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Die Gartenlaube (1858)/Heft 19

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[257]

No. 19. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Ein Gottesgericht.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“


An dem rechten Ufer der Memel, etwa in der Mitte zwischen der Stadt Tilsit und dem kurischen Haff, liegt das adelige Gut Turellen.

Es gehörte schon vor einer langen Reihe von Jahren einer alten, reichen Dame, einer verwittweten Gräfin von Ruthenberg. Sie lebte auch dort, aber ohne allen Umgang mit der Nachbarschaft, selbst mit den allerdings sehr wenigen adeligen Gutsbesitzern der Gegend. Desto häufiger, hieß es, bekomme die alte Dame Besuch von Verwandten und Bekannten aus Kurland. Die reiche Dame aber lebte in ihrer Eingezogenheit außerordentlich comfortable. Sie stammte aus Kurland, und war erst seit wenigen Jahren aus Rußland nach Preußen herübergekommen.

In früheren Zeiten sollte sie sehr schön gewesen sein. An dem Hofe in St. Petersburg, der, als Kaiser Alexander der Erste noch nicht fromm geworden, gleichfalls eben kein frommer war, sollte sie damals lange Zeit eine glänzende, vielfach gefeierte Rolle gespielt haben. In den letztern Jahren sei sie, warum, wußte man nicht, am russischen Hofe nicht mehr gern gesehen; darauf sei sie nach Preußen gekommen, wo das Gut Turellen schon seit längerer Zeit ihrer Familie gehörte. Dies war in den ersten Jahren nach dem Regierungsantritt des Kaisers Nikolaus.

Jetzt, eben weil sie mit Niemandem in der Gegend Umgang hatte, hörte man wenig mehr von ihr, als das Angegebene.

Den Sommer pflegte sie in deutschen Bädern zuzubringen.

Sie war ohne Kinder.

In einem Frühjahre, nachdem sie etwa vier bis fünf Jahre in Preußen sich aufhielt, erhob sich in der Gegend ein sonderbares Gerücht. Sie hatte vor ungefähr vier Wochen Besuch von einem Neffen aus Kurland, einem jungen Grafen Ruthenberg, bekommen. Nachdem der junge Mann beinahe vierzehn Tage da gewesen, sei er plötzlich verschwunden. Am Abende habe er der Dame eine gute Nacht gewünscht, um sich in sein Zimmer gleichfalls zur Ruhe zu begeben. Am andern Morgen sei er fort gewesen. Sein Bett habe man unberührt, alle seine Sachen noch da gefunden. Von ihm selbst keine Spur.

Die Gräfin habe sich anfangs beunruhigt, dann aber die Sache leicht genommen. Die Ruthenbergs hätten alle etwas Besonderes, so eine Art von englischem Spleen. Ihr Neffe werde irgend einem plötzlichen Abenteuer nachgegangen, oder vielleicht von sonst einem augenblicklichen Einfalle, vielleicht weit genug, in die Welt getrieben worden sein; er werde schon wieder zum Vorschein kommen.

Allein es waren seitdem schon vierzehn Tage verflossen, und von dem jungen Grafen war weder eine Nachricht eingetroffen, noch eine Spur aufgefunden. Dagegen, setzte das Gerücht hinzu, wollten Leute in der Nacht seines Verschwindens in unmittelbarer Nähe des Schlosses ein sonderbares, nicht näher bezeichnetes Geräusch, und sogar einen unterdrückten Schrei, wie um Hülfe, gehört haben.

Das Gerücht drang bis zu mir. Ich war damals Kreisjustizrath und Dirigent einer Criminalbehörde in Litthauen. Zu meinem Gerichtsbezirke gehörte auch das Gut Turellen.

Ich hielt es für meine Pflicht, dem Gerüchte nachzuforschen, und schrieb deshalb an das Justizamt, in dessen Untergerichtsbezirke Turellen lag.

Ich erhielt nach einiger Zeit Antwort. Daß der Neffe der Gräfin Ruthenberg vierzehn Tage lang zum Besuche aus Kurland bei ihr gewesen und dann plötzlich, vollkommen unter den oben mitgetheilten Umständen, verschwunden sei, wurde bestätigt. Aber auch, daß die Gräfin völlig unbesorgt sei, und das plötzliche Verschwinden irgend einer Laune des abenteuerlichen jungen Mannes zuschreibe. Von einem sonderbaren Geräusche, gar von einem Hülferufe in der Nacht des Verschwindens habe sich nichts feststellen, nicht einmal die Entstehung des Gerüchts darüber habe sich ermitteln lassen.

Ich konnte, wenigstens vor der Hand, nichts weiter veranlassen. Indeß ungefähr vierzehn Tage später wurde ich durch einen Besuch überrascht. Es war des Abends schon ziemlich spät, als ich einen Wagen vor meinem Hause vorfahren hörte.

Wenige Minuten darauf hörte ich auf meinem Hausflur eine fremde Stimme meinen Namen aussprechen. Es war eine Mannsstimme.

Das Dienstmädchen antwortete, daß ich hier allerdings wohne.

Ob ich zu sprechen sei, und zwar allein?

Ich hörte das Mädchen auf der andern Seite des Flurs die Thür meines Besuchszimmers öffnen. Sie hatte den Fremden in das Zimmer treten lassen.

Gleich darauf kam sie zu mir und meldete, daß sie einen fremden Herrn, der mich dringend zu sprechen gewünscht, aber seinen Namen nicht habe nennen wollen, in das Besuchszimmer geführt habe.

Ein Criminalbeamter erhält oft solche geheimnißvolle Besuche.

Ich begab mich in das Zimmer hinüber, und fand darin einen mit eleganter Sorgfalt gekleideten, schon etwas ältlichen [258] Herrn. Es war eine hohe, sich sehr gerade, aber nichts weniger als steif haltende Figur, ohne Embonpoint; die Gesichtszüge fein, zugleich etwas frivol, wie es schien, das Auge außerordentlich klug. Das Benehmen des Mannes glich ganz seiner eleganten und sorgfältigen Kleidung. Er war sehr höflich. Ich hatte einen Mann vor mir, der unzweifelhaft der höheren Gesellschaft angehörte. Seine Worte bestätigten mir das sofort.

„Ich bin der Graf Alexander Ruthenberg, russischer Gesandter zu –“

„Was steht Ihnen zu Diensten, Herr Graf?“

„Ich komme in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu Ihnen. Aber darf ich auf Ihre vollständige Verschwiegenheit rechnen? Auf die vollständigste, unbedingteste?“

„Sie können; in so weit meine Amtspflicht nicht etwas Anderes von mir fordert.“

„Gerade in einer amtlichen Angelegenheit komme ich zu Ihnen, und – was ich Ihnen zu sagen habe, bestätigt sich entweder, oder bestätigt sich nicht. Für beide Fälle ist alsdann meine Person gleichgültig. Doch erlauben Sie, daß ich zur Sache komme.“

„Ich bitte darum.“

„Die Gräfin Ruthenberg zu Turellen ist meine Schwägerin.“

„Ah!“

„Ich bin seit drei Tagen zum Besuch bei ihr. Vor einigen Wochen hatte sie den Besuch unseres beiderseitigen Neffen, des Grafen Paul Ruthenberg.“

„Ich habe davon gehört.“

„Er war nach einem Aufenthalte von vierzehn Tagen plötzlich verschwunden.“

„Ich weiß auch das.“

„Hatten Sie schon Verdacht?“

„Das Gerücht hatte ihn ausgesprochen, aber nicht bestätigt.“

„Ich fürchte, ich bringe Ihnen Bestätigung. Meine Schwägerin zwar glaubt nur an einen tollen Streich des jungen Mannes. Aber meine Schwägerin ist eben eine Dame, die gern Alles leicht nimmt. Es ist Gewohnheit bei ihr.“

Ein flüchtiges, spöttisches Lächeln glitt über das feine Gesicht des Diplomaten. Er fuhr fort, und sein Ton wurde nach und nach beinahe so leicht, wie er die Gemüthsart seiner Schwägerin schilderte.

„Ein toller Streich des jungen Menschen mag allerdings vorliegen. Aber ich fürchte, er hat ihm das Leben gekostet.“

„Sie glauben an ein Verbrechen?“

„Darf ich bitten, genau folgende Umstände zu erwägen: Meine Schwägerin war im vorigen Jahre in Bad Ems. Sie hat von dort eine Gesellschafterin mitgebracht, eine junge, sehr schöne Dame. Wenige Tage, nachdem sie die Gesellschafterin genommen hatte, fand ein junger Mann sich ein, und bot ihr seine Dienste als Jäger an. Sie nahm ihn. Sie hat ihn gleichfalls mit hierher gebracht. Er ist ebenfalls ein schöner, junger Mann. Zwischen der jungen Dame und dem jungen Mann besteht irgend ein geheimnißvolles, wenigstens heimliches Verhältniß. Sie scheinen sich vorher schon gekannt zu haben. Sie fragen mich, was das Alles mit meinem Neffen zu schaffen habe?

„In der That, Herr Graf –“

„Haben Sie die Güte, mich weiter anzuhören. Vor etwa acht Wochen kommt mein Neffe in Turellen an. Er war – ich wünschte, er wäre es noch, aber es wird leider nicht der Fall sein – er war ein leichtsinniger Bursch. Dabei sehr ungenirt und, lassen Sie mich es gerade heraus sagen, roh, sehr roh. Meiner Schwägerin gefiel er so. Auch seinem Vater hat er so gefallen. Er hatte in Allem seinen freien Willen.“

In Rußland kann ein junger Edelmann mit ungebundenem Willen viel wagen. Auch ich hatte darüber schon manche Erfahrung an der russischen Grenze gemacht. Ich mußte zu den Worten des Grafen unwillkürlich nicken. Er bemerkte es. Sein feines Gesicht lächelte wieder.

„Zuletzt hat er auf einigen deutschen Universitäten studirt.“

„Und wahrscheinlich die Vollendung seiner Ausbildung in Paris erhalten?“

„Ah, mein Herr, Sie biegen mir ein Paroli.“

Ich verbeugte mich.

„Aber Sie haben in der That Recht. Er war den letzten Winter über in Paris und von dort war er nach dem mardi gras direct zu seiner Tante gereist. Er sah hier die junge, wie gesagt, sehr schöne Gesellschafterin. Die Schönheit der Dame entzündete seine Leidenschaft. Er war nicht gewöhnt, seinen Leidenschaften Zügel anzulegen, und verfolgte die Dame mit Liebesanträgen. Sie wies ihn zurück. Er wurde dringender. Sie wandte sich um Schutz an meine Schwägerin.

„Meine Schwägerin nimmt, wie gesagt, gern die Sachen leicht, besonders dergleichen Sachen. Sie kennt sie aus alter Zeit und, mein Herr – ach, ich bin ja Ihrer Verschwiegenheit gewiß – meine Schwägerin ist in ihren alten Tagen keine Betschwester geworden, die Frau von Krüdener hat sie nicht bekehrt. Sie wies die junge Dame zurück; in fremde Herzensangelegenheiten mischte sie sich nicht.

„Aber das Herz habe mit dieser Angelegenheit nichts zu schaffen, meinte die Gesellschafterin. Um fremde Liebeleien kümmere sie sich noch weniger, erwiderte meine Schwägerin. Die Tante erzählte das scherzend dem Neffen wieder. Der Neffe wurde darauf noch dringender, sehr dringend. Und wenn ein junger, kurländischer Edelmann, der einen ungebundenen Willen hat und seine Studien auf deutschen Universitäten und seine Bildung in Paris vollendete, wenn der sehr dringend wird, so gibt es für ihn keine Rücksichten, selbst keinen Dehors mehr.

„Die junge Dame verschloß sich in ihrem Zimmer. Sie verließ es nur auf den ausdrücklichen Befehl ihrer Gebieterin. Sie scheint zugleich Anstalten getroffen zu haben, das Schloß zu verlassen. Sie hat wenigstens ungewöhnlich viel Briefe geschrieben. Ihre Verhältnisse scheinen überhaupt etwas mysteriös zu sein. Doch gehört das nicht hierher.

„Je mehr sie sich nun den Augen meines Neffen zu entziehen suchte, desto mehr verfolgte diesen mit seinen Augen der Jäger meiner Schwägerin, jener schöne, junge Mann, den sie schon in Deutschland gekannt hatte. Er verfolgte meinen Neffen mit drohendem Blick; war es die Drohung der Eifersucht, war es etwas Anderes, ich weiß es nicht.

„Da kam die Nacht, in der mein Neffe verschwand. Er war erst vierzehn Tage da. Solch’ ein junger Mann marschirt im Geschwindschritt. Die Gesellschafterin hatte des Abends beim Thee erscheinen müssen und hatte sich um zehn Uhr in ihr Zimmer zurückgezogen. Einige Minuten später hatte auch der Neffe der Tante eine gute Nacht gewünscht. Man hat ihn seitdem nicht wieder gesehen. Aber diese Umstände sind Ihnen wohl schon bekannt, Herr Kreisjustizrath?“

Sie waren mir bekannt.

Allein nicht folgende:

„Die Gesellschafterin logirt – sie ist noch in Turellen – Parterre. Ihre Zimmer liegen nach dem Garten hin. Sie bewohnt zwei Zimmer, ein Wohnzimmer und eine Schlafstube; beide sind durch eine Thür miteinander verbunden. An die Schlafstube stößt noch ein drittes Zimmer; es liegt ganz am Ende des Gebäudes. Seine Fenster gehen ebenfalls in den Garten und es ist gleichfalls durch eine Thür mit der Schlafstube der Gesellschafterin verbunden.

„Das Zimmer ist nicht bewohnt; es befindet sich eine alte Bibliothek darin. Nicht meine Schwägerin, aber die Gesellschafterin benutzt diese zuweilen. Sie hat sich daher den Schlüssel zu dem Zimmer geben lassen, so daß sie unmittelbar aus ihrer Wohnstube hinein gelangen kann. Den Schlüssel läßt sie, ließ sie wenigstens früher in der Thür stecken. Sie pflegte ihn auch nicht im Schlosse umzudrehen, so daß man auch, ohne daß sie aufschließen mußte, aus dem Bibliothekzimmer in ihre Schlafstube gelangen konnte. Die Fenster des Wohn- und Schlafzimmers der Gesellschafterin sind inwendig mit starken Läden versehen, die des Bibliothekzimmers nur mit Jalousien.

„Das Parterre ist übrigens hoch. Auf dem Hofe laufen des Nachts wachsame Hunde frei herum. Läden und Jalousien pflegen deshalb nur im Winter verschlossen zu werden.

„In der Nacht, als mein Neffe verschwand, – es war zu Ende April – waren wenigstens alle Jalousien des Bibliothekzimmers nicht verschlossen. Mein Neffe ging nur zum Schein in sein Zimmer. Er löschte dort nach einiger Zeit sein Licht aus; dann verließ er es leise, die Thür zuschließend, als wenn er sich zu Bette gelegt habe; man sollte dies glauben. Leise ging er die Treppe hinunter, schlich durch den Gang, öffnete eine in den Garten führende Thür und begab sich in denselben. Kein Mensch sah ihn. Er wandte sich nach dem Flügel des Schlosses, in welchem sich die Zimmer der Gesellschafterin befinden.

„In den Fenstern der Dame sah er kein Licht mehr. Er [259] horchte eine Zeitlang. Er hörte auch keine Bewegung im Zimmer, und nahm an, sie habe sich zu Bette begeben und schlafe. Er ging weiter, an das Ende des Schlosses, zu dem Bibliothekzimmer und trat unter ein Fenster desselben.

„Vor dem Fenster befindet sich das Spalier eines Obstbaumes. Steigt man in das Spalier, so kann man von da mit um so größerer Bequemlichkeit in das Fenster steigen. Mein Neffe stieg in das Spalier. Er schwang sich aus dem Baume auf das Gesims des Fensters.

„Das Fenster war nicht verschlossen; es war nur fest angelehnt, als wenn es verschlossen sei. Der junge Mann hatte am Tage sich unbemerkt in das Bibliothekzimmer zu schleichen gewußt, und so den Verschluß des Fensters geöffnet. Er brauchte von außen nur anzustoßen und das Fenster ging auf und er konnte durch die Oeffnung in das Bibliothekzimmer springen.

„Er stieß leise an das Fenster; es öffnete sich ohne Geräusch und er sprang durch die Oeffnung in das Zimmer.

„Es war so viel, als wenn er sich schon in dem Schlafzimmer der Gesellschafterin befand; denn Sie werden sich erinnern, mein Herr, daß die Thür zwischen dem Bibliothekzimmer und der Schlafstube der Dame in der Regel nicht verschlossen war.“

Ich mußte den Grafen unterbrechen. Ich hatte ihm schon eine Zeit lang nur mit Verwunderung zuhören müssen. Was er mir anfangs erzählte, hatte er auf leicht erklärliche Weise in Erfahrung bringen können, am meisten durch seine, nach Allem mindestens etwas frivole Schwägerin selbst. Aber die letzteren Mittheilungen, das was sein verschwundener Neffe seit seinem bis jetzt völlig spurlosen Verschwinden gethan, wie konnte das, gar mit allen jenen Specialitäten, zu seiner Kenntniß gekommen sein?

