Zum Inhalt springen

Der Holzsturz im bayerischen Hochgebirg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Holzsturz im bayerischen Hochgebirg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 488-490
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[488]
Der Holzsturz im bayerischen Hochgebirg.

Nichts ist imposanter, als die Gebirgskette der baierischen Alpen, welche sich als eine gigantische blaue Krystallisation vor dem smaragdgrünen Bande der Niederung in unabsehbarer Ausdehnung vom „Zugspitz“ bis zum „wilden Kaiser“ und noch weiter hinlagert.

In der Nähe betrachtet, erwecken die Hochgebirge wohl die Sehnsucht des Beschauers, sie mit Adlerflügeln umschweben zu können und sich auf ihre höchsten Zinnen, vor grauenvollen Abgründen nieder zu lassen, dann in die endlose Ferne zu spähen, dann die zahllosen Seen zu entdecken, und den Silberbändern der Flüsse zu folgen, wie sie sich schlängelnd in den Horizont verlieren. Aber die Firnen und Gipfel der Berge zu erklimmen, über ihre Kämme zu kriechen – rechts und links tiefe Schluchten – an ihren Felswänden auf und nieder zu klettern, jeden Schritt und Tritt mit Lebensgefahr, wie wir es in unsern Illustrationen von den Gemsjägern in Nr. 1 ersahen, dazu gehört mehr als das dreifache Erz, das nach Vater Homer die Brust jenes Mannes, der zuerst sich auf die unermeßliche See in schwacher Barke hinauswagte, umpanzerte. –

Doch für sie, welche daran gewöhnt sind, ist ein solches Leben voll Gefahr, wenn auch nicht immer eine Lust, doch selten eine Calamität, und es möchten nicht viele Gemsjäger und Holzfäller im Hochgebirge, deren Väter, Groß- und Urgroßväter sich in den Rissen „derstürzten“, d. h. verunglückten, zu finden sein, die nicht die bekannte Antwort jenes Seemannes geben würden, welcher der Verwunderung, daß man, wenn alle seine Vorfahren auf der See verunglückt wären, sich noch auf dies gefährliche Element wagen könnte, seinerseits die Verwunderung entgegensetzte, wie man noch ein Bett besteigen könnte, wenn fast alle Leute vom Festlande darin stürben.

Doch wie auf der See meist mit periodischen Lustfahrten, so verhält es sich auch im Hochgebirge mit dem Bergsteigen der Touristen, die unter den Fittigen eines tüchtigen Bergführers, wohl versehen mit Allem, was den Gaumen und Magen labt und wieder frische Kräfte gibt, mit Zeit und Muße eine Bergspitze ersteigen, meistens ohne alle Gefahr. Eine solche Bergfahrt gibt kein Bild von den Gefahren des Gebirgslebens. Von ihnen können nur die berechtigten Jäger und Wildschützen erzählen, nur jene, welche nach Enzianwurzel, nach heilsamen Bergkräutern, Alpenröschen und Edelweiß suchen; am besten wissen die Holzfäller des Gebirges davon zu erzählen.

Es ist wunderbar, welche Triebkraft die Gebirgs-Vegetation, namentlich der Gebirgs-Nadelhölzer, besitzt. Mächtige Tannen schwingen sich aus Felsenritzen auf, als hätten sie mit studirtem Eigensinne sich das sterilste Plätzchen für ihr Dasein aufgesucht. Alle diese Baumindividuen, ist irgend eine Möglichkeit, sie zu erreichen, sind vor der tödtlichen Axt nicht sicher, selbst wenn die Aussicht, Gewinn daran zu haben, d. h. sie transportabel zu machen, mit der Mühe und Gefahr nicht im Einklange steht.

Aber nirgends häufiger, als im Hochgebirg, schrieb die Natur ihr gebieterisches „Bis hierher und nicht weiter.“ Tausend und aber tausend mächtige Stämme, im Laufe der Zeiten vom Blitzstrahle getroffen, vom Orkan entwurzelt, vom Waldbache untergraben, vermodern am Platze, wo sie niederstürzten. Zahlreicher noch als diese sind die Leichen jener Baumriesen, welchen das Alter den

[489]

Ein Holzsturz am Königssee.

