

„Konnte ich mehr thun?“

Und Beide kamen oft zu einander, und weinten mit einander.

Nach einiger Zeit traf auch Herr Wurm ein. Er ordnete hülfreich, was zu ordnen noch nöthig war für die Fortsetzung des Geschäfts. Bei seiner Abreise versprach er, einen braven Gesellen herbeizuschaffen. Ob er einen finden wird, der da ist, wie der Glogauer war? Möge es geschehen!

So viel wir wissen, steht jetzt die Werkstätte noch leer; kein Webstuhl ist noch im Gange. Indem wir von der Werkstätte scheiden, werfen wir noch einen Gruß hinein, und gedenken der Worte:

O Werkstätte, still oder lärmend,
O Werkstätte, groß oder klein:
Schwer stellt sich in deinen vier Wänden
Die Nahrungssorge oft ein.

O Werkstätte, still oder lärmend,
Und schaffst du das tägliche Brod:
Der Arbeiter trägt doch im Herzen
Oft and’re Sorge und Noth.

O Werkstätte, still oder lärmend,
Bleib’ stets ein heiliger Raum!
Und träumt man in dir oft von Liebe,
Selbst heilig dann webe der Traum!




Die Pflege der gelähmten Gliedmaßen.
Von Dr. Paul Niemeyer.


Non est in medico semper, relevetur ut aeger – es steht nicht immer in der Macht des Arztes, daß der Kranke völlig gesunde; ein vom Nervenschlage Genossener wird nur selten den ursprünglichen Gebrauch des gelähmten Gliedes ganz wieder erlangen; [501] aber wo nichts zu heilen ist, bleibt doch manches zu verhüten, zu lindern und zu bessern, und in dieser Richtung steht in den angedeuteten Zuständen der ärztlichen und häuslichen Pflege ein segensreicher Wirkungskreis offen. Indem wir einige hierauf bezügliche praktische Winke zu ertheilen gedenken, wollen wir die Krankheiten, auf welche wir vornehmlich reflectiren, zunächst kurz skizziren:

1) bei Kindern: nach einer Gehirnentzündung, einem hitzigen Fieber, zurückgetretenen Masern, nach einem Fall oder Stoß auf den Kopf, und wie die nicht immer klaren Erinnerungen sonst lauten, hat das Kind entweder gar nicht gehen gelernt, oder es ist ein Bein lahm geblieben, der Fuß ist in der Ferse verkürzt (Pferdefuß), oder der Unterschenkel im Knie angezogen, wobei der Fuß nicht selten die Hinterbacke berührt; zuweilen sind auch noch an der Hand derselben Seite einige Finger contract. Die Kinder zeichnen sich nebstdem durch eine zarte Constitution, sehr weiße Gesichtsfarbe, Schreckhaftigkeit aus; die Sprache, besonders die Articulation ist mangelhaft, wenn auch die geistige Entwickelung im Allgemeinen nicht zurückgeblieben ist.

2) bei Erwachsenen ist meist eine ganze Körperhälfte schwächer, als die andere, was aus dem Gange sogleich ersichtlich: das Bein, im Knie nach hinten gebogen, wird nachgeschleppt oder unter Beschreibung eines Kreises aufgesetzt; der Stock wird zum integrirenden Körper-Supplement; sehr fatal ist der Weg von einer Anhöhe herab oder auf höckrigem Steinpflaster, lehmigem Boden u. dgl. Bei dieser Einseitigkeit des Ganges verläßt der Schwerpunkt des Rumpfes die gerade Linie, und das Rückgrat wird schief nach der gelähmten Seite hin. Die Schwäche der oberen Extremität offenbart sich bei subtileren Handthierungen, die Hand geräth leicht in’s Zittern, kleinere Gegenstände werden schwer gegriffen; auch klagen diese Leute über Gedächtniß- und Gesichtsschwäche, sie sind in der Regel stark hypochondrisch und leicht erregbaren Gemüthes.

3) bei alten Leuten ist die halbseitige Lähmung entweder eine totale oder sie ist bis auf den Arm zurückgegangen; dieser kann nur sehr unvollkommen gehoben werden, und im Anfange ist jeder Versuch einer Bewegung mit Schmerzen in der Nähe der Gelenke verbunden; die Finger sind krallenartig zusammengezogen, bei höheren Graden auch die übrigen Gelenke contract.

Es geschieht namentlich in den Fällen der letzten Nummer, daß die Kranken und ihre Angehörigen in einen Zustand von Indifferentismus den ärztlichen Leistungen gegenüber verfallen: nachdem sie allerhand gebraucht, und in der Erwartung eines sofortigen Erfolges getäuscht, bleiben sie schließlich sich selbst überlassen; als Hauskreuz bemitleidet und geduldet, bringen sie ihre Tage auf dem Lehnstuhle oder im Bette regungslos zu. Man erinnere sich aber, wie ein blos Stunden langes Verharren in einer und derselben Körperstellung z. B. wegen chirurgischer Schäden oder beim Fahren im Postwagen schon einen Gesunden völlig contract machen kann, um sich eine Vorstellung davon zu bilden, wie ein solches Tag aus, Tag ein sich gleichbleibendes Verhalten den Zustand der Lähmung noch steigern, das Glied noch vollends verlahmen muß. Zum Wohlbefinden der Gliedmaßen gehört vor Allem die Lebendigkeit des Blutlaufes, und dieser wird vornehmlich durch Muskelbewegung gefördert, durch Ruhe geräth er in’s Stocken, zumal wenn die Vegetation des Gliedes ohnedem durch abnormen Zustand der Nerven beeinträchtigt ist; ferner verlieren lange unthätige Muskeln das Vermögen, sich zusammenzuziehen, und es erwächst hieraus die wichtige Aufgabe, ein zur selbstständigen Action unfähiges Glied durch passive Bewegung auf dem Stande der normalen Existenz zu erhalten, und dadurch nachträgliche Erkrankungen zu verhüten. Morgens und Abends muß der Arm, das Bein in den Hauptgelenken mehrere Minuten lang von Andern gebeugt und gestreckt werden; der Kranke wird im weiteren Verlaufe die Fähigkeit erlangen, selbstthätig mitzuwirken, und um die Wiederherstellung des Willenseinflusses zu beschleunigen, heißt man ihn, der jedesmaligen passiven Bewegung in entgegengesetzter Richtung activen Widerstand leisten. Dadurch läßt man zugleich dem ganzen Körper eine für den Appetit, den Schlaf und die Transpiration überaus förderliche Bewegung angedeihen. Gelähmte, bei denen dies Verfahren erst nachträglich angewendet wird, erwachen dadurch ordentlich zu neuem Leben.

Muskeln, welche in beständiger Verkürzung verharren, bleiben schließllch zu kurz und manche Contractur ist durch die Nichtbeachtung dieses Momentes entstanden: es ist streng und beständig darauf zu achten, daß die Füße der Gelähmten eine solche Lagerung einnehmen, daß die Muskeln möglichst gedehnt sind, die Gelenke im Mittel von Beugung und Streckung sich befinden. Es wird dies namentlich bei Kindern vielfach versehen: man läßt sie unbeachtet auf der Erde herumkriechen, mit gekreuzten Beinen sitzen, und in der Wachsthumsperiode ist eine organische Verbildung ganz besonders zu befürchten. Eine solche wird ferner dadurch begünstigt, daß man die Kinder mit dem lahmen Beine ohne Stütze umherhinken läßt, wo alsdann durch die Schwere des Körpers der Unterschenkel ausgebeugt wird, der äußere Fußrand wird zur Sohle beim Auftreten und die Fußwurzelknochen erleiden allmählich eine Verschiebung und Verrenkung. Um dies zu vermeiden, muß, wenn die Kinder wirklich zu gehen anfangen, das schwache Bein durch eine Krücke unterstützt, es kann durch eine solche auch ganz ersetzt werden; wenn solche Kranke wieder zu gehen anfangen, müssen sie nicht nur möglichst ökonomisch mit ihrer Körperkraft umgehen, sondern auch die größte Aufmerksamkeit auf eine richtige Balance des Körpers verwenden, unter Umständen auch erst sich der Krücken bedienen.

Die von uns bereits mehrfach in der Gartenlaube erwähnte Faradisation trägt, frühzeitig genug angewendet, wesentlich dazu bei, das Muskel- und Nervenleben zu erhalten; sie ersetzt die Erregung durch den Willen, indem der elektrische Strom in dem gelähmten Gliede jegliche Bewegung hervorzurufen vermag, und die Anwendung derselben kann im Nothfalle für einen bestimmten Kranken von intelligenten Laien dem Sachverständigen abgelernt werden.