„Herr Graf,“ sagte ich, „von Ihrem Neffen haben Sie keine Nachricht, keine Spur seit dem Augenblicke, da er an jenem Abende von seiner Tante sich verabschiedete?“

„Nicht die geringste Spur, mein Herr.“

„Er kann Ihnen also auch nicht mitgetheilt haben, was er seitdem gethan hat?“

„Unzweifelhaft nicht.“

„Es existiren also andere Zeugen seines späteren Thuns?“

„Meines Wissens nicht.“

„Dennoch erzählen Sie mir Thatsachen, die nur er selbst oder genau beobachtende Zeugen seines Handelns Ihnen entdecken konnten.“

„Allerdings, und ich bin erst am Beginn solcher Thatsachen.“

„Darf ich um eine Erläuterung bitten?“

„Ich bin sie Ihnen schuldig. Ich bin nie Polizeibeamter gewesen.“

„Ich glaube Ihnen das.“

„Auch nie Criminalrichter.“

„Ich glaube auch das.“

„Aber ich bin Diplomat, ein alter Diplomat.“

„Und?“

„Und kann mithin ebenfalls combiniren, obwohl ich nicht zur Polizei oder zur Criminaljustiz gehörte.“

„Und Sie erzählen mir Ihre Combinationen?“

„Mein Herr, ich habe die Menschen studirt. Ich kannte meinen Neffen, kenne meine Schwägerin und habe jene Gesellschafterin kennen gelernt. Ich habe in Turellen beobachtet, Menschen, Verhältnisse, Localitäten. Glauben Sie, daß ich im Stande bin, richtige Combinationen zu bilden?“

„Ueber das Verschwinden Ihres Neffen?“

„Eben darüber. Darf ich fortfahren?“

„Ich bitte.“

„Mein Neffe war also in dem Bibliothekzimmer. Er schritt auf die Thür des Schlafzimmers der Dame zu. Er horchte an der Thür. In dem Schlafzimmer war Alles still. Er öffnete geräuschlos die Thür, ging in das Zimmer, an das Bett. Die Dame schlief. Er rief leise ihren Namen:

„Ottilie!

„Ich glaube, so heißt sie. Sie erwacht, sie will rufen. Er versiegelt ihren Mund mit Küssen. Sie hat ihn erkannt, an der Stimme; die Frühlingsnacht war außerdem nicht sehr dunkel.

„Sie stößt ihn zurück, ringt sich von ihm los und will wiederholt um Hülfe schreien.

„Er ist nicht umsonst der Graf Paul Ruthenberg mit dem ungebundenen Willen, der seine Studien und so weiter.

„Mein liebes Fräulein, sagt er ruhig, wenn Sie Leute herbeirufen, so würden mich diese nur bei Ihnen im Ihrem Schlafcabinete finden.

„Scheusal, Bösewicht, ruft sie, verlassen Sie mich auf der Stelle. Das wäre ein Verbrechen, schöne Ottilie; ein Verbrechen gegen Ihre Schönheit, gegen Ihre Liebe. Ungeheuer!

„Es werden ähnliche Worte gewechselt, auf der einen und auf der andern Seite. Die junge Dame hat wirklich Ehre; sie hat auch Muth, Energie. Er ist – wie ich schon sagte. Er treibt sie zur Verzweiflung. Sie führt einen Dolch bei sich. Die Verzweiflung raubt ihr das Licht des Verstandes. Sie sieht kein anderes Mittel der Rettung.

„Sie greift nach dem Dolche. Sie stößt dem jungen Manne den Stahl in die Brust. Er ist tödlich getroffen und stirbt unter ihren Händen. Sie fällt aus einer Verzweiflung in die andere. Da kommt jener geheimnißvolle Jäger zu ihrer Hülfe herbei. Vielleicht holt sie ihn auch. Was ist zu machen? Das Geschehene entdecken? Es ist ein Mord verübt, kein Act der Nothwehr. Sie brauchte nur ein einziges Mal ernstlich um Hülfe zu rufen und ein Dutzend Menschen waren zu ihrer Hülfe da.

„Also die That verbergen, zunächst den Körper verbergen. Aber wohin mit ihm? Ihn aus dem Hause schaffen?

„Der geringste Zufall mußte Alles entdecken. Draußen mußten Blutspuren entstehen, die, wenn der Leichnam noch fortgebracht werden sollte, zugleich während der Nacht nicht ausgelöscht werden konnten. Zudem wurde am Tage gerade in jener Gegend des Gartens gearbeitet und schon am sehr frühen Morgen fanden sich die Arbeiter wieder ein.

„Auch in der Stube des Fräuleins waren die Blutspuren noch in der Nacht zu vertilgen. Der Körper mußte also im Hause bleiben. Aber wo hier?

„In der Wohn- oder gar in der Schlafstube der Dame? Es war nicht minder gefährlich. Und wer wohnt und schläft gern mit der Leiche eines Ermordeten zusammen? Sie über den Corridor tragen ging vollends nicht an. Es blieb nur das Bibliothekzimmer. Es lag zwar unmittelbar an dem Schlafzimmer der Dame, und sie schlief fast mit der Leiche zusammen, wenn sie dort untergebracht wurde. Allein außer der Dame selbst kam Niemand hin; man konnte da also mit Sicherheit, mit Muße verfahren.

„Die Leiche wurde in das Bibliothekzimmer gebracht. Der Parketboden wurde aufgenommen, in der Erde eine Grube gegraben und in die Grube die Leiche gelegt; alsdann wurde sie wieder zugeworfen und der Parketboden wieder eingesetzt. Die Leiche liegt noch da.“ Der Graf schloß seine Mitteilungen.

Mein Plan war schon fertig, noch bevor er geendet hatte.

„Sie würden sich nicht entschließen, Herr Graf, das, was Sie mir mitgetheilt haben, zum gerichtlichen Protokoll zu wiederholen?“

„Nein, mein Herr. Ich würde mich überhaupt nie wieder dazu bekennen, wenn Sie den Versuch machen sollten, sich auf mich berufen zu wollen.“

„Darf ich fragen, zu welchem Zwecke Sie mir unter solchen Umständen Ihre Mittheilungen gemacht haben?“

„Um Sie zu einem gerichtlichen Einschreiten zu veranlassen, wenn Sie nach dem, was ich Ihnen sagte, dazu eine gesetzliche Verpflichtung haben sollten.“

„Die würde ich nicht haben. Wenn ich Sie recht verstanden habe, so würden Sie später unter allen Umständen mir, wie es in Ihrer diplomatischen Sprache heißt, in Betreff unserer ganzen Unterredung ein vollständiges Dementi geben?“

„Das würde ich.“

„Ihre Anzeige kann also für mich nur den Werth einer anonymen haben.“

„So ungefähr wird es sein.“

„Anonyme Denunciationen soll der Richter nach unsern Gesetzen nicht berücksichtigen.“

„Sie würden also auf meine Mittheilungen nichts veranlassen können?“ Ich zuckte mit den Achseln.

„Ich würde das bedauern. Mein Neffe ist allerdings todt, ich glaube es wenigstens; jedenfalls aber würde eine gerichtliche Untersuchung ihm das Leben nicht zurückgeben können. Ein Mensch, auch ein Graf Ruthenberg, mehr oder weniger in der Welt, ist überhaupt eine gleichgültige Sache. Ich hätte dennoch gern eine gerichtliche Untersuchung gesehen.“

[260] „Und warum, wenn ich fragen darf?“

„Ich will auch darin offen gegen Sie sein. Ich möchte wissen, ob meine Combinationen richtig sind, ob ich Menschen und Verhältnisse richtig taxirt habe.“

Die Frivolität, eigentlich der Cynismus des russischen Diplomaten hatte doch auch etwas Originelles; es lag immerhin Geist darin, wenn auch nicht viel. Man konnte dem Manne nicht gram werden. Zudem hatte ich, wenn auch keine Verpflichtung, doch eine Berechtigung, auf Grund seiner Mittheilungen, obwohl ich sie als anonym auffaßte, weiter zu verhandeln. Und ich konnte ihnen andererseits möglicher Weise eine noch schwerer wiegende Bedeutung verschaffen. Ich versuchte dies.

(Fortsetzung folgt.)




Land und Leute.
Nr. 11. Die Mistelgauer, vulgo Hummeln, in Oberfranken.
Von Ludwig Storch.

Oberfranken! Sonniges grünes Bergland, vom hellen Main durchströmt, wie viel Freude bot mir der Blick vom deinen waldigen Höhen, wie viel die Rast in deinen freundlichen Thälern! Wie gern weilte ich im Kreise deiner Kinder! Jean Paul Friedrich Richter, dein größter Sohn, wußte wohl, was er an dir hatte; wüßtest du doch eben so gut, was du an ihm gehabt hast und noch hast und immer haben wirst; denn wenn der Unsterbliche auch der ganzen Welt angehört, so ist und bleibt er doch immer dein bester Sohn!

I. Der Hummelhut. II.  Kopfputz. III. Gewöhnliche Kopftracht. IV. Tracht der Hummelmädchen bei Festlichkeiten. V. Das Hummelröcklein mit Brustfleck und Hosenträgern. VI. Die blaue Jacke mit der Doppelreihe blanker, runder Zinnknöpfe.

Ich wohnte in der Altstadt Bayreuth, es ist ein kleines Dorf, kaum eine halbe Stunde westlich von der Stadt, die Jean Paul seine reinliche schmucke Sonnenstadt nannte, einst ist’s die Stadt gewesen, wie der Name andeutet. Mein kleines, freundliches Haus lag in einem hübschen Garten hart an einem Bache, dem Mistelbache. Der Name versetzte mich immer schnell in die hochpoetische altdeutsche Götterwelt, aus der er an der sanften Welle haften geblieben war. Aus den Fenstern meines Giebelstübchens übersah ich eine kleine, allmählich aufsteigende schiefe Ebene und einen Kranz mäßiger bewaldeter Berghöhen. Gerade aus westlich in der Entfernung einer kleinen halben Stunde warf die Dampfmühle des Herzogs Alexander von Würtemberg im Weiler Geigenreuth ihre Rauchfahnen in die Luft. Auch sie lag am Mistelbache und hier war das Thor in eine kleine, seltsame, abgeschlossene, von malerischen Berghöhen umgürtete Welt, ein reizendes Stückchen Erde, etwa eine Quadratmeile groß, mit Bewohnern so eigenthümlicher Art, daß sie wohl eine Beschreibung in der Gartenlaube verdienen, zumal die große Welt wenig von ihnen weiß.

Von meinem köstlichen Sitze am Fenster sah ich zuweilen lange Züge wohlgestalteten Rindviehes drüben auf der Straße durch die stille, träumerische Landschaft ziehen, die von der Röcklesmühle am Eingange des Thales herkamen oder dort verschwanden. Den Horizont begrenzte mir dort ein schön geformter Berg, dessen Namen ich bald erkundete; er hieß der Schobertsberg. Es lockte mich gewaltig, auf seinem breiten Rücken zu stehen. Wenn ich die Höhe nördlich hinter meinem Hause erklimmte, wo ein einsamer alter Birnbaum mit einer Steinbank stand, der den wunderlichen Namen „der Oesterreicher“ führte (auf der Bank hatte, der Angabe der Altstädter nach, Jean Paul oft gesessen und die liebliche Aussicht auf die theuere Stadt im weiten Thalkessel des rothen Mains, auf das Fichtelgebirge und die übrigen Berghöhen und Dörfer genossen): dann hob nach Südwest ein noch weit malerischer geformter Berg das prächtige Haupt über die anderen Höhen empor, dem eine Landesfürstin, die dort oben echt fürstlich [261] auf der das Land beherrschenden Bergwarte in einem nun verschwundenen Schlosse gewohnt, ihren Namen vererbt hatte; er heißt der Sophienberg.

Die Menschen, welche das schöne Vieh trieben und die einzeln und in hellen Haufen täglich an meinem Gartenzaune vorübergingen aus dem Thale heraus der Stadt zu, oder dort hinein, trugen so eigenthümliche Kleidung. Ich fragte:

Kirmeß im Mistelgau.

„Was sind das für interessante Gestalten?“

Das sind Hummeln.

„Hummeln?“ lachte ich. „Das ist wohl ein Spott- oder Spitzname?“

„Wie man's nimmt. Sie nennen sich selbst so, und der Name scheint uralt zu sein. Trägt doch jeder Bauer aus dem Hummellande an der innern Krämpe seines ungeheuern schwarzen Filzhutes, wie er gleich einem Dache auf seinem Haupte sitzt, als Stammeszeichen ein sogenanntes Hummelnest, einen großen, grau übersponnenen Knopf, aber von Andern hören sie sich eben nicht gern Hummeln nennen, und sonst lebte der Mistelgau mit der ganzen Nachbarschaft in Feindschaft. Kamen Mistelgauer in eine Bierschenke außerhalb dem Bezirk ihres Thales, so erhob sich bald ein leises Summen und Brummen, dem Flugtone der Hummel nachgeahmt, und wurde laut und lauter, bis die Hummelbauern, toll vor Wuth, schimpften und zuschlugen und selbst eine Tracht Prügel mit auf den Heimweg aufgepackt erhielten. Diese Neckerei hat zu großen und blutigen Schlägereien Veranlassung gegeben, denn die Hummelbauern sind und waren sonst noch weit mehr ein hartköpfiges, wildes Völkchen, das sich ganz abschloß und auf sich selbst zurückzog, nur untereinander heirathete, nie den Mistelgau verließ und mit störrischer Zähheit an Kleidung, Sitte und Gebrauch der Väter festhielt, so daß sie wegen dieser Eigenthümlichkeit [262] bei den übrigen Oberfranken gleichsam in Verruf waren und Jedermann bei Gelegenheit auf sie schlug. Natürlich wehrten sie sich ihrer Haut wacker, ließen sich nicht ungestraft necken und setzten sich meist tüchtig in Respect. Kommen Sie! Es ist heute Viehmarkt auf dem Brandenburger. Da sehen Sie ein tüchtig Stück oberfränkisches Volksleben bunt durcheinander beisammen, namentlich können Sie sich die Hummeln und ihr prächtiges Rindvieh in nächster Nähe betrachten.“

Der Vorschlag gefiel mir; ich liebe das deutsche Bauernvolk in allen Gegenden des großen Vaterlandes. Es ist die reiche, große Pflanzschule der Zukunft, die ewige Verjüngungsquelle deutscher Tüchtigkeit. Auf die Hummeln war ich besonders neugierig. Wir gingen hinauf in die hochgelegene Marktstadt. „Der Brandenburger“ ist nämlich der volksthümliche Name der nordöstlich eine gute Viertelstunde von der Stadt Bayreuth isolirt auf einer Höhe gelegenen Vorstadt St. Georgen. Dort und in der drei kleine Stunden südlich von Bayreuth gelegenen kleinen Stadt Kreußen werden abwechselnd die wichtigen wöchentlichen Viehmärkte abgehalten.

Welch’ ein Volksgewimmel! Welch’ ein buntes, lebendiges Treiben! Die lange, breite Straße entlang standen zu beiden Seiten die kräftigen gescheckten Kühe und Ochsen, dazwischen und in der Straße das schreiende, feilschende Volk. Alle oberfränkische Bauerntracht ist malerisch. Am kleidsamsten ist die blaue Jacke der jungen Burschen mit der Doppelreihe runder, blanker Zinnknöpfe; im Verein mit den hohen Stiefeln gibt sie ihnen das Ansehen eines Reitervolks, das eben vom Pferde gesprungen ist. Der Menschenschlag ist meist klein und nicht von besonderm Ansehen. Man sieht ihm sogleich die slavische Abstammung am dunkeln, dünnen Haar, an dem breiten Gesicht mit den hervorstehenden Backenknochen, an der dunkeln, fast krankhaften Farbe und an der untersetzten, nicht eben schön gebauten Gestalt an. Es steht jetzt historisch urkundlich fest, was man früher bestreiten wollte, daß die Bevölkerung von ganz Oberfranken slavischen Ursprungs ist. Eine große Anzahl Ortsnamen, Sitten und Gebräuche hätten es schon beweisen können. Aber man wollte die Leute durchaus zu Nachkommen der alten Deutschen machen, als ob das Deutschthum nicht eben so viel Ehre davon habe, sie sich zu eigen gemacht zu haben!

