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Die Gartenlaube (1858)/Heft 20

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[293]

No. 20. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Ein Gottesgericht.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Fortsetzung.)


„Herr Graf, unter einer Bedingung dürfte ich mich zu weiteren Nachforschungen entschließen.“

„Darf ich fragen, welcher Art diese wären?“

„Ich würde mich nach Turellen begeben und zunächst Ihre Frau Schwägerin vernehmen, und wenn diese Ihren Verdacht bestätigen würde –“

„Sie wird. Sie wird sofort, ohne Umstände. Und was würden Sie dann weiter vornehmen?“

„Die übrigen Hausgenossen befragen.“

„Sämmtlich? Auch die Gesellschafterin?“

„Auch sie.“

„Ah, Herr Kreisjustizrath, ich bitte um Ihre Bedingung.“

„Sie haben die Güte, mir Ihr Ehrenwort zu geben, daß die Thatsachen, die Sie mir mittheilten, wahr, und die Combinationen, die Sie danach gebildet haben, nicht gegen Ihre Ueberzeugung waren.“

„Werden Sie mir dagegen Ihr Ehrenwort geben?“

„Worauf?“

„Daß Sie in Turellen meine Anwesenheit nicht erwähnen. Es würde Ihnen, bei dem Dementi, das ich Ihnen entgegensetzen müßte, ohnehin nichts fruchten.“

„Sie haben Recht. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.“

„So haben Sie hiermit das meinige. Ich wünsche Ihrer Untersuchung Glück, mein Herr, und habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“

Damit ging er. Seinen Wagen hörte ich auf dem Straßenpflaster zum Thore hinausrollen.

Er hatte die verschiedenartigsten Eindrücke in mir zurückgelassen. Er war einer jener — nicht blos in der russischen Schule gebildeten – vollkommenen Diplomaten, denen, bis auf Eins, in der Welt nichts mehr heilig ist, nicht einmal ihre eigene äußere Ehre, selbst bis zu einem gewissen Grade nicht die Dehors; denn jenes Eine ist nichts, als die unbedingte Ergebenheit gegen die Regierung, der sie dienen. Ihr opfern sie Alles; damit sie nicht compromittirt werde, nehmen sie Gott weiß was auf sich und schneiden sich zuletzt mit dem Rasirmesser unversehens die Luftröhre durch, wie der Graf Bresson in Turin[WS 1]. Es liegt eine Idee darin; man könnte sie eine große Idee nennen, wenn die Aufopferung zum Heile der Völker geschähe.

Mein Diplomat hatte ferner keinen haltbaren Grund, kein zureichendes Interesse angegeben, die ihn zu seiner Denunciation veranlassen konnten. Konnte bei einem solchen Manne das wirklich vorwaltende Interesse nicht ein verwerfliches sein? Konnte er mich nicht als Mittel für unlautere Zwecke mißbrauchen wollen?

Andererseits hatte er mir im Grunde nur seine Combinationen mitgetheilt und dabei mir alle jene Thatsachen vorenthalten, die die eigentlichen, letzten, concludenten Prämissen seiner Schlußfolgerungen bildeten. Schritt ich auf Grund seiner vagen Angaben ein, so lief ich die dringendste Gefahr, wenn mir nicht eine schwerlich zu erwartende Offenheit oder ein noch weniger zu vermuthender Glückszufall entgegen kam, schon bei meinen ersten Schritten stecken zu bleiben und, wie der Graf Alexander Ruthenberg sicher die Achseln zucken würde, la dupe de l’affaire zu werden.

Endlich – und ich leugne nicht, das hatte den tiefsten Eindruck auf mich gemacht – zu welchem Zwecke wollte und sollte ich eine weitere Untersuchung einleiten? Um einen Mord zu entdecken, allerdings; aber auch um die Mörderin zu ermitteln und zur gesetzlichen Strafe, unter das Beil des Nachrichters, auf das Rad zu bringen.

Und wer war diese Mörderin? Der Graf selbst hatte sie als ein braves, tugendhaftes, edles Geschöpf dargestellt, die, fern von ihrer Heimath und ihren Verwandten, verlassen von aller Hülfe in dem fremden Lande, fast unmittelbar an der russischen Grenze sich in den Händen und in der Gewalt eben so mächtiger als roher, vom Laster durch und durch verdorbener Menschen befand, die im Zustande rath- und hülfloser Verzweiflung zuletzt zu einer That hingedrängt war, die nur nach der Strenge des gesetzlichen Buchstabens nicht als ein Act der Nothwehr aufgefaßt werden konnte.

Und der Ermordete war der rohe, gemeine, nicht Sitte, nicht Ehre achtende Wüstling, der nach der moralischen Gerechtigkeit, nach dem Gerechtigkeitsgefühle wie vieler Tausende edel fühlender Menschen nichts, als seinen verdienten Lohn empfangen hatte.

Dennoch durfte, konnte ich meinem Entschlusse, den ich schon während der Mittheilungen des Grafen gefaßt hatte, nicht untreu werden.

Ich hatte seine Anzeige als eine amtliche erhalten. Zwar unter eigenthümlichen Umständen; aber ich durfte sie dennoch nicht völlig ignoriren.

Seine Combinationen konnten falsch sein; meine Untersuchung mußte das dann herausstellen und ich hatte die unglückliche Gesellschafterin


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Hier irrt Temme: Charles-Joseph Graf Bresson (1798–1847) beging Selbstmord nicht in Turin, sondern in Neapel, wo er französischer Geschäftsträger war.

[294] von jedem Verdachte gereinigt. Nach den Aeußerungen des Grafen glaubte ich annehmen zu müssen, daß auch die Gräfin Ruthenberg nicht ganz frei von Verdacht gegen ihre Gesellschafterin sei. Wenn die junge Dame aber wirklich schuldig war, mußte dann nicht über kurz oder lang – schon bei jenem gegen sie vorhandenem Verdachte – dennoch eine Untersuchung gegen sie eingeleitet werden, in der wohl ihr Verbrechen zum Vorschein kam, die zu ihrer Entschuldigung gereichenden Umstände aber desto mehr durch den Ablauf der Zeit verdunkelt blieben?

Mir blieb keine Wahl; ich mußte meinen ersten Entschluß ausführen, machte an demselben Abende meinen Plan und schritt gleich am folgenden Morgen zu seiner Ausführung.

Ich fuhr mit dem erforderlichen Beamtenpersonal, einem Actuar und mehreren Criminalboten, nach Turellen. Ich sagte ihnen nichts über den Zweck der Reise, ließ sie auch in dem nächsten Dorfe vor Turellen zurück, mit der Anweisung, sich nicht kund zu geben, weder zu sagen, wer sie seien, noch woher sie kämen, und fuhr allein zu der Gräfin.

Das Schloß Turellen zeigte schon in seiner Umgebung eine für jene Memelniederung ungewöhnliche Eleganz.

Das Haus war zwar gebaut, wie die meisten Schlösser und Landhäuser der Gegend; es hatte nur eine Etage, ein hohes Parterre; dafür war aber seine Länge eine desto größere. In der Mitte war das Dach erhöht und in dieser Erhöhung befand sich noch eine Reihe Zimmer. Das Ganze war von einem parkähnlichen Garten eingeschlossen, der mit sehr großer Sorgfalt erhalten war und in dem lange Reihen Glasfenster von Treibhäusern in der Sonne glänzten. Auch im Innern des Hauses zeigte mir Alles, daß ich in dem Aufenthalte einer Dame war, die in der großen Welt gelebt und deren Genüsse, Bequemlichkeiten und Gewohnheiten nicht vergessen hatte.

Ich ließ mich bei der Gräfin melden und wurde sehr bald zu ihr geführt. Ich hatte mir – wohl unwillkürlich – ein bestimmtes Bild von ihr gemacht. Eine im Alter etwas corpulent gewordene Dame, mit deutlichen Spuren ehemaliger Schönheit und mit – als Spur ihres früheren galanten Lebens – einer gewissen Leichtfertigkeit oder Ungenirtheit des Benehmens, die an die Frivolität ihres Bruders wenigstens erinnerte.

In allem Jenem hatte ich Recht gehabt, aber nicht in diesem Letzteren. Ich hatte das Weib nach dem Manne beurtheilt, und das ist immer falsch. Wo der Mann an den Schein nicht denkt, da lebt das Weib nur im Scheine. Es kann auch nicht anders. Erst das Weib, das vollständig mit der Welt, mit Tugend, Ehre, Leben gebrochen hat, kann ihm entsagen; dann liegt es aber auch bei hellem Tage im Straßenkothe.

Die Gräfin Ruthenberg war jene etwas corpulente, aber noch sehr schöne Dame; ihre elegante, aber einfache Toilette hob ihr Alter. Man konnte sie für eine Vierzigerin halten, sie zählte sechzig Jahre. Aber der Ausdruck ihres schönen Gesichts und ihr Benehmen entsprachen dem zuletzt genannten Alter. Sie war ernst, würdig, gemessen, kalt, fast streng. Darin also hatte ich mich vollständig getäuscht; aber ich sollte mich nur noch mehr in ihr täuschen.

Daß sie eine kluge Frau war, zeigten Stirn und Augen. Sie war sogar klüger, als ihr Bruder, weil sie gemessener, zurückhaltender war, freilich, wenn seine Offenheit nicht zu jener Sprache der Diplomatie gehörte, welche die Gedanken verbergen soll.

Die Gräfin empfing mich in einem Gartensalon. Ich mußte bei ihr von vornherein mit meinem Zwecke hervortreten, wenn ich ihn nicht ganz verfehlen und mich zudem in ihren Augen lächerlich machen wollte. Die kluge Frau hatte ihn wahrscheinlich schon errathen, als sie nur meinen Namen gehört hatte.

„Gnädige Frau, die Ausübung meiner Amtspflicht zwingt mich, Sie mit meinem Besuche zu belästigen.“

Sie war trotz ihrer Gemessenheit höflich, selbst verbindlich.

„Ein freiwilliger Besuch von Ihrer Seite würde mir angenehmer gewesen sein. Indeß, mein Herr, seien Sie mir auch so willkommen. Was haben Sie mir mitzutheilen?“

„Vor einiger Zeit hat Ihr Neffe, der Graf Paul Ruthenberg, sich ungefähr vierzehn Tage bei Ihnen aufgehalten?“

„Gerade vierzehn Tage.“

„Er verschwand in einer Nacht plötzlich?“

„Plötzlich, mein Herr.“

„Sie haben seitdem auch keine Nachricht, keine Spur von ihm?“

„Keine Nachricht und keine Spur.“

„Haben Sie auch keinen Verdacht über den Grund und die Art seines Verschwindens?“

„Mein Herr, erlauben Sie mir, eine Frage an Sie zu richten?“

„Ich stehe zu Befehl.“

„Setzen Sie das Verschwinden meines Neffen mit einem Verbrechen in Verbindung?“

„Ich nicht, gnädige Frau, aber das Gerücht, ein Gerücht, das mir amtlich angezeigt ist und das ich daher so viel als möglich weiter verfolgen muß.“

„Nach Ihren Gesetzen?“

„Nach unseren Gesetzen.“

„Auch auf die Gefahr hin, ohne allen Grund Personen zu beunruhigen, gar zu compromittiren?“

„Gnädige Frau, ich bin hierher gefahren, blos als wenn ich mir die Ehre geben wollte, Ihnen meinen Besuch zu machen. Außer Ihnen selbst kennt Niemand den Zweck meiner Anwesenheit hier und nur von dem, was Sie die Güte haben werden mir mitzutheilen, hängt es ab, ob noch irgend Jemand anders in der Welt erfahren soll, was mich hierher geführt hat.“

„Sie üben Ihr Amt mit Rücksicht aus, mein Herr. Daß Sie es auch gegen mich thun, dafür bin ich Ihnen aufrichtig dankbar. Zum Beweise meiner Dankbarkeit werde ich völlig offen gegen Sie sein.“

„Ich darf also um Antwort auf meine Frage bitten?“

„Sie fragten, ob ich einen Verdacht habe?“

„Ja.“

„Ich habe keine Ahnung eines Verbrechens.“

„Und wie erklären Sie das Verschwinden Ihres Neffen?“

„Die Zeit muß es aufklären. Bis jetzt ist es mir allerdings unerklärlich.“

„Und dennoch glauben Sie an kein Verbrechen?“

„Nein, mein Herr.“

„Darf ich fragen, gnädige Frau, woraus Ihr Hauspersonal besteht?“

„Aus meiner Dienerschaft.“

„Und diese?“

„Ich habe eine Gesellschafterin, einen Haushofmeister, sechs Bedienten, drei Kammerjungfern, zwei Kutscher. Wollen Sie auch das Küchenpersonal wissen?“

„Vorläufig nicht. Sie haben auch einen Jäger?“

„Einen Förster eigentlich; zu meinem Gute gehören bedeutende Waldungen. Aber der Mann gehört nicht zu meinem Hauspersonal.“

„Sondern?“

„Er wohnt mit seiner Familie etwa zehn Minuten vom Schlosse, dort hinten im Walde.“

„Der Mann hat Familie?“

„Eine erwachsene Tochter.“

Ich stutzte; der diplomatische Graf hatte von einem eifersüchtigen Jäger gesprochen. Hier mußte irgend eine Verwechselung vorliegen. Und doch fiel es mir so eigenthümlich, mit einer so sonderbaren Ahnung auf, als ich von der Existenz eines Försters hörte, der mit seiner erwachsenen Tochter in der Nähe des Schlosses, im Walde wohnte. Einen Grund, eine bestimmte Richtung meiner Ahnung konnte ich mir auf der Stelle nicht klar machen. Aber ich mußte den entdeckten Umstand weiter verfolgen.