Lebensfaden abschnitt. Obwohl sie gut zu erreichen, und obwohl sie leicht zu fällen gewesen, ehe sie am marasmus senilis dahinstarben, blieben sie von der Axt verschont, weil es sich der Kosten, sie vom Platze zu schaffen, dorthin, wo sie noch von Nutzen sein konnten, nicht verlohnte. Wie sie daliegen, sind sie zu nichts nutze, als ihren jungen Nachsprößlingen zum Dünger zu dienen.

Doch nein, dies ist nicht ihr einziger Nutzen. Es gibt Maler, besonders unter den Landschaftsmalern, die fast der Meinung sind, die Rudera ehemaliger mächtiger Baumgeschlechter seien prädestinativ niedergeworfen, um ihnen zu malerischen Studien zu dienen, und wenn ein ganzer Gebirgswald voll himmelanstrebender schlanker Stämme kaum ihre Augen auf sich zieht, siedeln sie sich sofort bei jedem Baumskelett oder Cadaver mit Dreifuß, Sonnen- und Regenschirm in einer Person, mit Mappe und Malkasten und allem übrigen Mal- und Zeichnungsapparat an, sobald dieselben nur mit malerischem Anstande starben und hinsanken, um sie in ihrem Studien-Album aufzunehmen. –

Anders denkt und spricht von ihnen der Forstmann und Holzfäller, die sie mit souverainer Verachtung betrachten. Es scheint fast Hyperbel, wenn die Leute im Gebirge behaupten, daß mehr Holz, das den Transport nicht lohnt, verfault, als geschlagen wird. Andererseits aber, wenn man das Verzwickte der Gebirgsformationen, dieses unendliche Gewirr, Auf und Nieder von Zacken, Kämmen, von Wänden, Schluchten, Rissen in solcher Raumausdehnung in’s Auge faßt, wohin du nur mit Lebensgefahr gelangen kannst, gibt’s da nichts zu verwundern.

Im Gebirge geräth nicht leicht einer auf „Holzwege“, weil die Stellen, wo sie mit Nutzen angelegt werden können, sehr rar sind. Es ist leicht zu erachten, daß im Laufe der Zeiten, vor Allem aber in den letzten Jahren, wo sich Holzmangel bereits überall fühlbar macht, sich der Erfindungsgeist auch darauf verlegte, Mittel und Wege zu erschaffen, vermöge welcher sich das Gebirgsholz am nutzbarsten transportiren ließe, allein in diesem Punkte sind wir noch nicht viel klüger geworden, als unsere Väter. Mit der Dampfkraft ist da nichts zu machen, und sonstige Fahrstraßen sind meistens unmöglich, oder wenn möglich, rentiren sie sich nicht. Es ist daher [490] im Gebirge mit dem Fortschaffen des Holzes beim alten Schlendrian geblieben, und wird wohl noch lange – es sei ohne Vorwurf gesagt – dabei bleiben. Es gibt nämlich zwei Hauptwege dazu, der sogenannte „trockene“ und der sogenannte „nasse Holzsturz.“ Der „trockne Holzsturz“ bedingt eine Rinne, welche von der Spitze sich in gerader verticaler Linie bis an den Fuß irgend einer Bergseite hinabzieht. Die Rinne ist von oben bis unten mit zwei parallelen Gleisen von an einander gelegten runden Baumstämmen belegt. Auf ihnen läßt man das gefällte Holz hinabrutschen, so weit das Gefälle reicht. Diese sogenannten Rutschen erkennt der Wanderer leicht an den Bergabhängen; sie bilden zahlreiche Risse oder Streifen in den Bergen von oben bis unten. Mit Baumstämmen bleiben sie belegt, so lange sie noch Zweck haben, nämlich, so lange es noch Holz in ihrer Nähe gibt. Ist der Schlag schon zu weit oder schon abgelegt, so werden neue Bergrutschen angelegt. Diese Art des Holzstürzens von den Bergen wird meistentheils nur von Privateigenthümern angewandt. Es versteht sich, daß das Hinschaffen des gefällten Holzes nach diesen Rutschen sehr mühsam und oft gefährlich ist, besonders, wenn sie mit großen Nutzhölzern befahren werden. Brennholz, das in Scheite gespalten, kann auf den Schultern hingetragen werden, das geht aber mit Baumstämmen nicht, diese müssen mit Hebeln hingeschafft werden.

