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Der Congreß deutscher Volkswirthe zum 6. Septbr. d. J.

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Textdaten
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Autor: Hermann Schulze-Delitzsch
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Titel: Der Congreß deutscher Volkswirthe zum 6. Septbr. d. J.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 479–480
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Terminkorrektur: Die Zusammenkunft deutscher Volkswirthe in Gotha
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[479]
Der Congreß deutscher Volkswirthe zum 6. Septbr. d. J.
und die deutschen Associationen.[1]

Die auf den 6. bis 9. September dieses Jahres in Gotha stattfindende Vorversammlung zu einem Congreß deutscher Volkswirthe hängt mit den mehrfach in diesen Blättern durch den Unterzeichneten vertretenen Bestrebungen zur Hebung der arbeitenden Classen so nahe zusammen, daß derselbe nicht umhin kann, die durch das ganze Vaterland verbreiteten Leser der Gartenlaube auf Zweck und Bedeutung dieses nationalen Unternehmens aufmerksam zu machen.

Dem von allen gebildeten Ländern Europa’s beschickten sogenannten internationalen Wohlthätigkeitscongreß zu Frankfurt a. M. im September vorigen Jahres mit seinen Verhandlungen in der socialen Frage war es vorbehalten, bei den deutschen Mitgliedern desselben das lebhafte Verlangen nach einer ähnlichen, aber vaterländischen Versammlung zu erwecken, um dessen Realisirung es sich gegenwärtig handelt. Wirklich thut die Erfassung dieser hochwichtigem Angelegenheit vom nationalen Standpunkte in Deutschland Noth, weil der Congrès international in Folge der specifischen Richtung seiner Stifter, der Belgier und Franzosen, die ganze große Aufgabe bei Weitem nicht umfassend genug, sondern ziemlich einseitig und selbst mit nationaler Befangenheit umfaßt und weit eher den Namen eines belgisch-französischen, als eines allgemeinen Congresses verdient. Dem tritt aber der deutsche Standpunkt um so berechtigter entgegen, als derselbe den vollen humanen Inhalt der Frage weit erschöpfender zur Darstellung bringt. Außer der Pflege und Behandlung der bereits Verarmten, Verwahrlosten und Verbrecher hat man nämlich auf jenen internationalen Congressen bisher im Wesentlichen nur diejenigen Bestrebungen zur Hebung der arbeitenden Classen beachtet, welche eine Leitung und Unterstützung von oben, sei es vom Staate, der Kirche oder den höhern Gesellschaftsschichten, voraussetzen, nicht aber die auf der Selbsthülfe, der eignen Kraft und Tüchtigkeit der Betheiligten beruhenden. Daß nun in Erweckung und Pflege des letzten Elements gerade der wichtigste Theil der Aufgabe liegt, und daß, wenn dasselbe den Hülfsleistungen ersterer Art nicht entgegenkommt, diese niemals zum Ziele gelangen, ist in dem im Eingange angezeigten Buche dargethan. Es ergeht dabei den Männern, welche in Frankreich und Belgien an der Spitze der Bewegung stehen und deren großes Verdienst und bedeutende Leistungen in den von ihnen erwählten Fächern Niemand bestreiten wird, wie den Aerzten in einer Epidemie. Ueber der Sorge für die von dem Uebel bereits, zum Theil rettungslos, Befallenen verlieren sie das Interesse für Conservirung der noch Gesunden, und in ihre Spitäler vergraben, haben sie für den Stand der Dinge außer denselben, für die, welche ihrer Cur noch nicht anheimgefallen sind, keinen Sinn. Am Ende freilich müssen ihnen, so lange sie für einen Patienten, den sie vielleicht geheilt entlassen, jedes Mal zehn neue zugeführt erhalten, die Dinge über den Kopf wachsen.

So ist es ohne Zweifel auch auf dem vorliegenden Gebiete mindestens eben so wichtig, die noch gesunden, jedoch bereits mehr oder weniger gefährdeten Elemente des Arbeiterstandes, insbesondere der kleinen selbstständigen Gewerbtreibenden zu erhalten und dadurch der um sich greifenden Massenverarmung vorzubeugen, als den bereits Verarmten, den vom sittlichen und wirthschaftlichen Ruin schon Ergriffenen beizuspringen. Daß der internationale Congreß über dem Letzteren das Erstere hintenanstellt, ist, wie gesagt, nur aus den nationalen Traditionen seiner Stifter und Leiter zu erklären, von denen sich dieselben nicht loszumachen vermögen. Die vorherrschende Neigung, zu centralisiren, Alles von oben zu gängeln, den Leuten zur Entfaltung eigner, selbstständiger Bewegung keinen Raum zu lassen und sie dafür lieber, um ihrer blinden Unterordnung gewiß zu sein, auf öffentliche Kosten zu subventioniren, wie dies in Frankreich zum förmlichen politischen und socialen System ausgebildet, in Belgien mindestens für die Arbeiterfrage an der Tagesordnung zu sein scheint: dies Alles spiegelt sich unverkennbar in der Haltung jenes Congresses wieder. Damit steht aber die Auffassung der Sache auf englischer und deutscher Seite in directem Gegensatze, welche für die Arbeiter gerade die freie Bewegung, die beliebige Einordnung in selbstgebildete Genossenschaften, die Autonomie und Selbstverwaltung derselben verlangt, ihnen sodann aber auch die Sorge für die eigene Existenz ganz allein aufbürdet. Indem man die Einzelnen ausschließlich auf die Selbsthülfe, die eigene Kraft und Regsamkeit rücksichtlich ihres Erwerbes verweist, wird jede fremde Unterstützung, ein Dasein durch Anderer Gnade und auf Anderer Kosten, als unwürdig und unausführbar von vornherein abgewiesen. So drängt sich der tiefe Zwiespalt des Romanischen und Germanischen, des Wälsch- und Deutschthums, welcher die gesammte Völkerentwickelung der Neuzeit in zwei feindliche Lager theilt, auch in der socialen Frage hervor, und hiermit wird uns, einem dem deutschen Wesen feindlichen Elemente gegenüber, wie es auf jenen internationalen Congressen überwiegt, die Festhaltung und bewußte Ausprägung des national deutschen Standpunktes in solcher hochwichtigen Sache zur gebieterischen Pflicht.