Einreibungen haben wohl den Nutzen, daß sie die Haut beleben und eine wohlthätige Empfindung hervorrufen; auf die gelähmten Nerven und Muskeln selbst üben sie wenig directen Einfluß, daher man im Anfang die günstige Zeit nicht mit ihnen verthun soll. Am besten und billigsten nimmt man Calmusspiritus, den man durch Ausziehen der Calmuswurzel mit Franzbranntwein oder durch Vermischen etlicher Tropfen Calmusöl mit Spiritus selbst bereiten kann. Wichtiger als das Medicament der Einreibung ist die damit verbundene mechanische Wirkung auf die Muskeln, besonders wenn man damit ein methodisches Kneten verbindet. – Sehr wohlthuend und stärkend sind ferner kalte Waschungen und darauf folgende Frictionen mit den eigens dazu fabricirten bürstenartigen Handschuhen; im Winter verdienen warme Bäder der Füße und Hände, auch des ganzen Körpers den Vorzug. – Als Bekleidungsstückzulage für gelähmte und daher leicht frierende Gliedmaßen erfreut sich die Waldwolle eines besonderen Rufes. –




Aus der Belagerung von Lucknow.

Abermals sind die besorgten Blicke der Engländer und der civilisirten Völker der Erde nach Lucknow gerichtet, welches, wie vor einem Jahre, neuerdings wieder von indischen Rebellenhaufen umringt wird und so noch einmal den Schrecknissen einer grauenvollen Belagerung entgegen sehen muß. Außer Zeitungsberichten und Bruchstücken aus Briefen, die theilweise große Uebertreibungen enthielten, ist neuerdings ein Werk[1] erschienen, welches in einer treuen Darstellung des blutigen Drama’s, das sich im vergangenen Jahre vor Lucknow entfaltete, so viel Interessantes darbietet, daß wir durch Mittheilung einiger Auszüge das Interesse der Leser dieses Blattes anzuregen hoffen.

Der Verfasser, ein Engländer, wie er selbst sagt, Kaufmann in Calcutta, früher dem Martinière-Collegium in Lucknow beigegeben, der sich plötzlich auf einer Geschäftsreise in die Netze der Belagerung letztgenannter Stadt verstrickt fand, spricht sich mit großer Unparteilichkeit über das Benehmen der Engländer in Indien folgendermaßen aus:

„Aufrichtig gesagt, hatten wir wenig gethan, die Liebe der [502] Hindu’s, aber viel, deren Abscheu zu verdienen. Tausende von Edelleuten, Würdenträgern und Beamten, welche zu Zeiten des Königs einträgliche Stellen bekleidet hatten und die zu faul zum Arbeiten waren, steckten tief in Noth und Elend, und Myriaden ihrer früheren Diener und Gehülfen waren ebenfalls beschäftigungslos und bitteren Entbehrungen preisgegeben. Ferner sah eine Unzahl von Leuten, welche unter der früheren Regierung als Vagabunden, Banditen und Bettler mit Rauben, Morden, Plündern und Stehlen ein sorgenfreies und theilweise ganz lustiges Leben geführt hatten, seitdem wir an’s Ruder gelangt waren, den Hungertod vor Augen. Die eingebornen Kaufleute, Krämer und Bankiers, welche, so lange Wajid Aly auf dem Throne saß, so ansehnlichen Gewinn aus den Luxusbedürfnissen gezogen hatten, die sie dem Könige, seinem üppigen Hofe und den reichen Weibern in den wohlgefüllten Harems lieferten, fanden für ihre Waaren keinen Absatz mehr; und das Volk im Allgemeinen, besonders aber die ärmere Classe, war unzufrieden darüber, daß es direct und indirect so sehr mit Steuern aller Art überladen war.

„Wir hatten“ – fährt Ruutz Rees fort – „uns gar zu sehr bemüht, auf der Creditseite unserer Bücher eine ansehnliche Bilanz zu ziehen, daß wir uns weniger darum kümmerten, das indische Volk glücklich zu machen, als vielmehr, es unsere Schatzkammern füllen zu lassen. Da gab es eine Stempeltaxe, eine Steuer auf Eingaben, auf Futter und Häuser und einen Zoll für Lebensmittel, für Wege und Fähren zu entrichten. Da gab es einen Opiumlieferanten, einen Korn- und Mehllieferanten, einen Salz- und Branntweinlieferanten, und in der That wurden alle Gegenstände, die man in Paris unter dem Begriffe Octroi zusammenfassen würde, in Accord gegeben. Jeder mehr oder minder zur Nahrung dienende Artikel war demzufolge sehr theuer und die Lieferanten, unter denen der Reichste ein gewisser Shirf ed Dawlah war, ein Renegat, der sogar unter der Regierung des Königs wegen seiner gröblichen Unterschleife und Betrügereien berüchtigt gewesen – zu einer Zeit, wo doch Diebstahl und Raub bei hellem Tageslicht begangen wurden – erwarben sich Schätze, während das Volk unter ihren Erpressungen darbte.

„Besonders die Steuer auf Opium verursachte eine grenzenlose Mißstimmung im Lande, vornehmlich aber in Lucknow. Opium war ein Artikel, der in jener Stadt ein ebenso allgemeines Bedürfniß war, wie in China; und die Entziehung dieser so beliebten Waare fiel als ein harter Schlag auf die ärmeren Opiumesser. Mancher, der nicht reich genug war, den erhöhten Preis bezahlen zu können, schnitt sich aus Verzweiflung darüber den Hals ab. – Auch Fanatiker waren zahlreich in der Stadt und verstanden den religiösen Enthusiasmus zu benutzen, um ihre Glaubensgenossen noch heftiger gegen die eingedrungenen Engländer aufzuregen. Jeder echte Muselmann ist im Grunde seiner Herzens ein geborener Feind aller Bekenner des Christenthums, wie sehr er auch zeitweise seine Gefühle verbergen oder wie viele Wohlthaten und Liebesdienste er aus deren Händen empfangen haben mag. Einen Ungläubigen zu Grunde zu richten oder zu morden, ist eine verdienstvolle Handlung. Lucknow war einer der Hauptsitze muhamedanischer Gelehrsamkeit und wir brauchen uns darum nicht zu verwundern, wenn die zahllosen Prediger, die gegen die Engländer aufstanden und ihrer Herrschaft fluchten, eine große und beistimmende Zuhörermasse fanden. Sie überzeugten ihr Publicum leicht, daß eine Auflehnung gegen die Engländer dem Himmel gefällig und angenehm sei, und daß Allah jeden Versuch mit Erfolg krönen werde, das verhaßte Joch der ungläubigen Fremden abzuschütteln und die Bande zu zerreißen, in welchen die Plünderer ihres Königs, die Schänder und Verächter ihrer heiligen Religion, die Esser des unreinen Thieres, die Säufer des verbotenen Trankes sie gefesselt hielten. Und, Glaubenseifer mit Verschmitzheit paarend, fügten sie hinzu, daß auch für die Hindu’s der Tag gekommen sei, wo ihre Religion mit Füßen getreten und sie selbst getauft und gezwungen werden wollten, sich mit dem Fette von Kühen zu beschmutzen und unreines Fleisch zu essen. Bald erblickte die andächtige Gemeinde in den Verbrechern, die am Galgen büßten, Märtyrer einer guten und heiligen Sache.“

Sir Henry Lawrence hatte bei einer solchen Stimmung, und nachdem bereits an vielen anderen Orten Empörungen ausgebrochen waren, den Belagerungszustand als Statthalter von Lucknow ausgesprochen und die umsichtigsten Vorkehrungen getroffen, als in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1857 die Meuterei unter mehreren indischen Truppenabtheilungen, welche zahlreiche Insurgentenhaufen verstärkten, ausbrach. Wir übergehen die Einzelheiten der Belagerung, durch welche die Residenz von Lucknow immer enger eingeschlossen wurde, nachdem Sir Henry alle getreuen Verstärkungen an sich gezogen und in die Residenz geworfen hatte. „Die letzte Kanone und der letzte Mann“ – erzählt Ruutz Rees – „waren ungefährdet innerhalb der Mauern der Residenz, als ein entsetzlicher Donnerschlag die Erde erschütterte. Der Zündfaden der Engländer hatte sein Werk gethan und Fort Matchee Bhawn – ein Außenwerk von Lucknow – war nicht mehr! Alle unsere Kriegsvorräthe, die wir nicht Zeit gehabt hatten, zu entfernen, etwa 250 Fässer Pulver und viele Millionen scharfer Patronen waren mit den Gebäuden, worin sie gelegen, zu gleicher Zeit vernichtet. Eind undurchdringliche schwarze Wolke hüllte sogar uns in der Residenz ein, – Dunkelheit überdeckte ein sternenreiches leuchtendes Firmament. Wir hatten in der That der Verstärkungen bedurft. Alle, bis auf einen Mann, waren gerettet. Dieser Eine lag sehr betrunken in irgend einem stillen Winkel und konnte nicht aufgefunden werden, als die Truppe antrat. Die Franzosen sagen: Il y a un Dieu pour les ivrognes, und die Wahrheit des Sprüchwortes hat sich wohl nie besser bewährt, als in dem Falle dieses Mannes. Er war in die Luft geschleudert worden und unverletzt zur Mutter Erde zurückgekehrt, hatte sich in seinem gesunden Schlafe durchaus nicht stören lassen, war am nächsten Morgen erwacht, hatte zu seinem nicht geringen Staunen das Fort in einen Schutthaufen verwandelt und verlassen gefunden, von keiner Menschenseele belästigt, gemächlich den Marsch nach der Residenz angetreten und sogar noch ein paar Ochsen, vor einen Munitionswagen gespannt, mitgebracht. Unsere Leute waren nicht wenig überrascht, als sie ihn schreien hörten: „Das Thor auf, ihr verfluchten Kerls!“ und ließen ihn ein, fast berstend vor Gelächter.“