„Wohnt der Förster allein im Walde?“

„Seine Wohnung ist das einzige Haus darin.“

„Wie ist der Charakter des Mannes?“

„Er ist ein pflichtgetreuer, sehr strenger Mann.“

„Und seine Tochter?“

„Wie so, mein Herr?“

„In welchem Rufe steht sie?“

„Ich habe mich nicht um sie bekümmert, aber auch nichts von ihr gehört.“

„Sie haben sie auch nicht gesehen?“

„O doch, sie kommt manchmal zum Schlosse.“

„Ist sie hübsch?“

Die Dame mußte sich einen Augenblick besinnen.

„O ja, sie ist recht hübsch.“

[295] Meine Ahnung bekam eine bestimmte Richtung.

Ich combinirte, aber anders, wie der Graf Alexander Ruthenberg. Des Letzteren Neffe war ein ausschweifender Mensch gewesen. Die Försterstochter war hübsch, sogar sehr hübsch. Das hübsche Mädchen hatte dem jungen Manne gefallen; der reiche, vornehme junge Graf dem Mädchen. Der Vater hatte sie über einer heimlichen Zusammenkunft im Walde ertappt. Er war strenge, er war wahrscheinlich, nach Art der meisten Förster, auch heftig; die tödtliche Waffe war sein täglicher Umgang. Wie nahe lag nun das Weitere!

Die Gräfin hatte meine Combination errathen. Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, nein. Mein Neffe hatte mit dem Mädchen nichts zu schaffen.“

„Wissen Sie das gewiß, gnädige Frau?“

„Ich wüßte es, wenn es der Fall gewesen wäre.“

Ein sehr leises Lächeln flog über ihr Gesicht. Es war das erste Mal, daß sie lächelte. Ich glaubte, in ihrem Auge zu lesen: „Wenn er mit dem Mädchen zu schaffen gehabt hätte, er hätte es mir selbst gesagt.“

Gegen den liederlichen Neffen war die gemessene, strenge Frau nicht gemessen und strenge gewesen.

Ich durfte meine neue Combination nicht ausschließlich verfolgen, und fragte weiter:

„Sie haben keinen zweiten Jäger, gnädige Frau?“

„Gewiß, ich zählte ihn unter die Bedienten.“

„Er wohnt also im Schlosse?“

„In dem Souterrain für die Domestiken.“

„Er ist ein junger Mann?“

„Ich denke, in der Mitte der zwanziger Jahre.“

„Seit wann in Ihrem Dienste?“ .

„Seit beinahe einem Jahre. Ich habe ihn im vorigen Sommer aus Deutschland mitgebracht.“

„Wie lange ist Ihre Gesellschafterin bei Ihnen?“

„Seit derselben Zeit.“

„Sie ist eine noch junge Dame?“

„Sie wird neunzehn oder zwanzig Jahre zählen.“

„Sind Ihnen ihre früheren Verhältnisse bekannt?“

„Nein, mein Herr. Ich suchte in Ems eine Gesellschafterin; das junge Mädchen stellte sich mir vor; sie gefiel mir, und das war genügend, um sie zu mir zu nehmen.“

„Sie haben sich in der jungen Dame nicht getäuscht?“

„Wie so, mein Herr?“

„Sie hat sich Ihren Beifall zu bewahren gewußt?“

„Vollkommen. Sie ist ein gebildetes Mädchen, hat einen sanften, beinahe schüchternen Charakter und ist immer freundlich und dienstfertig.“

„Sie hatte also keinen heftigen, leidenschaftlichen Charakter?“

„Durchaus nicht.“

„Auch ihr sittliches Verhalten – verzeihen Sie mir die Frage, die ich nicht gut umgehen kann – ist keinem Tadel unterworfen?“

„Das junge Mädchen hat im Gegentheil sogar sehr strenge Grundsätze.“

„Gnädige Frau, ich muß auch für die folgenden Fragen, so wie für die Bitte um deren offene Beantwortung vorher um Ihre Verzeihung bitten.“

„Sie sind in Ihrem Amte, mein Herr, und ich weiß, was man der Obrigkeit schuldig ist.“

„Wie war das Verhalten Ihres Neffen und Ihrer Gesellschafterin zu einander?“

Ich hatte bei der Frage wieder ein feines, etwas spöttisches Lächeln auf ihren Lippen erwartet. Ihr Gesicht blieb vollkommen unbeweglich. Und doch, ganz hinten in ihrem Auge glaubte ich einen leisen Schimmer von Unruhe zu bemerken. Keine halbe Secunde lang; ich glaubte ihn kaum zu sehen, da war er schon verschwunden.

Sie antwortete auf meine Frage mit vollkommen ruhiger und klarer Stimme, ein wenig stolz; aber der Stolz kam mir etwas zweideutig vor.

„Mein Herr, das Benehmen der Beiden gegen einander war ganz das eines Grafen Ruthenberg gegen die Gesellschafterin seiner Tante, und so umgekehrt.“

Selbst die Worte konnte ich zweideutig, gar frivol finden, einmal im Munde einer Gräfin Ruthenberg, die nach einem Leben voll galanter Abenteuer nicht fromm geworden war, und andererseits nach der Kenntniß, die ich von dem Charakter zweier Grafen Ruthenberg durch einen derselben selbst erhalten hatte.

Indessen, bei dem Stolze, den sie mir einmal entgegengesetzt hatte, durfte ich nicht darauf rechnen, auf dem eingeschlagenen Wege zu meinem Resultate zu gelangen. Ich mußte einen andern betreten.

„Ihre Gesellschafterin hat ihre Zimmer Parterre, gnädige Frau?“

„Parterre, nach dem Garten hin.“

„Es stößt ein Bibliothekzimmer daran?“

Wieder jener Schimmer einer Unruhe in ihrem Auge; diesmal deutlicher, länger. Sie sah mich zugleich unwillkürlich forschend mit dem unruhigen Auge an. Gleich darauf Verdruß in ihrer Miene, daß sie sich vergessen, daß sie Unruhe gezeigt hatte. Nur ein neuer Verrath, wie unruhig sie innerlich war, und wie vielen Grund sie dazu haben mußte.

Es hatte sich also in der That etwas Ungewöhnliches in dem Hause zugetragen, und ich war auf dem rechten Wege zu seiner Entdeckung. Es kam nur darauf an, den Weg nicht wieder zu verlieren.

Sie hatte trotz jener verräterischen Zeichen rasch geantwortet:

„Ihr Schlafgemach stößt an ein altes Bibliothekzimmer.“

Ich fragte eben so rasch weiter:

„Wann waren Sie, gnädige Frau, zuletzt in dem Bibliothekzimmer?“

„Ich erinnere mich dessen nicht.“

„Nicht seit dem Verschwinden Ihres Neffen?“

„Nein, mein Herr. Seit Jahr und Tag wenigstens war ich nicht dort.“

„Haben Sie seit diesem Verschwinden eine Veränderung in dem Benehmen Ihrer Gesellschafterin gefunden?“

„Ich wüßte nicht.“

„Gnädige Frau, entschuldigen Sie die dringende Bitte, über diesen Umstand nochmals genau Ihr Gedächtniß befragen zu wollen. Ich würde bedauern, wenn ich –“

Sie fiel mir in das Wort, halb aufgebracht, halb wieder in jener eigenthümlichen Unruhe.

„Mein Herr, halten Sie mich für fähig, Ihnen die Wahrheit vorzuenthalten?“

„Gnädige Frau, ich darf vollkommen offen gegen Sie sein?“

Sie nickte stolz mit dem Kopfe.

„Ich habe in unserer bisherigen Unterredung von Ihnen bereits Andeutungen erhalten –“

„Von mir, mein Herr?“

„Die mich als Criminalrichter verpflichten, weitere Nachforschungen vorzunehmen, insbesondere die sämmtlichen Leute Ihres Schlosses zu vernehmen.“

Sie wurde auf einmal beinahe heftig.

„Mein Herr, Sie wollten ganz offen gegen mich sein?“

„Ich war es, und werde es ferner sein.“

„Wohlan, wer war gestern Abend bei Ihnen?“

Sie hatte sich selbst gefangen. Meine Worte hatten den Verdacht, vielleicht die Ueberzeugung in ihr geweckt, daß ihr Schwager bei mir gewesen sei, und mir Entdeckungen gemacht habe. Sie ahnte, sie wußte vielleicht diese Entdeckungen. Sie widersprach ihnen nicht; sie wurde gar durch sie beunruhigt. Ein klarer Beweis, daß sie nicht ganz unbegründet waren, mochte ihr Schwager sie ihr schon vorher mitgetheilt haben oder nicht. Im letztern Falle war sie auf eigenem Wege zu demselben Resultate gekommen, wie er, das Resultat war also noch mehr begründet.

Ich mußte ihr antworten. Die Wahrheit durfte ich ihr nicht sagen. Ich konnte aber auch nicht lügen. Ich ergriff einen Ausweg.

„Gnädige Frau, der Criminalrichter hat gesetzlich die Verpflichtung, auf manche Fragen, die an ihn gerichtet werden, keine Antwort zu ertheilen. Auf einer Beantwortung der Frage, die ich die Ehre hatte, an Sie zu richten, muß ich aber bestehen.“

Sie sann nach. Sie legte ihre feine Hand über ihre Augen. So saß sie fast eine volle Minute unbeweglich. Sie fühlte, daß sie gefangen war. Aber dieses Gefühl hatte in der feinen, klugen, stolzen russischen Gräfin, die bisher nur Triumphe gefeiert hatte, und die nun von einem so tief unter ihr stehenden preußischen Criminalrichter sich besiegt sah, alle Leidenschaften eines stolzen und [296] wahrlich nicht reinen Herzens entzündet. Nur der Stolz und die Selbstbeherrschung der Dame von Welt vermochten den vollen Ausbruch ihres Hasses und ihrer Bosheit zurückzuhalten.

Sie erhob sich rasch von ihrem Sitze und richtete sich stolz vor mir in die Höhe, sie blickte mich mit dem Ausdrucke des verachtenden Hochmuths an. Dann sagte sie langsam und mit einer Stimme, die der haarscharfen und eiskalten Schneide eines Stahles glich:

„Mein Herr, ich für meine Person halte über Alles auf Ehre, und werde mich nie eines Verrathes theilhaftig machen. Thun Sie, was Ihres Amtes ist, auch in meinem Hause. Nur an mich, bitte ich, richten Sie keine Frage mehr. Ich empfehle mich Ihnen, mein Herr.“

Sie nickte stolz wie eine Königin mit dem Kopfe, und ging in ein Nebenzimmer. Aber sie blieb gefangen. Ich hatte gewonnen Spiel. Gewonnen Spiel!

Es ist, es muß das Streben des Inquirenten sein, seine Partie zu gewinnen. Und seine Partie ist eine nothwendige für die menschliche Gesellschaft. Aber wie traurig, wie schrecklich ist sein Spiel in dem einzelnen Falle für die Personen, gegen die es gewonnen wird! Es geht um Glück, um Ehre, wie oft um den Kopf! Und ist dann der, der so sein Alles darin verliert, immer ein schlechter Mensch, ein Schurke, ein Bösewicht? Wie oft war nur Schwäche, Verführung, Aufbrausen der Leidenschaft, gar eine an sich edle Gesinnung da, und die arme Gerechtigkeit, wenn sie ihr Opfer erreicht hat, muß über die Binde des Rechts, mit der sie ihre Augen bedecken mußte, den Schleier der Trauer werfen, der Trauer darüber, daß sie doch nur eine arme, blinde menschliche Gerechtigkeit ist. Und wie gar oft ist sie auch das nicht einmal, sondern nichts, als ein starrer, entsetzlicher, selbst das menschliche Recht höhnender Gesetzes-Paragraph! Gegen wen sollte auch ich jetzt mein Spiel gewinnen? Gegen ein armes, tugendhaftes, schutzloses Mädchen, das ihre Tugend und ihre Ehre gegen die rohesten Angriffe vertheidigt hatte!