O, es ist etwas Gefährliches und Verführerisches um die Mildthätigkeit, das Almosen! Das Elend tritt uns in so kläglicher, oft so widerlicher Gestalt vor die Augen, daß Viele gar nicht rasch genug durch einen Griff in die Tasche sich damit abfinden zu können meinen. Ob das Gegentheil von dem, was der Geber beabsichtigt, erreicht wird, ob nicht die wahre Noth in den meisten Fällen solcher Hülfsbezeigung sich entzieht, wird im Drange [480] des Augenblickes selten beachtet. Indessen ist gegen diesen in der Bequemlichkeit der Menschen, in ihrer sinnlichen Erregbarkeit wurzelnden Hang schwer anzukämpfen. Ohne daher den sittlichen Werth einer geordneten Almosenspende in einzelnen Fällen dringenden Bedürfnisses, augenblicklicher, vorübergehender Noth bestreiten zu wollen, tritt der Unterzeichnete nur jeder directen und indirecten Unterstützung aus Privat- oder öffentlichen Mitteln alsdann auf das Entschiedenste entgegen, wenn es gilt, den dauernden, chronisch gewordenen Nothstand ganzer zahlreicher Gesellschaftsclassen zu heben. Hierzu ist die Subvention das allerverkehrteste Mittel, weil sie das Elend systematisch hegt und pflegt, anstatt es zu bekämpfen, die Massenverarmung förmlich decretirt, anstatt ihr entgegen zu treten.

Dem Arbeiterstande im Allgemeinen ein Recht auf Unterstützung zuerkennen, ihn an die Vorstellung gewöhnen, daß er durch eigene Thätigkeit sich seine Subsistenzmittel nicht vollständig verschaffen könne, ihn somit der Verantwortlichkeit für die eigne Existenz, der Hauptvoraussetzung alles gesellschaftlichen Zusammenlebens, entheben, ist das allergefährlichste und unausführbarste Experiment, der verderblichste Socialismus, der je dem Hirn eines Menschen entsprungen ist. Dadurch müßte die Gedankenlosigkeit und Trägheit, das Indentaghineinleben, in erschreckendem Maße gesteigert werden, und die Menge der Unterstützungsbedürftigen bald zu einem Haupttheile der Bevölkerung anwachsen, die für sie erforderlichen Mittel den Wohlstand der Gesammtheit verschlingen. Den besten Beleg, wohin man auf diesem Wege gelangt, bietet uns Belgien, das Musterland der Armen- und Rettungsanstalten, der Hospitäler und milden Stiftungen, welche, meist in geistlichen Händen, zusammen die ungeheuere Rente von 14 Millionen Francs jährlich consumiren, bei einer Bevölkerung von noch nicht 4 Millionen Seelen. Bereits erhält dort, ganz abgesehen von der gar nicht zu controlirenden Privatwohlthätigkeit, ein Viertheil der Bevölkerung, der je vierte Mensch Unterstützung aus öffentlichen Fonds, ein Verhältniß, wie es nirgends anders vorkommt. Wenn man bedenkt, welche ungeheure Summe hierdurch der Industrie, dem Fond, aus welchem die Arbeitslöhne bezahlt werden, verloren geht, und wie dieses Deficit mit den steigenden Forderungen der Armenpflege stetig wächst, eröffnet sich eine Aussicht, um welche man das gepriesene Land wahrhaftig nicht zu beneiden hat. Und was hier gilt, gilt überall, wo man den gleichen Weg einschlägt. Ueberall, wo die Subvention als Regel organisirt wird, geht nothwendig mit dem Sinken des allgemeinen Wohlstandes das Sinken der sittlichen und wirthschaftlichen Tüchtigkeit in der Arbeiterwelt Hand in Hand, was wiederum die Verschlechterung der gewerblichen Leistungen der Leute zur Folge hat.