Am meisten fielen mir zwei sehr verschiedene Menschenstämme auf, beide sehr stark vertreten und hier nächst dem lieben Rindvieh die Hauptfactoren: die Juden und die Hummelbauern. Der deutsche Schacherjude ist sich überall gleich. Man möchte in Wien im Salzgries schwören, diese selben Juden, die einem da massenweis begegnen, habe man in Berlin, in Hamburg, in Frankfurt gesehen. Gerade so sehen sie in Oberfranken aus, gerade so schachern sie mit dem ruhigen Bauer, gerade so vagiren sie mit den Händen, gerade so schwatzen sie, gerade so sind sie herausgeputzt und mit Zierrath behangen. Hat man Einen gesehen und gehört, kennt man sie Alle. Dieser uninteressanten Allgemeinheit gegenüber nimmt sich die streng abgeschlossene individuelle Besonderheit der Hummeln besonders gut aus. Und doch hat der Hummelbauer mit dem Juden die Eigenthümlichkeit gemein, daß man ihn sogleich an den Gesichtszügen, am Körperbau, an Gebehrde und Sprache erkennt, selbst wenn er das charakteristische Hummelröckchen nicht trägt und weder die ihm eigenthümliche Kopfbedeckung, das schwarze Hutungeheuer, noch die Bräme (gebrämte Pelzmütze) sein Haupt bedeckt. Aber freilich ist seine Individualität von der des Juden himmelweit verschieden und schwerlich werden sie sich jemals vermischen und ein neues Volksgepräge bilden. Der Hummelbauer ist meist kleiner, untersetzter Statur und noch weit schärfer, als bei seinen Nachbarn, tritt der slavische Typus in ihm hervor; die ihm eigenthümliche Volkstracht besteht bei dem männlichen Geschlechte aus einem dunkeln, kurzen Rocke mit merkwürdiger hoher Taille und ohne Knöpfe, der über der Brust zusammengehäkelt werden kann, meist aber offen steht und so das bunte, prächtige Brustfleck und den künstlich und geschmackvoll gesteppten schwarzledernen Hosenträger sehen läßt. Der Stoff des Rockes ist schwarzes und hellgrünes Tuch, jenes als Hauptbestandtheil, dieses als Unterfutter, beides Erzeugniß des Hauses. Die selbstgezüchtete Schafwolle kardäscht, färbt und spinnt die Bäuerin, webt der Bauer. Dieses kurze, knappe Kleidungsstück heißt das „Hummelröcklein.“ Doch hat jeder Bauer auch einen Rock von demselben Zeuge, von derselben Art. Der kurze ist für den Verkehr mit den Menschen, der lange für den Verkehr mit dem lieben Herrgott bestimmt: es ist der Kirchenrock. Der Brustfleck ist von grünem Tuch, mit bunten Blümchen reich bestickt und mit gelben Schnüren besetzt. Es ist das malerischste und eigenthümlichste Kleidungsstück der Hummeln. Darüber sieht man die breiten ledernen Hosenträger mit reicher Stepperei, vorn mehrfach verschlungen, an welchen die kurzen schwarzledernen Beinkleider mit messingnen, an den Hosen festgenähten Haken angehängt werden. Der Hals ist mit einem schwarzseidnen, meist rothberänderten Tuche umwunden; auf dem kurzgeschnittenen, nicht selten gescheitelten Haupthaare sitzt der ungewöhnlich breite Hut mit herabhängender, zuweilen einseitig aufgestülpter Krempe, an der innern Seite derselben, wie schon bemerkt, das sogenannte Hummelnest; oder die schöne, sehr kleidsame, hoch aufragende, grünsammetne, meist mit Marderpelz reich verbrämte Mütze.

Nicht minder eigenthümlich und pittoresk ist die Tracht des weiblichen Geschlechts. Der ebenfalls schwarze, aus demselben Wollenstoffe gefertigte, kurze und faltenreiche Rock ist am untern Rande mit breitem, halbwollenen Bande besetzt und wird oft von einem schwarzledernen, mit kleinen Metallplatten reich verzierten Gürtel zusammengehalten. Die Jacke ist kurz, bei Frauen meist schwarz, bei Mädchen meist dunkelgrün, von selbstbereitetem Tuch. Ueber eine mit Seide und Flittergold gestickte kleine Haube wird ein schwarzes oder rothes Kopftuch, hinten gebunden, getragen. Bei Festlichkeiten setzen die Mädchen auf den Zopfknoten am Hinterkopfe eine kleine, sternförmige Haube von dunkelrothen seidnen Bändern, welche künstlich zu dieser Form zusammengeflochten werden und von welcher breite, gezackte Bänder desselben Stoffs den Rücken hinabhängen.

Zum Kirchengang setzen viele Frauen ein weißes Tuch auf den Kopf und werfen ein zweites Tuch desselben Stoffes und derselben Farbe über die Schulter, dessen beide Zipfel sie vorn mit den Händen Zusammenhalten. Diese beiden weißen Schleiertücher und die Art, wie sie getragen werden, sind ein echter Rest ihres Slaventhums und finden sich gerade so bei den slovakischen Frauen in Oberungarn. Statt des Regenschirms führen sie, ebenfalls wie die Slovakinnen, große weiße Regentücher, welche in der Mitte einen drei Finger breiten rothen Streif haben (dieser ist deutsche Zugabe) und bei Gängen über Land über den Rücken gelegt und vorn zusammengebunden werden.

Begreiflicher Weise zog mich das Verlangen, das Völkchen und sein Land kennen zu lernen, am Ufer des Mistelbaches hinauf. Ich trat in den Mistelgau und überschaute von einer Anhöhe den reizenden, von einem Bergkranze umschlungenen Erdwinkel, den der Bach mit dem alten Namen durchströmt, mit seinen meist so malerisch an den Bergwänden hingelehnten Dörfern. Das Hummelland oder der Mistelgau, d. h. der ganz Grund des Mistelbaches mit den kleinern Nebengründen umfaßt vierundzwanzig Dörfer, nebst einer nicht geringen Anzahl einzelner Höfe und Mühlen. Die größten, reichsten und schönsten sind Mistelbach, Mistelgau, Gefres und Glashütten. Gefres liegt sehr reizend an der untern Stufe des Sophienbergs empor und seine hohe Kirche beherrscht weithin die ganze Gegend. Sie ist unstreitig der schönste Punkt des ganzen Gau’s und deshalb mit auf unser Bild aufgenommen.

Die Mistel entspringt aus einer Menge Quellen auf der nördlichen Seite zweier aneinander grenzenden, bewaldeten niedern Bergzüge, deren westlicher der Volsbacher und östlicher der Linderhardter Forst heißt. An der südlichen Seite des letztem entspringt der alte Main, in welchen sich die Mistel bei Bayreuth ergießt. An der Südseite des erstern beginnt die hochromantische fränkische Schweiz und die dort entspringenden Bäche fließen der Wisent zu. Aber auch aus dem Mistelgau selbst wenden sich die westlichen und nördlichen Bäche dorthin. Daraus erhellt schon, daß es ein anmuthiges Hügelland ist. Sonst gehörte es den brandenburger Markgrafen von Kulmbach und wurde von diesen reformirt; jetzt macht es einen Theil des oberfränkischen Kreises des Königreichs Baiern aus. Die nächsten Dörfer jenseits des Volsbacher Forstes, wo das Bisthum Bamberg begann, sind katholisch und unterscheiden sich durch Tracht und Sitte merklich von den Hummeldörfern. Die Bauart der Häuser und der Ortschaften in diesen ist echt slavisch. Dieselben steil abfallenden, nur auf Balken aufgelegten Strohdächer, dieselben auffallend kleinen Fenster, dieselbe Malerei an den Thoren und in den Fenstervertiefungen, dieselbe [263] innere Einrichtung findet sich bei dem finnischen Urvolk, dem Prototyp aller Slaven, den Slovaken. Der Name Hummeln ist sehr wahrscheinlich ein verstümmeltes und gewaltsam deutsch gemachtes slavisches Wort, ein Eigenname dieses vereinzelten Volkszweiges, welcher, vom Hauptstamme losgerissen und in diesen bergumschlossenen Erdwinkel geschleudert, gleich den mit ihm derselben Abkunft sich erfreuenden Altenburgern, Egerern, Halloren und thüringischen Slaven, die Muttersprache verlernte, von Deutschland aber nur die Sprache annahm, dagegen mit slavischer Zähheit an Sitte und Gebrauch an der Nationalkleidung, die mit der der altenburger Bauern die charakteristischen Grundzüge gemein hat, festhielt, ebenso am slavischen Volksnamen, aus welchem mit der Zeit aber eine summende deutsche „Hummel“ wurde. Einem gelehrten Slaven dürfte es nicht schwer fallen, den ähnlich klingenden wahren Namen zu entdecken.

Die Erklärung des deutschen Hummelnamens, wie ihn nachher die Volkssage versucht hat, ist zu lahm und gezwungen, als daß sie irgend Beachtung verdiente, doch wollen wir die beiden Versionen mittheilen.

Das im benachbarten Ahornthale gelegene, der fränkischen Schweiz schon angehörige Dorf Volsbach baute eine neue Kirche, Zu welcher die Mistelgauer als dienstwillige Nachbarn den Tag lang fleißig Steine zuführen halfen. Da sagten die dankbaren Volsbacher: „Die Mistelgauer fliegen früh aus und führen zu, wie die Hummeln,“ und ließen ihren freundlichen Helfern zu Ehren ein Hummelnest zum Wahrzeichen an ihrer neuen Kirche in Stein aushauen. Diese Ehre schlug nachher den Mistelgauern zum Spott aus.

Ein Mistelgauer ließ sich vorschwatzen, man könne in Nürnberg in der Apotheke auch schönes Wetter kaufen. Als es nun zur Erntezeit regnete, ging er dorthin und begehrte den ihm nötigen Artikel. Der Apotheker verkaufte ihm ein verschlossenes Schächtelchen mit dem Bemerken, er solle es mitten in seinem Dorfe öffnen. Die Neugierde des Wetterkäufers lüftete den Deckel aber schon unterwegs. Eine Hummel flog heraus und davon. Der Bauer rief ihr nach: „Schönes Wetter, flieg nach Mistelgau!“

Die letztere Sage wiederholt sich in Deutschland an verschiedenen Orten, ohne daß sie den Bauern den Namen der Hummeln eingebracht hätte.

An einem sonnigen Frühlingsmorgen trat mein Führer mit den Worten in meine Hütte: „Heute ist eine große Hochzeit nach altem Schnitte mit großem Messer in Gefres. Da müssen wir hin; denn bei Hochzeit und Kirmeß schwärmen und summen die Hummeln am stärksten.“ Wir stiegen nach dem hoch und schön gelegenen Dorfe hinauf, und kamen gerade zum Anfang der tumultuarischen Feier. Unterwegs erzählte mir mein Begleiter:

„Wie die alte Volkstracht der Hummeln in neuerer Zeit allmählich verschwindet, und der allgemeinen französisch-europäischen Kleidung Platz macht, so sind auch die großen öffentlichen Hochzeiten nach altem Schnitt jetzt eine Seltenheit. Die Cultur, die unwiderstehliche, leckt auch diese Bären zurecht; jede neue Generation bequemt sich mehr der allgemeinen Lebenssitte, und eh’ das Jahrhundert vorüber ist, wird das alte Hummelthum eine schöne Sage geworden sein. Wie man jetzt an den festlich geschmückten Burschen keine bloßen Hälse und keinen scharlachrothen, reich gestickten Brustfleck mehr sieht, so ist der statiöse Hochzeitsbitter eine selten geworden volksthümliche Charaktermaske. Die Hummelbauern früherer Jahrhunderte sind strenge Sittenrichter gewesen, und übten keine Gnade gegen ein Liebespärchen aus, das den Paradiesapfel vom Baume der Erkenntniß vor der Weihe des Sacraments gepflückt hatte, ja selbst diejenigen, welche solcher Naschhaftigkeit auch nur verdächtig waren, hatten eine höchst unangenehme, rigoröse Kirchenkritik zu erdulden. Sobald nämlich ein anrüchiges Liebespaar Sonntags mittels kirchlichen Aufgebots vom Pfarrer auf der Kanzel als Brautpaar proclamirt wurde, pflegte die zahlreich versammelte Gemeinde mit Händen und Füßen und dem Stimmorgan einen rusticalen Lärm zu erheben, und der Pastor loci sah sich veranlaßt, dieses bukolische Sittengericht im Kirchenbuche durch den Zusatz „post tumultuariam proclamationem“ (nach stürmischem Aufgebot) zu verewigen. Wie mancher schwarzäugigen jungen Verlobten, die heimlich der uralten Evaschwachheit erlegen war, mochte bei diesem Kirchengange himmelangst und bange sein, löbliche Gemeinde möchte ihr etwa den gefährlichen Schlangensieg im Gesicht ansehen. Dergleichen ist jetzt nicht mehr zu fürchten. Die Gemeinden sind toleranter geworden. Wirklich überwiesene Liebesverbrecher mußten sich sogar der grausamen Strafe der Kirchenbuße unterwerfen. Der Pfarrer rief sie nach beendigter Predigt namentlich auf, und befahl ihren zur Büßung ihrer Sünde vor den Altar zu treten. Sobald das Kirchengebet begann, mußten sie auf der untersten Stufe des Altars niederknieen und in dieser Stellung verharren, bis der Prediger die Kanzel verlassen hatte. Für die Gemeinde ein prächtiges Spectakelstück, für die Betheiligten ein abscheulicher Gewaltact, der schwache Gemüther rasch zu wirklichen Verbrechern zeitigte, wurde diese Pfäfferei, die in unsern Tagen wieder in Vorschlag gebracht worden ist, endlich in eine Geldstrafe verwandelt, weil der blöde Fanatismus sich endlich überzeugt hatte, daß die Verzweiflung, sich dieser furchtbaren Schande zu entziehen, zu wahrhaften Verbrechen, zu Tödtung des unentwickelten Menschenkeims und zum Mord Neugeborner geführt hatte. Auch die Geldstrafe wurde als unnütz, zweckwidrig und ungerecht erkannt; der milde Geist der Humanität siegte auch in der Kirche. Und heute soll „der Teufel der Sinnenlust“ wieder mit Kirchenstrafen gebannt werden! Und doch sprach Er, den ihr predigt, dessen Jünger ihr euch nennt, als ihm die Ehebrecherin vorgeführt wurde, mild und menschlich: „Welcher unter euch rein ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“

„Hochzeit und Kirmeß“ in Mistelgau folgt später.




Eine Reise im Apenninengebirge des – – Mondes.
Ein Beitrag zur Verbreitung naturgemäßer Ansichten von H. Wendel.
Fortsetzung der ersten Abtheilung.
(Gestalt des „Erdsystems.“ – Einfluß theils des Mondes auf die Erde, theils der Erde auf den Mond. – Welches ist also der Standpunkt, von dem aus die eigenthümliche Natur des Mondes uns verständlich wird? – Größe der Mondfläche.)


Was die Gestalt des Erdsystems betrifft, so ist diese zwar auffallend, um so mehr, da man sich gewöhnt hat, alle Himmelskörper sich als Kugeln zu denken; allein schon die Erde selbst weicht bedeutend von dieser Regelmäßigkeit ab, obgleich nicht so stark, wie die Gestalt des Erdsystems; denn diese ist offenbar eine einseitige. Der eine Pol ist ungemein gewaltig abgeplattet, der andere sehr erhaben, in die Ferne gezogen. Die Masse, die von der Kraft des ersten Poles concentrirt wurde, reicht sogar so weit nach dem andern Pole hin, daß man sagen kann, sie nehme nicht blos die Stelle des einen Poles ein, sondern zugleich auch die Gegenden der Tropenländer, wenn man nämlich den „Schwerpunkt des Erdsystems“ dem specifischen Schwerpunkte der Erde selbst vergleicht. Es ist dies unleugbar eine merkwürdige Gestalt; allein auch hierzu findet man anderwärts im Welträume ähnliche Beispiele. Und auffallend genug ist es, daß sich diese Form an einem Theile des Erdsystems selbst wiederholt. Der Mond selbst hat nämlich eine solche Gestalt, wenn auch nicht bis zu einer solchen extremen Ausbildung. Bedenkt man übrigens, wie klein er gegen das „Erdsystem“ ist, so findet man die Verhältnisse ihrer Gestaltungen zu einander durchaus nicht zu ungleich.

„Wie so?“ wird mancher Leser sagen, „man sieht doch bei Vollmond, daß der Mond regelmäßig rund ist; wie so, hat er also nicht regelmäßige Gestalt?“

Nein, antworte ich, muß aber bitten, sich bis zum dritten Theile meiner Mondschilderungen zu gedulden, da ich dort Genaueres über die Mondgestalt mittheilen werde. – Außerdem gibt es noch viel abweichendere Gestaltungen im Weltraume. Man erinnere sich nur an die Kometen mit ihren langen Schweifen!

Gehören aber Mond und Erde zu einem Weltkörper, so müssen auch vielfache Beziehungen zwischen beiden stattfinden. Denn [264] Leib und Geist des Menschen sind auch zwei himmelweit verschiedene Dinge, und doch gehören sie zusammen und bilden einen Menschen; allein es existiren dafür Einflüsse des Geistes auf den Leib und wiederum Wirkungen des Leibes auf den Geist. Die Zeiten, in denen man dies noch bezweifelte, sind längst vorüber.– Die verlangten Wechselwirkungen zwischen Mond und Erde existiren ebenfalls. Ich komme hier auf ein weites Feld, auf dem noch viel Glauben und Unglauben, viel Unbewiesenes und viel Bewiesenes besteht; und manches Jahr werden sich deshalb die Gelehrten noch herumzanken. Diese Wirkungen sind durchaus nicht einerlei Art, sie sind vielfältig und uns fast durchaus unerklärlich. Ich erinnere nur an die Mondsüchtigen, oder an die Veränderungen, die, wie vielfach geglaubt wird, der Stahl erleidet; oder theils an die Verschlimmerung, theils Milderung der Krankheiten in Bezug auf den zu- und abnehmenden Mond. Da der Einfluß des Mondes ein Gegenstand ist, der zu sehr in’s Leben des Publicums eingreift, und weil er deshalb auch oft von Unkundigen besprochen wird, so ist es eine Folge davon, daß die meisten Leser in peinlicher Ungewißheit sein werden, welche Einwirkungen des Mondes blos vorgebliche und welche wirklich stattfindende seien. Es dürfte darum den meisten Lesern willkommen sein, einige der Einflüsse, deren Existenz nachgewiesen und die von der Wissenschaft jetzt acceptirt werden, hier zu erfahren.