Die Combinationen des Grafen stimmten mit denen seiner Schwägerin. Sie waren bei Beiden auf die genaueste Kenntniß der Personen und Zustände gestützt. Der frivole Graf, dem nichts heilig war, hatte auch nichts zu schonen gehabt. Er war offen mit seinem Verdachte hervorgetreten; er hatte dabei vielleicht wirklich nur an das Vergnügen gedacht, seine feine Menschenkenntniß bestätigt zu sehen. Die Gräfin war um so zurückhaltender gewesen. Aber sie war eine Frau, die stets gewohnt gewesen war, den Schein zu retten. Ein Bekanntwerden des Verbrechens machte Eclat, griff die Ehre ihres Hauses, ihrer Familie an. Dafür ließ sie lieber ihren nächsten Verwandten in der Mördergrube, aus der er lebendig doch nicht hervorgezogen werden konnte.

Und brachte ein Bekanntwerden und eine Untersuchung des Verbrechens nicht auch nothwendig ihren eigenen, schweren Antheil an das Licht, dessen sie durch Dulden, vielleicht selbst durch Begünstigen der Verfolgungen des Getödteten gegen die Gesellschafterin an der Tödtung ihres eigenen Neffen sich schuldig gemacht hatte? Darum jene Unruhe, darum zuletzt ihr Zorn, ihr Haß gegen mich. Und konnte sie nicht noch größeren, schwerern, unmittelbareren Antheil an dem Verbrechen haben? Eine blos moralische Mitschuld hätte diese Dame kaum so beunruhigen können.

Allein war es denn gewiß, daß nur überhaupt ein Verbrechen, ein Mord vorlag? Und wenn dies, daß die Gesellschafterin die Thäterin sein müsse? Immer fiel mir wieder die hübsche Försterstochter in der einsamen Försterwohnung mit dem strengen, heftigen Vater ein.

Eins war gewiß, ich mußte meine Untersuchung fortsetzen. Noch wollte und konnte ich es mit solcher Schonung, daß ich die Criminalbeamten zurückließ.

Ich dachte über das Alles noch nach, als der Haushofmeister der Gräfin zu mir in’s Zimmer trat.

„Die gnädige Gräfin hat mich zu Ihrer Disposition gestellt, Herr Kreisjustizrath.“

„Ist die Gesellschafterin der Frau Gräfin zu Hause?“

„Sie ist in ihrem Zimmer.“

„Ich bitte, mich zu ihr zu führen.“

Er führte mich durch einen langen Gang fort bis an das Ende des Gebäudes. An der vorletzten Thür blieb er stehen.

„Hier.“

Ich bat ihn, mich allein zu lassen. Er ging.

Ich klopfte an die Thür.

Mir selbst klopfte das Herz. Eine der grausamsten Operationen meines Amtes sollte wieder beginnen. Und gegen wen, gegen welche Unglückliche sollte ich sie vornehmen?

„Herein!“ rief eine sanfte weibliche Stimme.

Ich öffnete die Thür, und trat in das Zimmer.

Eine junge Dame saß an einem kleinen Arbeitstisch und stickte. Sie war sehr schön. Als sie mich sah, stand sie auf, und empfing mich als Dame von Welt. Aber sie sah mich mit einem gewissen unruhigen Befremden an. Die Farbe ihres Gesichts veränderte sich leicht, und auf einmal wurde ihr Blick ängstlicher.

War das jener ängstliche Blick, womit jeder Verbrecher, wenn er einen Fremden sieht, wenn er nur eine Thür plötzlich aufgehen hört, forschen muß, ob nicht schon Polizei und Gerichte hinter ihm seien? Ich sollte in einer Minute Gewißheit darüber haben.

Mein erster Blick in das schöne, edle, weiche und unglückliche Gesicht hatte mir gesagt, daß ich hier keinen so schweren Stand, wie bei der Gräfin haben werde. Wie bei dem Grafen die Frivolität, so kamen mir hier weicher, edler Sinn und das Unglück entgegen. Auch die Züge eines tiefen Unglücks hatten in das schöne Gesicht sich eingeprägt. Sie hatte bei ihrer Arbeit geweint. Ich glaubte, die Thränen noch zu sehen.

„Mein Fräulein, ich bin der Kreisjustizrath – aus –.“

Sie war die Verbrecherin! So konnte bei dem Namen des bekannten Criminalbeamten nur das Schuldbewußtsein erschrecken. Ihr Gesicht überzog sich mit Leichenblässe. Die Stickerei, die sie noch hielt, flog in ihrer Hand hin und her. Sie konnte kein Wort sprechen. Sie schwankte zu einem Sopha, und lud mich mit einem Wink der zitternden Hand ein, neben ihr Platz zu nehmen. Ich folgte ihr.

Sie war schuldig. Es war mir beinahe kein einziger Zweifel mehr; aber das tiefste Mitleid für die Unglückliche kämpfte in mir mit meiner Amtspflicht. Ich ließ ihr Zeit, sich zu fassen. Sie war ja doch mein. Dann begann ich mein trauriges Fragespiel.

„Darf ich um Ihren Namen bitten, mein Fräulein?“

„Ottilie Braun,“ antwortete sie leise. Sie gewann erst nach und nach ihre Stimme ganz wieder.

„Ihre Heimath?“

„Ich bin eine Rheinländerin.“

.Seit wann sind Sie hier?“

„Seit vorigem Spätsommer. Ich war kurz vorher, in Ems, zu der Frau Gräfin als Gesellschafterin gekommen.“

„Wo waren Sie früher gewesen?“

„Auf einem Gute am Rhein, gleichfalls als Gesellschafterin.“

„Vor einigen Wochen war der Neffe der Gräfin, ein Graf Paul Ruthenberg, zum Besuch hier?“

„Ja, mein Herr.“

Sie sprach die Worte fest. Sie hatte sich mehr gefaßt, als ich erwartet hatte. Das Gefühl der äußern Ehre, die Liebe zum Leben, die Furcht – auch die Furcht – der unwiderstehliche Trieb der Selbsterhaltung hatte auch dieses weiche Geschöpf mit jener großen, manchmal wunderbaren Kraft ausgerüstet, die in solcher Weise fast nur der Inquirent kennen lernt, die so oft alle seine Combinationen, alle seine Versuche, alle seine Mühe zu Schanden macht. Das Gesetz verdammt, straft diese Kraft deshalb. Und doch ist sie so rein menschlich.

„Wie lange blieb er hier?“ fuhr ich fort.

„Er war vierzehn Tage hier.“

„Wohin ging er von hier?“

„Mein Herr, er war hier plötzlich in einer Nacht verschwunden, und man hat seitdem keine Nachricht von ihm.“

Sie sprach auch diese Worte mit großer Festigkeit und Sicherheit.

„Verschwunden? Ueber seiner Entfernung läge also der Schleier des Geheimnisses?“

„Es scheint so.“

„Auch für Sie, mein Fräulein?“

Ich sah sie bei der plötzlichen Frage scharf an. Keine Muskel zuckte in ihrem Gesichte. Sie konnte sogar meinen Blick ertragen. Sie hatte in der That jene wunderbare Kraft gewonnen. Aber ich mußte sie ja brechen.

(Fortsetzung folgt.)
[297]
Die Frauen in Indien.

„Nichts Besser’s lob’ ich mir an Sonn- und Feiertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit in der Türkei,
Die Völker auf einander schlagen.“

So sagt der ewige, bekannte Philister in Faust’s ewigem Ostermorgen.

Es ist gerade wieder Ostern, während ich hier schreibe. Wer sorgte diesmal für Krieg und Kriegsgeschrei zum Osterfeste? Die Engländer. Wenn diese nicht waren, wo sollt’s herkommen jetzt in dieser stillen, stillen Zeit zu Hause? Und wie besorgen sie’s dem Philister! Nicht Hirten in der Türkei, nein, noch viel weiter hinten in China und Indien „spalten sie sich die Köpfe, geht Alles durcheinander und nur zu Hause bleibt’s beim Alten,“ wie der zweite Philister sagt. Und nicht blos dahinten, ganz weit hinten sorgen die Engländer für unsere politischen Osterkuchen, auch zu Hause bei sich im Parlamente, wo sie Indien reformiren und dadurch das ganze Land in Bewegung setzen, weshalb sie auch die Reformen zu Hause wieder aufschieben.

Indische Frauen im Hause.

Was liegt am eigenen Hause? Es ist nobel, es ist erhaben, sich für die fernsten Völker und deren Wohl aufzuopfern, wie dies die Engländer für Indien thun. Das Parlament, heißt es, wird nichts weiter reformiren, als Indien. Für Indien hat man das Zollmaß der Größe für Rekruten erniedrigt und das Kaufgeld erhöht. Die Werbeofficiere lassen Geld und Bier und Schnaps fließen in den Kneipen, um Lust zu machen und gut zu kaufen. Bekommen sie doch auch noch für jede Quantität eingelieferte Waare Extra-Prämien. Man dachte sogar an Soldatenwerbung unter den Negern in Afrika für Indien. Alles für Indien und für die deutschen Philister, die wenigstens an Sonn- und Feiertagen ihr Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei haben wollen. Das Schlimmste scheint in Indien überwunden zusein. Scheint! Das Schlimmste kommt noch, die Reform! Sie liegt dem Parlamente zwar fix und fertig als Regierungs-Recept vor, aber sie muß erst parlamentarisch durch friedliche Interessen hindurchfiltrirt und dann auch den Indiern eingeimpft werden, diesen still wüthenden, zerfleischten, gegen Engländer todfeindlichen, in die verschiedensten Racen, Völker, Religionen, Stände, Classen und Kasten zerklüfteten, unverstandenen, fernen, verschlossenen, versteckten, unheimlich brütenden und lauernden Bewohnern ungeheuerer Ländermassen. Wie will die Reform den tiefgewurzelten Verhältnissen dieser Völker, ihrem furchtbaren Feudalismus zwischen Zemindar’s und Ryot’s (aristokratischen Grundeigentümern und Pächtern), ihrem Muhamedanismus, Brahmaismus und Buddhismus (in verschiedenen Secten) beikommen? Von alle dem ist in der Reform gar nicht die Rede. Es ist blos eine andere, problematische Reform des Formalismus, mit welchem Engländer Indien beherrschen sollen. Von inneren Verbesserungen weiß man auch nichts. Die allerwesentlichste wird nur beiläufig außerhalb des Parlaments von Zeitungen vorgeschlagen – die Erziehung des weiblichen Geschlechts in Indien. Napoleon sagte schon ganz richtig, daß das Wohl und Wehe der Länder und Völker von Frauen, Müttern, Erziehung des nachwachsenden Geschlechts und nicht von Diplomaten abhänge. In Indien haben die Eingebornen seit Jahrhunderten das weibliche Geschlecht ohne Erziehung [298] und Schule verwahrlost, die Hindu’s noch mehr, als die Muhamedaner, und die Engländer haben zwar ein „Jung-Indien“ geschaffen aus männlichen Individuen, aber keine jungen Mädchen und Frauen dazu, so daß das englische „Jung-Indien“ an den Frauen zu Grunde geht.

Jung-Indien ist eigentlich blos Jung-Bengalen, denn auf Bengalen beschränkt sich diese „Reform.“ Jung-Bengalen besteht aus jungen, brahminischen, reichen Hindu’s, die englische Regierungsschulen besuchen und daraus hervorgegangen sind. Es ist kein einziger Muhamedaner darunter. Diese hassen alles Christenthum und besonders Englischthum heißer, hartnäckiger als je. Miß Martineau erzählt in ihrer Geschichte Indiens, wie die jungen Muhamedaner in ihren Schulen alle Tage im tödtlichsten Hasse gegen Christen- und Englischthum unterrichtet werden.

Die Regierungsschulen der ostindischen Compagnie, theils Gymnasien, theils Universitäten, beschränken sich deshalb auf elastische, schlanke, empfängliche, listige, aristokratische junge Hindu’s. Sie lesen Shakespeare, Milton, Byron u. s. w., lernen einige Elementar-Wissenschaften und lassen sich dann anstellen. Das ist ihr Wissenschaftstrieb, d. h. sie lernen eigentlich nichts und bleiben außerdem Hindu’s, deren Bildung nur dazu dient, sie zu Sclaven und Opfern ihrer höheren Civilisation zu machen. Sie fahren oder schweben in Sänften in die prächtigen Säle der Hindu-Universität zu Calcutta, werfen sich auf seidene Kissen und hören zu, was der Professor sagt. Dann fahren oder schweben sie wieder fort zu luxuriösen Mahlen, in parfümirte Bäder, zu tanzenden Bajaderen mit Wein, seidenen Kissen, Gesang, Schwelgerei, Lust und Liederlichkeit! Alle sind verheirathet, sechzehnjährige Bengels mit elf- bis zwölfjährigen Mädchen, die zu Hause eingeschlossen sitzen bleiben, sich putzen und rauchen und durch ihre Stupidität den Mann desto schneller und länger von sich forttreiben, je civilisirter und emancipirter er durch die „Universität“ geworden. Die Köpfe und Herzen dieser Frauen sind öde, öde Wüsten, oft schön von außen, aber inwendig leer, leer, leer, roh listig, eifersüchtig auf ihre Colleginnen (denn Alle haben mehrere Frauen), träge, unbeholfen, nach Tabak stinkend, gelbzähnig, faltig und alt und welk im siebzehnten Jahre, Vogelscheuchen gegen die durch Tanz und Uebung und Umgang, Leben und Reisen frisch und graciös gewordenen mit denen denn auch Jung-Bengalen seine Abende zubringt, statt in seinem öden Harem zu Hause. Jung-Bengalen hat durch die englischen Regierungsschulen seine Götter verloren und keinen Gott, nicht einmal den der Wissenschaft und der moralischen und intellectuellen Kraft, bekommen: es sind Atheisten. Die Frauen zu Hause erscheinen ihnen wie Wahnsinnige in einer fieberischen Masse von Götterbildern und wahren Augiasställen von Aberglauben. So ist das öffentliche und Privatleben dieser jungen Hindu’s, auf welche die Engländer ihre Hoffnungen bauten, demoralisirt, zerrissen und verwahrlost durch und durch. Man hat bei dieser „Reform“ nicht an die Frauen gedacht.