Ueber die homerische Art des Kämpfens führt unser Berichterstatter eine ergötzliche Anekdote an. Ein Posten von Junes’ Piket wurde von einem kleinen Knirps, Namens Bailey, einem Volontair, dem Sohne eines eingeborenen christlichen Capitains in der Armee des Exkönigs, und von einem paar Sepoys mannhaft vertheidigt. Der junge Mensch sprach so geläufig hindustanisch und schimpfte und schalt hinter seinen Pallisaden vor nach so echt indischem Nationalgebrauche, daß die Meuterer ihn für einen muhamedanischen oder Hindu-Sepoy hielten und ihm antrugen, sein Leben zu schonen, wenn er seine Waffen strecken und ihnen beistehen wollte. Eine sehr lebhafte und interessante Unterhaltung entspann sich.

„Komm,“ rief ihm einer der Rebellen zu, welcher, nicht fünf Schritte von Bailey’s Pallisade entfernt, eine sichere Deckung in einer der vielen benachbarten Hütten gefunden hatte, „komm herüber zu uns und lasse die verfluchten Feringhees (Franken, ein Collectivname für alle Fremden) im Stiche, deren Mütter und Schwestern wir geschändet haben und die wir heute Alle umbringen werden. Komm, was hast Du mit ihnen zu schaffen? Willst Du Dich auch zum Christen machen lassen? (piff, paff!) oder hast Du gar schon Deine Kaste verloren?“

„Da schenk’ ich Dir ’was,“ schrie Bailey und drückte los; „Glaubst Du, ich hätte auch Schweinefleisch gegessen, wie Du? Glaubst Du, ich sollte mich auch so schmachvoll versündigen und meinem Satze untreu werden? Nimm dies, Du Sohn des Hundes! (piff!) Du, dessen Großvaters Grab ich besudelt habe!“ (paff!)

„Warte nur, Du Bankert einer entehrten Mutter,“ drohte ein Anderer, „wir kommen schon. Ich werde gleich bei Dir sein und über Eueren lumpigen Wall springen. Mein Schwert ist scharf.“

„Wahrhaftig?“ höhnte Bailey, „aber Dein Herz ist feig. Komm nur daher, Du Maulaufreißer! Mein Bajonnet wartet auf Dich, steige herauf! Wir Alle sind bereit, und Dein Schandblut taugt gerade recht gut dazu, von meinem Bajonnet den Rost wegzuwischen. Halt ein wenig, es kommt wieder eine!“ (piff!)

Und los knallten wieder ein Dutzend Raketen, unterdessen von den andern Sepoys geladen, welche nicht länger den Drang bezähmen konnten, ihrem Landsmanne auch im Schimpfen tüchtig beizustehen. –

Ueber den hohen Muth und die ruhige Ausdauer des weiblichen Theils der Besatzung von Lucknow äußert sich Ruutz Rees in sehr lobender Weise.

„Ihre stille Ergebung und herzinnige Frömmigkeit“ – sagt er – „gab unseren Frauen gerechten Anspruch auf ungetheilte Bewunderung. [503] Furcht war verbannt aus ihrem Busen. Die meisten von ihnen, aufgewachsen inmitten von Wohlstand und Reichthum, bewiesen nun, plötzlich auf sich selbst angewiesen und Hunger und Noth preisgegeben, daß Frauen fähig sind, so viele Entbehrungen zu erdulden und sich vielleicht mit noch mehr Hingebung in die traurigsten Zeitumstände zu schicken, als das andere, härtere Geschlecht. Wie vielen von ihnen bluteten die Herzen in Trauer um den Tod von Gatten und Brüdern, wie manche arme Mutter wachte an dem Sterbebette ihres Kindes, verwundet von einem feindlichen Geschosse oder, was noch weit öfter der Fall war, dahinsiechend vor Hunger und Erschöpfung! Und die armen Kleinen, wenn sie Schusser spielten mit den Musketenkugeln und lachend die gewaltigen Kanonenbälle in den Höfen umherrollten, ahnten kaum, mit welcher Angst und Bangigkeit ihre Mütter sie bewachten, mit wie viel Kummer und Sorge sie an deren furchtbares Verhängniß dachten!

Das Lazareth war zu der Zeit stets überfüllt, und das Schauspiel, das es darbot, herzzerreißend. Ueberall lagen die Officiere und Leute umher, auf Betten, mit Blut bedeckt und voller Ungeziefer. Der Chirurgen, Krankenwärter und Diener hatten wir viele, und doch reichten sie nicht aus, um bei all’ ihrer unermüdlichen Thätigkeit Jedem helfen zu können; und was das Wechseln der Wäsche anlangte, wo hätten wir reines Linnen hernehmen sollen? Wir hatten einen oder zwei Dhobies (eingeborene Wäscher), das ist richtig, welche dann und wann zu fabelhaften Preisen wuschen, – schlecht genug und ohne Seife, an der ein großer Mangel in der Garnison herrschte, – aber die waren mit Arbeit überhäuft und wollten sich nicht plagen; außerdem besaßen wir keinen großen Vorrath an Wäsche. Reinlichkeit war ein Luxus, auf den zu pochen nur Wenigen vergönnt war.

Es gab nicht genug Bettstellen für Alle. Viele der Verwundeten lagen stöhnend und röchelnd blos auf Matratzen und Mänteln. Von allen Seiten ertönten Schmerzenslaute, jämmerliches Geschrei um Wasser und Beistand. Die Räucherungen, zu denen wir Zuflucht nahmen, reichten nicht hin, den über der ganzen langen Krankenhalle lagernden lästigen Verwesungsgeruch zu entfernen. Die Atmosphäre darin war erstickend und pestartig. Des unaufhörlichen Feuerns wegen mußten die Fenster verbarrikadirt werden und so konnte Luft und Licht einzig durch die Thüren gegenüber der Residenz und der Baileywache in das Gebäude eindringen. Das obere Stockwerk war ganz unbewohnbar, selbst der Aufenthalt in dem unteren nichts weniger als gefahrlos.

Die Belästigung durch Fliegen nahm von Tag zu Tag in einem so heillosen Maßstabe überhand, daß uns zuletzt das Leben durch diese Plagegeister mehr als durch irgend ein anderes unserer zahlreichen Bedrängnisse gänzlich verleidet wurde. Bei Tage Fliegen, bei Nacht Mosquito’s. Letztere waren noch auszuhalten, die erstern aber unerträglich. Lucknow ist längst wegen seiner Fliegen berüchtigt, aber zu keiner Zeit hat diese Plage eine solche Höhe erreicht. Die Unmasse faulender Stoffe, welchen wir nicht verwehrten, sich mehr und mehr anzuhäufen, der Regen, die Commissariatsmagazine und das Hospital hatten unglaubliche Schaaren dieser Insecten herbeigelockt. Die Egypter können unmöglich unter ihrer Fliegenplage heftiger gelitten haben, als wir. Sie schwärmten in Millionen und wenn wir jeden Tag von ihnen Hunderttausende in die Luft bliesen, so schien dies ihre Legionen nicht um ein Milliontheil verringert zu haben. Die Fußböden waren schwarz von ihnen und unsere Tische buchstäblich bedeckt mit diesen verfluchten Geschöpfen. Wahrlich, der bloße Gedanke an jene Pest wäre hinreichend, einen Heiligen zum Fluche zu verleiten.“

Nachdem Noth und Entsetzen unter den Belagerten die höchste Stufe erreicht, nachdem die Hoffnung auf herannahenden Entsatz mehrmals getäuscht worden war, vernahmen die Unglücklichen endlich während des 23. und 24. Septembers eine heftige Kanonade in einiger Entfernung von der Stadt. Lassen wir jetzt unsern Berichterstatter selbst erzählen:

„Wir wußten nun ziemlich gewiß, daß außerhalb unseres Platzes ein wilder Kampf wüthete. Obgleich die strengsten Befehle gegeben waren, unsere betreffenden Posten nicht zu verlassen, so fühlte ich mich doch zu sehr aufgeregt, um das Verbot zu beachten, und stahl mich in der Stille hinweg nach der Terrasse vor der Statthalterschaft. Ich sah nichts, als Rauch, und hörte nichts, als Musketengeknalle. Offenbar hatte das Straßengefecht seinen Anfang genommen. Das Feuer kam allmählich, aber sicher näher und näher gegen unsere Verschanzungen heran und endlich verkündigte ein lauter Jubelschrei den Einmarsch der langersehnten Verstärkungen.