In Bezug auf unsere Witterung manifestirt sich dieser Einfluß wirklich in Veränderungen des atmosphärischen Druckes (des Barometers), so daß zu gewissen Phasenzeiten das Barometer constant höher steht, als in andern, so wie zur Zeit der Erdferne des Mondes (der Mond ist bekanntlich öfters 54,800 Meilen weit von der Erde, öfters aber auch nur 48,800 Meilen; jenes heißt seine Erdferne, dieses seine Erdnähe) höher, als während seiner Erdnähe. Dieser Einfluß des Mondes zeigt sich ferner in den Veränderungen der Luftwärme dergestalt, daß während der Erdferne das Thermometer im Mittel höher steht, als zur Zeit der Erdnähe, wie denn auch die Phasen des Mondes einen Einfluß auf die Luftwärme äußern. Endlich erkennt man den Einfluß gewisser Punkte der Mondbahn auch in der ungleichen Vertheilung des Regens, sowie der Heiterkeit der Atmosphäre. Ein Einfluß der Declination des Mondes läßt sich in der Art nachweisen, daß Jahrgänge, in denen der Mond die Maxima seiner nördlichen und südlichen Declination erreicht, im Durchschnitt eine günstigere und namentlich dem Weinbau vortheilhaftere Witterung haben, als solche, wo er sich weniger vom Aequator entfernt. – Der Einfluß des Mondes auf das Wasser ist allbekannt; am deutlichsten tritt er hervor in Ebbe und Fluth des Meeres. – Der Einfluß des Mondes auf den Erdboden selbst, oder vielmehr auf das Erdinnere, ist ebenfalls constatirt und zeigt sich besonders in den Wirkungen der Erdbeben. Alexis Perrey hat der französischen Akademie der Wissenschaften zu Paris Beobachtungen hierüber vorgelegt, die fünfzig Jahre umfassen. Er sagt, daß die Erde außer dem sichtbaren Meere, dem aus kalten Wasser und auf dessen Oberfläche die Schiffe der Menschen schwimmen, – auch ein Meer in ihrem Innern habe, ein glühendes, aus flüssigen Steinen und Metallen, das in den Vulcanen seine Blasen wirft und das von jenem durch die feste Kruste der Erde getrennt ist, wie durch eine dünne, dazwischen geschobene Eierschale. Das Innenmeer fluthe und ebbe nun auch, beeinflußt vom Monde; da, wo die stärkste Fluth sei, dränge es am stärksten gegen die verhältnißmäßig dünne Schale, und die Erde finge an zu beben etc. – Der Einfluß des Mondes auf die Magnetnadel ist durch die neueren, zehnjährigen Beobachtungen von Karl Kreil (in Prag) völlig entschieden.

Was den Einfluß der Erde auf den Mond betrifft, so ist der Wissenschaft bis jetzt noch wenig gelungen, jenen darzulegen. (Ich rechne hier die Beleuchtung, die auch die Erde dem Monde bietet, nicht zu diesen Wechselwirkungen, obgleich sie offenbar eine ist.) Daß aber der Einfluß der Erde auf den Mond bedeutend sein mag, können wir errathen, vornehmlich darum, weil wir einen ziemlich starken Einfluß der Erde auf die Bewegung des Mondes beobachten können. Denn der Mond geht nicht ruhig seinen Weg, sondern wankt und schwankt gar sehr. Diese Ungleichheiten in dem Laufe des Mondes nennt man in der Wissenschaft „Störungen.“ Der Mensch hat sich aber nicht begnügt, diese Schwankungen zu beobachten, nein, er hat es auch dahin gebracht, sie genau zu berechnen, die Ursache zu jeder völlig zu entschleiern, und somit bestimmt nachweisen zu können, wovon und weshalb jede einzelne der Schwankungen erfolgen müsse. Ueberraschend ist es, zu sehen, wie sie genau so zutreffen, als der Astronom sie vorher angab. Diese „Störungen“ sind fast das schwierigste Problem der Wissenschaft, verlangen ungemein viel Geisteskraft und Zeit, verlangen Gelehrsamkeit und mühsames Arbeiten. Lange Zeit blieb deswegen dies Problem nicht vollständig gelöst. Endlich gelang es einem Mathematiker, der, obgleich sein Vater nur ein französischer Bauer war, von Napoleon I. zum Minister Frankreichs erhoben ward. – Der Laie würde die hierher gehörenden tiefsinnigen Rechnungen für wahre, unlösbare Hieroglyphen halten und anstaunen.

Hält der Leser das fest, was ich bis jetzt über das Erdsystem sagte, so wird er nicht blos der Natur gemäße Ansichten erhalten über das Verhältniß des Mondes zur Erde, sondern wird auch die Natur des Mondes selbst vom richtigen Standpunkte aus beurtheilen. Er erinnere sich, daß der Mond mit Polarland, die Erde, obgleich ursprünglich selbst Pol, mit Tropenland zu vergleichen sei, weil der „Schwerpunkt des Erdsystems“ zugleich in der Erde selbst mit liegt. Es ist nun zwar wahr, daß man deshalb nicht auf ganz entsprechende Beschaffenheit der Länder schließen darf, weil das Verhältniß des Tropenlandes der Erde zum Polarlande derselben andern Umständen untergeordnet ist, als das Verhältniß der Erde zum Monde, aber es ist auffallend, wie wirklich die Natur des Mondes, verglichen mit der der Erde, jenem Verhältnisse beistimmt. Dies aber ist unbedingt daraus zu schließen, daß Theile des Ganzen, hier also die Naturen des Mondes und der Erde, ähnlich und doch auch wieder so verschieden sein können, daß man eine ganz fremde Welt vor sich zu haben behaupten darf.

Man denke nur an die Naturen der Polargegenden auf der Erde und der ihrer Tropenländer. In den Urwäldern Südamerika’s sind Berge, und oft gar jähe; in Grönland (und nördlich davon) auch, nur daß sie dort von gelbem Sande und verschiedenfarbigen Felsen, hier von weichem Schnee und glattem Eise sind. Dort, wo in naßheißer, fast erstickend dichter Atmosphäre Alles üppig wuchert und grünt; dort, wo sehnenartige Lianen und tausend verschiedene andere Schlingpflanzen zäh, wie Flechsen im thierischen Organismus, uralte markige Baumstämme umranken, zwischen denen hervor eine zahllose Mannichfaltigkeit von Blättern und Blüthen, von Gräsern und Kräutern dicht sich drängen, alles in buntester Pracht, von strahlenden Farben, alles im würzigsten Dufte der schärfsten Gerüche, die wie gewitterschwere Wolken auf den gluthstrotzenden Blüthen lagern; dort, wo goldflimmernde Colibri’s und possirliche Affen, grellfarbige Papageien, wo flüchtige Rehe, zierliche Gazellen, stolze, edle Rosse elastisch leicht sich bewegen, – muß nicht Jeder zugestehen, daß Farbenpracht, daß phantastischer Schmuck, daß Leben in Fülle herrsche?

Schauen wir in die Landschaft des kalten Polarlandes; auch dort gibt’s Blumen – an gefrornen Fenstern; auch dort gibt’s Farbenpracht, wenn das rothe Polarlicht über die weißen Gefilde seine milden Strahlen sendet, und in den weitausgedehnten Glasflächen des Eises sich spiegelt, wenn Eiskrystalle in buntesten Farben schimmern, und der Schnee wie zahllose silberstrahlende Sternlein freundlich blinkt; auch dort gibt’s phantastischen Schmuck, dort wo Eiszapfen in langen blanken Reihen statt Guirlanden franzenartig an den Dächern herabhängen, wo fast alle Flächen wie polirte Spiegel, der glasartige Boden, wie mit glänzenden Diamanten statt Sandkörnern bestreut, feenartig prunkt; auch dort gibt’s Leben, wo der langzottige Eisbär, der fette, plumpe Robbe ungeschickt sich bewegt – und doch, wie ist die Natur eine ganz andere!

Dies Verhältniß auf der Erde, es ist ähnlich dem Verhältniß der Natur des Mondes zu der der Erde; auch dort auf dem Monde gibt’s Berge und Thäler, auch dort gibt’s Mannichfaltigkeit, Großartigkeit, Wunderbares, und doch wie Alles ganz anders als hier auf Erden! Hiervon wird sich der Leser bald selbst überzeugen, in den folgenden Abschnitten meiner Mondschilderungen, – wenn er die nöthige Rüstigkeit des Vorstellungsvermögens besitzt, die nöthig ist, um des Mondes Berge ersteigen, und dessen Thäler durchwandern zu können, – wenn er genug empfängliches Gemüth hat, um die Herrlichkeit und die Wunder einer fremden Welt zu würdigen.

Und somit wären wir denn geschickt, einzutreten in die Natur der Mondlandschaften. Die Mondgegenden, die wir beschauen wollen, liegen auf der diesseitigen Mondscheibe. Der Mond wendet nämlich, wie wohl jeder Leser schon weiß, der Erde immer [265] nur eine und dieselbe Seite zu, Die ganze uns zugekehrte Scheibe ist so groß, wie Nordamerika, oder wie das russische Reich mit allen seinen ausländischen Theilen, als Sibirien etc. Die andere Seite des Mondes hat zwar noch nie ein Mensch erblickt, sie kann uns also wenig bekannt sein, allein die Wissenschaft hat doch auch von ihr Manches zu erkunden gewußt; was und wie, soll der Leser in die spätern Abschnitten erfahren. Da die uns abgewandte Mondseite so groß wie Südamerika ist, so hat also die ganze Oberfläche des Mondes ungefähr die Größe von Amerika. Obgleich also die Erde eine mehr als 13 Mal größere Oberfläche hat, so würde doch ein Wanderer, der um den Aequator des Mondes herumgehen wollte und täglich 10 Stunden Weges zurücklegte, beinahe fünf Monate gebrauchen. Wollten wir also alle Landschaften des Mondes durchstreifen, so würden wir sobald nicht fertig werden, und deshalb wohl ermüden. Doch ist es auch keineswegs nöthig, jede speciell zu betrachten, da sie oft sich sehr gleichen. Ich wählte deshalb eine Mondpartie aus, an die sich zugleich der Charakter aller übrigen, wenn auch mehr oder weniger, anschließt. Ich hoffe aber, daß es hinreicht, nur das eine Land des Mondes zu durchreisen, um meinen Zweck zu erreichen, nämlich dem Leser eine der Natur gemäße Ansicht vom Monde zu geben. Es mögen darum jetzt die „Streifzüge im Apenninengebirge des Mondes“ folgen. Ehe ich aber diese Wanderungen auf dem Monde mit dem Leser beginne, will ich mich noch verwahren, daß ja keine Schuld auf mich geschoben werden mag, wenn man eine Satire darin fände, daß ich als Ueberschrift wählte: „Apenninengebirge“ – das doch in dem allerchristlichsten Lande, Italien, liegt, – „des Mondes“ – dem Symbole des Unglaubens und der Türkenwirthschaft; vielmehr geschah dies nur, weil dies Mondgebirge die meiste Aehnlichkeit mit irdischen Gebirgen hat, wie man auch, wenn man z. B. nach London oder Paris reist, ein dortiges deutsches Gasthaus wählen wird, von dem aus man dann sich umsieht.




Sclavenleben in Nordamerika.
Erster Artikel.

Ueber das Institut der Sclaverei in den nordamerikanischen Freistaaten herrscht in Deutschland und vielleicht in ganz Europa unter den Gebildeten nur eine Stimme: die Stimme der Verdammniß. Man rechnet es der Union geradezu als Verbrechen an, daß sie die Sclaverei fortbestehen lasse, im Widerspruch gegen die unveräußerlichen Rechte der Menschen, der schwarzen, wie der weißen, der rothgelben, wie der rothbraunen. Andererseits aber werden auch vielfache Gründe geltend gemacht, warum es unmöglich sei, die Sclaverei in Nordamerika überhaupt oder wenigstens sofort aufzuheben, und wenn man die Gründe dieser Vertheidiger – nichte der Sclaverei an sich, sondern der Sclaverei, wie sie einmal besteht, mit unparteiischem Ohre anhört, so wird man wenigstens zweifelhaft, ob man das Recht hat, den Stein der Verdammniß auf die Unionisten in Amerika zu werfen oder ob nicht Entschuldigungsgründe da sind, denen man beizupflichten selbst genöthigt ist. Doch lasse ich diese Frage hier dahingestellt, denn es ist dies mehr eine politische Frange, wobei man auf den Gegensatz zwischen „Norden und Süden“ in den amerikanischen Freistaaten tief eingehen muß.[1]

Warum also die Sclaverei in dem „Lande der Freiheit“ existirt, ob sie mit „scheinbaren Recht“ oder mit „unwiderleglichem Unrecht“ existirt, dies will ich hier nicht untersuchen, sondern mein Endzweck geht dahin, die Leser darüber aufzuklären, wie die Sclaverei in Amerika existirt.

Jenes „Warum“ ist vielleicht schon oft erörtert worden, und von Bessern, als ich bin; dieses „Wie“ aber noch wenig, und – von deutschem oder unparteiischem Standpunkte aus – noch selten oder gar nicht. Darum circuliren auch unter uns (nicht selten sogar in Büchern und Zeitschriften) die haarsträubendsten Geschichten von dem Leben, zu dem die Sclaven in Amerika verdammt seien, und man bekreuzt sich ordentlich, wenn man nur das Wort „Plantage“ oder „Nigger“ hört, weil man gewöhnlich der Ansicht, daß, wo die Sclaverei beginne, die Civilisation, ja das Menschenthum selbst ein Ende nehme. Ich erlaube mir daher, den Leser mitten in das Sclavenleben hineinzuführen, damit er sich sebst sein Urtheil bilde und nicht mehr gezwungen sei, dem oberflächlichen Beobachter mit seinem nachgeplapperten, absprechenden Urtheile durch Dick und Dünn zu folgen.