Hier ist ein Harem eines solchen Jung-Bengalen, von einem Indier gemalt. Das Original, im Besitze des Prinzen Soltykoff, ist photographirt und danach in Holz geschnitten worden, wie wir es vor uns sehen. Sechs schöne Frauen eines jungen Bengalen in ihrem „Zenana“, worin sie ihr Leben, ärger verschlossen, als die der Muhamedaner, verkauern, verputzen und verrauchen. Einige tragen Ringe mit Diamanten in der Nase, wie dies in einer bestimmten Gegend noch Mode ist. Die beiden ohne Ringe sind Brahminentöchter Bengalens.

Ihre Zenana’s oder Gefängnisse bestehen aus leeren Wänden ohne Meubles. Sie kauern auf dem Boden herum, thun, denken und fühlen nichts und rauchen starken Tabak oder Opium dazu.

Zur Abwechselung kratzt diese oder jene sich einmal in den Haaren oder auf einer verstimmten Guitarre. Sie wurden von dem Manne unter bestimmten Ceremonien gekauft, damit er seinem Range und Stande und Reichthume gemäß sagen könne: Ich habe so und so viel Frauen, wie bei uns der Bauer nach der Menge seiner Pferde und Kühe für reicher oder ärmer gehalten wird. Nur daß diese Frauen nichts produciren, nicht einmal Kinder, die, wenn sie sich in einzelnen Fällen einstellen, weder einen liebenden Vater, noch eine zarte, mütterlich weise und gefühlvolle Mutter keimen lernen und zwischen dem entnervendsten Aberglauben und der Demoralisation väterlicher Civilisation elendiglich aufwachsen. An Jung-Bengalen sehen die Engländer nun, woran es fehlt: an Frauen und Müttern. Engländer, die Indien kennen, sehen dies ein, aber die indische Reform-Bill weiß noch nichts davon. „Erzieht das weibliche Geschlecht!“ rufen die wirklichen Reformer. Dieses ist aber verschlossener, als die Casse des echten Hindu. Wohl dem, der zu Hause säet und erntet und nicht, wie die Engländer, die Existenz der Heimath von solchen fernen, vergrabenen Schätzen abhängig machen muß!




Sclavenleben in Nordamerika.
Zweiter Artikel.

Die Sclaven-Aufseher leisten in der Führung der Peitsche oft mehr, als der geschickteste Pistolenschütze, der das Licht zu putzen versteht, ohne die Flamme auszulöschen. Diese Geschicklichkeit ist aber fast nothwendig zu ihrem Amte, denn wenn sie den Neger wegen Fahrlässigkeit oder Faulheit strafen wollen, so sollen sie ihn so strafen, daß er nicht arbeitsunfähig wird, daß er Nichts an seinem Werthe einbüßt! Ein ungeschickter Hieb könnte ihm das Auge ausschlagen, daß er um Hunderte von Thalern weniger Werth wäre! Ein ungeschickter Hieb könnte ihn auf Wochen in’s Bett und auf die Krankenliste bringen, und würde dem „Herrn“ bedeutenden Schaden zufügen! Das Augenmerk eines „kunstgerechten Peitschers“ (sie heißen in der That „Scientific whippers“, wissenschaftlich gebildete Peitschenführer) geht daher dahin, dem Neger blos die Haut aufzuritzen, ohne ihn arbeitsunfähig zu machen. Das „Hautaufritzen“ verursacht Schmerzen, tolle, wahnsinnige Schmerzen, aber es hindert nicht am Gebrauche der Glieder!

Außer der Peitsche gibt’s natürlich noch andere Strafarten. Sie werden aber selten angewandt, außer bei wirklichen Vergehen. Manchmal sind diese Vergehen nur Sclavenvergehen, keine allgemein menschlichen Vergehen, allein Vergehen sind’s immerhin, und der Sclave weiß, daß er ein Vergehen begeht. Darunter sind zu rechnen: das Besuchen einer andern Plantage in heimlicher Nacht (oft und viel nur aus Liebessehnsucht, um die erkorne Schönheit eines andern Sclavenbesitzers zu sehen; oft und viel aber auch, um einen Entweichungsfall vorzubereiten), oder das Stehlen eines Bootes, um auf dem nahen Flusse zu fischen oder – durchzugehen. In diesen Fällen – den Entfliehungsversuchen, oder auch den Vorbereitungen dazu, werden Fußeisen und Handfesseln angewandt. Der Overseer nennt diese Instrumente: Jewelry, Geschmeide, denn er ist ein spaßhafter Mann, und weiß seine Torturen mit Witzen zu verschönern. In gewöhnlichen Fällen, bei Diebstahl, Ungehorsam u. s. w. wendet man die Neck-Yokes oder die Stocks an. Die Neck-Yokes oder „Nackenjoche“ sind hölzerne Joche mit eisernen Ringen. Zwischen diese wird der Hals des widerspenstigen oder diebischen Niggers gesteckt, und derselbe wird, trotzdem daß das Joch seine dreißig Pfund wiegt, und trotzdem daß der Körper sich in diesem „Schmuck“ nur mühselig bewegen kann, gezwungen, seine gewöhnliche Arbeit nach wie vor zu verrichten. Die Stocks bestehen aus einem sehr dicken und breiten eichenen Brete, das aufrecht in den Boden gerammt ist. In diesem Brete befindet sich etwa 3½ Fuß vom Boden ein Loch, das groß genug ist, den Hals eines Menschen durchzulassen. Wird nun der Nacken des zu Strafenden mit dem Kopfe hier hinein gezwängt, so muß er natürlich ganz krumm gebückt stehen, und schon dieses „Gebücktstehen“ macht nach kurzer Zeit große Schmerzen. Damit ist aber der Aufseher nicht zufrieden, sondern er bringt im Rücken seines Opfers ein anderes ähnliches Bret an, das mit zwei kleineren Löchern versehen ist. Durch diese zwei Löcher werden nun die Hände des Negers gezwängt, indem ihm die Arme auf dem Rücken gebunden werden. Diese Stellung verursacht außerordentliche Schmerzen, und der Sträfling hält dieselben nur wenige Stunden aus; dann verfällt er in Convulsionen und Krämpfe, die seinem Leben bald ein Ende machen würden, wenn man ihn nicht losschnallte. Dies geschieht jedoch augenblicklich, da man den [299] Sclaven nicht tödten, sondern nur strafen will. Die Stocks werden nur bei Nachtzeit angewandt, und es muß daher ein Sclave bei dem Sträfling wachen, um den Overseer sogleich zu benachrichtigen, wenn die Krämpfe sich einstellen. Zur Nachtzeit aber werden die Stocks angewandt, weil der Neger bei Tage arbeiten muß.

Dies sind die schwersten Strafen, die vorkommen; denn die Erzählungen von anderen härteren Torturen, die hie und da in den Blättern und Parteibrochüren zu lesen sind, beruhen wohl, wenn nicht immer, doch großentheils auf Erfindung. Das Loos der Sclaven ist schon an sich hart genug; die „Antisclavereischreiber,“ die „Abolitionisten“ machen es aber in ihren Beschreibungen wahrhaft haarsträubend. So las ich einmal folgende Philippica:

„Eiserne Halsringe mit Zacken, die in’s Fleisch schneiden, winden sich um ihren Nacken (um den der Sclaven nämlich), schwere Ketten und Gewichte schleppen sie bei ihrer Arbeit auf dem Felde an den Füßen, Glocken und eiserne Geweihe tragen sie an den Kopf geschmiedet. Wochen lang werden sie. Tag und Nacht in Hundeställe gesperrt, wo sie nicht liegen und nicht stehen und nicht sitzen können. Stunden lang haben sie Knebel vor dem Munde, bis sie Schaum speien. Man bricht ihnen die Vorderzähne aus, um sie kenntlich zu machen, und peitscht sie, bis sie eine blutige Masse sind; dann gießt man Salzwasser darüber, und reibt spanischen Pfeffer in die Wunden. Man zerfleischt ihnen den Rücken mit Messern, schlitzt ihnen die Haut auf, und läßt sie von wüthenden Katzen zerreißen. Man hetzt sie mit Bluthunden, schießt sie nieder, schneidet sie in Stücke, oder hängt sie an den Beinen auf, und kitzelt sie, bis sie besinnungslos werden; dann weckt man sie, und schlägt sie, bis sie den Geist aufgeben. Man schneidet ihnen die Ohren ab, sticht ihnen die Augen aus, bricht ihnen die Glieder und brennt sie, bis sie zu Tode geröstet sind.“

Eine solche Behandlungsweise soll die gewöhnliche sein!! Ich für meinen Theil habe nie etwas auch nur halbwegs Aehnliches gesehen, abgesehen davon, daß flüchtige Sclaven mit Hunden verfolgt werden, um ihre Spuren desto leichter aufzufinden. Und daß, wie natürlich bei solchen „Treibjagden“, das Wild, besonders wenn es sich widersetzt, oft und viel sein Leben einbüßt oder, wenn lebendig gefangen, schwer mißhandelt wird, kann man sich denken. Dagegen liegt bei obigen Behauptungen die Lüge so auf platter Hand, daß wohl weiter kein Wort darüber zu verlieren sein wird. So handelt Niemand gegen einen Esel, einen Ochsen, ein Pferd, und ein Sclave hat zehn und zwanzig Mal so viel Werth! Wohl mag in der ersten Wuth schon manche Grausamkeit vorgekommen sein, aber – Mord an einem Sclaven wird mit Tod gestraft, und Niemand in der Welt ist so thöricht, daß er sein Eigenthum bei kaltem Blute vernichtet!

Im Gegentheil, die Sorge für die Sclaven ist groß, nicht etwa aus Menschlichkeitsgefühl und Mitleid, sondern weil der Sclave der Reichthum, das Vermögen des Südländers ist.

Im Süden werden jährlich über 2000 Millionen Pfund Baumwolle erzeugt, und ein gesunder Sclave im besten Alter trägt daher jährlich 350–450 Dollars ein. Bei den Zuckerplantagen ist der Ertrag eines Sclaven noch höher, oft bis zu 600 Dollars. Sollte der „Herr“ den Sclaven arbeitsunfähig zu machen suchen? Im Gegentheil, der Aufseher, der nicht für des Sclaven Leibesnothdurft so gut als möglich sorgt, hat einen bösen Stand. Bei der geringsten Kleinigkeit wird nach dem Doctor und Apotheker gesandt, und nie wird der weiße Arbeiter im Norden im besten Spitale so viel Sorgfalt auf sich verwendet sehen, als der Nigger im Süden. Und – ist es nicht eine bekannte Thatsache, daß der erwachsene kräftige Sclave seine fünfzehnhundert und noch mehr Dollars kostet? Sollte ein solch’ werthes Leben nicht gespart werden? Ist es vernünftig, zu glauben, daß es bei den Sklavenhalters Regel sei, Eigenthum von solchem Werthe zu Tode zu peinigen? – Wie es aber mit den erwachsenen Sclaven gehalten wird, so auch mit den jugendlicheren, denn mit dem vierzehnten Jahre ist ein männlicher, und mit dem zwölften ein weiblicher Sclave bereits seine tausend Thaler Werth. Nur die Alten und Gebrechlichen werden als unnützes Möbel behandelt; aber diese geben keine Veranlassung zur Strafe. Sie wissen, daß sie das Gnadenbrod essen, darum suchen sie auch nicht zu entfliehen; sie sind nicht widerspenstig, sie werden daher selten oder nie die Peitsche zu kosten bekommen. Darum ist es auch eine constatirte Thatsache, daß auf Cuba die Sterblichkeit unter den Sclaven eine doppelt so starke ist, als in den Vereinigten Staaten, weil sie dort über die Maßen angestrengt, hier aber geschont werden. Dort kann man die Todten durch den Ankauf „frisch importirter Waare“ ersetzen, in Nordamerika nicht, seil das Importiren von Negern aus Afrika streng verboten und verpönt ist. Das ist der Unterschied!

