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Die Auferstehung

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Textdaten
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Autor: Max Ring
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Titel: Die Auferstehung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36–38, S. 485–488, 501–504, 513–516
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Auferstehung.
Novelle von Max Ring.

Die reiche Commerzienräthin Bärmann hatte nur einen einzigen Sohn, den sie über Alles liebte. Theodor verdiente auch im vollsten Maße die Zärtlichkeit seiner Mutter; er war in jeder Beziehung ein trefflicher Mann, und sowohl körperlich wie geistig mit den schönsten Gaben und Anlagen ausgestattet. Um das Glück vollständig zu machen, hatte er vor einiger Zeit seine Mutter mit einem freudigen Geständniß überrascht. Die reifende Tochter des Regierungspräsidenten von Wilden, um deren Liebe er sich schon längst beworben hatte, willigte endlich ein, die Seinige zu werden.

Clementine war die gefeierte Schönheit der Residenz, eine ausgezeichnete Partie, um die der Assessor Bärmann von aller Welt beneidet wurde. Sie besaß eine Fülle glänzender Eigenschaften, welche durch ihr blendendes Licht so manche kleinern Schwächen und Fehler übersehen ließen, die ihrem Charakter anhafteten. Das scharfe Mutterauge der Commerzienräthin wurde dadurch nicht getäuscht, aber die würdige Frau kannte selbst aus eigener Erfahrung den günstigen Einfluß der Ehe auf derartige unbedeutendere Gebrechen, von denen Niemand gänzlich frei zu sprechen sein dürfte. Sie billigte daher von ganzem Herzen die Wahl ihres Sohnes und empfing die zukünftige Schwiegertochter aus seinen Händen mit der aufrichtigsten Liebe und Zärtlichkeit.

Für die Verlobten begann jetzt eine Zeit der rauschendsten Zerstreuungen, denen sich besonders Clementine mit verzeihlicher Lebenslust hingab. Sie liebte die Aufregung der Gesellschaft, den Tanz, das Vergnügen und sah sich gern bewundert und gefeiert. Theodor mißgönnte ihr nicht diese Lust, obgleich sein ernsterer Sinn sich mehr nach einem ruhigern Glücke, einem stilleren Genusse sehnte. Er freute sich sogar an den Triumphen seiner Braut, und seine uneigennützige Liebe fand in der Anerkennung, welche ihr von allen Seiten gezollt wurde, selbst die höchste Befriedigung. Ein Fest drängte das andere, da sowohl der Präsident wie die Commerzienräthin eine überaus zahlreiche Bekanntschaft und viele Verwandte besaßen, die sich beeilten, dem Brautpaare Bälle, Diners und Soupers zu geben. Außerdem bot die Residenz in diesem Winter die verführerischsten Genüsse; man lebte gerade im Carneval und auf der Höhe der diesmaligen überaus glänzenden Wintersaison. Die Krone sämmtlicher Vergnügungen, gleichsam die Quintessenz aller Lust, bildeten die prächtigen Opernbälle, welche selbst von dem Hofe und dem Fürsten regelmäßig besucht wurden. Clementine hatte den Wunsch geäußert, denselben beizuwohnen. Theodor selbst liebte nicht den Tanz, dennoch beeilte er sich, ihrem Wunsche zu entsprechen. Es war dies keine ganz kleine Aufgabe, denn der Andrang zu den Bällen war so groß, die Auswahl von Seiten der Intendanz so streng, daß es ganz besonderer Protection bedurfte, um sich den Zutritt zu verschaffen. Die Billete wurden im eigentlichen Werthsinne mit Gold aufgewogen; aber unbeachtet aller dieser Hindernisse war es dem Assessor gelungen, die genügende Anzahl zu erhalten, allerdings nicht ohne einen großen Aufwand von Beharrlichkeit und Geldkosten, die eines besseren Zweckes würdig waren.

Clementine dankte ihm mit dem bezauberndsten Lächeln und mit einem Kuß, welcher ihn seine ausgestandene Mühe vollkommen vergessen ließ, und wodurch er sich hinlänglich belohnt hielt. Die ganze Woche über befand sie sich in einem Zustande der freudigsten Aufregung und erwartungsvoller Ungeduld.

Endlich schlug die ersehnte Stunde; sie hatte die ausgesuchteste Toilette gemacht, und Theodor wurde von ihrer strahlenden Schönheit, die ihm nie zuvor in so reizendem Lichte erschienen war, unwillkürlich hingerissen. Er empfand mit einer Art von Wonneschauer jene bezaubernde Macht, welche das vollendete Weib über den liebenden Mann ausübt, selbst dann, wenn derselbe auf andere Gaben, als den bloßen sinnlichen Reiz vorzugsweise sieht. Mit einem nie gekannten Stolz hob er das schöne Mädchen in den Wagen, wo bereits seine Mutter saß. Die Berührung ihrer schlanken Taille, der sanfte Druck ihrer Hand, der Duft ihrer ganzen jugendlichen Erscheinung, versetzten ihn in eine Art von freudigem Rausch. Er fühlte sich überglücklich in dem gesicherten Besitze eines so herrlichen Wesens, das er voll Bescheidenheit nicht zu verdienen glaubte.

Unterdeß rollte die elegante Equipage der Commerzienräthin durch die breiten Straßen der Residenz dem hell erleuchteten Opernhause zu. Der Kutscher trieb die feurig dampfenden Pferde zur Eile an, aber immer noch nicht schnell genug für Clementinens steigende Ungeduld, welche sich in jeder ihrer Bewegungen verrieth. Zuweilen erhob sie sich leise von dem elastischen Sitz, und versuchte durch die von Frost angelaufenen Scheiben des Wagens zu blicken, dann sank sie wieder träumerisch in die weichen Seidenpolster zurück, und schloß ihre funkelnden Augen, als wollte sie das in ihrer leicht bewegten Phantasie entstandene Bild der ihrer harrenden Freuden durch diese körperliche Bewegung festhalten. Dazu lächelte sie überselig in sich hinein, bereits schwelgend im Vorgenusse des ihr bevorstehenden Triumphes. Die kleinen Füße tanzten im Gedanken auf dem Boden des Wagens verschiedene Walzer und Galloppaden, deren Melodieen durch das liebliche Köpfchen summten. Sie sprach auch dazwischen bald mit ihrem Verlobten, bald mit seiner Mutter, doch zerstreut und abgebrochen, weil die Aufgeregtheit ihres ganzen Wesens keine längere und zusammenhängende Unterredung zuließ. Theodor war auffallend still und in sich gekehrt, [486] da er sich schon am Morgen nicht wohl gefühlt hatte. Auf Clementinens wiederholte Fragen über sein Schweigen antwortete er ausweichend, um ihr Vergnügen nicht durch unzeitige Besorgnisse zu stören und seine Mutter nicht erst unnöthiger Weise zu beunruhigen. Seine Rücksicht in dieser Beziehung ging sogar so weit, daß er eine unnatürliche Heiterkeit heuchelte, und Clementinen das Versprechen gab, heute ausnahmsweise recht viel zu tanzen, worüber sie laut ihre unverstellte Freude zu erkennen gab.

Endlich hielt die Equipage vor dem geöffneten Portale des Opernhauses. Ehe der reich gallonirte Bediente herbeigeeilt war, hatte der Assessor die Thüre des Wagens geöffnet, und den Schlag herabgelassen. Auf seinen Arm gestützt, stieg die Commerzienräthin aus, gefolgt von Clementinen, die mit ihren flüchtigen Füßen kaum den Boden zu berühren schien. In der Garderobe wurden die schützenden Mäntel, Hüllen und Tücher abgelegt, und der reizendste Schmetterling schlüpfte aus seiner Verpuppung hervor. Natürliche Camelien schlangen sich durch ihr blondes, wellenförmiges Haar, das in üppiger Fülle wie ein goldener Kranz auf der weißen Stirn ruhte, und in wogenden Locken bis zu dem antik geformten Nacken herabflog. Rauschende Seide umgab die schlanke, anmuthige Gestalt, die ihre vollendeten Formen in jeder Bewegung voll Grazie verrieth. Auf dem Hals und um die fein gebildeten Arme, welche mit dem blendenden Schnee wetteifern konnten, glänzte ein kostbarer Brillantschmuck, ein Geschenk der Commerzienräthin für die Braut ihres Sohnes. Sie war in dieser Toilette bezaubernd schön, und selbst die kluge Mutter schien stolz auf eine solche Schwiegertochter und glücklich mit dem Glücke ihres Sohnes.

Um einige Kleinigkeiten zu ordnen, welche sich an ihrer Toilette während des Fahrens verschoben hatten, trat Clementine vor den Spiegel der Garderobe, wobei sie ihrem Verlobten den vergoldeten Fächer und das duftende Ballbouquet zum Halten gab. Ein selbstgefälliges Lächeln schwebte um ihre Lippen, als ihr aus dem Glase ihr Bild entgegenleuchtete, und ihr Auge blickte mit stolzer Siegesgewißheit. Vielleicht hatte Theodor diesen Blick mißfällig bemerkt; eine Wolke zeigte sich auf seiner männlichen Stirn und trübte seine ohnehin nur erkünstelte Heiterkeit. Eine Stimme in seinem Innern schien ihm plötzlich zuzurufen: Sie hat kein Herz! Er suchte diesen von Zeit zu Zeit in ihm auftauchenden Gedanken auch jetzt wieder zu bekämpfen, obgleich dies ihm nicht so leicht, wie sonst, gelingen wollte. Das körperliche Mißbehagen, welches er seit heute früh empfand, hatte sich wahrscheinlich seinem Geiste mitgetheilt, und eine gewisse Reizbarkeit hervorgerufen. Er liebte seine Braut in so hohem Maße, daß er ihr gegenüber anspruchsvoller sich zeigte, als anderen Menschen gegenüber, die ihm weniger nahe standen.

Der Brautstand bringt, wie jede Uebergangszeit, eine Reihe von Uebelständen mit sich. Das fortwährende Zusammenleben, die innigere Vertrautheit gestatten so manchen tieferen Blick in den gegenseitigen Charakter, und lassen hier und da selbst die unbedeutendsten Schwächen stärker hervortreten. Man hält sich schon berechtigt zu tadeln, und doch wird auch der behutsamste Tadel um so empfindlicher, je zärtlicher man liebt. Dazu nährt der ewige Zwang, den man sich besonders in Gegenwart von Fremden aufzulegen hat, einen hohen Grad von Empfindlichkeit, so daß der leichteste Umstand in dieser gespannten Atmosphäre das Gewitter zum Ausbruch bringt. Gewöhnlich folgt darauf die Versöhnung, welche zwischen wahrhaft Liebenden meist so köstlich zu sein pflegt, daß diese bloß um ihretwillen den Streit zu suchen scheinen. Erst die Ehe gleicht diese Gegensätze zum Theil aus, und verwandelt die schwüle Liebesgluth in eine wohlthuende, mehr gleichmäßige Wärme. –

In ähnlicher Lage befand sich gegenwärtig Theodor, wozu noch jene bereits angedeutete körperliche Verstimmung kam. Er besaß jedoch eine hinlängliche Selbstbeherrschung, um schließlich seiner aufsteigenden Besorgnisse Herr zu werden. Bald verschwand auch die letzte Spur dieses augenblicklichen Unmuths, als er an der Seite seiner Braut und Mutter den strahlenden Ballraum betrat, der in seiner mährchenhaften Pracht überraschen und zerstreuen mußte.