„Das grenzenlose Entzücken, mit welchem sie begrüßt wurden, beschreiben zu wollen, wäre Wahnsinn. Als ihre Hurrahs und die unseren in meine Ohren schallten, brach mir das Herz fast vor Wonne. Thränen stiegen mir unwillkürlich in die Augen und ich fühlte – nein! es ist unmöglich, in Worten dieses beseligende Gefühl von Erlösung, diese Mischung von Freude und Hoffnung wiederzugeben, die mich beinahe überwältigten. Der zum Tode verurtheilte Missethäter, der im nämlichen Augenblicke, wo der Scharfrichter zum Hiebe ausholt, begnadigt und befreit wird, oder der schiffbrüchige Matrose, der in dumpfer Hoffnungslosigkeit das Bret, an dem er sich bisher krampfhaft festgeklammert, fahren läßt und mit einem Male gerettet wird, können allein ein annäherndes Bild unserer Empfindungen geben. Wir waren nicht blos glücklich, glücklich über alle Begriffe, und dankten dem Gott der Barmherzigkeit, der uns durch unsere edlen Befreier, die Generale Havelock und Outram, vom sicheren Tode erlöste, sondern fühlten uns auch stolz auf die Vertheidigung, die wir geführt, und auf den Erfolg, mit dem wir gegen eine so furchtbare Uebermacht um unser Leben sowohl, als für die Ehre und das Leben der Frauen und Kinder, die unserer Hut anvertraut waren, gekämpft hatten.

„Als unsere Erlöser hereinströmten, begrüßten sie uns mit lauten Hurrahs und dann stieg von allen Seiten und Ecken, von allen Posten und Terrassen ein furchtbares Jauchzen zum Himmel empor, ein tausendstimmiges „Hurrah!“ es war kein „Gott sei uns gnädig“ – es war der erste Ausbruch ungebundener Lust einer von Verzweiflung erretteten Schaar. Gott sei gelobt, wir blickten nun in die Gesichter unserer Landsleute, wir rannten auf sie zu, Officiere und Soldaten, ohne Unterschied, und schüttelten ihre Hände, mit welch’ unnennbarer Herzlichkeit! Nun drangen die schrillen Noten unserer hochschottischen Dudelsackpfeifer in unsere Ohren. Nie hat die herrlichste Musik süßer geklungen, nie hat irgend eine Melodie ihre Zuhörer mehr begeistert, mehr beseligt. Und diese braven Soldaten selbst, viele von ihnen blutig und erschöpft, vergaßen die Verluste ihrer Cameraden, die Qual ihrer Wunden, die Anstrengungen, mit welchen sie unsertwegen die unsäglichsten Hindernisse bekämpft und überwunden hatten, über der Freude, das Werk unserer Befreiung vollendet zu haben.

„Wie begierig wir ihren Erzählungen lauschten! Mit welchem Gefühl von Dankbarkeit, Stolz und Vergnügen wir vernahmen, was für eine Theilnahme unsere verlassene Lage nicht nur in ganz Indien, sondern auch in allen Volksschichten Englands hervorgerufen hatte! Mit welcher Spannung wir, die wir von aller Verbindung mit der übrigen Welt abgeschnitten gewesen, auf die Nachrichten horchten, welche die Braven uns von andern Stationen Indiens brachten! Wir erfuhren nun den wahren Sachverhalt der Schlächterei in Cawnpore zum ersten Male in all seinen schrecklichen Einzelheiten. Aber wir hörten auch, wie fürchterlich Brigadier Neill, dieser tapfere Führer, Rache geübt hatte für die Schändung unserer Frauen, für den Mord unserer Kinder. Mit Kummer und tiefem Schmerz, gemischt mit einem wilden Entzücken über die gräßliche Vergeltung, mit der wenigstens einige von den Missethätern heimgesucht worden, vernahmen wir die Erzählung. Aber ein schwerer Gram dämpfte die allgemeine Freude – der Tod eines unserer bravsten und beliebtesten Officiere, des Generals Neill.“

„Am nächsten Morgen“ – fährt Ruutz Rees später fort – „erfuhren wir, was für schwere Opfer die Ausführung unseren Freunden gekostet hatte. Das erste Gefecht hatte in Futtypore stattgefunden. Nena Sahib führte ungefähr 7000 Mann gegen die 1500 Mann Havelock’s; seine Manöver waren ausgezeichnet, aber die feindliche Cavalerie taugte wie gewöhnlich nichts. Die englischen Truppen schlugen sie mit dem Verluste von 2000 an Todten, und nahmen ihnen beinahe alle Kanonen ab. Noch zwei Treffen wurden geliefert, bis sie vor Cawnpore eintrafen. In beiden war Havelock siegreich.

„Der Nena, wüthend über die Niederlage seines Heeres, ganz im Einklange mit seinem scheußlichen Charakter, ließ alle die Weiber und Kinder, welche von dem ersten Blutbade in Cawnpore übrig waren, umbringen. Nun aber rückte Neill an mit dem 1. Madras-Regimente, Sikh- und Brigademajor Cooper’s Artillerie, dem 78. Hochschotten-Regiment und einigen freiwilligen Artilleristen, und schlug, ungeachtet seiner geringen Zahl, die Feinde in einer regelmäßigen Schlacht, unweit der Stadt Cawnpore. – Zuletzt sank [504] des Nena feiges Herz. Er und seine ganze Armee von großsprecherischen Sepoh’s flohen, nachdem sie zuvor die Magazine in Brand gesteckt, aus der Station. Am nächsten Morgen zog Neill in die Stadt ein.

„Einige Gefangene waren gemacht worden, und zwar Muhamedaner und Brahminen von der höchsten Kaste, bei denen die bloße Berührung der Gebeine eines Todten für die höchste Entweihung gilt. Sie wurden nach dem Hause geschleppt, wo die unglücklichen Frauen und Kinder der Engländer unter den Klauen jener erbarmungslosen Teufel gestorben waren, die durch kein Flehen, keine Schwüre gerührt werden konnten, die in der Ausführung ihres schaurigen Amtes keine Reue, kein Mitleid gefühlt, die Säuglinge von den Brüsten ihrer Mütter gerissen und Kinder vor den Augen ihrer Eltern gespießt hatten, blos um diesen die wenigen Minuten vor ihrer Ermordnung noch qualvoller zu machen.

„Der Boden war noch schwarz von eingetrocknetem Blut; Büschel langer Haare, wahrscheinlich von den feigen Henkern des Nena den unglücklichen Opfern ausgerissen, lagen zerstreut umher; die Wände waren bedeckt mit blutigen Fingerspuren kleiner unschuldiger Kinder und den Abdrücken zarter Frauenhände; und Bibeln, Frauenkleider und sogar ein vollkommenes Tagebuch bewiesen, daß die Damen dieses Gemach bewohnt hatten. General Neill nahm Rache.

„Die Gefangenen – von denen Einige, wenn nicht Alle, zweifelsohne (?), bei diesem massenhaften Niedermetzeln wehrloser Frauen und schwacher Kinder mitgespielt hatten – wurden gezwungen, das Blut, welches durch Wasser gelöst worden, vom Boden aufzulecken, und nachdem sie ihre Kaste vollständig verloren hatten und in ihren Augen nicht mehr länger würdig waren, nach dem Tode sich ihren Göttern zu nahen, gehängt oder von den Kanonen zerrissen! Der Brunnen, in welchen sie nach Vollendung des gräßlichen Blutbades die Opfer ihrer Wuth geworfen, wurde zugefüllt, und ein geistliches Lied über dem gemeinschaftlichen Grabe gesungen!“

Der nachmalige gänzliche Entsatz Lucknows durch die Generale Sir Colin Campbell und Outram sind auf dem letzten Bogen des genannten Werkes dargestellt; aus den obigen Auszügen kann der Leser beurtheilen, wie von beiden Seiten rohe Barbarei und Grausamkeit geübt wird. Ob sich aber die englischen Eindringlinge durch ein solches Auftreten eine bleibende Herrschaft in Indien sichern werden, dies ist eine Frage, die wir nicht mit Ja zu beantworten vermögen.

–dt. 




Die Wassersnoth in Sachsen.
I. Glauchau
(Fortsetzung.)