Würde für die sittliche und geistige Ausbildung des Negers so viel oder nur halb so viel gethan, wie für sein körperliches Wohlbefinden, so wäre der Nigger so übel nicht daran. Allein für das Erstere geschieht wenig oder gar nichts. Von Schulunterricht ist keine Rede. Kein Nigger, der auf einer Plantage arbeitet, soll lesen und schreiben lernen. Er könnte sich ja sonst selbst einen Paß schreiben und damit durchgehen! Ein Sclave muß nämlich, wenn er irgendwohin außerhalb der Plantage gehen will, von seinem Herrn oder dessen Aufseher einen Paß haben, als Beweis, daß er das Recht hat, vom Hause abwesend zu sein. – Von Lesen und Schreiben ist keine Rede, wohl aber vom Kirchengehen. Dem Plantagenbesitzer ist es zwar hierbei wohl auch nicht um das Seelenheil dieser „schwarzen Satanskinder,“ wie er sie heißt, zu thun, aber darum ist es ihm zu thun, daß seine Sclaven zu Gehorsam und Unterwürfigkeit ermahnt werden. Und von was predigt nun der Geistliche? Vom Esau predigt er, und wie ein Esau sein Erstgeburtsrecht verspielt habe! Die Neger aber sind nach seiner Darstellung die Nachkommen Esau’s, und demnach zu Sclaven geboren!

So wird die Bibel benutzt, um den Niggern den Segen der Sclaverei begreiflich zu machen, und nie fehlt es in einer solchen Predigt an Lobpreisungen der Güte des Plantagenbesitzers. „Läßt er ihnen (den Sclaven) doch das Leben, und gibt ihnen Nahrung und Kleidung. Straft er sie ja doch nur wie ein Vater seine Kinder, wenn sie ungehorsam und böse sind, und läßt ihnen sogar ihr Vergnügen, wenn sie lieb und folgsam waren!“

Und nicht eine Secte des in Amerika so sehr in Parteien zerfallenen Christenthums ist da, die nicht denselben gleißnerischen Predigtton anstimmte; im Gegentheile, der Anglicaner predigt dieselbe scheinheilige Lüge so gut, als der Methodist, und der Presbyterianer so gut, als der Unitarier, natürlich – ein Geistlicher, der so predigt, wird zur Tafel des „Edelherrn“ gezogen; Einer, der anders spräche, würde mit Hunden von der Plantage gehetzt; aber zur Ehre der Menschheit muß ich es sagen, es hat doch auch schon solche Männer gegeben, die so sprachen, daß sie mit Hunden fortgehetzt wurden. Sie sprachen so mit Gefahr ihres Lebens!

Auf diese Art leben, halb Thier, halb Mensch, mehr als 2,500,000 Neger im freien Amerika, drei Viertheile der ganzen Sclavenbevölkerung. Das letzte Viertheil, die andern 700,000 von den 3,200,000 Sclaven, die Nordamerika im Ganzen hat, gehören einer andern Abtheilung der Sclaverei an, der Abtheilung der „Haussclaven“ und der „ausgemietheten Sclaven.“

Die Sclaven, die am schlechtesten daran sind (in körperlicher Beziehung nämlich, die geistige ist bei allen so ziemlich gleich vernachlässigt, obgleich einige Besserung bei den höhern Classen, besonders den „ausgemietheten Sclaven“ zu bemerken ist), sind die Feldsclaven auf den Zucker- und Baumwollenplantagen, und darum sind es auch diese Sclaven, bei denen die meisten Desertionen vorkommen. Unter hundert Flüchtlingen sind immer neunzig von Zucker- und Baumwollenplantagen! Am zweitbesten daran sind die Sclaven der Staaten, die schon zu kalt sind, als daß Reis, Zucker und viel Baumwolle fortkäme. Sie sind halb Haus- halb Feldsclaven, d. h. diejenigen, die am meisten Aehnlichkeit mit weißen Knechten haben. Die dritte Classe bilden die „Haussclaven im engeren Sinne, und die vierte die „vermietheten Sclaven.“

Im ganzen Süden Amerika’s kennt man keinen weißen Diener, keine weiße Dienerin. Der Weiße müßte sich vor Scham verkriechen, der sich so weit heruntergäbe, einen andern „seines Gleichen“ zu bedienen. Ja, die „weiße Herrin“ und der „weiße Herr“ könnten sich gar nicht darein finden, von weißen Händen Dienste anzunehmen, die sich nach südlichen Begriffen „für den Freien nicht ziemen.“ So besteht die ganze Dienerschaft eines Hauses aus Sclaven. Der Bauer (Farmer) in Kentucky freilich braucht nicht viel Dienerschaft und er wird daher von seinen Sclaven keinen einzigen zum förmlichen Kammerdiener machen. Nein, er verwendet auch seinen persönlichen Diener auf dem Felde und bedient sich zur Noth höchst eigenhändig.

Aber der gräfliche Plantagenbesitzer! Nicht blos er hat seinen [300] Lieblingsdiener, auch die Frau hat einen, eben so die Tochter und der Sohn. An schwarzen Kammerzofen, Bedienten für die Gäste ist eben so wenig Mangel und die Aufwärter bei Tische sind natürlich ebenfalls alle schwarz. Es ist eine kleine Hofhaltung, nur daß alle Aemter und Aemtchen von Negern ausgefüllt sind. Natürlich gestaltet sich das Schicksal des Sclaven, der bei seinem Herrn den Kammerdiener spielt, oder der Sclavin, die als Kammerfrau fungirt, ganz anders, als das Loos des Feldsclaven, welchen der Herr kaum sieht und um den er sich auch nie bekümmert. Den Feldsclaven kauft der Herr, wenn er ihn braucht, und verkauft ihn, wenn er ihn nicht mehr braucht. Er betrachtet ihn blos vom Standpunkte der „Nützlichkeit“ aus; deshalb preßt er auch so viel „Nutzen“ aus ihm heraus, als irgend möglich ist. Ueberdies steht der Feldsclave nur mittelbar unter dem „Herrn“, unmittelbar aber unter dem Sclavenaufseher und seiner grausamen Ruthe.

Ganz anders der Haussclave. Er bekommt seine Befehle unmittelbar von seinem Herrn; er hat es nur mit diesem zu thun, der sich doch jedenfalls unter die „Gebildetsten“ der amerikanischen Union rechnet und auch fast ohne alle Ausnahme darunter zu rechnen ist. Er ist in steter, unmittelbarer Berührung mit dem „Herrn“, der „Frau“, der „Tochter“, dem „jungen Herrn“ und den „Gästen“. Seine Behandlung ist daher eine ganz andere, weil seine Stellung eine andere ist. Der „Herr“, die „Frau“, die „Miß“ (das Töchterlein des Hauses) stehen auf vertrautem Fuße mit ihm; er hört Alles, was gesprochen wird; er sieht Alles, was in der Familie vorgeht; er ist der vertraute Diener, wächst mit dem jungen Herrn auf, wie sein Vater mit dem alten, und lebt und stirbt mit ihm. Durch ganze Generationen hindurch gehören sie zu einander. Dadurch entsteht ein ganz anderes Verhältniß; der Herr und die Dame des Hauses haben sich an ihre „Diener“ gewöhnt, sie können sie kaum mehr „entbehren“; der Sclave oder die Sclavin betrachtet sich aber als „zur Familie gehörig“. Der Haussclave oder die Haussclavin sind also weniger Sclaven als Kammerdiener oder Kammerfrau, und daher kommt es, daß eine Anhänglichkeit zwischen „Herrn und Sclave“ entsteht, die im freien Norden Amerika’s (und ohnehin im freien Europa) gar nicht begriffen wird. Man hat Hunderte von Beispielen, daß ein solcher Haussclave von den „Abolitionisten“ (den Feinden der Sclaverei und den Freunden einer alsbaldigen, wenn auch gewaltsamen Befreiung der Nigger) freigemacht wurde und nun thun konnte, was er wollte, daß er aber nichts Besseres zu thun wußte, als sich bald wieder unter die Botmäßigkeit seines früheren Herrn zu begeben. Freiwillig und mit Lust und Freude kehrt er in die Gefangenschaft zurück, die ihm eine liebe Heimath ist. In der That hat es auch der Haussclave in materieller Beziehung meist weit besser, als der freie Diener des freien Herrn in den freien Staaten. Seine Arbeit ist gering, fast für Nichts anzuschlagen, sein Essen und Trinken ist gut, seine Behandlung sanft, vertraulich. Es fehlt ihm die abstracte, die theoretische Freiheit, aber die praktische Freiheit, das praktische Wohlergehen hat er in vollem Maße. Von Strafe oder gar von körperlicher Mißhandlung ist selten oder nie die Rede, und wenn eine Strafe nöthig ist, so verhängt sie der „Herr“ selbst und dieser züchtigt mit „gebildeten“ Händen. Die härteste Strafe für einen Haussclaven ist daher die, zu den Feldsclaven verstoßen zu werden. Es ist ihm dies so viel, als den Russen eine Verbannung nach Sibirien, es ist sein Tod. Selten aber kommen solche „Verstoßungen“ oder gar vollends „Verkaufe“ von Haussclaven vor, nur bei wirklichen Verbrechen (Diebstahl u. dgl.). Im Gegentheil, die ganze Familie des Haussclaven, vom Jungen bis zum Greise, vom lallenden Mädchen bis zur alten Matrone, die vielleicht die „Herrin des Hauses“ vor vierzig Jahren auf den Armen getragen, – Alles wird als „unveräußerliches Gut des Herrenhauses“ betrachtet. Es ist der Stolz des Sclaven so wie des Herrn, daß ihre Großväter schon einander angehört haben. Was bekümmert sich ein solcher Sclave um die ideelle Freiheit? Er hat gar keinen Begriff davon.

Anders steht es mit dem „ausgemietheten Sclaven.“

In den Städten des Südens (nicht auf dem Lande, den Plantagen, denn ein Mittelding zwischen Pflanzung und Stadt, also ein Dorf, gibt es nicht) leben viele Reiche, die ihr Vermögen in „Sclaven“ stecken, gerade wie ein Stallmeister sein Geld in Pferde steckt. Der Stallmeister hält die Pferde nicht, um selbst darauf zu reiten, – dazu braucht er blos eins, höchstens zwei, – sondern um sie auszuleihen. Gerade so macht es der städtische Sclavenhalter auch. An Leuten, die Sclaven miethen, ist aber nie Mangel. Im Süden gibt es, wie schon oben bemerkt, keine weißen, keine freien Diener. Der Weiße würde sich brandmarken, wollte er sich zu einem solchen Dienste hergeben. Darum sind in einem Hotel z. B. alle Bedienstete – Sclaven; die Köchin ist’s eben so gut, als der Aufwärter bei Tische, die Weißzeugverwalterin, wie der Zimmerkellner. Ja, der Oberkellner sogar ist ohne Ausnahme ein Schwarzer. Eben so ist’s in den Kaufläden, an den Werften, in den Docks und überall. Der Nigger und die Niggerin ist’s, welche die „Dienstarbeit“ verrichten. Somit fehlt es nie an Leuten, welche auf kürzere oder längere Zeit eines „gemietheten Sclaven“ bedürfen. Versteht dieser „Miethling“ ein Handwerk, z. B. das Schmiedehandwerk, oder ist er ein gelernter Barbier, Schreiner u. dgl. so ist er noch mehr gesucht als einer, der blos „arbeiten, dienen oder lasttragen“ kann. Man zahlt für solch’ einen gemietheten Sclaven, je nach seiner Tüchtigkeit, so und so viel per Tag, per Woche, per Monat. Diesen Gehalt zieht der Sclaveninhaber an sich und nicht selten steht sich der „Herr“ bei dieser Manipulation sehr gut, da ein geschickter Sclave fast nie unter dreißig bis vierzig Thalern nebst freier Station verdient. Damit aber der Sclave einen Impuls habe, fleißig zu sein und immer geschickter zu werden, nimmt ihm sein Herr nur eine gewisse, im Voraus unter ihnen abgemachte Summe ab, und den Ueberverdienst darf der Sclave einstecken. Der Herr hat das vollkommenste Recht, Alles zu nehmen, was der Sclave verdient, aber wenn er dies thäte, würde meist der Sclave am Ende lässig werden. Würde er sich bestreben, ein Uebriges zu thun? Es liegt daher nicht nur in der Billigkeit, sondern sogar im Vortheil des Herrn, dem Sclaven einen Theil des Verdienstes zu lassen. Ja oft macht er auch einen Contract mit seinem Sclaven und seiner Sclavin, daß sie ihm jährlich so und so viel abzuliefern haben, alles Uebrige aber einstecken dürfen; dabei ist dann dem Sclaven gänzlich freigestellt, zu treiben, was er will, sich nutzbar zumachen, auf welche Art es ihm gutdünkt, natürlich unter der Bedingung, daß das Geschäft, das er treibt, in der Stadt ist, denn die Stadt darf er unter keinen Umständen verlassen. Diese Art von Contract ist die größte Aufmunterung für die Nigger, so viel als möglich zu arbeiten, um so viel als möglich für sich zurücklegen zu können. Ein solcher ausgemietheter Sclave ist also in gewissem Sinne sein eigener Herr. Er hat eigenes Vermögen und kann dieses nach Belieben zu seinem Vortheil, auch zu seiner Loskaufung (der Preis der Sclaven ist bei solchen Contracten immer im Voraus festgesetzt) verwenden. Jedes Jahr weiß er, wie viel Zeit er noch arbeiten muß, um frei zu sein, und nicht selten reichen fünf Jahre hin, um dieses Ziel zu erreichen, wenn der Sclave nur irgend will. Hieraus folgt, daß der „ausgemiethete Sclave“ auf der freiesten Stufe des Sclaventhums steht, denn es bleibt ihm sogar überlassen, lesen und schreiben zu lernen und sich so auszubilden, wie es der Beruf, den er sich erwählt, mit sich bringt. Außer der Geldlieferung an seinen Herrn alle Wochen oder alle Monate, ist er in allen seinen Bewegungen ungehindert, er ist frei, so weit ein Sclave frei sein kann.