Der große Saal hatte sich in einen bezaubernden Blumengarten verwandelt, Gruppen von exotischen Gewächsen, schlanke Palmen und grüner Lorbeer zauberten den Frühling mitten im Winter herbei. Laubgewinde und Schlinggewächse rankten sich von einer Säule zu der andern, und bildeten die zierlichsten Guirlanden und schwebende Festons. Die Wände waren durch die Kunst des Malers und Decorateurs in entzückend schöne Landschaften und in die herrlichsten Gegenden der Welt verwandelt; hier lächelte der Comersee in seiner ewigen Bläue, dort spiegelte sich Venedig bei träumerischer Mondbeleuchtung in den Wellen des Canale grande, während an jener Wand das herrliche Neapel zu den Füßen des rauchenden Vesuv lag, oder Constantinopel sich an den Ufern des goldenen Hornes lagerte. Von der gewölbten Decke herab hing der hundertarmige Kronleuchter, ein Meer von Glanz und Licht verbreitend. Das beste Orchester der Residenz ließ seine lustigen, zum Tanze einladenden Klänge ertönen, und setzte die junge Welt in die freudigste Stimmung. Es war ein Schauspiel wunderbarer Art, ein wahrhaft feenartiger Anblick. Alles, was die Hauptstadt an hervorragenden Erscheinungen besaß, hatte sich eingefunden, die schönsten Frauen in eleganter Toilette, Officiere und Hofchargen aller Art in ihren glänzenden, mit Gold gestickten Uniformen. Das Ganze glich einem wogenden Blumenbeete, wobei die unzähligen funkelnden Brillanten die Stelle der Thautropfen vertreten mußten. Das wogte und drängte sich in dieser Atmosphäre, welche nur Luxus, Pracht und Ueberfluß athmete. Sämmtliche Logen waren mit einer doppelten Reihe von Damen besetzt, die erschienen waren, nicht nur um zu sehen, sondern selbst gesehen und bewundert zu werden. Clementine befand sich hier in ihrem eigensten Elemente, sie schwamm darin, wie ein Fisch im Wasser. Bald grüßte sie eine befreundete Dame, bald wurde sie von einem Herrn ihrer Bekanntschaft angeredet. Wohin sie kam, erregte sie Aufsehen durch ihre Schönheit und jeder Mann, selbst die kritischeren Frauen beeilten sich, ihr etwas Angenehmes über ihr Aussehen oder ihre geschmackvolle Toilette zu sagen. Verschiedene Tänzer näherten sich ihr, um sie zum Tanze aufzufordern, und schienen glücklich, wenn sie von der Vielbestürmten und Begehrten eine Zusage für die sechste oder siebente Quadrille noch erhielten.

Eine laute Fanfare der Musik verkündigte jetzt den Eintritt der hohen Herrschaften; am Arme seiner erlauchten Gemahlin erschien der Fürst unter dem Vortritte des Intendanten, der mit seinem weißen Stabe durch die Menge sich Bahn brach. Zu beiden Seiten bildeten die Zuschauer eine Gasse, durch welche der Monarch mit freundlichem Gruße schritt. Hier und da blieb er auch wohl stehen, und redete eine oder die andere ihm bekannte oder vortheilhaft auffallende Person an. Diese Auszeichnung wurde auch Clementinen zu Theil, und der Fürst sagte ihr mit lauter Stimme einige überaus schmeichelhafte Worte, welche sie mit freudigem Erröthen anhörte. Auch Theodor, der in der Nähe seiner Verlobten stand, wurde einer verbindlichen Anrede gewürdigt.

„Ein schönes, glückliches Paar!“ sprach der Fürst im Weitergehen zu seiner Gemahlin, und zwar so laut, daß ihn seine ganze Umgebung hören konnte.

Von diesem Augenblick war Clementine gleichsam die erklärte Königin des Balles, und während die übrigen anwesenden Damen sie beneideten, drängten sich die Herren und stritten um die Gunst, mit ihr, wenn auch nur eine Extratour, zu tanzen. Der erste Kammerherr des Fürsten, Baron von Rummelskirch, erinnerte sich plötzlich seiner entfernten Verwandtschaft mit der Familie des Regierungspräsidenten von Wilden und suchte dieselbe geltend zu machen, obgleich er früher nie daran gedacht hatte. Jetzt belagerte er förmlich seine schöne Cousine und überhäufte sie mit Aufmerksamkeiten und Schmeicheleien aller Art. Clementine ließ sich seine Huldigungen gefallen, ohne sich etwas Schlimmes dabei zu denken. Sie war nicht mehr kokett, als die meisten Mädchen in ihrem Alter und in ihrer Stellung sind, die sich gewiß ohne Ausnahme durch die Auszeichnung des hochgestellten und einflußreichen Mannes geehrt gefunden hätten. Eine besondere Bedeutung legte sie seinen Worten nicht bei; dazu war sie viel zu weltklug und erfahren; abgesehen davon, daß sie ihrem Verlobten innig zugethan erschien. Nichtsdestoweniger fand sie an der Unterhaltung des feinen und gewandten Kammerherrn ein großes Wohlgefallen, da er wirklich Geist besaß und mit einer scharfen Beurtheilungskraft einen ihr zusagenden, leichten Spott verband. Seine Bemerkungen über verschiedene Persönlichkeiten waren meist treffend und erregten ihr beistimmendes Lächeln. Kein Mann neigte weniger zur Eifersucht als Theodor, und deswegen fand er auch nichts Auffälliges in dem Betragen seiner Braut, der er gern jedes Vergnügen gönnte; um so mehr, da sein eigenes Unwohlsein ihn verhinderte, für ihre Unterhaltung und Zerstreuung hinlänglich zu sorgen.

Clementine war sein verändertes Befinden durchaus nicht aufgefallen; [487] sie war viel zu viel mit sich und ihren Erfolgen beschäftigt, um die zunehmende Blässe seiner Wangen und eine gewisse Zerstörtheit in seinen Gesichtszügen zu bemerken. Auch gab er sich alle erdenkliche Mühe, sein gesteigertes Uebelbefinden vor ihr zu verbergen, um sie nicht zu beunruhigen. Wenn sie mit ihm sprach, suchte er oft mit der größten Anstrengung heiter zu scheinen und sie durch ein Lächeln zu täuschen. Dies gelang ihm auch um so leichter, da sie durch den Glanz des Festes und die Fülle der ihr gebotenen Zerstreuungen von jedem betrübenden Gedanken gänzlich abgezogen wurde. Dagegen konnten dem schärferen Auge der Mutter die Veränderungen nicht entgehen, welche dieser in Theodors ganzem Wesen und Benehmen auffielen. Theilnehmend erkundigte sie sich nach der Ursache, doch auch ihre Besorgnisse suchte der gute Sohn aus ähnlichen Gründen zu beschwichtigen, indem er die Schuld der allerdings unerträglichen Hitze und dem lästigen Gedränge beimaß. Aber von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde vermehrte sich sein Unwohlsein, fliegende Frostschauer wechselten mit einer plötzlichen, fieberhaften Hitze, sein Kopf brannte und der ganze Saal schien sich mit ihm im Kreise herumzudrehen. Er sah die Personen und Gegenstände wie durch einen Flor und vermochte sich kaum mehr aufrecht zu erhalten. Gerade stimmte die Musik die ersten Töne des Cotillons an, auf den sich Clementine so sehr gefreut hatte; Theodor war zu diesem Tanze mit ihr engagirt, aber er vermochte nur mit der größten Anstrengung einige Touren im Saale zu tanzen. Erschöpft sank er auf einen Stuhl neben ihr nieder, aber auch jetzt suchte er sich noch so viel als möglich zu bezwingen, länger konnte ihr indeß sein Zustand nicht verborgen bleiben; sie erschrak, als sie ihn leiden sah, eben so sehr über sein krankes Aussehen, wie über die plötzliche Zerstörung ihrer Lust.

„Mein Gott!“ rief sie ängstlich. „Du bist doch nicht im Ernste unwohl?“

„Es ist nichts,“ antwortete er mit dem höchsten Aufwande seiner Selbstbeherrschung. „Ein leichter Anfall, der hoffentlich bald vorübergehen wird. Beunruhige dich nicht weiter.“

„Wir wollen lieber aufhören zu tanzen und uns in ein Cabinet zurückziehen, wo es kühler ist. Im Saale ist die Hitze wahrhaft erstickend,“ sagte sie.

„Das macht erst unnöthiges Aufsehen. Bleiben wir hier; ich fühle mich schon bei Weitem besser.“

„Wir können ja pausiren, wenn Dich das Tanzen angreift,“ entgegnete sie, indem sie bereitwillig auf seinen Vorschlag einging.

Clementine hätte nicht gern den Cotillon versäumt, der gleichsam einer Art von Preisvertheilung, einem Wettrennen der Schönheit ähnlich sieht. Wie viele Auszeichnungen, Bouquets und Geschenke waren noch zu erwarten, wie viele Nebenbuhlerinnen zu besiegen, wie viele öffentliche Huldigungen in Gestalt von Blumen, Schleifen und Sternen einzuernten; und das Alles sollte sie nun um eine kleine Unpäßlichkeit ihres Verlobten aufgeben. Dazu konnte sie trotz aller Liebe sich nicht so leicht entschließen. Das Opfer war zu groß, das ihr zugemuthet wurde, und ein so hoher Grad von Opfermuth lag einmal nicht in ihrer Natur. Sie war nicht zum Entsagen geschaffen, eine jener Blüthen, welche sich am liebenswürdigsten in der warmen Atmosphäre des Glückes und des ungestörten Genusses zu entfalten pflegen. Das kleinste Mißgeschick konnte sie schon verstimmen und aus der Fassung bringen. Zum Dulden und Entbehren war sie weder geboren, noch erzogen. – Theodor war schwach genug, auch jetzt noch ihre deutlich ausgesprochene Vergnügungssucht zu schonen; seine Nachsicht ging so weit, daß er noch einmal seine Leiden zu bewältigen sich bemühte und den Cotillon über, zum Schaden seiner Gesundheit, ausharrte. Zwar tanzte er nicht mehr, denn dazu reichte seine Kraft nicht aus, desto mehr Clementine, welche kaum allen Aufforderungen der von ihr entzückten Herren genügen konnte. Ihre Brust war mit Schleifen und Orden bedeckt, zu ihren Füßen lagen die schönsten Blumenbouquete aufgehäuft; sie blieb auch im Cotillon die Königin des Abends, die unbestrittene Herrin des Balles; ihr Sieg war so vollkommen, daß ihr nichts zu wünschen übrig blieb. Dafür warf sie auch jedes Mal, wenn sie an dem Arme eines Tänzers vorüberflog, einen zärtlichen Blick, ein grüßendes Lächeln ihrem Verlobten zu, der ihr von ganzem Herzen zugethan ihre Lust gönnte. Mit diesen Beweisen ihrer aufmerksamen Zärtlichkeit glaubte sie Alles gethan zu haben, was er nur billiger Weise von ihr fordern durfte.

