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Der Dichter des Faust im Studentenrocke

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Textdaten
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Autor: Max Ring
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Titel: Der Dichter des Faust im Studentenrocke
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 740–743
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[740]
Der Dichter des Faust im Studentenrocke.

An einem rauhen Herbsttage des Jahres 1765 fuhr ein Wagen aus Frankfurt am Main zur Allerheiligen-Pforte hinaus. In demselben saßen der ehrenwerthe Buchhändler Fleischer mit seiner Gattin und ein junger Mensch von sechszehn oder siebzehn Jahren, der indeß geistig und körperlich seinem Alter vorausgeeilt schien. Seine Gestalt war ziemlich groß, kräftig und wohlgebildet, das Gesicht wunderbar anziehend und interessant. Feine geistreiche Züge, die Stirn weit und hochgewölbt, wie ein Tempel des Genius, die Nase leicht gebogen, der Mund mit der vollen Oberlippe wie zum Kuß geschwellt und die braunen Augen von herrlichem Glanz erfüllt, die ganze Welt klar erfassend und poetisch wiederspiegelnd. Er hieß Wolfgang Goethe und war der Sohn des Herrn

[741]

Goethe’s Besuch bei Gottsched.
Nach einer Originalzeichnung von Theobald von Oer.

[742] „Rath Goethe“ zu Frankfurt a. M., sah aber der genialen Mutter weit ähnlicher, als dem etwas nüchternen, pedantischen Vater. Nachdem er einen guten Unterricht genossen, Vielerlei gelernt, auch manche Allotria getrieben, reiste er jetzt in guter, befreundeter Gesellschaft nach der berühmten Universitätsstadt Leipzig, um sich auf den Wunsch seines Vaters dem Studium der Jurisprudenz zu widmen.

Vor hundert Jahren, wo es bekanntlich noch keine Eisenbahnen gab, war eine Reise von Frankfurt am Main nach Leipzig keine Kleinigkeit und es fehlte auch nicht an Abenteuern. Der Weg war schlecht, vom Regen der Boden aufgeweicht und es dunkelte bereits, als sich der schwerbepackte Reisewagen zwischen Hanau und Gelnhausen langsam die Höhe hinaufschleppte. Der junge Goethe wollte, trotzdem es schon finster war, lieber zu Fuß gehen, als sich der Gefahr aussetzen, umgeworfen zu werden. Da plötzlich erblickte er auf seiner nächtlichen Wanderung in der Tiefe eine Art von wundersam erleuchtetem Amphitheater. Unzählige Lichter blitzten und flimmerten zu ihm empor, unruhig auf- und niederschwebend, gleich einem Geisterreigen. Waren es warnende Irrlichter, welche aus dem alten Steinbruch aufstiegen, oder eine leuchtende Elfenschaar, die den künftigen Dichter grüßte?

Dem poetischen Wunder folgte die prosaische Wirklichkeit nach; der Weg wurde immer schlechter, bis endlich im spätern Verlauf der Reise der Wagen in der Gegend von Auerstädt stecken blieb. Da half kein Rufen und kein Schreien um Hülfe, Niemand kam und die Reisenden mußten aussteigen und selbst die Hand anlegen, um die versunkene Equipage wieder flott zu machen; dabei strengte sich der angehende Student so sehr an, daß sich die Bänder seiner Brust übermäßig ausdehnten und er eine lange Zeit andauernden Schmerz empfand. Jedoch wurden diese Strapazen bald vergessen, als Goethe gerade zur Meßzeit glücklich in Leipzig anlangte. Er war jung, lebenslustig, auch fehlte es ihm nicht an Geld und Empfehlungen. Vor Allem aber besaß er den frischen Muth der goldenen Jugend und eine hinreißende Liebenswürdigkeit, durch die es ihm leicht wurde, nicht nur die Herzen der Frauen, sondern auch den Beifall und die Anerkennung sogar älterer und bedeutender Männer zu gewinnen.

Leipzig selbst gefiel ihm mit seinen schönen, hohen Gebäuden und reinlichen Straßen, die er nach allen Richtungen, besonders gern im Mondenschein durchstrich, wenn sie halb beschattet, halb beleuchtet ihn zu einer nächtigen Promenade einluden. Auch die Bewohner mit ihrem feinen Ton, ihrem gesitteten Wesen und anständigen Manieren sagten ihm zu. Mit Recht galt Leipzig vor hundert Jahren für eine der ersten Städte in Deutschland und war tonangebend für Literatur, Sitte und Mode. Lessing, der daselbst gelebt, rühmte, daß man hier die Welt im Kleinen sehen kann, und Goethe selbst sagte später in seinem Faust: „Mein Leipzig lob’ ich mir, es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.“ Der Handel blühte, die berühmten Messen zogen eine große Menge von Fremden aus allen Weltgegenden herbei, tüchtige Männer lehrten an der Universität und in den bürgerlichen Kreisen herrschte allgemein Wohlstand und eine in dem übrigen Deutschland seltene Bildung.