Ach, daß es möglich wäre, ohne der Bescheidenheit und dem Zartgefühle aller jener Helden zu nahe zu treten, ihre Namen auszurufen, und die Welt aufzufordern, ihnen im Namen der Menschlichkeit zu huldigen! Die Dichter würden manches Lied von manchem „braven Manne“ zu singen haben, das erbaulich wie Orgelton und Glockenklang in den Herzen guter Menschen wiedertönen müßte. Und in all solcher Noth hörten die bedrängten Bewohner Glauchau’s die Sturmglocken des weiter unten gelegenen, ebenfalls überflutheten Dorfes Jerisau, und erhielten zeitweilig Hiobsposten von den höher an der Mulde gelegenen Dörfern Wulm und Schlunzig. Auf dem Wehrdigt brachen sich die bedrängten Insassen der unsichern oder sinkenden Häuser mit der Gewalt der Verzweiflung einen Weg in festere Häuser, indem sie die Giebelwände durchschlugen und so durch Löcher aus einem Hause in das andere krochen. Auf solche Weise wurden die festeren Häuser in Casernen der Verzweiflung verwandelt. Ja, auf den Dächern ist man weiter gerutscht, und an Seilen und ausgespannten Leinen hat man die Orte der Angst verlassen. Aus dem Fenster eines wankenden Hauses hat sich die zahlreiche Bewohnerschaft desselben mit Hülfe eines der elendesten Fahrzeuge auf einen im Garten aufgestellten Breterhaufen eines Tischlers gerettet, hat daselbst in schwebender Pein die dunkle Nacht zugebracht und ist erst mit dem Grauen des Tages auf derselben elenden Fähre an ein entfernteres Nachbarhaus gerudert, um dort durch’s Fenster aufgenommen zu werden.

Sonntags früh telegraphirte man nach Dresden, um Schiffe und Kähne herbeikommen zu lassen, und in gleicher Weise wurde das hohe Ministerium des Kriegs um eine Pionnier- und Pontonnier-Abtheilung mit Schaluppen gebeten. Beide Gesuche waren von Erfolg, und schon Mittags 12 Uhr ging der erste Extrazug mit Privatkähnen und später ein zweiter Extrazug mit Militair und Kähnen von Dresden ab. Unterdeß ward in Glauchau das Rettungswerk vom frühen Morgen an unausgesetzt fortbetrieben, was namentlich dadurch sehr unterstützt wurde, daß wenigstens vom Bade Hohenstein ein kleiner Kahn angekommen war, mit und auf welchem aus einer der schon oben erwähnten Verzweiflungscasernen gegen 64 Menschen gerettet wurden. Ein wahres Trostwort war für Glauchau die Zusage von Dresden. Aber der Hülfsbdürftige ist ungeduldig und kann die Zeit nicht erwarten. Darum schmeichelte man sich, die Dresdner Hülfe könne schon Nachmittags 4 Uhr eintreffen. Der etwaigen Hindernisse gedachte man nicht. Der Nachmittag verging, aber die Hülfe war noch nicht da. Auch hatten die Fluthen den Eisenbahndamm zerrissen, was die Aufmerksamkeit vieler Leute auf sich zog und Veranlassung ward, daß eine Menge Menschen die Eisenbahn in nächsten Augenschein nahm. Die auf dem Viaducte, der Sonntags noch unbeschädigt war, stehenden Leute bemerkten bald einen Mann, der scheinbar zu seinem Vergnügen auf der weit ausgedehnten Wasserfläche, von dem sogenannten Feldschlößchen her, in einem Backtroge, aber mit einer großen Ruderstange versehen, anscheinend ganz gemüthlich thalabwärts schiffte. Je mehr er aber der Eisenbahn sich näherte, desto mehr konnte man seine Rührigkeit und Anstrengung bemerken, von der Richtung, die das fluthende Wasser nach dem Viaducte zu nahm, ab und nach den Feldern hinzukommen. Seine Mühe war vergebens. Die Strömung führte ihn nach der Ueberbrückung der Waldenburger Straße zu, auf welcher das Wasser sich wie ein Golfstrom hinwälzte, und man sah ihn bald darauf unterhalb der Eisenbahn, von seinem Backtroge getrennt, in den Fluthen verschwinden. Alle harrten gegen Abend den Schiffern und Soldaten entgegen, welche nun bald eintreffen mußten, und während Tausende gespannter Augen, von den Höhen der Stadt aus, der Gegend zugewandt waren, wo sie, von Gößnitz oder Zwickau kommend, in der Ferne erscheinen mußten, entfaltete sich am westlichen Horizonte ein Schauspiel, das unter günstigeren Verhältnissen für die Reifen ein Gegenstand der heitersten Bewunderung und für aufknospende Herzen die Ursache zu einem Seufzer und zum Wunsche nach allem Namenlosen geworden wäre.

Noch sah man an vielen Häusern die Nothfahnen flattern, noch hörte man Schüsse und Hülferufe und noch lag der Schatten grauer Wolken über dem Schauplatze des Unglücks, der Angst und der Zerstörung, als mit einem Male die zum Untergange sich neigende Sonne, groß, wie ein feuriges Rad, ihre blutrothe Scheibe aus den Wolken drängte, den ganzen Himmel färbte und aus jedem Diamanttröpfchen der nebeligen Athmosphäre tausendfarbig zurückgestrahlt wurde. Die Wogen, Wellen und Wellchen der über das ganze Thal fast bis nach Gesau ausgedehnten Wasserfluth tanzten gleichsam und spiegelten den rothen Glanz des Himmels zurück und manches bange und verzagte Herz fühlte dabei wohl eine Anwandelung von Trost und Muth und von Erinnerung an jene kindliche Erzählung des alten Testamentes von Noah und dem Regenbogen. War es doch, als ob selbst die Nothschreie der Bedrängten bei solchem Erscheinen der Himmelskönigin verstummten und der Kampf des Elementes sich zum Frieden neigen wollte. Dieser schöne Moment dauerte nicht lange; die Sonne verhüllte sich wieder und in Wasser und Luft und in der zunehmenden Geschäftigkeit der Menschen kündigte sich der nahende Abend und die ihm folgende Nacht an.

Viele, Viele waren schon gerettet und die Geretteten liefen theilweise umher, sich gegenseitig suchend. Manches Kind wußte – vielleicht nur in Folge der Bestürzung oder der Freude über seine Rettung – nicht, wem es angehöre und wo es gewohnt habe. Die zur Aufnahme der Geretteten geöffneten und geheizten Säle füllten sich von Stunde zu Stunde mehr. Auch war man durch die anhaltende Uebung im Retten geschickter, gewandter und schneller geworden. Spät des Abends kamen endlich die Dresdner Schiffer mit ihren Kähnen von Dresden an. Sie hatten den Weg über

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Ansicht von Glauchau während der Ueberschwemmung.

[506] Gößnitz und Zwickau nehmen müssen, wo sie erst um sieben Uhr ungefähr eingetroffen waren, und von da aus hatten sie bis nach Glauchau drei langer Stunden bedurft, weil sie theilweise nöthig gehabt hatten, ihre auf Bahnwagen verpackten Kähne eigenhändig vorwärts zu schieben. Die ermüdeten und doch helfbegierigen Männer dachten auch nicht erst an ihre Erholung, sondern setzten ihre Kähne sofort in’s Wasser, und obschon der grauenhaften Finsterniß wegen ihre Ordre dahin lautete, während der Nacht nicht über den Strom zu setzen, sondern an der linken Seite der Mulde zu bleiben, so hatte doch der eine Kahn, durch eine Pechpfanne verleitet, den weiten Weg vom Eisenbahndamme ab zwischen dem Feldschlößchen und dem Waisenhause nach der Muldenstraße (genannt Westphalen) und von da über den Sandanger querein durch den furchtbaren Strom bis zum Gründeldamme gefunden. Nun war Trost für Glauchau vorhanden und bis früh gegen zwei Uhr ward theils gerettet, theils Nahrung zugeführt. Mit Tagesanbruch schwammen auch schon die Schaluppen des nachgekommenen Militairs auf der Hochfluth. Schiffer, Soldaten und die beherzten Männer und Jünglinge der in Glauchau bald von selbst gebildeten Schaar der Rettung vereinten nun ihre Kräfte, erst, um die Personen, dann, um die nachgelassene Habe zu retten; – und wer sollte es meinen?! Alle sind gerettet worden, bis auf ein siebenjähriges Kind, welches dem mit seiner Rettung geschäftigten Vater durch einen stürzenden Balken vom Arme geschlagen und von einer einstürzenden Mauer überschüttet wurde. Die Gewässer verliefen sich endlich, so daß man schon Dienstags in verschiedenen Straßen theils gehen, theils waten konnte, und Mittwochs konnte man das fast bloß liegende Elend überall in Augenschein nehmen. Die Muldenstraße, die Wehrgasse, Neugasse, die breite Gasse, die kleine Druckergasse, die Kaiserstraße, Mühlgrabengasse und der Lehngrund sind die hauptsächlichsten Schauplätze der Zerstörung, und man kann nicht durch dieselben gehen, ohne mit Ovid auszurufen:

Si licet in parvis exemplis grandibus uti,
Haec facies Trojae, cum caperetur, erat!