Wie hierdurch einerseits die Productionsfähigkeit der ganzen Industrie, also die allgemeine Einnahme, geschwächt wird, wächst andererseits die Noth und das Bedürfniß der Unterstützung in den Arbeiterschichten, also die Ausgabe mittelst der Armentaxen, immer reißender, und mit den gesteigerten Ansprüchen in letzterer Beziehung sinkt das productive Capital des Landes, bis am Ende die Gesellschaft unter der unerträglichen Bürde zusammenbricht.

Die Selbsthülfe also, der streng durchgeführte Satz, daß durch vernünftigen Gebrauch der eigenen Kraft und gehörige Wirthschaft ein Jeder, auch der ganz Unbemittelte, sich eine angemessene Existenz sichern, sich emporarbeiten kann und soll, und daß Niemandem ein Recht auf fremde Unterstützung zusteht: mit einem Worte, die Selbstständigkeit und Selbstverantwortlichkeit auf dem Felde des Erwerbes, das ist die alleinige gesunde Grundlage, auf welcher der gesammte Haushalt der Gesellschaft beruht. Indem wir vorzugsweise die Bestrebungen für berechtigt erkannten, welche die Ermöglichung jener Selbstständigkeit für die Arbeiter förderten, kommen wir dahin, daß der nationale Standpunkt bei uns mit dem allgemein wissenschaftlichen, d. h. dem durch Vernunft und Erfahrung begründeten zusammenfällt, ein Umstand, auf welchen wir besondern Werth legen. So befinden wir uns recht eigentlich im Bereiche der Volkswirthschaft, und dürfen uns ungescheut den Volkswirthen, den Anhängern jener Wissenschaft beigesellen, von denen die erwähnte in Gotha stattfindende Versammlung ausgeht. Hat es doch die Volkswirthschaft mit Production und Handel, Arbeit und Lohn, Tausch und Werth, Eigenthum und Erwerb, also gerade mit den Fragen zu thun, die uns zunächst interessiren. Von allen diesen wichtigen Vorgängen im wirthschaftlichen Verkehrsprocesse der Menschheit sucht sie die natürlichen, aus dem Wesen der Sache selbst fließenden Grundbedingungen und Gesetze auf, von denen der Verlauf derselben abhängt und zum Heil oder Unheil für die dabei Betheiligten ausschlägt. Ohne gründliches Eindringen, ohne klares Bewußtsein von diesen Naturgesetzen des Verkehrs bleibt alles Eingreifen auf socialem Felde ein blindes Umhertappen, gleich dem Gebahren eines Quacksalbers, der sich mit Curen von Krankheiten abgibt, ohne den mindesten Begriff vom menschlichen Organismus zu besitzen. Mit dem bloßen guten Willen ist nichts gethan, und nirgends haben Unverstand und falsch verstandener Philanthropismus so geschadet, wie hier, wo solches verkehrtes Experimentiren schon hier und da beigetragen hat, ganze Gesellschaftsclassen jeder vernünftigen Einsicht in die eigenen Zustände immer mehr zu verschließen. Begrüßen wir daher die deutschen Volkswirthe, welche sich eine Erörterung der wichtigsten Fragen auf diesem Felde zur Aufgabe gestellt haben[2], als erwünschte Bundesgenossen, und helfen wir, ihrer Versammlung nach Kräften das nöthige Material zu übermitteln, betheiligen wir uns bei ihren Berathungen, um sie möglichst praktisch und fruchtbringend für das große Publicum zu machen. Nicht blos die Gelehrten, Erfahrenen, welche an den Debatten thätig Theil nehmen, zur Belehrung beizutragen vermögen, nein Alle, welche Trieb und Beruf in sich fühlen, sich über die einschlagenden Fragen aufzuklären und zu unterrichten, sind geladen, wenn sie den Ernst und die Hingebung mitbringen, wie sie die Sache erfordert. Dann erst, wenn von den verschiedensten Seiten sich die Theilnahme diesem ersten Versuche zuwendet: „eine große, tief in das Volkswohl eingreifende Angelegenheit in voller Oeffentlichkeit zu verhandeln und zur Nationalsache zu erheben,“ mag es geschehen, daß die in Gotha tagende Versammlung zu einem wahrhaften deutschen Congresse werde und ihre Berathungen, mit der ganzen Macht der aufgeklärten öffentlichen Meinung dahinter, eine Geltung erlangen, wie man sie gern und willig dem Verdict einer Jury von Vertrauensmännern der Nation zugesteht.

Mögen die rechten Männer und die rechte Weihe der Versammlung nicht fehlen.

Schulze-Delitzsch.[WS 1]


  1. Man vergleiche das Werkchen des Unterzeichneten, welches so eben die Presse verlassen hat: „Die arbeitenden Classen und das Associationswesen in Deutschland, als Programm zu einem Congreß.“ Leipzig, 1858. Bei G. Mayer. Preis – 15 Neugroschen. –
  2. Die Tagesordnung der Gothaer Versammlung enthält folgende Gegenstände: 1) die Reform der Gewerbegesetze; 2) das Associationswesen in Deutschland; 3) die Durchfuhrzölle des Zollvereins; 4) Spielbanken, Lotto, Lotterie; 5) die Wuchergesetze.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Schultze-Delitzsch