Einstweilen sah sich Goethe nach seiner Ankunft nach einem passenden Quartier um, das er in dem Hause „zur großen Feuerkugel“ am Neumarkt fand. Er bezog daselbst zwei artige Zimmer auf dem Hofe, ließ sich von dem Rector Magnificus Ludwig in die Zahl der akademischen Bürger aufnehmen und, wie es der Brauch in jener Zeit verlangte, in die „bairische Nation“ als Student inscribiren. Darauf zog er sein bestes Tressenkleid an, das der Bediente seines Vaters, ein ehemaliger Schneidergeselle, verpfuscht hatte, und stattete dem Herrn Professor Böhme, dem er empfohlen war, seine erste Visite ab. Dieser nahm den jungen Studenten freundlich auf und stellte ihn seiner Gattin, einer kränklichen, zarten und feingebildeten Dame, vor. Sie nahm sich seiner freundlich an, lehrte ihm Piquet und l’Hombre, tadelte seinen Frankfurter Dialekt und seine unmodische Garderobe, die er gegen eine neue vertauschen mußte, übte aber vor Allem einen günstigen Einfluß auf seinen Geschmack aus, so daß er eines Tages alle seine mitgebrachten Versuche, „Poesie und Prosa, Pläne, Skizzen und Entwürfe sämmtlich zugleich auf dem Küchenheerde verbrannte.“

Bald langweilten ihn auch die Collegien, selbst der berühmte Gellert, vor dem seine leidenschaftliche Prosa keine Gnade fand, genügte ihm nicht. Seine Hefte verzierte er mit Caricaturen, und als die „köstlichsten Kräpfeln“ in der Nähe des Professors Winkler ihm warm aus der Pfanne entgegendufteten, war es um seine juristischen Studien geschehen. Dagegen interessirten ihn die naturwissenschaftlichen Gespräche einiger Mediciner, mit denen er gemeinschaftlich bei den Hofrath Ludwig den Mittagstisch einnahm, und regten ihn zum Nachdenken an. Vorzugsweise aber beschäftigte er sich mit Literatur, Kunst und dem Studium des Alterthums, wovon Herr Professor Böhme in seinem Haß gegen Alles, was nach schönen Wissenschaften schmeckte, nichts wissen wollte. Nebenbei besuchte er die bessere Gesellschaft, Bälle, Concerte, Assembléen, wo er tanzte und einem „gnädigen Fräulein“ die Cour schnitt, das ihn durch ihre Koketterie „avec un air hautain“, wie sein Freund Horn in einem Briefe nach Frankfurt berichtet, zu bezaubern schien. Trotzdem aber fühlte er sich „einsam, ganz einsam“ und litt an jener eigenthümlichen Melancholie, welche die Jugend umschwebt, wie die aufgehende Morgensonne von Dünsten und Wolken umschwebt wird.

Das wurde freilich anders, als sein Freund und Landsmann Schlosser nach Leipzig kam, dem zu Liebe er in dem kleinen Hause am Brühl Nr. 79 bei dem Weinhändler Schönkopf speiste. Die Frau war eine geborene Frankfurterin aus guter Familie und ihre Tochter, welche die Gäste bediente, ein reizendes Mädchen von neunzehn Jahren, mit freundlichen ansprechenden Zügen, frisch und natürlich, ohne jede Koketterie, gut und verständig, sanft und gefühlvoll. Bald hatte sich Goethe in das holde Käthchen verliebt, und sie erwiederte mit unschuldiger Zärtlichkeit seine Neigung. Beide sangen gemeinschaftlich die Lieder von Zachariä am verstimmten Clavier, spielten auf dem Liebhabertheater den „Herzog Michael“ von Krüger, wobei ein zusammengeknüpftes Schnupftuch die Stelle der in dem Stücke auftretenden Nachtigall vertrat, und verstiegen sich sogar bis zu Lessing’s „Minna von Barnhelm“, worin sie natürlich die Hauptrolle übernahmen und unter fremder Firma der eigenen Neigung um so unbefangener folgen konnten. Es war eine schöne Zeit, als die Geliebte ihm täglich den goldenen Wein kredenzte, in dem sich ihr holdes Bild spiegelte, als sie unter den Gästen ihn vor allen durch ihre zärtlichen Blicke und ihr geheimes Lächeln auszeichnete.