Soweit man jetzt durch genauere Besichtigung ermittelt hat, sind 26 Hauptgebäude, 10 Nebengebäude und 28 unbewohnte Gebäude ganz zerstört. Ferner sind wegen Beschädigung abzutragen 25 Hauptgebäude, 11 Nebengebäude und 15 andere Gebäude. Rathsam ist es ferner abzutragen 19 Hauptgebäude, 2 Nebengebäude und 6 andere Gebäude. Bedeutend beschädigt sind, ohne die Scheunen, 75 Hauptgebäude und 18 Nebengebäude. Jedenfalls stellt sich bei nochmaliger Besichtigung der Nachtheil an Gebäuden noch weit umfassender heraus.

So beklagenswerth auch Alle sind, die an Hab’ und Gut verloren haben, so müssen Aller Herzen sich darüber freuen, daß die übertriebenen Zeitungsberichte von Verlusten an Menschenleben sich auf den Tod eines einzigen Kindes zurückführen, denn das Schicksal jenes freiwilligen Piloten im Backtroge kann nicht der Ueberschwemmung schuldgegeben werden.

Nächst Gott haben wir diese wunderbare Errettung so Vieler den Veranstaltungen der gemeinsamen Bereitwilligkeit zur Hülfe und dem Muthe und der Ausdauer Einzelner zu danken.

Wie Viele gerettet werden mußten, sah man erst Montags, als aus den Kähnen alle die herübergebracht wurden, welche aus Sorge und Angst in den gefährdeten Häusern geblieben waren, statt den schwankenden und wasserschöpfenden Fähren sich anzuvertrauen; und welchen Hunger und Durst Manche in ihren unheimlichen Aufenthaltslocalen gelitten hatten, sah man ihnen beim Aussteigen an’s Land an. Heldenthaten sind von den Rettenden ausgeführt worden: nicht allein durch die Fluthen, auch über die schwankenden Dächer sogar hat man die Verlorenen gerettet.

Wenn der Mensch genöthigt wird, sich und Alles, was er sein nennt, gegen die Uebermacht der Elemente zu schützen, ereignen sich an verschiedenen Plätzen gleichzeitig und in nicht festzuhaltender Reihenfolge Scenen, die eben so unbeschreiblich, wie unvergeßlich sind. So auch zu Glauchau in den Tagen seiner Wassersnoth.

Schon am 31. Juli, also Sonnabends, Nachmittags, als alle Straßen mit Wasser gefüllt waren und immer noch die Fluth höher stieg, watete in der Schießgasse ein Mann, der offenbar im Begriffe war, der Gefahr noch rechtzeitig zu entfliehen, bis an die Brust langsam im Wasser dahin, dessen fortwährendes Steigen ihn endlich nöthigte, sich an eine geschlossene Hausthür zu lehnen. Sein Anklopfen war vergebens. Die Insassen des geschlossenen Hauses hörten es entweder nicht oder getrauten sich nicht zu öffnen. Glücklicherweise kam ein hölzerner Bock, dergleichen Maurer und Zimmerleute zu benutzen pflegen, geschwommen, welchen der schon Verzweifelnde erfaßte, mit vieler Mühe hart an der Wand aufstellte und nun selbst seinen Stand darauf nahm. In dieser Stellung verharrte er, gleich einem christlichen Säulensteher, stundenlang, bis die Leute im gegenüber befindlichen Hause bemerkten, daß er zu wanken begann und sein Gesicht sich veränderte. Zufruf und Gebehrden machten endlich die Bewohner der Seite, woran der Unglückliche stand, darauf aufmerksam, was unter ihren Fenstern vorging, und ein aus dem Fenster geworfenes Seil erfaßte noch der Wankende, schlang sich dasselbe um den Leib und ward so zum Fenster emporgezogen.

Auf der Neugasse wollte ein Familienvater mit den Seinigen der Einladung in das vielleicht noch festere Haus seines Nachbars folgen, aber ein Zwischenraum von neun Ellen mit vier Ellen hohem Wasserstande machte dies unmöglich. Endlich wurde eine Leine aus einem Hause in das andere geworfen, eine ladenartige Kiste auf das Wasser gesetzt und dieselbe noch an eine andere Leine gebunden, damit man sie nach beiden Häusern hin- und herziehen konnte. Ein Knabe bestieg zuerst die Kiste und gelangte glücklich in das andere Haus. Die zweite Fahrt sollte nun die ältere Schwester des gedachten Knaben machen. Auch sie bestieg das elende Fahrzeug, verstand aber nicht, Gleichgewicht zu halten, die Kiste schlug um, das Mädchen lag im Wasser und wäre verloren gewesen, wenn nicht ein junger Mann aus dem Hause, wohin die Fahrt beabsichtigt war, sich in das Wasser gestürzt und die Sinkende wieder so weit gehoben hätte, daß der Vater sie am Haare noch erfassen und in’s Fenster ziehen konnte. Den Anderen war natürlich der Muth zur Ueberfahrt vergangen.

In einem äußerlich fest und gut aussehenden Hause der Neugasse war durch den Einsturz der Hinter- und Bund-Wände auch die Decke der Oberstube eingesunken, wohin sich die Bewohner des Hauses zurückgezogen hatten. Denselben blieb also nichts übrig, als sich in die offenen Fenster zu setzen und unter entsetzlichem Angstgeschrei die Hülfe Anderer anzurufen. Ein junger, aber eben nicht starker Mann aus dem gegenüberstehenden Hause, wohin sich, wie verlautet, nach und nach 23 Familien gerettet hatten, schwamm, mit einer langen Leine versehen, hinüber, verband beide Häuser durch diese Leine, er selbst aber nahm auf seinem Rücken eine der bedrängten Seelen wieder mit zurück. Bei Wiederholung dieser Hülfe reichte aber seine Schwimmerkraft nicht mehr aus und er wäre selbst umgekommen, wenn nicht der starke Besitzer des von so Vielen besuchten Hauses aus dem Fenster gesprungen wäre und ihn selbst gerettet hätte. Derselbe starke Mann holte nun auch nach und nach die in den erwähnten Fenstern Sitzenden zu sich und zwar in der Weise, daß er, selbst bis ziemlich an den Mund im Wasser gehend, sie auf seinen Achseln trug, und diese, weil er selbst füglich nicht gut sehen konnte, durch ihr Festhalten an der erwähnten ausgespannten Leine ihn auf dem geraden Wege nach seinem Hause erhalten mußten. (Siehe nebenstehende Abbildung.)

Wie erwähnt, war der Tag, an welchem die Ueberfluthung der Stadt eintrat, ein Sonnabend. Weil nun der regelmäßig des Sonnabends geschehende Einkauf des Proviants für die einzelnen Wirthschaften unterblieben war, stellte sich bald überall in den bedrängten Häusern der Mangel an Nahrungsmitteln, selbst an Trinkwasser ein. Wie viel Hunger und Durst gelitten worden war, konnte man auf dem Antlitz derer lesen, die endlich am dritten Tage durch die Dresdner Rettungskähne aus ihren Nothwinkeln hervorgetragen wurden. Am gräßlichsten war aber der Mangel in den Häusern, wohin sich theils auf schlechten Fähren, theils schwimmend oder getragen, oder durch eingeschlagene Giebelwände kletternd, so Viele versammelt hatten.

Aus den wankenden und stürzenden Häusern der Druckergasse hatte sich namentlich eine Menge Menschen vermittelst brückenartig übergelegter Breter in die Fenster des nahestehenden Fabrikgebäudes der größten Druckerei gerettet. Niemand hatte Etwas mitgebracht, und Nahrungsmittel waren in dem Fabrikgebäude selbstverständlich nicht zu finden. Nichts blieb übrig, als den Schmachtenden wenigstens Kaffee in Gießkannen vermittelst ausgeworfener Leinen vom Wohnhause des Besitzers aus zuzuschwenken.

So reichte sich, so weit thunlich, der gute Wille überall die Hand.

Gräßlich besonders ist die Noth einer Familie gewesen, welche in einem elenden Bleichhäuschen in der Nähe des Muldenwehres [507] bis zum Montag früh hatte verweilen müssen. Glücklicher Weise und zufällig hatten in der Nacht vom Sonntag zum Montag zwei der von Dresden angekommenen Kähne in der Finsterniß den Weg bis zu jenem Häuschen eingeschlagen, und die Nacht über daselbst angelegt.