Endlich war der Tanz vorüber und die große Pause kam. Der Hof entfernte sich, mit ihm der feinere und vornehmere Theil der Gesellschaft. Jetzt wäre auch Clementine keinen Augenblick länger geblieben; sie selbst mahnte zur Rückkehr, wogegen Theodor nichts einzuwenden hatte. Der Wagen fuhr vor und Clementine durchlebte noch einmal in Gedanken den heutigen Abend, zurückgelehnt in den Polstersitzen, mit halb geschlossenen Augen all’ die schmeichelnden Bilder vorüberziehen lassend.

„Gute Nacht, lieber Theodor und gute Besserung!“ rief das Mädchen sorglos, an ihrer Hausthür angelangt. „Morgen seh’ ich Dich bei mir, denn Deine Krankheit scheint bereits gehoben.“

„Ich fühle mich in der That wohler,“ entgegnete er, von der frischen, kühlen Nachtluft erquickt.

„Also auf baldiges Wiedersehen!“

Sie küßte der Commerzienräthin noch zum Abschiede die Hand und gestattete dem Verlobten eine zwar flüchtige, aber innige Umarmung, dann verschwand sie, um betäubt von all’ ihren Triumphen, ermüdet von den Anstrengungen des Tanzes auf ihr Lager hinzusinken. So schlaftrunken sie aber auch war, sie konnte sich dennoch nicht enthalten, beim Auskleiden einen Blick in ihren Spiegel zu werfen. Halb schon träumend flüsterte sie noch: „ich war wieder die Schönste auf dem Ball.“ Auch an Theodor dachte sie wohl noch einmal. „Wie gut er ist,“ sagte sie bereits mit geschlossenen Augen, „ich werde jedenfalls sehr glücklich mit ihm sein.“ Bald gähnte sie und träumte nur noch von Festen, von dem Fürsten und all’ den Dingen, welche sich ein Mädchen von achtzehn Jahren auch wachend zu wünschen und zu denken pflegt.

Von seiner Mutter nahm Theodor einen schnellen Abschied, da er das Bedürfniß nach Ruhe im hohen Maße empfand. Er fühlte sich wenigstens für den Augenblick wohler, als er die Thür zu seiner Wohnung öffnete, welche auf dem anderen Flügel des Hauses lag. Die Begleitung des Bedienten, den die besorgte Mutter ihm nachschickte, hatte er abgelehnt, da es schon spät war und er den Ermüdeten nicht noch länger aufhalten und ihm die Ruhe rauben wollte.

„Gehen Sie nur, Friedrich,“ sagte er gutmüthig, „ich werde mich schon allein auskleiden.“

Durch ein kleines, geschmackvoll eingerichtetes Vorzimmer gelangte er in seine eigentliche Wohnstube, welche die mütterliche Sorgfalt mit dem größten Comfort ausgestattet hatte. Da fehlte es nicht an dem schwellenden Divan und an bequemen Lehnstühlen. Eine Wand wurde gänzlich von seiner Bibliothek eingenommen, welche die besten wissenschaftlichen und poetischen Werke enthielt. Auf zierlichen Postamenten standen die Büsten berühmter Staatsmänner und Dichter. Außerdem fehlte es nicht an Jagdgewehren, gestickten Papierkörben, Zeitungsmappen und ähnlichen Andenken von zarter, weiblicher Hand, die größtentheils Clementine ihrem Verlobten geschenkt hatte. An dem Fenster stand ein Blumentisch mit seltenen Blattpflanzen und exotischen Gewächsen bestellt. Das Ganze verrieth eine Sorgsamkeit und Sauberkeit, wie man sie nur selten oder gar nicht in einer Junggesellenwirthschaft zu finden pflegt, in der ganzen Atmosphäre spürte man das Walten einer liebevollen Frau. Theodor fühlte sich auch von Jugend auf nirgends so wohl, als in seiner eigenen Häuslichkeit, und so oft er die freundlichen Räume betrat, überkam ihn auch ein eigenes, behagliches Gefühl. Auf dem Tische brannte die traute Lampe, an der er zu studiren pflegte; sie war so tief herabgeschraubt, daß sie nur ein schwaches dämmerndes Licht verbreitete. Dies jedoch und der Silberschein des Mondes, der durch das Spiegelfenster seine milden Strahlen hereinsandte, genügten, um ein eigenthümlich überraschendes Schauspiel zu beleuchten, vor welchem jetzt unser Freund unwillkürlich gefesselt stand.

Auf einem der Lehnstühle lag ein junges Mädchen in malerischer Stellung; sie schlief so fest, daß sie sein Kommen nicht bemerkt hatte. Ein unendlicher Frieden war über ihre kindlichen Züge ausgegossen; leise hob und senkte sich der jungfräuliche Busen in rhythmischen Wellenschlägen. Seine Bewegungen hatten das kleine, bunte Halstuch verschoben, daß ein Theil des schön geformten, rosig angehauchten Nackens sichtbar wurde. Um die feinen Lippen schwebte ein stilles Lächeln; die dunkelblauen Augen waren geschlossen, bedeckt von den zarten Augenlidern und den langen Wimpern, welche einem seidenen Vorhange glichen. Die glühende Wange ruhte auf dem schön geformten Arme, während der andere mit nachlässiger, absichtsloser Grazie niederhing. Ein zierliches Häubchen bedeckte die üppige Lockenfülle eines kastanienbraunen Haares, das von allen [488] Seiten schwellend hervorquoll. Der rührende Ausdruck keuscher Unschuld lagerte über die ganze Gestalt der Schlummernden, welche in einfach häuslicher Kleidung jetzt dem Beschauer in einem früher nie gekannten Reiz erschien. Sie war augenscheinlich im Lesen vom plötzlichen Schlummer überrascht worden. Zu ihren Füßen lag ein herabgefallenes Buch, das Theodor aufhob. Es waren „Uhland’s Gedichte“ in welchen sie gelesen hatte. Mit einem eigenen Gefühle von Verwunderung und Verlegenheit betrachtete er den schlafenden Gast, von dem er nicht wußte, wie er in sein Zimmer gekommen war. Es wollte sie nicht wecken, weil er sie durch seine plötzliche Erscheinung zu erschrecken fürchtete; auch hätte er ihr gern die natürliche Beschämung erspart. Aber eben so wenig durfte er zögern, wenn er nicht sich und das Mädchen, welches in dem Hause seiner Mutter die untergeordnete Stellung einer Wirthschaflerin oder Gesellschafterin einnahm, der üblen Nachrede aussetzen und in einen zweideutigen Ruf bringen wollte. Sie war seit wenig Wochen erst in die Dienste der Commerzienräthin getreten und Theodor, dessen Sittlichkeit keinem Zweifel unterlag, hatte sie kaum beachtet und höchstens einmal flüchtig angesehen. Nur selten war sie ihm begegnet, da sie den größten Theil des Tages in der weitläufigen, großen Wirthschaft beschäftigt war, so daß sie nur bei ganz besonderen Gelegenheiten zum Vorschein kam. Auch war ihm am Tage keineswegs die Schönheit ihres Gesichtes ausgefallen, da er sie bisher wenig oder gar nicht beachtet hatte. Dazu kam, daß sie durchaus nicht jene siegreichen Reize besaß, welche er an Clementinen bewunderte, die ihn für jede andere weibliche Erscheinung vollkommen blind machten. Ihre Züge waren nicht regelmäßig, nicht eigentlich schön zu nennen; nur eine gewisse Lieblichkeit und treuherzige Unschuld verlieh ihnen erst den besonderen Reiz. Der Schlaf, welcher oft unser innerstes Wesen Preis gibt und darum auch die unschuldigen Kinder so rührend schön erscheinen läßt, verklärte auch das kindliche Wesen des jungen Mädchens mit seinem ruhig süßen Zauber.

Trotz seiner Liebe zu Clementinen konnte er sich des holden Eindruckes nicht erwehren und nur ungern riß er sich von dem ihm gebotenen Schauspiel los; aber er mußte einen Entschluß fassen und unter jeder Bedingung der peinlichen Lage, in der er sich befand, ein Ende machen. Zu diesem Zwecke näherte er sich der Schlummernden mit Geräusch, ohne daß sie davon erwachte. Er war ihr so nahe gekommen, daß ihn der warme Hauch ihres duftenden Athems streifte; sie schlief so fest, daß sie keine Ahnung von seiner Nähe zu haben schien. Es blieb ihm nichts übrig, als sie laut bei ihrem Namen zu rufen, der ihm nach einigem Besinnen beifiel.

„Gertrud!“ rief er laut, um sie zu erwecken.

Noch regte sie sich nicht, da sie überaus fest schlief, von der Arbeit des Tages ermattet.

Befangen ergriff er ihre Hand und rüttelte sie leise. Jetzt erst schlug sie schlaftrunken, in lieblicher Verwirrung ihre Augen auf. Das Licht schien sie zu blenden, so daß sie gar nicht wußte, wo sie sich befand; sie mußte sich erst besinnen, bis sie ihn erkannte. Ein Schrei der Ueberraschung entschlüpfte ihrem Munde.

„Mein Gott!“ rief sie erschrocken, „wo bin ich denn?“

„Auf meinem Zimmer,“ entgegnete Theodor verlegen. „Wie sind Sie denn hierher gekommen?“

Sie erröthete und eine flammende Gluth überzog das Gesicht bis zu dem weißen, durchsichtigen Nacken. Schamhaft hielt sie beide Hände vor, um den entblößten Nacken zu bedecken. Bangigkeit und Beängstigung kämpften in ihren Zügen; die Sprache versagte ihr, so daß sie kaum ein Wort hervorzubringen vermochte. Theodor empfand das innigste Mitleid mit ihrer peinlichen Lage und bemühte sich, die Trostlose aus der Verlegenheit zu reißen.

„Beruhigen Sie sich nur,“ sagte er freundlich. „Die Sache hat ja nichts zu bedeuten.“

„Nein!“ antwortete sie betrübt. „Was werden Sie von mir denken, was wird die gnädige Frau dazu sagen, wenn sie es erfährt? Ich bin nur in Ihr Zimmer gekommen, um nachzusehen, ob auch Alles in der gehörigen Ordnung sei und ob das Feuer auch im Ofen brenne. Der Bediente hat schon mehrere Male vergessen, einzuheizen, wenn Sie aus waren. Ich fürchtete, daß Sie vom Balle erhitzt nach Hause kommen und sich erkälten könnten. Deshalb wollte ich mich selbst überzeugen. Ich konnte dabei nicht der Versuchung widerstehen, eines der schönen Bücher in die Hand zu nehmen. Entschuldigen Sie nur meine Dreistigkeit; aber die Müdigkeit überkam mich mit einem Male; ich hatte den ganzen Tag so viel zu thun und ehe ich mich versah, war ich in Ihrer Stube eingeschlafen. Verzeihen Sie mir, aber es soll gewiß nicht wieder vorkommen.“ Dabei richtete sie die dunkelblauen, frommen Taubenaugen so kindlich bittend zu ihm empor, daß er ihr nicht zürnen konnte, selbst wenn er gewollt hätte.