In den nördlichen Staaten, in Newyork, Massachusets, New-Hampshire, New-Jersey, Pennsylvanien, Connecticut, Vermont, Rhode-Island, Ohio, Indiana, Illinois, Maine, Iowa, Michigan, Wisconsin und Californien (jetzt auch noch Minnesota und Oregon) existirt die Sclaverei längst nicht mehr, sondern sie herrscht nur in den südlichen Staaten: in Delaware, Maryland, Virginien, Missouri, Tennessee, Kentucky, Nord- und Süd-Carolina, Georgia, Arkansas, Alabama, Louisiana, Mississippi, Florida und Texas (jetzt auch in Utah und Kansas). Sie ist nur zu Hause, wo das Klima der Anbau von Tabak, Reis, Baumwolle und Zucker gestattet oder vielmehr gebietet, weil die gewöhnlichen Feldgewächse der Ackerbau treibenden Staaten der Hitze wegen nicht mehr gedeihen. Mit dem Bau obiger vier Erzeugnisse ist aber schon ein großer Unterschied in der Art der Sclaverei oder vielmehr in der Art, wie die Sclaverei gehandhabt wird, gegeben. Wo nämlich Tabak gepflanzt wird, da ist es auch möglich, Mais, Weizen und süße Kartoffeln zu pflanzen, denn der Tabak kommt in allzu warmem Klima nicht fort. Wo aber der Reis, die Baumwolle und der Zucker zu Hause sind, da kommt der Weizen und die Kartoffel nicht mehr leicht fort; die Glühhitze ist zu stark. Ueberdies wäre es eine Sünde an der Natur, einen Acker mit Mais zu bepflanzen, auf dem Zucker oder Baumwolle gezogen werden kann; Mais kommt fast überall fort, Zucker und Baumwolle aber blos in besonders auserlesenen Ländern. Zu den Letzteren sind zu rechnen: Florida, Mississippi, Nord- und Süd-Carolina, Georgia, Louisiana, Alabama, Arkansas und ein Theil von Texas (der tiefgelegene); die Tabaksstaaten aber sind: Delaware, Maryland, Virginien, Tennessee, Kentucky, Missouri und das gebirgige Texas. Hier, in diesen Staaten, haben sich auch viele weiße Farmer angesiedelt, und es gibt daher nicht wenige Gutsbesitzer (Kaufleute und Handwerker ohnehin), die keine Sclaven halten. Weiße Bauern siedeln sich überall an, wo sie Mais, Weizen und Kartoffeln planzen können und dem Tabaksbau sind sie wegen seiner Einträglichkeit ohnedies nicht abhold. Natürlich ist also hier, in diesen Staaten, der Grund und Boden mehr in kleinere Parcellen vertheilt, denn der amerikanische Farmer liebt es nicht, mehr Feld zu haben, als er mit ein paar Knechten übersehen kann. Somit gibt’s weniger große Plantagen, als im Süden, wo sich der Bauer nicht ansiedeln kann, – des Klima’s und der Bodenerzeugnisse wegen. Daraus folgt, daß auch diejenigen, welche in Missouri, Delaware, etc. Sclaven halten, nur wenige haben. Der „Herr“ braucht also keinen Sclavenaufseher, sondern macht diesen selbst. Natürlich sind Sclaven, die unter der Aufsicht des Herrn selbst arbeiten, ganz anders daran, als solche. die der Aufseher unter sich hat, und ohnehin würden es die vielen weißen Farmer, die keine Sclaven halten, nicht zugeben, daß die Sclaven ihres Nachbars schlecht und grausam behandelt würden. Ueberdies: in Maryland, Delaware, Virginien, Tenessee, Kentucky, Missouri und dem größten Theil von Texas planzt jeder Gutsbesitzer seinen Bedarf an Feldfrüchten selbst; folglich darf er weder Kartoffeln, noch Mais, noch Weizen kaufen und – aus diesem Grunde haben seine Sclaven im Vollauf und gut zu essen. Um es also mit einem Worte zu sagen, der Sclave ist hier weniger Sclave, als Knecht; den er hat gerade dasselbe zu thun, was der Knecht des weißen Farmers thun muß und wird auch gerade so behandelt, nur daß er keinen Lohn bekommt, aber dafür in seiner Jugend und seinem Alter von seinem Herrn erhalten wird. Gäbe es demnach keine andere Sclaverei in Amerika, als die Sclaverei in den Tabaksstaaten [266] (in welchen allen nur ganz wenig Baumwolle gepflanzt wird, weil nur die heißesten Niederungen dazu passen), so würde das Gehässige derselben nicht so sehr hervortreten und man könnte sogar dafür einstehen, daß in wenigen Jahrzehnten das ganze Institut verschwunden wäre, weil der Weißen Arbeit erwiesenermaßen billiger, praktischer und nutzbringender ist, als Sclavenarbeit. Etwas ganz Anderes aber ist es in den Reis-, Zucker- und Baumwollenstaaten, wo Arbeit von Weißen der Hitze wegen radical unmöglich ist und wo also auch nicht das Land in kleinere Farmen zerspalten wird, weil sich der Bauer nicht hindrängen kann, sondern Alles in den Händen der „Reichen“, der „Plantagenbesitzer“ lassen muß. Nach Mississippi, Louisiana, Georgia, Alabama etc. muß man gehen, wenn man wissen will, was Sclaverei ist, und ehe einer auf einer „Plantage“ war, kann er auch kein Urtheil fällen, wie es mit dem „schwarzen Volke“ gehalten wird.

Allerdings gibt es gewisse Grundzüge und Gesetze, welche allen Sclavenstaaten gemeinsam sind. Darunter ist namentlich zu rechnen, daß der Sclave gesetzlich kein Individuum ist, sondern eine Sache, so zu sagen ein „persönliches Object“, ein Ding nicht anders anzusehen, als ein Pferd oder ein Ochse! Darüber sind alle Sclavenstaaten einig, wie auch darüber, daß ein Sclave weder als Ankläger, noch als Zeuge gegen einen Weißen auftreten kann. Ferner geben die Meisten einem Jeden das Recht, einen flüchtigen Sclaven zu tödten, wo man ihn trifft. Viele erlauben dem Herrn sogar, einen blos widerspenstigen Nigger kalt zu machen. Ja, nicht' Wenige sind darüber einverstanden, daß ein Sclave schon, wenn er einen Weißen nur beleidigt, dem Tode verfallen sei. Aber – ein übereinstimmendes, in allen Einzelnheiten übereinstimmendes Sclavengesetz gibt es nicht, sondern jeder Staat macht sich seine Gesetze hierüber selbst, und je milder und sanfter die Behandlung der Sclaven in einem Staate für gewöhnlich ist, um so milder und sanfter sind auch die Gesetze. Ueberdies – in den Tabaksstaaten ist die Handhabung dieser Gesetze, die Art und Weise ihrer Ausführung eine ganz andere, als in den Baumwollen- oder gar den Zuckerstaaten. Gesetzlich ist der Sclave auch in Delaware und Missouri eine Waare, aber in der Praxis fühlt’s derselbe nicht, weil man es ihn nicht fühlen läßt, weil er generationenweise in derselben Familie lebt und mehr als Mitglied derselben angesehen wird, denn vielleicht der gemiethete weiße Söldling! Gesetzlich ist es dem Sclaven auch in Texas und Maryland nicht erlaubt, gegen einen Weißen als Zeuge aufzutreten, aber rechtlos ist derselbe deswegen in diesen Staaten doch nicht, denn die Tabaksstaaten alle haben Gesetze erlassen, welche den Sclaven vor den Mißhandlungen seines Herrn schützen, und man darf nicht daran zweifeln, daß, wo eine Mißhandlung vorkommt, auch die Untersuchung nicht ausbleibt.

Ganz anders ist’s in den Baumwollen-, Reis- und Zuckerstaaten, in welchen die schwarze Bevölkerung zum mindesten 50, oft aber auch 60 und 70 Procent ausmacht. Hier ruht alle Händearbeit (wenigstens alle Feldarbeit) auf den Sclaven und man würde ihnen auch die geistige (die des Kaufmanns, Künstlers etc.) aufbürden, wenn sie die Capacität dazu hätten. Betrachten wir einmal eine der Plantagen, wie man sie in den südlichsten Staaten vorfindet. Wie die eine, so sind sie alle. Der Unterschied liegt blos in dem größeren oder kleineren Umfange, in der mehr oder minder großen Anzahl der Sclaven, in der milderen oder strengeren Herrschaft des Aufsehers.

Die Plantage liegt in der Niederung. Vielleicht an der Sabine, vielleicht am Redriver (rother Fluß), oder am Arkansas, oder am Mississippi. Sumpf und Oede herrscht vielleicht nur eine Stunde von der Plantage, denn der Fluß mit seinen flachen Ufern überschreitet oft seine Grenze, und die Plantage unseres Baumwollenpflanzers erscheint daher im Gegensatz gegen jenen Sumpf nur wie ein Blüthengarten. Auf erhöhtem Räume, ganz versteckt zwischen dunkeln Orangen- und Granatbaumhecken liegt das Herrenhaus. Es ist ein großes, luftiges Gebäude, vielleicht noch mit einem Thurme aus den Zeiten der ersten ritterlichen Gründer von hundert Jahren her versehen, jedenfalls mit vielen kleinen, unregelmäßigen Anbauten, wie es der Zuwachs der Familie und die Liebhaberei der späteren Besitzer erheischte. Sechs Fuß breite Portale, hohe Ballone, verandaartige Vorbaue gereichen ihm zu nicht geringer Zierde. Ringsum blüht ein herrlicher Garten mit chinesischen Bäumen und sonstigen tropischen Gewächsen. Breite lange Alleen durchschneiden ihn, alle mit den eben so zierlichen, als schattigen Chinabäumen besetzt, von denen einige so groß werden, daß man seine Wohnung in den Zweigen aufschlagen und ein rundes Tischehen mit einer Bank ringsherum, nebst einer zierlichen Wendeltreppe hinauf, darin anbringen kann, so daß eine kleine Gesellschaft in dem grünen Laube, vor Sonne und Hitze geschützt, die Abende hier zuzubringen vermag. Weithin durch die Alleen sieht man ungeheuere Baumwollenfelder oder Zuckerplantagen und einen Schwarm von Schwarzen mitten darin in eifriger Geschäftigkeit.

Etwa 600 Schritte vom Herrenhause entfernt liegen die Negerhütten. Es sind ganz gleichförmige, einstöckige Häuschen, die einander, in ganz gleichmäßiges Linien gegenüber stehen. Jedes Häuschen ist mit einem kleinen, etwa 100 Quadratfuß großen Gemüsegarten umgeben und sieht in seinem weißen Anstrich freundlich und einladend genug aus. Das Ganze aber erscheint wie ein kleines Dorf am Fuße des herrschaftlichen Schlosses. Zwischen dem Herrenhause und den Sclavenhütten steht die Wohnung des Aufsehers (gewöhnlich Overseer genannt). Es ist meist ein geräumiges Haus mit einem Portico, von dem aus alle Sclavenwohnungen und der größte Theil der Plantage mit Bequemlichkeit übersehen werden kann. Das Privatzimmer des Aufsehers ist mit Büchsen und Pistolen wohl ausstaffirt, aber von außen sieht das Gebäude so unschuldig und lieblich aus, wie die ganze freundliche Umgebung, die auch das verstockteste Gemüth erheitern muh. Doch ehe wir uns mit dem Overseer und seinen Untergebenen unterhalten, gehen wir auf einen Augenblick in’s Herrenhaus, um dieses nicht blos von außen, sondern auch von innen zu betrachten.

Wir brauchen uns nicht zu geniren; im Süden ist die Gastfreundschaft zu Hause und auf den Herrensitzen der reichen Plantageninhaber hat sie ihre Lieblingsheimath. Jeder gebildete Weiße ist herzlich willkommen, sobald es kein Emancipationsprediger ist, der unter dem scheinheiligen Aeußern des Friedenshirten Aufruhr und Revolution unter die „schwarze Heerde“ zu verbreiten kommt. Wir werden mit der ausgesuchtesten Artigkeit, mit der zuvorkommendsten Herzlichkeit empfangen, sogar wenn wir Deutsche sind (jedenfalls sind Deutsche beliebter, als Irländer).

Wir finden hohe, luftige, bequeme Zimmer, die mit einem Luxus ausgestattet sind, wie man auf dem Lande keinen größeren in Anspruch nehmen darf. Es fehlt weder an Empfangs- noch Spielzimmern; Piano’s und Bücher sind nicht vergessen, und aus der Bibliothek treten wir unmittelbar in den Tanzsalon. Hier auf den Edelsitzen der südlichen Pflanzer ist die feine Bildung zu finden, die man in dem Gewühl der größeren Städte selten findet, denn der Plantagenbesitzer des Südens ist nichts anderes, als der Landedelmann Englands und Europa’s. “Wie hier die größeren Gutsbesitzer die Träger der „Gesellschaft“ sind, so auch im Süden Amerika’s die Plantagenbesitzer. Wie aber noch vor kurzer Zeit die Unterthanen dieser Edelsitzinhaber in Europa oft im tiefsten Elend schmachteten, ohne daß diese auch nur die geringste Notiz nahmen, so auch auf dem Edelsitze des amerikanischen Pflanzers. Was kümmert sich dieser um seine sclavischen Unterthanen? Dazu hat er seinen Overseer! Dieser ist sein Premierminister und Verwalter in Einer Person. Die Plantage mag blos fünfhundert Acres (ein Acre gleich 1¼ Morgen würtembergisch Maß) oder zehntausend groß sein, es mögen blos fünfzig oder tausend Sclaven darauf gehalten werden, der Oberaufseher hat die ganze Pflanzung sowohl, als auch die Arbeit der Sclaven zu leiten. Nur wenn der Arbeit zu viel für ihn ist, werden einige Unteraufseher ernannt, welche aber aller Selbstständigkeit entbehren. Der Plantagenbesitzer wird recht oft und viel seine Felder in eigener Person durchreiten, er wird vielleicht hie und da seine Sclaven sogar mit Namen kennen, aber er setzt sich mit ihnen in keine unmittelbare Verbindung, sondern seine Befehle ergehen blos durch den Mund des Overseer’s, der den ganzen Tag zu Pferde sitzt und die Arbeit der Nigger an allen Enden der Plantage beaufsichtigt, um allabendlich seinem „Herrn“ Bericht zu erstatten. Auf den Overseer kommt es also an, ob die Sclaven menschlich oder unmenschlich behandelt werden, denn sein Herr empfiehlt ihm als Richtschnur blos den Grundsatz, aus dem „schwarzen Eigenthum“ so viel Nutzen zu ziehen, als es „unbeschadet des Werthes und der Gesundheit“ dieses lebenden Eigenthums geschehen kann. Ein guter Landwirth weiß wohl, daß man einem „gut gefütterten, [267] reinlich gehaltenen und nicht überarbeiteten“ Pferde viel mehr zumuthen kann, als einem schlecht gehaltenen und ungestriegelten. Dasselbe weiß auch der Plantagenbesitzer, der nur statt der Pferde die Nigger substituirt. Natürlich also trifft ein gutmüthiger und vernünftiger Pflanzer eine andere Wahl in seinem Overseer, als ein bösartiger und kurzsichtiger!

Besuchen wir einmal die Negerhütten. Es ist ganz gleich, in welche von denselben wir gehen, denn es ist eine wie die andere.

Wir finden nur ein Gemach. Dieses ist Wohnstube, Empfangszimmer, Küche und Schlafraum zugleich. Das Ameublement ist ebenso einfach. Eine Lagerstätte, ein Tischchen, ein paar Sitze, eine Binsenmatte! Doch den Vorplatz vor dem Wohnzimmer hätten wir fast vergessen, und doch ist dieser die Hauptsache in einer Sclavenwohnung. Der Vorplatz bildet eine Art Portico. Luft und Licht sind in gleichmäßiger Fülle vorhanden, was in einem so heißen Klima, wie Louisiana oder Georgia, keine zu verachtende Beigabe ist. Im Frühjahr, Sommer und Herbst, oder eigentlich im ganzen Jahr (die kurze Regenzeit ausgenommen) ist dieser Vorplatz der Aufenthalt für die ganze Niggerfamilie. Hier wird gekocht, hier wird gespeist, hier werden Besuche angenommen. Im Wohnzimmer wird blos geschlafen.

So einfach, aber dem Klima entsprechend, die Wohnung ist, so genügt sie doch den Bedürfnissen des Negers. Ebenso ist’s mit seiner Nahrung. Doch dürfte diese sehr oft an das „Allzueinfache“ hinstreifen. Der Plantagenbesitzer im Süden braucht all sein Land für Baumwolle, Reis und Zucker. Er kann keinen Weizen pflanzen, weil dieser unter der tropischen Sonne nicht mehr fortkommt; er würde aber auch keinen pflanzen, wenn er könnte, denn das Pflanzen der Baumwolle trägt mehr ein. Darum kauft er seinen Bedarf an Mais, Mehl, Weizen, Kartoffeln u. s. w. von den nördlicher gelegenen Staaten. Allein soll er den Neger mit Weißbrod auffüttern? Oder soll er gar Schlachtvieh einführen, um den Sclaven mit Kalbfleisch zu mästen? Er selbst freilich hat der Truthühner und andern feinen Geflügels und Fleisches übrig genug. Er selbst hat volle Vorrathskammern vom weißesten Mehl; aber für den Nigger thun’s doch eben so gut Bohnen und Pökelfleisch! – In der That, wie es Regel ist, daß auf den Sclavenhaltereien in Virginien, Kentucky u. s. w. der Nigger von denselben Speisen ißt, von denen sein Herr genießt (wie er denn auch meist im selben Hause wohnt), so ist es umgekehrt in den südlicheren Staaten Regel, daß der Sclave nichts bekommt, als Bohnen und gesalzenes Fleisch, das er sich nach Belieben zurecht machen kann, und zufrieden darf er sein, wenn er nur dieses in hinreichender Fülle bekommt! Bohnen und gesalzenes Fleisch sind zwar an sich nicht theuer, aber – ein Overseer, der sich unentbehrlich machen will durch seine Aufopferung für den „Herrn,“ weiß oft auch hierin zu sparen! – Sind die Speisen einfach, so ist auch die Kocherei einfach. Abends nach neun Uhr werden die Töpfe mit Bohnen und Fleisch gefüllt und ein Kohlenfeuer darunter gemacht. Die Kohlen glühen zwar Morgens nicht mehr, aber es braucht blos eines starken Hauches, um sie wieder in’s Glühen zu bringen und das Essen für den ganzen Tag ist fertig,; denn Mittags und Abends wird blos gewärmt, was Morgens, oder vielmehr die Nacht über’ gekocht worden ist. Einige Abwechselungen in die Speisen bringt das kleine Gärtchen am Hause, denn auf diesen hundert Quadratschuhen darf der Neger pflanzen, was ihm beliebt, und natürlich pflanzt er seine Lieblingsgemüse. Freilich hat er nicht viel Zeit, seines Gärtchens zu pflegen, denn nur Sonntags ist’s ihm erlaubt, für sich zu arbeiten; aber der Garten ist doch meist in schönster Ordnung und Cultur.

