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Der Geister-König

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Textdaten
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Titel: Der Geister-König
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 318–320
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[318]
Der Geister-König
im sechsten Jahrzehend des neunzehnten Jahrhunderts.[1]

Mitten unter den Blüthen und Früchten des Materialismus und Realismus unserer Tage werden wir nicht selten von den üppigsten Auswüchsen idealer, phantastischer Gebilde und Einbildungen überrascht. Das Klopfgeisterthum tanzte mit Tischen und Köpfen durch die gebildete Welt und erfreut sich noch heute eines blühenden Cultus, nur daß die Geister in ihren Offenbarungen seitdem ungeheuere Fortschritte gemacht haben.

„Die ich rief, die Geister,
Werd’ ich nun nicht los.“

wie der Goethe’sche Zauberer-Lehrling jammert. In Amerika gibt’s Tausende von Geistergläubigen (media) und unmittelbaren Geistersehern und mehrere Dutzend Zeitschriften als Organe dieser neuen „Religion“. Auch England ist nicht arm an Schülern und Jüngern, sogar unter praktischen Aerzten. In Paris gibt’s eine ganze noble Gesellschaft mit dem Baron Guildenstubbé an der Spitze, welche sich directe Briefe von Verstorbenen aller Zeiten und Zonen schreiben lassen. Der Engländer Blake, jetzt auch in Paris, portraitirt Todte, die er sich expreß citirt, damit sie ihm sitzen.

[319] Einer der berühmtesten Geisterbesessenen, der in Amerika, England, Frankreich und sogar im wissenschaftlichen Deutschland Könige und Fürsten in Erstaunen setzte, hat eben seine fabelhaft-romantische Carrière durch eine enorm reiche Heirath geschlossen, wenigstens soll er erklärt haben, daß er nun das Geistergeschäft aufgeben und mit seiner schönen, enorm reichen Russin in irdischem Frieden leben wolle. Der in Europa und beinahe in allen fünf Welttheilen berühmte Mann der Geister ist ein sehr dummer, blasser, blonder Schotte, dem man mit prosaischen Augen niemals etwas Anderes von Eigenthümlichkeit ansah, als sehr ausgebildetes Siechthum. Es ist Mr. Daniel Hume, geboren im März 1833 in der Nähe Edinburgs, also im nordischen, nüchternen, schlauen Schottland. Er wanderte 1842 mit seinen Eltern nach Amerika aus, wo er im neunten Jahre schon als Lehrling im Städtchen Norwich (Connecticut) untergebracht ward. Als Lehrjunge zu schwächlich wurde er das Wunder des Kaisers Napoleon, der willkommene Gast europäischer Höfe und der noch unenträthselte Cagliostro dieses glorreichen Jahrzehends, das nichts von Geistern wissen, sondern Alles als Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoff, Käsestoff und dergleichen begreifen will.

Im siebzehnten Jahre greisenschwach, halb verhungert und verwaist, wußte er nicht, wie er’s anfangen sollte, um zu leben. Da hörte er von der Aufregung in den oberen und Mittelklassen Amerika’s, die von einer neuen Offenbarung aus der Geister- und übernatürlichen Welt quoll. Am Tollsten war’s 1850 in Springfield (Massachusetts). Auch hatten viele der Neugläubigen Geld. Hume schleppte sich zu ihnen und bat um Anstellung als Geisterbeschwörer, was man „Medium“ nannte, da er die Gabe besitze, verborgene übernatürliche Kräfte und Geister zu zwingen, daß sie sich irdisch kundgeben und auf Fragen antworten, so gut sie’s eben ohne Mund und Sprachwerkzeuge vermögen. Hume erklärte zugleich, daß er stets von Geistern umgeben sei und zwar schon seit seiner Kindheit. Sie hätten ihm Spielzeug, das fortgekollert war und das er in seiner Schwäche nicht selbst holen konnte, immer bereitwillig wieder herbeigeschafft.

Das Wunderkind, von Geistern umgeben, ward mit Enthusiasmus unter die neuen Gläubigen und von einem Mitgliede, Elmer, in Kost und Wohnung genommen. Hier blieb er ein Jahr und that nichts, als Wunder. Der „Springfield Republican“ sagte:

„In dem Hause des Herrn Elmer setzten sich oft solide, schwere Männer auf große Tische, mit welchen sie durch die spirituelle Gewalt des jungen Hume in die Luft gehoben und im luftigen Ritt umhergetragen wurden. Unter den Gläubigen war auch Andreau, der Schriftsetzer, der mit eigenen Händen eine Geschichte der Wunderthaten des kränklichen Hume setzte, druckte und verkaufte. Darin heißt es unter Anderem, daß er, der Setzer, in der Gegenwart Hume’s öfters von unsichtbaren Händen berührt worden sei, Glocken und Klingeln laut und Meubles unruhig geworden, wie bei einem Erdbeben.“

Doch besser noch kam’s in New-York, wo Hume Medicin studiren und Homöopath werden wollte. Doch die Geister vergönnten ihm wenig Muße dazu. Ein Herr F. J. Worth machte erst unlängst in einer New-Yorker Zeitung etwas von seinen Erlebnissen mit Hume bekannt.