[501] „Ich bin durchaus nicht böse,“ sagte er beschwichtigend. „Ich muß Ihnen vielmehr für Ihre Besorgniß und Aufmerksamkeit noch danken.“

„Ich habe aber Unrecht gethan, ohne Ihre Erlaubniß ein Buch aus Ihrer Bibliothek zu nehmen.“

„Wenn es weiter nichts ist, so können Sie ganz ruhig sein. Wenn Ihnen das Buch Vergnügen macht, und das hoffe ich, da Uhland auch mein Lieblingsdichter ist, so nehmen Sie es nur immer mit und behalten Sie es, bis Sie es ausgelesen haben. Ich wußte nicht, daß Sie so gern lesen, sonst hätte ich Ihnen schon früher die Erlaubniß gegeben, meine Bibliothek zu benutzen.“

„O! Sie sind so gut, so gut –.“

In dem Tone ihrer Stimme lag eine Hingebung, eine Liebe ohne Grenzen, die, ohne es zu wollen und nur zu ahnen, sich jetzt verrieth. Theodor merkte weiter nicht darauf, da er mit dem Aufziehen seiner Uhr beschäftigt war und seine Gedanken bei Clementinen weilten. Die Wirthschafterin zündete mit zitternder Hand den kleinen Küchenleuchter an, den sie mitgebracht hatte.

„Gute Nacht, Herr Assessor,“ flüsterte sie mit gesenkten Blicken.

„Gute Nacht,“ entgegnete er zerstreut, sie kaum ansehend.

Die Thür schloß sich hinter der anmuthigen Gestalt und bald hatte Theodor die Erscheinung des armen Mädchens vergessen.




II.

Am anderen Tage erwachte Clementine von Wilden erst am späten Morgen gegen elf Uhr. Ihre Friseurin mußte so lange warten; dann brachte sie eine Stunde an ihrer Toilette zu, so daß der Mittag fast herannahte, ehe sie sichtbar wurde. Als sie in das Zimmer ihrer Mutter trat, fragte sie sogleich, ob ihr Verlobter nicht schon dagewesen. Er pflegte sonst an jedem Morgen zu kommen, ehe er seinen Amtsgeschäften auf der Regierung nachging. Heute erwartete sie um so mehr seinen Besuch, da es der Morgen nach einem Balle war.

„Ich begreife nicht,“ sagte sie gereizt über sein Zögern, „wo Theodor bleibt!“

„Aufrichtig gesagt,“ entgegnete die Präsidentin, deren Stolz in der Residenz bekannt war, „Dein Verlobter läßt es seit einiger Zeit auffallend an der nöthigen Aufmerksamkeit gegen Dich fehlen.“

„Du thust ihm Unrecht, liebe Mutter!“

„Ich weiß, was ich sage. Statt die Ehre zu würdigen, die ihm durch eine Verbindung mit unserer Familie zu Theil geworden, stimmt er einen Ton an, der mir nicht gefällt. Hat er nicht neulich erst dem Vater geradezu widersprochen, als dieser wegen der erledigten Rathsstelle sich für ihn bei dem Minister persönlich verwenden wollte? Der junge Herr will seine Beförderung lediglich seinen Verdiensten zu verdanken haben. Lächerlich! Mit solchen Grundsätzen kommt man nicht weiter und wenn er seinen Sinn nicht ändert, kann er ewig Assessor bleiben!“

„Theodor besitzt allerdings einen Stolz, den ich nicht mißbilligen kann. Er ist noch jung und sein Vermögen sichert ihm eine gewisse Unabhängigkeit.“

„Und doch lasse ich es mir nicht ausreden, daß Du eine bessere Partie hättest machen können. Ich räume Dir ein, daß sein Reichthum und die übrigen Eigenschaften nicht zu verachten sind, aber dafür mußt Du auch die ganze bürgerliche Familie in den Kauf nehmen und vor Allem eine Schwiegermutter, die gewohnt ist, das Regiment im Hause zu führen. Du wirst einen schweren Stand ihr gegenüber haben.“

„Die Commerzienräthin scheint mir eine gute Frau zu sein und ich habe bis jetzt keinen Grund gehabt, mich über ihr Benehmen zu beklagen.“

„Mir kann es recht sein, aber ich glaube kaum, daß ich mich mit der Frau befreunden werde. Sie hat so beschränkte Ansichten und ganz die Manieren der reichgewordenen Parvenus, die mir in der Seele zuwider sind.“

Clementine schwieg, da sie die Vorurtheile ihrer Mutter kannte; sie war an derartige Gespräche schon gewöhnt. Die Präsidentin betrachtete trotz aller pecuniären und anderen Vortheile die Verbindung ihrer Tochter mit dem bürgerlichen Assessor als eine Art Mesalliance von ihrem Standpunkte aus; sie hielt auf ihren Adel und auf die hohe Stellung, welche ihr Gatte einnahm. Trotzdem liebte sie Clementine zu sehr, um ihrer Neigung hindernd in den Weg zu treten. Auch war die lebenskluge Dame keineswegs blind für die Annehmlichkeiten eines großen Reichthums, den Theodor aufzuweisen hatte. Sein Vermögen fiel bei ihr um so mehr in’s Gewicht, da sie eine zahlreiche Familie besaß und sich deshalb selbst bei dem ansehnlichen Gehalte des Präsidenten manche Beschränkung auferlegen mußte. Nichtsdestoweniger empfand sie eine deutlich ausgesprochene Abneigung gegen diese Verbindung, da der Assessor eben so wenig wie die Commercienräthin nach ihrer Meinung die ihnen angethane Ehre hinlänglich zu würdigen schienen. Ihre Unterhaltungen mit Clementine drehten sich meist um diesen einen Punkt und unwillkürlich mußte die so oft wiederholte Ansicht [502] der Mutter auf die Gesinnung der Tochter einen nachtheiligen Einfluß ausüben. So lange diese sich selbst überlassen blieb und dem richtigen Gefühle ihres Herzens folgte, war sie voll Liebe und Zärtlichkeit für Theodor; aber diese Stimmung hielt nicht immer vor, und es gab auch Augenblicke, wo sie den Einflüsterungen der Präsidentin um so leichter Gehör schenkte, wenn sie sich, wie jetzt, von ihrem Verlobten vernachlässigt oder sonst gekränkt glaubte.

Der Mittag nahte heran und Theodor war noch immer nicht erschienen. Sein Ausbleiben fing sie an zu beunruhigen, da sie keinen Grund dafür zu finden vermochte. Ihr anfänglicher Uebermuth machte einer ängstlichen Besorgniß Platz.

„Er wird doch nicht ernstlich krank geworden sein?“ sagte sie zu der Mutter. „Auf dem Balle klagte er über leichtes Unwohlsein. Ich möchte unsern Bedienten schicken, um mich erkundigen zu lassen.“

„Das sähe aus, als ob Du ihm nachlaufen wolltest. Ich hätte Dich nicht für eine solche Närrin gehalten.“

„Aber, wenn er wirklich erkrankt wäre?“

„Thorheit! Ich kenne das. Dein Bräutigam ist ein verzogenes Muttersöhnchen. Wenn der den Schnupfen hat, so bringt ihn die Frau Commerzienräthin schon zu Bette und läßt ihn Kamillenthee trinken. Du wirst Deine liebe Noth mit dem einzigen Sohne haben.“

Die Präsidentin bemühte sich, die Furcht der Tochter lächerlich zu machen, und es gelang ihr auch auf einige Zeit, ihre Unruhe zu beschwichtigen. Eine halbe Stunde war so verflossen, als der Bediente der Commerzienräthin eintrat; er brachte für Clementine einige Zeilen von Theodors Hand, worin er sich zärtlich nach ihrem Befinden erkundigte. Zugleich meldete er in scherzhaft beruhigendem Tone, daß ein leichtes Kopfweh ihn daran verhindere, persönlich zu erscheinen, wogegen er die bestimmte Hoffnung gab,, sie den nächsten Tag zu sehen.

„Ich ahnte es gleich,“ sagte Clementine, nachdem sie gelesen hatte. Zugleich griff sie, dem ersten Triebe ihres Herzens folgend, nach ihrem Hut und Shawl.

„Wohin willst Du gehen?“ fragte die Präsidentin.

„Zu Theodors Mutter, um mich selbst zu überzeugen.“

„Du bist wirklich reif für ein Irrenhaus. Ich erkenne Dich nicht wieder. Mein Gott! was ist denn schon weiter, wenn einmal der junge Herr über Kopfschmerz klagt? Ich glaube gar, daß Du ernstlich die Absicht hast, Dich an seinem Bett als barmherzige Schwester zu etabliren und ihm kalte Umschläge zu machen, die für Dich nöthiger wären, als für ihn.“

Der Spott der Mutter verfehlte seine Wirkung nicht und Clementine gab ihr ursprüngliches Vorhaben auf, aus Furcht, sich lächerlich zu machen. Sie legte Hut und Shawl wieder ab und blieb, obgleich sie eine gewisse Unruhe und ein unbehagliches Gefühl nicht gänzlich verbergen konnte. Es war ihr, als hätte sie Unrecht gethan, nicht ihrem ersten Entschlusse sogleich zu folgen, als hätte sie eine dringende Pflicht versäumt. Sie war mit sich selber unzufrieden und ihr Herz machte ihr im Stillen Vorwürfe. Aber diese unbehagliche Stimmung war bald wieder verschwunden, als der Kammerherr, Baron von Rummelskirch, sich melden ließ und dem Bedienten auf dem Fuße folgte. Der feine und gewandte Hofmann entschuldigte seinen Besuch mit so vieler Liebenswürdigkeit und machte seine verwandtschaftlichen Rechte, wegen deren bisheriger Vernachlässigung er sich selbst am meisten anklagte, jetzt so dringend geltend, daß er Mutter und Tochter in gleicher Weise bezauberte. Ein Stündchen verfloß so schnell, daß Niemand wußte, wo es hingekommen. Der Kammerherr wußte so reizend zu erzählen, so anmuthig zu spotten und die Gesellschaft des Opernballes mit so pikanten Zügen vorzuführen, daß die Damen sich nie besser unterhalten zu haben glaubten. Er verstand es, eine Menge persönlicher Anekdoten und kleiner, interessanter Geschichten einzuflechten; er war mit allen Vorgängen bei Hofe und in der Stadt auf das Innigste vertraut; selbst das Unbedeutendste, und eigentlich sprach er, näher besehen, nur von lauter unbedeutenden Dingen, erhielt in seinem Munde einen eigenen Reiz. Auch seine äußere Erscheinung verfehlte nicht, trotzdem er bereits ein angehender Vierziger war, einen angenehmen Eindruck zu machen. Mit Hülfe seines Friseurs, des Schneiders und anderer Toilettenkünstler erschien er höchstens wie ein junger Mann von dreißig Jahren in der knappen Uniform, welche von einer ganzen Reihe verschiedener in- und ausländischer Orden bedeckt war, die er seinen großen Verdiensten beim Arrangement von Hoffesten und ähnlichen Feierlichkeiten zu verdanken hatte. Dazu besaß er eine weiße, sorgfältig gepflegte Hand, um die ihn sicher jede Dame beneiden mußte; aber er verstand es auch, dieselbe zu zeigen und den prachtvollen Brillanten an seinem Finger schimmern zu lassen.

„Ein charmanter Mann!“ sagte die Präsidentin, nachdem der Kammerherr sich empfohlen halte.

„Ich finde ihn auch äußerst liebenswürdig,“ entgegnete Clementine.

„Er war sehr artig gegen Dich. Sein Besuch kommt mir aber doch so sonderbar vor.“

„Ich finde durchaus nichts Auffallendes darin; eine gewöhnliche Artigkeit.“

„Er scheint sich ganz besonders für Dich zu interessiren.“

„Das glaube ich nicht; er weiß, daß ich Braut bin.“

„Schade!“ platzte die Präsidentin heraus, ohne den Satz zu vollenden.