In den nördlicher gelegenen Sclavenstaaten arbeitet der Neger im Hause, wie im Felde, je nachdem es die Jahreszeit mit sich bringt, denn die Cultur des Tabaks und Weizens erfordert nicht blos Feld-, sondern auch Hausarbeit. In den südlicheren Baumwollen-Cultur-Staaten aber ist die Feldarbeit die Hauptsache. Morgens in aller Frühe wird die Negerglocke geläutet. Sie hängt über dem Portico des Oberaufsehers. Das ist das Zeichen zum Ausstehen für den Sclaven. In jenen Gegenden, die sich dem Aequator mehr nähern, ist Tag und Nacht Sommer und Winter fast gleich lang. Die Sonne geht um 6 Uhr auf und um 6 Uhr unter. Die Negerglocke ertönt um 5 Uhr. Hurtig gefrühstückt. Man hat nicht lange Zeit dazu. Vor sechs Uhr beginnt die Arbeit. Sie dauert bis 12 Uhr. Eine kurze Unterbrechung, und sie beginnt wieder. Dann dauert sie bis 6 Uhr Abends, selten darüber, und nun ist Feierabend, um 9 Uhr aber müssen die Nigger im Bette sein. So ist es Jahr aus, Jahr ein. Nur die Erntezeit macht eine Ausnahme.

In dieser Zeit darf keine Minute verloren werden, besonders in den Zuckerplantagen. Es steht zu viel auf dem Spiele. Ein einziges Gewitter könnte Tausende von Dollars Werth verderben. Darum wird zur Erntezeit auch kein langer Aufenthalt über Mittag gestattet. Das Essen wird Morgens mitgenommen und kalt auf dem Felde verzehrt. So nahe es auch ist bis zu den Negerhütten, es ist doch zu weit! Um diese Zeit erweitert man die Arbeitsstunden von zwölf auf fünfzehn. Immer noch wenig gegenüber Cuba, der spanischen Sclavenstätte, wo die tägliche Arbeitszeit Jahr aus Jahr ein fünfzehn Stunden beträgt und zur Erntezeit achtzehn! Aber streng und hart gearbeitet wird in Nordamerika, wie in Cuba. Die Negerin, die vielleicht einen Säugling zu nähren hat, wird eben so wenig geschont, wie der Knabe von 12 Jahren, oder der Fünfzigjährige, der bereits über das „rüstige“ Alter hinüber ist. Die Negerin kann ja ihren Säugling mit auf’s Feld nehmen! Sie macht es dabei wie unsere Zigeunerinnen und bindet sich ein Leintuch über die Schultern, daß es auf dem Rücken eine Art Sack bildet, in welchem der Sprößling gemächlich ruht, während die Mutter thut, was ihres Amtes ist. Schreit der junge Weltbürger und verlangt nach Nahrung, so gönnt sie sich eine Minute oder zwei, um sein Verlangen zu „stillen,“ und das oft bis in sein zweites und drittes Jahr. „Entstillt“ werden die Jungen und Mädchen erst, wenn sie lustig auf dem Boden herumkrabbeln können, um sich während der Abwesenheit der Eltern vor oder in der Niggerwohnung nach eigenem Gutdünken die Zeit zu vertreiben.

Die Leitung der Arbeit ist in den Händen des Overseer’s. Er ist so früh auf, als die Sclaven, er geht aber erst lange nach ihnen zu Bette; denn oft und viel macht er sich noch einen Nachtdienst, wenn die Sclavenwohnungen längst in tiefem Schlafe begraben sind. Dann schleicht er sich zwischen den stillen Häuschen durch und horcht und lauscht, ob sie Alle schlafen! Wehe denen, die noch wachen und zeigen, daß sie wachen! Wehe denen, die noch in später Stunde plaudern, denn hinter jedem Worte wird ein „Verschwörer“ gewittert! Oder könnten nicht die armen Geplagten sich darüber zu einigen suchen, wie sie am besten der Sclaverei entrinnen wollen? Wehe ihnen! Wehe aber auch denen, die sich während des Tages träg und faul erweisen! Der Oberaufseher ist hinter ihnen, wenn sie sich’s am wenigsten vermuthen. Wenn sie glauben, er sei eben zu einer andern Partie Sclaven hinübergeritten, die am andern Ende der Plantage beschäftigt sind, und in dieser frohen Hoffnung säumend stehen und plaudern, – in demselben Augenblicke steht er hinter ihnen und schwingt drohend seine Peitsche. Der Overseer ist der alte „Ueberall und Nirgends,“ den wir schon in unsern Knabenjahren mit entzückendem Grausen kennen lernten. Von Morgens früh an sitzt er zu Pferde und bereitet die ganze Plantage. Im Sattelknopfe stecken zwei Pistolen, und am Sattelknopfe hängt die Peitsche, die Sclavenpeitsche! Seinem Blicke entgeht Nichts, auch nicht das Geringste! Seinem Gutdünken fällt es anheim, ob er die Peitsche streng oder lässig handhaben will!

Die Peitsche des Overseer’s ist ein künstliches Stück Arbeit. Sie ist sehr lang, und aus gezwirnter Seide geflochten. Wo ihre Spitze auf die bloße Haut trifft, da spritzt Blut nach, und die Neger sind wegen des heißen Klima’s zum Theil halbnackt, zum Theil blos in leichtes Baumwollenzeug gekleidet, Männer wie Weiber! Der Oberaufseher ist in der Führung der Peitsche äußerst gewandt, ein wahrer Künstler. Viele üben sich in dieser ihrer Kunst viele Monate, ja Jahre lang, bis sie es endlich zur Virtuosität bringen. Sie haben zu diesem Zwecke in ihrem Privatissimum eine ausgestopfte Figur – einen Menschen vorstellend – hängen, welcher sie Hosen von Hirschleder anziehen. Auf dem Hirschleder wird jeder Hieb sichtbar, den sie nach der ausgestopften Figur führen, so daß sie bei ihren Hiebübungen im Augenblicke wissen, ob sie fehlgeschlagen haben oder nicht. Die Figur hängt an einer Schnur und bewegt sich nach jedem Hiebe. Wenn sie nun in den Feierstunden und Sonntags sich Jahre lang an dem Pseudomenschen geübt haben, so sind sie meist so weit gekommen, daß sie im Stande sind, eine Fliege auf dem Rücken des Negers zu treffen, so sicher ist ihr Augenmaß!

[268]
Die Brodfabrik.

Eine große Anzahl von Handwerken hat es sich gefallen lassen müssen, daß die Fabrik ihnen einen bedeutenden Theil Beschäftigung früherer Zeit aus der Hand nahm. Sollte das ehrbare Gewerk der Bäcker allein einer Ausnahme von diesem Schicksale sich erfreuen? Viele glauben es, nicht allein weil die Bäcker in den meisten Städten eine mit vielen alten Rechten ausgestattete Innung haben, die sich gegen Angriffe zu wehren weiß, sondern viel mehr noch, weil die Bäcker nur für das örtliche Bedürfniß arbeiten, mit ihren Kunden zum Theil in sehr innigen Borgverhältnissen stehen, allerlei wichtige Gewerbsvortheile von Alters her besitzen und – Niemand gern altbacken Brod ißt. Trotz dieser Gründe oder vielleicht auch gerade wegen derselben sind die armen Bäcker von jeher manchen Anfeindungen ausgesetzt gewesen, was sich daraus erklärt, daß es sich bei den Leuten um das tägliche Brod handelt. In Paris mußte der Kaiser die Bäcker dadurch schützen, daß er der Stadt befahl, ihnen Geldzuschüsse zu geben, damit sie das Brod wohlfeiler verkaufen konnten, als sie es sonst vermocht hätten. In Constantinopel nagelte man sie gelegentlich mit den Ohren auf die Brodbank. Die deutsche Backgerechtigkeit ist freilich ganz anderer Art! Gegen diese zieht die Wissenschaft und die neuere Technik zu Felde, indem sie das alte Teigbereitungs- und Backverfahren einer Kritik unterwerfen, wie es unter anderem in unserer Gartenl. Nr. 4. u. 5., 1856, in einem vortrefflichen Artikel von Herrn Dr. H. Hirzel geschah. Es war unter Anderem in demselben gesagt, daß die Bäcker sich Knetmaschinen und bessere Oefen anschaffen sollten, welche letzteren gerade noch so geartet seien, als zur Zeit, da Pompeji vor 2000 Jahren blühte. Weil es aber klar auf der Hand liegt, daß sich der einzelne kleine Bäcker weder schwer zu bewegende Knetmaschinen, noch theure, viel liefernde Backöfen anzuschaffen vermag, so wird vorgeschlagen, Gemeindebäckereien anzulegen. Dieser Vorschlag läßt sich hören. Man hat ihn auch schon an manchen Orten vernommen und hier und da, namentlich in Dörfern, befinden sich zum Mindesten doch Gemeindebacköfen, worin man viel Heizmaterial spart. Aber in Städten sind die Bäckerinnungen noch nirgends auf den Gedanken gekommen, eine genaue und gewissenhafte Prüfung der Frage anzustellen: ob es ausführbar sei, sich genossenschaftlich zu vereinigen und gemeinschaftliche Backhäuser zu erbauen, um ihren Teig in Knetmaschinen zu bearbeiten – wie früher die Tuchmacher ihre Tuche in genossenschaftlichen Walkmühlen bereiteten – und ihr Brod in Tag und Nacht beheizten Oefen zu backen?

Die Societäts-Bäckerei.und Brauerei in Cainsdorf bei Zwickau.

Wir werfen diese Fragen nur so hin, vollbewußt der sich entgegenstellenden Schwierigkeiten und namentlich des dagegen geltend zu machenden Umstandes, daß der Bäcker in seinem sich allmählich abkühlenden Ofen verschiedenartiges Gebäck, wie er es eben braucht, fertig macht und er doch nicht ohne Backofen in seiner Wirkstube sein könne, wohl eingedenk der Betrachtung, daß, da der Bäcker einmal Gesellen braucht, sie eben auch zuweilen ihre Arme zum Kneten gebrauchen mögen. Mit der zuweilen scharf in’s Licht gestellten Unreinlichkeit, dem Schweiße u. s. w. ist es in der That auch so arg nicht. Und man wird sehr billig gegen die Bäcker denken lernen, wenn man den Blick zuvor in seine Küchen wirft. Reinlichkeit ist übrigens erste Gewerkspflicht des Bäckers. Der Geselle hütet sich auch – und das ist ihm nicht zu verdenken – so schwer zu arbeiten, daß er in Schweiß geräth. Aechzen und stöhnen mag er wohl manchmal – weswegen ihn der Franzose auch „geindre“ nennt, aber offen gesprochen, wir glauben, daß Bäckerschweiß, ausgenommen vor’m Ofen, eben so theuer, als Maurerschweiß ist.

„So muß denn doch die Fabrik dran!“ so ungern wir auch die Vorzüge der Arbeit im Großen – wenn ihr mit allen Vortheilen, wie sie die fortgeschrittene technische Chemie und Mechanik nur immer zu bieten vermögen, beigesprungen wird – dem großen Capital und den gegen das Wohl und Wehe der Arbeiter gleichgültigen Zinsleistenschneidern der Actiengesellschaft überlassen und so gern wir sie vielmehr der Genossenschaft der „Innung der Arbeitenden“ zugewiesen wissen möchten.

Wir glauben nicht, daß die Innung der Fabrik wieder Herr werden wird, wenn sie ihr einmal die Zeit zur Kräftigung gelassen hat. Möglich, daß das Feingebäck und der Kuchen nicht in den Sprengel der Fabrik fallen wird – aber mit dem täglichen Brode wird’s nach und nach bedenklich aussehen. Der Dampf ist auch hier wieder wie sonst so oft der Treiber. Er knetet mit tausend Gesellenarmen wie zum Spiel, heizt und schiebt und übernimmt endlich auch noch den Versand, so daß wir, wenn’s sonst nöthig wäre, hier in Leipzig frisches Brod aus Hamburg oder Prag essen könnten. Wir haben gewiß viele Brodbäcker unter unsern Lesern, die sich von einer Brodfabrik keine so recht klare Vorstellung machen können. Für sie und alle Brodessende wird daher die Schilderung der Vorgänge in einer Brodfabrik gewiß nicht ohne Unterhaltung sein. Mögen sie selbst sich die Vortheile oder Bedenklichkeiten bei einer solchen Brodbereitung im Großen vormalen; uns scheint es, als ob die immer zunehmend auftauchenden Unternehmungen für die Einträglichkeit derselben sprächen.

Nicht nur allein in Frankreich hat man die Erfahrung gemacht, daß die Brodfabriken das Brod besser und namentlich wohlfeiler verkaufen, als manche Bäcker, sondern auch in Deutschland, z. B. in Zwickau, wo nach Eröffnung des Geschäfts der Societäts-Bäckerei in Cainsdorf das Brod sofort billiger wurde. – Freilich geben, wie man vernimmt, einige Brodfabriken nicht die Rechnung, auf die man hoffte – indessen man muß Lehrgeld geben, so will es die Innung, so die Fabrik!

Eine wichtige Vorbedingung für die neuartige Broderzeugung

[269]

Wirkstube.

ist die Verbindung der Müllerei mit der Bäckerei. Die Zeit ist wohl noch nicht gekommen, wo durch eine genossenschaftliche Vereinigung des Müller- und Bäckergewerbes auf breitester Grundlage das beste und wohlfeilste Brod geliefert werden könnte, vor der Hand muß man sich begnügen, zu verlangen, daß eine tüchtige Maschinenbäckerei oder Brodfabrik zugleich mit einer Mühle verbunden sei behufs der Gewährleistung unverfälschten und reinen Mehles, und zur Ersparung aller Unbequemlichkeiten, Unzuträglichkeiten und Kosten, die mit der Herbeiziehung von fremdem Mehl zur Bäckerei verknüpft sind. Jedoch stehen wir nicht an, zuzugeben, daß in Fällen es genügt, eine gute Mühle in der Nähe zu haben, um mit Vortheil eine Brodfabrik zu betreiben.

Teigbereitungslocal.

[270] Einem spätern Aufsatz behalten wir die Beschreibung der Vorgänge in einer Mühle neuester Bauart vor, obgleich wir nicht ganz sicher sind, daß alle unsere Leser eine Mahl-Mühle im Innern gesehen, noch viel weniger begriffen haben, wie eigentlich das Mehl entsteht. Indessen – eins nach dem andern!

Wir haben mehrere Brodfabriken durchmustert, unter anderen die des Herrn Bienert in der königlichen Hofmühle zu Plauen bei Dresden und die von Herrn J. G. Claus gegründete, von Herrn Karl Hedrich und Karl Klinger in Glauchau gebaute Mühle und Bäckerei der erzgebirgischen Societäts-Bäckerei und Brauerei zu Cainsdorf bei Zwickau. Ganz ähnlich sind die Brodfabriken in Leipzig, Berlin u. s. w. eingerichtet.

Eine Brodfabrik besteht aus einem Mehlboden, einem Teigbereitungssaale, einer Wirkstube und einem Backraume mit den Oefen. Unsere Abbildungen zeigen das schöne Aeußere der Cainsdorfer Mühle mit Bäckerei und Brauerei, auf dem Berge hoch über der Mulde und der Eisenbahn reizend gelegen. Ein Industrieschloß der Neuzeit, in dessen Burgverließ die Schienen der Eisenbahn dringen, um das herrliche Felsenkellerlagerbier in die weite Welt den Dürstenden zur Erquickung hinauszufahren! Dann wird man auf den andern Bildern den Teigbereitungssaal und die Wirkstube erblicken. Die Oefen geben nicht wohl ein Bild. Von dem Mehlboden ab wird das Mehl durch Trichter in schrägliegende Drahtcylinder geführt, wo es gesiebt wird und sich in einen Kasten in verschiedene Fächer entleert, je nach der mehr und minder schweren Beschaffenheit. Das locker herabgefallene Mehl in Haufen wird hier vorläufig erwärmt, sodann aber werden in den Mehlfässern kleine Partien abgewogen und in die Nähe eines Ofens gestellt.

Das zur Teigbereitung erforderliche Wasser wird in einem hochliegenden Behälter, der durch eine von der Dampfmaschine her betriebene Pumpe gespeist wird, mit Hülfe der abgehenden Wärme der Backöfen erwärmt. Es gehört zur Backkunst, das richtige Verhältniß zwischen Wasser und Mehl zu treffen. Man bereitet in eigenen Gefäßen den sogenannten Grundsauer, knetet einen Theil desselben mit dem nöthigen Mehl in der Knetmaschine zu Sauerteig zusammen, schüttet solchen in den darunter stehenden Trog und fährt ihn, wie auf dem Bilde zu sehen, unter dem Bahngerüst hinweg an das von der Knetmaschine abliegende Ende einer Eisenbahn. An dieser Stelle wird dann der Trog durch einen Fahrstuhl auf oben liegende Schienenstränge gehoben und bleibt auf diesen stehen, bis ihn ein folgender Trog weiter vorschiebt. Hier oben macht der Teig die Gährung durch und wird nach entsprechender Zeit auf’s Neue in die vorn stehende Knetmaschine gestürzt, wo ihm dann mehr Mehl zugesetzt, er geknetet, darauf ausgeschüttet und in den auf Schienen laufenden Trögen nach der Wirkstube gerollt wird, wo er ausgebrochen, abgewogen, ausgewirkt und geformt wird. So geschehen, bringt man ihn auf Gerüsten an die Oefen, von wo die fertigen Brode, wenn sie gehörig ausgekühlt sind, mit Hülfe eines Fahrstuhles oder Aufzuges in die Brodkammern gehoben werden. Alle diese mechanischen Verrichtungen und nöthigen Bewegungen besorgen die Dampfmaschinen.