Die in den entfernteren Theilen des überschwemmten Wehrdigts Wohnenden hatten von den Rettungsversuchen anfänglich nicht eben viel bemerkt, und namentlich diejenigen, deren Häuser der gewaltigen Strömung wegen für die bloßen Fähren unzugänglich waren, hatten angefangen, zu zweifeln, ob man überhaupt etwas zu ihrer Rettung thun werde. Manche, durch diesen Zweifel erbittert, hatten ihrem Unmuthe endlich durch heftige Worte Luft gemacht. Ein Solcher, der wahrscheinlich heftiger und lauter, als alle Andern, auf die Mitbürger schimpfte, welche nicht herüberkämen, um zu retten, wurde von seiner Nachbarschaft durch den freundlichen Ruf unterbrochen:

„Holla, Herr Nachbar! Kommen Sie herüber zu mir!“

„Ja, wie kann ich denn durch das Wasser kommen?“ lautete die Antwort.

„Sehen Sie, Herr Nachbar," mußte er sich nun belehren lassen, „die guten Leute da drüben, auf die Sie schimpfen, können noch weit weniger zu Ihnen kommen, als Sie zu mir.“


Rettungsscene in der Neugasse.

Nicht unbeachtet darf auch die Hülfe von außen bleiben. Die Nachbarstädte und selbst ganz entfernte Orte, wie Dresden, Leipzig u. s. w. waren rechtzeitig mit ihrer rettenden Hand in jedem Bezuge da. Kleider und Nahrung und auch Geld ist uns reichlich gespendet worden. Tief aber hat uns die Theilnahme unserer Nachbarstadt Meerane gerührt. Von der ersten Nachricht unserer Heimsuchung durch Wassersnoth an hat daselbst der Edelmuth in permanenter Sitzung Berathungen über Hülfe für uns gepflogen und nicht mit Rath allein, mit That und Erweisungen der Güte in jedem Bezuge ist uns Meerane nahe gewesen in jedem Augenblicke. Die mitleidige Theilnahme daselbst ist so weit gegangen, daß man das Geld, das eine Abtheilung der dortigen Schützengilde, der sogen. „schwarzen Jäger“, zu einem Vergnügen bestimmt hatte, sofort der bedrängten Stadt Glauchau zuzuwenden beschlossen hat.




Blätter und Blüthen.


Mein Name ist Meier. Von wannen bist Du? – Woher stammst Du? – das sind Fragen, die sich gewiß schon Mancher, Namens Meier, vorgelegt hat. Hier die Lösung.

Meier, altdeutsch Mahr, ist gleichbedeutend mit mehr. Den alten Deutschen war also ein Mahr oder Meier ein Mensch, der mehr war wie die andern. (Jetzt kann dies nur von den Geldmeyern gesagt werden.) Es ist dies die älteste deutsche Titulatur der Volksvorsteher, ist älter als: Meister, Richter, König, Herzog, Graf, Vogt. Schon hundert Jahre vor Christi Geburt kommt ein Frido-Mahr (Friedemeier), ein Wer-Mahr (Kriegsmeier) und ein Wul-Mahr (Wahlmeier) vor. Als die Römer nach Deutschland kamen, hängten sie dem deutschen Mahr ein us an; ihre Schriftsteller reden daher von einem Gaumarus, Visumarus, Ligimarus, Bodomarus und diese deutschen Anführer, gewählte Volks- und Kriegsmeier, werden von den Römern bald Könige, bald Fürsten genannt. In spätern Zeiten wurde aus Meier Major gemacht und Majohr gesprochen. Die fränkischen Könige oder besser die fränkischen Ober-Meier ernannten mit Genehmigung des Volks ihre Hausmeier, major domus. Anfangs waren diese Hausmeier nur Aufseher über den königlichen Hof und das Hofgesinde, so wie die geringeren Meier auf den Königshöfen, Hofmarken, Tafelgütern etc. die Aufsicht über die Bauern, Knechte, Mägde und Einkünfte

[508] hatten. Nach und nach aber zogen die Hausmeier immer mehr Macht an sich, und wurden erbliche Statthalter, an die sich Leute, Mannen und Gesellen anschlossen, zumal da die Könige Jagd und Weiber mehr liebten, als Geschäfte und Krieg.

Lothar I. setzte einen solchen Hausmeier über das östliche, einen andern über das westliche Reich und einen dritten über Burgund. Zur Zeit Lothar’s III. hatte der Hausmeier Eberwein schon mehr Gewalt, als vordem die Könige. Zweierlei war der Ausdehnung ihrer Macht besonders günstig. Einmal hatten diese Hausmeier die Obliegenheit, nach dem Tode des Königs die Wahl eines neuen zu veranstalten, und die ganze Völkerschaft mit ihren Meiern zusammenzurufen; zum andern hatten sie eine Art von Vormundschaft über die minderjährigen Könige zu führen, die ihnen Gelegenheit gab, sich in Kriegs- und Friedenszeiten beim Volke beliebt zu machen, Gunstbezeigungen willkürlich auszutheilen, Viele in ihr Gefolg und ihre Dienste zu ziehen, und durch diese Anhänger sich im Voraus der Uebermacht über den einst volljährigen König zu versichern. Der fränkische Hausmeier Pipin trieb es sogar so weit, daß er seinen König und Obermeier Hilderich III. in’s Kloster steckte, und sich unter dem Beistand des Papstes Zacharias selbst zum Könige ausrufen ließ. Dieser gekrönte Hausmeier war der Vater Karl’s des Großen, und da er so klug war, sich keinen neuen Hausmeier anzuschaffen, so nahmen diese im fränkischen Reiche ein Ende.

Die Benennung Maher, Mahr, Maier hat sich nach ihrem Hauptbegriffe bis in die Neuzeit erhalten! Der Kurfürst von der Pfalz hieß nach dem allemanischen Landrechte des heiligen Reichs oberster Richter und Hausmeier. Noch heute existirt die Würde des Lordmayor in London und die der maires in Frankreich. Der Schöppenmeister der ehemaligen Reichsstadt Aachen wurde Vogt und Meier genannt. In Hildesheim gab es sogar einen Großmeier. Im Osnabrück’schen hatten die Hausgenossen oder Hausbesitzer einen Redemeier, so viel als Vorsteher. Er saß auf dem Redemeiershofe, und dort versammelten sich an gewissen Tagen die Hausgenossen oder Redehöfer, um ihre Hofsprache, d. h. ihre innern Hofrechte verlesen zu hören.

Noch im vorigen Jahrhundert gab es in Thüringen, in Schwaben an der Weser Lindenmeier, das waren alte erfahrene Rechtsgelehrte, Richter und Schöppen, welche die deutschen Rechte und Rechtsgewohnheiten durch mündliche Ueberlieferung fortpflanzten. Sie hatten ihren Namen von den Lindenbäumen, unter denen ehedem oft die Gerichte abgehalten wurden. Hofmeier, Geiselmeier ist noch heute in Franken und Schwaben das, was im Sächsischen Vogt oder Schirrmeister ist. Die Meierhöfe und Meiergüter entstanden aus den Königshöfen und Hofmarken, die Aufseher wurden Meier genannt, sie mußten dem Mundschenken Rechnung ablegen. Man wählte dazu alte freie Bauern, die sich aber oft diesen Besitz zu Nutze machten, und nach und nach gegen gewisse Frohnen das Ganze an sich brachten.

Eine Menge deutscher Namen sind mit Meier zusammengesetzt, als Angelmeier, Brunnenmeier, Burmeier (Bauermeister), Halbmeier, der ein halbes Meiergut hatte, Kirchmeier (jetzt Superintendent), Kriegsmeier, Strohmeier, Teichmeier, Volkmeier, Weinmeier, Wedemeier (Wiesenaufseher), Waldmeier, Abmeier, Tultmeier, Grundmeier, Bärmeier, Meyerbeer, Hartmeier etc. Den Schluß bilden Buddelmeier, wahrscheinlich so viel als Bummelmeier, und Mausemeier.

So hat sich das Geschlecht der Meier, Meyer, Maier, Mayer, Mayr, Maher, Majer ungemein ausgebreitet, so daß nach Müller und Schulze Meier einer der beliebtesten deutschen Namen ist.


Friedrich Wilhelm III. von Preußen hielt ein Manöver. Friedrich Wilhelm III. sprach bekanntlich, wenn er lebhaft wurde, ziemlich rasch, kurz abgebrochen und undeutlich. Dabei hatte er, wie mild und wohlwollend er überhaupt war, es ungern, wenn er nicht sofort verstanden wurde, und eine Frage machte ihn noch lebhafter, so daß, wenn er seinen Satz wiederholen mußte, der sehr schwer zu verstehen war.

Am schlimmsten war das, wenn der König ein Feldmanöver commandirte und seine Befehle auf das Schnellste und auf das Pünktlichste vollzogen werden mußten. Seine Adjutanten freilich, die täglich um ihn waren, hatten seine Ausdrucksweise so studirt und sich bald so an sie gewöhnt, daß schon ein einzelner Ton, ein Wink des Königs ihnen verrieth, was er wollte.