Clementine brach das Gespräch ab, um nicht der Präsidentin zu neuen verletzenden Aeußerungen Veranlassung zu geben, obgleich auch ihr die Aufmerksamkeit des Kammerherrn nicht entgangen war, wodurch ihre Eitelkeit sich mehr, als sie sich selber gestehen wollte, geschmeichelt fühlte. Den ganzen übrigen Tag blieb sie zerstreut und mißgestimmt. Gern hätte sie Theodors Mutter aufgesucht, um sich nach dem Befinden ihres Verlobten zu erkundigen, aber sie fürchtete von Neuem den Spott der Präsidentin. Als sie aber auch am nächsten Morgen keine Nachricht von ihm erhielt, so eilte sie ohne Besinnen nach seiner Wohnung. Sie fand daselbst die Commerzienräthin, deren Gesicht nichts Gutes zu verrathen schien. Auf ihr Befragen erfuhr sie, daß Theodor eine schlechte Nacht zugebracht hatte. Zu seinem Kopfschmerz war ein Fieber hinzugetreten, das der herbeigerufene Medicinalrath nicht für ganz unbedeutend hielt.

„Darf ich ihn sehen?“ fragte Clementine.

„Der Medicinalrath hat ihm zwar dringend Ruhe empfohlen, aber mit Dir darf ich wohl eine Ausnahme machen,“ sagte die besorgte Mutter. „Theodor hat schon mehrere Male nach Dir gefragt, und ich glaube, daß Dein Anblick ihm wohlthun wird.“

Die Damen traten in das Krankenzimmer, worin Theodor lag. Die Vorhänge waren auf Anordnung des Doctors herabgelassen, um die blendenden Sonnenstrahlen abzuwehren. Es herrschte jene eigenthümliche, drückende Atmosphäre, die man in Patientenstuben gewöhnlich zu finden pflegt. Der Kranke lag auf seinem Bett mit einer leichten Decke zugedeckt. Seine Wangen waren unnatürlich geröthet, seine Augen, die tief in den Augenhöhlen lagen, zeigten einen eigenen Glanz, als wenn sie verglast wären; sein Blick hatte etwas Stieres und der Ausdruck seiner Züge schien eine große Abgespanntheit und Stumpfheit des Geistes zu verrathen. Die Commerzienräthin war voran gegangen, um Theodor auf den Besuch seiner Braut vorzubereiten. Ein schwaches, freundliches Lächeln schwebte um seine von der Fiebergluth vertrockneten Lippen; er streckte ihr die brennende Hand entgegen. Die stechende Hitze derselben fiel Clementinen unangenehm auf. Sie sprach einige zärtliche Worte, die er in gleicher Weise zu erwidern sich bemühte. An eine zusammenhängende Unterhaltung war nicht zu denken, da das Sprechen dem Kranken schwer fiel, und der Arzt die größte Schonung ohnehin empfohlen hatte. Dies Stillschweigen hatte etwas Beängstigendes für sie; die ganze Umgebung war ihr drückend; sie sehnte sich wieder hinaus in’s Freie, obgleich sie kaum eine Viertelstunde an seinem Bette verweilt haben mochte. Es war keineswegs ein Mangel an Zärtlichkeit; denn sie war ihrem Verlobten von ganzem Herzen zugethan, aber sie konnte den Anblick von Leidenden nicht gut vertragen. Die Luft der Krankenstube, die Medicinflaschen, die heruntergelassenen Vorhänge, die ganze Atmosphäre war dem vom Glücke verwöhnten Mädchen innerlich zuwider. Die Natur hatte ihr jene schönsten weiblichen Tugenden versagt – Geduld und Hingebung. Es fehlte ihr nicht an wahrer Theilnahme, aber sie hielt Theodor’s Zustand keineswegs für gefährlich, und sah in dem Allen nach dem Vorgange der Präsidentin nur die Verwöhnung des einzigen Sohnes und die zu weit getriebene mütterliche Zärtlichkeit der Commerzienräthin.

Aber schon die nächsten Tage lieferten ihr leider den Beweis, daß der Zustand ihres Verlobten keineswegs so leicht zu nehmen war, wie sie glaubte. Die Krankheit hatte rasch zugenommen, und der erfahrene Medicinalrath schüttelte bei jedem neuen Besuche bedenklich [503] mit dem Kopfe. Theodor war von einem schweren Nervenfieber befallen, darüber konnte nunmehr kein Zweifel sein. Diese Nachricht versetzte Clementinen in einen Zustand der höchsten Aufregung, sie fürchtete für sein Leben und auch für – das ihrige. Sie dachte wohl zunächst nur an die Gefahr und die Leiden ihres Verlobten, hinterdrein aber auch an die Möglichkeit, sich selber durch ihr Verweilen in der Nähe des Patienten eine Ansteckung zuzuziehen. In dieser Meinung wurde sie durch die Präsidentin nur noch mehr bestärkt. So oft sie die Commerzienräthin besuchen wollte, hatte sie erst einen förmlichen Kampf zu bestehen.

„Du kannst dort nichts nützen,“ sagte die besorgte Mutter, „und regst Dich nur unnöthiger Weise auf. Willst Du Dich denn mit aller Gewalt anstecken?“

„Aber meine Pflicht,“ wandte die Tochter schüchtern ein, die sich gern durch derartige Gründe überzeugen ließ.

„Auch die Pflicht hat ihre Grenzen. Wenn Du Theodor’s Frau schon wärest, hätte ich nichts dagegen einzuwenden. Vorläufig bist Du nur noch seine Verlobte.“

Nichts desto weniger ließ sich Clementinens besseres Gefühl nicht gänzlich unterdrücken; sie ging jeden Tag zur Commerzienräthin, aber nur selten noch betrat sie die Krankenstube selbst, weil ihr der Anblick des Patienten ein zu großes Entsetzen einflößte.

Sie wurde von einer förmlichen Angst befallen, wenn sie die abgemagerte Gestalt ihres Verlobten erblickte, und seine wirren Phantasien hörte. Meist lag er ohne Bewußtsein da, und er schien seine Umgebung kaum noch zu erkennen. Die Mutter und Gertrud theilten sich in seine Pflege, und wichen nicht von seinem Lager; besonders zeigte die Letztere eine Sorge und Aufopferung für den Leidenden, welche alle Begriffe überstieg. Das treue Mädchen hatte schon mehrere Nächte nicht geschlafen, die sie an seinem Lager zubrachte. Mit zärtlicher Aufmerksamkeit belauschte sie jeden Athemzug, seine leisesten Bewegungen; sie errieth seine Wünsche, die er nur durch dunkle Zeichen oder unverständliche Laute zu äußern vermochte. Bald reichte sie ihm mit ihren Händen die Medicin zur vorgeschriebenen Stunde, bald den erquickenden Labetrunk, den er von ihr am liebsten zu nehmen schien. Dabei klagte sie niemals über Ermüdung; sie schien wahre Riesenkräfte in dem zarten Körper zu beherbergen. Vergebens bat sie die Commerzienräthin, mit ihr in der Pflege abzuwechseln, und sich einige Ruhe zu gönnen; sie blieb fest auf ihrem Posten. Ein kurzer halbstündiger Schlaf auf dem Lehnstnhl genügte ihr, aber der Kranke brauchte sich nur zu rühren, und sie war schon wieder wach, voll Aufmerksamkeit und immer unverdrossen. Dem Leidenden und seiner Umgebung gegenüber zeigte sie stets eine heitere Miene voll Hoffnung und Zuversicht; nur wenn sie sich unbemerkt sah, oder wenn sie glaubte, daß Theodor schlafen mochte, verrieth sie ihr Mitgefühl durch ihre Thränen, die sie schnell wieder trocknete, sobald sich Jemand näherte. Alle Welt ließ ihrer Hingebung die vollste Gerechtigkeit widerfahren, obgleich sie sicher nicht darauf rechnete; am meisten aber der alte Medicinalrath, dessen erklärter Liebling Gertrud wurde.

„Sie sind ein Engel,“ pflegte er zu sagen. „Ja, ja! Ohne solche gute Geister, welche der Himmel zuweilen auf die Erde schickt, möchte ich nicht Arzt sein; sie helfen mehr, als alle Medicin. Dafür sollen Sie auch,“ setzte der alte Herr scherzend hinzu, „einen guten Mann bekommen. Am liebsten würde ich Sie zur Frau nehmen, wenn ich nicht schon für Sie zu alt wäre. Mit einer solchen Krankenpflegerin getraue ich es mir, auf hundert Jahre und noch mehr zu bringen.“

Gertrud erröthete, und entzog dem Medicinalrath ihre Hand, die er in der seinigen festzuhalten suchte.

„Aha!“ lächelte er. „Ich habe wohl den rechten Fleck getroffen, liebe Collegin!“ So nämlich pflegte sie der Medicinalrath im Scherz zu nennen. „Diese plötzliche Röthe läßt mich auf eine ziemlich weit vorgeschrittene Krankheit des Herzens schließen, die man im gewöhnlichen Leben Liebe nennt. Allgemeine Symptome: fliegende Hitze, schneller Puls, glänzende Augen, leise Delirien, stille Seufzer et caetera, et caetera. Aber zum Teufel! Da hab’ ich wohl was Schönes angerichtet? Thränen, Thränen in den frommen Augen. Habe ich Ihnen weh gethan? Das wollt’ ich meiner Seele nicht. Verzeihen Sie einem alten Mann, wenn er etwas Ungehöriges gesagt.“

Und sie verzieh ihm gern, und schaute ihn wieder unter Thränen lächelnd an.

Nach dieser kleinen Episode trat der würdige Arzt mit dem gebührenden Ernste an das Krankenbett, um den Zustand des Patienten aufmerksam zu untersuchen. Mit welcher Spannung folgte Gertrud seinen Mienen, mit welcher Aufmerksamkeit lauschte sie auf seine Anordnungen, mit welcher Aufregung hörte sie auf seinen Ausspruch, von dem ihr Tod und Leben abzuhängen schien! Ihr gegenüber sprach sich auch der Medicinalrath weit offener aus, da er die mütterlichen Gefühle der Commerzienräthin schonen wollte. Deshalb verschwieg er auch Gertrud nicht seine ernstlichen Besorgnisse und zunehmenden Befürchtungen, indem er bei ihr zwar einen hohen Grad von Theilnahme, aber nicht jene Liebe einer Mutter für ihren einzigen Sohn mit Recht voraussetzen durfte. Der erfahrene Praktiker ließ sich freilich durch den äußeren Anschein, so wie alle Welt täuschen.

Ruhig und mit jener erlaubten Verstellung, die den Frauen bei ähnlichen Gelegenheiten zu Gebote steht, nahm sie mit Fassung seine Mittheilungen hin, ohne durch irgend eine Bewegung ihr Inneres zu verrathen. Der Commerzienräthin zeigte sie stets ein unbefangenes Gesicht, vor ihr führte sie die Sprache der zuversichtlichsten Hoffnung, obgleich sie selbst die Gefahr des Patienten am besten kannte. So rechtfertigte sie die Bezeichnung des Arztes: wie ein Engel half sie pflegend, tröstend, die Gebrochenen aufrichtend, nur für Andere bedacht, sich selbst verleugnend.