Zu der Liebe gesellte sich noch die Freundschaft, indem sich Goethe zu dem zehn Jahre älteren Schlosser, der später sein Schwager wurde, trotz der Verschiedenheit ihres Alters und Wesens hingezogen fühlte. Mit ihm besuchte er die bis jetzt vernachlässigten Leipziger Notabilitäten, zuvörderst den damals hochberühmten und später mit Unrecht geschmähten Professor Gottsched, der im „goldenen Bär“ bei dem Buchhändler Breitkopf wohnte. Die Freunde ließen sich, wie Goethe selbst erzählt, bei dem angesehenen Gelehrten melden. Der Bediente führte sie in ein großes Zimmer, indem er ihnen sagte, der Herr würde gleich kommen. Wahrscheinlich hatten sie eine Gebehrde, die derselbe machte, nicht verstanden, so daß sie glaubten, er habe sie in das anstoßende Zimmer gewiesen. Sie traten herein und erlebten die sonderbarste Scene, denn in diesem Augenblick erschien Gottsched in der entgegengesetzten Thür, ein großer, breiter, riesenhafter Mann, in einem gründamastnen, mit rothem Taffet gefütterten Schlafrock, das ungeheure Haupt kahl und ohne Bedeckung. Dafür sollte jedoch sogleich gesorgt sein, denn der Bediente sprang mit einer großen Allongenperrücke auf der Hand – die Locken fielen bis auf den Ellenbogen – zur Seitenthür herein und reichte den Hauptschmuck seinem Herrn mit erschrockener Miene. Gottsched, ohne den mindesten Verdruß zu äußern, hob mit der linken Hand die Perrücke von dem Arm des Dieners, und indem er sie sehr geschickt auf den Kopf schwang, gab er mit seiner rechten Tatze dem armen Menschen eine Ohrfeige, so daß dieser, wie es im Lustspiele zu geschehen pflegt, sich zur Thür hinaus wirbelte, worauf der Herr Professor seine Gäste gravitätisch zum Sitzen nöthigte und einen ziemlich langen Discurs mit gutem Anstande durchführte.

Nachdem Schlosser Leipzig verlassen hatte, um eine Stelle als Geheimsecretair bei dem Herzog Friedrich von Würtemberg anzunehmen, schloß sich Goethe nun um so inniger an die Geliebte an. Beide waren jung und schön, aber die Jugend und der Lenz sind auch am meisten von Stürmen bewegt und erschüttert. Trotz seines Glückes war Goethe damals mit sich zerfallen, seine dichterischen Leistungen genügten ihm nicht mehr, er zweifelte an seinem Talent, und doch trug er bereits unbewußt in seiner Brust eine Welt, die nach Gestaltung rang, faßte ihn ein Sehnen nach Unsterblichkeit und führte ihn weit über den friedlichen Kreis eines immer beschränkten Liebesglückes hinaus. Unzufrieden mit sich selbst, verstimmt über sein nutzloses Treiben, ließ Goethe seine Launen an der unschuldigen [743] Geliebten aus, indem er sie mit seiner Eifersucht quälte, mit seinen Widersprüchen kränkte. Bald hatte sie einen oder den andern Gast zu freundlich angesehen, zu viel mit dem gesprochen und mit jenem gar gelacht; bald fand er sie zu heiter, dann wieder zu traurig, bald zu nüchtern, bald zu schwärmerisch, sie sollte nicht mit Andern tanzen, ohne ihn nicht in Gesellschaft gehen. Heute schmollte er mit ihr und zeigte ihr keine freundliche Miene, morgen überhäufte er sie mit seiner Zärtlichkeit, mit Aufmerksamkeiten und Geschenken.

Eines Tages hatte sein Betragen dem armen Mädchen Thränen entpreßt; er selbst irrte unmuthig über sich im Freien umher, wie er gewöhnt war. wenn er Reue empfand. Er schlug den Weg durch das Thor nach dem Rosenthal ein. Da erblickte er zufällig eine junge Linde, in deren glatte Rinde er den Namen der Geliebten im vergangenen Herbst eingeschrieben hatte. Jetzt war es Frühling und der frische Saft quoll aus dem noch nicht verharschten Einschnitte hervor und benetzte gleichsam mit unschuldigen Pflanzenthränen den Namenszug seines Mädchens. Der stumme Vorwurf rührte sein Herz und seine Augen füllten sich mit Thränen. Eilig kehrte er zu ihr zurück, um ihr sein Unrecht doppelt und dreifach abzubittcn. Das gute Käthchen verzieh ihm und ein halb geraubter, halb gern gegebener Kuß besiegelte die Versöhnung.