„Im November 1854,“ erzählt er, „bat ich Hume, mir zu erlauben, daß ich eine oder zwei Stunden neben ihm im Bette liegen möge, um zu sehen, ob die Wunderdinge, die dann um ihn her vorgingen, sich bestätigen würden. Er hatte nichts dagegen. Blos Stiefeln und Rock ausziehend legte ich mich also neben ihm unter die Decke, nachdem ich Thüre und Fenster fest verschlossen und mich überzeugt hatte, daß nichts Lebendes außer uns im Zimmer sei. Kaum war das Licht ausgelöscht, so hörte ich Gepoche um mich herum, auf dem Boden, an den Wänden, am Bettbrete, auf dem Pfühl – kurz, überall. Die Schläge stiegen vom leichtesten Getappe bis zu starken, wiederhallenden Stößen an die Wände und auf den Boden. Ich that manche Fragen und erhielt verständliche Antworten vermöge dieser Schläge. Auch sah ich im Zimmer umher nebelichte und dunkele, unregelmäßige Schatten schweben und wandernde, wallende Lichter. Bald fühlte ich zarte, weiche Berührungen auf dem Kopfe, wie von Menschenhand. Eine sehr kalte, feuchte Berührung kam von der Hand der verstorbenen Mutter Hume’s, wie ich durch Klopf-Antworten auf meine Frage erfuhr. Eine andere unsichtbare Hand strich meinen Bart und zog daran, dann schloß sie meine Augen und klopfte die Antworten meiner Fragen auf die Lider. Ein anderer Geist ging auf dem Deckbette auf und ab, und die Füße drückten sich dabei ein, wie die eines Kindes. Hernach legte er sich mit dem vollen Gewichte eines Kindes darauf. Endlich wünschte er mir durch sanftes Getappe gute Nacht. Das Ganze dauerte etwa eine halbe Stunde, während welcher Zeit Hume ganz zugedeckt und still lag, ohne irgend eine andere Bewegung, als die des Athmens.“

So viel Werth’s von Mr. Worth. Aber weiter und noch besser. Gegen zunehmendes Siechthum erhielt Mr. Hume als Mittel – England. So kam er im April 1855 nach London und wohnte in Cox’ Hotel, Jermynstreet, umsonst, wie ihm die Gläubigen in Amerika die Reisemittel gaben. Er erhielt viele Besuche, und nach den damaligen Zeitungsartikeln zu schließen, war Jeder mit den dort erlebten Wundern zufrieden. Mr. J. S. Rymer, Advocat in Ealing bei London, schenkte ihm besonderes Studium und schrieb eine Broschüre darüber. Darin erzählt er uns, daß nach manchen Wundern tischrückender und tischfliegender Art, Harmonikaspiel von unsichtbaren Händen u. s. w. eines Abends Folgendes vorkam: „Der Tisch stand noch am Fenster in der Dämmerung. Meine zweite Tochter ward von einer unsichtbaren Hand berührt. Töne wurden vernommen, auch ein Accordion ließ sich von selbst hören. Aus Klopftönen auf den Tisch ward uns buchstabirt: „Some will shew you their hands to-night.“ (Einige werden euch ihre Hände zeigen heute Abend.) Der Tisch fing nun an, sich mehrere Male zu heben. Jetzt wurde eine Hand über dem Tische sichtbar, die von einer der anwesenden Damen eine Brosche wegnahm, und sie mehreren Personen nach einander hinhielt. Nun erschienen mehrere Hände und Arme auf dem Tische, zum Gebete gefaltet oder aufwärts zeigend. Nicht blos Arme und Hände haben wir verschiedene Male gesehen, sondern sie auch gefühlt und sie ganz substantiell gedrückt.“

So steht’s gedruckt in Rymer’s Broschüre. Viele werden dagegen rebelliren, aber nur still, es kommt noch mehr.