„Heute Nacht,“ hatte ihr der Medicinalrath beim Abschiede leise zugeflüstert, „tritt wahrscheinlich die Krisis ein. Wenn die Kraft des Patienten ausreicht, so ist er gerettet; aber ich zweifle. Ich werde gegen Mitternacht noch einmal kommen. Sagen Sie aber der Commerzienräthin nichts davon. Die gute Frau dauert mich; sorgen Sie, daß sie sich schlafen legt; sie wird ohnehin ihre ganze Kraft brauchen, um den furchtbaren Schlag zu tragen. Arme Mutter!“

Gertrud blieb allein an dem Lager des Kranken zurück; sie saß mit gefalteten Händen und betete, still für seine Rettung zum Himmel flehend. Düster brannte die Nachtlampe, und beleuchtete das bleiche, eingefallene Gesicht des Patienten. In dem Zimmer herrschte ein trauriges Schweigen, nur von dem eintönigen Picken der Wanduhr unterbrochen. Immer näher rückte die verhängnißvolle Stunde der Entscheidung, wo die jugendliche Lebenskraft sich noch einmal zum Kampfe mit dem unerbittlichen Tode rüstete.

Jetzt begann jenes fürchterliche Ringen, jener entsetzliche Streit der dunklen Gewalten, das geheimnißvolle Wirken und Weben der Natur, welche dem leise heranschleichenden Tode sich noch einmal aufraffend entgegenstellte. Schauerlich tönten die wirren Phantasien des Bewußtlosen, furchtbare Krämpfe schüttelten den abgemagerten Körper, wie von unsichtbaren Fäusten gepackt; dumpfes Röcheln und Stöhnen aus der gepreßten Brust unterbrachen die ängstliche Stille.

Es war ein entsetzliches Schauspiel für die einsame Gertrud, welche die Commerzienräthin entfernt hatte, um ihr den schrecklichen Anblick zu ersparen; und doch war es nur der Beginn jener traurigen, unabwendbaren Katastrophe. Die treue Pflegerin näherte sich dem mit dem Tode Ringenden, um durch die verordnete Medicin das erlöschende Leben anzufachen, aber in einem Anfalle krankhafter Wuth stieß er sie fort, und schlug mit der geballten Faust nach ihr. Er kannte nicht mehr seinen Schutzengel; da schwand auch die letzte Hoffnung aus ihrer Brust. – Gegen Mitternacht kam der Medicinalrath, wie er es ihr versprochen hatte; er fühlte nach dem Pulse des Patienten, und horchte mit gespannter Aufmerksamkeit auf die immer schwächer werdenden Schläge des Herzens.

„Wenn Gott nicht Rettung schickt,“ sagte der würdige Arzt mit ernster Miene, „so muß der Kranke sterben. Ich gebe ihm höchstens eine Stunde Zeit.“

„Ewige Barmherzigkeit!“ schrie Gertrud auf, und wurde so bleich, als hätte sie ihr eigenes Todesurtheil aus dem Munde des Arztes gehört.

Sie schwankte und drohete umzusinken; doch im nächsten Augenblick besiegte sie wieder diese Anwandlung einer natürlichen Schwäche; sie fühlte, daß sie noch Pflichten hier zu erfüllen habe. Deshalb bezwang sie mit der größten Anstrengung diese Ohnmacht; nur die hervorbrechenden Thränen vermochte sie nicht zu verbergen.

„Was wird seine Mutter sagen?“ rief sie schmerzlich bewegt. „Sie wird den Tod ihres einzigen Sohnes nicht überleben.“

„Gott wird sie trösten,“ erwiderte der Medicinalrath, der am [504] Krankenbette die Nähe des Herrn schon öfters kennen gelernt hatte.

„Er wird mich trösten!“ wiederholte wie das klagende Echo eine sanfte, traurige Stimme.

Es war die der Commerzienräthin, welche unbemerkt hereingetreten war, deren Mutterherz die Sorge nicht schlafen ließ; sie war gekommen, um dem Liebling ihrer Seele die Augen zuzudrücken. Mit ihrem Taschentuchs wischte sie den Todesschweiß von seiner Stirn. Gertrud und der Medicinalrath strengten sich vergeblich an, sie zu entfernen, um ihr den schrecklichen Anblick zu ersparen.

„Ich hab’ ihn geboren,“ sagte sie milde, aber fest, „ich will ihm auch den letzten Dienst erweisen.“

Sie blieb und wich nicht mehr von seinem Lager, bis der theilnehmende Arzt sie mit Gewalt fortzog. Ein langer Seufzer entrang sich noch einmal der Brust des Sterbenden, dann ward es still, ganz still.

„Er hat vollendet!“ sagte der Arzt tief erschüttert.

Eine wohlthätige Ohnmacht breitete ihre Schatten über das gequälte Mutterherz. Gertrud wollte ihr zu Hülfe eilen und sie erwecken, obschon ihr selbst das Herz zu brechen drohte.

„Lassen Sie,“ rief ihr der alte Medicinalrath zu. „Ihr ist wohl; sie wird noch zeitig genug erwachen.“

Das treue Mädchen stand mit gefalteten Händen; ein leises Schluchzen nur verrieth die Größe ihres eigenen Schmerzes.

[513]
III.

Die traurige Nachricht von dem Tode des Assessor Bärmann verbreitete sich am anderen Tage mit Schnelligkeit durch die Stadt. Alle Welt bedauerte den Verlust des bescheidenen, reich begabten Mannes und beklagte die arme Mutter und seine junge Braut. Clementine wurde auf die schonendste Weise von ihrem Unglück durch die Präsidentin in Kenntniß gesetzt; sie überließ sich, wie alle sanguinische Naturen bei ähnlicher Gelegenheit, den Ausbrüchen der heftigsten Verzweiflung; aber nach und nach schenkte sie den Trostgründen ihrer Mutter ein williges Gehör. In ihrem Wesen lag es nicht, einem Schmerze fortwährend nachzuhängen; dazu fehlte es ihr an der nöthigen Tiefe und Innigkeit des Gefühls. Sie hatte in ihrer Weise Theodor geliebt, sie wäre ihm gewiß eine treue und zärtliche Gattin geworden, vorausgesetzt daß ihr keine zu großen Opfer auferlegt worden wären; aber mehr durfte man nicht von ihr fordern. Ihr Herz war weich und elastisch, jedem Eindrucke offen, der eben so schnell wieder verschwand und keine, oder nur leichte Spuren zurückließ. Im ersten Augenblicke überließ sie sich ganz und gar der Heftigkeit ihres aufrichtigen Schmerzes; sie beweinte den Tod Theodors, sein frühes Ableben und vor Allem ihr eigenes Geschick; nebenbei dachte sie aber schon an ihre Trauertoilette und wie der schwarze Flor zu ihrem weißen Teint stehen würde.

In Begleitung der Präsidentin war sie in das Haus der Commerzienräthin geeilt; sie fand die würdige Matrone weit gefaßter, als sie dachte. Der Schmerz äußerte sich bei dieser in der edelsten Weise, indem sie mit erhabenster Selbstverleugnung der Braut ihres Sohnes Trost einzusprechen sich bemühte.

„Ich habe einen Sohn verloren,“ sagte sie mit rührender Resignation, „Du Deinen Bräutigam. Du sollst an mir nach wie vor eine Mutter finden, wie ich an Dir eine Tochter. Durch gegenseitige Liebe wollen wir sein Andenken ehren und heiligen.“

Tief erschüttert sank Clementine weinend an die Brust der Betrübten. Nachdem sie ihre leicht fließenden Thränen getrocknet, äußerte sie den natürlichen Wunsch, die Leiche des Geliebten zu sehen. Theodor lag vorläufig auf seinem früheren Lager. Die Commerzienräthin fühlte sich noch zu angegriffen, um den schmerzlichen Anblick zu ertragen; sie gab daher dem Bedienten den Auftrag, Clementine in die Todtenstube zu führen. In Gesellschaft ihrer Mutter betrat sie den traurigen Ort, aus dem ihrer aufgeregten Phantasie ein dumpfer Verwesungsgeruch zu kommen schien. Das unheimliche Halbdunkel, durch zwei brennende Kerzen erhellt, die herabgelassenen Vorhänge, die bange Stille, die Nähe des Gestorbenen erfüllten ihre Seele mit einem unüberwindlichen Schauer und sie bereute bereits im Stillen ihren Wunsch. Bei dem Geräusche, das ihr Erscheinen verursachte, erhob sich eine dunkle Gestalt; es war Gertrud, welche noch einige Anordnungen zu treffen hatte. Das holde Mädchen zog sich mit einem scheuen, flüchtigen Gruß zurück und ließ Clementine und die Präsidentin allein mit der Leiche, welche mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen, nur mit einem weißen Tuche vorläufig zugedeckt, auf dem Bette lag. Bei diesem Anblick stieß Clementine einen leisen Schrei aus, der mehr ihr Entsetzen als ihren Schmerz verrieth.

„Schrecklich!“ flüsterte sie der Mutter zu.

„Du hast es ja gewollt,“ eiferte diese, die Ehrfurcht gebietende Nähe des Todes nicht beachtend. „Wer hat Dich denn gezwungen, die Leiche aufzusuchen?“

„Es wäre unschicklich gewesen, so fortzugehen. Schon der Commerzienräthin und der Leute wegen mußte ich dies Opfer bringen. Der Anstand erfordert es, aber ich vermag kaum hinzusehen; er sieht ganz entstellt aus und welch’ ein Geruch! Ich fühle mich einer Ohnmacht nahe.“

„Hier hast Du mein Riechfläschchen und nun laß uns gehen. Wir haben hier nichts mehr zu suchen. Du hast Deiner Pflicht genügt. Denke an Deine eigene Gesundheit. Du bist noch jung und hast noch eine reiche Zukunft zu erwarten.“

„Vorläufig denke ich nicht daran.“

„Aber Du wirst später daran denken. Ich glaube doch nicht, daß Du Dein ganzes Leben den Verstorbenen betrauern willst. Es gibt noch andere Männer auf der Welt und bessere Partieen.“

„Liebe Mutter! Sprechen Sie leiser.“

„Ich würde an Deiner Stelle Gott danken, daß es so gekommen ist. Du bist jetzt frei und wenn mich nicht Alles täuscht, so blühen Dir die glänzendsten Aussichten. Der Kammerherr von Rummelskirch –“

Clementine machte eine abwehrende Bewegung, obgleich sie der Mutter nicht Unrecht geben konnte. Wohl regte sich im Stillen die frisch erwachte Lebenslust und neue Hoffnungen blühten wieder auf, aber die Scheu vor dem Todten hielt sie noch ab, ihre eigenen Gedanken auszusprechen. Es graute ihr vor der Leiche, deren erstarrte Züge ihr zu drohen schienen. Sie glaubte, ein schmerzliches Zucken um den fest geschlossenen Mund bemerkt zu haben. Jedenfalls täuschte sie ihre lebhafte Phantasie.

[514] „Kommen Sie,“ bat sie leise, „ich halte es in dieser Umgebung nicht länger aus.“

Noch einmal warf sie einen furchtsamen Blick auf den Verstorbenen, dann wandte sie sich schaudernd ab und ging. Erst als sie wieder im Freien war, athmete sie auf. Der Anblick der Leiche hatte sie nicht zu erheben vermocht; sie sah nur noch die der Verwesung verfallene Hülle, das schreckende Bild der Zerstörung und Fäulniß. Sie hatte den lebenden Theodor geliebt; der Todte war für sie eben todt. Ein flüchtiges Mitleid, eine oberflächliche Rührung war Alles, was sie noch für ihn empfand.