Aber bei einem Manöver reichten die Adjutanten des Königs nicht aus, die verschiedenen Befehle an die einzelnen Commandeure nach allen Seiten zu überbringen und es wurden immer ein Anzahl anderer Officiere als Ordonnanzofficiere in die Umgebung des Königs commandirt. Und diese verstanden den König desto schlechter.

Bei einem Manöver hatte der König seine sämmtlichen Adjutanten mit Befehlen fortgeschickt. Nur noch ein Lieutenant, einer jener unglücklichen Ordonnanzofficiere hielt bei ihm. Der junge Mann war in Höllenangst. Seit einer Stunde hatte er alle jene Befehle gehört, von denen er kein Wort, keine Sylbe verstanden hatte. Die Adjutanten hatten sie verstanden, und doch hatte er bemerkt, wie der König schon ungeduldig geworden war, wenn einer von ihnen nur eine Secunde lang über den Sinn der königlichen Worte zweifelhaft nachgesonnen hatte.

„Wenn ich nur keinen Befehl bekomme!“ jammerte der Lieutenant für sich. Da bekam er schon einen.

„Lieutenant R.,“ rief der König plötzlich hastig, „reiten zum General Thile und sagen –“

Und nun verstand der Officier in seiner Angst nichts mehr, er hörte nur Töne, die ihm vorkamen wie Remteremteremteremtemtem. Einen Augenblick war der junge Mann wie von einem Schlage gerührt.

„Reiten!“ befahl der König dringender.

Da hatte er sich aber auch schnell gefaßt. Er setzte seinem Pferde beide Sporen ein und jagte im gestreckten Galopp, als wenn hinter ihm der Tod herjage, zu dem General Thile, der ungefähr eine Viertelstunde entfernt stand. Als der bei dem General ankam, rief er, so eilig, wie er herangesprengt war:

„Excellenz, Majestät lassen befehlen, remteremteremterem.“

„Herr,“ rief der General, „was lassen Se. Majestät befehlen?“

„Remteremteremteremterem.“

Und er gab seinem Pferde wieder die Sporen und jagte zum Könige zurück, als wenn er sich dort das Leben holen solle.

Man hat übrigens nicht gehört, daß das Manöver verunglückt wäre.


Titel und Titulaturen. Titel und Titulaturen gehören noch immer zu den nothwendigen Bestandtheilen des amtlichen und geselligen Lebens der Deutschen. Sie sind ein altes Erbübel und ein unbezweifelbarer Theil unserer Nationalität, obschon diese von uns selbst bezweifelt wird. Alle unsere Philosophen, Satiriker, Lustspieldichter und Publicisten haben nichts dagegen vermocht. Lauremberg’s Spottgedichte (1654) wurden ein halbes Jahrhundert in allen Ständen mit vielem Beifall gelesen und endlich wieder vergessen, aber die Titel überlebten jeden Angriff und leben heute noch in Glanz und Glorie. Der unsterbliche Kant wußte deshalb in seiner Anthropologie vom Jahre 1798, als der den Deutschen charakterisirte, fast weiter keine unvortheilhafte Seite an ihm aufzufinden, als eben sein Titelwesen:

„Eine gewisse Methodensucht, sich mit den übrigen Staatsbürgern nicht etwa nach einem Princip der Annäherung zur Gleichheit, sondern nach Stufen des Vorzugs und einer Rangordnung peinlich classificiren zu lassen und in diesem Schema des Ranges, in Erfindung der Titel (von Edlen und Hochedlen, Wohl- und Hochwohl-, auch Hochgeborenen) unerschöpflich und so aus bloßer Pedanterie knechtisch zu sein, welches Alles freilich wohl der Form der Reichsverfassung Deutschlands zugerechnet werden mag; dabei sich aber die Bemerkung nicht bergen läßt, daß doch das Entstehen dieser pedantischen Form selber aus dem Geiste der Nation und dem natürlichen Hange des Deutschen hervorgehe: zwischen dem, der herrschen, bis zu dem, der gehorchen soll, eine Leiter anzulegen, woran jede Sprosse mit dem Grade des Ansehens bezeichnet wird, der ihr gebührt, und der, welcher kein Gewerbe, dabei aber auch keinen Titel hat, wie es heißt, Nichts ist.[2]

Es sind seitdem schon sechzig Jahre vergangen und Kant’s Worte passen noch heute wie damals. Ob das gewaltige Vorwärts der Zeit uns auch in dieser Beziehung vernünftig oder doch wenigstens mäßig machen wird, wer möchte das zu behaupten wagen, seit noch in neuester Zeit Fürsten über Hoheit und königliche Hoheit diplomatisch verhandelt, und deutsche Geistliche sich über Hochwürden und Hochehrwürden ernstlich gezankt haben. Zuweilen taucht aber doch auch in diesen Dingen eine Hoffnung auf. Vor Jahr und Tag befahl ein preußischer Justizminister, daß sich die Justizbehörden unter einander der Prädicate in ihren Zuschriften enthalten sollten, und eine neue Verordnung des Generalpostmeisters Herrn v. Schaper verbietet den Postbehörden das Hochlöblich und Wohllöblich. Wie weit die Lächerlichkeit gehen kann, habe ich noch neulich gesehen. Auf einem Brief in Angelegenheiten einer milden Stiftung, die sich der Portofreiheit erfreut, stand: „Vom hochlöblich königl. preuß. Porto befreit.“

Im Privatverkehre dauert die alte Ueberlieferung ebenfalls ziemlich hartnäckig fort. Nur der Kaufmannsstand, bei dem Zeit Geld ist, hat zur Zeitersparung die lästigen Titulaturen unter sich aufgegeben und schreibt auch da, wo der Vorstand eines Handelshauses preuß. Geheimer Commerzienrath, dänischer Justizrath oder köthenscher Consul ist, weder Wohlgeboren noch etwas der Art. In geselligem Verkehre ist es gewagt, das Prädicat wegzulassen; man muß seine Leute genau kennen. Oft schon hat ein vergessenes Hochwohlgeboren oder auch nur Wohlgeboren eine grobe Erwiderung oder gar einen Injurienproceß zur Folge gehabt. Der Vorschlag, daß diejenigen Deutschen, die auf das briefliche Wohl- und Hochwohlgeboren verzichten, eine Art Enthaltsamkeitsverein bilden und dann auf ihren Briefen mit einem † andeuten möchten, daß sie solchem Vereine angehörten, hat wenig Anklang gefunden; es ist damit gegangen, wie mit den lieben Vorschlägen gegen das lästige Hutabnehmen. Leichter aber würde man schon auf Titulaturen verzichten, als auf Titel im geselligen Verkehr. Besonders würden die Frauen sich sehr zurückgesetzt fühlen, wenn sie nicht bei jeder Gelegenheit mehr Frau Geheimeräthin, Frau Hofräthin, Frau Oberbürgermeisterin zu hören bekämen, und wenn auch Manches so lächerlich klingt, wie das hannöversche Frau reitende Försterin. In Hamburg wird wohl ein betitelter Fremder schlechtweg mit Herr vorgestellt und angeredet, bei den einheimischen Würdenträgern wagt man aber doch nicht den Senator wegzulassen und man gibt jedem Kaufmanne den Titel, der ihm für irgend eine kaufmännische Dienstleistung von irgend einem deutschen oder ausländischen Hofe verehrt ward.

Nicht allein die Betitelten fühlen sich geehrt, nach ihren Titeln benannt zu werden, sondern auch die Anderen, mit Betitelten verkehren zu können. Nur der Adel geht hier mit nachahmungswürdigem Beispiele voran: er hat es lieber, wenn er statt mit seinen Würden und Aemtern, selbst im Militair, schlechtweg in einer Gesellschaft vorgestellt und genannt wird: Herrn von – . Er hat sich doch etwas gemerkt aus der Weltgeschichte, und erinnert sich der Anekdote vom Marquis de Saint-Sauveur und daß der Nachtwächter zu Straßburg einst ausrief zur Zeit, als Nichts mehr Monsieur, sondern Alles Citoyen war: „Und lobet Gott den Bürger!“

H. v. F. 


Die Zusammenkunft deutscher Volkswirthe in Gotha.

Die obige in Nr. 33 dieser Blätter besprochene Zusammenkunft findet nicht den 6. bis 9., sondern erst den 20. bis 24. September d. J. in Gotha Statt, und wird die definitive Einladung dazu noch besonders bekannt gemacht werden. Die Redaktion i. A.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Selbsterlebtes während der Belagerung von Lucknow von L. E. Ruutz Rees. Mit dem Plane der Stadt und der Residenz und dem Portrait des Generals Sir Henry Lawrence, Leipzig, Lorck’s Verlagsbuchhandlung, 1858.
  2. Kant’s Werke, Ausgabe von Hartenstein, 10. Band S. 358.