Die Knetmaschine muß man sich wie einen tiefen, eisernen, inwendig polirten Backtrog vorstellen, durch welchen der Länge nach eine Welle geht, an der an Armen ein paar schräg schraubenartig gewundene, schneidige Schienen befestigt sind. Diese Schienen streifen stets dicht an den Wandungen des Trogs und dessen gewölbtem Deckel, der in Gelenken geht, vorbei und kneten so unaufhörlich den Teig durcheinander. Hat derselbe genug, so wird der Deckel gehoben und mittelst eines Getriebes der untere Trog, die Oeffnung nach unten, gekippt, bei welcher Bewegung die gewundenen Schienen den Teig in die Tröge hineinschieben.

Eine gute Knetmaschine zu bauen, hat den Leuten viel Kopfzerbrechens gekostet. Schon 1811 erfand ein Bäcker, Lambert in Paris, einen mechanischen Backtrog, den er Lambertine nannte, aber er fand keine Aufnahme. Denn der Erfinder vergaß, zuvor den Teig in anderen Gefäßen gähren zu lassen, und beschränkte sich auf Mengung in einem Backtroge, der unserem Butterfasse ähnlich war. – Später kamen andere. Wir haben mindestens dreißig verschiedene Knetmaschinenarten von eben so vielen Erfindern zu verzeichnen, deren kühne Hoffnungen zumeist in bittere Täuschung ausgingen, denn die kräftigen Arme der Bäckergesellen behielten die Oberhand über die Maschinenglieder und werden sie auch wohl noch sehr lange behalten, trotzdem wir jetzt Knetmaschinen besitzen, die, einen großen Betrieb vorausgesetzt, mit stärkerer Kraft, als sie dem Menschenarme zu Gebote steht, einen ganz vorzüglichen Teig liefern, wie man sich unter anderen in den Brodfabriken von Leipzig, Plauen bei Dresden, Chemnitz, Cainsdorf bei Zwickau durch die von Karl Klinger in Glauchau gebauten Maschinen überzeugen kann.

Die allerwichtigste Bedingung für das Gedeihen einer Brodfabrik ist aber ein guter Backofen, der nicht, wie der bekannte Bäckerofen, mit Holz im Innern beheizt wird, das man später als Löschkohle beseitigt. Dieser alte Ofen hat allerdings viele gute Eigenschaften, die ihn namentlich für den Kleinbetrieb ganz unschätzbar machen, während die Löschkohle doch auch einen Verkaufswerth hat. Anders steht es aber mit dem Betriebe im Großen, mit der Brodbereitung in Masse. Hierbei kann der alte Ofen, der nach und nach immer kühler wird und dann seine Fähigkeit zum Brodbacken verliert, nicht Genüge thun. Man bedarf im Gegentheil eines Ofens, der fortwährend Nacht und Tag in gleicher Hitze erhalten werden kann, ja, in welchem man die Backhitze willkürlich für Ober- und Unterofen (Ober- und Unterhitze) zu verlegen im Stande ist, den man endlich mit wohlfeilem Brennmaterial, Steinkohlen, Braunkohlen, Torf, anstatt mit theurem Holz zu beheizen vermag. Die Erfindung hat sich seit Langem viele Mühe gegeben, solche Oefen zu erbauen. Die Pläne dazu sind Legion. Ja, man möchte behaupten, daß es nicht eine irgend bedeutende Stadt gäbe, in welcher es an einem denkenden Kopfe für den Vorschlag eines von außen zu beheizenden Backofens gefehlt hätte. Wir erinnern uns aus unserer langen technischen Laufbahn vieler solcher, leider nur kurzlebiger Oefen. Doch stehen auch in nicht zu wenigen Orten, überall dort, wo in civilisirten Staaten Brod gebacken wird, solche Maschinen-Backöfen, wie man sie zu nennen pflegt, in Thätigkeit, so auch in Deutschland, wo man am wenigsten davon spricht.

Anders in Frankreich! Hier versteht man es, mit Ausnahme von Nordamerika, am besten, eine Sache vorzuführen, in’s rechte Licht zu setzen, geltend zu machen! Hier präsentirten sich, und zumal in Paris, daher auch nacheinander die Maschinenbacköfen von einigen Dutzend Erfindern, von denen wir nur als die bekanntesten die Oefen von Jamatel und Lemare, Caville, Mouchot und endlich von Rolland hervorheben. Der letztere, mit rundem Drehheerd, auf den die Laibe geschoben und nach und nach herumgeführt werden, behufs der Ausgleichung der Backhitze, ist auch in Deutschland mehrfach bekannt geworden. Er ist in Leipzig, Plauen bei Dresden, Cainsdorf, unseres Wissens auch in Stuttgart und Berlin im Gange. Viel besser aber, als dieser französische Ofen, ist der neueste Maschinenbackofen des deutschen Baumeisters Karl Hedrich in Glauchau (Sachsen), wie solcher kürzlich in der Cainsdorfer Brodfabrik in Gang gesetzt worden ist. Dieser Ofen vereinigt, in Folge der Art und Weise, wie die Hitze in und um den Ofen geführt wird, was ganz nach Bedürfniß geschehen kann, und zwar ohne alle Anwendung von Drehheerd und viel künstlicher Züge, die unleugbaren Vorzüge des alten Bäckerofens mit den Vortheilen der unausgesetzt arbeitenden und mit Steinkohlen, Braunkohlen oder Torf zu beheizenden Maschinenbacköfen. Er ist sicher in seinen Wirkungen. Mit seiner Hülfe und mit noch einigen früher gebauten Oefen, worunter auch ein Drehheerd, kann man in vierundzwanzig Stunden 18,000 Pfund Roggenbrod backen. Ein Hedrich’scher Ofen liefert allein 5000 Pfund, und bei dieser Bäckerei hat sich herausgestellt, daß, wenn man den Karren (5 Dresdner Scheffel) zu 1 Thlr. 15 Ngr. rechnet, 360 Pfund Brod mit 2 Neugroschen gebacken werden, während das Backen einer gleichen Menge Brod in mit Holz beheizten Oefen 9¼ Neugroschen (die Klafter zu 6 Thlr. gerechnet) in Anspruch nimmt.

G. Wiek.




[271]
Blätter und Blüthen.


Alte Dresdner Geschichten. Nr. 4. Der Einäugige. In den Abendstunden, während welcher sich die schöne Welt auf der Terrasse ergeht, d. h. zwischen sieben und neun Uhr im Hochsommer, konnte man noch vor wenig Jahren einen kleinen, seltsam gekleideten alten Herrn sehen, der auf einer bestimmten Bank sitzend, beide Hände auf den Stock gestützt, sich das Gedränge betrachtete. Er war in einen langschößigen grauen Rock gekleidet, mit grauen Beinkleidern, die in die Stiefel gingen, und einem grauen Hut, ungefähr in der Form, wie sie jetzt Mode ist, die aber damals Niemand trug. Sein mageres Gesicht, so viel man durch den breiten, beschattenden Rand des Hutes davon sehen konnte, zeigte nicht häßliche und nicht schöne Züge, aber in dem Auge lag Etwas, das auf den alten Herrn aufmerksam machte, wenn man ihn einmal angeschaut. Es war das Auge eines Falken, ein raubgieriges, unersättliches Auge, und es zeigte seine herausfordernde, streitsüchtige Kraft auch darin, daß es, gleichsam aus dem alten Schädel sich loslösend, dem Beschauer entgegendrang. Die dürftigen, rothen Ränder, die dieses Auge einfaßten, schienen einen überflüssigen Zierrath zu bilden, sie wurden nie gebraucht, wenigstens schien es so, als wachte dieses Auge stets und schliefe niemals.

Wir sprechen absichtlich von einem Auge, denn das andere war erblindet oder verschwunden, kurz, die Augenhöhle war mit einem schwarzen Pflaster zugedeckt. Wenn man den alten Herrn von dieser Seite sah, wo er gleichsam Frieden mit der Welt geschlossen hatte, so gewann man Vertrauen zu einer Physiognomie, die in ihrer Einfachheit und Ruhe nichts Abschreckendes hatte; geschah es aber, daß der alte Herr sich plötzlich umwendete, und nun sein sehendes Auge zeigte, dann war es um alle Hinneigung, um alles Vertrauen geschehen. Man konnte dieses Auge nicht vergessen, es führte eine so herausfordernde Sprache, daß, wer nicht auf den Moment dieses Anblickes gefaßt war, nicht anders konnte, als schnell seinen Blick niederschlagen oder hinwegwenden.

Eines Abends erlebten die Besucher der Terrasse einen sonderbaren Anblick. Der alte Herr gebrauchte sein Auge wie einen Dolch, wie eine Muskete, wie ein Wurfgeschoß, kurz wie eine tödtliche Waffe, mit der er einem Mann zu Leibe ging, der, der Himmel weiß, weshalb, seinen Zorn auf sich geladen hatte. Die Sache verhielt sich so:

Es war ein schwüler Abend, und erst um neun Uhr war es kühl geworden. Jetzt strömte Alles auf die Terrasse. Ein buntes Gedränge. Jeder Stand, jedes Alter, jede Gesellschaftsschicht hatte ihre Repräsentanten hinaufgeschickt, von dem Stutzer an bis zum Betteljungen, von der Dame, die mit einer Spitzenmantille im Werthe von tausend Francs prangte, bis zu dem Mütterchen, das die ererbten Fetzen aus der Lumpengarderobe ihrer Mutter auf dem gekrümmten Rücken zur Schau trug, von dem reichen Manne an, der durch eine rosenrothe Brille die Welt betrachtete, bis zu dem hinfälligen Alten, der keine Brille braucht, um das naheliegende Grab zu schauen. Es war schwierig, einen Platz zu erlangen. Wer vor dem Restaurationslocale einen Stuhl bezahlen konnte, beschaute sich das Gedränge mit Ruhe, wer aber auf die öffentlichen Bänke angewiesen war, und diese besetzt fand, mußte wandeln und wandeln, bis ihm die Kräfte versagten, und das Auge trübe wurde, von all dem Staube und dem Gedränge. Der graue Herr saß saß schon seit sieben Uhr auf seinem Posten. Es war die Bank, an der Alles vorbei mußte, um zu dem Pavillon am Ende der Terrasse zu gelangen. Er saß, die Kniee hoch hinaufgezogen, die Hände auf dem Stockknopf und nun, wie immer, das Auge starr auf die vorüber fluthende Menge gerichtet. Dem übrigen Personale der Bank schenkte er keinerlei Aufmerksamkeit; es waren drei Frauen und ein Mann und dann fünf Kinder, die um die Bank herumspielten und lärmten, während die Frauen sich die Neuigkeiten des Stadtviertels, aus denen sie herstammten, erzählten.

Plötzlich wird der Herr auf einen Gegenstand in dem Gedränge aufmerksam. Ist es die Frau, die mit ihrem Hunde im Arm und in der andern Hand ein aufgeschlagenes Buch haltend, in der vollen Wichtigkeit ihres Atlas- und Mousselinkleides vorüberrauscht, gefolgt von einem zwei Fuß hohen Jockei, der in saffrangelbes Tuch gekleidet ist? Ist es der kleine, niedliche, blondgelockte Herr, der zwei Damen führt und das Ansehen hat, wie ein Theelöffel zwischen zwei Kaffeetassen? Oder endlich ist es der vornehme Mann dort, der allein und mit großem Anstande durch das Gedränge sich Bahn bricht, als wollte er sagen: „welch’ unnütze und lästige Menschheit das! Wozu nur dieses unanständige Zuviel in der Welt! Man muß die Plätze absperren und bewachen, damit man allein sei!“ – Aber alle diese sind es nicht, das durchbohrende Auge des grauen Herrn trifft auf einen Mann, der, dem Anschein nach heiter und an keine Gefahr denkend, mit seinem Rohrstöckchen spielend, seinen Weg fortsetzt. Aber „der Blick“ legt sich ihm wie ein Schlagbaum quer über den Weg. Der graue Herr ist aufgestanden, hat stark und auffallend ein paar Mal gehustet, und nun steht er da, und läßt das Kartätschenfeuer seines Blickes auf jenen Mann spielen, der nun auch stehen bleibt, anfangs verwundert den Einäugigen ansieht, einen Augenblick, gleichsam wie auf alte Geschichten sich besinnend, das Haupt senkt und dann lächelnd und den Kopf schüttelnd seinen Weg fortsetzen will. Aber der graue Herr hat seine Beute gefaßt, und läßt sie nicht los. Er folgt jenem, immer sich ihm gegenüberstellend, immer ihn mit dem Blicke durchbohrend, wenn sein Gegner einen Augenblick steht oder, die herrliche Aussicht betrachtend, an das Geländer lehnt.

Endlich wird es diesem zu viel, er richtet verwundert eine Frage an den Einäugigen, dieser scheint den Moment nur erwartet zu haben und, unbekümmert um die Menge, die herum sich sammelt, ruft er laut:

„Ich kenne Sie! Entfernen Sie sich augenblicklich, verlassen Sie noch an diesem Abend die Stadt oder – Sie haben es mit mir zu thun!“

Diese Worte sind in einem befehlshaberischen Tone mehr geschrieen als gerufen, und – seltsam genug – der Fremde, ohne sich zur Wehre zu setzen, ja sogar ohne auch nur ein Wort zu erwidern, mischt sich unter die Menge und verschwindet. Der graue Herr bleibt stehen, dreht sich siegreich auf dem Absatze herum, mustert triumphirend die Menge, nickt ein paar Mal mit dem Kopfe, als wollte er sagen: „Habt ihr mich verstanden? Hab’ ich’s recht gemacht?“ und geht dann auf seine Bank zurück.

Des Fragens ist jetzt kein Ende. Wer war der Fremde? Wer ist der Einäugige? Was hatten Beide mit einander vor? Man will es wissen, man will von diesem sonderbaren Handel unterrichtet sein. Einige behaupten, der Fremde hätte sich feig benommen, er hätte bleiben sollen; Andere sagen, es wäre klug von ihm gewesen, einem Verrückten gegenüber ohne ein Wort der Erwiderung das Feld zu räumen, denn es liege klar am Tage, daß der Einäugige verrückt sei. Dies bezweifeln die, die so glücklich sind, über die Köpfe der andern herüber den Gegenstand des Streites, der noch immer ruhig auf der Bank sitzt, in’s Auge zu fassen. Man will gehört haben, daß Jener, der sich entfernte, irgend einmal und irgendwo dem Einäugigen etwas von Werth geraubt habe, etwa seine Frau, sein einziges Kind, sein Silberzeug, oder etwas dergleichen, und daß er jetzt in Gefahr komme, von dem Beraubten, der bis jetzt großmüthig geschwiegen, angezeigt und festgenommen zu werden. Ein Theil der Gesellschaft, die sich mit diesen Fragen ganz besonders eifrig beschäftigte, und nicht wenig ungehalten war, daß dem Einäugigen durchaus keine erklärende Rede abzugewinnen, hatte sich vor dem Pavillon zusammengesetzt und schwieg nach heftigen Debatten eben unmuthig und ermüdet, als ein bekannter Herr sich zeigte, der mit den willkommenen Worten seinen Gruß begleitete:

„Ich kann Ihnen, meine Herren und Damen, über den grauen Herrn Auskunft geben, denn zufällig kenne ich seine Geschichte.“

„Erzählen Sie!“ riefen die Herren und Damen, auf’s Höchste gespannt, und der gefällige Berichterstatter hub an:

„Die äußere Erscheinung dieses Mannes, wie Sie bemerkt haben werden, ist im höchsten Grade auffällig, und besonders ist es sein Auge. Dieses Auge spielt eine Rolle in seinem Leben, wie Sie sogleich hören werden. Er ist der Sohn eines Beamten in einer Nachbarstadt im Gebirge und er selbst nahm eine nicht unwichtige Stelle in einem der Verwaltungsbureau’s unserer Hauptstadt ein. Nie hatte man an dem Manne etwas Excentrisches wahrgenommen, er war frühe auf einem Auge erblindet, blieb unverheirathet, und das konnte nicht wunderbar erscheinen, wenn man seine Häßlichkeit in Betracht zog; er war überdies menschenscheu und aus diesem Grunde zählte er nicht viel Freunde und noch weniger Genossen seiner Einsamkeit; aber man achtete ihn, wie gesagt, als einen ehrlichen Mann und tüchtigen Arbeiter. Nun geschah das Seltsame: Als Napoleon in Dresden einzog, machte er mitten im Gedränge einen ihm sehr mißfälligen Gegenstand bemerkbar, und zwar zeigte er auf einen Mann, dessen Blick ihn verfolgte und dessen Erscheinung ihm zuwider war. Man eilte sogleich, dieses Geschöpf aus seiner Nähe zu verbannen, aber man konnte nicht verhindern, daß, wenn der Kaiser sich öffentlich zeigte, jener Unerquickliche, der Himmel weiß, wie, sich wiederum dicht in seiner Nähe befand und von Neuem den Blick unausgesetzt auf ihn richtete. Zuletzt ward dies ein Gegenstand des Gesprächs in der Umgebung des Kaisers, und da Napoleon, wie bekannt, abergläubisch war, meinte man zu bemerken, daß er auch an die Wirkung eines bösen Blickes glaubte und daß aus diesem Grunde der Zudringliche ihm besonders verhaßt sei. Genug, unser Einäugiger erhielt eine Wichtigkeit, die er sich wahrscheinlich selbst nicht hatte träumen lassen, die aber auf seine eigene Gemüthsstimmung nicht ohne Wirkung blieb. Von diesem Augenblicke sah er sich als einen persönlichen Feind des großen Weltbezwingers an und es stieg in ihm die hochmüthige Idee auf, daß er dazu ersehen sein könne, das Geschick der deutschen Stämme und vor allen seines Vaterlandes von den Ketten der Knechtschaft zu befreien. Wir haben Gründe, anzunehmen, daß er hierüber brütete und die Mittel erwog, die zur Erreichung eines so abenteuerlichen Zweckes dienen konnten.