So nahte der Tag des Begräbnisses heran, wo Theodor in der gemeinschaftlichen Gruft der Familie beigesetzt werden sollte. Die Commerzienräthin hatte mit seltener Fassung die nöthigen Anordnungen getroffen, deren Ausführung sie der getreuen Gertrud überlassen mußte, da sie sich selber zu schwach fühlte, um all’ den traurigen Pflichten zu genügen. Am vorangehenden Abende wurde die Leiche angekleidet in den Sarg von Eichenholz mit silbernen Beschlägen gelegt. Frische Blumenkränze bedeckten den Körper und verbreiteten einen süßen, betäubenden Geruch; es waren Gaben der Liebe von sämmtlichen Hausbewohnern dargebracht; das Schönste, was dem Todten mitgegeben wurde, wie er dazu bestimmt, zu verwelken, zu verwesen. In den gefalteten Händen lag die prachtvoll gebundene Bibel, ein Confirmationsgeschenk seiner Mutter, das tröstliche Wort der Auferstehung enthaltend. Zwei Kerzen brannten zu seinen Füßen, zwei zu seinem Haupt und verbreiteten ihr mildes Licht über das Kreuz, woran der Erlöser hing, und über die Züge des Entschlafenen, welche einen wunderbaren Frieden zeigten. Der Todte schien nur zu schlafen, so wenig hatte er sich bis jetzt verändert; nur die große Blässe seiner Wangen und die Starrheit seiner Glieder verkündigten den letzten, schweren Kampf. So lag er da, als hätte er sich nur auf kurze Zeit zur Ruhe begeben und nicht für die große Ewigkeit.

Im Vorzimmer hielt der Bediente die Wache an dem Sarge seines jungen Herrn, sonst war das ganze Haus zur Ruhe gegangen. Auch die betrübte Mutter wurde von einem wohlthätigen Schlummer befallen; die Natur verlangte ungeachtet des wachhaltenden Schmerzes ihr Recht und träufelte den milden Balsam des Schlafes auf die rothgeweinten Augen. Nur Gertrud blieb wach; sie ließ das arme, mit schwerem Leid erfüllte Herz nicht schlafen. Noch einmal mußte sie den Geliebten sehen, denn sie liebte ihn von der ersten Stunde an, wo sie ihn gesehen, still und hoffnungslos, so lang er lebte, still und hoffnungslos noch jetzt im Tode. Ihre Neigung war die uneigennützigste von der Welt, denn Niemand hatte sie geahnt, selbst er nicht, dem sie die reinsten Gefühle ihres jungfräulichen Herzens gewidmet hatte. Ihre Liebe wuchs auf dem Boden der Entsagung, denn vom ersten Augenblicke erkannte sie die Kluft, welche sie, das arme Mädchen, von dem Sohne des reichen Hauses trennte. Sie verlangte ja nichts mehr, als ihn einmal flüchtig zu sehen, den Ton seiner Stimme zu hören, seinen gleichgültigen Gruß als Erwiderung des ihrigen zu vernehmen. Sie war schon beglückt gewesen, wenn sie nur sein Zimmer betreten und heimlich, ungesehen seine Bücher, seine Kleider berühren durfte; wenn sie in demselben Stuhle saß, worin er gesessen, dieselbe Luft athmete, die er geathmet. Der Lichtpunkt ihres Daseins war jene kurze Unterhaltung an dem Ballabende, wo sie Theodor auf seinem Zimmer überraschte. Sie hatte damals geglaubt, vor Schreck und Freude über seine Güte und Freundlichkeit sterben zu müssen. Die Erinnerung an diese Stunde hielt sie aufrecht in all’ ihrem Leid, davon zehrte sie, damit war sie befriedigt für die Ewigkeit. Er hatte sie wenigstens einmal bei seinem Leben freundlich angesprochen, angelächelt.

Wer eine solche Liebe nicht zu begreifen vermag und ihre Wahrheit vielleicht anzweifelt, der kennt nicht das Herz der Frauen. Gertrud’s Leidenschaft hatte zunächst aus der Unterhaltung mit der Commerzienräthin ihre erste Nahrung gesogen. Der treuen und theilnehmenden Gesellschafterin gegenüber öffnete sich das übervolle Mutterherz, ihr vertraute sie ihre Hoffnungen und Erwartungen an, vor ihr lobte sie den Sohn mit verzeihlicher Eitelkeit, seine Sittlichkeit, Klugheit und Feinheit im Umgange, alle edlen Eigenschaften seines gebildeten Geistes, seines trefflichen Herzens preisend. Mit Begierde nahm Gertrud diese Schilderungen auf, welche ihre Phantasie mit noch weit glänzenderen Farben ausschmückte. Unmerklich wurde Theodor für sie das Ideal, welches früher oder später jedes Mädchenherz erfüllt. Lange, ehe sie ihn noch gesehen, liebte sie ihn schon und seine Nähe war wohl geeignet, diese Neigung zu vermehren, statt zu vernichten. Selbst seine Verlobung mit Clementine störte nicht den schönen Traum Gertrud’s, sie hatte ja nie daran gedacht, ihn zu besitzen; er war der goldene Stern, zu dem sie emporschaute ohne Wunsch, ohne Verlangen. Was that es ihrer Liebe, daß eine andere Frau sein Herz besaß? Und doch regte sich zuweilen in ihrem Herzen ein bitteres Gefühl, das sie indeß schnell niederkämpfte, wenn sie an die Ungerechtigkeit des Schicksals dachte. Sie hätte eine Fürstin sein mögen, um ihn mit einer Krone zu beglücken. Das arme Mädchen mußte dulden und – schweigen.

Nun hatte der grausame Tod ihr Alles geraubt, aber auch die Scheidewand eingerissen, die sie von dem Geliebten trennte. Der Leiche durfte sie ungescheut jetzt nahen und die Liebe, die sie dem Liebenden verbergen mußte, offen zeigen. Deshalb ließ sie jetzt ihre Thränen doppelt reichlich fließen; die schönsten Kränze, welche seinen Sarg zierten, hatte sie mit ihrer Hand geflochten und den Thau der Liebe aus ihren Augen darauf fließen lassen. Sie brauchte ihr Gefühl nicht mehr sorgfältig zu verbergen; denn in dem allgemeinen Schmerz achtete Niemand mehr auf ihren besonderen und unter dem Schleier des Mitleids konnte ihre Liebe ungehindert sich ausweinen. – Aber vor allen Dingen mußte sie ihn noch einmal sehen, eh’ der Sargdeckel niederfiel und das dunkle Grab sein Opfer aufnahm; ganz allein, von keinem Menschen beobachtet, wollte sie an seiner Seite knien und ihm in das schöne, bleiche Antlitz schauen. Deshalb schlich sie jetzt leise wie ein Geist, die flackernde Nachtlampe in der Hand, durch das stille Haus, dessen sämmtliche Bewohner schliefen. Auch der Bediente im Vorzimmer, dem man die Bewachung der Leiche anvertraut hatte, war der Müdigkeit und der Anstrengung der letzten Tage erlegen. Sie schlüpfte ungesehn an ihm vorüber in den Saal, wo die geschmückte und vollkommen angekleidete Leiche ausgestellt war. Sie hatte keine Furcht vor dem Todten, dessen bleiches Antlitz sie mild anzulächeln schien. Mit leisen Schritten näherte sie sich dem Verstorbenen still weinend. So kniete sie an seiner Seite und betete aus tiefster Seele für die Ruhe und den Frieden des Geliebten. Gestärkt und getröstet erhob sie sich vom Boden, um den mitgebrachten Kranz von Cypressen auf den Sarg zu legen. Sie neigte sich zu der Leiche hernieder und ihre heißen Wangen berührten fast die seinigen; da vermochte sie nicht zu widerstehen; sie hauchte den ersten und den letzten Kuß auf seine kalten Lippen.

Mit einem Male fühlte sie eine leise Bewegung, zwei Arme umschlangen sie und hielten sie krampfhaft fest. Zugleich vernahm sie deutlich einen tiefen Seufzer, der aus dem Sarge zu kommen schien. Das arme Mädchen stieß einen lauten Schrei aus, sie zitterte vor Schreck und Aufregung und war einer Ohnmacht nahe. Sollte sie sich getäuscht haben? Aber nein, die Leiche saß mit geöffneten Augen, träumerisch lächelnd und halb aufgerichtet im Sarge da. Die ersten Strahlen der schönen Morgensonne beleuchteten den Auferstandenen. Ein Wunder war geschehen, der Kuß der Liebe hatte den Todten aufgeweckt.

Im nächsten Augenblick hatte Gertrud ihre ruhige Besinnung wieder erlangt; sie rief um Hülfe. Der Bediente, aus seinem Schlaf erwacht, eilte herbei.

„Schnell!“ rief sie ihm zu, „eilen Sie zu dem Medicinalrath; er soll sogleich herkommen.“

Theodor, der bisher im Starrkrampfe gelegen, war zwar noch zur rechten Zeit daraus erlöst worden, aber vor Schwäche wieder hingesunken. Gertrud rieb jetzt seine Schläfe mit stärkenden Essenzen, sie gab ihm die zärtlichsten Namen und stand nicht früher ab, bis er von Neuem verwundert seine Augen zu ihr emporschlug. Jauchzend vor Freude dankte sie im Stillen Gott.

Wenige Minuten später langte der Arzt an, den sie mit einigen Worten über die Lage des Kranken aufklärte. Er traf sogleich die nöthigen Anordnungen, um den durch die Krisis erschöpften Lebensfunken wieder anzufachen. Zugleich übernahm er es, die Commerzienräthin in schonender Weise von dem glücklichen Ereigniß in Kenntniß zu setzen, damit ihr zärtliches Mutterherz der plötzlichen Freude nach so vielen bittern Qualen nicht erliege. In den nächsten Tagen hatte sich der Patient schon so weit erholt, um eine ruhige Schilderung seiner Gedanken und Empfindungen während des Scheintodes zu geben.