Die „trockenen Holzstürze“ oder Rutschen wechseln nach dem Vorhergehenden ihren Platz. Mehr stationair sind die „nassen Holzstürze.“ Diese bedingen die Anlage von sogenannten „Klausen.“ Bei diesen wird, an den passendsten Stellen, sowohl für das Holzfällen als dessen Transport dahin und für den nassen Sturz, das Gebirgswasser von Quellen oder Sturzbächen, auch von geschmolzenem Schnee oder Gewitterregenwasser, in einem großen Becken gesammelt. Dieses Becken gewinnt man an solchen passenden Thalschüssen, wenn man letztere durch einen Damm bis zu einer für die benöthigte Wassermenge, welche sich dahin sammelt, hinlänglichen Höhe abschließt. Zu diesem improvisirten kleinen See wird nun alles gefällte Holz zusammengeschleppt und hineingeworfen. Sodann werden die Schleußen des Dammes geöffnet. Und nun beginnt ein Schauspiel, für dessen Schilderung die Feder zu schwach, die Sprache zu arm ist. Womit soll man diesen riesigen Wasserstrahl vergleichen, der mit wüthendem Ungestüm hervorbricht und mit donnerndem Getöse und Geschmetter in die Tiefe schießt? Sollte man aus einiger Entfernung nicht wähnen, die Fabelwelt der Alten, für deren Phantasie nichts zu kolossal war, werde hier Wirklichkeit, als öffne sich urplötzlich die starre Bergwand, durchbrochen von einem schlangenartigen Gigas; das Ungethüm führe mit rasender Schnelligkeit an den Klippen hinab, Schaum und Dampf mit donnerartigem Gebrülle ausstoßend? Wähnt man nicht, bald hier bald dort bäume sich der stachelige Rücken, und an den Felsenkanten sich streifend, flögen Schuppen und Hautstücke davon? dermaßen werden die Holzscheite und Stämme hin- und hergeschleudert. Man geriethe schier in Versuchung, das arme Holz zu bedauern, wenn man eben nicht wüßte, was es mit der sprichwörtlichen Gefühllosigkeit eines Stück Holzes für eine Bewandtniß hat.

Das Getöse eines nassen Holzsturzes ist so groß, daß es meilenweit in den Bergen wiederhallt und alle Raubvogel aus weiter Ferne aufstöbert. Nebelgeier mit ihren schrillenden Klagetönen und Steinadler mit ihrem durchdringenden Gekrächze umschwirren in hohen und weiten Kreisen diese Scene. Sie, die Zeugen so vieler schrecklichen Gebirgsgewitter, scheinen mit Angst das Ende dieses ungewöhnlichen Schauspieles zu erwarten. Man erzählt, daß der herrlichste Bewohner des Gebirges, der stolze Edelhirsch, bei dem Donnergekrache eines nassen Holzsturzes wie rasend entfliehe, schneller als sei ihm ein Rudel Wölfe auf dem Nacken.

Die „Klausen“ im Gebirge sind immer nur da angelegt, wo sie für den Weitertransport am zweckmäßigsten sind; sie münden in Gebirgsbäche oder Flüsse, oder in Gebirgsseen, auf welchen das gewonnene Holz weiter geflößt werden kann. Baumstämme werden dann zu schiffbaren Flößen zusammengebunden, sie dienen auch außer zu ihrem eigenen Zwecke noch zum Transporte von allen möglichen Erzeugnisses des Gebirges, von Brennholz, Talk, Gyps u. s. w. Sie nehmen auch Personen und Güter mit und fahren mit ihnen bis Wien, ja nach Ungarn, die Donau hinab. Erfahrene Personen sind noch im Zweifel, ob diesen Flößen die neuen Eisenbahnen zwischen München, Wien und Regensburg in Hinsicht des Gütertransportes vielen Schaden bringen werden, wenn bei der Beförderung die Zeit nicht in Anschlag kommt.

Das Flößen des geklafterten Brennholzes in Einzelscheiten auf den Gebirgsflüssen ist nur für das Schlagholz aus den Staatsforsten gestattet. Anfangs Frühlings, sobald die ersten Schneewässer die Rinnsale der Flüsse und Bäche, die im Winter ausgetrocknet, wieder schwellen, sieht man häufig stellenweise die Oberfläche der Flüsse mit schwimmenden Scheiten bedeckt, die am Ende ihrer nassen Laufbahn ihren Weg durch Canäle in die königlichen Holzgärten nehmen müssen, wo sie zu viel tausend Klaftern aufgestellt werden. Die unterwegs gestrandeten Scheite, deren Zahl jener der schwimmenden meistens gleichkommt, werden von den Flößern von ihren Kieslagern mit eisernen Haken an langen Stangen herbeigezogen, in’s Wasser und so auf den rechten Weg geführt. Manchmal brechen aber die Hochwässer, namentlich der Isar, des Lechs, der Salzach und des Inns so urplötzlich herein, daß keine Rettung des Floßholzes mehr möglich ist, das in Scheiten und den größten Werkhölzern von den Fluthen dahingerissen wird.