Dies sind die verschiedenen Abstufungen der Sclaverei in Amerika. Natürlich aber läßt sich eine genaue Grenzlinie zwischen denselben nicht ziehen. Es kommt zumeist dabei auf den Charakter des „Herrn“, so wie auch des „Niggers“ selbst an, ob die Sclaverei in einem gehässigeren oder milderen Lichte auftritt. Was das Erstes anbelangt, so läßt sich nicht leugnen, daß der „Amerikaner“, d. h. der in Amerika geborne Abkömmling der Anglosachsen ein bei weitem milderer und ruhigerer Herr ist, als der hitzige „Creole“, d. h. der Abkömmling von Franzosen und Spaniern, – romanisches Blut in reiner, unverfälschter Race, aber in Amerika geboren. Noch weniger läßt sich in Abrede stellen, daß, wenn auf einer Plantage der „Herr“ gestorben und die „Herrin“ die Erbin und Herrscherin ist, die grausame Behandlung der Sclaven überwiegend wird. Ich will es dem Leser überlassen, sich den Grund dieser Erscheinung herauszuklügeln; es dürfte nicht allzuschwer sein. Was ich hier zu thun habe, ist, Thatsachen, anerkannte Thatsachen zu geben, nicht Reflexionen. Als Beweis nur zwei Dinge.

[301] Die Sterblichkeit unter den Sclaven im Süden ist fast immer größer, als ihre Selbstfortpflanzungs- und Reproductionskraft. Es kommt dies von der strengen Arbeit in einem glühheißen Klima her. Die „guten Herren“ lassen daher ihre Sclaven unter sich Heirathen nach Belieben und da sie immer mehr Sclaven bedürfen, als bei ihnen geboren werden, so denken sie nicht daran, einen Sclaven zu verkaufen, sondern kaufen im Gegentheile alle Jahre noch mehr dazu. Die Familien der Nigger werden also auf solchen Plantagen nicht getrennt. Darum jedoch bekümmern sich die Creolen wenig. Sie kaufen nützliche Sclaven und verkaufen unnützliche, ganz nach Gutdünken, und kümmern sich nicht ein Jota darum, ob das Kind von der Mutter oder der Gatte von der Gattin wegverkauft wird. Das Folgende ist aber der häßlichste Punkt bei der ganzen Sclaverei. Es betrifft den geschlechtlichen Umgang der „Herren“ mit den Sclavinnen. Man wird selten viel davon hören, wo Amerikaner die Plantagenbesitzer sind; gewöhnlich aber ist er, wo Creolen herrschen. Kommt dann noch dazu, daß Kinder, die aus solchem Umgang entsprossen sind, auf Befehl des eigenen Vaters nicht blos gezüchtigt und gepeinigt, sondern verkauft werden, so sträubt sich das Gefühl des Menschen dagegen, solche Scheußlichkeiten nur zu glauben. Und doch sind sie geschichtlich constatirt! Aber auch constatirt ist’s, durch Acten constatirt, daß die meisten dieser gräßlichen Tragödien nur auf den Pflanzungen der stolzen, heißblütigen und sinnlichen Creolen spielen. Hat doch einstens (wie durch gerichtliche Untersuchung erwiesen) ein solcher Wüstling sich des Umgangs mit den Töchtern seiner Sclavinnen – seinen eigenen Töchtern – gerühmt und wurde dafür von seinen über solche Niederträchtigkeit wüthenden Nachbarn so behandelt, wie Origenes sich selbst behandelte.

Als Beweis für die Grausamkeit der Frauen gegen ihre Sclaven führe ich hier nur ein Beispiel an, obgleich es deren Hunderte gibt. In Neworleans lebte vor wenigen Jahren eine Creolenwittwe. Als sie starb, fand man die Gebeine von fünf männlichen Sclaven, die im Souterrain ihres Hauses begraben waren. Es wurde gerichtlich erwiesen, daß sie vorher ermordet, auf Befehl der Herrin ermordet wurden, die ihres Umgangs überdrüssig geworden war und ihre Schande nicht laut werden lassen wollte. Doch genug! Zum Glück sind solche Beispiele so selten und werden selbst von Sclavenbesitzern mit solchem Abscheu betrachtet, daß man sie nicht als nothwendige Folge der Sclaverei, sondern einfach als Tollhausgeburten eines verbrecherischen Wahnsinns ansehen kann. Kommen doch hier und da im freien Europa ähnliche Schändlichkeiten zum Vorschein, wobei die Schlachtopfer freie Weiße, statt halbschwarze Nigger sind.

Nun noch ein Wort über den Charakter des Niggers. Er ist ein glückliches Gemisch von Fröhlichkeit, Aberglauben und Eitelkeit. Für den Aberglauben ist der Neger vielleicht nicht verantwortlich, denn der Weiße zieht ihn mit Absicht nicht aus demselben heraus. Wird ihm auch alle Sonntage vorgepredigt, so kann doch dieses Christenthum, das ihm da gelehrt wird, ihn unmöglich aufklären. Im Gegentheil, eben diese auf seine Sinne berechneten Predigten bestärken ihn nur in seinem Aberglauben. Allerdings ist sein Glaube nicht mehr der reine Fetischglaube, den seine Ahnen hatten, sondern es sind nur noch Bruchstücke desselben, aber in schöner Amalgamation mit den europäischen Sagen von Zauberern und Hexen; sein Gemüth ist viel zu kindlich, um sich über diese geistigen Schranken erheben zu können. Mit seinem kindlichen Gemüthe hängt aber auch seine Fröhlichkeit, sein Leichtsinn zusammen. Singen und Tanzen ist seine Liebhaberei. Wenn Samstag Abends die Wochenarbeit zu Ende ist, dann versammeln sich die Sclaven alle vor einem Hause ihres kleinen Dörfleins; einer holt das Bagno, ein Mittelding zwischen Guitarre und Cither, und nun beginnt das Tanzen. Ei, wie wird da gejubelt! Alle früher erlittene Unbill ist vergessen und die Lustigkeit steigert sich oft bis zur Tollheit. Den Nigger kümmert nicht das „Gestern“, ihn kümmert nicht das „Morgen“. Was geht ihn die Zukunft an? Sein Herr hat für ihn zu sorgen. Was hat er um Kleider und Essen sich zu bekümmern? Das ist Alles Sache seines Herrn. Er ist der Mann der Gegenwart und diese sucht er sich so angenehm als möglich zu machen. Darum benutzt er alle und jede Gelegenheit, sich vergnügt zu machen, er mag Feldsclave, Haussclave oder vermietheter Sclave sein. Sein Hauptvergnügen aber besteht darin, sich zu putzen. Die Eitelkeit ist seine Hauptpassion, sie geht ihm über Alles, und nicht selten, ja meistens, verwendet der „vermiethete Sclave“ seinen ganzen Ueberverdienst in – schöne Sachen und eitlen Tand, statt an den Erwerb seiner Freiheit zu denken. Der Aufputz eines Niggers, besonders am Sonntag, ist in der That spaßhaft. Wo möglich trägt er schwarze Hosen und einen schwarzen Rock, dazu eine weiße Weste, ein schneeweißes Hemd mit weitvorstehendem Jabot, einen thurmhohen, runden schwarzen Hut, besonders aber eine weiße Cravatte mit breiter Masche und immense, himmelanstrebende, bocksteife Vatermörder, zwischen denen die Rollaugen wie zwei Feuerrädchen herauslugen; dazu wo möglich noch ein leichtes Spazierstöckchen, Ringe in den Ohren und hellgelbe Glacehandschuhe. So ist der Anzug vollkommen und er stolzirt einher, wie ein kalikutischer Hahn, und bildet sich ein, der Nobelste der Erde zu sein.

Gerade so halten’s auch die Niggerdamen, nur lieben sie statt „schwarz“ – „bunt“. Oft und viel kann es begegnen, daß man einer vorausgehenden Dame nachläuft, die in einem rothen, enganschließenden Spencer einhergeht, mit blauem, faltenreichem, ausgepolstertem, schwerseidenem Oberkleide, in weißem Atlashute mit schwankenden Federn, auf leichten, zierlichen Stiefelchen, das feinste Musselintaschentuch in der einen und einen elfenbeinernen Fächer in der andern Hand, sich drehend und wendend, wie eine kokette Pfauhenne, und wenn man dann im schnellsten Schritte vorangeht und sich umdreht, um die üppige Schönheit auch im Gesicht zu betrachten, so sieht man sich ein paar schwülstigen Lippen, einer platten Nase und einem Unterkiefer gegenüber, wie ihn kein Schwein hervorstehender und rüsselartiger aufweisen kann. Doch nicht immer war es eine „Niggerin“, d. h. eine Schwarze im vollsten Sinne des Wortes. Oft ist’s auch wohl ein Wesen, so voll und rund, so üppig und lüstern, wie kein zweites unter der weißen Race zu finden. Aber dann ist’s ein Mischling von Schwarz und Weiß schon in der vierten Generation, eine Quadronin. Die Haare sind nicht mehr wollig, die Nase nicht mehr platt, die Farbe nicht mehr schwarz. Es ist ein mattes Weiß, weißer Holzasche ähnlich, es sind feine gelockte Haare, es ist ein lächelnder Mund mit kußeinladenden Lippen, es ist ein Auge, welches das kälteste Herz durchbohrt, es ist eine Körperform, die einer Venus oder Juno entnommen zu sein scheint. Und doch ist sie eine Sclavin und ein Hauch ist über ihr Gesicht verbreitet, der die Abkömmlingin vom Negerstamme im Augenblicke verräth, – ein Hauch, der sich nicht verwischen läßt, und wenn noch vier Mischungen und vier Generationen darüber gehen. Und verriethe es die Hautfarbe nicht, so verriethe es ihr Gang, ihr Benehmen, ihr Thun und Treiben; denn auch sie ist lustig bis zur Ausgelassenheit, auch sie ist putzsüchtig über alle Maßen. Ist sie eine „ausgemiethete Sclavin“, so besinnt sie sich keinen Augenblick, wie sie das Geld am leichtesten verdienen kann, welches sie allwöchentlich ihrem „Herrn“ abgeben muß. Und dieser? Was liegt ihm daran, ob’s ehrlich und ehrbar erworbenes oder Sündengeld ist, wenn er nur sein Geld hat! Die Sclavin aber verwendet, was sie mehr verdient, was sie „Ueberschuß“ hat, auf ihren Putz; sie denkt nicht daran, sich loszukaufen. Was liegt ihr an Freiheit, wenn sie seidene Kleider hat! Dies ist Sclavenleben![1]

Th. Gries.


Die neuen Markthallen in Paris.

Eine Lebensfrage für jede Stadt ist das Vorhandensein eines bequem gelegenen und hinreichend geräumigen Platzes, auf welchem die Bewohner alle ihre Lebensbedürfnisse kaufen können. Schon die alten Griechen sorgten deshalb, wenn sie eine neue Colonie gründeten und eine neue Stadt anlegten, ehe Wohnhäuser erbaut wurden, vor allen Dingen für einen Tempel und einen Marktplatz, [302] welcher letztere überdies bei besonderen Gelegenheiten als Versammlungsplatz der Bürger diente. In vielen modernen Städten indes gehören diese Märkte zu den mangelhaftesten Einrichtungen, weil sie entweder zu klein oder von zu geringer Anzahl sind, oder an unpassenden Orten sich befinden, oder weil es an den wünschenswerthen Bequemlichkeiten fehlt, oder weil man von den daselbst Verkaufenden zu hohe Abgaben verlangt. In Bezug auf den letzteren Punkt ist die Einrichtung z. B. in New-York zu empfehlen, welche Stadt nicht nur keinen Gewinn von ihren fünfzehn Märkten zieht, sondern sogar ansehnliche Summen jährlich zuschießt, um dieselben mit allen Bequemlichkeiten für die Käufer und Verkäufer zu versehen.