Hume begab sich mit Mitteln von Rymer und dessen Sohn im Juli nach Paris, von da mit einigen Amerikanern nach Florenz, wo er während des Winters die englischen Bewohner dieser Stadt mit Maulsperre des Staunens versah. Hier ging eine Revolution in ihm vor sich: die amerikanischen Geistermanifestationen erschienen ihm zu irreligiös und die Doctrinen der katholischen Kirche, welche das Wunder, „des Glaubens liebstes Kind“, unter ihre Dogmen aufgenommen hat, geeigneter und günstiger für seine eigene mysteriöse Begabung. So ging er zur katholischen Kirche über. Aber deren Geistliche verdammten seinen Umgang mit Geistern, die ihn denn auch, nach seiner öffentlichen Erklärung, ganz verließen. Ein polnischer Adeliger nahm sich des von Geistern und Geld Verlassenen an und brachte ihn zurück nach Paris, wo er mehrere Monate krank und geisterlos zubrachte. Plötzlich, im Februar 1857, kehrten die Geister in voller Kraft und Menge zurück, die seinen Namen und seine Person in die höchsten Cirkel einführten, selbst in die des Hofes des „Kaiserthums, das der Friede ist.“ Während des Frühjahrs waren er und seine Geister das herrschende Salongespräch. Vor dem Kaiser, der Kaiserin und wenigen Auserwählten wiederholte er die Wunder, wie wir sie andeuteten. Man wunderte sich beinahe des Todes, nur der Majestät vom 2. December 1852 wird nachgerühmt, daß er sich durchaus nicht im Geringsten gewundert habe. Er glaube nicht an die Geister, soll er gesagt haben, wenn ihn nicht eine unsichtbare Hand auf die Schulter klopfe. Sofort bekam er unsichtbare, aber sehr derbe Püffe, sagt man. Und wenn wir das nicht glauben, unsere Ammen und Großtanten thun’s gewiß. Tische vom schwersten Gewicht flogen in dem hohen Saale des Kaiserpaares in der Luft. Einmal versteckte die Kaiserin nach spanischer Manier ihr Taschentuch unter ein Strumpfband und ließ durch Hume die Geister fragen, wo es sei. Sofort fühlte sie kalte Hände an der Wade, die es herauszogen und in die Luft fliegen ließen. Das geht über Bosco. Drei Herren spielten ihm einmal einen Streich und baten, daß er den Sokrates und Friedrich den Großen erscheinen lassen möge. Beide erschienen, ohne daß Hume wußte, wie’s zuging, obgleich er versprochen hatte, sie zu citiren. Auf sein Geheiß erklärten denn auch die beiden Geister, daß sie wirkliche Menschen in der Verkleidung der beiden Beschworenen seien.

Napoleon, selbst in dem Glauben an einen Dämon, begünstigte ihn sehr und gab ihm Geld, im Sommer 1857 Amerika wieder zu besuchen, um seine Schwester zu holen und sie von der [320] Kaiserin erziehen zu lassen. Nach seiner Rückkehr im September rief ihn der Telegraph nach Fontainebleau, wo ihn Napoleon dem König von Baiern vorstellte. Bald darauf finden wir ihn in Baden-Baden in vertrautem Umgange mit dem Könige von Würtemberg und anderen hohen Personen. Nachher riefen ihn die Geister nach Rom, wo er sofort einem Freunde begegnete, dem die Geister gesagt, daß er käme, und er ihn in eine hohe, adelige russische Familie einführen solle, die des Grafen Kuscheleff. Nach drei Wochen heirathete er dessen Schwester. Die Heiraths-Ceremonie fand am 1. August vorigen Jahres in Petersburg statt. Der Kaiser ließ sich dabei durch zwei Adjutanten vertreten und dem Mr. Hume einen Diamantring verehren. Alexander Dumas, der famose Schriftsteller, war von dem Grafen expreß zur Hochzeit nach Petersburg citirt worden, um bei der Hochzeit als Stallmeister zu fungiren.

Mr. Hume hatte bei der Hochzeit versprochen, daß er blos seiner schönen Frau leben und den Umgang mit Geisten aufgeben wolle. Sonach war, wie in einem Romane, mit der Hochzeit Alles zu Ende. Wir haben aber bereits erfahren, daß der Mann der Geister auf dringenden Wunsch der russischen Kaiserfamilie wieder Tische und Geister beunruhigt habe. Somit wäre seine Laufbahn noch nicht beendet. Jedenfalls hat die Welt noch eine Verpflichtung gegen ihn zu erfüllen und, wenn sie kann, zu ermitteln, ob Hume zu den Cagliostro’s oder Bosco’s zu rechnen sei, oder mit ihm eine neue Species der Wundermänner beginne.



  1. In der nächsten Nummer werden wir von kundiger Feder einen erschöpfenden Artikel über „die neuen Hexenmeister und Geisterbeschwörer“ bringen, auf den wir unsere Leser im Voraus aufmerksam machen.      D. Redact.