„Ich war,“ erzählte er seiner Mutter und dem Medicinalrath, „mit einem Male wie an allen Gliedern gelähmt, als hielte mich [515] eine unsichtbare Macht in Ketten; dabei hörte und beobachtete ich Alles, was in meiner Umgebung vorging. Meine Sinne schienen sogar schärfer, als im gewöhnlichen Zustande, denn das leiseste Geräusch, jedes Wort, das nur geflüstert wurde, entging mir nicht. Ich wußte, daß man mich für todt hielt. O! das war entsetzlich! Ich wollte laut aufschreien, aber die Sprache versagte mir. Die fühlbarsten Schreckbilder tauchten vor meiner Seele auf, und ich erduldete Höllenqualen. Ich vernahm Deine Stimme, liebe Mutter, ich fühlte, wie Deine Thränen auf meine Hände fielen. Wie gerne hätte ich Dir zugerufen, Dich getröstet, aber so sehr ich mich auch anstrengte, eine eherne Gewalt hielt mich gefesselt, und die Zunge versagte mir ihren Dienst.“

„Schrecklich!“ unterbrach die Commerzienräthin Theodor’s Bericht. „Ich schaudere, wenn ich daran denke. Sollte es denn kein Zeichen geben, das den Scheintod von dem wirklichen Tode unterscheiden läßt?“

„Wenigstens kein sicheres,“ antwortete der Medicinalrath, an den die Frage gerichtet war. „Die Wissenschaft ist in dieser Beziehung, das gestehe ich offen ein, keineswegs ganz zuverlässig. Selbst die erfahrensten Aerzte können sich irren, wie leider mein eigenes Beispiel beweist. Ich danke Gott, daß es so gekommen ist.“

„So lag ich,“ fuhr Theodor fort, „als eine lebendige Leiche mit deutlichem Bewußtsein, als ein Gestorbener für die Welt, die sich mir ohne Maske und Schminke jetzt zeigte. Der Schleier war von meinen Augen weggenommen, und ich lernte den Werth der Menschen und der Dinge kennen. Niemand gab sich mehr die Mühe, mich zu täuschen und sich in meiner Gegenwart zu verstellen; ich war ja todt und nur die Todten dürfen die Wahrheit hören, welche man den Lebenden vorenthält. So erfuhr ich, wie wir uns selbst, und wie wir Andere belügen, wie falsch oft die Liebe, wie vergänglich die Treue sei. Ich habe manche bittere Erfahrung gemacht, manche traurige Lehre für mein ganzes künftiges Leben erhalten; aber auch den Werth eines reinen Herzens, den Preis einer edlen Seele schätzen und verehren gelernt. An den Pforten des Grabes fiel die Binde von meinen Augen, die Vorurtheile schwanden, und der gleißende Schein zeigte sich vor mir in seiner egoistischen Nacktheit, in seiner verdammungswerthen Schwäche. Noch zur rechten Zeit erkannte ich meine Verblendung, und ich preise und danke Gott dafür, daß er mich durch ein Wunder vor einer großen Thorheit behütet hat.“

Die Commerzienräthin schien die Gedanken ihres Sohnes zu ahnen, doch hütete sie sich, nach dem genaueren Vorgange zu fragen, auf welchen seine Worte zu deuten schienen; sie wollte ihn schonen und nicht von Neuem aufregen. Nach einer kleinen Pause, die er zu seiner Erholung nöthig hatte, nahm Theodor seine Erzählung wieder auf.

„Ich bemerkte all die Anstalten, welche im Verlaufe der Zeit zu meiner Beerdigung getroffen wurden; der Tischler kam und nahm das Maß zum Sarge an meinem Körper; er unterhielt sich in ganz ungenirter Weise mit dem Bedienten; das Gespräch drehte sich natürlich ausschließlich um meine Person, und ich bekam auch hier manche derbe Wahrheit zu hören. Der Sarg kam und ich wurde hineingelegt. Das war der furchtbarste Augenblick für mich, und ich begreife noch heute nicht, daß mich die Angst nicht tödtete. Du sollst lebendig begraben werden, tönte es fortwährend mir in’s Ohr, lebendig begraben werden. Dagegen müssen die Qualen der Hölle nur ein Kinderspiel sein. Ich raffte meine letzte Kraft zusammen, um mich aus dem Kerker, der mich gefangen hielt, zu befreien, aber es war vergebens. Ein Bleigewicht lastete auf meiner Brust, meine Glieder blieben gefesselt, mein Arm gelähmt. Die Furcht verwirrte meine Sinne; schon sah ich, wie der schwere Deckel des Sarges herniederfiel, ich hörte die dumpfen Schläge des Hammers, mit denen er festgenagelt wurde; schon öffnete sich das Grab, um den Lebenden zu verschlingen. Mein schwacher Körper war nicht im Stande, diese Folterqualen zu ertragen, und eine wohlthätige Bewußtlosigkeit endigte wenigstens für kurze Zeit meine unbeschreiblichen Leiden.“

„Armer Theodor!“ seufzte die Mutter, vor Entsetzen bleich. „Die Erinnerung greift Dich zu sehr an.“

„Mein Bericht ist bald zu Ende,“ sagte er mit sanftem Lächeln. „Wenn die Noth am größten, ist auch die Hülfe am nächsten. Der Himmel schickte mir einen Engel, der mich aus dem Grabe auferstehen hieß und mich dem Leben wiedergab. Wie lange ich in dieser vollkommenen Bewußtlosigkeit gelegen, weiß ich selber nicht. Als ich daraus erwachte, glaubte ich einen schwachen Lichtschimmer zu bemerken; ich fühlte die Nähe eines menschlichen Wesens, ich hörte ein frommes Gebet, das für mich zum Himmel stieg. Es war Gertrud, die treue, gute Seele, die noch einmal gekommen war, um von mir Abschied zu nehmen. Ich glaubte wirklich eine überirdische Erscheinung zu haben. Ihre Nähe wirkte wie ein Zauber, das Band war gesprengt, die Ketten gerissen, die Fesseln fielen ab, und ich erhob mich aus dem Sarge als ein Auferstandener.“

Die Commerzienräthin trocknete ihre Thränen; auch der Arzt war tief erschüttert. In diesem Augenblick erschien das liebliche Mädchen, demüthig wie immer. Sie schwebte leise, wie sie gewohnt war, durch das Zimmer mit niedergeschlagenen Augen.

„Sie sieht wirklich wie ein Engel aus,“ flüsterte der alte Medicinalrath der Mutter in das Ohr. Diese nickte ihm beifällig zu.

Gertrud näherte sich ihrer Gebieterin mit sichtbarer Befangenheit. Seitdem Theodor seiner Genesung entgegenging, hatte sie den festen Entschluß gefaßt, das Haus zu verlassen, um ihrer hoffnungslosen Liebe zu entfliehen. Nach schweren Kämpfen mit sich selber, nach mancher bang durchweinten Nacht stand dies Vorhaben fest in ihrer Seele. Es war aus der Ueberzeugung entsprungen, daß sie nie dem Geliebten angehören könne. Dazu kam das natürliche Schamgefühl, wenn sie daran dachte, daß Theodor um ihre Neigung wußte. Um sich jeden Rückweg abzuschneiden, hatte sie bereits eine andere Stellung als Wirthschafterin angenommen. Jetzt war sie gekommen, um für immer Abschied zu nehmen.

„Ich bitte,“ sprach sie zu der überraschten Commerzienräthin, „um meine Entlassung, da ich eine andere Condition habe.“

„Gertrud!“ rief die Herrin. „Das kann doch Ihr Ernst nicht sein. Sie dürfen mein Haus nicht verlassen.“

„Und doch muß ich darauf bestehen,“ entgegnete sie mit bewegter Stimme. „Schelten Sie mich, gnädige Frau, eine Undankbare, aber ich kann nicht anders.“

Thränen drohten ihre Stimme zu ersticken, doch sie raffte noch einmal ihre ganze Kraft zusammen, um ihr Gesuch zu wiederholen. Bisher hatte Theodor sich ruhig verhalten, als er aber den Ernst sah, womit das Mädchen auf seinen Entschluß bestand, so hielt er an der Zeit, das Wort zu ergreifen. Er allein kannte ihre edlen Beweggründe.

„Gertrud,“ rief er ihr zu, „Sie müssen bleiben. Die Retterin meines Lebens darf mich nicht mehr verlassen.“

„O,“ murmelte sie in tiefster Bewegung, „schonen Sie mich, halten Sie mich nicht zurück. Es ist dies die einzige Bitte, die ich noch habe. Leben Sie wohl, Herr Theodor!“

Sie streckte ihm die zitternde Hand zum Abschiede entgegen, und wieder wie damals, als sie ihn im Sarge fand, sah sie sich von zwei Armen umschlungen, die sie festhielten und nicht mehr los ließen.

„Lassen Sie mir diese Hand,“ bat er leise, bat er dringend, „für immer, ewig.“

„Was hat das zu bedeuten?“ fragte die Commerzienräthin ganz betroffen.

„Eine Verlobung,“ entgegnete der gerne scherzende Arzt, welcher mit seinem gewöhnlichen Scharfblick schon längst Alles errathen hatte.

„Hören Sie mich, liebe Mutter!“ sagte Theodor mit feierlicher Stimme, indem er noch immer Gertrud fest umschlungen hielt. „Meine Erzählung ist noch nicht zu Ende. Dieses Mädchen hier kniete an meinem Sarge, hingerissen im heißesten Gebet. Was sie dem Lebenden keusch verschwiegen, gestand sie dem Scheintodten; ich erfuhr, wie ich von ihr geliebt wurde, so rein, so innig, wie nur ein Engel des Himmels lieben kann. Durch sie lernte ich erst das hohe, unschätzbare Gut eines treuen Herzens, eines liebenden Weibes kennen. Leise neigte sich Gertrud zu mir herab, um mit einem Kusse von mir Abschied zu nehmen. Dieser Kuß hat mich vom Tode aufgeweckt, ihre Liebe ließ mich auferstehen.“

Eine tiefe Stille herrschte in dem Zimmer, nur von dem leisen Schluchzen des Mädchens unterbrochen, das seine verschwiegensten Gefühle so verrathen sah. Der alte Medicinalrath wischte emsig an seinen Brillengläsern, um seine Rührung und die herabströmenden Thränen zu verbergen. Die gute Mutter aber legte schweigend die Hand Gertrud’s in die ihres einzigen Sohnes.

„Du hast ihn verdient,“ fügte sie hinzu, die still Weinende an ihr Herz ziehend.

[516] Das war eine köstliche Zeit der Genesung für Theodor. Wie schön kam ihm das Leben vor, wie freute er sich mit dem goldenen Sonnenschein, mit dem Duft der ersten Veilchen, mit der milden Frühlingsluft, wenn er in Begleitung Gertrud’s und seiner Mutter in’s Freie fuhr. Im Mai führte er seine liebliche Braut als glücklicher Gatte heim. Die Hochzeit wurde ganz im Stillen gefeiert; natürlich befand sich der Medicinalrath unter den geladenen Gästen; er ließ es nicht an dem üblichen Toast für das Brautpaar fehlen.

„Wohl dem,“ schloß er seine gehaltvolle Rede, „der noch zur rechten Zeit erwacht, dem die Wahrheit am Rande des Grabes noch die Augen öffnet, den die Liebe vor dem Tode rettet. Er feiert im eigentlichsten Sinne schon hienieden seine Auferstehung und zählt lebend zu den Seligen.“

Am Hochzeitstage schenkte die Commerzienräthin zehntausend Thaler zur Errichtung eines Leichenhauses für Scheintodte. Der Fall ihres Sohnes hatte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen und eine Verbesserung des Leichenwesens herbeigeführt, wozu hauptsächlich die genannte Summe verwendet wurde.

Theodors frühere Braut nahm die Nachricht seiner Verheirathung ziemlich gleichgültig auf, da sie eben im Begriffe stand, ihre Hand dem Kammerherrn von Rummelskirch zu reichen. Sie lebt viel am Hofe, aber nicht glücklich mit dem ältlichen Gatten, der überdies häufige Anfälle von Podagra hat und in ziemlich zerrütteten Vermögensumständen sich befindet. Desto glücklicher ist der auferstandene Theodor mit seiner Gertrud, die ihn mit einem reizenden Knaben beschenkt hat, bei dessen Taufe die gute Großmutter mit dem alten Medicinalrath als Pathen standen.