Aber dergleichen ungestüme Ausbrüche wiederholten sich immer häufiger, besonders seitdem der Doctor Kanne, ein bescheidener und ehrenwerther Mann, die Weinstube besuchte und sichtlich sich um Käthchens Gunst bewarb, ohne jedoch von ihr aufgemuntert zu werden. Es kam zu wahrhaft erschütternden Auftritten, zu schrecklichen Scenen, in denen sich seine ganze leidenschaftliche Natur offenbarte. Mit unendlicher Geduld ertrug sie seine Laune, bis sie endlich, wenn auch mit blutendem Herzen, sich von ihm losriß.

Jetzt erst fühlte er, was er an ihr besessen und durch eigene Schuld verloren hatte. Um so heißer wurde seine Liebe, um so wilder seine Leidenschaft und er ließ kein Mittel unversucht, um sie wieder zu versöhnen. Bitten und Schwüre, Thränen und Versprechungen wurden nicht gespart, weinend sank er zu ihren Füßen und gelobte Besserung. Aber es war zu spät! Er hatte ihre Neigung verscherzt; das kluge Mädchen mochte wohl eingesehen haben, wie gefährlich die Liebe eines Dichters, wie wandelbar und jeder Berechnung spottend das Herz des Poeten sei. Sie selbst litt unaussprechlich, allein sie blieb fest und gegen alle seine neuen Versuchungen unerschütterlich. In seiner Verzweiflung stürzte sich Goethe in einen Strudel wilder Zerstreuungen, um seine Liebe zu vergessen. Dazu kam noch, daß seine mütterliche Freundin, die sanfte Professorin Böhme, nach langer, schmerzlicher Krankheit gestorben war, so daß er ihre warnende Stimme nicht mehr hören konnte. In wilder Gesellschaft brachte er seine Tage und Nächte zu, im Kreise ausgelassener Männer, unter denen „der wunderlichste aller Käuze“, sein neuer Freund Behrisch, der Hofmeister eines jungen Grafen, sich besonders hervorthat. Mit ihm wurden allerlei lustige Suiten unternommen, kecke Streiche ausgeführt, das Philisterthum verspottet, die Pedanterie der Professoren in lustigen Versen verhöhnt und ein gewisser Garten besucht, wo Goethe einige Mädchen kennen lernte, die jedoch besser als ihr Ruf waren. Trotzdem übte der Sonderling Behrisch mit seinem scharfen, negirenden Verstand und seinem originellen Wesen einen vortheilhaften Einfluß auf den jungen Dichter aus. Er hatte einen Widerwillen gegen alles Rohe, sein Späße waren barok, aber niemals trivial; auch besaß er, da er um Vieles älter war, eine seltene Menschenkenntniß, gediegene Kenntnisse und einen unerschöpflichen Humor, so daß er gleichsam der Vorläufer des ihm jedoch weit überlegenen Merck wurde, dem sich Goethe in seinem späteren Leben zu so großem Danke verpflichtet fühlte.

Vortheilhafter als dieser Umgang wirkte die Bekanntschaft mit der Familie des Buchhändlers Breitkopf, die sich durch Bildung und Talent auszeichnete, vor Allem aber Oeser’s, des Directors der unlängst gegründeten Zeichen- und Bauakademie, Unterricht, der ihm das Verständniß für Kunst eröffnete und das Ideal der Schönheit erschloß. Durch ihn wurde er mit den Verdiensten Winckelmann’s bekannt, lernte er Lessing’s unsterblichen „Laokoon“ erst würdigen, der wie „ein Lichtstrahl aus düsteren Wolken“ in seine Seele gefallen war. Er selbst versuchte sich in kleinen Zeichnungen und Radirungen, die ihn mit dem Kupferstecher Stock und dessen Familie in Berührung brachten, den späteren Freunden Schiller’s, so daß hier gleichsam ein prädestinirter Anknüpfungspunkt zwischen den beiden größten Geistern Deutschlands sich im Voraus bildete. Außer diesem Kreise ausgezeichneter Menschen lernte Goethe noch in Leipzig den Kreissteuereinnehmer Weiße kennen, den glücklichen Dichter beliebter Theaterstücke und Opern, den jungen Eschenburg, der sich durch sein Wissen unter den Studirenden vortheilhaft auszeichnete, ferner Zachariä, den humoristischen Dichter des „Renommisten“, welcher in Leipzig seinen Bruder besuchte und mit ihm bei Schönkopf speiste. Dagegen versäumte es Goethe, den durchreisenden Lessing zu sehen, weil er es in seinem stolzen Selbstgefühl verschmähte, von ferne zu stehen, und doch als unbekannter junger Mann keinen Anspruch machen konnte, dem berühmten und hochverehrten Schriftsteller näher zu treten.