Die neuen Markthallen in Paris.

Auch in Paris hat seit langer Zeit die Regierung den Marktplätzen besondere Fürsorge gewidmet. Es ist z. B. der Ausspruch Napoleon I. bekannt, daß auch die Armen ihren Louvre haben müßten, und man weiß, daß er den zweckmäßigen Markt St. Sulpice einrichten ließ. Dem jetzigen Kaiser indeß war es vorbehalten, einen Mustermarkt für Paris herzustellen, welcher den Namen der Centralhallen führt. Derselbe befindet sich so ziemlich in der Mitte der Altstadt, in der Nähe der Seine und dicht bei der alten Kirche St. Eustach. Mehr als einmal ist nicht blos das Schicksal der Stadt, sondern des Landes auf diesem historisch merkwürdigen Platze entschieden worden, der z. B. in der großen Revolution das Hauptquartier der herrschenden Partei war, und in dessen unmittelbarer Nähe mehrere Clubs ihre Sitzungen hielten. Auch weiß jeder Leser, welche Rolle die Marktweiber, die da zu verkaufen pflegen, und welche galant „die Damen der Halle“ genannt werden, gar oft gespielt haben. Wie häufig haben die Zeitungen berichtet, daß Deputationen dieser „Damen“ zu dem Regierenden sich begaben, der jeder Zeit bemüht war, sich die Gunst dieser wichtigen Weiber zu erhalten. Auch der jetzige Kaiser macht davon keine Ausnahme.

Der Raum, den die neuen Markthallen einnehmen, beträgt 20,000 Quadratellen, und es stehen auf demselben zehn Hallen oder Markthäuser, die aus Eisen, Holz und Glas gebaut sind. Sie ruhen auf hohlen eisernen Säulen; das Dach ist in regelmäßigen Zwischenräumen durchbrochen und ungeheure Fenster werfen Lichtströme von da hinunter. Um jedes dieser Markthäuser läuft eine steinerne Mauer, welche dasselbe und die darin Verkaufenden von den andern trennt. Das Regenwasser, welches auf das Dach fällt, läuft durch Rinnen in die hohlen eisernen Säulen, und von da in Cisternen, aus denen es heraufgepumpt werden kann, wenn es gebraucht wird. In jedem dieser Markthäuser ist, wie in den Bazaars der Städte des Orients, nur ein Artikel zum Verkaufe ausgestellt. So gibt es denn eins für Fleisch, eins für Wildpret, eins für frische Fische, ein anderes für Gemüse, eins für Butter, Eier und Käse, eins für Geflügel, eins für Blumen u. s. f.

Jede dieser Hallen enthält 280 Verkaufsplätze oder Stände von zwei Quadratellen, und jeder dieser Stände ist von dem andern durch ein eisernes Gitter oder eine hölzerne Scheidewand getrennt. Die Geräthe und Vorrichtungen darin sind verschieden nach den Artikeln, die darin verkauft werden. In den Fischhallen enthält jeder Stand einen kleinen Teich, in welchem die Fische umherschwimmen, gefüttert und sogar fett gemacht werden können. In andern ersetzen zweckmäßig angebrachte Regale die lästigen Körbe und Fässer.

Die Markthäuser oder Hallen haben eine kreisrunde Form, und durch jedes laufen zwei Straßen, die einander in der Mitte des Baues kreuzen. Genau im Mittelpunkte des Ganzen steht ein Brunnen, der aber nur fließt, wenn man an einer daran befindlichen Feder drückt damit unnöthige Wasserverschwendung verhütet wird, und auch die Luft in den Gebäuden nicht zu viel Feuchtigkeit aufnimmt. Wer Wasser haben will, kann es in Ueberfluß erhalten; wird keines gebraucht, so ruht der Brunnen. Ferner ist in der Einrichtung dieser Mustergebäude bemerkenswerth, daß die Temperatur darin im Sommer mehrere Grade niedriger und im Winter höher ist, als die Atmosphäre draußen, eine Wohlthat, welche allgemein, am meisten aber von den Fleischverkäufern, geschätzt wird.

Das Allermerkwürdigste der Centralhallen aber ist das Geschoß unter der Erde. Hier befindet sich nämlich noch ein Markt, so geräumig, als die zehn Hallen oben. Auch da gibt es eine große Anzahl Verkaufstände und es werden bedeutende Geschäfte hier gemacht. Dieser unterirdische Markt erhält immer frische Luft durch sinnreich angebrachte Ventilationsmaschinen, während ungeheuer [303] große Fenster mehr Licht als nöthig zulassen. Trotzdem ist der Markt, der auch da abgehalten wird, nicht die Hauptsache: es befindet sich nämlich ein Bahnhof hier, wo fast ununterbrochen Eisenbahnzüge ankommen und abgehen und von wo Massen von Menschen und Vieh in die oberen Regionen sich hinaufdrängen. Alles lebende Schlachtvieh, wie alles Geschlachtete, das für den Markt bestimmt ist, kommt vom Lande auf dieser Eisenbahn hier an, welche vor der Barriere der Stadt in einen Tunnel hinein und unter Straßen und Häusern hinweg zu dem Markte geht. In Folge dieser zweckmäßigen Einrichtung werden die Straßen von Paris niemals durch Rinder- oder Schafheerden versperrt, die für die Schlachtbank bestimmt sind. Auch sieht man nie auf den Straßen Wagen und Karren, die mit Fleisch beladen sind, wie es in andern Städten der Fall ist.

Mit diesem unterirdischen Bahnhofe steht eine große Grube in Verbindung, welche alle Abgänge von dem Markte oben, Blut u. s. w. aufnimmt. Die Metzger, Federviehhändler, u. s. w. werfen Alles, was bei ihnen abfällt, in diese Grube, so daß es augenblicklich verschwindet und weder das Gesicht, noch den Geruch beleidigen kann. Verloren geht indeß nichts davon. Es stehen immer Männer bereit, welche das Herabfallende in Gefäße schaufeln, in denen es nach kurzer Zeit zu Niederlagen außerhalb der Stadt befördert wird, die es als Dünger an die Landleute verkaufen. Auch sind diese Abgänge, seit die Ackerbauwissenschaft in Frankreich Fortschritte gemacht hat, so außerordentlich gesucht, daß sie, selbst wenn man sie in doppelt so großer Menge besäße, zu lohnenden Preisen verkauft werden könnten.

Das Vorstehende dürfte wohl genügen, um die Zweckmäßigkeit der Einrichtung dieser Markthallen darzuthun; aber nicht diese Zweckmäßigkeit allein empfiehlt sie, denn sie gehören auch zu den elegantesten und schönsten Bauwerken der Stadt, die an dergleichen bekanntlich reich ist.




Der Schlehdorn.
Ein Philister.

Wer ihn kennt, auch dann kennt, wenn die Blätter den lauernden Dorn verdecken, der geht ihm aus dem Wege, denn Jedermann fürchtet sein heimtückisches Zerren am Kleide, welches ihm der Wind schadenfroh in das Garn treibt. Und dennoch gibt es im Jahre eine Zeit, wo wir Alle erwartungsvoll nach ihm blicken, wo wir den vom Spaziergange Heimkehrenden fragen: „Blüht der Schlehdorn noch nicht?“ Und wenn wir dann selbst hinausgehen und sehen schon von Weitem, daß das schwarzbraune Verhau seines steifen Gezweiges sich mit dem lockeren Blüthenschnee zu umweben beginnt, dann athmen wir freier, als fühlten wir uns nun erst von der letzten Fessel des Winters befreit. So erblicken wir in dem Schlehdorn geradehin einen Gewährsmann des Frühlings. Als ein echter Philister mag er nichts auf das Spiel setzen, ist er ein Anhänger der „vollendeten Thatsachen“. Als hätte er ein kostbares Gut zu verlieren, nimmt er nicht eher Antheil an der fröhlichen Revolution des Lenzes, des Sprengers von Millionen Kerkerpforten, als bis diese Revolution ein fait accompli ist. Und auch da lugt er anfangs mit spießbürgerlicher Zurückhaltung aus seinen tausend weißen Argusaugen hinaus in das neue Regiment, ob auch Alles sicher sei. Dann erst nimmt er Theil am junggewordenen Leben; denn die Blättchen seiner Blüthen sind bereits abgefallen, wenn er endlich auch seine grünen Blätter hervortreibt und zu schaffen beginnt für sein „kostbares Gut“, für seinen Beitrag zum Leben. Und was ist dies? – jene ungenießbare Frucht, für deren Geschmack es unserer Sprache an einem Worte fehlt; denn Herb und Sauer sind dafür noch unverantwortliche Schmeichelnamen. Die heiße Herbstsonne, welche den Saft der Trauben zum süßen Moste klärt, vermag nichts über die Früchte des Sauertöpfischen. Unversucht geht der naschhafte Knabe an den dunkelblauen Kugeln vorüber, welche sich an den bereits halb entlaubten Zweigen ihm darbieten. Er kennt sie und fürchtet einen zweiten Versuch. Was aber die Wärme nicht vermag, das erzwingt endlich zuletzt doch noch – der Frost. Wenn beinahe kein Blatt mehr an den Bäumen hängt und längst Niemand mehr nach Früchten sucht, dann verschrumpfen die endlich doch noch genießbar gewordenen Schlehen unbeachtet am kahlen Zweige. Zu spät! – Ja, du bist ein Philister, mein lieber Schlehdorn!

Starr und ungelenk erheben sich deine Glieder nur wenig über den Boden; hundert Mal nimmst du einen Anlauf, um mit freudig grünenden Zweigen wenigstens einen tüchtigen vollen Busch aus dir zu machen – aber hundert Mal fehlt es dir an der Thatkraft des ausharrenden Wollens und deine Vorsätze verkümmern zu kurzen steifen Dornen, ob deren dich alle Welt flieht.

Deine Unnahbarkeit hat dich auch zum Polizeimanne herabgesetzt. Wo man Menschen und Thiere abhalten will, da bist du der verscheuchende Wächter; auf den Wiesen bist du den Schweifenden die Fußangel, die ihn manierlich auf dem Pfade hält, und mit Strohbändern an den Stamm der Obstbäume gefesselt, mußt du deine Dornen den Nasen der Rehe und Hasen fühlbar machen, wenn sie der Hunger treibt, die Rinde abzunagen. Kein Schaf kommt ungerupft am Dornenbusch vorüber, es muß ihm seinen Tribut zahlen; und nachher kommt die Grasmücke und das Rothschwänzchen und sammeln die Wollflocken, um ihre Nestchen damit auszufüttern, welche tief versteckt in dem Schooße des Busches lauschen.

Wie es solch einem zähen Philister gar nicht anders zuzutrauen ist, so behauptet er trotz aller Mißhandlungen seinen Platz mit unverwüstlicher Beharrlichkeit. Alljährlich zum Polizeidienste abgehauen, treibt er alljährlich neue Schosse und dabei krallen sich seine knorrigen Wurzeln, immer weiter ausgreifend, in den Boden und so wird er nach Polizeiart nicht selten seinem Herrn und Meister selbst unbequem, indem er auch dessen Pfleglinge überwuchert und unterdrückt.

Da kommt dann wohl im Frühjahre das Söhnlein desselben heraus an die Dornhecke, wenn deren steifes Gezweig noch unverhüllt dasteht, um sich einen Spazierstock auszuersehen. Es ist eine Kunst, ohne Wunden an Kleid und Händen dem auserkornen, durch seine stramme Geradheit lockenden Schosse an den Leib zu kommen. Er wird aber dann noch nicht abgeschnitten. Der Knabe ist ja erst 12 Jahr und den Stock will er nach der Confirmation bei seinem ersten Gange als junger Weltbürger führen und will auch damit Aufsehen erregen. Ein alter Schäfer hat ihn gelehrt, wie das zu erreichen. Mit kluger Berechnung und ja nicht unterschätzend denkt er sich, wie groß er selbst nach 2 Jahren und wie groß also auch sein Spazierstock sein müsse. Auf diese ansehnliche Länge wird der auserwählte Schoß glatt ausgeästet. Nachdem dies saure Stück Arbeit vollbracht ist, kommt nun des alten Schäfers Kunst. In regelmäßigen Reihen werden den Schoß entlang von unten nach oben geführte, etwa messerrückentiefe Einschnitte gemacht, und allemal etwas aufgeklafft, und es bleibt dem Knaben nur noch eine Sorge – daß ein anderer Knabe den schönen schlanken Stock finden könne, ja finden müsse. Aber wird sich auch des alten Schäfers Kunst bewähren? Er hatte gesagt, die oberen wohlweislich nicht abgeschnittenen Zweige des Schosses würden nun die zwei kommenden Jahre den von ihnen gebildeten Saft unter der Rinde abwärts schicken, und so würde sich aus jedem Schnitt eine wulstförmige Narbe bilden. Der Alte hatte Recht, wie alte Schäfer in ähnlichen Dingen oft Recht haben, denn sie „beobachten.“ Der Knabe wird in zwei Jahren einen recht schönen Stock von dem Schlehdorn erhalten, und von seinen Cameraden viel darum beneidet werden.