„Mittlerweile ging der große Sieger seinen Weg unbehindert weiter. Doch sein Himmel trübte sich, sein Gestirn erlosch. Als Flüchtling kam er aus Rußlands Eisfeldern heim, und allein, ohne Armee kam er nach Dresden. Es sollte ein Geheimniß sein, daß er da war, und Wenige in der Stadt wußten auch um das Dasein dieses merkwürdigen Gastes in ihren Mauern. Einer gehörte zu diesen Wenigen, und dies war unser Einäugiger. Im Hause des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten ließ sich spät am Abend ein Mann melden, der die Excellenz unter vier Augen – diesmal unter drei – zu sprechen wünschte. Man ertheilte ihm Gehör, und nun entwickelte unser Mann einen fein angelegten und schlau berechneten Plan, Napoleon gefangen zu nehmen, um ihn auf den Königstein zu schaffen. Der Minister erstaunte über die Kühnheit dieses Plans und suchte seinen Supplikanten von der Unausführbarkeit desselben zu überzeugen. Doch Jener ließ sich nicht bedeuten, er erbot sich selbst zur Ausführung, wenn man nur von der nächsten Wache ihm einige resolute Bursche, die seinem Commando gehorchten, zugeben wollte. Es wäre Alles vorbereitet, er wüßte, in welchem Zimmer der Kaiser schliefe, welche Wege man nehmen müsse, um unbemerkt zu ihm zu gelangen, und – setzte er seiner Rede hinzu – „wenn nichts helfen sollte, so fange ich ihn mit diesem Auge, dessen Blick, wie der Vogel den Blick der Klapperschlange, er nicht ertragen kann.“ Natürlich geschah nichts von dem, was er forderte. Napoleon verließ ungehindert Dresden, aber man sagt, daß wie er das Thor passirt sei, jener Verhaßte, der ihm schon damals Unglück prophezeite, als er mitten im Glücke war, dicht am Wege gestanden und ihm höhnend einen Gruß nachgesandt habe. Man kann sich denken, daß die alten Geschichten von des Kaisers erster Anwesenheit nun wieder auftauchten, und als vollends der Sturz des Mächtigen ganz Europa erschütterte, gewann unser grauer Mann eine Art Bedeutsamkeit und wurde [272] eine Volksfigur. Man zeigte sich ihn, wenn er auf den Straßen erschien, und es entstanden Abbildungen und Verse über ihn. Sein „böser Blick“ wurde das Gespräch des Tages, und der unglücklich Berühmte wußte sich vor dem Gerede und den gehässigen Urtheilen seiner Amtsgenossen nicht anders zu retten, als daß er um seinen Abschied nachsuchte und sich tief in die Einsamkeit vergrub. Aus dieser ist er erst vor wenigen Jahren herausgetreten, und jetzt hätte man ihn und seine Periode der Berühmtheit längst vergessen, wenn er nicht von Zeit zu Zeit Auftritte, wie den eben erlebten, zu Stande brächte, die natürlich nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit wieder auf ihn zu lenken. Er wird nämlich von der fixen Idee beherrscht, daß er einen Widersacher habe, der alle seine Pläne, sie möchten sein, welche sie wollten, beharrlich durchkreuzt und der namentlich auch in jener Nacht, wo die Haftnehmung des Kaisers erfolgen sollte, den Minister gegen sein kühnes Unternehmen eingenommen habe, so daß dadurch das Wagestück habe unterbleiben müssen. Diesen Widersacher, den er nicht genau kennt, glaubt er nun bald in diesem, bald in jenem Fremden, der ihm zufällig begegnet, zu erkennen, und daher auch heute die Scene. Der Fremde that ganz wohl daran, sich ohne Geräusch und ohne sich zur Wehre zu setzen, zu entfernen. Der Zornige besänftigt sich von selbst und denkt weiter an keine Verfolgung.

„Hier haben Sie nun, meine Freunde, die Geschichte des grauen Herrn, der, wie er selbst behauptet, in den Befreiungskriegen mit gefochten hat, ohne sich dabei aus den vier Wänden seiner Stube zu entfernen, lediglich allein mit seinem Auge, das dem großen Kaiser unangenehmer und schädlicher gewesen sei, als eine ganze feindliche Armee.“




Supermarine Universal-Sprache. Es ist ganz hübsch, recht viel Sprachen zu verstehen, wenigstens eine, die Muttersprache (die schon allein nicht ganz leicht ist); aber schwer und eine Zeit raubende, Jugend, Geist und Gemuß tödtende Quälerei, außer der Muttersprache und einigen andern lebendigen Zungen auch noch zwei, drei, vier, zuweilen auch fünf mausetodte Ueberbleibsel vom Thurmbau zu Babel her in den Kopf zu vocabulisiren, zu exercitiisiren, zu grammatisiren, zu syntaxiren und endlich sogar Examina darauf zu machen, furchtbare, lebensgefährliche Examina darin zu bestehen vor drakonischen, trocknen, grundeisgelehrten Professoren, Directoren, Räthen, Doctoren, Schreibern und Pfaffen, die den halbtodten Primaner oder Candidaten Jobs reinweg durchfallen lassen, wenn er mit Jota Subscriptum und besonders mit den vielen Pünktchen und räthselhaften Zeichen neben und unter dem Hebräischen nicht umzugehen weiß, wie der Jongleur mit seinen Kugeln, Messern und Dolchen. Wie, wenn es nur eine Sprache gäbe in der Welt, statt eines guten, runden Tausend von Sprachen, abgesehen von den Mundarten, deren Firmenich in Berlin nun gewiß auch bald tausend aus der einzigen deutschen Sprache gesammelt haben wird?

Wir hätten’s dann leichter in der Schule, im Leben und Lernen. Und was wir Herren Eltern, die wir unsern Jungen immerwährend Grammatiken, Lexika, Tauchnitze und sogar Taugenichtse von Büchern kaufen müssen, für schönes Geld sparen würden für nützliche Bücher, für Tanzstunde, für Reisen in der Natur, unter Menschen und Maschinen herum! Ueberall ohne Dollmetscher und Mißverständnisse rund um die Erde herum, wo uns ein Jeder ganz mit denselben Tönen guten Morgen bieten und die Rechnung beim Abschiede erklären würde!

Man wende mir nicht ein, daß dann die tausendstimmig rauschende Poesie des riesigen Sprachbaumes, der wie die Esche der nordischen Mythologie in den Tiefen der Erde wurzelt und nach allen Seiten über die Wolken hinaus rauscht, verschwinden und ein trostloses Einerlei von Kuckuckssprache aus jedem Halse tönen würde, daß eine solche Kunstsprache durchaus unmöglich sei, da Sprachen naturnothwendig aus Klima und Bodenbeschaffenheit herauswachsen. Philologie = sprechende Klimatologie. Richtig. Aber ist denn auch z. B. der Leibrock, der universale, hundsföttische, abgeschmackte Allerweltsleibrock (wenn er die Flügel nur wenigstens vorn hätte, statt den Rücken da, wo er seinen ehrlichen Namen verliert, zu befittigen), ist dieses in China und Chemnitz, in Meißen und Mexico ganz egale Gewand des Kosmopolitismus ein Naturproduct? Schüttelt man sich einen vom Baume, wenn der alte zum nächsten Balle oder zu Geheimraths zum Thee nicht mehr gehen will? Im Gegentheil, es gibt keinen größeren Triumph der naturüberwindenden Gewalt der Kunst, als diesen schwarzen Leibrock. Klima, Race, 20–40 Grad Kälte, 20–40 Grad Hitze, Berg oder Thal, Posemuckel oder Potsdam, Calcutta oder Kalau, Muhamed oder Mucker, Lorbeer oder Bettelstab – hilft Alles nichts, der Leibrock muß angezogen werden, wenn’s zum Thee oder Balle, zum Präsidenten oder Nero geht. Und im Leibrocke sehen die Herren dann nicht nur ganz egal, einerlei und ennuyant aus, sie denken auch Alle ganz einerlei nichts und sagen dies ganz auf dieselbe Weise, nur daß sie sich in den meisten Ländern verschiedene Töne und Laute für dieses kosmopolitische Einerlei gefälliger Gedankenlosigkeit angewöhnt haben, wenn sie nicht Französisch sprechen, was für diese Fälle schon ziemlich unserer gewünschten Universalsprache nahe kommt. Ich meine eine Sprache, die dem kosmopolitischen Leibrocke in Tönen entspricht, für alle Welt von ganz gleichem, nichtssagendem Schnitt, damit sie ihre Civilisation, ihre Höflichkeiten, ihre Alltäglichkeiten darin abmachen können.

Für das Beste, Tiefste, Höchste, Heiligste im Menschenherzen reichen doch auch die tausend Sprachen, jede mit einem Schock Mundarten, nicht hin. Die himmelhoch jauchzende oder zum Tode betrübte Liebe spricht nicht, der tiefste Schmerz ist stumm, die gewaltigsten Regungen in der Dichter- oder Heldenbrust sprechen nicht mit Worten, sondern mit Flammen in den Augen, elektrischen Zuckungen in den Muskeln, mit Waffen des Mords, Selbstmords oder Schaffens und Erlösens.

Eine Universalsprache für das civilisirte Einerlei aller Völker: Marktpreise und Miethe, Börsen- und Bahnhofs-Course, Neuigkeiten und Nichtigkeiten der Conversation, Kleider und Schuhe, Waschzettel und Schneiderrechnungen, Wetter und Wohlbefinden, Höflichkeiten und sonstiges anständiges Huckevolllügen. Wer dabei in den Fall kommt, wirklich einmal etwas zu sagen, wird schon ganz von selbst so sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Für den Verfall dieser naturwüchsigen Mundarten brauchte man also nicht besorgt zu sein.

Es sind schon mancherlei Versuche für Gründung einer solchen Universalsprache gemacht werden (unter Anderem von dem ehemaligen preußischen Gesandten in London, Ritter Bunsen), aber bis jetzt vergebens in jedem Lande für das Festland. Nur auf dem völkerverbindenden Meere scheint’s zu gelingen. Für die seefahrenden, Helden aller Nationen ist bereits eine allgemeine Sprache da. Sie wird schon täglich, wenn nicht gesprochen, so doch telegraphirt.

Es ist die neue, supermarine Universal–Telegraphensprache, von der wir (nach dieser jeden ernsten, methodischen Kopf empörenden Einleitung) ein Wort sagen wollen.

Man unterhielt sich schon immer über den Wogen des Oceans durch aufgezogene Flaggen von verschiedenen Farben und Formen, aber erst seit 1803 kam durch Sir Home Popham etwas Methode und Einheit in diese telegraphische Zeichensprache, auf Grund der 10 Zahlenzeichen, für welche zehn verschiedene Flaggen angenommen wurden. Mit diesen konnte man nun jede beliebige Zahl und auch Tausende von Worten, die in einem besondern Signalbuche als gleichbedeutend mit den verschiedenen Zahlen alphabetisch verzeichnet waren, in die Ferne hinausschreiben. In dieser Sprache telegraphirte Nelson seiner Flotte vor der Schlacht bei Trafalgar folgende Worte zu:

253 269 863 261 471 958 220 310 4 20 19 24
England expects, that every man will do his d u t y
(England erwartet, daß jeder Mann wird thun seine Schuldigkeit.)

Diese umständliche, beschränkte numerische Methode wurde 1839 aufgegeben und dafür ein alphabetisches System mit den 26 englischen Buchstaben eingeführt. Diese sind durch 26 verschiedene Formen und Farben von Fahnen vertreten und geben vermittelst der fabelhaften Mannichfaltigkeit „mathematischer Wandelungen“ eine so reiche Sprache, wie sie kaum unsere Schriftsprache bietet. Als Beispiel führen wir nur an, daß man mit blos ein, zwei bis drei Fahnen auf einmal 16,000 Signale oder Worte in die Luft und Ferne schreiben kann.

Die Kauffahrteischiffe hatten bis 1817 gar keine bestimmte Sprache der Art. Erst vor 40 Jahren führte Capitain Marryat ein nach ihm benanntes, auch von Frankreich und den vereinigten Staaten angenommenes Zeichensystem ein, das sich nur durch größere Schwierigkeit vor dem Popham’schen, in der Marine und Flotte gebräuchlichen auszeichnete und zu den oft gefährlichsten Mißverständnissen Anlaß gab. Deshalb ließ das englische Handels-Amt im Jahre 1855 die Sache untersuchen und Vorschläge für Einheit und Universalität dieser Sprache auf dem Meere ausarbeiten.

Um mit Namen und Nummern der Schiffe, die sich früher nach Willkür umtauften, in Sicherheit zu kommen, wurde verordnet, daß jedes Schiff eine bestimmte Hafen-Heimath, einen bestimmten Namen und eine bestimmte Nummer haben und halten müsse. Hierauf wurde ein Lexikon von 13 Signalflaggen und deren Combinationen entworfen. Jede Zahl und Formation und Farbenzusammenstellung von Flaggen ist ein Zeichen für eine bestimmte Sache, kein Wort, so daß jede Nation mit Hülfe des in ihre Sprache übersetzten Lexikons oder durch praktisches Lesenlernen der Zeichen selbst sofort jede andere auf dem Meere unzweideutig verstehen kann. Für gewöhnliche Mittheilungen reichen schon zwei Flaggen hin; jene 18 zu je zwei in verschiedenen Combinationen gebraucht, geben 306 Sachzeichen, mit denen sich schon viel sagen läßt. Mit den Combinationen von je 3 Flaggen sind 4896 Sachzeichen möglich, von je 4 über 73,000, von je 5 schon 1,028,160. Das Lexikon beschränkt sich aber auf die Combination von höchstens je 4 Flaggen, d. h. von je 2, 3 oder 4 und ihren verschiedenen Stellungen zueinander, wodurch 78,642 bestimmte Sachzeichen oder Wortsignale gewonnen sind. Mit diesen können sich die Schiffe aller Nationen auf jedem Meere Alles sagen, was irgendwie die auf langen Seereisen gesteigerte Neugier verlangen mag. Für die 35,000 Kauffahrteifahrzeuge Englands und ihre Namen und Nummern gilt eine besondere Combination von je 4 Flaggen. Jede derselben unterscheidet sich von den 78,642 Wort- und Sach-Signalen durch eine viereckige Flagge über jedem dieser Zeichen.

Dies wird hinreichen, um sich eine Vorstellung von dem neuen „commerciellen Codex von Signalen zum Gebrauche für alle Nationen“ („Commercial Code of Signals for the use of All Nations“) zu bilden. Man braucht eben nur zu wissen, daß diese Flaggen-Combinationen nicht Worte, sondern Sachen, die verschiedene Nationen nur mit verschiedenen Lauten bezeichnen, ohne daß sie sich dadurch ändern, an den Masten in die Luft schreiben, um zu begreifen, daß damit schon, wenigstens auf der „Brücke der Völker“, wie Hegel das Meer nennt, der Grund zu einer kosmopolitischen Universalsprache gewonnen ist. Setzte man für diese und auf dem Lande hinzukommenden Sachzeichen universelle Laute fest, so wäre auch auf einmal das allgemeine Unterhaltungs- und Verständigungsmittel zwischen allen Völkern da. Letzterer Schritt wäre gar nicht so schwer, da es leichter ist, ein Ding durch einen Laut zu bezeichnen, als durch Aufziehen und Stellen von Flaggen es 30–50 Fuß hoch in die Luft zu ziehen. Nun, was nicht ist, kann noch werden. Denn die 6 Tage der Schöpfung sind noch lange nicht alle.





Verlag von Ernst Keil in Leipzig – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Die Sclavenfrage zwischen dem „Norden und Süden“ wird am Ende noch zu einer Trennung der Union führen müssen, wenn nicht die Staatsmänner Amerika’s den Süden – im Interesse der Union – dahin bringen, wenigstens eine allmähliche Emancipation der Sclaven anzubahnen, womit sich der Norden zufrieden geben müßte.