Ein solcher Umgang und die davon empfangenen Eindrücke waren wohl geeignet, seine Leidenschaft zu läutern und zu klären. Er begann bereits in Leipzig dasjenige, was ihn erfreute und quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild oder Gedicht zu verwandeln und darüber mit sich selbst abzuschließen. So entstand hier seine „Laune der Verliebten“, worin er seine eigene Liebe zu Käthchen, seine Eifersucht und alle der Geliebten zugefügten Qualen im Gewande der Dichtung erscheinen ließ. sich selbst anklagend und bereuend; so schuf er „die Mitschuldigen“, ein Gemälde der sittlichen Verirrungen jener Frankfurter Gesellschaft, in der er selbst gelebt. Auch zu der früheren Geliebten trat er in ein reineres Verhältniß, indem er mit der Zeit ihr Freund wurde. An die Stelle der wilden Leidenschaft war die aufrichtigste Achtung getreten, und ruhig schrieb er ihr aus Frankfurt, als er die Nachricht von ihrer Verlobung mit dem tüchtigen Kanne erhielt: „Nur im Traume erscheint mir manchmal mein Herz wie es ist, nur ein Traum vermag mir die süßen Bilder zurückzurufen, so zurückzurufen, daß meine Empfindung lebendig wird; ich habe es Ihnen schon gesagt, diesen Brief sind Sie einem Traume schuldig. Ich habe Sie gesehen, ich war bei Ihnen, wie es war, das ist zu sonderbar, als daß ich es erzählen möchte. Alles mit Einem Wort, Sie waren verheiratet. Sollte das wahr sein? Ich nahm Ihren lieben Brief und es stimmt mit der Zeit überein; wenn es wahr ist, o so möge das der Anfang Ihres Glückes sein!“

Zu dieser geistigen Krisis gesellte sich noch die körperliche, um mit der Zeit eine vollständige Genesung herbeizuführen. Der Schmerz auf der Brust, den er sich auf der Reise zugezogen, war durch einen Sturz vom Pferde noch vermehrt worden. Die verkehrte Anwendung des Rousseau’schen Naturevangeliums, kalte Bäder und ein hartes Lager mit leichter Decke, zogen ihm hartnäckige Erkältungen zu, während der häufige Genuß des schweren Merseburger Biers und des Kaffees nach Tisch sein Blut verdickte, sein Gehirn verdüsterte. Die Natur half sich selbst durch einen heftigen Blutsturz, sodaß er mehrere Tage zwischen Tod und Leben schwankte. Zugleich hatte sich eine Geschwulst am Halse gebildet, welche mit einem langwierigen Leiden drohte.

Sogleich eilten seine zahlreichen Freunde herbei, vor allen der treffliche Langer, nachheriger Bibliothekar in Wolfenbüttel, ein bedeutender Mann, der den vortheilhaftesten Einfluß auf den Leidenden ausübte, indem er ihn zugleich zu der Schönheit der alten Classiker und der Erhabenheit der Bibel hinleitete, ihn leiblich pflegend und geistig aufrichtend. Noch nicht vollständig genesen, nahm Goethe von Leipzig Abschied, um in das Vaterhaus zurückzukehren. Nicht wenig hatte er seinem bisherigen Aufenthalte zu danken; er hatte hier die bedeutendsten Anregungen für sein ferneres Leben empfangen, Natur und Kunst waren ihm näher getreten durch den Umgang mit der Ludwig’schen Tischgenossenschaft und Oeser’s Unterricht. Sein Geschmack wurde durch die mütterliche Freundin geläutert, seine Menschenkenntniß durch den wunderlichen Behrisch geweckt. Vornehmlich aber hatte er in Leipzig das deutsche Bürgerthum in seiner Tüchtigkeit kennen und achten gelernt, in Käthchen das schlichte, einfach, natürliche Bürgerkind geliebt, das er später in seinen schönsten Schöpfungen zu verherrlichen und zu verklären gesucht. Nicht den aristokratischen Kreisen seines nachfolgenden Lebens, sondern den bürgerlichen Elementen in ihrer inneren Gesundheit, den bedeutenden Männern und holden Frauen des gebildeten deutschen Mittelstandes hat Goethe das Beste zu verdanken, was er sich selbst und uns geleistet hat.
Max Ring.