Lassen wir uns diesen kleinen Dienst, den der Schlehdorn dem Knaben leistete, auffordern, nachzusehen, ob er nicht auch zu größeren Dienstleistungen fähig sei. Da muß uns ja wohl etwas einfallen, – aber freilich, daran hatten die Wenigsten gedacht. Der Schlehdorn bereitet nicht blos als Wiesenhüter den crinolingeschwellten Damen einen dornenvollen Pfad, sondern auch dem, der vor Allen am liebsten den kürzesten Weg geht – dem fallenden Tropfen. Fällt Euch nun, liebe Leser, der Beruf unseres Dornbusches ein?

Wie die Sonne am Morgenhimmel, so muß Euch jetzt der Ruhm desselben aufgehen. Wer jemals daran gedacht hat – und leider wie Wenige thun das! – die Bedeutung des Salzes durchzudenken, [304] der weiß auch, daß es in Deutschland Orte gibt, wo der Schlehdorn im höchsten Ansehen steht. Viele Tausend Geviertellen „Dornwand“ liefert vorzugsweise er in das Sparrwerk der Gradirhäuser. Zu haushohen Wänden aufgeschichtet, treibt er hier mit Millionen fallender Tropfen der Soole sein neckisches Spiel. Emporgehoben in das Gerinne des Gradirhauses, läuft die Soole aus zahlreichen kleinen Ausgußhähnchen wieder aus als wollte sie in Millionen Tropfen zertheilt auf dem kürzesten Wege zu ihrer unterirdischen Ursprungsstätte zurückkehren. Kaum aber haben sich die diamantblitzenden Tropfen oben losgerungen, als sie sofort von den rauhen Armen der Dornwand wieder aufgefangen werden, und lange dauert es, ehe sie, von einem Dornzweig dem andern zugeleitet, unten ankommen. Viele kommen auch gar nicht mehr hinunter, sondern werden unterwegs von Sonne und Wind aufgezehrt und genöthigt, ihren Salzgehalt als Erbe an diejenigen Tropfen abzugeben, welche sich glücklich durch das Dorngewirr hindurch gearbeitet haben.

Ein sonderbarer Dienst das, den der Dornbusch in der Oekonomie der menschlichen Gesellschaft leisten muß. Aber auch ein großer, ein wichtiger Dienst. Brauche ich ihn erst noch näher zu erklären? Daß er durch Unterstützung der Verdampfung der fallenden Soole diese durch Verdichtung salzreicher macht und dabei von den in der Soole aufgelösten fremdartigen Stoffen reinigt, die sich als dicke krystallinische Rinde auf ihm absetzen, das ist an sich nicht die größte Hälfte seines Dienstes. Wir würden ganze Waldungen verfeuern müssen, wollten wir die ungradirte, d. h. die oft sehr salzarme Soole zu Salz versieden. Die erspart uns der Schlehdorn, und was das sagen will, das weiß der zu würdigen, der im Walde mehr als die Holzquelle erblickt.

Wir sehen nun den philiströsen Burschen mit günstigern Blicken an, und freuen uns doppelt über seinen Blüthenschnee, wenn dieser so unvermittelt um seine blätterlosen schwarzbraunen Zweige zu schweben scheint, und uns sagt: „Der Lenz ist wieder da!“

E. A. Roßmäßler.




Blätter und Blüthen.

Lablache. Daß Lablache auf seiner Villa zu Pausilippo nahe Neapel gestorben sei, wissen die Verehrer dieses großen Sängers. Vorausgesetzt, daß es unter den Lesern dieser Zeitschrift viele gibt, denen das Folgende von Interesse sein möchte, erlaube ich mir, Einiges aus seinem Leben mitzutheilen.

Lablache war im Jahre 1794 in Neapel von französischen Eltern geboren, die sich dort niedergelassen hatten. Sein Talent für Musik gewann ihm bald einen Namen, da er noch Kind war, und Napoleon, der sich für sein Talent interessirt hatte, befahl, ihn in das Conservatorium La pieta de Lurchini in Neapel aufzunehmen. Unter den vielen Anekdoten, die aus seiner Jugend erzählt werden, ist auch folgende der Erwähnung werth, da sie authentisch und für sein Wesen und seinen Charakter besonders bezeichnend ist. Das Conservatorium wollte ein Concert geben, und einer von Lablache’s Cameraden, nicht älter als er, d. h. zwischen dem vierzehnten und fünfzehnten Jahre, sollte die Baßgeige spielen, ein Instrument, für welches sich wenige entschließen, da es eben so schwer als „undankbar“ ist. Drei Tage vor dem Concert wurde der kleine Baßgeiger krank; da aber die Billets bereits verkauft und sonst Alles vorbereitet war, so konnte man füglich keine Verlegung eintreten lassen.

In dieser Verlegenheit begab sich Lablache zu dem Director und bot sich kühn an, die Stelle seines Freundes zu ersetzen. Auf die Frage, ob er die Baßgeige zu behandeln verstehe, erwiderte er:

„Ich verstehe davon gar nichts, denn das Instrument ist mir zuwider; aber da Sie in Verlegenheit sind wegen Beppo Carini’s Krankheit, so will ich seine Stelle ersetzen.“

Der Director lachte über die ihm drollig vorkommende Kühnheit des Knaben.

„Lassen Sie mich es nur versuchen,“ rief der Knabe, nichts weniger als eingeschüchtert durch des Direktors geringes Vertrauen auf ihn.

Der Director gab seine Zustimmung und Louis Lablache zerarbeitete nun die Baßgeige, und zwar mit solchem Erfolge, daß ihn der Director die Stelle seines Freundes einnehmen ließ.

Des Knaben kühnes Unternehmen war inzwischen in Neapel bekannt geworden. Das bei dem Concert gegenwärtige Publicum richtete deshalb unwillkürlich seine Augen auf den Knaben, dessen Instrument viel größer als er selbst war. Doch kühn, als ob er daheim sich übte, strich Lablache seinen Bogen und erntete allgemeinen Beifall. Und so groß wurde das Erstaunen über diese tour de force, daß der Director ihn nach dem Concerte zu sich rufen ließ und ihm den Rath gab, sich von nun an diesem Instrumente zu widmen.

„Bursche,“ rief der Director in seinem Enthusiasmus, „Erfolg ist Dir gewiß, Triumphe erwarten Dich. Niemand wird Dich übertreffen und Reichthum und Unsterblichkeit sind Dein Lohn für Dein Studium.“

„Nein,“ erwiderte Lablache, „ich habe für nichts anderes Talent, als für die Bühne; ich muß ein Sänger werden.“

Doch auf diese Einsprache nahm der Director keine Rücksicht, schickte den Burschen aus der Singclasse und empfahl ihn der Fürsorge des Musikmeisters, der aus ihm einen tüchtigen contra-basso machen sollte. Umsonst wendete der widerspenstige Bursche alle die kleinen Ränke und Pfiffe an, die ein aufgeweckter Knabe gegen Maßregeln ergreift, die ihm als drückende und endlich unerträgliche Tyrannei erscheinen, der Director bestand unerbittlich darauf, er solle ein contra-basso werden. Da endlich nahm Lablache die Gelegenheit wahr und entfloh eines Abends einem Instrumente, für das er nun einmal gar keine Neigung verspürte.

Er begann nun, in den kleinen Theatern der Vorstädte von Neapel zu singen, deren Eigenthümer froh waren, eine so herrliche Stimme für wenige Lire des Tages gewonnen zu haben. Auch Lablache fühlte sich glücklich, endlich der entsetzlichen Baßgeige entflohen zu sein. Aber das Conservatorium war nicht gemeint, einen Schüler zu verlieren, der so ausgezeichnetes Talent für die Baßgeige hatte, man spürte dem Entlaufenen nach und brachte ihn im Triumph zu seinem verhaßten Instrumente zurück.

Fünf Mal entfloh Louis Lablache seinen Quälgeistern und fünf Mal ward er aufgesucht und zurückgebracht. Ein so oft gegebenes böses Beispiel machte die Vorsteher der Anstalt wegen der übrigen Schüler besorgt. Sie sprachen deshalb die Regierung um Hülfe an und diese verbot den Eigenthümers der Theater und den Concertgebern bei Strafe von 2000 Ducaten und bei Verlust ihrer Rechte auf fünfzehn Tage, ihn wieder zu engagiren.

Lablache sah nun wohl, daß Flucht ihn nicht von dem verhaßten Instrumente befreie, aber um so störriger zeigte er sich bei alles Versuchen, ihn für dasselbe zu gewinnen, so daß endlich der Director nachgab und ihm erlaubte, wieder in seine Singclasse zurückzukehren.

Nach Beendigung seiner Studien trat er 1812 in seinem achtzehnten Jahre in einer Buffopartie auf und zwar mit dem brillantesten Erfolge, Nicht lange nachher heirathete er die Tochter des berühmten Schauspielers Pinotti. Seine späteren Engagements zu Messina und Palermo erhöhten seinen Ruf und bei seiner Rückkehr nach Neapel wurde er als erster Baßsänger an dem Theater La Scala, dem vornehmsten in Italien, angestellt. Von da an, d. h. von 1817, verbreitete sich sein Ruf über ganz Europa. Die ersten Componisten schrieben ausdrücklich für seine Stimme bestimmte Opern. Alle Fürsten Europa’s schienen sich eine Ehre daraus zumachen, ihn zu ehren und zu beschenken. Wenige Künstler dürften, außer einem bedeutenden Vermögen, so viele kostbare Geschenke hinterlassen haben.

Ein großer Bewunderer von ihm war der Kaiser Nikolaus. Als dieser gehört hatte, daß Lablache, der sehr das Comfort liebte, die Reise nach St. Petersburg fürchte, wohin ihn ein Engagement rief, beschloß er, den berühmten Sänger mit wahrhaft kaiserlicher Gastfreundschaft zu empfangen. Der arme Lablache schüttelte sich, als er die Grenze überschritt, schon im Voraus über alle die Horreurs, die er auf seinem Wege bis Petersburg würde zu ertragen haben. Das erste Diner sollte er, wie er auf seine Erkundigung erfuhr, in einer einsam gelegenen Schenke genießen. Da angekommen, erblickte er eine elende Hütte, die kaum ein erträgliches Obdach versprach. Doch wie erstaunte er, als ihn ein splendid eingerichtetes Speisezimmer empfing, dessen Tisch süperb servirt und dessen Duft und Wärme durch wohlriechendes Holz bewirkt war! Es braucht wohl nicht hinzugefügt zu werden, daß die kaiserliche Hospitalität den Gast überall in gleicher Weise empfing, wo dieser der Erfrischung bedurfte, bis er die schöne Hauptstadt erreicht hatte. Als Lablache auftreten sollte, kam der Kaiser und fragte:

„Nun, was halten Sie von unserm Lande?“

„O, das ist großartig!“ rief der Künstler, der wohl wußte, wem er alle diese Zuvorkommenheiten zu verdanken hatte. – Auf der Rückreise ward ihm gleiche Gunst zu Theil. Zugleich schenkte ihm der Kaiser sein Bildniß, reich mit Juwelen besetzt. Auch dessen Nachfolger beschenkte ihn mit seiner Gunst, und erhob ihn in den Adelstand.

Lablache, in seinen jungen Jahren schlank und dürr, wurde in seinen alten Tagen bedenklich corpulent; dennoch war er ein hübscher Mann, dessen Humor und Geist eben so angenehm war, wie seine Stimme.


Illustrirtes Jagdprachtwerk.

Bei Ernst Keil in Leipzig erschien und ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen:

Eine Gemsjagd in Tyrol
von Friedrich Gerstäcker.
Mit 34 Illustrationen in Holzschnitt und 12 Lithographien nach Originalzeichnungen von C. Trost.
Gr. 8. eleg. broch. 3 Thlr. 10 Ngr. – eleg. geb. in englische Preßdecken mit Goldschnitt 4 Thlr. 5 Ngr.

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Den Zustand der freien Neger werde ich in dem Aufsatze „Norden und Süden“ (s. oben) abhandeln: die Frage aber, wie es möglich ist, die Sclaverei „ohne Import aus Afrika“ trotz der Sterblichkeit im Süden „fortzuerhalten“, soll in einem besondern Artikel: „der Sclavenmarkt zu Richmond“, ihre Beantwortung finden.

Anmerkungen (Wikisource)