Es ist zu verwundern, daß bei den so häufig wiederkehrenden Verlusten durch Fortschwemmen des Schlagholzes und anderer Dinge bei plötzlichen Ueberschwemmungen man noch nicht daran gedacht hat, Vorkehrungen zu treffen, die so fortgeführten Hölzer wieder zu gewinnen. Eine solche Vorkehrung wäre leicht zu veranstalten, wenn man dazu Stellen an Flußufern auswählte, wo der Strom selbst bei der größten Höhe seine Ufer nicht überschreiten könnte, ohne jedoch einerseits zu enge und deswegen zu reißend, andererseits zu breit zu sein. An solchen Stellen hätte man an beiden Ufern Einschnitte zu Fanggruben zu machen, um das aufgefangene Holz u. s. w. einzusammeln. Das Einfangen müßte aber folgender Art geschehen. In der Mitte des Flusses wird ein dreifüßiges Gestell von hinlänglicher Höhe und verhältnißmäßig starkem Gußeisen aufgestellt. Der eine fast senkrecht stehende Fuß würde dem Strome in der Mitte entgegengestellt, die beiden anderen auf der geraden Durchschnittslinie des Flußbettes. An dem ersten Fuße ist vermittelst einer beweglichen Klammer, welche mit dem Steigen des Flusses daran auf- und niederginge, eine große sogenannte Holzkette verbunden, welche aus Bohlen, unter sich mit eisernen Ringen vereinigt, bestände. Diese Holzkette, im spitzen Winkel mit der Winkelspitze an dem eisernen Dreifuße in der Mitte des Flusses auf- und niedergehend, erstreckte die Enden ihrer Schenkel in die obenerwähnten Einschnitte oder Fanggruben im Ufer; an ihnen muß das angeschwemmte Holz in seinem Laufe sich brechen und zu beiden Seiten zu den Einschnitten im Ufer hingeleitet und eingefangen werden. Je spitzer der Winkel ist, den die Holzkette mit den Einschnitten oder Fanggruben des Ufers bildet, desto weniger heftig wäre das Anprallen des Schwemmholzes. Auch muß die Holzkette hinlänglich breit sein, d. h. unter das Wasser hinein- und über demselben hervorragen, daß die anschwimmenden Hölzer beim Anprallen nicht darunter oder darüber hinschießen können. Eine solche Vorkehrung wie die oben geschilderte ließe sich selbstredend nur bei Flüssen mittlerer Breite anwenden. Uebrigens salvo meliori. –

Um noch einmal auf die nassen Holzstürze zurückzukommen, so befindet sich ein solcher besonders interessanter an dem berühmten Königssee bei Berchtesgaden. Darin wird das Wasser des Königsbaches in einer Höhe von mehr als 1000 Fuß über dem Spiegel des Königssee’s behufs des nassen Holzsturzes gesammelt, und dann stürzt dieses Gebräu von Holz und Wasser nach eröffneter Schleuße in die Tiefe des Königssee’s mit solcher Gewalt, daß der Wellenschlag des empörten See’s sich an den äußersten Ufern bricht. Das Schauspiel des „nassen Holzsturzes“ am Königssee wiederholt sich alle Jahre, wird aber mit besonderem Glanze aufgeführt, wenn hohe Herrschaften dabei anwesend sind. Dieses Jahr fand es statt am 15. Juli vor Sr. Majestät König Ludwig von Baiern und dessen erhabenen Töchtern, der Großherzogin von Hessen-Darmstadt, der Erzherzogin Hildegard von Oesterreich und der Herzogin Adelgunde von Modena. Der See war mit Gondeln bedeckt, die auf dem bewegten Wasser luftig auf- und niedertanzten. Die glänzendste Julisonne strahlte dabei am Himmel, und alle Anwesenden betrachteten mit „frommem Schauder“, aber auf „Nummer sicher“ das imposante Schauspiel des nassen Holzsturzes, der sich dieses Mal in außergewöhnlicher Großartigkeit entwickelte.